…wie wir Menschen tiefen Verlust erleben und bewältigen

“Trauer ist eine unmenschliche Erfahrung, die in einem menschlichen Körper stattfindet.”

Christina Rasmussen

Im letzten Jahr, nachdem unsere geliebte Lehrerin Sobonfu Somé gegangen ist, habe ich viele Monate damit verbracht, noch tiefer zu erforschen und zu erlauschen, was Trauer ist und was wir als Menschen brauchen, um auf eine gesunde Weise mit ihr umzugehen.
Trauern ist Leben 
Viele Wissenschaftler heute bekräftigen das, was wir aus dem überlieferten Verständnis naturverbundener Kulturen wie der Dagara in Burkina Faso bereits wissen: Dass ein Fühlen, Durchleben und Verarbeiten der Trauer lebens-wichtig ist! Unsere seelische, geistige, körperliche Gesundheit hängen davon ab, ob und wie wir es schaffen, die großen (und kleinen) Verluste im Leben zu bewältigen.
Die Fähigkeit tiefe Freude zu empfinden hängt davon ab, ob ich auch Traurigkeit zulassen und ausdrücken kann.

Was ich in allen meinen Nachforschungen nicht finden konnte, waren handfeste Informationen darüber, warum wir überhaupt trauern?
Trauer zieht uns in ihren Bann
Biologisch versetzt Trauer uns in einen extrem verwundbaren Zustand: wir sind auf uns selbst geworfen, nehmen weniger wahr im Außen, wenden unsere Aufmerksamkeit ganz nach innen, wo wir scheinbar versinken in den starken Emotionen die zur Trauer dazugehören, wie Traurigkeit, Wut, Verzweiflung, Leere, Dumpfheit oder Angst.
Wenn wir trauern, sind wir oft nicht in der Lage, proaktiv sozial zu interagieren, uns unseren Liebsten zuzuwenden, unserer Verantwortung nachzukommen. Die einfachsten Dinge des täglichen Lebens können uns als unmöglich schaffbar erscheinen.
Warum hat die Natur es so eingerichtet, dass ein schlimmer Verlust unser gesamtes System so grundlegend außer Kraft setzen kann?
Die Antwort ist so einfach wie auch erstaunlich:

Nur durch das Trauern können wir etwas lernen und verinnerlichen,

was nicht mehr da ist.

Oder sogar auch etwas, was noch nie, oder gefühlt viel zu wenig da war. 

Der Mensch, den wir verlieren hat ganz bestimmte Geschenke in unser Leben gebracht: Vielleicht war es ein Gefühl von Geborgenheit, oder Inspiration, oder Ermächtigung, Liebe oder Weisheit. Vielleicht hat die Person Lebenslust verkörpert oder große Hingabe und Schaffenskraft.
Trauern ermöglicht uns zu lernen 
Wenn wir um jemanden trauern, verbinden wir uns auf tiefster Seelenebene mit all dem, was er oder sie für uns war. Wir blenden die Wirklichkeit im Hier und Jetzt ein Stück weit aus, um ganz tief mit dem zu sein, was nicht mehr sein kann.
Mit intensiven inneren Bildern, angefeuert von überwältigenden Emotionen, kreieren wir für unseren Verstand eine enorm kraftvolle Lernerfahrung.
Das was wir am meisten geliebt haben, die Essenz sowie auch konkrete Verhaltensweisen, an die wir uns erinnern, verinnerlichen wir – sogar obwohl es im Außen nicht mehr existiert, nicht mehr wahrnehmbar ist.
Damit ist Trauern ein unglaublich wichtiger Prozess für das sich immer weiter Entwickeln von uns als Menschen, individuell und gesellschaftlich.
Trauern über was nicht sein konnte
Erst als ich als erwachsene Frau zu tiefer Naturverbindung geführt wurde, begann für mich ein Trauerprozess über all den Mangel an Naturerfahrung, den ich früher als Stadtkind – damals völlig unbewusst – durchlitten habe.
Erst als ich als erwachsene Frau konkretes Wissen und Bilder über Sobonfu’s Kindheit in der Stammeskultur der Dagara erfuhr, durchlebte ich einen Trauerprozess über den Mangel an lebendiger Gemeinschaft in meinen Kinder- und Jugendjahren.
Auch wenn ich als Kind unterdrückt, bezwungen oder missbraucht wurde, kann ein Teil meines Trauerprozesses erst dann beginnen, wenn ich als Erwachsene davon erfahre, wie es anders hätte sein können.
Wenn ich als Erwachsener erlebe, wie respektvoll mit einem rebellierenden Jugendlichen umgegangen wird, kann ein Trauerprozess in mir beginnen – weil mein gesamtes System erst dann wirklich be-greifen kann, welchen Verlust an Respekt ich durchlitten habe.
Wenn ich erlebe, wie ein Vater oder eine Mutter einfühlsam mit einem weinenden Kleinkind spricht, kann ein Trauerprozess in mir beginnen – weil ich dann erst begreifen kann, dass ich viel zu früh einen Verlust an bedingungsloser Liebe erlitten habe.
Um trauern zu können, brauche ich ein Bild von dem, was ich verloren habe. Manchmal ist es ein Mensch, den ich verloren habe, manchmal aber auch körperliche oder seelische Unversehrtheit, manchmal Vertrauen, Liebe, Selbstwirksamkeit, die mir schmerzlich gefehlt haben.
Trauern hilft, Kreise zu schließen und einen gesunden Weg in die Zukunft zu finden
Wenn ich schwierige (Kindheits-)Erlebnisse nicht betrauere, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass ich genau das weitergebe, was für mich selbst Leid verursacht hat.
Unsere Fähigkeit zu lieben und uns zu binden hängt unter anderem davon ab, ob ich den Verlust von geliebten Menschen, oder auch einen Mangel an Liebe und Bindung in meiner eigenen Vergangenheit betrauern und damit das Verlorene oder nicht ausreichend da Gewesene integrieren kann.
Somit kann das gesunde Trauern die Schicksalsschläge unseres Lebens in Geschenke verwandeln – vielleicht werden sie uns selbst ein Leben lang schmerzhaft in Erinnerung bleiben, aber wir können es schaffen ermächtigt, gestärkt und mit guter “Medizin” für die Menschen um uns herum, und für unseren eigenen Lebensweg daraus hervor zu gehen.
Trauern für die Erde und für die Menschheit
Ich glaube, dass auch unsere Fähigkeit, als Individuen und als Gesellschaft im Einklang mit der Erde zu leben, davon abhängen wird, ob wir es schaffen können, die schrecklichen Verluste zu betrauern, die in der Geschichte und immer deutlicher fühlbar in den letzten Jahrzehnten der Gemeinschaft allen Lebens und damit auch uns als Menschen widerfahren sind und die uns jetzt gerade umgeben oder unmittelbar bevorstehen.
Wenn wir es nicht schaffen, zu trauern, laufen wir Gefahr abzustumpfen, in Depressionen, Bitterkeit und Hass, bis hin zur Selbstzerstörung oder Aggressivität gegenüber anderen zu verfallen.
Das Trauern öffnet und reinigt unser Herz, erlaubt uns weich zu sein, und ermöglicht es uns, auf unsere individuell bestmögliche Weise zu handeln, statt zu kämpfen, zu flüchten oder in Starre zu verfallen.
Es hilft uns dabei, selbst ein besserer Mensch zu werden, egal wie widrig die Umstände sind. Und an den vielen Orten wo wir sind, die vielen kleinen Dinge zu tun, die die Gemeinschaft der Menschen im Kern zusammenhalten, jenseits aller politischen und gesellschaftlichen Institutionen.
Trauern braucht Gemeinschaft – Gemeinschaft braucht Trauern
Ich kann dies nicht alleine schaffen” heißt es im Dagara-Lied für das Begräbnis-Ritual, in dem die Menschen zusammenkommen und über das Scheiden eines geliebten Menschen, sowie auch alles mögliche andere, was auch immer noch an Schmerzen da ist, gemeinsam zu trauern.
Gerade für unsere tiefste Trauer brauchen wir einander, für die Verluste die uns selbst vielleicht Angst und Schrecken einjagen, und die wir kaum zu berühren wagen.
Gegenseitig können wir uns Zeugenschaft schenken, ein gesehen werden und gefühlt werden, wie es für Menschen zutiefst heilsam ist.
In den Jahren 2011-2016 konnten wir jeden November gemeinsam mit Sobonfu trauern, nach ihrer Art, in einem Ritual das aus den Traditionen der Dagara und Sobonfu’s Kenntnis über die Bedürfnisse der Menschen hier und in den USA zurechtgeschneidert war.
Nach dem Tod von Sobonfu brauchten wir ein eigenes Trauer-Ritual, das wir authentisch hier und heute durchführen können, ohne kulturelle Aneignung zu betreiben. Die Erzählungen von Paul Raphael, einem Friedensstifter der Anishinabe in Nordamerika, über deren “Heiliges Feuer” hatten in mir die Erinnerung an europäische Not-Feuer-Traditionen geweckt. Auf deren Basis entwickelte ich unser Trauer-Feuer-Ritual, das wir im November 2018 erstmalig durchführten.


Das Trauer-Feuer schenkt einen geborgenen, heilsamen Raum dafür, einander in Zeiten der Trauer zu bezeugen und zu begleiten. Am Feuer können Geschichten und Gefühle geteilt und Tränen geweint werden, die laute und die leise Trauer dürfen fließen.
Und in Stille vor dem Knistern der Flammen kann selbst das angehört werden, wofür es keine Worte gibt.
Das Feuer, das Element das nur wir Menschen in unsere Mitte geholt haben, bringt uns als Gemeinschaft zusammen, so dass wir in unserem tiefsten Menschsein einander beistehen können. Es verbindet uns mit der Welt der Ahnen, all derer die vor uns gegangen sind, und deren Erbe in uns und um uns noch lebendig ist.
Das Feuer hat die Kraft zu verwandeln. Aus der Asche des Verbrannten hilft es uns, das Wesentliche zu erkennen und uns daran zu erinnern, wer wir sind.
Das gleißende, wärmende Licht des Feuers hilft uns zu sehen, welches Geschenk dem schlimmen Verlust innewohnt. Wie die Trauer darüber uns selbst helfen kann.
Und wie sie uns mit ihrer bitteren Medizin eines Tages helfen kann, anderen zu helfen.

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