Immer mehr lernen wir darüber, wie wichtig eine natürliche Geburt und danach ein durchweg nährender, fürsorglicher, liebevoller und zärtlicher Kontakt zu Babies ist, damit sie sich gesund und glücklich entwickeln können. Erkenntnisse der modernen Forschung und das Beobachten des Umgangs mit Säuglingen und Geburt in anderen Kulturen zeigen deutlich, was zu einem gelingenden Eintritt ins Leben alles dazu gehört. Glücklicherweise werden die Stimmen lauter und kraftvoller, die diese Herangehensweisen vertreten und immer mehr Menschen eine Zugang dazu ermöglichen, wie beispielsweise im Artgerecht-Projekt.
Gleichzeitig wissen viele von uns aus eigener Erfahrung, oder aus dem Kontakt mit anderen Betroffenen, wie gravierend sich eine schwierige, leidvolle Geburtserfahrung, wie auch das was wir während der ersten Zeit danach erleben, auf unser gesamtes weiteres Leben auswirkt, vor allem auf unsere zwischenmenschlichen Interaktionen und die Beziehung zu unseren Liebsten, aber auch auf unser eigenes Selbstwertgefühl, die Fähigkeit uns selbst zu lieben und anzunehmen so wie wir sind, und vieles andere mehr.
Es kann viele, sehr viele Gründe dafür geben, warum eine umfassende Zuwendung während und nach der Geburt nicht möglich war in meinem Leben: Krankheit der Mutter, Frühgeburt mit Aufenthalt in einem Brutkasten, von Ärzten angeordneter Kaiserschnitt, Wochenbettkrisen oder Depression, mangelnde Unterstützung durch Partner oder erweiterte Familie, schwierige ökonomische Umstände und vieles mehr. Vor allem aber auch ein gesellschaftlicher Grundkanon, der Eltern vermutlich Jahrhunderte lang dazu ermutigt hat, emotional kühl und die Seele ebenso wie die körperlichen Bedürfnisse eines Babys zu vernachlässigen.
In ihrem aufrührenden Artikel beschreibt Anne Kratzer die systematische emotionale Vernachlässigung von Kindern, einen Teil der Geschichte, den wir erst langsam aufarbeiten. Sie erzählt von Johanna Haarer’s Buch, einer Nicht-Pädagogin, die gezielt von den Nazis gefördert wurde, und deren Buch “Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind” bis 1987 insgesamt 1,2 Millionen mal verkauft wurde.
Haarer schreibt darin: “Die Überschüttung des Kindes mit Zärtlichkeiten, etwa gar von Dritten, kann verderblich sein und muss auf die Dauer verweichlichen. Eine gewisse Sparsamkeit in diesen Dingen ist der deutschen Mutter und dem deutschen Kinde sicherlich angemessen.« Gleich nach der Geburt sei es empfehlenswert, das Kind für 24 Stunden zu isolieren; statt in einer »läppisch-verballhornten Kindersprache« solle die Mutter ausschließlich in »vernünftigem Deutsch« mit ihm sprechen, und wenn es schreie, solle man es schreien lassen. Das kräftige die Lungen und härte ab.
Die Ratschläge aus Haarer’s Buch wurden in den so genannten Reichsmütterschulungen gelehrt. Allein bis April 1943 nahmen mindestens drei Millionen Frauen an ihnen teil, und darüber hinaus war der Ratgeber die Grundlage für die Erziehung in Kindergärten und Heimen.
Wir können vermuten, das der Einfluss dieses Buches und die Spuren der darin propagierten Verhaltensweisen (die leider auch schon in den Jahrhunderten zuvor weithin praktiziert worden waren), sich auch in unserer eigenen Biographie wiederfinden – mit allen negativen Auswirkungen auf unser Leben hier und heute.
In unseren Lehrjahren mit Sobonfu Somé haben wir kennenlernen dürfen, wie wichtig ein tiefes und tätiges, umfassendes Willkommengeheißen werden am Beginn des Lebens ist.
Und wir haben auch gelernt, dass wir dieses als Erwachsene nachholen können!

Wie wir uns selbst bewusst verändern können

Veränderung durch positives Denken in Form von Glaubenssätzen, die wir uns selbst erzählen, funktioniert nicht, soviel wissen wir inzwischen.
Der US-amerikanische Psychologe Dr. Rick Hanson hat erforscht, wie und warum unser Verstand stattdessen, durch unsere Absichten und Intentionen, unser Denken und Handeln es schaffen kann, unser Gehirn dennoch buchstäblich zu verändern.
Denn wir sind nicht notwendigerweise Opfer unserer bisherigen Lebensgeschichte, sondern können selbst aktiv darauf einwirken, die persönlichkeitsbildenden Spuren unserer Vergangenheit in unserem Gehirn ein Stück weit umzuschreiben – und Veränderungen zu mehr Wohlbefinden für uns und unsere sozialen Interaktionen zu begünstigen.
Dieser Prozess beginnt laut Rick Hanson mit den Intentionen, die ich setze. Sie sollten idealerweise das als Startpunkt und Ausgangsbasis nehmen, wo ich wirklich stehe – innerlich und was meine äußeren Lebensumstände betrifft.
Er empfiehlt es, für das Finden kraftvoller Intentionen in die Zukunft zu “reisen”, mir beispielsweise vorzustellen, als alter Mensch auf der Veranda zu sitzen, und von diesem Blickwinkel aus darüber zu entscheiden, welche Intentionen ich für mein Leben ins Zentrum stellen möchte.
Damit Intentionen ihre Wirkkraft voll entfalten können, empfiehlt es sich, Werte und Qualitäten als einen persönlichen Nordstern zu wählen, wie beispielsweise Freude, Liebe oder Frieden. Ähnlich wie beim Navigieren anhand der Sterne, stellen solche Nordstern-Werte ein Ideal dar, dass ich nie ganz erreichen werde. Andererseits sind sie (anders als konkrete Ziele) von Moment zu Moment erlebbar und können bereits hier und heute Teil meines Handelns sein. Besonders kraftvoll wirken sie meiner Erfahrung nach, wenn sie nicht nur für mich allein dienlich sind, sondern für das Wohl des Großen Ganzen – ich also nicht nur meine eigene Freude und Gesundheit in den Blick nehme, sondern das Wohlergehen aller Wesen.

Die Bedeutung von positiven Erlebnissen

Rick Hanson hat außerdem eine einfache Abfolge von Schritten empfohlen, die mir dabei helfen können, Erlebnisse zu kreieren, die mein Dasein auf einer Erfahrungsebene wirklich tiefgreifend verändern können.
Er nennt seinen Prozess H.E.A.L. – eine Abkürzung für folgende einzelne Schritte:
H = HAVE = ein Erlebnis HABEN.
Wenn mir persönlich das Willkommengeheißen werden in der allerersten Lebensphase gefehlt hat oder nicht besonders reichhaltig stattfinden konnte, bedeutet dies, ein (und im Idealfall viele) Erlebnisse zu kreieren, wo ich willkommen geheißen werde.
E = ENRICH = das Erlebnis REICHHALTIG machen
Wenn ich in der Situation bin, wo ich die Qualität, die ich brauche erfahren kann, hilft es mir besonders, wenn ich voll und ganz in den Moment komme, mit allen meinen Sinnen so intensiv wie möglich spüre, lausche, schaue, rieche, schmecke, und die Aspekte der Erfahrung so umfassend wie möglich auf mich einwirken lasse, mich mit meiner gesamten Aufmerksamkeit darauf konzentriere.
A = ABSORB = das Erlebnis VERINNERLICHEN
Hier stelle ich mir vor, wie das Erlebte wirklich in mich hinein sinkt und die Erfahrung zu einem Teil von mir selbst wird. Ich kann sie beispielsweise in mein Herz hinein holen oder mir vorstellen, wie sich die Neuronenverknüpfungen in meinem Gehirn verändern, oder wie sich jede Zelle meines Körpers mit diesem Erlebnis auffüllt.
L = LINK = das Erlebnis VERKNÜPFEN
Nun kann ich dieses Erlebnis, das nun stark, präsent und kraftvoll auf mich wirkt, verknüpfen mit einem Moment meines Lebens, wo ich es dringend hätte gebrauchen können. Ich kann mir beispielsweise vorstellen, wie ich nicht als Erwachsene so liebevoll willkommen geheißen werde, sondern als das Baby, das ich einmal war.

Rituale als Raum für positive Veränderungen

Rituale wirken auf sehr vielfältige Weisen auf unseren Geist, Seele und Körper ein!
Eine davon ist es, Erlebnisse zu erschaffen, die im Ritual besonders intensiv erlebt, verinnerlicht und verknüpft werden können, so dass sie ein Teil meines persönlichen Erfahrungsschatzes werden und sich auf mein Gehirn und damit auch mein weiteres Denken, Handeln und meine Persönlichkeit und Identität in der Welt auswirken können.
Ich freue mich, einige von euch bei unserem Rebirthing-Ritual im April am Schloss Tempelhof dabei zu haben, und gemeinsam das nachnähren zu können, was so essentiell ist für jeden Lebensanfang:
Das liebevolle Willkommengeheißen werden nach einer natürlichen Geburt, gehalten von einer nährenden und unterstützenden Gemeinschaft.
Es braucht nicht nur ein Dorf, um ein Kind ins Leben zu begleiten – für viele von uns braucht es auch ein Dorf (zumindest immer mal wieder! :-)), um unser inneres Kind nachzunähren und in ein glücklicheres und erfüllteres Leben zu begleiten.
Alle Infos zum Rebirthing und den Link zur Anmeldung im Tempelhof findest du hier…

0 Kommentare

Hinterlasse ein Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.