…eine laaaaaange(!) Sammlung, aufgeschrieben von Elke Loepthien-Gerwert.

Leben im Ausnahmezustand ist anstrengend und ernstlich zehrend – unglaublich viele Menschen litten in den letzten 1,5 Jahren unter seelischem Dauerstress und der damit verbundenen zunehmenden emotionalen und körperlichen Erschöpfung.

Die Natur, die uns umgibt kann uns ein ganzes Stück weit auffangen, wie Forschende seit Jahren dokumentieren. Vieles kann sogar mitten in der Stadt funktionieren!

Hier unsere 31 wichtigsten Aspekte & Zutaten dazu:

1. Streifenfrei entspannt  

Allein der Ausblick aus dem Fenster in eine natürliche Landschaft oder der Anblick von Naturfotos lassen uns schon wohler fühlen und beispielsweise nach Operationen schneller wieder gesund werden. Dies könnte unter anderem daran liegen, dass unsere lebendige Mit-Welt hat eine bestimmte räumliche Struktur aufweist, die wie Forschende es nennen “beliebig skalierbar” ist. Das bedeutet: Egal wie weit wir herauszoomen oder hineinzoomen: Immer erkennen wir dieselbe Anzahl von Details – das können Blätter an einem Baum sein oder wenn wir ganz nah herangehen die feinen Linien, Poren und Unebenheiten auf einem einzelnen Blatt oder die winzigen Gliedmaßen einer Blattlaus.

Um diese zu verarbeiten würde unser Gehirn nur wenig Neuronentätigkeit brauchen, es gehe also leicht, schreibt der Neurologe Richard E. Cytowic. Im Gegensatz dazu zeigten unnatürliche Bilder in großer Vergrößerung kaum noch Details. Je weniger skalierbar ein Bild ist, desto unangenehmer ist es zu betrachten – sogar messbar! Auch starke Farb-Kontraste sind anstrengend zu verarbeiten.

Dabei scheinen Streifenmuster besonders unerträglich. Und wo finden die sich? Überall um uns herum: Gebäude, Straßen, Treppenstufen, Gänge, Türen, Fenster und nicht zu vergessen: Text, der fast immer in Zeilen geschrieben ist und dessen Wahrnehmung besonders erschöpfend sein kann.

2. Lieder des Lebens

Auch die Geräusche der Natur können Stress reduzieren, beispielsweise weist eine Studie darauf hin, dass wir uns bei natürlichen Geräuschen, in diesem Fall dem Sprudeln einer Quelle verbunden mit Vogelgesang, nach aufregenden Aktivitäten schneller beruhigen könnten.

Eine mögliche Begründung dafür, die in einer anderen Studie beschrieben wurde, sei es, dass unsere Aufmerksamkeit ins Außen wandern würde, wenn wir Geräusche aus der Natur hörten. Dagegen würde sich die Aufmerksamkeit vorwiegend nach Innen richten, wenn wir Menschengemachtes anhören – und diese Art des nach Innen wanderns käme dem nahe, was Menschen im Zustand von Depressionen erleben.

Interessant zu bemerken war hier die ausgleichende Wirkung von Naturgeräuschen: Menschen die gestresst ins Experiment gingen, entspannten sich am stärksten. Wohingegen Menschen, die in einem sehr entspannten Grundzustand die Naturgeräusche anhörten, davon sogar angeregt wurden.

In einer Auswertung von 18 einzelnen Studien wurde festgestellt, dass Anzeiger für Stress und Genervtsein abnahmen, Schmerzen weniger wurden, der Puls sank und der Blutdruck abnahmen, außerdem die Laune und kognitive Fähigkeiten sich verbesserten.

3. Grün tut gut  

Wir nehmen Farben wahr, wenn Licht unterschiedlicher Wellenlängen in unser Auge eindringt. Rot hat die längste Wellenlänge, und sei deshalb aufwendiger anzuschauen – Grün dagegen könnten wir vollkommen mühelos wahrnehmen, weshalb es sich entspannend auf uns auswirke, schreiben Wissenschaftler in einer Studie über die Auswirkungen von Farben auf Studierende. Neben der individuell ganz verschiedenen Bedeutung, die Menschen bestimmten Farben geben, gäbe es bestimmte physiologische Auswirkungen, die sich verallgemeinern lassen: Grün wird zu den emotional beruhigenden Farben gezählt und würde insbesondere dabei helfen, sich an eine neue Umgebung zu gewöhnen, weswegen in öffentlichen Gebäuden wie Restaurants oder Hotels häufig Grün verwendet würde.

In anderen Studien wurde festgestellt, dass Grün die Angst vor Versagen mindern konnte, sich ausgleichend auf die Stimmung beim Sport auswirkte und vor allem, dass ein kurzer Blick auf etwas Grünes vor einer Aufgabenstellung die Kreativität beim Lösen derselben erhöhte.

   

4. Die Aussicht darauf, versorgt zu sein  

Eine Vermutung für die Ursache dieser Effekte ist, dass das Vorhandensein von viel Grün in der Umgebung für uns als ursprünglich nomadisch herumziehende Menschen schon immer ein klares Signal dafür war, dass ein Ort grundsätzlich ausreichend Wasser und Nahrung bieten könne – er sich also zum Verweilen eignen würde.

Vielleicht könnte dies auch der Grund dafür sein, warum wir uns in artenreicher Natur wohler fühlen – faszinierender Weise aber nur dann, wenn wir diese Artenvielfalt auch selbst wahrnehmen und erkennen können!

Eine wertvolle Fertigkeit ist es also, feine Unterschiede wahrnehmen zu lernen – wofür der nächste Punkt hilfreich sein kann:

5. Draußen sein weckt die Katze in uns  

Aufgrund der menschlichen Ausstattung mit Betonung des Sehsinns ist unsere natürliche Art der Fortbewegung kein einförmiges Trotten mit gesenktem Kopf, wie wir es von Hundeartigen kennen, oder von unserem eigenen eiligen, unaufmerksamem Laufen entlang alltäglicher Wege.

Eher laufen wir wie eine Katze von A nach B, die sich unterwegs Zeit lässt, viel umherschaut, oft stehen bleibt, sich umdreht oder sogar hinsetzt und ihre Umgebung sorgfältig betrachtet.

Durch die Natur laufend, besonders wenn wir länger draußen sind oder an einem neuen Ort (oder eben mit Neugier-Blick an einem bekannten Ort), ergibt es sich leichter, in Ruhe und genüsslich in alle Richtungen zu schauen, stehen zu bleiben, uns umzudrehen, den Boden unter uns und den Himmel über uns zu betrachten und dabei wahr zu nehmen, was wir sehen: Formen, Farben, Bewegung, Licht und Schatten und Details, die wir identifizieren können (Bäume, Blüten, Blätter, Wege oder was auch immer wir entdecken können).

Bei dieser Art des Umherschauens, die beispielsweise in manchen Formen der Trauma-Therapie genutzt wird, beruhigt sich unser Nervensystem, denn die Handlung des sich ganz in Ruhe Orientierens an sich signalisiert schon, dass alles in Ordnung ist, ebenso versichern wir uns, dass reale Gefahren gerade nicht zu entdecken sind, und wir betrachten  lauter Sachen, deren Anblick uns zusätzlich gut tut, vor allem wenn wir dabei etwas “Besonderes” entdecken, das unser natürliches Belohnungssystem aktiviert…

6. Genau die richtige Menge Dopamin  

Wann immer uns etwas gelingt, das unser Überleben fördert, belohnt uns unser Körper dafür: Beim Jagen oder Sammeln, wenn wir neue Erkenntnisse haben, oder uns frisch verlieben, schütten wir Dopamin als Botenstoff aus und spüren dabei freudige Erregung, Motivation und Glücksgefühle.

Was in unserem natürlichen Lebensraum ein ausgefuchstes System zur Förderung eines selbstbestimmten, erfüllten Lebens voller Lernen und Wachstum ist, macht uns in unserem technisierten Alltag eher zu Sklaven der Konsumgesellschaft:

Werbespots und Billboards, Computerspiele und schnell zugängliche Informationen, lockende Schaufenster mit buntem Spielzeug oder den allerneusten Handys, erotische Fotos von heißen Models – tagein tagaus werden wir bombardiert mit Zeugs, das unsere Dopaminausschüttung stimuliert, wodurch der auslösende Reiz abgenutzt wird und wir in ein suchtartiges Mehr-und-Mehr-davon-Wollen hineinverlockt werden.

In der Natur warten auch Dopamin-Momente:

Wenn wir eine sich gerade öffnende Blüte im Park entdecken, Himbeeren am Waldrand sammeln, endlich den Vogel erspähen, dessen Gesang wir schon länger neugierig gelauscht hatten, wenn sich ein Großstadt-Fuchs im Vorbeigehen zu uns umdreht, wir es schaffen, ein Feuer zu entzünden oder wir am Rande der Pfütze eine winzig kleine Tierspur entdecken.

Dabei bringen diese Erlebnisse ganz andere Qualitäten mit sich, als die menschengemachten Dopamin-Kicks:

  • das auslösende Erlebnis passiert viel seltener – oftmals ist es einzigartig

  • Wiederholungen sind nicht oder nicht lange kontrollierbar

  • für viele davon braucht es energieintensive Vorbereitung und ein geduldiges daraufhin Arbeiten

  • wenn wir uns überreizt fühlen, können wir selbst leicht dosieren, wie viel wir wahrnehmen wollen, entsprechend unseres Neugier-Levels in dem Moment (während wir in der U-Bahn, beim Einkaufen und vor dem TV meistens keine Wahl haben)

Mit Natur interagieren macht es also leicht, die für uns gerade richtige Menge Dopamin auszuschütten, in einem Takt, der unserer körperlichen und seelischen Verfassung entspricht und den wir selbst regulieren können.

7. Fokus-Kraft (wieder) finden  

Technologie macht unser Leben vor allem eines: Schneller!

Vieles wird dank ihr wesentlich leichter und einfacher – doch die frei gewordene Zeit scheint sich oft direkt neu zu füllen mit einfach mehr, so viel mehr.

Indem wir wissen, was überall auf der Welt los ist und dank unserer Gadgets beständig nebenbei Informationen aufnehmen und kommunizieren können, läuft unser Gehirn auf Hochtouren – bis an die Belastungsgrenze.

Wir überfordern uns selbst und das was wir gleichzeitig mit noch irgendetwas anderem tun, machen wir nicht mehr ganz so gut – wie beispielsweise Autofahren während wir jemand anderem zuhören, was in einer Studie die Hirnaktivität im Areal zum Verarbeiten des Streckenverlaufs um ganze 37 % verminderte.

Tatsächlich waren in Multitasking geübte Personen in einer anderen Studie sogar weniger gut darin, das zu tun, was sie eigentlich am besten können sollten: Von einer Aufgabe zur nächsten zu wechseln. Vermutet wurde dabei, dass ihr überlasteter Denkapparat einfach nicht so gut herausfiltern konnte, welche Aspekte eigentlich relevant waren und welche nicht.

Dauerndes mediales Multitasking (also das Konsumieren von mehreren Medien gleichzeitig) scheint außerdem eine sichere Zutat für Depressionen und soziale Ängste zu sein, und in einer besonders alarmierenden Studie wurde aufgezeigt, dass Menschen, die besonders viel medial multitasken tatsächlich eine verminderte Dichte in einem Bereich des Gehirns aufweisen, der wesentlich zur Verarbeitung gedanklicher und emotionaler Prozesse und zum sich innerlich motiviert fühlen beiträgt.

Multitasking kann im Grunde also einen regelrechten Teufelskreis erzeugen, indem es uns noch leichter ablenkbar machen kann – so dass wir weniger in der Lage sind, angesichts einer herausfordernden Situation überhaupt zu bemerken, was wichtig und was unwichtig ist.

Deshalb brauchen wir umso dringlicher Zeiten, wo unser Gehirn und unser Nervensystem sich von den vielen gleichzeitigen, oder sich sehr schnell abwechselnden Inputs und Aufgaben erholen können.

Genau das passiert, wenn wir uns mit der Natur verbinden!

“Attention Restoration Theory” ist ein wissenschaftliches Konzept, das die positiven Auswirkungen von Zeit in der Natur auf unser Denkvermögen beschreibt, insbesondere auf unser Kurzzeitgedächtnis, auf die Beweglichkeit gedanklicher Prozesse und auf unser Vermögen, unsere Aufmerksamkeit willentlich zu fokussieren.

Indem sich unser System in der Natur entspannt, können wir uns mental und emotional erholen, unser Stress-Pegel sinkt, wir können wieder klar denken und leichter bessere Entscheidungen treffen und uns kreativer verhalten.

In einer Studie der Universität Michigan konnte schon ein kurzer Spaziergang in der Natur oder selbst das Betrachten eines Natur-Fotos die Leistung des Kurzzeit-Gedächtnisses um etwa 20% verbessern .

Die Wirkung der “Attention Restoration” merken wir vor allem, wenn wir länger draußen sind: Nach mehreren Tagen draußen in der Natur konnten Menschen verstandesmäßig lösbare Probleme um fast 50% besser bewältigen.

In einer anderen Studie wurde gezeigt, dass sich der Zugang zu Naturräumen auf die Fähigkeit von Großstadt-Kindern auswirken kann, verschiedene Aspekte von Selbst-Disziplin zu erleben, beispielsweise ihre Aufmerksamkeit auch angesichts von Ablenkungen oder Frustration willentlich fokussieren zu können.

Überhaupt haben sich Aktivitäten draußen als wirkungsvolle “Medizin” gegen Aufmerksamkeitsdefizit-Störungen erwiesen – und das völlig unabhängig von Alter, Geschlecht, Einkommen, Lebensort und anderen Faktoren.

Aber warum ist das so?

Ist die Welt unserer Mit-Wesen nicht voll mit unzähligen ebenfalls gleichzeitig laufenden Ereignissen, die wir über Geräusche und visuellen Eindrücke in uns aufnehmen, und die unsere Aufmerksamkeit mindestens genauso herausfordern und regelrecht stressen müssten?

Ich glaube, dass die Komplexität des vollen Lebens im Ökosystem für uns entspannend sein kann, weil es sich dabei nicht um lauter voneinander losgelöste einzelne Teile handelt, jedes mit einer eigenen “Agenda”, sondern alle Vorgänge in ein sinnvolles Ganzes eingebunden sind – und wir selbst, indem wir da draußen sitzen oder herumlaufen, ganz genauso.

Demnach wären wir in der Natur vielleicht nicht mit vielen Gegenübern und Aufgaben gleichzeitig konfrontiert, sondern nur mit einer einzigen Sache: Einfach mit unserem Da-Sein inmitten der Erdengemeinschaft hier an diesem Ort.

8. Bedingungsloses Willkommen – fernab von Karrieredruck & Konventionen  

Im Erleben oder auch nur Betrachten von Natur erlischt der Stress in unserem Körper, schon innerhalb von wenigen Minuten.

Ich glaube ein wesentlicher Grund dafür könnte die Abwesenheit der unglaublich vielen, komplexen und teilweise einander sogar widersprechenden sozialen und gesellschaftlichen Anforderungen sein, die sich insgesamt kaum jemals erfüllen lassen.

In der Natur können wir all das vielleicht ein Stück weit hinter uns lassen und wieder in Verbindung mit uns selbst kommen, mit dem was uns persönlich wirklich wichtig ist.

Begegnen wir unseren natürlichen Mit-Wesen, kann etwas von dem destruktiven und oft völlig sinnlosen Druck von uns abfallen, der uns im Alltag so stark belastet: Um mit Bäumen, Wiesenblumen oder Schnecken zusammenzusein, brauchen wir keine guten Noten, keine erfolgreichen Projekte, keine den Idealen der Zeit entsprechenden Körperformen, keine besonders witzigen oder geistreichen Gedanken, nicht mehr Geld auf dem Konto oder noch mehr Likes in den sozialen Medien… wie und wer auch immer wir gerade sind, ist es genug.

Vielleicht fällt es uns leichter, das anzunehmen, wann immer wir in Kontakt sind mit anderen Lebewesen, die sich nicht um gesellschaftliche Konventionen und Leistungsdruck scheren, sondern einfach ihr Leben leben.

Eine wichtige Grunderfahrung

So helfen sie uns dabei, eine wichtige Grunderfahrung nachzuholen und weiter zu stärken, die vor allem in den allerersten Lebensjahren essentiell für eine gesunde seelische Entwicklung ist: Dass wir willkommen sind, wie auch immer wir (gerade) sind oder nicht sind, unabhängig von unserem Aussehen, unserer Leistungsfähigkeit, unserer Bereitschaft uns anzupassen und vielem anderen mehr (etwas das selbst die liebevollsten Eltern nicht immer für ihre Kinder schaffen können).

Wenn wir uns draußen außerdem gewahr werden, dass unsere gesamte Nahrung, alle unsere Kleidung, unser Wasser, unsere Behausungen, unser gesamter Körper und alles was wir besitzen von der Erde stammt, docken wir an das in Europa mindestens 200.000 Jahre alte Verständnis von der Erde als unserer “Mutter” an – aus der beständig alles Leben geboren wird und die auch uns als Menschen immerfort nährt.

Egal wie erwachsen wir schon sind oder gern sein wollen, ob unsere leibliche Mutter noch lebt oder nicht – die Möglichkeit mit einer immer präsenten “Mutter Natur” in Kontakt treten zu können, die überhaupt gar nichts von uns einfordert, kann (in Psychotherapie-Sprache) eine enorme Ressoure für unsere seelische Gesundheit sein.

Wenn wir uns mit der “großen Mutter” verbinden, bekommen wir Rückenstärkung um unsere inneren kindlichen Anteile zu nähren und liebevoll zu halten – und uns dadurch insgesamt geborgener in der Welt zu fühlen, ohne dass wir beständig etwas für unsere Sicherheit tun oder leisten müssten.

Mit dieser “Grundversorgung” fällt es auch leichter, ganz wie von selbst auf eine der destruktiveren menschlichen Angewohnheiten zu verzichten:

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9. Grübeln verblasst  

Grübelei (“rumination”) wird als über lange Zeiträume fehlgeleitete Konzentration auf mögliche Ursachen und Konsequenzen von Emotionen beschrieben, wobei es sich meist um als negativ erlebte Emotionen in Beziehung zu sich selbst handelt. Tritt Grübelei auf, kann sie ein Frühanzeichen für depressive Episoden und andere seelische Störungen sein.

In einer Studie in der Umgebung der Stanford University wurde festgestellt, dass ein 90minütiger Spaziergang in der Natur bei den Teilnehmenden Personen Grübeleien deutlich reduzierte.

Was kann der Grund dafür sein?

Beim Grübeln reisen wir mental dauerhaft oder wechselnd in die Vergangenheit oder Zukunft – während der Aufenthalt in der Natur uns scheinbar immer wieder in den Moment zurückholen kann.

Wie weiter oben schon besprochen kann sich so ein Moment in der Natur subjektiv viel sicherer und geborgener anfühlen als beispielsweise bei einem Spaziergang durch die Stadt möglich wäre, so dass es leichter möglich sein könnte, in diesem viel tröstlicheren Hier und Jetzt zu bleiben.

Zusätzlich könnten auch die intensiven physischen Empfindungen, die in der Natur oft leichter möglich sind, uns helfen ganz im Moment zu bleiben,

10. Den Körper spüren – aufmerksam

Die Sinneseindrücke, die unser Körper draußen geschenkt bekommt, können uns dabei helfen, uns selbst bewusster zu spüren, v.a. wenn wir unsere Aufmerksamkeit beständig darauf ausrichten, mehr und intensiver wahrzunehmen – eine wichtige Praxis für Naturverbindung.

Den Wind zart unser Gesicht streicheln zu fühlen, die Textur des Bodens unter uns, wenn wir barfuß oder mit dünnen Sohlen über Wiesen, feuchte Stellen, Waldboden laufen, Moose, Kräuter, Baumrinden und vieles mehr mit unseren Händen bewusst zu berühren, in kaltes Wasser einzutauchen und dabei den feuchten Sand des Bachbetts zwischen unseren Zehen zu spüren – all das und noch viel mehr kann es so viel leichter machen, nicht nur unsere Umgebung sondern automatisch auch unseren eigenen Körper viel stärker und aufmerksamer wahrzunehmen – ein Grundelement vieler Meditationspraxen.

Meditation allgemein hat zahlreiche bereits wissenschaftlich nachgewiesene Auswirkungen auf unsere seelische (und körperliche) Gesundheit: Höhere Resilienz gegen Stress, verbesserte Impuls- und Selbstkontrolle, verringerte Anfälligkeit für Süchte, ein insgesamt “beweglicheres” Gehirn das in der Lage ist, besser auch im Alter neue Neuronen-Verbindungen aufzubauen und Linderung von belastenden körperlichen Schmerz-Zuständen. (Im Artikel wird auch auf mögliche negative Effekte eingegangen, und Empfehlungen gegen wie diese verhindert werden könnten.)

Vereinfacht könnten wir sagen, dass Meditation unserem Gehirn dabei hilft, zu reifen. In Studien über die Effekte eines achtwöchigen Meditations-Kurses war dies sogar physisch messbar, als zunehmende Dichte in der “grauen Masse”, vor allem in Bereichen die für Lernen, Gedächtnis, Selbst-Wahrnehmung, Mitgefühl und Innenschau und weniger Dichte im Bereich der Amygdala – die beim Auslösen von Überlebensreaktionen aktiv wird.

Verbinden wir uns mit anderen natürlichen Wesen um uns herum, kann hier ein weiterer Aspekt noch zusätzlich unterstützen:

11. Resonanz hilft regulieren    

Unser Nervensystem ist bei Dauerstress beständig in einem leichten (oder manchmal auch sehr ausgeprägtem!) Kampf-oder-Flucht-Modus gefangen, so dass es manchmal schwer erscheint, überhaupt wieder “runterzukommen”. In der Natur zu sein hilft uns, wieder in die Entspannung zu finden.

Ein Grund dafür könnte die Fähigkeit unseres Körpers sein, in Stress-Situationen an einem anwesenden entspannteren Nervensystem “anzudocken”, indem wir in Resonanz mit diesem Gegenüber gehen. Dieses Phänomen ist bisher vor allem für das Verhältnis zwischen Eltern und kleinen Kindern oder auch Klienten und Therapeut*innen beschrieben worden, aber auch in der tiergestützten Therapie mit Hunden, Pferden, Delphinen usw. beobachtbar.

Meiner Erfahrung nach ist dieses Andocken mit fast allem möglich, was uns draußen begegnet: Mit Bäumen, Kräutlein, Insekten, Vögeln, sogar mit Gewässern oder Steinen. Wir können uns dafür bewusst in jemand anderen hineinversetzen, beispielsweise indem wir die Frage stellen: “Wie ist es, du zu sein?” (die ich so erstmalig von Charles Eisenstein gehört habe), und dann einfach wahrnehmen, was wir in uns selbst fühlen, hören, sehen, spüren können.

Unser Nervensystem überprüft möglicherweise unbewusst beständig unsere Umgebung darauf, ob sie “sicher” genug ist – denn es ist darauf ausgerichtet, unser Überleben zu sichern. Bei kleinen Kindern entsteht das Gefühl von Sicherheit unter anderem durch die Nähe zu sich selbst sicher fühlenden, entspannten und aufmerksam auf das Kind eingestimmten Eltern.

So lernen wir vielleicht von Anfang an, Zustände von Stress oder Entspannung in anderen wahrzunehmen und uns daran zu orientieren, wenn es darum geht, wie sicher wir uns selbst fühlen.

In der Natur findet unser Nervensystem (zumindest meistens) eine Menge entspannter und jedenfalls gut regulierter, aufmerksamer Wesen.

Besonders leicht für uns wahrzunehmen ist die Entspannung bei den Singvögeln: Während sie in ihrer “Baseline” sind, also singen, sich putzen, nach Nahrung suchen oder ihr Nest bauen, spürt auch unser Nervensystem instinktiv, dass gerade keine Gefahr herrscht. Auch zirpende Grillen zeigen ein Entspanntsein an. Hören wir dagegen die atemlose Stille oder fiependen Alarmrufe wenn ein Sperber oder Habicht in der Nähe ist, lässt sich die Anspannung auch in unserem Körper spüren.

Insofern könnte es noch entspannender sein, unsere Aufmerksamkeit auf diejenigen Wesen in unserer Mit-Welt zu richten, die vielleicht das ruhigste oder zumindest langsamste Leben draußen führen: die Bäume.

12. Bäume als Buddies 

Tatsächlich scheint das Wahrnehmen von Bäumen unser parasympathisches Nervensystem zu stärken, welches Entspannung in den Körper bringt. In einer Studie in Chicago wurde sogar festgestellt, dass pro 10% mehr an Baumwipfel-Bedeckung in Gebieten der Stadt die jeweilige Rate gewalttätiger Übergriffe im selben Gebiet um mehr als 10% sank.

In einer anderen Studie mit Erwachsenen hier in Deutschland in Berlin, wurde festgestellt, dass Menschen insbesondere in der Nähe von Waldgebieten eine gesündere, entspanntere Aktivität der Amygdala aufwiesen, eines recht kleinen Teils unseres Gehirns, welcher maßgeblich am Auslösen von Überlebensreaktionen mitwirkt.

Warum aber hat gerade der Wald so starke positive Effekte auf uns?

Vermutlich hat es damit zu tun, dass im Wald so viele Bäume wachsen.

In den letzten Jahren erforscht wurden im Erforschen der gesundheitlichen Effekte der ursprünglich japanischen Praxis des Waldbadens die sogenannten Phytoncide, beschrieben, abwehrstärkende Duftstoffe, die von Bäumen verströmt werden und sich nicht nur auf das Immunsystem auswirken, sondern u.a. die Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin vermindern und antidepressiv wirken.

Bäume sind wirklich erstaunliche Wesen, die oftmals viel viel älter als wir selbst sind. Ich glaube, dass ein Teil in uns instinktiv weiß, dass wir es hier im wahrsten Sinne des Wortes mit “Ältesten” zu tun haben, deren Lebenserfahrung auf eine Weise die unsere weit übersteigt.

Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass Bäume intensive Gefühle von Ehrfurcht in uns auslösen können.

13. Ehrfurcht  erleben

Ehrfurcht ist das Erleben von etwas Großartigem, das unser rationales Vermögen, die Welt zu verstehen übersteigt oder an seine Grenzen bringt. Es ist eine enorm wirkungsvolle Emotion, die wir unter anderem im Angesicht von Bäumen und beim aufmerksamen Erblicken anderen “Wunder” der Natur erleben können, und die uns dazu führt, hilfsbereiter, kooperativer und großzügiger zu handeln. “Uns etwas Großartigem gewahr zu werden fördert ein bescheideneres, weniger narzistisches Selbst, dem mehr Nächstenliebe anderen gegenüber möglich ist.” schreibt Dacher Keltner vom Greater Good Science Center der Universität in Berkeley.

Er erklärt weiter: “Kurze Erlebnisse von Ehrfurcht ermöglichen es uns, unser eigenes Selbstverständnis als Teil eines kollektiven Ganzen zu sehen, und sie richten unsere Handlungen auf das Wohl der anderen aus.” Im Erleben von Ehrfurcht nehmen wir also unser Selbst als kleinen, jedoch fest verbundenen Teil von etwas Großem war, was sich deutlich auf unser Verhalten auswirkt.

Wenn das Wasser lebt

Wenn wir nun aber Personen aus indigenen Völkern zuhören, zeigt sich in den Worten die sie wählen, oft eine Ehrfurcht vor dem Leben, die nicht dem individuellen Erleben überlassen, sondern ein zentraler Bestandteil und Schwerpunkt von gemeinschaftlicher Kultur und Traditionen ist – wo die Erde und unsere Mit-Wesen als “heilig” angesehen werden, voller “Geist” und beseelt sind, und ebendiese ehrfurchtsvolle Auffassung über Generationen weiter genährt wurde und wird:

Mir wurde beigebracht, dass das Wasser lebt. Es kann hören und Erinnerungen in sich halten. Deshalb habe ich heute ein Gefäß mit Wasser dabei, damit es die Erinnerungen an unser Gespräch heute in sich bewahren kann,” (so eröffnete Kelsey Leonard, Wissenschaftlerin und Angehörige der Shinnecock Nation 2019 ihren TED-talk darüber, dass Gewässer dieselben Rechte haben sollten wie Menschen).

Ehrfurcht zu erleben hat gravierende Auswirkungen auf die seelische (und körperliche) Gesundheit. Cytokin ist ein Botenstoff unseres Körpers, der stressbedingten Entzündungen entgegenwirken soll, aber bei chronischem Stress in viel zu hoher Menge vorhanden sein kann, was chronische Schwäche und in Folge eine geringere Lebenserwartung zur Folge haben kann. Ein überfordertes Cytokin-System könnte eine Erklärung dafür bieten, warum Menschen, die unter materieller Armut leiden, oft besonders gravierende gesundheitliche Probleme haben.

In Versuchen ist Ehrfurcht bislang die einzige Emotion, die nachgewiesenermaßen einen regulierenden Effekt auf den Cytokin-Spiegel ausübt.

Gerade manche Bäume können jenseits der Ehrfurcht, die wir dank ihnen erleben können, auch noch auf andere Weise unser Seelenwohl fördern….

14. Zugehörigkeit durch Bindungs-Hormone  

Viele Bäume, gerade solche in Städten und Parks können wir eindeutig als Individuen erkennen und leicht wieder erkennen. Sie können dadurch zu einzigartigen, echten Persönlichkeiten in unserem Leben werden, selbst wenn wir ihnen nur ein einziges Mal begegnen.

Schon lange beschäftigt mich und andere die Frage, ob man die für menschliche Beziehungen so essentielle Bindung (“attachment”) nicht auch auf unsere Beziehung zur Natur übertragen kann? Sie scheint sich immer deutlicher mit Ja beantworten zu lassen: Wenn wir Tiere streicheln, schüttet unser Körper (und oft auch ihrer) Oxytocin aus, das sogenannte “Bindungs-Hormon”, das auch freigesetzt wird, wenn Mütter ihre Babies stillen oder wir mit geliebten, vertrauten Menschen kuscheln.

Meine Vermutung ist, dass ebendieses Hormon auch in uns aktiviert wird, wenn wir uns an geliebte Bäumen anlehnen, an Felsen, auf denen wir schon seit der Kindheit geklettert sind, oder mit den Fingern zart die Blüte eines Gänseblümchens streicheln – also wann immer wir selbst liebe-voll mit einem anderen (Lebe-)Wesen umgehen.

Denn wir können uns emotional und mitfühlend mit unseren Mitwesen verbunden fühlen.

Schützen was wir lieben

Ob Oxytocin in uns zu menschenfreundlicherem Verhalten führt, scheint in Studien davon abzuhängen, ob wir den Kontext in dem Moment insgesamt als sicher und geborgen oder eher als bedrohlich einschätzen. Denn im Falle einer Gefahr für uns selbst oder die als uns zugehörig erlebten Personen (Wesen), kann Oxytocin unser Schutzverhalten verstärken.

Dies könnte vielleicht auch erklären, warum Menschen eher bereit sind, sich für den Schutz der Umwelt einzusetzen, wenn sie sich selbst mit der Natur verbunden fühlen und Natur als beseelte anerkennen.

In jedem Fall könnten Bindungshormone und auch unsere Sicht auf die Natur als eine Welt voller uns gleichwürdiger, irgendwie mit uns verbundener Lebewesen es uns erleichtern, uns selbst als zu anderen zugehörig zu erleben.

Durch ein von uns aus zärtliches und liebe-volles in Verbindung treten mit unserer Mit-Welt können wir jeden Tag erleben, was Albert Schweitzer so eindrücklich in Worte gefasst hat: “Ich bin Leben inmitten von Leben, das Leben will.”

Diese Zugehörigkeit zu erfahren scheint eines der tiefsten menschlichen Grundbedürfnisse zu sein, eine Möglichkeit auf uns selbst und die Welt zu schauen, die wir instinktiv ersehnen.

15. Angst und Stress reduzierende “Alte Freunde”  

Wenn wir draußen sind, vor allem wenn wir die Erde berühren und ihren Duft einatmen oder Pflanzen naschen, stärken wir dabei die Beziehung zu ganz besonderen “alten Freunden” – Bakterien und andere Kleinstlebewesen, die für unsere Gesundheit von großer Bedeutung sind.

Beim engen Kontakt mit dem Erdboden können sie durch unsere Atemwege oder auch über den Mund aufgenommen werden.

Dabei geht es nicht nur um körperliches Wohlbefinden: Laut Christopher Lowry von der Universität in Colorado können beispielsweise die überall auf der Erde zu findenden “Schlammbakterien” Mykobakterium vaccae nicht nur Entzündungen im gesamten Körper lindern oder verhindern, sondern Angst- und Stressreaktionen vermindern und dadurch sogar auch Traumata, und damit posttraumatischen Belastungsstörungen vorbeugen.

Zum einen wies Lowry nach, dass mit Mykobakterien gefütterte Mäuse eine bestimmte Aktivierung des Immunsystems, verbunden mit Abläufen im Hirnstamm aufweisen, welche sich wiederum auf die Abläufe im Stirnlappen und anderen Hirnregionen auswirken, wo unsere Stimmung und unser Verhalten reguliert werden.

Inspiriert von diesen Forschungen testete Dorothy Matthews die Wirkung von Mykobakterien auf das Lern- und Entdeckungsverhalten von Mäusen. Sie stellte fest, dass Mäuse nach der Einnahme von Mykobakterien mit deutlich weniger Angst und Stress den Weg durch ein Labyrinth finden können und sogar wesentlich schneller. In ihren Experimenten hielt die Wirkung der eingenommenen Bakterien etwa eine Woche lang messbar an.

Schutz vor Traumatisierung

In Christopher Lowry’s weiteren Versuchen befähigte die Verabreichung der Bakterien die Labor-Mäuse sogar dazu, aktiver mit schlimmen Stress-Erlebnissen umzugehen, beispielsweise wenn sie ohne Fluchtweg dem Angriff eines überlegenen Männchens ausgesetzt wurden, was meist zu Traumatisierungen führe.

Die dank Mykobakterien weniger passive, sondern aktivere Reaktion der Versuchsmäuse (sie versuchten aktiv zu kämpfen oder zu flüchten) bewirkte, dass diese später nicht unter den normalerweise auftretenden posttraumatischen Belastungsstörungen litten.

Dieser Zusammenhang ließ Lowry vermuten, dass Mykobakterien auch Menschen dabei helfen könnten, unsere Resilienz gegenüber potentiell traumatischen oder auch einfach sehr stressvollen Erlebnissen zu stärken.

Schon 2004 hatte Mary O’Brian bewiesen, dass eine Behandlung mit Mykobakterien bei Menschen mit Lungenkrebs deren emotionale Gesundheit drastisch verbesserte: Sie fühlten sich insgesamt wohler und auch ihre kognitiven Fähigkeiten wurden verbessert.

Die Mykobakterien sind nur ein kleines Beispiel dafür, wie inniglich unser Sein verbunden ist mit Wesen, die vollkommen anders sind als wir Menschen, ja sogar von uns übersehen werden – und von denen wir selbst und die Gesundheit unserer  inneren und äußeren Ökosysteme doch zutiefst abhängig sind.

16. Wert-Schätzen & Dankbarkeit

Mich mit der Natur verbinden bedeutet, nicht nur auf der Wissens-Ebene, sondern auch durch persönliche Erfahrung immer neu und noch mehr darüber zu lernen, was zum Lebensgeflecht auf der Erde alles dazu gehört – und wie unglaublich wichtig das alles ist.

Ich lerne dabei, den Wert des Lebens zu achten, dankbar dafür zu sein, die Potentiale und Gaben auch im kleinsten Ding und Wesen zu vermuten und mit mehr Tiefenschärfe zu erkennen und anzuerkennen.

Und wie wirkt sich das auf meine seelische Gesundheit aus?

Zum einen sind da die enorm heilsamen Emotionen Dankbarkeit und Wertschätzung oder sogar Liebe, die ich fast wie von alleine immer wieder in mir erwecke wenn ich draußen bin UND sogar während ich mich irgendwo indoor aufhalte.

Wann immer ich beispielweise esse, kann ich diese Dankbarkeit leichter an mich ranlassen, weil ich mir mit der Zeit bewusster werde, wie wunderbar es ist, mich nähren zu können mit den Gaben der Natur an deren Kreation so viele Wesen und Kräfte mitgewirkt haben:

Das reine Trinkwasser, das so kostbar ist und so unendlich wichtig für alles Leben auf der Erde, die Wärme der Sonne, die Leben auf diesem Planeten überhaupt erst möglich macht und letztendlich alle Energie schenkt, die wir als Menschen zur Verfügung haben, über das Wunder der Photosynthese bereitgestellt durch die Pflanzen, gespeichert in der Süße unserer Früchte, in der Stärke des Korns, als Erdöl tief unter der Erde oder im Holz der Bäume.

Nicht selbstverständlich

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr gibt es, wofür ich so dankbar sein kann. Auch der Sauerstoff, den wir mit jedem Atemzug in uns aufnehmen und ohne den wir nicht leben könnten, wird von Pflanzenwesen beständig in die Atmosphäre geschenkt.

Jeder Atemzug bei dem ich Dankbarkeit in mir erwecken kann, wirkt sich enorm kraftvoll auf mein seelisches Wohlbefinden aus – nicht nur in dem Moment selbst, sondern auch mit langfristig potentiell lebensverändernden Effekten für meine seelische und körperliche Gesundheit:

Regelmäßig erlebte Dankbarkeit hilft uns, die uns angeborene, biologisch bedingte Fixierung auf negative Emotionen und potentielle Gefahren zu überwinden, und überhaupt mehr von dem wahrzunehmen zu können, was uns einfach gut tut .

Das bedeutet, dass wir uns langfristig glücklicher fühlen – etwas das noch nicht einmal ein 20 Millionen Lotto-Gewinn  für uns zu ermöglichen schafft!

Besser als ein Lotto-Gewinn

Dankbarkeit ist eine Art Allheilmittel: Sie lindert erwiesenermaßen Depressionen und führt dazu, dass wir großherziger werden und andere Menschen uns mehr mögen, unsere eigenen materialistischen Tendenzen schwächer werden, wir uns selbst mehr zutrauen und optimistischer werden, unsere Freundschaften, Familien- und romantischen Beziehungen sich verbessern, wir weniger ungeduldig sind und effektiver Entscheidungen treffen, sich unsere Immunabwehr, unser Schlaf und noch viele weitere, die seelische Gesundheit beeinflussende Faktoren verbessern.

Vieles davon hat damit zu tun, dass das Erleben von Dankbarkeit unser Gehirn regelrecht neuroplastisch umgestaltet, mit Veränderungen die in Studien auch nach Monaten noch im Gehirn messbar waren.

Für mich gibt es zudem noch einen ganz besonders wunderbaren Effekt beim Wertschätzen des gesamten Lebensnetzes, bis hin zu den kleinsten Wesen und Teilchen:

Indirekt finden wir als Menschen dadurch auch einen ganz leichten Zugang dazu, den Wert unserer eigenen, ganz persönlichen Existenz vollständiger wahrzunehmen und zu achten, einschließlich des Wertes all der vielen kleinen (und manchmal ungeliebten oder abgelehnten) inneren Anteile unseres Seins.

Denn in einem Ökosystem, wo alles einen Sinn und Nutzen hat, kann dieser Sinn und Nutzen folgerichtig auch für alles in uns angenommen und vielleicht sogar gefunden oder verstanden werden.

 

17. Klaren Lebenssinn spüren  

Wenn wir mit der Natur um uns herum in eine tiefe Verbindung gehen, rücken wir der Natur in uns und damit den Fragen nach dem Sinn unseres Lebens sehr nahe.

Indem wir über unsere sinnliche Wahrnehmung intensiv erleben, wie alles mit allem verbunden ist, sich auswirkt, sich beeinflusst und Wandel bringt, können wir ganz deutlich, auf eine körperliche fühlbare Weise, das Prinzip der Gegenseitigkeit begreifen, das allem Leben innewohnt (ausführlich beschrieben vom Biologien und Philosoph Andreas Weber in seinem neuen Buch: Sharing Life, The Ecopolitics of Reciprocity).

Naturverbindung kann uns ermöglichen, zu erahnen oder vielleicht eher uns zu erinnern, was es eigentlich bedeutet, als Mensch auf der Erde zu sein und auf welche Weisen wir Menschen eingebunden sind in das immerwährende Geben und Nehmen dieser Natur, deren Teil wir sind.

Wir bekommen ein klareres Verständnis und Gefühl vor allem dafür, was wir als Menschen unsererseits diesem Lebensnetz zurückschenken können – wir finden und fühlen mehr Sinn in unserem eigenen Dasein.

Lebenssinn ist ein wesentlicher Faktor für menschliches Wohlbefinden. Ihn zu spüren stärkt unsere körperliche und unsere seelische Gesundheit und erleichtert es uns zudem, vor allem in Gemeinschaft mit anderen Menschen, etwas Großes zu leisten!

Die tiefe Freude

Gefühlte Sinnhaftigkeit ist außerdem eine wesentliche Zutat für Eudaimonie – eine Art von Freude oder Glücksgefühl, die nicht an vorübergehende Vergnügungen gekoppelt ist, und nicht nur in den  angenehmen, leichten Momenten des Lebens aufkommt. Vielmehr entsteht Eudaimonie wann immer wir uns als Beitragende zu einem größeren Ganzen erleben können, und unser eigenes Tun und Wirken als sinnhaft und nützlich erleben können.

Angesichts all dieser Zusammenhänge ist es nicht überraschend, dass wenn wir uns intensiv mit der Natur verbunden fühlen, uns als sinnvollen, beitragenden Teil dieser Natur erleben können, laut einer Studie von 2019 auch tatsächlich mehr “eudaimonisches Wohlbefinden” erleben.

Eudaimonie scheint unser Immunsystem besonders zu stärken, was uns unter anderem widerstandsfähiger gegen Stress macht.

Dabei können wir die durch Naturverbindung deutlicher spürbare Sinnhaftigkeit unseres Daseins und die damit verbundene Freude nicht nur dann erleben, wenn wir selbst gerade draußen unterwegs sind und aktiv einen eindeutigen Beitrag zum Wohlergehen andere Wesen schenken (wie beispielsweise einen CO2-speichernden Selbstversorgungsgarten anzulegen, einen Nistkasten für Vögel oder Fledermäuse aufzuhängen oder Pflanzen für Insekten in der Landschaft zu verteilen…), sondern auch bei vielen anderen Gelegenheiten inmitten unseres ganz normalen Alltags, sogar wenn wir indoor unterwegs sind:

Wann immer wir mit unserer Zeit, Energie, Aufmerksamkeit, mit unserem Konsumieren etwas auf den Weg bringen oder unterstützen, das wir als nützlich und hilfreich für das Lebensnetz Erde ansehen, stärkt dies unser Gefühl von Integrität und die Gewissheit, ein sinnvolles Leben zu führen, einen relevanten Beitrag zu leisten.

Sogar indem wir bewusst etwas nicht tun, also auf bestimmte Sachen lieber verzichten, können wir uns als einen relevanten Beitrag schenkend erleben.

18. Mitgefühl  – Die Verbindung aus Mit-Fühlen und Helfen wollen

Das Element des “Helfen wollen” ist auch eine Hauptzutat für Mitgefühl. Während Empathie unsere Fähigkeit beschreibt, die Umstände aus den Augen einer anderen Person sehen zu können und ihre Emotionen zu fühlen, steht beim Mitgefühl (engl. “compassion“) ein aktiver Wunsch für das Wohlergehen meines Gegenübers im Zentrum.

Mitgefühl scheint tatsächlich eine der wirkkräftigen menschlichen Haltungen zu sein, insbesondere im Buddhismus (aber auch anderen Glaubenssystemen) seit Jahrtausenden kultiviert und in den letzten Jahren durch unzählige Studien von wissenschaftlichen Instituten in aller Welt erforscht. Die Universität in Stanford Kalifornien hat sogar ein eigenes Zentrum für “Mitgefühl & Altruismus“, auf dessen Webseite sie schreiben, dass Mitgefühl “eine der stärksten Triebkräfte der Menschheit für Veränderung” sei.

Mitgefühl könnte lebens-wichtig sein

Auch der Dalai Lama sagt: “Liebe und Mitgefühl sind kein Luxus, sondern Notwendigkeiten. Ohne sie wird die Menschheit nicht überleben.

Dabei hilft unser Mitgefühl nicht nur unserem Gegenüber, sondern auch uns selbst:  Mitgefühls-Übungen führten in einer Studie messbar dazu, dass die Konfrontation mit dem Leid anderer messbar im Gehirn nicht nur die für unangenehme Emotionen bekannten Regionen aktivierte, sondern zusätzlich auch Regionen aktiv wurden, die mit angenehmen Emotionen verbunden sind – es verringerte sich also das eigene “Mit-Leiden” angesichts der Not von anderen. Somit könnte es leichter werden, dass wir uns nicht davon überwältigt fühlen.

Dieser Zusammenhang könnte eine Erklärung dafür sein, dass Mitgefühl gerade für Menschen in helfenden Berufen essentiell dafür ist, nicht emotional auszubrennen. davor schützt, auch über lange Zeiträume nicht emotional auszubrennen. Vielmehr scheint es so, dass wir durch Mitgefühl auch angesichts großer Not leichter für andere da sein können, und uns dabei sogar weniger selbst zu erschöpfen – eine Kompetenz die angesichts globalen Leids weiterhin sehr wichtig für unsere seelische Gesundheit sein wird.

Mitfühlen mit denen, die ganz anders sind 

In Studien wurde gezeigt, dass Empathie, also das Nachfühlen oder Mit-Fühlen mit einem Gegenüber nicht nur unbewusst abläuft, sondern wir es bewusst steuern können, unter anderem indem wir uns in die Situation des anderen hinein versetzen. In einer wissenschaftlichen Veröffentlichung hierzu heißt es: “die Regulation der eigenen egozentrischen Sichtweise ist eine Grundvoraussetzung dafür, andere verstehen zu können“.

Wenn wir uns bewusst mit unseren nicht-menschlichen Mitwesen verbinden, üben wir beständig, unsere egozentrische Sichtweise ein Stück weit hintenanzustellen und uns in “die anderen” hineinzuversetzen – mit Hilfe von Wissen und eigenen Beobachtungen, aber auch durch bewusstes Einfühlen und immer wieder Variationen der Frage: “Wie ist es, du zu sein?”.

Ich habe diese einfache Frage erstmals 2019 während einer Veranstaltung von Charles Eisenstein gehört, und sie bündelt viel von dem, worauf Naturverbindungpraxis hinaus läuft: Wir Menschen, die wir von Grund auf zutiefst soziale Wesen sind, nutzen unsere natürlichen Fähigkeiten dafür, uns nicht nur in unsere Liebsten, vertrautesten Menschen in unserem Leben einzufühlen, sondern in die allerunterschiedlichsten Wesen.

Indem wir unser Mitgefühl ausdehnen auf hungrige Bienen in unserm Garten, Weinbergschnecken beim Überqueren einer Straße, die Stadtbäume vor unserm Haus und die Krähen in ihren Kronen, können wir auf allereinfachste Art einen Unterschied für die Erde machen und kreieren gleichzeitig mehr Gelegenheiten für uns selbst, etwas zu Üben, was unsere eigenen körperlichen Stressreaktionen verringern könnte:

In einer finnischen Langzeit-Studie wurde über einen Zeitraum von 15 Jahren untersucht, welchen Einfluss Mitgefühl zum einen auf die Empfindlichkeit für Stress und zum anderen auf die körperlichen Folgen von chronischem Stress hatte. Das Ergebnis der Studie deutet darauf hin, dass ausgeprägtes Mitgefühl Menschen vor den Auswirkungen von Stress schützen könnte. (Und auch, dass selbst angesichts von großem Stress unsere Kapazität für Mitgefühl scheinbar nicht beeinträchtigt wird).

19. Selbstmitgefühl leichter machen durch die Verbindung zu unseren Mitwesen

Unzählige wissenschaftliche Studien der letzten Jahre beschäftigen sich mit einer Kern-Kompetenz für Resilienz und seelische Gesundheit, die viele Menschen weltweit, vermutlich insbesondere in den westlichen, konsum- und leistungsorientierten Ländern erst langsam schätzen und nutzen lernen: das Selbstmitgefühl. (Hier kannst du mehr über Selbstmitgefühl lernen und erfahren.)

Auch wenn Selbstmitgefühl nicht automatisch durch Naturverbindungs-Praxis entsteht, glaube ich dass sie uns doch dabei unterstützen kann.

Eine Hürde zum Selbstmitgefühl sehe ich darin, die vielen Anteilen und Stimmen in uns, die wir als unangenehm, als zu schwach oder zu stark, zu hässlich oder zu schön, zu laut oder zu leise oder in irgendeiner anderen Art als “komisch” und nicht liebenswert wahrnehmen – trotzdem als menschlich anzunehmen, sie in uns willkommen zu heißen, nicht mehr vor uns selbst und vor der Welt verstecken zu wollen. Erst wenn wir es schaffen, sie überhaupt wahrzunehmen, können wir beginnen, ihnen mit Mitgefühl zu begegnen.

Imperfekt vollkommen – so wie wir

In unserer Mitwelt draußen können wir tagtäglich unzählige Formen des Lebens entdecken und beobachten, die keinem Schönheits- oder Erfolgsideal entsprechen. Wir erleben an einem Nachmittag im Park oder Wald eben nicht nur majestätische Tiger die sich vor fast gar nichts fürchten und formvollendete Blüten die wie von Meisterhand gemalt erscheinen – sondern jede Menge Leben im Zustand des “erst Werdens” oder “schon fast wieder Vergehens” – welke Blätter, Spinnen mit fehlenden Beinen, nur für sehr wenige Menschen als “schön” erkennbare Häufchen von Losung und eine endlose Zahl kleinster Lebewesen, deren Besonderheiten sich nur bei ganz naher, geduldiger Betrachtung zeigen.

Und doch wird im Betrachten deutlich, dass alles für irgendjemanden nützlich oder sogar wichtig ist. Ich glaube, dass wir draußen beständig in bunten Farben (und jeder Menge grau, braun und grün) vorgelebt bekommen, wie wirklich alles dazu gehört zum Netz des Lebens. Deshalb gehe ich davon aus, dass die Vertrautheit mit allen Facetten des Lebensnetzes außen (und vor allem auch unsere mitfühlende Haltung den unzähligen dazu gehörenden Wesen gegenüber), es uns viel viel leichter macht, die vielen Facetten unseres Innenlebens ebenfalls mit Mitgefühl annehmen zu können.

 

20. Gelegenheit zum Geben 

Je emotionaler unsere Verbindung zur Natur ist, desto leichter wird die darin wohnende liebe-volle Kraft es uns auch machen können, noch einen Schritt weiter zu gehen und berufliche oder ehrenamtliche Tätigkeiten zu ergreifen, die direkt oder indirekt einen Beitrag zur Erhaltung von Naturräumen, Artenvielfalt oder Fruchtbarkeit der Landschaft leisten kann.

Wie wissenschaftliche Studien mehrfach gezeigt haben, ist Naturverbindung wirklich einer der wesentlichen beeinflussenden Faktoren für handfestes “Umwelthandeln”, also ein umweltschützendes Verhalten.

Das ist für die Welt gut – aber auch für uns selbst?

Tatsächlich hat die Wissenschaft inzwischen ganz klar beschrieben, wie positiv es sich auf unser persönliches Wohlergehen auswirkt, wenn wir etwas verschenken oder für andere tun.

Verschenken bereitet uns sogar mehr Freude, als wenn wir uns selbst etwas Neues kaufen. Dabei geht es nicht einmal primär um das Feedback von Freude durch die von uns Beschenkten, sondern vor allem darum, wie sehr wir selbst davon ausgehen, dass wir jemandem etwas Gutes getan haben.

Stress mildern

Eine Studie in Michigan untersuchte 800 Menschen über einen Zeitraum von einem Jahr. Während allgemein ein höheres Stress-Level zu höherer Sterblichkeit führt, traf dies nicht auf Menschen zu, die anderen halfen. Bei Menschen, die anderen halfen, führte Stress nicht zu einer höheren Sterblichkeit. Für andere da zu sein, scheint uns also dabei zu helfen, so mit Stress umzugehen, dass er unsere Gesundheit weniger beeinträchtigt.

Ich vermute, dass dieser tolle Effekt ganz sicher auch funktioniert, wenn wir etwas für unsere nicht-menschliche Mitwelt tun:

Eine Vogelfutter-Station aufhängen, einen Garten hegen, sogar wenn wir einfach nur für unsere Mitwesen da sind, ihnen unsere Aufmerksamkeit schenken, ihnen zuhören, uns mitfühlend einfühlen, während wir an der Bushaltestelle warten oder auf dem Weg zur Arbeit – alles was wir bewusst und aus dem Wunsch heraus tun, die Existenz der anderen etwas besser zu machen, kann für uns selbst ein kleiner Beitrag sein.

Auch Geld spenden könnt eine Möglichkeit sein, einen Beitrag zu schenken – auch an Initiativen wie die Gesellschaft für bedrohte Völker. (Denn wie aus einem Bericht der UN hervorgeht machen indigene Kulturen zwar nur noch 5% der Weltbevölkerung aus, ihre regenerativen, über Jahrtausende erprobten Landbewirtschaftungsweisen sind jedoch verantwortlich für 80% der weltweit noch vorhandenen Artenvielfalt – dabei sind viele von ihnen bedroht von Landraub aufgrund der Interessen großer Konzerne.)

Und nicht zuletzt kann auch das öffentliche sichtbar machen unserer Sorge für die Erde ein gewichtiger (und für großen Wandel vielleicht sogar notwendiger) Beitrag sein, mit dem wir politische Entscheidungen beeinflussen können, vor allem wenn wir unsere Anstrengungen zusammen mit anderen bündeln, zum Beispiel über die Fridays for Future Bewegung, die inzwischen in zahlreichen Städten weltweit Aktionsgruppen hat.

21. Schönheit finden kann freundlicher machen

In Studien der Universität Berkeley wurde festgestellt, dass die prosozialen Auswirkungen von Natur besonders stark waren, je mehr Schönheit die Teilnehmenden in der Natur sahen: Landschaften oder auch Pflanzen die als besonders schön eingestuft wurden bewirkten, dass die Menschen sich anschließend hilfsbereiter, großzügiger und vertrauensvoller verhielten.

Doch ob und in welchem Maße wir Schönheit wahrnehmen ist individuell verschieden: In anderen Studien zeigte sich, dass es manchen Menschen tendenziell viel leichter fiel als anderen, Schönheit wahrzunehmen – und diese Schönheitsliebenden dann auch weniger materialistisch, oft grundlegend dankbarer eingestellt waren, und sich anderen Gegenüber prosozialer verhielten.

Doch was könnte den Unterschied dafür machen, ob wir selbst empfänglicher für die Schönheit um uns herum sind?

Meine Vermutung ist zum einen, dass das ästhetische Empfinden sich umso mehr Entfalten kann, wenn wir Resonanz von vertrauten Personen spüren, die sich mit uns gemeinsam an der Schönheit erfreuen und durch die Spiegelung sich angenehme Gefühle noch verstärken können – so wie in der Redensart, wo aus geteilter Freude doppelte Freude werden kann.

Außerdem ist es möglich gezielt Ausschau nach Schönem zu halten, und das ist Übungssache: Selbst in einer grauen Wohngegend finden wir dann vielleicht die eine strahlend gelbe und fast symmetrische Löwenzahnblüte.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters” sagt man, und so können wir auch im Körper und den zarten Flügeln einer Stechmücke noch Schönheit erkennen – wenn wir es schaffen, auf die “richtige” Art und Weise hinzuschauen.

22. Aus der Einsamkeit in die Gemeinschaft allen Lebens

Wie wir hinschauen (und hören, spüren und fühlen), und dadurch die Welt um uns herum und unsere Mit-Wesen wahrnehmen, entscheidet auch darüber, wie sehr wir uns allein fühlen, wenn gerade keine anderen Menschen da sind.

Zustände von Einsamkeit breiten sich in der zivilisierten Welt aus wie eine Epidemie, vor allem junge Erwachsene, ältere Menschen, zunehmend auch Kinder und Jugendliche fühlen sich schrecklich einsam und allein.

Für das Erleben von Einsamkeit ist dabei nicht entscheidend, wie sehr wir sozial eingebunden sind, mit wie vielen Menschen wir tagtäglich zu tun haben, sondern der Begriff beschreibt das subjektive, sehr schmerzliche Erleben, dass die eigenen sozialen Bedürfnisse durch die Anzahl und Qualität der bestehenden Beziehungen nicht gestillt werden können.

Dabei kann Einsamkeit ein deutlicher Vorbote von körperlichem Schmerz, Depressionen und Erschöpfungszuständen sein und das Erleben von Einsamkeit kann die Lebenszeit drastisch verkürzen, unter anderem durch Herzerkrankungen, die viel häufiger Menschen treffen, die sich oft als einsam erleben.

Einsamkeit konnte in Studien auch mit der Entstehung von Persönlichkeitsstörungen, Psychosen, Selbstmord, einem Verkümmern kognitiver Fähigkeiten im Alter und Alzheimer in Verbindung gebracht werden.

In einer ab 1938, also über 80 Jahre laufenden Langzeitstudie in den USA wurde erforscht, welche Faktoren Gesundheit und Wohlbefinden beeinflussen und welcher davon wohl der Wichtigste sein könnte. Zu Beginn dieser Studie wäre niemand darauf gekommen, was das ganz deutliche und für viele Menschen aufrüttelnde Ergebnis sein würde. Einer der Forschenden, George Vaillant, formulierte es so: “Als die Studie begann interessierte sich niemand für Empathie oder Bindung. Aber der Schlüssel für ein gesundes Altern sind Beziehungen, Beziehungen, Beziehungen.” 

Beziehungen als Schlüssel

Sein Kollege Robert Waldinger spitzt es noch mehr zu: “Einsamkeit tötet” – weil das Erleben von Einsamkeit die Lebenserwartung so deutlich herabsetze.

In Versuchen wo Menschen durch Hypnose kurzzeitig in Einsamkeits-Zustände versetzt wurden, erlebten diese gesteigertes Stress-Empfinden, Angstzustände, Furcht vor negativer Bewertung, Wut und verringerten Optimismus und Selbstwertgefühl. In einem Artikel dazu heißt es: “Unser soziales Eingebundensein ist wie ein Gerüst für unser Selbst – wird das Gerüst beschädigt, leidet auch unsere Vorstellung von uns selbst darunter.

Auch unsere Beziehungsfähigkeit leidet: Menschen die gerade Einsamkeit erleben waren in einer Studie sogar weniger in der Lage, die beziehungsstärkenden Signale von Partner*innen überhaupt noch wahrzunehmen, selbst wenn diese sehr viel Energie in ihre Botschaften steckten.

Einige Studien der letzten Jahre haben gezeigt, dass es Menschen, die sich einsam fühlen, umso leichter fallen könne, sich mit der Natur in ihrer Gesamtheit verbunden zu fühlen, oder auch die Verbindung zu der (für viele Menschen eher abstrakten Idee) der gesamten Menschheit zu fühlen.

Der Neurowissenschaftler John Cacioppo beschreibt, woran dies liegen könnte: “Einsamkeit ist ein Mechanismus, der unsere Existenz als Menschen unterstützt. Wir können durch sie feststellen, wenn unsere Verbindung mit anderen, für gegenseitige Unterstützung und Schutz gefährdet oder abwesend sind – denn das könnte tötliche Folgen für uns haben.”

Unser inneres Beziehungs-Schutz-System

Das kurzzeitige Erleben von Einsamkeit ist also Teil unserer natürlichen Ausstattung, denn sie kann uns dazu bewegen, unser Beziehungsleben immer wieder bewusst zu nähren und zu stärken.

Gleichzeitig stresst selbst kurze Einsamkeit uns so sehr, dass wir uns erstmal weniger sozial verhalten: “Wenn du dich einsam fühlst, gehst du in Verteidigungshaltung. Unbemerkt für dein bewusstes Denken fokussiert sich dein Gehirn mehr auf den Schutz von dir selbst als auf die Erhaltung der Menschen um dich herum, was dazu führen kann, dass es für andere weniger angenehm ist, mit dir zusammen zu sein.”

Dieser Effekt kann mit der Zeit zu immer mehr Vereinsamung führen.

Wenn Einsamkeit chronisch wird, also über längere Zeiträume erlebt wird, wirkt sie besonders zerstörerisch, und das Gefühl von Einsamkeit kann sich mit der Zeit immer mehr steigern.

In den Jahren als Sobonfu Somé noch lebte sprach sie oft davon, für wie absolut lebensnotwendig Gemeinschaft in ihrem Heimatdorf in Westafrika angesehen wird. Gemeinschaft sei DER Raum in dem andere unsere Gaben empfangen, ein Grundbedürfnis aller Menschen – wenn uns Gemeinschaft fehlt, könnten wir vor Einsamkeit regelrecht verrückt werden.

Cacioppo sagt: “Die wahrgenommene Einsamkeit verstärkt sich, wenn wir niemanden haben, die für uns da sind, oder für die wir da sind. Als Kinder sind wir abhängig von Erwachsenen. Wenn wir selbst erwachsen werden, glauben wir es ginge darum, unabhängig zu werden – König auf unserem eigenen Berg. Aber bei allen sozialen Säugetieren – nicht nur bei uns Menschen – geht es beim erwachsen werden eigentlich vielmehr darum, jetzt selbst zu diesen Personen zu werden, die für andere da sind.”

Wer gehört zu meinem Beziehungsnetz?

Eine Frage, die sich daraus ergibt um Wege aus der Einsamkeit zu finden könnte also sein: Wer sind die Wesen, für die ich da bin?

Und: Wer sind die Wesen, die für mich da sind?

Mit dieser Frage rauszugehen kann unglaublich berührende Erlebnisse ermöglichen:  In den letzten Jahren konnte ich immer wieder Geschichten von Menschen hören, die Bäume, einen Bach, Vögel, Insekten, selbst kleine Pflanzen oder Steine, den Wind, Regen, die Sonne oder andere Sterne für wenige Momente, oft aber immer wieder als  präsente, liebevolle, verlässliche Älteste oder Freunde erlebten.

Unsere Mit-Wesen draußen, und sogar auch die kleinsten Tiere, die uns manchmal bis ins Haus besuchen, ja selbst unsere Zimmerpflanzen können Menschen erleben als Personen, die in seelischen Not-Situationen “einfach für mich da waren.

23. Natur validiert UND erweitert unsere Sichtweise

Wenn wir draußen unterwegs sind verstehen wir unsere Mitwesen nicht nur über ihre Präsenz mit uns, sondern auch über ihre Symboliken. In einer psychiatrischen Klinik war ein Ergebnis eines Garten-Projektes, dass die beteiligten Patient*innen die Erfahrungen draußen nutzten, um anhand der von ihnen selbst entdeckten Symboliken über ihre eigenen Leidensweg zu reflektieren und daraus neue Erkenntnisse für sich zu sammeln.

Wenn wir mit Naturverbindungs-Praxis draußen unterwegs sind, also in Kontakt und Verbindung gehen wollen, entdecken wir nach meiner Erfahrung nach oft spontan etwas, das unserem inneren Erleben sehr nahe kommt, ein anderes lebendes Wesen, dass ähnliches durchzumachen scheint.

Meine Vermutung ist, dass diese Begegnungen uns die so wichtige Erfahrung ermöglichen können, mit unseren Gefühlen und Emotionen validiert zu werden.

Validieren ist ein Fachbegriff für das Bestätigen oder Bekräftigen der Gefühle meines Gegenübers. In vielen Kommunikations-Schulen ist es ein wesentlicher Schritt um dem anderen zu helfen, sich überhaupt erstmal gehört und verstanden zu fühlen (als Grundvoraussetzung für eine spätere Einigung).

Eine vielfach erlebte Symbolik, aus der viele Menschen Trost und Zuversicht ziehen, ist das Entdecken von “alten, vernarbten Wunden” im Stamm von Bäumen. Der Zusammenhang zwischen einer früheren Verletzung und der Narbe die daraus erwachsen ist, die den Baum “so viel interessanter” oder “schöner” macht, inspiriert Menschen immer wieder dazu, ihre eigenen, oft seelischen Narben liebevoll annehmend oder sogar wertschätzend zu betrachten.

Wir können also im Idealfall eine Verbindung aus Validieren sowie einer Erweiterung unserer eigenen Perspektive erleben. Vielleicht könnte unsere Naturbegegnung es uns auf diese Weise möglich machen, schöpferischer mit einer Situation umzugehen und lebensfreundlichere Entscheidungen zu treffen.

24. Bedeutung verleihen als menschliches Grundbedürfnis 

Menschen scheinen es zu lieben, Muster zu erkennen. Viele von uns suchen (auch unbewusst) nach Bedeutung in allem was uns umgibt: Wolkenbilder, das für uns so normale Lesen von Buchstaben, die Wörter und ganze Texte ergeben, Charakteristika in unseren Namen, Gesichter die für uns in der Maserung von Holzbrettern oder in Alltagsgegenständen auftauchen, auch das Herleiten von Persönlichkeitstypen anhand von Geburtsdatum und -Ort, Orakeln mit Bleigießen in der Silvesternacht und so vieles mehr können wir entdecken oder erfinden, mit dem wir unser Bedürfnis nach Bedeutung stillen können.

Gerade im Bereich der Trauma-Therapie ist seit langem bekannt, dass unsere Fähigkeit, auch den schlimmsten Geschehnissen eine lebensförderliche Bedeutung zu verleihen einen wesentlichen Unterschied dafür macht, wie gut wir Schicksalsschläge überstehen und trotz ihrer Schrecklichkeit wieder zu Lebensfreude finden können.

Wichtig ist meines Erachtens dabei, dass Bedeutung und Sinn nicht einfach nur “gefunden” werden können, als ob sie schon von Vornherein existieren würden. Wenn ein Kind vernachlässigt oder missbraucht wird, hat dieses tragische Geschehen in sich keinen Sinn, es ist im Gegenteil zutiefst sinn-los.

Es liegt bei uns selbst

Nur die betroffenen Personen selbst können eines Tages als Teil von ihrem Selbstheilungsprozess wählen und entscheiden, welche Bedeutung, welchen Sinn sie dem Geschehenen geben wollen – eine Wahl die, so beschreibt die Trauma-Forscherin Judith Herrmann es in ihrem Buch, viel Energie für den weiteren Lebensweg freisetzen kann.

Auch unseren kleinen Schicksalsschlägen und Herausforderungen, wie auch den angenehmen Überraschungen des Lebens können wir Bedeutung geben (und tun dies oft unbewusst).

Hier kann unsere Verbindung zur Natur helfen, uns eine Vielzahl von symbolischen Möglichkeiten zur Auswahl zu zeigen – ohne uns eine bestimmte davon aufzudrängen.

Als Mutter eines Teenagers kann ich selbst wählen, ob ich mich mit den Vogeleltern identifiziere, die jetzt im Herbst so viel unbeschwerter zu sein scheinen, wenn endlich die Jungen aus dem Nest sind – oder mit den Wölfen, deren Jungtiere viel langsamer zu lernen scheinen, was man so zum Leben braucht, und oft noch recht weit bis ins Erwachsenenalter hinein mit den Eltern rumhängen.

Ich kann auf beide Bilder (und auf noch viele andere) zugreifen, um wann immer ich Bedarf habe, für mich passende, hilfreiche Bedeutungen zu finden – und auch mehrere davon nebeneinander zu stellen, wenn es dienlich oder gebraucht erscheint.

Unkonventionelle Bilder

Bilder aus der Natur sind zudem Eindrücke und Erfahrungen aus einer Daseins-Welt, wo Konsum, Trends und Mode keine Rolle spielen – wir also dem erdrückenden Raster von teilweise sogar gegensätzlichen Ansprüchen, welches unser tägliches Leben gerade im Internet-Zeitalter fest umklammert hält, ein Stück weit entkommen können.

Und dank der mannigfaltigen Vielgestalt und Wandelbarkeit von Bildern aus der natürlichen Welt, weiß ein Teil in mir ganz genau, dass welche auch immer ich mir wähle, auch immer nur Symbole sind. Ich vermute, dass es Menschen deshalb leichter fallen könnte, selbst gewählte Bilder aus der Natur bei Bedarf durch andere zu ersetzen – anstatt auf dogmatische Weise an ihnen festzuhalten.

Denn eine der wichtigsten Fragen fürs Bedeutung verleihen ist meines Erachtens nach nicht nur: “Welche Bedeutung wäre für mich persönlich die hilfreichste oder angenehmste?” sondern vor allem:

Welche Bedeutung könnte für mich selbst UND die anderen hilfreich sein (also für Menschen und andere Wesen, die von meinem Denken und Handeln betroffen sind, ebenso wie das größere Ganze)?

Für ebenso wichtig halte ich es, einmal gefasste Antworten immer (mal) wieder zu hinterfragen und zu überprüfen, ob sie immer noch stimmig sind, immer noch hilfreich für mich selbst und die anderen? Oder ob es ansteht, sie zu erweitern oder meine Suche nach Bedeutung zu vertiefen oder ganz neu auszurichten?

25. Natur als Mentorin  

Wenn wir uns mit einer Gruppe von Menschen aufmachen, zu erforschen, was es heißt, andere auf deren Lern- und Lebensweg zu begleiten, sind eine wichtige Einladung und Frage ganz am Anfang dieses Prozess: “Welche Wesen findest du draußen in der Natur, die für dich selbst Mentor*innen sein könnten?”

Wir wissen nicht, ob die vielen berührenden und manchmal auch humorvollen Erlebnisse, die durch das Erforschen dieser Aufgabe möglich werden, einfach ein Widerhall der eigenen inneren Mentor*innen-Weisheit sind – oder ob Bäume, Steine, Vögel, Erde oder Himmel tatsächlich auf einer Ebene wirklich für uns als Menschen da sind.

Unsere Erfahrung zeigt jedenfalls, dass unsere Wahrnehmung der Natur und ihrer Bedeutungsebenen mit unserem eigenen seelischen Reifungsprozess nicht nur passgenau mitzuwachsen, sondern oft einen Schritt voraus zu sein scheint – im Beziehungsraum zwischen ihr und uns wohnt etwas, was als nächstes passieren könnte.

Denn Natur lockt uns: Mit Gelegenheiten zum Klettern, zum Sammeln, zum Jagen (was meistens wohl eher ein etwas Einfangen ist), zum Entdecken, Abtauchen und – für viele Erwachsene besonders relevant – zum einfach durch sie hindurch Laufen.

Impulsen folgen

Inmitten der Natur wählen wir uns einen Weg (oder ein Ziel), welche unseren Vorlieben entsprechen, und unsere Mitwesen sind mit dabei. Wenn wir sie wahrnehmen und ernst nehmen, können wir das Gefühl erleben, auch von ihnen bezeugt zu werden, und je mehr wir selbst darin geübt sind, vieles wahrzunehmen, desto bunter und vielgestaltiger kann das Bild werden, in dessen Mitte wir uns wiederfinden:

Indem wir beispielsweise das Alarmsystem der Natur verstehen lernen: Wenn wir wissen wie die Amsel reagiert, wenn wir gestresst an ihr vorbei hasten (oder achtsam gehen), wird es uns möglich auch unsere eigenen Auswirkungen auf sie (und alle anderen) zu erkennen und bewusst(er) zu gestalten.

Indem wir den Fährten des Fuchses durch den Schnee folgen lernen, können wir vielleicht irgendwann erkennen wie er auch unsere Fußspuren wahrnimmt und sich auf eine bestimmte Weise dazu verhält.

Wenn wir mit unsern Mitwesen in Verbindung sein wollen und dem aktiv nachgehen, können wir beständig und lebenslang daran wachsen und reifen – wir können in ihrer Mitte die Heldenrolle in unserer eigenen Lebensgeschichte spielen und dabei doch immer wieder deutlich wahrnehmen, dass wir nur ein winziger Faden in einem riesig großen und überwältigend schönen Netz sind, das alle lebenden Wesen umspannt.

26. Im Kreis der natürlichen Zyklen

Es kann tröstlich und erhebend zugleich sein, natürliche Rhythmen, Muster und Kreisläufe zu erforschen, und sehr inspirierend dazu.

Wir kennen die meisten von ihnen bereits aus unserem inneren Erleben. Wir haben in uns ein Herz und eine Lunge, die sich rhythmisch zusammenziehen und wieder ausdehnen, spürbar über unseren Puls und unseren Atem, so sind wir vertraut mit Wellenbewegung in all ihren Erscheinungsformen.

Die Drehungen um die Erdachse schenken uns nicht nur Tag und Nacht, sondern ganz unterschiedliche Tages-Phasen, den zarten aber kraftvollen Sonnenaufgang, der nach dem Dunkel der Nacht das Licht zurück bringt, einen Vormittag mit zunehmender Helligkeit und Wärme schenkt, die ihren Höhepunkt am frühen Nachmittag findet, kurz bevor das Licht die Welt golden aufleuchten lässt, wenn der Sonnenball hinter den Horizont sinkt, und wir nach und nach immer mehr Sterne am schwarz werdenden Nachthimmel erkennen können.

Die Wanderung unseres Planeten um die Sonne schenkt uns die Jahreszeiten, vier davon in unserem Teil der Erde, und Übergangszeiten zwischen ihnen. Je mehr wir verbunden sind mit dem Rhythmus, den Erscheinungen von Frühling, Sommer, Herbst und Winter, desto leichter können wir ihre Qualitäten und Eigenheiten auch in uns selbst erkennen und mit ihnen schöpferisch umgehen lernen.

Ein Teil des großen Ganzen

Auch die Verbindung zu den Rhythmen der Natur kann uns ermöglichen, den größeren Kontext zu erfassen, nicht nur auf die Wahrnehmung unseres kleinen Selbst beschränkt zu sein, sondern mit Ehrfurcht zu erkennen, wie sehr unser inneres Erleben nicht nur dem Ablauf des großen Ganzen entspricht, sondern sogar ein Teil davon ist, als würden wir ein Instrument spielen inmitten eines gigantischen Symphonie-Orchesters.

Jahreszeitliche Veränderungen wurden und werden in vielen Teilen der Erde gefeiert, und meine Vermutung ist, dass dies nicht nur dabei hilft, das zu würdigen, was die Natur für unsere menschlichen Bedürfnisse bereit stellt (nämlich im Grund alles was wir brauchen und gebrauchen!).

Ich glaube, dass das Feiern dessen was um uns herum geschieht es außerdem so viel leichter macht, die Dynamik in unserem Inneren zu erkennen, zu verstehen und auf lebensförderliche Weisen mit ihr umzugehen.

Wandel miterleben

Wir können ein Jahr lang immer wieder eine Linde besuchen, im Frühling von ihren zart-grünen Blättern naschen, im Frühsommer den Duft ihrer Blüten schnuppern, umsummt von Bienen und anderen Insekten ein paar davon für Tee einsammeln, später den Sommer-Wind die zarten Samen fortblasen sehen, die Knospen fürs neue Jahr entdecken (lange bevor im Herbst die Blätter abfallen), später miterleben, wie das Laub immer weiter aufgeknabbert und zerlöchert wird, bis der Rest sich endlich im Herbst goldgelb färbt und hinuntersegelt, wovon das meiste am Boden schnell zersetzt wird… und dann monatelang warten und warten und warten, wie die Linde die Kälte und Dunkelheit überdauert, bis irgendwann im Vorfrühling ganz allmählich die Knospen beginnen zu schwellen, als Vorboten für das neue Grün des neuen Jahres.

Ich glaube solch ein bewusstes Mit-Erleben kann helfen, sogar inmitten einer auf Leistung, Erfolg und Produktivität orientierten Gesellschaft ein Gefühl von Frieden und sogar Freude am eigenen Winter zu finden – der auch mindestens einmal im Jahr kommt und uns zu Ruhe und Abwarten im Außen einlädt, bis Sonne und Wärme zurückkehren. Und dabei inmitten dieser stillen Zeit vielleicht einen tieferen Zugang zu uns selbst zu finden, um unsere innere Ausrichtung zu erneuern und auf diese Weise Kraft fürs neue Jahr zu tanken.

27. Endlichkeit & beständiges Entstehen neuen Lebens

Wir alle werden eines Tages sterben und die Mehrheit der Menschen scheint diese Tatsache im Alltag weitgehend auszublenden. Hunderte von Studien haben sich in den letzten Jahrzehnten damit beschäftigt was passiert, wenn das Bewusstsein eines nahenden Todes uns doch erreicht, Menschen sich also vorstellen, sie würden bald sterben.

Viele der frühen Ergebnisse deuteten daraufhin, dass Todesnähe vor allem Angst in Menschen schürt: nationalistische und rassistische Vorurteile und Urteile über andere religiöse Gruppen oder Altersgruppen würden verstärkt, wir identifizierten uns stärker mit unserer jeweiligen In-Group, verteidigten unsere eigenen Standpunkte vehementer und egal welcher politischen Strömung wir angehörten, würden wir wir uns leichter konservativen Strömungen und Personen zuwenden. Menschen die in einer Studie die Möglichkeit hatten jemand anders zu bestrafen, wählten eine durchschnittlich fast zehnmal so hohe Strafe (es ging um einen Geldbetrag) wie die Kontrollgruppe, die nicht mit dem eigenen Sterben konfrontiert war.

Die diesen Studien zugrunde liegende “Terrormanagement Theorie” geht davon aus, dass ein Großteil des menschlichen Verhaltens darauf zurückzuführen ist, dass wir uns dem Tod auf keinen Fall stellen wollen.

Gleichzeitig betont einer der Begründer der Theorie, Sheldon Solomon, dass wir sogar Frieden und Mitgefühl fördern können, wenn wir den uns und unseren Liebsten bevorstehenden Tod eben nicht ausblenden, sondern vielmehr anerkennen.

Uns alle erwartet der Tod

Als Menschheit säßen wir alle im selben Boot – einem “sinkenden Boot” wie er sagt. Uns daran zu erinnern könne unseren Sinn für Gleichwürdigkeit und Gemeinsamkeit stärken.

Viele jüngere Studien haben deutlich positive Auswirkungen einer Konfrontation mit dem nahenden Tod feststellen können, beispielsweise, dass in uns das Bedürfnis stärkt, ein Erbe zu hinterlassen, was mit mehr Motivation gesund zu leben und auch mit dem Wunsch nach spirituellem Wachstum einhergeht.

In anderen Studien wurde beschrieben, dass Menschen sich stärker ihren positiven Werten entsprechend verhalten, ihren Fokus auf den Aufbau unterstützender Beziehungen setzen, sich für die Entwicklung friedvoller, gemeinnütziger Gemeinschaftsprojekte einsetzen und insgesamt offene und auf Entwicklung ausgerichtete Verhaltensweisen praktizieren.

Forschende an der Universität in Amsterdam kamen zu dem Schluss, dass wir angesichts des Todes unser Bedürfnis nach Eingebundensein in eine Gemeinschaft so stark würde, dass Menschen sogar bereit wäre, vorgefasste Meinungen und Weltsicht unterzuordnen, um dazugehören zu können.

Die Vorstellung vom eigenen Tod kann außerdem ein kraftvoller Auslöser für intensive Dankbarkeit sein, sogar für Menschen denen es gerade (oder allgemein) schwer fällt, Dankbarkeit zu empfinden.

Der Psychologe Steve Taylor interviewte für ein Buch eine Reihe von Menschen, denen der Tod in Form von Krankheit oder Unfällen nah gekommen ist.

Sie beschrieben eine “transformative Wirkung” und sprachen ebenfalls von enormer Dankbarkeit, auch von einer veränderten Wahrnehmung der Welt als “echter”, “lebendiger“, “voller Schönheit“.

Sorgen und Ängste die sie vorher bedrückten seien wie verschwunden gewesen, beispielsweise ob andere Menschen sie mögen könnten oder nicht, dass sie beruflich scheitern könnten, oder Sorgen über Erlebnisse in der Vergangenheit, die jetzt einfach nicht mehr wichtig erschienen.

Was uns wirklich wichtig ist

Taylor fasst es als Wandlung auf, weg von egozentrischen und materialistischen Einstellungen, hin zu einer weniger selbstsüchtigen, mehr altruistischen Haltung, verbunden mit einem Loslassen – von Ängsten, Ehrgeiz, Konzepten oder Status.

Er zitiert den Rockmusiker Wilko Johnson, der einige Monate zuvor eine Krebsdiagnose bekam und im Interview mit der BBC erzählte:

Wir verließen den Raum und ich fühlte wie sich meine Stimmung hob. Du läufst einfach und fühlst dich plötzlich so unbändig lebendig. Du siehst die Bäume und den Himmel und alles und es ist einfach whoah! Ich hab den Großteil meines Lebens in Depressionen versunken zugebracht, aber das ist alles weg.… Sachen die mich runtergezogen haben oder mich besorgt oder genervt haben, die machen mir nichts mehr aus – und dann fragst du dich: Wow, warum hab ich das nicht vorher verstanden? Warum hab ich nicht früher kapiert, dass es nur jeder einzelne Moment jetzt ist, der wirklich wichtig ist?

Die wesentliche Frage die sich stellt ist, wie ein Bewusstsein für den Tod so viel negative Auswirkungen in manchen Situationen haben kann und in anderen das Gegenteil zu bewirken vermag?

Und natürlich: Was das alles mit Naturverbindung zu tun hat? 🙂

Taylor erklärt, dass die Intensität unserer Begegnung mit der Sterblichkeit eine Rolle spielen könnte.

Ängste würden vorherrschen, solange wir auf passive und vage Weise an den Tod dächten, statt uns ihm gefühlsmäßig zu stellen.

Er schreibt: “Wenn wir uns dem Tod aktiv und unmittelbar stellen, dann haben wir die Chance unsere Ängste und Unsicherheit zu transzendieren und das transformative Potential zu erleben.

Auch eine akzeptierende Haltung sei wichtig, dem Unvermeidlichen nicht widerstehen zu wollen.

Am schönsten sei es natürlich, die tiefe Wandlungskraft des Todes ein Stück weit erleben zu können, ohne tatsächlich zu sterben. Dafür sei es wichtig, uns eben frühzeitig im Leben immer wieder bewusst an unsere Sterblichkeit zu erinnern.

Dem Tod immer wieder begegnen

Was könnte sich dafür besser eignen als die tägliche, gefühlsbetonte Wahrnehmung und Verbindung zur Natur um uns herum – die ja in einem beständigen Prozess des Werdens UND Vergehens und Sterbens existiert.

In dieser Jahreszeit, dem grauen, kalten, dunklen Spätherbst ist dies besonders deutlich spürbar. Nicht ohne Grund ist es die Zeit der Toten- und Ahnenfeste und auch die Zeit in der wir unser Trauer-Feuer feiern (im nächsten Jahr wieder).

Was könnte uns eindrücklicher an unsere eigene Sterblichkeit erinnern als mit zu erleben, wie fast alles Leben verschwindet und sich tief in den Schoß der Mutter Erde zurück zieht?

Noch eine Beobachtung: Eine Studie in den Niederlanden hat gezeigt, dass die Selbstmordrate sinkt, wenn viel “Grün” am Lebensort zugänglich ist.   

Vielleicht könnte dies damit zu tun haben, dass Natur uns auch immer wieder vorlebt, wie selbst nach dem tiefsten Winter und der größten Kälte neues Leben geboren wird?

28. Spiritualität spüren  

Naturverbindung bedeutet, die Welt da draußen nicht nur als Um-welt zu sehen, als Reservoir für wertvolle, dem Menschen nützliche Ressourcen, das wir schützen und managen sollten. Sie ist auch nicht nur Erholungsraum, XXL-Fitnessstudio oder malerische Kulisse für unsere ästhetischen Gelüste.

Durch die Vertrautheit mit Orten und ihren Lebewesen können wir viel mehr auch eine tiefe emotionale Bindung entwickeln, die nicht nur Kindern ein Gefühl des verwurzelt und gehalten seins in der Welt schenken kann.

Ebenso ist es möglich, noch einen Schritt weiter zu gehen, wenn wir uns der Möglichkeit öffnen, dass die gesamte Welt, in der wir leben, beseelt sein könnte.

Eine Grundsäule der Naturverbindungspraxis ist es, uns in ein spirituelles Zwiegespräch mit unserer Mitwelt zu wagen, so wie es Menschen seit dem Anbeginn der Zeiten in allen Teilen der Erde getan haben – vielleicht sogar schon die Neanderthaler, worauf ein schier unfassbarer, etwa 170.000 Jahre alter Fund in einer Höhle in Frankreich hinzudeuten scheint.

Die Vermutung liegt sehr nahe, dass die Voraussetzungen für spirituelles Erleben ein Teil der menschlichen biologischen Grundausstattung sind. Für mich bedeutet dies vor allem, in Verbindung mit etwas sein zu können – und zu wollen – das mehr ist als das physisch in jedem Moment Wahrnehmbare.

Können wir das Unhörbare erlauschen lernen, das Unsichtbare sehen lernen?

Für mich sind die Wurzeln der menschlichen Spiritualität in unseren Fähigkeiten begründet: mentale “Zeitreisen” durchzuführen, allein mit unserer Vorstellungskraft etwas “in den Raum zu holen” und zudem über unsere “normalen” Sinne, aber auch unser “Bauchgefühl” und andere Nervengeflechte im Körper Sinnesreize wahrzunehmen und mit Hilfe unseres großartigen Großhirns, vor allem des Stirnlappens zu interpretieren – ein Teil von dem was wir “Intuition” nennen könnten.

Wir Menschen “können” Spiritualität, und die Existenz unzähliger spiritueller Traditionen überall auf dem Erdball weist darauf hin, dass wir sie vielleicht sogar brauchen, es zumindest in vielen Personen ein Bedürfnis danach gibt.

In Mitteleuropa ist ein Begriff, der in zahlreiche Mythen und Sagen auftaucht, die “Anderswelt”. Natürlich weiß niemand ganz genau was die Anderswelt ist oder könnte eine Theorie dazu beweisen – für mich ist eine mögliche Deutung, dass der Begriff für eine weitere Ebene zur Welt des Sichtbaren, in die Einzutauchen ein noch intensiveres und auch anderes Erleben eines Ortes, seiner Wesen und auch von uns selbst bedeutet.

Die Anderswelt zu besuchen könnte beispielsweise bedeuten, Melodien oder Flüstern im Wind zu erlauschen, an einem Ort etwas Geheimnisvolles zu erspüren oder uns Menschen ganz nah zu fühlen, die in dieser Welt schon verstorben sind und insgesamt unserem eigenen Wesenskern und dem Wesen der Welt ein bisschen näher zu kommen.

Auch das Wahrnehmen der Lebenskräfte, die allem innewohnen, des Göttlichen oder einer Liebe in den Orten und Lebewesen kann ein Ausdruck unserer spirituellen Beziehung zur Landschaft sein.

29. Spiritualität kann Halt geben

Zahlreiche wissenschaftliche Berichte deuten daraufhin, dass Spiritualität sich positiv auf die seelische Gesundheit von Heranwachsenden auswirkt.

In einer Studie zeigten Dialyse-Patient*innen in deren Leben Spiritualität oder Religiösität eine große Bedeutung hat, ein niedrigeres Risiko für Selbstmord und allgemein bessere seelische Gesundheit.

Eine andere Studie kam zu dem Schluss, dass Spiritualität oder Religiosität allgemein für Menschen mit chronischen Erkrankungen Linderung ermöglichen könnten, sie insbesondere dabei unterstützen, Bedeutung zu verleihen, Zuversicht zu bewahren und eine Gefühl von innerem Frieden zu erleben.

Einige Forscher vermuten, dass für die positiven Auswirkungen insbesondere das Eingebundensein in ein religiöses System positive Auswirkungen hat.

Die britische Mental Health Foundation kommt zu dem Schluss, dass Spiritualität vor allem dann hilfreich sein könne, wenn sie die persönliche Selbstermächtigung unterstütze, Vielfalt bekräftige und umarme, und die Wichtigkeit von Hoffnung, Vergebung und Sinnhaftigkeit unterstreiche.

30. Die eigene schöpferische Kraft stärken 

Eine mögliche Erfahrung für Selbstermächtigung kann es sein, uns nicht nur als Teil der Schöpfung zu erleben, sondern uns selbst als zutiefst schöpferische Wesen zu erfahren.

Überall auf der Erde wo Menschen leben ist Kultur entstanden, und aus dem schöpferischen Wirken erwuchsen (und tun dies heute noch) kulturelle Elemente, Kulturgüter und Schätze, wie Lieder, Geschichten, Poesie, Gegenstände, Kunstwerke, Kochrezepte, Rituale und Bräuche.

Auch die Art und Weise, wie wir Orte gestalten, Pflanzen kultivieren, Behausungen bauen und Räume einrichten, technische Geräte erfinden oder neue Methoden um dies und jenes zu vollbringen entwickeln und verfeinern sind möglich durch unseren Erfindungsgeist und die Fähigkeit, immer wieder Neues hervorzubringen.

Und kreativ sein tut uns gut:

Eine Studie mit jungen Studierenden in der Woche vor ihren Abschlussprüfungen zeigte, dass selbst eine kurze schöpferisch-künstlerische Tätigkeit ihre Anspannung und Ängstlichkeit gravierend verbessern konnte (verglichen mit einer Kontroll-Gruppe, die in der Zeit keine Kunst betrieben).

In Interviews mit Menschen die kreative Berufe ausüben wurde festgestellt, dass Natur sich bestärkend auf deren Kreativität auswirke, vor allem in den ersten beiden Phasen eines schöpferischen Prozesses, nämlich der Vorbereitung und der Inkubation (dem Ausbrüten der Inspiration.)

Auch die Verknüpfung von künstlerischen Aktivitäten und Natur konnte in Studien als deutlich unterstützend für das seelische Wohlbefinden von Menschen erprobt werden, die sich in psychologischer Behandlung befanden.

In den USA gibt es einen Test, um das kreative Potential einschätzen zu können, wobei gemessen wird, wie viele Einfälle die Personen zu assoziativen Fragen haben. Studierende, die ihren Test nach vier Tagen Outdoor-Zeit machten erreichten 50% höhere Ergebnisse als die Kontrollgruppe, die vor der Wandertour getestet wurden.

Kreativität lebendig halten

Viele Forschende gehen davon aus, dass Kreativität nicht im Laufe des Lebens erlernt wird – sondern vielmehr verlernt.

1968 starteten George Land und Beth Jarman eine Langzeitstudie, für die sie 1.600 5-jährigen einen Kreativitätstest machen ließen – welcher von der NASA genutzt wurde, um innovative Ingenieur*innen und Wissenschaftler*innen zu finden. Das erstaunliche Ergebnis war, dass 98% der Kinder als “hoch kreativ” abschnitten.

Dieselben 1.600 Kinder wurden im Alter von zehn Jahren erneut getestet – diesmal erreichten nur noch 30% von ihnen den “hoch kreativen” Bereich und mit 15 Jahren schaffen es nur noch 12% von ihnen.

Das Ergebnis wurde mit dem von 280.000 Erwachsenen verglichen, die den Test auch absolviert hatten, und von denen nur 2% als “hoch kreativ” abgeschnitten hatten.

Was ist eigentlich Kreativ?

Beim Begriff Kreativität denken viele Menschen erst einmal an Malen, Basteln oder andere Formen von künstlerischem Ausdruck.

Dabei kann alles was wir erschaffen von Kreativität getränkt sein: Das Essen, das wir kochen, die Art und Weise wie wir Geschirr abspülen, unseren Garten bestellen, unserer beruflichen Tätigkeit nachgehen, welche Projekte und Initiativen wir in die Welt bringen und auch wie wir innerhalb der schon existierenden Projekte und Lebenskontexte uns verhalten.

Wenn wir uns mit der Natur verbinden, können wir einen Zauber darin entdecken, wie besonders jedes Wesen ist (zum Beispiel die vielgestaltigen Insekten!) und wie einzigartig sein Beitragen zur gesamten Lebensgemeinschaft ist.

Neben dem inneren Zustand von entspannter Aufmerksamkeit, den uns das draußen sein ermöglichen kann, sind wir umgeben von zahllosen Türchen hinter jeder von denen Inspiration auf uns wartet, die uns nicht nur in Staunen und Ehrfurcht versetzen könnten, sondern auch anregend auf unsere Kreativität sind.

Menschen waren schon immer kreativ

Selbst in den ältesten menschlichen Kulturen, bei Jäger und Sammler Völkern, spielt Innovation eine große Rolle – was sicherlich ein Hauptgrund dafür ist, dass sie auch in den unwirtlichsten Gegenden der Erde leben, gedeihen und die Fruchtbarkeit und Artenvielfalt der Landschaft erhalten können. Immerhin findet sich 80% der Biodiversität der Erde in den nur 25% der Landmasse ausmachenden Regionen, die von indigenen Völkern bewirtschaftet werden.

Forschende beschreiben, dass Jäger-Sammler-Kinder vorwiegend durch selbstbestimmtes Entdecken lernen würden, durch Spiel und Ausprobieren von immer neuen Möglichkeiten, wobei Gleichaltrige und Erwachsene auch Wissen weitergäben – was beste Voraussetzungen für innovatives Verhalten seien.

Meine Erfahrung im Bezeugen von Naturhandwerks-Projekten ist, dass egal ob wir Rasseln bauen, Löffel schnitzen oder Körbchen flechten – die Natur mit ihrer ungeheuren Vielgestaltigkeit (auch in den verwendeten Materialien) unserer eigenen Kreativität kräftig unter die Arme greift!

Denn jedes einzelne gefertigte Ding, egal sogar wie viel Unsicherheit, Frust und Zweifel im für viele Menschen ungewohnten Herstellungsprozess durchlebt wurden, ist am Ende ein faszinierendes Unikat, einfach etwas ganz Besonderes – so wie die Person, die es gemacht hat.

31. Besondere Begegnungen

Wenn wir unsere Verbindung zur Mitwelt nähren und stärken, stellen wir die Weichen für besondere Begegnungen, die überraschend un unvergesslich sein können. Nicht selten geschehen sie in Momenten, wenn Menschen sie auch gerade dringend gebrauchen können.

Es kann eine Gipfelerfahrung werden, wenn sich ein Schmetterling auf mich setzt, oder eine Biene mich besucht, oder der Wind in genau dem “richtigen” Moment auffrischt und mir deutlich übers Haar streicht, oder ein fast unmerklich zarter Regen in winzigen Tropfen mein Gesicht benetzt.

Und manchmal passieren Ereignisse, die so ungewöhnlich oder besonders erscheinen, dass sie kaum zu glauben sind: Ein wilder Iltis beschnuppert uns, ein Mauswiesel hüpft uns auf den Schoß, ein Fuchs oder Reh legen sich im Wald ganz nah bei uns schlafen, wir spüren den Flügelschlag eines Vogels auf der Haut, seine Federn die uns im Vorbeifliegen berühren, oder ein Dachs läuft auf seinem Weg dreist mitten unter unseren Beinen hindurch…

Solche Geschichten können zu lebenslangen Erinnerungen werden, die dem draußen Sein und unserm gesamten Leben einen gewissen Zauber verleihen können.

Es sind Erlebnisse, die wie Schätze funkeln, von vielen Menschen auch wie Schätze gehütet werden und uns in Momenten wo wir uns einsam und verlassen fühlen helfen können, eine sanfte Wärme zurück in unser Bewusstsein zu holen, verbunden mit der Erinnerung daran, dass uns einmal so viel Glück zuteil wurde – und vielleicht schon bald wieder wird.

Auf die Verbindung kommt es an  

Je näher ich mich meinen Mit-Wesen fühle, desto stärker wirken die ohnehin wohltuenden Effekte des Draußenseins auf mich. In einer Studie von 2014 wurde für Menschen durch Befragung der Grad ihrer “Nature Relatedness” ermittelt und dann festgestellt, dass die Personen mit stärkerer Naturverbundenheit deutlich weniger unter Ängsten litten.

Nature Relatedness wird beispielsweise auf folgende Weise ermittelt: Teilnehmende beantworten die Frage: “Wie verbunden bist du gerade mit der Natur?”, indem sie eines von sieben Bildern mit je zwei Kreisen auswählen, wobei einer der Kreise das Wort “Selbst” enthält, der andere das Wort “Natur”. In jedem Bild sind die beiden Kreise etwas anders zueinander positioniert, stehen vollkommen eigenständig da oder überlappen einander, das letzte Bild symbolisiert dabei ein vollständiges Verbundensein (“interconnectedness”) von Natur und Selbst.

Eine Beziehung zur Natur scheint es wahrscheinlicher zu machen, dass Menschen überhaupt rausgehen und Grünräume besuchen – und das draußen sein wiederum kann unser Gefühl, in Beziehung mit der Mitwelt zu sein verstärken.

Miles Richardson und die von ihm begründete Nature Connectedness Research Group in Großbritannien erforschen seit dem Jahr 2000 die Auswirkungen einer bewussten Verbundenheit mit der Natur.

Bewusstseins-Zustand für das Inter-Verbundensein

In einem Artikel über ihre Arbeit wird Naturverbindung (“Connectedness with Nature“) als ein “fortdauernder Bewusstseinszustand, welcher miteinander verknüpfte kognitive, affektive und erfahrungsbasierte Merkmale aufweist, die gekennzeichnet sind durch konsistente Einstellungen und Verhaltensweisen eine nachhaltige Aufmerksamkeit und Achtsamkeit für das Inter-Verbundensein zwischen dem eigenen Selbst und dem Rest der Natur“.

In der Auswertung von 50 Studien, in die über 16.000 Menschen einbezogen wurden, haben sie nachweisen können, dass Naturverbindung unter anderem zwei ganz grundlegende Aspekte zum Glücklichsein verstärke: Eudaimonie (eine tiefe Freude, die sich bei sinnhaftem Wirken einstellt), und ebenso auch ein stärkeres Erleben von persönlichem Wachstum.

Gemeinsam mit vielen anderen Organisationen in Großbritannien haben sie einen nationalen Indikator für Naturverbindung entwickelt, den Nature Connectedness Index.

Für Menschen in städtischen Lebensräumen stellten sie für eine weitere Studie eine App zur Verfügung, die mehrmals täglich Impulse gab, im jeweiligen Moment etwas von der Natur in der Stadt und das Gute daran bewusst wahrzunehmen.

In einer begleitenden Studie konnte gezeigt werden, dass sowohl direkte, als auch über den Zeitraum eines Monats fortdauernde Verbesserungen für seelische Gesundheit und Wohlbefinden für die teilnehmenden Personen erreicht werden konnten.

Für mich weisen die Ergebnisse der Nature Connectedness Forschungen darauf hin, dass all die ohnehin positiven Effekte des Natur-Kontakts vielleicht umso intensiver wirken, je stärker wir uns Natur mit unserer Mitwelt verbunden fühlen und uns dessen gewahr sind, dass wir selbst ein Teil davon sind.

Gut für alle!  

Das wunderbarste ist vielleicht, dass all das, was uns also so richtig gut tut, ganz klar auch den “anderen” nutzt. Von Teilnehmenden in einer Studie die sogenanntes “Umweltwissen” erwarben, also neue Informationen darüber, was der Natur nutzt oder schadet, ließen sich nur 2% der Personen davon so beeindrucken, dass sie ihr umweltschutz-relevantes Verhalten dadurch veränderten.

Wuchs jedoch ihre Verbindung zur Natur, waren ganze 69% der teilnehmenden Menschen bereit, ihr Alltagsverhalten zugunsten des Umweltschutzes zu verändern.

Naturverbindung wurde somit als ein verlässlicher Vorbote für verantwortungsvolles Umweltverhalten beschrieben.

 

Möchtest du mehr darüber lernen, wie wir Menschen auf deren Lern- und Lebensweg unterstützen
und begleiten können? Dann könnte dir unser Online-Paket zum Thema Mentoring gefallen….

 

Die Empfehlungen in diesem Text ersetzen keine therapeutische Begleitung.

Wenn du das Gefühl hast, unter Angstzuständen, Depressionen oder anderen schwer auszuhaltenden seelischen Zuständen zu leiden – wisse, du bist nicht allein!

Hilfe bekommst du bei zugelassenen Psychotherapeut*innnen, beispielsweise den hier im Verzeichnis aufgeführten Personen, vielleicht auch in deiner Region: https://www.somatic-experiencing.de/traumatherapeuten-finden/

 

…aufgeschrieben von Maya Mahn.

Gerade empfinde ich fast jede Mahlzeit als ekstatisch: Die Lebens-Kräfte dieses Landes und seiner Wesen zergehen exquisit auf meiner Zunge und strömen oxytocin-gefüllt hinunter in meinen Bauch, bis mir von innen her ganz warm und wohlig wird.

Alles, was ich zur Zeit esse, stammt aus meiner unmittelbaren Umgebung, aus der Landschaft, zu der ich gehöre. Ich fühle mich genährt, auf einer viel tieferen Ebene als es ein bloß voller Bauch tut. Ich bin verwoben mit dem Netz des Lebens. Ich weiß um die Freuden der Bauern, um das Herzblut der Gärtnerin. Ich weiß, dass heute vielleicht der Giersch hinter dem Haus schon genügend Blättchen getrieben hat, dass ich mir ein paar nehmen kann. Ich weiß, dass die kleinen Teller für die Ahnen, die ich an das Land zurück schenke, gleich schon verzehrt sein werden und das Gewebe weiter nähren. Das sozial-ökologische Gewebe trägt mich und ich bin Teil seiner Stabilität.

Schon vor einigen Jahren habe ich mich während der Fastenzeit komplett lokal ernährt, als “Loca-vore” sozusagen, oder auf deutsch vielleicht einfach: Lokal-Köstler*in. Das hat mir sehr viel Freude bereitet – nie zuvor habe ich über eine so lange Zeit bei jeder einzelnen Mahlzeit eine solch tiefe Dankbarkeit gespürt, die mich ganz warm von innen gestreichelt hat: Mein Zuhause ernährt mich wirklich! Jedes Vitamin meint wirklich mich!

Ich habe mich sehr getragen gefühlt vom Land, wunderschöne Kontakte zu “meinen” Produzenten aufgebaut und mich tiefer mit den Frühlingskräutern verbunden. Ich habe tiefere Wurzeln schlagen können an meinem Ort und meiner lokalen Gemeinschaft. Und gerade sind wir alle mehr zuhause, wie viel Sinn macht es dann, die Wurzeln dort zu unterstützen?

“Jeder Bissen den wir essen ist die Erde und ihre Geschichte,
die unsere Zellen und unser Blut wird.”

– Vandana Shiva

Gleichzeitig passiert auch ganz Gegensätzliches – wir leben in Pandemie, Klimakrise und sozialer Spaltung. Die Zeiten sind zermürbend, anstrengend, auch beängstigend. Oft fühle ich mich allein, getrennt. Umso mehr braucht mein Genährt Sein Aufmerksamkeit und Zuwendung. Wenn ich in den Tiefen genährt und ganz ausgefüllt bin, kann ein wenig mehr davon überfließen zu anderen Wesen. Mein Genährt Sein braucht starke Wurzeln, die auch und gerade in dieser Verunsicherung tragen.

“Was wir mit der Leere machen, sind all die ‘Ismen’ (…). Patriotismus, Nationalismus, Kapitalismus, Rassismus. All diese ‘Ismen’ sind Versuche, die Leere mit etwas zu füllen, weil die Leere unerträglich ist. Wir können die Leere nicht ertragen, also reparieren wir an ihr herum.

Wir vernachlässigen dabei das, was ich als primäre Bedürfnisbefriedigung bezeichne, nämlich die tief sättigenden Schlüssel-Erfahrungen, die sich im Laufe unseres langen evolutionären Prozesses entwickelt haben: Freundschaft und Rituale, gemeinsames Singen, gemeinsame Mahlzeiten, das Zusammensein unter den Sternen, das Hören von Geschichten am nächtlichen Feuer, das Sammeln von Holz, gemeinsames Trauern, gemeinsames Feiern. Dies alles ermöglicht für uns die Befriedigung primärer Bedürfnisse, und fast nichts davon existiert mehr.

Wir stützen uns kulturell stattdessen auf sekundäre Bedürfnisbefriedigungs-Versuche, wenn uns suggeriert wird, es wäre hilfreich, nach Macht, Stärke, Reichtum, Privilegien, Hierarchie, Rang, usw. zu streben.

Auf der persönlichen Ebene sind Süchte aller Art Versuche, etwas in dieses Loch im Kern unseres Lebens zu stopfen, weil die Leere sonst unerträglich ist. Doch wie du weisst, kann man als Süchtiger nie genug von dem bekommen, was man nicht braucht.”
– Francis Weller

 

Wie du diese grundlegenden Lebens-Fragen für dich beantwortest, macht nicht nur für dich persönlich einen Unterschied, sondern auch für die Welt im Großen und Ganzen:

Was nährt dich wirklich?

Wie kannst du gut für dich sorgen, auch wenn die Welt sich wandelt?

Wie kann dein Getragensein vom Netz des Lebens und dein Halten und Unterstützen dieses Netzes noch lebendiger werden?

Sei eingeladen zum “Genährt Sein in Wandelnden Zeiten”, wo wir in einem warmen und nährenden Raum in Zoomlandia (das bei uns allen zu Hause liegt), dem auf die Spur gehen, was es für uns braucht, um uns genährt zu fühlen.

Wir werden unsere Gestaltungskraft und -kompetenz entwickeln und uns miteinander verbinden – und so gegenseitig, miteinander, gleichzeitig unsere Wurzeln beim wachsen unterstützen. Wenn du magst, kannst du hier mehr dazu lesen und dich anmelden: Genährt Sein in Wandelnden Zeiten

Amélie Mehru, die im letzten Jahr in unserem Kurs ihrem Genährt Sein auf der Spur war, hat dabei ein Lied gefunden, von dem du hier kosten kannst: 

Es ist nichts mehr so, wie es war.

Mögen wir all das Neue, das da kommt, aus unserem genährten Selbst heraus mit-gestalten!

 

…aufgeschrieben von Elke Loepthien

Demut ist eine Art Meister-Tugend – wenn Menschen sie entwickeln, kann sie andere Tugenden herbeiführen“, schreibt der Tugend-Forscher Everett Worthington.

Zur Demut gehören laut ihm und anderen Autor*innen Eigenschaften und Verhaltensweisen wie:

  • ein Gewahrsein unserer persönlichen Stärken und unserer Schwächen, ebenso eine Bereitschaft, zu diesen Schwächen zu stehen während wir daran arbeiteten, sie besser zu machen.
  • die Überzeugung, dass andere Menschen ganz genauso gut und wertvoll sind wie ich selbst, die sich auch darin zeigt, wie ich mich selbst darstelle.
  • eine Offenheit dafür, dass noch unbekannte, ganz neue Informationen möglich warten könnten, die meine Sichtweisen vielleicht sogar verändern.
  • ein aufrichtiger Fokus auf dem Wohlbefinden der Menschen um mich herum und die Bereitschaft, ihnen und ihren Ideen zuzuhören.
  • Wertschätzung für die Stärken und Beiträge von anderen.
  • ein Interesse an Ratschlägen und Feedback.
  • kein rücksichtsloses Erteilen von nicht hilfreichen Ratschlägen und Feedback an andere.
  • Bereitschaft, Verantwortung für meine eigenen Fehler zu übernehmen und diese wiedergutzumachen.
  • Ein Fehlen von arroganten oder überheblichen Verhaltensweisen, Stolz und narzisstischem Anspruchsdenken
  • Wahrhaftigkeit und Einfachheit, Anspruchslosigkeit.
  • keine Neigung dazu, Regeln zu umgehen oder sich durchzumogeln.
  • die Abwesenheit von manipulierenden, gierigen, heuchlerischen oder sich anbiedernden Verhaltensweisen

Demütige Menschen sind körperlich und seelisch gesünder. Sie verhalten sich auch großzügiger, sind hilfsbereiter und dankbarer – was sie attraktiv für andere macht. Außerdem fällt es ihnen leichter, ihre eigenen Impulse bewusst zu lenken und sie überstehen stressige Erlebnisse mit weniger negativen Folgen.

Und Demut kann noch vieles mehr:

Demut ist schlau und macht noch schlauer

In einer Studie mit Schulkindern fanden Forscher heraus, dass Kinder, die ihr eigenes Wissen von vornherein als nicht besonders groß einschätzten, allgemein eine höhere Punktzahl im Intelligenztest erreichten. Die Kinder, die in einem kooperativen Spiel dazu tendierten, Fragen an andere weiterzugeben (ein Indikator für größere Demut), achteten insgesamt mehr auf ihre eigenen Fehler oder waren sich stärker darüber bewusst, wenn sie einen Fehler gemacht hatten.

Indem wir unsere Fehler reflektieren, statt sie zu ignorieren oder zu verleugnen, können wir auch unser Scheitern in eine Gelegenheit zu lernen verwandeln.

Eine andere  Studie kam zu dem Schluss, dass demütigere Schüler mehr Lust aufs Lernen hatten, von ihren Lehrern als wissbegieriger wahrgenommen wurden, und effektivere Strategien nutzten, um ihr eigenes Verständnis zu verfeinern, zum Beispiel indem sie sich selbst prüfende Fragen stellten.

 

Demut statt Verblendung

Demutsvolle Rücksicht ist das ziemliche Gegenteil von Theorien die davon ausgehen, dass unser eigenes Leben makellos wird, sobald wir uns nur auf Licht und Liebe konzentrieren. Wann immer wir so einem Irrglauben verfallen, können wir nicht mehr wahrnehmen, was unser eigenes Handeln eventuell für Schaden anrichtet.

Wenn wir die oft schmerzhafte Auseinandersetzung mit unseren eigenen Schwächen und Problemen zu vermeiden versuchen, indem wir uns die Ursache für unsere Schwierigkeiten im Alltag und in unseren Beziehungen primär über spirituelle oder magische Konzepte erklären, verfallen wir Spiritual Bypassing – dem aussichtslosen Versuch dem eigentlichen menschlichen Leben, das voll von Schattenseiten und Schwierigkeiten ist, zu entgehen und lieber gleich zu Engeln zu werden.

Betrachten wir die Welt von ganz weit oben durch die verzerrte Brille solch einer demutslosen Überzeugung, kann das im schlimmsten Fall zu der tragischen Einstellung führen, dass Menschen, denen Schreckliches widerfahren ist, auf irgendeine Weise selbst daran schuld sein müssen – und wir selbst somit keinerlei Verantwortung dafür tragen oder unterstützend eingreifen könnten. Dabei steht es heute vielmehr an, sich mit den eigenen, oft über Jahrzehnte oder Jahrhunderte entstandene und verstärkte Privilegien auseinanderzusetzen, aufgrund derer viele von uns hier mitten in Europa in eine machtvollere Stellung innerhalb der Gesellschaft quasi hineingeboren werden und von der fortbestehenden, subtilen oder offenen Unterdrückung anderer profitieren.

Demütig auf unsere gesellschaftliche Situation zu schauen bedeutet auch, anzuerkennen, dass mir selbst die vielen Ressourcen, auf die ich zugreifen kann, nicht mehr (oder weniger) zur Verfügung stehen, als allen anderen, weil alle Menschen gleichwürdig sind und dasselbe Recht auf die Versorgung ihrer Lebensbedürfnisse haben (sollten) wie ich selbst.

Es hilft mir auch, mein eigenes Handeln darauf auszurichten, dass dies in Zukunft mehr gelingen kann, indem ich meine Privilegien (wie ausreichend finanzielle Mittel, die Möglichkeit, auf der politischen Ebene Einfluss zu nehmen oder den Zugang zu Wissen und Bildung) bewusst und aktiv mit denen teile, die ohne dies keinen oder nur begrenzten Zugriff darauf haben.

Es bedeutet, nicht blindlings als erste über die Zielgerade zu sprinten, sondern mich umzusehen, Rück-Sicht zu üben und dafür zu sorgen, dass ich andere ein Stück weit mitnehmen kann.

Mit Demut Brücken bauen

Nicht nur zwischen den politischen Ansichten der Menschen rund um den Umgang mit dem Corona-Virus haben sich tiefe Meinungs-Klüfte aufgetan, verstärkt durch die einseitigen News-Blasen in denen sich die viele Menschen aufgrund der Algorithmen von Facebook & Co bewegen (dank derer sie immer nur mehr von denselben Meinungen und Erklärungsmodellen vorgesetzt bekommen).

Innerhalb persönlicher Beziehungen scheint auch hier bei uns ein Trend dahin zu gehen, gar nicht mehr über streitbare politische Fragen miteinander zu sprechen, wie es sich im extrem in den USA beobachten lässt.

Dabei ist eigentlich ganz klar, das fast alle schwerwiegenden Probleme die direkt vor uns liegen, sich nur lösen lassen werden, wenn wir zusammenhalten – egal ob in der Familie oder global als gesamte Menschheit.

Viele Forschungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass Demut hilfreich dafür sein kann, auch angesichts vordergründiger politischer Differenzen in Verbindung zu bleiben und gemeinsame Wege finden zu können. Demut erleichtert es uns, über unsere eigenen Kampf- oder Flucht-Impulse, die nicht selten durch die Konfrontation mit einer anderen politischen Sichtweise in unserem Nervensystem ausgelöst werden, hinaus zu wachsen. Demut ermöglicht es, trotzdem zuzuhören und dabei auch wirklich Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten, auch wenn wir unsere Meinung bereits gebildet hatten.

Denn tatsächlich liegen wir oft falsch mit unseren Vermutungen darüber, was in einem anderen Menschen vorgeht, und wir wären meistens gut beraten, statt unserem ersten Eindruck zu glauben, lieber nachzufragen und wirklich zuzuhören. 

Demut schärft die Wahrnehmung

Unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit ist zumeist verzerrt zugunsten dessen, wovon wir überzeugt sind, und wird zudem von vielen anderen vorübergehenden Faktoren stark beeinflusst, wie immer mehr Studien eindrücklich beweisen. Anzuerkennen, dass unsere Sicht und unser Verständnis begrenzt sind: auf die Welt, das Leben und die Situation in der wir uns jetzt gerade gesellschaftlich befinden, ist deshalb ein wichtiger Gedankenschritt, der immer wieder erinnert werden will.

Demut hilft uns auch dabei, die Menschlichkeit in „denen“ von der anderen Seite weiterhin zu erkennen – was uns als Menschen zunehmend schwer fällt, wann immer wir uns in einer Situation finden, in der es „die anderen“ gibt. Entmenschlichung fällt oft erst dann auf, wenn sie Verbrechen nach sich zieht, ist aber auch im Alltagsleben vorhanden, als ein oft nicht bewusster Aspekt von Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit. 

Tugend-Forscher Worthington sagt, dass es demütigen Menschen leichter fiele, Gespräche über kontroverse Themen zu führen, sogar wenn sie selbst klar eine entgegengesetzte Meinung vertreten würde, einfach weil sie die Argumente ihres Gegenübers nicht belächeln oder den anderen Menschen für seine Gedanken verachten würden, so dass diese Person sich weniger verteidigen müsse, sondern es zu einem gemeinsamen Austausch kommen könnte.

Demut macht uns freundlicher

In einer Studie über „soziopolitische intellektuelle Demut“ wurde festgestellt, dass Menschen mit mehr Demut diejenigen mit anderen politischen Meinungen besser behandeln und weniger feindselig ihnen gegenüber sind.

Demütigen Menschen fiele es leichter, anzunehmen, die andere Seite könnte Erfahrungen gemacht haben oder über ein Wissen verfügen, dass ihnen selbst fehle und ihre Sichtweise verändern könnte. Im Gegensatz dazu glaubten Menschen mit weniger Demut häufig, diejenigen mit einer anderen Meinung wären weniger intelligent, kriminell oder es fehlte ihnen an Werten. Inwieweit jemand die eigene Position als unfehlbar ansähe, wäre entscheidend dafür, wie sehr diese Person dazu bereit sei, die jeweils „anderen“ zu dämonisieren, sagt Brian Newman, der die Studie mit geleitet hat.

In einer anderen Studie wurde gezeigt, dass religiöse Anführer mit mehr Demut wesentlich toleranter gegenüber anderen Religionen sind, egal was ihre eigentliche Religion war oder ob sie sich politisch den Konservativen oder den Liberalen zuordneten.

“Wenn du dir der Beschränkungen in deinem eigenen Glaubenssystem bewusst bist und dich erinnerst, wie du zu deinen Überzeugungen gekommen bist, dann bist du vielleicht dem Gedanken weniger abgeneigt, dass du nicht über die ganze Wahrheit verfügst“, sagt Joshua Hook, Co-Leiter der Studie.

Demütige Führungskräfte sind die Besseren

Im Wallstreet Journal wird Demut als die allerwichtigste Charaktereigenschaft für Führungskräfte benannt.

Auch Bill Taylor schreibt im Harvard Business Review, dass demutsvolle Leader ganz klar und erwiesenermaßen wesentlich mehr bewegen, als arrogante dies tun.

Er zitiert eine Gruppe von IBM Mitarbeiter*innen: „Die allermeisten Menschen, die die Welt verändern, sind demütige Leute. Sie konzentrieren sich auf die Arbeit, nicht auf sich selbst. Sie streben nach Erfolg – sind strebsam – aber wenn er eintritt, sind sie bescheiden… Sie glauben von sich selbst, dass ihnen Glück zuteil wurde, nicht, dass sie selbst sehr mächtig wären.“

In schwierigen Situationen handeln demütige Führungskräfte nicht vorschnell, tun nicht so, als hätten sie immer alle Antworten, sondern wissen, dass ihre Aufgabe vorrangig darin besteht, im richtigen Moment die richtigen Menschen zu ermächtigen.

Ihre Arbeit führe dazu, dass die von ihnen geleiteten Teams besser zusammenarbeiteten, viel mehr schafften und schneller lernten. Während viele Jahre lang deshalb die Anerkennung hauptsächlich die Mitarbeitenden erreiche, werde jetzt deutlicher, welche Bedeutung die Demut der Teamleitenden für die Erfolge hat. Sie bereiteten den Boden für eine Kultur der Fehler-Freude, wo alle Beteiligten frei heraus Ideen äußern, offene Fragen stellen, ihr Nicht-Wissen leichtherzig zugeben und gemeinsam nach Lösungen suchen.   

Im Rekrutierungssektor gibt es deshalb inzwischen Tests die eigens dafür gemacht sind herauszufinden, wie viel Demut die sich bewerbende Person mitbringt. Einer der Entwickler dieses Tests, Ryne Sherman sagt: „Die meisten Leute glauben, Führungskräfte sollten charismatisch sein, gern im Mittelpunkt stehen und andere von sich überzeugen. Aber solche Personen ruinieren ihre Firmen oft, denn sie nehmen sich mehr vor, als sie händeln können, sind überheblich und hören nicht auf das Feedback von anderen.“

In seinem Buch beschreibt Tom Porter, ein ehemaliger Chief der Mohawk-Nation, dass für Führungspositionen innerhalb ihrer Kultur niemals Menschen ausgewählt wurden, die von sich aus gern Anführer sein wollen. Wird dies bei Kindern oder Erwachsenen beobachtet, gilt das automatisch als Ausschlusskriterium, denn in ihrem Verständnis handele es sich bei diesem Hunger nach Ruhm, Einfluss und Macht um eine Art Geisteskrankheit (“mental sickness”) – die schlechteste Voraussetzung dafür, eine gute Führungskraft sein zu können.

Demut in der Politik

Leider werden bei uns gesellschaftliche Führungspositionen oft nicht so vergeben, dass machthungrige Menschen dabei ausgespart werden.

Trotzdem wird es immerhin in Wissenschaft, öffentlichem Diskurs, in den meisten Medien und in vielen sozialen Kreisen von vielen Menschen als Wert anerkannt, die eigenen Standpunkte und Überzeugungen in Frage zu stellen und fruchtbaren Austausch mit Menschen zu suchen, die andere Erfahrungen, Herangehensweisen und Meinungen vertreten.

Es ist eine gängige Praxis auch bei uns, intellektuelle Demut zu beweisen, indem gegenteilige Meinungen einander gegenüber stehen, immer wieder neue Aspekte berücksichtigt werden, einmal gefällte Urteile zu hinterfragen und auch von anderen hinterfragen zu lassen.

Doch das allumfassende Ausmaß der Bedrohung, mit der wir als Menschheit gerade konfrontiert sind, zunehmend spürbar auch für uns als vorwiegend weiße Menschen in Europa, eine der meist privilegierten Bevölkerungsgruppen weltweit, kann zu so intensiven Gefühlen von Ohnmacht und Haltlosigkeit führen, dass wir mehr als sonst geneigt sind, unsere Demut zu opfern zugunsten einer (leider irrigen) Gewissheit.

Angesichts von überwältigenden Ereignissen wächst die Sehnsucht danach, Erklärungen dafür zu finden, die uns eine Einfachheit ermöglichen, inmitten von etwas das überhaupt nicht einfach ist, beispielsweise indem darin “Schuldige” benannt werden, und uns die Theorien damit  erleichternder Weise bestätigen, dass wir selbst auf der Seite der “Guten” stehen.

So ist es kein Wunder, dass die sogenannten Verschwörungstheorien, wie beispielsweise die Theorien rund um das Leugnen des Klimawandels, gerade jetzt so viel Verführungskraft haben.

Wir Menschen sind „Meaning making Creatures“ – Lebewesen, die ihrer gesamten Umgebung, allen Aspekten ihres Daseins gern einen Sinn, eine Bedeutung verleihen und Muster zu erkennen. Wir bewegen uns was das angeht immer noch wie steinzeitliche Fährtenleser*innen durch die Welt, die aus wenigen sichtbaren Zeichen umfassende, gerade unsichtbare Geschichten ableiten wollen.

Wenn wir nun intellektuell demütig sind (oder wie in der wissenschaftlichen Welt den rigiden Richtlinien für wissenschaftliches Arbeiten folgen, wie beispielsweise Kontrolle durch andere Menschen vom Fach), wird dieser Hunger nach Bedeutungen kombiniert mit allerlei Hinterfragen, Zweifeln, in andere Richtungen denken, nicht glauben, was nicht voll und ganz bewiesen ist und selbst danach trotzdem immer weiter eine grundsätzliche Offenheit bewahren, weil wir uns bewusst sind, dass wir im Grunde erst ganz wenig wirklich wissen.   

Doch für Verschwörungstheorien ist es eben gerade ein wesentliches Kennzeichen, dass kein Argument, kein Gegenbeispiel, kein Widerspruch innerhalb der eigenen Argumentation, keine neue Entwicklung, egal wie sehr sie von vormals aufgestellten Zukunftsprognosen abweicht, jemals genügt, um die aufgestellte Theorie an sich in Frage zu stellen. Im Gegenteil: Über Argumentationsschleifen werden alle offenen Fragen beantwortet und alle neuen Entwicklungen dafür verwendet, die Theorie noch weiter zu untermauern (während solche Fragen in der Wissenschaft offen verbleiben und weiterführende Erforschung geradezu einfordern).

Das letzte Jahr hat gezeigt, wie anfällig wir Menschen dafür sind, Verschwörungstheorien zu glauben.

Dafür gibt es viele Erklärungen:

Sie ordnen die Welt in Gut und Böse und lindern damit die unterschwelligen Gefühle von Überforderung angesichts der überwältigenden Komplexität des Seins und unserer weltweit eng verzahnten Gesellschaft, was eine enorme Erleichterung für unsere Psyche schafft, die von Kindheit auf durch Filme und Geschichten darauf wartet, zu wissen, wer die Guten und wer die Bösen sind, um natürlich selbst zu den Guten zu gehören.

Dadurch machen uns Verschwörungstheorien unsere Entscheidungen einfach – während wir ohne die Theorie unter Umständen über Jahre oder Jahrzehnte unsere Entscheidungen innerhalb einer komplexen Wirklichkeit immer wieder ganz neu treffen müssten und mit wenig Garantie dafür, dass die Konsequenzen unserer Entscheidung auch wirklich unseren Werten entsprechen werden. Damit bilden Verschwörungstheorien einen Gegenpol zu dem schrecklichen Gefühl von Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit, das gerade in Zeiten wie diesen so umfassend sein kann.

Forschungen zeigen, dass wann immer wir gezwungen sind, viele Entscheidungen zu treffen (wie eben gerade jetzt, wo sich dauernd alle Pläne ändern), eine regelrechte Entscheidungs-Müdigkeit einsetzt, die auch unsere Urteilskraft herabsetzt.

Verschwörungstheorien können zudem dank ihrer skurrilen Verknüpfung von Allem mit Allem auch Glückshormone in uns auslösen, weil die darin enthaltenen Querverbindungen uns Aha-Momente bescheren. Wenn wir zwei Punkte auf eine bedeutungsvolle Weise verknüpfen und eine neue Erkenntnis haben, schüttet unser Körper Dopamin aus (das Belohnungshormon, das auch eine Rolle bei vielen Süchten spielt). Kinder erleben diese Belohnung andauernd in ihrem Alltag, Menschen die in ihrem Alltag Spuren und Zeichen lesen vermutlich auch.

Doch in einem durchschnittlichen Alltags-Leben zwischen Abwasch und Müll rausbringen kommt der Lern-Kick wohl meist etwas kurz, und wer schon mal wissenschaftlich gearbeitet hat weiß, wie langwierig und mühselig und über lange Strecken nicht besonders dopamin-reich es ist, innerhalb der strengen Richtlinien der Wissenschaft zu nachvollziehbaren und plausiblen Erkenntnissen zu gelangen.

Zu all dem noch dazu kommt: Ein Faktor für das sich Ausbreiten von Theorien im Allgemeinen ist die Wiederholung: Wir neigen dazu, etwas richtiger zu finden, einfach wenn wir es immer wieder hören. Wenn ich nun vielleicht nur einmal am Tag Nachrichten höre, aber zehn mal am Tag verschwörungstheoretische „Informationen“ über die sozialen Medien bekomme, wird es zunehmend schwieriger, denen nicht irgendwie doch mehr zu glauben.

Doch der Mangel an intellektueller Demut, der allen Verschwörungstheorien innewohnt, kann ein wichtiges Erkennungszeichen für uns sein – wenn wir darauf achten, können wir sie leichter identifizieren. Und die damit verbundene fehlende tatsächliche Neugier und Offenheit erklärt vielleicht auch, warum echte Verschwörungen im Laufe der Geschichte, von denen es auch jetzt hier und heute ganz große gibt, eben nicht von Verschwörungstheoretikern aufgedeckt werden, sondern zumeist von Journalisten, aufgrund von staatlichen Prüfungen oder durch Whistleblower innerhalb von Organisationen.

Also ich bin ganz besonders demütig!

Wissenschaftler ermitteln den Grad der Demut eines Menschen aus naheliegenden Gründen nicht anhand von Selbstauskünften. Trotzdem ist sie nicht gleichzusetzen damit, wie gering wir unsere eigenen Fähigkeiten bewerten. Der frühere Erzbischof William Temple beschrieb es so: „Demut bedeutet nicht, dass du dich selbst als weniger wert schätzt als andere Menschen, oder dass du die eigenen Gaben für unwichtig oder nutzlos hältst. Sie meint vielmehr die Freiheit, überhaupt gar nicht über dich selbst nachdenken zu brauchen.“

Tatsächlich erzählt der Psychologe Kibeom Lee, dass viele Menschen gerade im Arbeitskontext, so tun als ob sie demütig wären, obwohl sie es eigentlich gar nicht sind. Das verwundert nicht, denn sogar Kinder zeigen ab einem Alter von etwa sieben Jahren in Versuchen ganz klare Vorliebe für tatsächlich demutsvolle Menschen gegenüber weniger demütigen Personen, spüren also einen Unterschied, auch wenn sie ihn vielleicht noch nicht in Worte fassen könnten. 

Es lohnt sich also wirklich, für uns selbst und für unser Wirken für die Welt, die wunderbare Qualität der Demut tatsächlich zu stärken und uns darin zu üben, Rücksicht auf unsere Mitmenschen (und Mit-Welt) zu nehmen.

 

Wie können wir Demut in uns selbst stärken?

 

In den bisherigen Studien haben folgende Methoden dabei geholfen, die eigene Demut zu vergrößern:

 

1. Das eigene Mensch-Sein umarmen

Viele von uns hängen unser Selbstwertgefühl an äußere Umstände und Erfolge – wenn wir dann in unserem Job oder unserer Partnerschaft scheitern, können wir uns selbst nicht mehr so leicht als überhaupt wertvoll anerkennen.   

Demutsvolle Menschen dagegen verorten ihren Wert in und mit ihrem gesamten Dasein als Mensch, einschließlich aller Schwächen und Probleme. Sie fürchten das Scheitern nicht so sehr, weil sie es für menschlich erachten, und können ihren eigenen Wert als Mensch weiterhin spüren und würdigen.

So eine Art von Urvertrauen in uns selbst entwickelt sich im Idealfall in unserer frühen Kindheit, durch eine sichere Bindung an unsere Bezugspersonen und das Erfahren von bedingungsloser Liebe. Doch auch wenn wir zu den fast 40 Prozent der Bevölkerung gehören, die als Kind keine sichere Bindung erleben konnten, können wir diese Wunde in uns heilen und eine sichere Bindungsbeziehung nachholen, beispielsweise zwischen unserem inneren Kind und unserem erwachsenen Selbst, zu Freunden, innerhalb von Partnerschaft oder auch in der Spiritualität. 

 

2. Achtsamkeit und Selbst-Mitgefühl

Demütige Menschen haben ein stimmiges, sehr ehrliches Selbstbild – sowohl von ihren Schwächen, als auch von ihren Qualitäten und Stärken.

Achtsamkeit trainiert uns darin, alles wahrzunehmen, was in uns vorgeht, ohne es zu beurteilen und dadurch unsere Selbstwahrnehmung zu verzerren. Selbst-Mitgefühl ermöglicht es uns, nicht gegen all das ankämpfen zu müssen, was wir an uns selbst nicht mögen, sondern zu ermöglichen, dass auch diese Anteile liebevoll von uns selbst angenommen werden, einen sinnvollen Platz in uns einnehmen können, und auf diese Weise integriert sind.

Mit einer Praxis freundlicher Achtsamkeit und Selbst-Mitgefühl ermöglichen wir uns selbst eine Vielzahl von dem, was sichere Bindung zu den Bezugspersonen in den ersten Lebensjahren mit sich bringt. Beides hilft uns, seelisch zu heilen und als Mensch vollständiger und integrierter zu werden, das heißt unsere innere Vielfalt zu erkennen und wertzuschätzen, damit daraus ein zusammenhängendes Ganzes entstehen kann, wir Einigkeit finden mit alle unseren inneren Anteilen.

3. Fragen stellen, die Demut fördern

Mit dem liebevollen Blick, den ich durch Achtsamkeit und Selbst-Mitgefühl kultiviere, kann ich mir immer mal wieder Fragen stellen, die mir helfen, meinem Mensch-Sein noch näher zu kommen und vertrauter damit zu werden, insbesondere mit den Seiten an mir, die für mich selbst oder für andere schwer auszuhalten sind:

  • Welche Seiten meiner selbst versuche ich gerade zu verstecken, vor mir selbst oder vor anderen?
  • Wem habe ich unlängst Unrecht oder Leid angetan?
  • Welche Urteile habe ich über andere gefällt?
  • Welche Vorurteile haben mein Verhalten auf eine nicht hilfreiche, eher lebensfeindliche Weise beeinträchtigt?
  • Was habe ich heute gegenüber anderen versäumt, das wichtig gewesen wäre?
  • Worum geht es mir wirklich bei dieser Sache?
  • Wie kann ich mein (ganz natürliches) Bedürfnis nach Anerkennung und Bedeutsamkeit so stillen, dass niemand darunter zu leiden braucht?
  • Wie kann ich die Wichtigkeit und den Wert der anderen Personen würdigen?
  • Wie kann ich einladen, dass die Menschen ihre Meinungen und Ansichten frei heraus mitteilen, sich trauen, mir auch schwieriges Feedback zu geben?
  • Wer könnte dies vielleicht anders sehen und wie kann ich diese Sichtweise einbeziehen, etwas aus ihr lernen?
  • Wer wird alles von meinem Handeln direkt oder indirekt betroffen sein und wie kann ich die Bedürfnisse dieser Personen mit berücksichtigen?
  • Wie kann ich die Bedürfnisse der Menschen (in meinem Team, Kurs etc.) stillen oder sie dabei unterstützen, ihre eigenen Bedürfnisse selbst zu versorgen? 
  • Wie kann ich meine Privilegien nutzen, um mehr Gleichwürdigkeit und Chancengleichheit in der Welt zu schaffen?
  • Und welche noch?

 

4. Dankbarkeit

Wann immer wir darüber nachdenken, wofür wir dankbar sein können, erkennen wir die vielen Aspekte unseres Daseins, die wie ein Geschenk zu uns kommen. Unser Körper findet wie von allein in einen Zustand höherer Kohärenz, einen gesundheitsförderlichen Zustand, durch den alle innerlichen Vorgänge in Einklang miteinander kommen, so dass wir als unser “bestes” Selbst entscheiden und uns verhalten können.

Was wären wir ohne die Pflanzen, die den Sauerstoff schenken, den wir atmen, ohne die Erde, die aus ihrem Körper Nahrung für unseren Körper wachsen lässt, ohne die vielen vielen Menschen, die durch ihre Arbeit dafür sorgen, dass wir versorgt sind mit dem was wir zum Leben brauchen? Unser Fokus verschiebt sich beim Danken innerhalb von Sekunden vom Nachgrübeln über uns selbst zu mehr Aufmerksamkeit für die Menschen und anderen Wesen um uns herum – was ein wesentliches Kennzeichen für die Baseline demütiger Menschen ist.

Wirklich toll ist: Dankbarkeit und Demut verstärken sich gegenseitig. Wenn wir danken, stärken wir die Demut, und wenn wir demütig sind, fällt es uns leichter, dankbar zu sein und Dank auch gegenüber anderen auszudrücken.

 

5. An Veränderung glauben

Eine weitere wichtige Zutat für Demut scheint es zu sein, daran zu glauben, dass Menschen sich verändern können, indem sie aus ihren Fehlern und Erfahrungen lernen. Diese Einstellung macht es wesentlich einfacher, eigene Fehler für möglich zu halten, sie zuzugeben und Verantwortung für sie zu übernehmen. Denn die Psyche hat Gewissheit, dass dies nicht das Ende der Geschichte ist, sondern vielmehr ein (vielleicht sogar notwendiger) Zwischenschritt in Richtung einer besseren Zukunft.

Wer glaubt, dass nur dumme Menschen Fehler begehen und auf diese Weise nicht veränderbare charakterliche Grundzüge mit Fehltritten verbindet, wird wesentlich schwieriger in der Lage sein, im eigenen Verhalten überhaupt Fehler wahrzunehmen und für diese gerade zu stehen.

 

6. Sich auf das Wohl des großen Ganzen ausrichten

Für Jugendliche, die Sinnhaftigkeit in ihrem Dasein finden, ist bekannt, dass sie sich demütiger verhalten. Dabei scheint es besonders hilfreich, sich auf den eigenen Beitrag zum Wohlergehen der Gemeinschaft auszurichten. Dass ihr eigenes Wirken gebraucht ist, verbindet sich mit der Einsicht, dass sie andere Menschen brauchen, um ihren Lebens- und Lernweg zu beschreiten.   

 

7. Ehrfurcht erleben

Wenn wir dem Wunder des Lebens begegnen, tiefe Ehrfurcht erfahren, fördert das unsere Demut ganz wesentlich. Es gibt viele verschiedene Wege, um mehr Ehrfurcht ins Leben zu holen. Dazu gehören die ganz besonderen Momente in unserer Biografie, beispielsweise zu erleben, wie ein Kind geboren wird oder ein Mensch stirbt, aber auch alltäglichere Situationen, vor allem wenn wir Zeit draußen in der Natur verbringen.

Einen Berggipfel zu erwandern, im Kanu auf einem großen See dahin zu gleiten, die Spiegelung des Sonnenaufgangs in einem Tautropfen zu erblicken, eine Schneeflocke beim Schmelzen zu beobachten, an einem kalten Winter-Tag dem betörenden Gesang der Misteldrossel im Wald zu lauschen, eine Sternschnuppe zu sehen und sich in die große Dunkelheit des Nachthimmels jenseits und zwischen den Sternen hinein zu versetzen – all das kann uns immer wieder daran erinnern, wie klein und unbedeutend wir als Mensch sind, wie zerbrechlich unser eines Leben erscheint, wie wenig wir darüber wissen, und wie sehr wir die anderen Wesen der Lebensgemeinschaft Erde brauchen, um überhaupt existieren zu können.   

Edgar Schein beschreibt in seinem Buch Humble Inquiry, dass wir auch durch die Anwesenheit von Ältesten und Würdenträgern Demut empfinden können, oder bei der Beschäftigung mit Menschen, deren Leben und Leistungen uns mit Ehrfurcht erfüllen. 

 

Rücksicht ist Demut in Aktion

Demut hilft mir, mich selbst nicht übermäßig wichtig zu nehmen, damit ermöglicht sie es mir, meine Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was um mich herum geschieht, was all die anderen Menschen (und anderen Wesen) brauchen, mit denen ich zu tun habe.

Rücksicht kann dadurch entstehen: Wenn ich nicht nur auf das Ziel vor meinen Augen fixiert bin, sondern mich umschaue, in alle Richtungen. Die Bedeutung von Rücksichtnahme für Beziehungen ist immens:

Erst wenn ich es zulasse, dass die Bedürfnisse, Meinungen und ja, vor allem auch die Empfindlichkeiten der anderen Person(en) in meine Entscheidungen einfließen, mein Handeln sich dadurch sogar zugunsten der anderen verändert, hat eine Beziehung gute Zukunftschancen, wie John und Julie Gottmann es in ihren wissenschaftlichen Studien über Paare dokumentiert haben.   

Indem ich Rücksicht nehme beweise ich, dass ich meine eigenen Sichtweisen (über Ordnung, Hygiene, Kindererziehung oder Politik) zwar glaube, sie aber nicht für der Wahrheit einzigen letzten Schluss halte, sondern offen bin für die Lebenswirklichkeit des anderen.

Dabei kann ich im Idealfall Rücksicht von vornherein mein Handeln lenken lassen, oder zumindest im Nachhinein, wenn ich von meinen Mitmenschen höre, dass mein Reden oder Handeln sie verletzt hat, eine Wiedergutmachung finden, um den Bruch in der Beziehung zu heilen und dadurch aus dem Konflikt doch verbundener herauszugehen.

 

Die Gelegenheit nutzen

Unsere Lehrerin Sobonfu Somé hat oft mit einem Schmunzeln erzählt, dass der Begriff für “Älteste” in ihrer Sprache  (der Dagara in Westafrika) wörtlich übersetzt werden könnte mit “eine Person die vom Leben so lange im eigenen Saft geköchelt wurde, bis sie wirklich schmackhaft ist”. 

Für mich steckt in der Aussage der Hinweis darauf, wie sehr gerade die schwierigsten Lebenssituationen uns dabei helfen können, demütiger zu werden. “Das Leben ist eine sehr lange Lektion in Demut”, sagte James M. Barrie, der Autor von Peter Pan. Doch wissen wir auch, dass schlimme Erlebnisse uns ebenso auch traumatisieren und verbittern lassen können. Was macht hier den Unterschied?

Ich glaube es ist die Verbindung zu jemandem oder etwas, das uns zur Seite steht, etwas Verlässliches, nicht Kaputtbares, das sich uns in den Tiefen unserer Seelenwelt zeigt oder uns durch Trost spendende Mitmenschen begegnet, die an uns glauben. Vielleicht können wir es Liebe nennen, oder (Selbst-)Mitgefühl oder das Göttliche.

Kollektiv betrachtet scheint das Zeitalter in dem wir uns befinden wie gemacht dafür zu sein, als Menschheit unsere Demut zu finden, vor allem wenn wir uns selbst und einander mit Liebe und Mitgefühl begegnen.

Demut ermöglicht die innere Freiheit, authentisch zu sein, weil wir nicht vor uns selbst und vor anderen verstecken müssen, was alles in uns ist, sondern es wahrnehmen, annehmen und dadurch integrieren können. 

Vor allem kann sie uns dabei helfen, nichts vortäuschen zu brauchen, was wir gar nicht (in dem Maße) in uns finden, wie wir es mal von uns selbst erwartet haben – zum Beispiel ewiges Wirtschaftswachstum inmitten einer Welt endlicher Ressourcen. 

Wie auch immer die Zukunft sich entwickeln wird: Demut wird wohl eine wesentliche Zutat dafür sein, dass unsere Existenz auf dem Planeten Erde weiter möglich sein kann.

 

Möchtest du mehr darüber lernen, wie wir Menschen auf deren Lern- und Lebensweg unterstützen
und begleiten können?

Dann könnte dir unser Online-Paket zum Thema Mentoring gefallen, du findest es hier….

 

…unsere leckersten Zutaten für dich und deine Liebsten, aufgeschrieben von Elke Loepthien

 

Das große und umfassende Alleinsein in diesem Jahr schenkt vielen Menschen gerade jetzt den Raum, diese immer besondere Jahreszeit diesmal noch viel intensiver und ausführlicher zu würdigen, als „normalerweise“ möglich.

Für mich ist die Raunachts-Zeit in jedem Jahr ein besonders fruchtbarer „Zwischen-Raum“ – wenn das alte Jahr schon so gut wie vorüber ist und das Neue noch nicht ganz begonnen hat. Durch ein bewusstes Zurückschauen, Integrieren und neu Ausrichten können wir uns jetzt ganz bewusst den Platz zwischen Vergangenheit und Zukunft einnehmen und beides miteinander verbinden wie zwei elektrische Kabel – so dass Energie in voller Kraft strömen kann.

Wir alle haben und spüren in vielen Momenten unseres Lebens einen Zugang zur schöpferischen Kraft – unseren ganz eigenen, einzigartigen Zugang. Leicht kann er von der Last und dem vielen Staub des Alltags überdeckt werden, so dass wir unser Verbundensein immer mehr aus den Augen verlieren – zu uns selbst, zur Natur, zur Gemeinschaft.

Ich habe 2008 das erste Mal einen „Renewal of Creative Path Process“ kennengelernt, beschrieben von meinem damaligen Lehrer und Mentor Jon Young. Jon hatte, inspiriert von Gesprächen mit Chief Jake Swamp von den Mohawk und dessen Frau Judy, eine Reihe von Schritten entwickelt, die hierfür dienlich schienen. Schon damals war die Parallele zum europäischen Brauchtum rund um die Raunächte deutlich, und damit verbunden auch die Suche nach Wegen der „Medizin-Erneuerung“, die nicht indigene Bräuche kopieren, sondern für uns als Weiße authentisch, relevant und verwurzelt in unserer eigenen Verbindung zur Natur sein würden.

Seitdem verbringe ich in jedem Winter (und in kürzerer Form auch in jedem Sommer) Zeit damit, meinen Zugang zu den schöpferischen Kräften zu erneuern und zu erfrischen. Der Prozess hat sich dabei Stück für Stück verändert, hat sich weiter gewandelt in eine Form, die für mich hier in diesem Teil der Welt und für mein Leben so wie es jetzt gerade ist passend und stimmig erscheint. Diese Zeiten der Erneuerung sind für mich mit das Wichtigste im Jahreslauf – viele Monate lang spüre ich ihren Wind unter den Flügeln und fühle mich getragen, genährt und inspiriert für das was kommt.

Die Macht des Erinnerns

Jedes Erinnern, Benennen und Teilen von Erlebnissen stärkt ihre Kraft in unserem gegenwärtigen und für unser zukünftiges Leben. Erst durch das Würdigen von dem was war, können selbst kleine Ereignisse zu wahrhaftig heiligen Momenten für uns werden, die noch viele viele Jahre und Jahrzehnte lang unser Leben erleuchten. Es scheint verrückt: Jedes Mal, wenn wir sie an die Oberfläche unseres Denkens zurückholen, verändern sie sich ein wenig. Das ist ganz natürlich und darin begründet, wie unser Erinnerungsprozess funktioniert. Denn alles was war, verbindet sich bei jedem Zurückschauen mit allem was jetzt gerade ist, und kann so immer wieder neu sinnvoll verknüpft werden. Unser Erleben hier und heute und unser Gefühl zu dem früher Erlebten beeinflussen die Bilder und Sinneseindrücke aus der Vergangenheit immer so, dass es gerade jetzt passt und Sinn ergibt. Deshalb ist es ein wichtiger Teil eines Erneuerungsprozesses, immer wieder hilfreiche Fragen zu stellen, durch die wir die Vergangenheit bewusst mit dem Jetzt und mit der Zukunft verbinden.

Die Kraft von Ritualen

Jede Jahreszeit bringt ihre eigenen Qualitäten und Grundstimmungen mit sich, das Rad der Zeit nimmt uns von ganz allein mit in ihr Feld hinein, in welchem bestimmte Denk- und Verhaltensweisen fast wie von selbst in uns entstehen. So schlafen viele Menschen rund um den Jahreswechsel länger, essen mehr, sind weniger draußen in der Welt unterwegs und treffen sich seltener mit Freund*innen oder Kolleg*innen und mehr mit ihren engsten Liebsten, und viele von uns sind in der Zeit frei von unseren alltäglichen Jobs.

Noch wesentlich mehr Kraft können wir unseren Erneuerungsprozessen verleihen, wenn wir sie mit einem Ritual beginnen und beenden. Die Kraft der Rituale ist wirklich erstaunlich, sie scheint sogar auf uns zu wirken, wenn wir nicht dran glauben, wie Francesca Gino und Michael Norton von der Harvard Business School seit einigen Jahren erforschen.

Hier findest du nun meine leckersten Zutaten für einen umfangreichen Erneuerungsprozess mit Fragen und Ritualen, mein destilliertes best practice aus den letzten zwölf Jahren, für dich als Inspiration und zum Experimentieren damit, was deine eigenen leckersten Zutaten für einen gelungenen Erneuerungsprozess sein könnten.

Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen und vielleicht selbst Ausprobieren!

Teil 1 – Die Jahreswechsel-Erneuerungszeit öffnen

Ich starte meine Erneuerungszeit gern zur Wintersonnenwende, dem Tag wo inmitten der längsten Dunkelheit das Licht „wiedergeboren“ wird.

Besonders nach einem hektischen Dezember oder einer Zeit der Anspannung kann es gut tun, die längste Nacht des Jahres, die Nacht vor der Wintersonnenwende, von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang als Wach-Nacht zu verbringen, allein oder mit engen, vertrauten Menschen, an einem Feuer, mit einer Kerze oder auch in der Dunkelheit sitzend, und dabei ganz bewusst in der langen Stille zu sitzen, zu fühlen und zu sein.

Selbst wenn ich nicht die gesamte Nacht dafür nutzen mag, kann es wunderbar sein, zumindest ein, zwei Stunden innerhalb von ihr dafür zu nutzen, allmählich zur Ruhe zu kommen und mich einzustimmen auf den Zauber dieser besonderen Zeit im Jahreslauf.

So ein Besinnungs-Ritual kann besonders gut wirken, wenn ich am Anfang einlade, in dieser Zeit ganz zu mir zu kommen, mich geborgen, geliebt und genährt zu fühlen, Tiefe zu erleben und meinen inneren Wesenskern zu berühren und die Verbindung zu all dem deutlicher zu spüren, was für mich geistige Kräfte sind (beispielsweise Gott, Mutter Erde, die Kraft die Leben schafft, Geisthelfer, Engel, Elemente, mein Tiefenselbst oder Höheres Selbst oder was auch immer für mich vorstellbar und relevant ist).

Mit kleinen oder größeren Kindern gemeinsam kann man vor dem Schlafengehen ein bisschen die “Dunkelzeit” würdigen, alle Lichter löschen und mit Psst und Shhh, so wie es die Kleinsten gerne mögen (vielleicht aneinander gekuschelt oder Hände haltend) ganz nah zusammensitzen und die Dunkelheit fühlen und ihr lauschen, die uns so weich umhüllt und vielen Pflanzen und Tieren hier in diesem Teil ermöglicht, sich im Winter ganz tief auszuruhen, damit sie im Frühling in neues Leben starten können. Es kann wunderbar sein auf diese Weise mit der Dunkelheit ein bisschen mehr Freundschaft zu schließen – und dann nach einer Weile eine Kerze anzuzünden und damit die Wiedergeburt des Lichts auf eine ganz schlichte Weise zu feiern.

Mit oder ohne Wachnacht: Am Morgen des 21. Dezembers (in manchen Jahren ist es der 22. Dezember), bringe ich gern Dankes-Gaben in den Wald für die Lebewesen da draußen: Vogelfutter (aus heimischen Sämereien), (Bio-)Gemüse und Obst, und auch etwas Fleisch (aus artgerechter, biologischer Tierhaltung) für meine fleischfressenden Nachbarn.

Besonders gern mag ich es, mit Kindern und Erwachsenen gemeinsam rauszugehen und für das Da-Sein der anderen zu danken und auch für die vielen Begegnungen mit Tieren, Pflanzen, Pilzen, Elementen die wir im fast vergangenen Jahr hatten. Oft gibt es einen Ort in der Nähe, der sich hierfür besonders eignet, beispielsweise einen besonders großen, ehrwürdigen Baum, der das Ganze bezeugen kann.

Teil 2 – Einen Altar für die Lebens-Kräfte gestalten

Zurück aus dem Wald mache ich mich gern mit meinem Sohn auf, um einen immergrünen Baum zu holen, den wir später als Altar für die Kraft der Erneuerung in unserem Zuhause aufstellen. Meistens kaufen wir ihn bei Bauern hier in der Nähe und lassen uns dabei ganz davon führen welcher der vielen kleinen und großen Bäume gern mit uns nach Hause kommen will. Manchmal ist es der für uns schönste und manchmal auch einer von dem wir vermuten, niemand anders würde ihm eine Chance geben wollen. Sobald er geschmückt ist, ist er immer zauberhaft! Ab und zu finden wir auch im Wald achtlos liegengelassene Spitzen von gefällten Bäumen oder Äste, die sich dafür eignen, aufgestellt zu werden.

Gemeinsam schmücken wir ihn mit vielen Sternen sowie anderen Symbolen für das Licht und die Kräfte der Natur, wie Äpfel, Zapfen oder Kugeln.

Wenn der Baum fertig geschmückt ist, laden wir die Lebens-Kräfte ein, für die kommenden Wochen durch ihn in unserem Haus zu leuchten für die kommenden Wochen, in denen das Licht langsam, ganz langsam zurück in die Landschaft kommen wird, und in denen wir das Bild der Hoffnung aufs Grün eines neuen Frühlings hier in unserem dunklen Zuhause so dringend brauchen können.

Teil 2 – Die leuchtenden Momenten feiern

Wenn du zurück schaust auf dein vergangenes Jahr…

  • Welche Erlebnisse waren für dich besonders schön und voller Freude?
  • Wann und wo hast du dich am stärksten verbunden gefühlt – mit dir selbst, mit der Natur, mit anderen Menschen in deinem Leben?
  • Welche faszinierenden Synchronizitäten haben sich ergeben?
  • Welche Momente oder Ereignisse waren so wundersam und besonders oder verrückt, dass sie sich magisch oder wie verzaubert anfühlten?

Diese besonders süßen Momente feiere ich gern auf gesellige Weise im allerengsten Kreis mit meinen Liebsten. Am Abend der Wintersonnenwende versammeln wir uns um ein üppiges und ausgedehntes Essen und erzählen schon währenddessen von den Ereignissen des Jahres, die unsere „Highlights“ waren, und danken für sie! Was oft schon ausgelassen und mit viel Heiterkeit beginnt, gipfelt im Auspacken der Weihnachtsgeschenke. Sie sind ein kleiner, anfassbarer Ausdruck der liebe-vollen Fülle, die wir empfangen haben und von der wir nun etwas weitergeben.

Nach der Bescherung öffnet sich mit der spät-abendlichen Ruhe ein Raum für tieferes, noch besinnlicheres Teilen, rund um die besonders kostbaren Momente, die wie Schätze golden hervorstrahlen aus diesem vergangenen Jahr.

Gerade in diesem Jahr kann das Teilen dieser und anderer Geschichten auch online stattfinden, oder sogar am Telefon. (Es sind meiner Erfahrung nach vor allem die Absicht, die Verletzlichkeit und die Herzoffenheit, die die Qualität eines Gespräches viel stärker beeinflussen, als das Medium selbst. Auch wenn du bisher wenig Erfahrung damit hast, kann ich es dir wirklich sehr empfehlen mit technischen Hilfsmitteln in den Austausch mit anderen Menschen zu gehen, vor allem wenn die Alternative ist, ganz allein damit zu sein. Hier findest du ein paar Anregungen für verbindungsförderndes Zoomen.)

Vor dem Schlafengehen oder am nächsten Morgen schreibe ich sie dann gern auf, gern auf einem großen Blatt Papier, mit bunten Farben, kreuz und quer mit Verbindungslinien zwischen aneinander, eine Art Mindmap der Schätze.

Diese Karte kann während der kommenden Tage und Wochen weiter ergänzt werden. Es ist oft erstaunlich, wie mit der Zeit mehr und mehr Erinnerungen auftauchen. Manchmal wandere ich bewusst durch meinen Kalender vom vergangenen Jahr, wo Spuren verzeichnet sind, die auf etwas hinweisen was war.

Nach dem ersten Sammeln und Festhalten der wundervollen Erlebnisse kommt für mich ein erster guter Zeitpunkt für einen 2er-Treffen oder einen (kleinen oder gerade zumindest online möglich auch größeren) Kreis mit Freund*innen, Ankern, Buddies oder anderen wichtigen Menschen in deinem Leben.

Manchmal ist es auch genau umgekehrt: Wenn es dir schwer fällt, für dich allein Sachen aufzuschreiben, kann es genauso wirkungsvoll sein, direkt mit anderen Geschichten auszutauschen und dann vielleicht hinterher dazu Notizen zu machen.

Teil 3 – Verbindungen & Zutaten

Im Teilen und Anhören dieser Geschichten rücken sich langsam aber sicher weitere Fragen in den Vordergrund:

  • Warum und wie konnte dieses Erlebnis für dich so wundervoll sein?
  • Was waren die Zutaten, die es ermöglicht haben?
  • Welche Rahmenbedingungen haben es begünstigt?
  • Was davon kannst und möchtest du selbst für das neue Jahr wieder kreieren?
  • Was würdest du vielleicht im neuen Jahr anders machen?
  • Was sind die Orte, Menschen und anderen Wesen, oder auch Projekte und Organisationen, mit denen du dich besonders verbunden gefühlt hast? Und was war das Verbindende?
  • Was sind Theorien, Sichtweisen, (spirituelle oder Denk-) Schulen, Lern- oder Wirkfelder mit denen du dich besonders verbunden gefühlt hast? Und was daran war das Verbindende?

Diese Fragen lassen sich sowohl allein für mich, als auch im Gespräch mit anderen bewegen und erforschen. Auch hier schreibe ich gern auf, was mir als wesentliche Erkenntnis erscheint, mache mir Notizen über Ideen, die mir kommen, meistens nur ganz kurz, in wenigen, einzelnen Stichworten.

Für diese und die anderen Fragen kann es wichtig und sinnvoll sein, auch weiter zurück in die Vergangenheit zu schauen und sie für den Verlauf meines gesamten bisherigen Lebens beantworten. Dafür brauche ich natürlich mehr Zeit – die Erkenntnisse jedoch und die Energie die durch das Wiederbeleben der längst vergangenen Schätze ins Hier und Heute kommt, sind ein großes Geschenk, dass ich mir selbst immer wieder machen kann.

Teil 4 – Verluste betrauern

Jedes Jahr bringt Herausforderungen mit sich – vielleicht waren es im Jahr 2020 besonders viele! Es ist ein wichtiger Teil des Erneuerungsprozesses, das Schwierige und Leidvolle nicht unerwähnt zu lassen:

  • Was hast du in diesem Jahr verloren?
  • Welchen schmerzlichen Erlebnisse und Erfahrungen hast du durchlitten?
  • Was bereust du?
  • Worin bist du gescheitert?
  • Welche Zukunftsvisionen und Wünsche haben sich zerschlagen?
  • Welche Erwartungen konnten sich nicht erfüllen, für dich und für deine Liebsten?
  • Welchen Groll hältst du in dir (gegen andere Menschen, Umstände, das Leben oder dich selbst?) Welcher tiefe und berechtigte Schmerz versteckt sich hinter diesem Groll?
  • Welche leidvollen Erfahrungen der Menschheit insgesamt und auch der Erde als großer Lebensgemeinschaft hast du in diesem Jahr mitbekommen und mit durchlitten?

Auch die Antworten auf diese Fragen halte ich in kurzen Schlüsselworten für mich selbst fest, und ich öffne mich für die Trauer über all diese Dinge, die meinen Schmerz darüber lindern und transformieren kann, in Medizin für meinen weiteren Weg und für die Gemeinschaft deren Teil ich bin.

(Selbst-)Mitgefühl schenken

Was wir vor allem brauchen, um schwierige Erlebnisse durchzustehen (sowohl unsere eigenen, als auch die von anderen Menschen) und dabei nicht verletzt, sondern verjüngt daraus hervor zu gehen, ist Mitgefühl. Gerade das Mitgefühl mit uns selbst (das gerade Menschen des westlichen Kulturkreises oft erst im Laufe ihres erwachsenen Lebens erlernen!) hilft enorm dabei, schlimme und sogar traumatische Erlebnisse so zu überstehen, dass wir an ihnen wachsen und reifen können, statt daran kaputt zu gehen.

Wenn ich in meiner Rückschau an schmerzhafte Punkte komme, hilft es mir sehr, mich selbst in den Arm zu nehmen, meine Hand zu halten oder mir selbst über den Kopf zu streicheln und dabei leise im Innen oder auch einfach laut vor mich hin mitfühlende Worte zu sprechen, wie beispielsweise: „das war wirklich schwer, schmerzhaft, schlimm…. Es ist ok, traurig oder verzweifelt zu sein, ich bin hier und für dich da.… mmh, das fühlt sich ganz ganz traurig an, und das ist völlig ok so.“

Selbst-Mitgefühl ist eine lebenswichtige Fertigkeit, die wir alle erlernen können, und die für mich einen wesentlichen Schlüssel für viele drängende Fragen unserer Zeit darstellt, allen voran dafür, wie wir lernen können, mit einander voller Mitgefühl umzugehen – nicht nur mit denen die uns als Menschen nah stehen, sondern auch mit denen, die wir als „die anderen“ ansehen und auch mit den vielen nicht-menschlichen Wesen auf der Erde.

Sinn verleihen

Oft sind es gerade die schwierigen Erfahrungen, die einen Freiraum für echte, tiefgreifende Veränderungen schaffen – welche wir zwar schon irgendwie ersehnen, doch oft auch gleichermaßen scheuen.

Die ihnen innewohnenden Schätze finden wir inmitten furchteinflößender Dunkelheit, wenn wir es wagen, genau hinzuschauen auf das, was uns so schreckt und schmerzt. Auch das Finden von Sinn und Bedeutung ist eine wesentliche Säule für das Verarbeiten schlimmer, traumatischer Erlebnisse. Dabei liegt der Sinn nicht in dem Erlebten selbst verborgen – es geht nicht darum, etwas zu finden was schon längst da ist. Leiden ist in sich nicht sinn-voll. Es sind wir als Menschen, die aktiv und bewusst etwas Sinnvolles daraus machen können – indem wir auf eine besondere Weise auf das Geschehene schauen und dem Ganzen einen Sinn verleihen.

Und dieser Sinn liegt meines Erachtens nach nie in der Vergangenheit und selten in der Gegenwart, sondern fast immer in der Zukunft.

Eine der wichtigsten Fragen, um Schmerzliches auf diese Weise zu transformieren habe ich von Paul Raphael lernen können, einem Friedensstifter der Anishinabe, der fast jedes Jahr einmal nach Deutschland kommt. Sie lautet:

  • Wie kann dir das Erlebte ermöglichen und helfen, anderen zu helfen?

Die Frage verrät in sich bereits, dass ich den Sinn in den schlimmsten Erlebnissen oft erst dann finden kann, wenn ich nicht so sehr auf mich selbst und meinen eigenen Vorteil schaue, sondern das Wohl der Gemeinschaft in den Blick nehme.

Es kann sehr wohltuend sein, gerade auch diese Aspekte des Jahres mit anderen Menschen zu teilen und zu reflektieren, mit Partner*innen, Freund*innen, Gemeinschaft. Gemeinsam sind wir stärker und auch die schwerste Last lässt sich leichter tragen, wenn sie sich auf viele Schultern verteilt.

Die leidvollen Erlebnisse können wie ein besonders starker Kitt in einer Gemeinschaft sein: Sie helfen uns, die eigene Verletzlichkeit deutlich zu spüren, zuzulassen und auch zu zeigen, wodurch die Verbindung zwischen uns wächst und das Vertrauen ineinander gestärkt wird. Es ist ein großes Geschenk, in der eigenen Trauer von anderen Menschen gehalten zu sein, so wie es auch ein großes Geschenk ist, mich anderen mit meiner Trauer zu zeigen.

Nach den Weihnachtstagen und vor Silvester kann die günstige Gelegenheit sein, mit den engsten vertrauten Menschen für ein paar Stunden an einem Feuer zu sitzen. Egal ob es draußen inmitten der Kälte wärmend prasselt und den Raum in der Mitte erleuchtet, oder als Kreis von vielen Kerzen in einer gemütlichen Stube unsere Gesichter mit rotgoldenem Schein erhellt – das heiße Flackern der brennenden Flammen erinnert uns daran, dass auch die härteste Substanz transformiert werden kann. Das Feuer ist ein wunderbares Gegenüber für unsere Trauer, Wut und andere Emotionen, und es leuchtet uns den Weg zum Einladen und Umarmen und Festhalten von dem Sinn, für den wir uns entscheiden, ihn unserem Leiden zu verleihen – zum Wohle anderer.

Mit kleinen Gaben an das Feuer kann ich dabei meine Absicht immer wieder bekräftigen, die Energie des Schmerzes in etwas Sinn-volles zu verwandeln, in Medizin für die Gemeinschaft des Lebens.

Auch online kann dies gut gemacht werden, vor allem wenn jede Person sich selbst ein kleines (Kerzen-)Feuer vor Ort mit dazu holt.

Teil 5 – Wer bist du und wofür bist du hier?

Wenn die oben aufliegenden Themen eines Jahres etwas abgeschöpft und verarbeitet sind, zeigen sich oft die darunter liegenden und damit verbundenen langen (vielleicht roten, goldenen oder ganz bunten?) Fäden unseres gesamten Lebenswegs.

Jetzt ist die Gelegenheit günstig, noch einmal ganz ganz weit zurück zu schauen und in den Raum einzuladen und zu würdigen, was schon lange her ist, doch immer noch bedeutsam und wesentlich für mich und meinen Lebensweg, meinen Seelenweg.

Mit wenigen wichtigen Menschen meines Lebens kann ich teilen (und/oder für mich selbst aufschreiben):

  • Wer bin ich?
  • Wo komme ich her, was sind meine Wurzeln, in meinem eigenen Leben und dem meiner Vorfahren?
  • Was waren wesentlichen Momente in meinem bisherigen Leben, in denen durch schlüsselhafte Entscheidungen und Begegnungen sich Weichen stellten, die den Verlauf der Dinge für immer verändert haben?
  • Welche Momente kann ich erinnern, in denen ich auf dem Gipfel meines eigenen Berges gestanden habe und einen weiten Überblick auf all das erhaschen konnte, was mein Leben, meine Persönlichkeit und Identität in der Welt, vor allem aber meine Seele ausmacht?
  • Welche Visionen/Ausblicke auf mein Leben habe ich in der Vergangenheit gescheit bekommen und wie haben sie sich bis jetzt verwirklicht?
  • Was sind die allertiefsten Sehnsüchte, die mich in diesem Leben im Innern bewegen und immer weiter und weiter ziehen?
  • Welche Früchte sind in diesem vergangenen Jahr durch mich in die Welt gekommen?
  • Welche Gaben, besonderen Eigenheiten und Qualitäten wirken durch mich in die Welt hinein? Wofür schätzen mich die Menschen, die mit mir zu tun haben?

Die letzte Frage können wir nicht für uns selbst beantworten – dafür brauchen wir den Blick und die Worte von anderen Menschen. Es ist wichtig und hilfreich den Mut aufzubringen (immer wieder) danach zu fragen:

  • Was magst du an mir?
  • Was schätzt du an mir?
  • Was tut dir gut wenn wir zusammen sind?
  • Welche Medizin glaubst du bringe ich mit in die Gemeinschaft?
  • Wie würdest du meine Gaben/ meine Essenz in Worte fassen und beschreiben?

Ich führe seit vielen Jahren ein kleines Büchlein in dem ich sammle, was mir an Wertschätzung ausgesprochen wird. Wenn ich zur Jahreswechsel-Erneuerungszeit allein bin, aber auch zwischendurch, wann immer ich es brauche, schaue ich in das Büchlein hinein wie in einen Spiegel, in dem ich besser wahrnehmen kann, was durch mich in die Welt kommt, welche Qualitäten.

Das jedem einzelnen Menschenkind innewohnende Genie oder die individuelle Gabe hat dabei selten mit einer konkreten Kunstform zu tun. Der Begriff trifft nicht nur auf die Meister-Musikerin zu, vor der die ganze Welt sich verneigt. Unser Genie ist vielmehr die Mischung aus unseren Talenten, unseren Sehnsüchten, die uns lenken, unserem einzigartigen Stil mit dem Leben umzugehen, und vielem mehr, was eine herrliche Wolke aus Worten, Geschmäckle und spürbarer Besonderheit ergibt. Es ist ganz natürlich, dass wir sie nie ganz und gar (er)fassen können – dafür ist sie viel zu komplex und geheimnisvoll. Doch uns ihr anzunähern ist wichtig dafür, uns selbst zu spüren und mit wachsendem Vertrauen und Zufriedenheit das hinschenken zu können, wofür wir in dieses Leben gekommen sind.

Teil 6 – Das Leben feiern

Mir all der Gaben bewusst zu werden, die ich in mir selbst und in anderen entdecken kann, füllt das für Glück bereitstehende Gefäß in meinem Inneren bis über den Rand mit Dankbarkeit und Freude. Das Ende des Jahres ist für mich eine stimmige Gelegenheit, das ganze Leben, das so viel Fülle schenkt, noch einmal besonders ausgelassen und energievoll zu feiern.

Silvester macht es möglich, die vielen Worte und Gedanken ruhen zu lassen und stattdessen den Körper zu bewegen, zu tanzen, zu spielen, und ganz besonders fröhlich zu sein. (Welche Form das in diesem Jahr annehmen kann, auch sogar für die von uns, die alleine zuhause sind, ist eine wichtige Frage! Hier findest du Anregungen für eine Dance-Party über Zoom, von denen schon seit Monaten weltweit jede Menge stattfinden: https://medium.com/tixel/how-to-host-a-zoom-dance-party-970bea59b76.)

Wenn ich lange und intensiv zurückgeschaut habe, deutlicher wahrnehme und tiefer verstehe was war, kann ich das Jahr beschließen, abschließen, und die letzten paar Stunden und Minuten bewusst zelebrieren.

Ich mag es sehr, wach zu bleiben bis nach unserer Zeitrechnung mitten in der Nacht das alte Jahr endet und das neue Jahr beginnt.

Je nachdem ob du in diesem Jahr zusammen mit wenigen anderen oder alleine feierst, wird dies sicher ein besonders Silvester sein. Dank des Feuerwerk-Verbots kann die Stille so viel mehr Raum bekommen – vielleicht nicht nur um uns herum, sondern auch in uns drinnen.

Ich beginne das neue Jahr gern mit viel Stille und aufmerksamem draußen Sein, allein oder zusammen mit meinen Liebsten einen Spaziergang zu machen, um vor allem die nicht-menschlichen Wesen in unserer Umgebung im Neuen Jahr zu sehen und zu grüßen.

Am liebsten besuche ich ein natürlich ganz kaltes Wasser an einem Bach, Flüsschen oder See, um das lebensspendende Element zu segnen und um für mich und meinen Liebsten von den Kräften und Wesen in der Natur einen Segen zu erbitten, einfach für Gesundheit, Freude und Lebendigkeit für das neue Jahr.

Mich am Neujahrstag allein oder zusammen mit meinen Liebsten draußen in der Natur zu waschen (zumindest die Hände oder die Stirn) oder sogar komplett zu baden hilft mir, die Lebenskraft in eine neue Runde zu schicken und mich voll und ganz bis in die Tiefe erfrischt und erneuert zu fühlen.

Teil 7 – Der Nordstern

Ein Nordstern steht für etwas, das uns Orientierung für unseren weiteren Weg bietet, auch wenn wir es nie vollständig erreichen können. Die Jahreswechsel-Zeit ist eine wunderbare Zeit, um unseren Nordstern zu überprüfen und uns immer wieder neu auszurichten, nach dem was uns am Wichtigsten ist.

Statt mir konkrete, messbare Ziele für das kommende Jahr zu setzen, setze ich meinen Kurs auf Werte, die mir wirklich am Herzen liegen. Ich finde es hilfreich, diese Werte in jedem Jahr wieder neu abzuschreiben und für mich selbst dadurch festzuhalten. Sie könnten auch in Form von Gedichten, Liedern, Bildern oder Skulpturen, selbst symbolisiert von gefundenen oder gekauften Gegenständen eine (an)fassbare Form finden, die mich durch das kommende Jahr begleiten kann, wenn ich ihnen einen Platz in meinem Zimmer schenke.

Hilfreiche Fragen um ihnen auf die Spur zu kommen könnten sein:

  • Was sind die grundlegenden Werte in deinem Leben?
  • Was ist dir am wichtigsten und liegt dir wirklich am Herzen?
  • Was sind die tieferliegenden Bedürfnisse, deren Erfüllung du dir immer wieder (neu) wünschst?
  • Mit welchen Intentionen möchtest du in das kommende Jahr gehen?
  • Welche Qualitäten möchtest du einladen, für dich selbst und für alle die mit denen du verbunden bist?

Zusätzlich zur Innenschau bitte ich am Neujahrstag gern irgendein Orakel, mir etwas über das zu verraten, was mich im neuen Jahr erwartet, zum Beispiel in dem ich Karten ziehe oder eine Medizinwanderung machen, also einen Spaziergang bei dem ich eine Frage im Herzen trage.

Besonders hilfreich finde ich dabei diese Fragen:

  • Was wird durch mich kommen?
  • Was kann mich unterstützen?
  • Was brauche ich?
  • Worauf kann ich meine Aufmerksamkeit lenken, das besonders hilfreich wäre?

Oft entdecke ich durch die Symbolik der Karten oder die Ereignisse auf meinem Spaziergang weitere Qualitäten, Werte und Intentionen, die ich ebenfalls einladen möchte fürs neue Jahr.

Einladen und Bekräftigen

Indem ich die Werte in Worte fasse, sie denke oder ausspreche, hole ich sie bereits in den Raum. Auch wenn sie immer Ideale bleiben, die nicht vollkommen verwirklicht sein werden, stellen sie sich als Qualitäten schon ein Stückchen weit ein, sobald ich sie über die schöpferische Wirkkraft der Sprache berühre.

Einen Wert denken, sprechen, beten oder als Symbol in meine Hand zu nehmen ist für mich, wie eine Tür zu öffnen zu einem Raum voller Möglichkeiten, wo eben diese Qualitäten enthalten und lebendig sind. Insofern ist jedes Werte-Wort ein Zauberwort!

Wenn ich mich wage, es zu sprechen auch wenn andere Menschen dabei sind, kann ich seine Wirkkraft verstärken.

Deshalb mache ich gern am ersten oder zweiten Januar ein Bekräftigungsritual, wo ich (allein oder zusammen mit anderen), all das an Werten, Intentionen oder Qualitäten einlade, was ich mir für das neue Jahr wünsche, und zwar so allgemein wie möglich, ohne es mit konkreten Bildern in Verbindung zu bringen (beispielsweise würde ich um „ein geborgenes Zuhause“ oder um das „Gefühl, voll und ganz zuhause zu sein“ bitten, nicht um „ein Haus mit einem Holzofen und großen Fenstern“).

Für dieses Ritual braucht es eine oder mehrere Gaben, die ich mit meinen Wünschen zusammen verschenke. Ein großes oder kleines Feuer könnte einen guten Empfänger dafür bieten (mit brennbaren Gaben wie beispielsweise Haferflocken oder selbst gesammelter getrockneter Beifuß), oder ich könnte die (biologisch abbaubaren) Gaben einem fließenden Gewässer übergeben, mit Gebeten für ihre Erfüllung. Auch große Bäume sind manchmal geeignete Empfänger für Gebete und Gaben.

Es kann zutiefst berührend sein, hierbei neben den Gebeten für mich selbst vor allem auch für das Wohlergehen meiner Liebsten und für alle anderen Wesen zu beten und die Qualitäten einzuladen, die ich für die Welt ersehne.

Je mehr ich meine Zeit, Aufmerksamkeit und Lebenskraft zur Verfügung stelle, um das Wohl des größeren Lebensnetzes zu bedenken, desto stärker kann ich mich als Teil des Ganzen und auch selbst davon getragen fühlen.

Teil 8 – Zukunftsbilder

Indem ich Intentionen setze und Qualitäten und Werte einlade, stelle ich in meinem Innern eine Weiche, ich setze meinen Kurs in genau diese Richtung. Ich öffne ein Türchen einen Spalt breit, durch das nun Leben strömen kann. Man könnte auch sagen, ich setze mir eine ganz bestimmte Brille auf, durch die ich nachfolgend die Welt betrachte und leicht verändert oder auch ganz neu wahrnehmen kann.

Die Zeit nach dem rituellen Bekräftigen der Neujahrs-Intentionen, wenn im Januar immer noch tiefe Dunkelheit herrscht, die Landschaft kahl und eisig bleibt, während ab und zu die Misteldrossel wehmütig singt und in den langen dunklen Nächten die Füchse heiser bellen, ist für mich eine besondere Zeit des Nichtwissens und damit-gut-Seins. Im Bauch der Erde ist nun alles Vergangene verdaut und bereit ein fruchtbarer Mutterleib für das Neue zu sein. Ich versuche den ganzen Monat soweit es möglich ist termin-frei zu halten, eine gute Portion Urlaub zu machen und danach auch noch zwei, drei Wochen lang nur meinem eigenen Arbeitsflow zu folgen, damit genug leerer Raum da sein kann, in dem die zarten kreative Funken der schöpferischen Kraft und Inspiration sich einfinden können.

Nach und nach zeigen sich in meinem Innern mehr Bilder darüber, was die Zukunft von mir brauchen könnte und wie sich die gesetzten Intentionen, Werte und Qualitäten in diesem neuen Jahr verwirklichen könnten. Auch konkrete Bilder für Projekte zeigen sich, sowohl für die Arbeit, als auch persönlicher Art. Diese Bilder nähre ich durch meine Aufmerksamkeit, mein Lauschen, mein Hineinspüren – wie würde es sich anfühlen, wenn…?

Erst wenn Anfang Februar das Licht sich verändert, die Knospen der Bäume anschwellen, im Innern ihrer Stämme das Wasser wieder strömt und tief in der Erde die Vorfrühlingskraft sich zu regen beginnt, ist bei uns die Zeit gekommen, unseren (Weihnachts-)-Baum aus dem Haus zu schaffen, meistens am zweiten Februar. In kleine Stücke zerteile ich die meist schon ganz trockenen Zweige und Äste und mit jedem Teilchen davon, das ich ins Feuer gebe, spreche ich die Wünsche und Widmungen für das Jahr, so konkret wie ich sie in meinen inneren Bildern sehen oder erahnen kann. Prasselnd verbrennen sie und dies ist ein guter Zeitpunkt um auch für all die Einsichten und den Zauber der gesamten Jahreswechsel-Erneuerungszeit zu danken. Jetzt sind die dazugehörigen Rituale für mich abgeschlossen und gemeinsam mit meinen Liebsten feiern wir unser Frohlocken auf alles was kommt, meistens mit einem richtig leckeren Essen hinterher.

Das Drumherum: Einen lebendigen Rahmen gestalten

Tiefes Reflektieren ist anstrengend und fordernd für uns. Es fördert Emotionen an die Oberfläche, die einen Ausdruck finden wollen, und auch die mit ihnen verbundene Energie will umgesetzt werden.

Deshalb empfehle ich dir gerade in Zeiten intensiver Innenschau auch genau das Gegenteil bewusst mit einzuplanen: Oberflächliches, Lustiges, Albernes, Leichtherziges, Verspieltes und pure Unterhaltung.

Für mich ist sind schon seit vielen Monaten Komiker (beispielsweise dieser hier) fast lebenswichtig geworden – ihr frischer Blick auf die Widernisse unserer Zeit hat für mich zutiefst tröstliche Wirkung und lässt mich entweder weniger hilflos fühlen – oder zumindest nicht so allein mit meinem Frust.

Wenn du die Möglichkeit hast, life oder per Telefon mit Kindern in Kontakt zu sein, würde ich dir wärmstens empfehlen sie zu nutzen. Gerade wenn es nicht deine eigenen Kinder sind, brauchen sie dich vielleicht besonders, weil sie sich mitten im Lockdown vermutlich mit ihren eigenen Eltern und engsten Familienangehörigen ab und zu ziemlich langweilen! Eine Liste kinderfreundlicher Witze, die du am Telefon oder life vor Ort mit ihnen teilst, könnte für euch alle einen Moment herrlicher Leichtigkeit ermöglichen.

Wichtig ist es in der Erneuerungszeit auch, ganz besonders intensiv für deine körperlichen und seelischen Bedürfnisse zu sorgen:

  • viel, viel Wasser trinken
  • lange schlafen 
  • an der frischen Luft bewegen, spazieren gehen
  • Sonne tanken wenn sie sich zeigt
  • kuscheln mit Haustieren, Menschen mit denen dies möglich ist, aber auch flauschigen Decken oder Kissen
  • Berührung schenken und empfangen, auch einfach von dir selbst für dich selbst 
  • leckeres Essen für dich zuzubereiten (oder auch die Gastronomie vor Ort durch Bestellungen zu unterstützen)
  • dir selbst Wärme spenden, um mehr Geborgenheit spürbar zu machen
  • mit großen oder kleinen Taten jemand anders etwas Liebes tun
  • vor allem wenn du dich ängstlich oder angespannt fühlst und dein Nervensystem Unterstützung dabei braucht, sich selbst zu regulieren:
  • und was immer deinem Körperwohl noch gut tut!

 

Liebe Leute,

findet ihr zoomen auch schön und schrecklich zugleich? Es ist SO anders, als gemeinsam in einem Raum zu sitzen, oder?

Damit Verbindung über Hören und Bildchen trotzdem spürbar wird und wir genährt aus der konzentrierten Zeit rausgehen können, hier unsere Hot-List von hilfreichen Tipps:

 

VORHER:
  • Liebe-volle Einladungen, mit Instruktionen statt nur Nummern, und ein bisschen Ermutigung und Vorfreude machen es gerade unerfahrenen Telekonferenzierenden leichter.
  • Als Moderierende 15-30 Min früher da sein (ohne sich mit was anderem abzulenken) lohnt sich, zum die eigenen Intentionen nochmal zu bekräftigen, weiten Raum & inneren Frieden zu kultivieren, die Herzkraft zu aktivieren, z.B. durch bewusstes Atmen, ein Gebet für Unterstützung dafür, die richtigen Worte zu finden und mit Tiefenschärfe zuzuhören, damit der Call für alle Beteiligten wirklich hilfreich und verbindend sein kann.
    Mir selbst Zuspruch und Liebe schenken, mich nochmal berühren, die Hand aufs Herz legen oder den Wind auf der Haut spüren, Nähe und Verbindung zu mir selbst ermöglichen, mich erden, in meinen Körper reinfühlen, den Boden unter mir und die Schwerkraft spüren, nochmal Atmen.
  • Wenn ich weiß wer kommt, kann ich schon vorher Breakout-Gruppen definieren (z.B. Lernpartner*Innen, Familienbanden, regionale Gruppen), das spart während des Calls Zeit und Aufmerksamkeit.
DABEI
  • Herzliches Willkommenheißen von Menschen wenn sie auftauchen, dabei den Namen nennen – für sie selber und für die anderen, die vllt. ohne visuelle Verbindung am Telefon darauf lauschen wer noch dazu kommt.
  • Ein bisschen herzigen Small-Talk zum Anfang, der in den Moment bringt – z.B. über das Wetter bei jedem, über die letzte Mahlzeit an dem Tag, anwesende Haustiere zeigen oder die Orte an denen die anderen sind, fragen ob jemand Schokolade hat, die sie mit allen teilen würden usw.. 🙂
  1. Zum Start nochmal alle zusammen Willkommen heißen. Die Intentionen des Calls benennen. Vllt. nochmal kurz gemeinsam Atemholen, körperlich ankommen, es sich bequem machen oder sich aufrichten. (Evtl. visualisieren, dass wir alle gemeinsam in einem Kreis sitzen, einander bei den Händen fassen, ein Feuerchen in unserer Mitte brennt, oder wir auf einer Sommerwiese in den ersten wärmenden Sonnenstrahlen sitzen….)
    Einladung an alle, jetzt auf Speaker-View umzuschalten – das macht es viel viel leichter, zuzuhören und nicht die Sinne zu überfordern, wenn wir nur den sprechenden Menschen in voller Größe sehen. Bei Bedarf dazu ermutigen, dass die Menschen nicht multi-tasken, sondern mit ihrer Aufmerksamkeit im Call bleiben und einfach achtsam präsent lauschen – das macht einen enormen Unterschied dafür, wie anstrengend der Anruf ist oder nicht.
  2. Kurze Dankes-Runde, wo alle Stimmen einmal hörbar werden: Dein Name, woher rufst du an, eine Sache für die du dankbar bist gerade?
    Als Reihenfolge bietet sich der Zeitpunkt des Erscheinens im Call an – wer früher da ist, ist auch früher dran und Spätkommer können in Ruhe landen.
    Moderierende: Diese Reihenfolge im Chat aufschreiben, am besten nach jedem Sprechenden ansagen, wer nun dran ist, das Wort weitergeben – das schont die Aufmerksamkeitsspanne der Teilnehmenden.
  3. Moderierende: Kurze Widmung sprechen & Qualitäten für den Call einladen, z.B. schnell, klar, Herzlichkeit, Verbindung, Vertrauen usw. (Hier gern nochmal die Intentionen des Treffens nennen.)
  4. (Bei Planungs- oder Entscheidungsgesprächen jetzt Menschen finden, die ein kompaktes und übersichtliches Protokoll schreiben)
  5. Check-In: “Wie geht es dir gerade? Was ist wichtig zu teilen bevor wir starten? Was ist gerade schön in deinem Leben, was ist schwierig?”
    Einladung dafür: Von Herzen teilen, von Herzen zuhören, Raum für Verletzlichkeit für einander halten, nicht unterbrechen, kommentieren oder Ratschläge geben. Wechsel nach der Hälfte der Zeit. 
    Erstmal in Breakout-Gruppen mit je zwei Personen – das geht schnell, schafft Intimität und ein Gefühl von Vertrautheit und Nähe. Am besten sind hierfür zwei Menschen, die sich noch nicht kennen oder schon lange nicht mehr miteinander gesprochen haben. Zeit dafür (abhängig von Agenda und Gesamtlänge des Calls) ca. 2-8 Minuten pro Person. Wechselzeit sollten die 2er Gruppen selbst im Auge haben. 
    Moderierende: Den Chat im Auge behalten während der Breakout-Gruppen-Zeit., für Fragen aus den Gruppen. Bei Bedarf kann man sich in jede Gruppe reinklinken. Falls jemand aus technischen Gründen rauspurzelt brauchen die anderen in der Gruppe vielleicht eine kurze Nachricht/Beruhigung. 

    Eventuell einen kurzen Kreis dazu machen, je nach Zeit-Budget und anderen Absichten: jede*r 2-3 Sätze, 1,5-2 Min, 4 Min oder wenn es wirklich wichtig ist, oder es im Call sogar hauptsächlich darum geht, wie es den Leuten geht, dann auch 5 min und mehr pro Person.
    Fragen für den Kreis: Wie geht es dir gerade? Was ist los in deinem Leben? Was hat deine Zwischenzeit gebracht? Oder spezifischer: Wie ist es dir mit xyz ergangen?
    Falls Verletzlichkeit nicht selbstverständlich ist und von allein kommt, ODER du ein besonders schnell besonders tief gehen ermöglichen möchtest, gezielt die Fragen so ausrichten, z.B. Was hat dich berührt? Was war bedeutsam? Welche Ängste oder Sorgen kannst du in dir finden? Welche Sehnsüchte sind in der Tiefe spürbar, die dich gerade weiter locken?
    Moderierende: Auch hier wieder vor jedem Menschen den Namen nennen, das Wort weiterreichen wie einen Redegegenstand. Zeit hüten und Signale für den Wechsel geben (z.B. mit Klangschale, Rassel, Klopfen etc.), damit Sprechende noch Abrunden und dann weitergeben können.
    Kreise werden “handfester”, wenn jede*r ein Redeobjekt für sich selbst hat. Das kann auch kurz gezeigt werden und wird dann benutzt wenn ein Mensch mit Sprechen dran ist. 

  6. ThemenfragenEventuell im Kreis oder Check-In schon diese Fragen mit dazu geben, oder eine neue Runde damit machenWorüber möchtest du heute gern sprechen? Was magst du mit auf die Agenda für unser Gespräch setzen? Welche Themen, Fragen usw. liegen dir am Herzen?

  7. Spätestens nach dem Check-In Themen sammeln für die Agenda, Fragen s.o. Moderierende machen Vorschläge für Abfolge.
  8. Themen besprechen: Entweder im Kreis nach Redereihenfolge oder Moderierende erklären kurz, wie man sich bei Zoom zu Wort melden kann, dadurch bleibt es auch überschaubar, wenn man ein bisschen ins Springen kommt. Evtl. daran erinnern, bei der Essenz zu bleiben. Teilen was mir wirklich wichtig ist. Im Zweifelsfall Zustimmung kurz aussprechen, statt nur nichts zu sagen.
    Wenn es um Entscheidungen geht: Schöpferische Ideen und Gedanken einladen, für was auch immer eine lebensförderliche Umgehensweise ist. “Welcher Kurs ist stimmig und hilfreich für alles was uns am Herzen liegt?”
    Es können sich hier auch Break-out-Groups bilden, um gleichzeitig nach Neigung mehrere Themen zu besprechen.
  9. Punkte von Einigkeit unbedingt zwischendurch benennen und schriftlich festhalten.
  10. Was fehlt noch in unserem Bild? Nachfragen, welche leise Stimme wir vielleicht überhört haben bis jetzt? Ergänzen und bei Bedarf Einigkeitspunkte anpassen.
  11. Nächste Schritte definieren, so überschaubar und konkret wie möglich: Wer macht wann was wie mit wem wo wie?

  12. Nächstes Thema angehen und die vorherigen Schritte dafür wiederholen. Moderierende: Bei langen Calls unbedingt Bio-Pausen einbauen! Nach 1h 30 min mindestens 10 min Pause. Geht der Call 2h eine kurze Pause zwischendurch.
    Gern zwischendurch zum Gähnen und Strecken einladen, zum Augenschließen und tief durchatmen.
  13. Abschluss: Als Moderierende die Einigkeitspunkte zusammenfassen und nochmal würdigen/feiern.
  14. Check-outWas nimmst du mit aus dem Call? Pro Mensch 1-2 Sätze oder mehr. Ein-bis 3-Wort-Abschluss geht auch bei Zeitknappheit. Bei viel Rede-Bedarf nochmal 2er-Break-out-Groups und danach Abschluss im Kreis.
  15. Dank & Abschied & gute Wünsche: Alle Mikrophone laut stellen, damit sich alle verabschieden können.
NACHHER
  • ein klares und sinnvoll gegliedertes Protokoll ist super wertvoll. Es lohnt sich wirklich da Arbeit reinzustecken bzw. jemanden zu haben, der das macht, weil damit alle gesammelten Infos und Ideen einfach viel leichter zugänglich und weiter verarbeitbar sind.
  • Aufnahmen rumschicken, falls es welche gibt.
  • Vielleicht ein Ankergespräch mit einer Person deines Vertrauens, um für dich den Call zu reflektieren?
  • Vielleicht Upgrades sammeln für einen nächsten Call, auch gemeinsam mit der Gruppe: Was fand ich/fanden wir gelungen? Was würde ich / würden wir beim nächsten Mal anders machen? Was war ein magischer Moment?

 

 

In den letzten Wochen machen die Meldungen und Meinungen rund um Corona und die Umgehensweise damit, es vielen Menschen extrem schwer, einander von Herzen zuzuhören. Ein tiefer Abgrund scheint in der Bevölkerung aufzuklaffen, oft sogar mitten durch Familien oder auch innerhalb von Freundschaften.

Die Angst davor, etwas Wichtiges zu verlieren scheint auf beiden Seiten einfach zu groß und zu dringlich – auch wenn das worum es geht für jeden etwas anderes, oder sogar scheinbar entgegengesetztes ist.

Wenn gleiche Meinungen aufeinander treffen, kann man sich leicht zusammen hochschaukeln – um dann noch vehementer gegen die jeweils “anderen” zu wettern.

Wenn unterschiedliche Meinungen sich zeigen, ist dies oftmals so bedrohlich, dass wir uns in Kampf, Flucht oder Starre wiederfinden – und sogar langjährige Verbindungen in Gefahr zu geraten scheinen.

In mir selbst kann ich gut beobachten, wie die Welt sich auf einmal eng anfühlt, wenn es in einer Situation keinen akzeptablen Ausweg zu geben scheint. In solchen Momenten beginne ich leicht, mich gegen andere Menschen zu richten und zu verurteilen, statt mitzufühlen.

Warum ist es so schwer, einen gemeinsamen Weg zu finden?

Mein 13jähriger Sohn zeigt mir gerade viele Filme über Superheld*Innen, die die Welt retten, von denen er total begeistert ist.

Was das trügerische Superhelden-Idealbild mir vor Augen führt ist, wie tief – auch in mir selbst – der Wunsch danach steckt, auf der Seite der Guten zu sein – und damit verbunden auch eine tapfere Bereitschaft zu kämpfen wenn es notwendig wird, mit allen Mitteln.

Doch das ist keineswegs so vernünftig, wie es zu sein scheint!

Wenn ich an meine Erfahrungen bei den Ju/’hoansi-Buschleuten denke oder an die Geschichten aus anderen friedvollen Kulturen, wie sie beispielsweise Tom Porter erzählt, sehe ich das genaue Gegenteil von einem Action-Film – vielmehr ein beständiges miteinander aufeinander lauschen und große Disziplin dabei, gemeinsame Wege zu finden, im Respekt für die Bedürfnisse der jeweils anderen.

Konditioniert darauf, Recht zu haben

Es ist wohl einer Aspekt unserer westlichen Kultur, dass die menschliche Regung des “Recht haben wollen” oder auf der “richtigen” Seite sein wollen, hier bei uns nicht relativiert wird, sondern im Gegenteil von Klein auf noch angefeuert wird – so dass viele von uns dies als Grundgewissheit regelrecht brauchen.

Wir bekommen es in der Schule schon angewöhnt, wie beschämend es ist, falsch zu liegen, wie schmerzhaft und bedrohlich.
Und wenn wir das einmal verstanden haben, beweisen wir unsere “Kompetenz” beständig (vor allem vor uns selbst) – und dies erscheint leichter, indem wir gegen die “falsche” Seite kämpfen.

Wir brauchen also die Bösen oder das Böse, könnte man sagen, damit wir selbst die Guten sein können. Ohne passende Gegner*Innen ist es schwierig, diese Gewissheit zu haben.
Und gerade in unsicheren Zeiten wie jetzt, wo die Zivilisation in ihrer bisherigen Form schier zusammenzubrechen scheint und nur sehr vage Zukunftsperspektiven zur Verfügung stehen, wollen doch die meisten Menschen zumindest auf der Seite der Guten sein!

Doch infolge dieses aufrichtigen Bestrebens werden seit Jahrtausenden fruchtlose Kriege geführt, bei denen niemand wirklich jemals gewinnen kann – zwischen Völkern, zwischen Liebenden, zwischen Geschwistern, zwischen uns allen.

Ein Infragestellen unserer eigenen politischen Ansichten wird von unserem Nervensystem tatsächlich ähnlich bedrohlich empfunden, wie ein bewaffneter Angriff.

Dabei ist Wahrheit, falls wir sie überhaupt jemals erfassen können, ein fantastisch buntes, komplexes Puzzle, zu dem alle Teile dazu gehören, die herumliegen.
Diese vielen verschiedenen Teilchen voller Respekt, Achtung und vor allem Humor zusammenzutragen ist eine Kunst, die für ein friedvolles Miteinander unersetzlich ist.
Keine Superkraft der Welt kann mehr Frieden bewirken!

Über den Tellerrand schauen

Bemerke ich, wie ich innerlich ins Verurteilen komme, kann es so richtig gut tun, mal ganz weit raus zu zoomen:

Overview-Effekt” heißt der von Weltraumfahrenden beschriebene Bewusstseins-Sprung, den viele von denen erlebt haben, die unseren kleinen blauen Planeten von ganz weit draußen betrachten konnten. Fast alle beschreiben, wie unbedeutend ihnen aus dieser Distanz alle menschengemachten Konflikte erschienen, und viele drückten eine weltumspannende Liebe zu dieser wundersamen Kugel voller Leben aus, die wir unsere Erde nennen.

Wenn wir weit genug raus-zoomen, sehen wir anscheinend klarer, was uns eigentlich alles verbindet, und unser angeborener Drang die Menschen in “zu mir gehörig” und “die anderen” einzuteilen, wird kleiner.

Auch ohne Rakete ist es möglich, mit Hilfe unserer Vorstellungskraft diese Reise anzutreten und von ganz weit entfernt auf die Erde als lebendigen Organismus zu schauen, der inmitten des lebensfeindlichen Weltraums, geschützt durch eine nur hautdünne Atmosphäre, all diese wundervollen Wesen beherbergt, einschließlich uns – der eigentlich allesamt recht seltsamen Menschen.

Für mich ist dies auch ein Inbegriff von Spiritualität – mich bewusst mit dem zu verbinden, was die Verbindung zu allem Leben für mich deutlich spürbar macht.

Diese Art von Verbindung zum ganz großen Ganzen macht es leichter, auch angesichts großer Konflikte und großer Unsicherheit, mich selbst auf eine lebensfördernde Weise zu verhalten und meine Energien zu bündeln für das, was gerade hilfreich und gebrauch ist.

Wieder zueinander finden

Mir hat es gut getan, gerade in diesen letzten Wochen mich immer wieder auf Geschichten zu besinnen, wo trotz gewaltiger Konflikte eine Verbindung wieder möglich wurde.
“Beyond Right and Wrong – Stories of Justice and Forgiveness” ist ein englisch-sprachiger Film darüber, wie es Menschen gelungen ist, die größten denkbaren Abgründe zu jemand anders zu überwinden und Verbindung zu finden: In der Dokumentation kommen Opfer schrecklicher Gräueltaten zu Wort, die es geschafft haben, mit den Tätern Frieden zu schließen. Der Film beschreibt, wie dadurch tragfähige Brücken gebaut werden, die Verbindungen erschaffen, wo dies völlig aussichtslos und unmöglich erschien – und wie weitreichend die positiven Folgen davon sein können.

Wenn du Lust auf mehr Geschichten dieser Art hast kann ich dir auch das Buch “Peacemaking Circles – From Conflict to Community” empfehlen. Die Autoren, die unterschiedlichen Ureinwohner-Kulturen in Nordamerika angehören und dort als Friedensstifter tätig sind, erzählen Geschichten von Peacemaking-Prozessen in ihrem Kontext, beispielsweise nach Verbrechen, wo Täter, Opfer und deren Familien und größere Gemeinschaft einbezogen werden, um wahrhaftigen Frieden herzustellen.

Brücken bauen ist möglich

Wenn du in deinem nahen Umfeld mit Menschen zu tun hast, die ganz andere Ansichten vertreten, als du selbst, empfehle ich dir das Buch How to have Impossible Conversations”. Darin beschreiben Peter Boghossian und James Lindsay die wichtigen Grundschritte, damit ein Gespräch über das konflikthafte Thema gelingen und die Verbindung zu den anderen bestärken kann:

1. Versuche die Position der anderen so klar, deutlich und wohlwollend wiederzugeben, dass diese am liebsten sagen würden: “Danke, ich wünschte ich hätte es selbst so ausdrücken können.”
2. Benenne alle Übereinstimmungen mit deiner eigenen Sichtweise (je themenspezifischer, desto besser).
3. Sprich alles aus, was du von deinem Gegenüber lernen konntest.
4. Erst dann ist ein fruchtbarer Boden dafür bereitet, nun gemeinsam zu erforschen, wie valide die einzelnen Standpunkte sind. 

Die eigene Ignoranz einzugestehen schafft Offenheit

Vermeintliche Fakten aufzuzählen ist hier jedoch am allerwenigsten hilfreich. So wenig wie die meisten von uns in der Lage seien wirklich zu erklären, wie unser Telefon funktioniert oder was Radiowellen eigentlich sind, wären die wenigsten Glaubenssätze und Meinungen, die wir übernehmen und benutzen, auf wirklichem objektivem Faktenwissen basiert, schreiben Boghossian und Lindsay.

Je scharfsinniger unser Verstand funktioniert und je klarer und wortgewandter wir uns ausdrücken können, desto besser können wir dies verbergen und verschleiern, oder sogar andere von unserem Standpunkt überzeugen. Doch die meisten von uns geraten irgendwann ins Straucheln, wenn wir versuchen, in der Tiefe zu erläutern und zu beweisen, warum wir so überzeugt von irgendetwas sind.

Viele unserer Überzeugungen sind für uns regelrechte Anker im Dasein. Diese Sichtweisen in Frage zu stellen, kann deshalb große Unsicherheit mit sich bringen.
Es fällt viel leichter, sich darauf einzulassen, wenn mein Gegenüber zum eigenen Unwissen und der eigenen Ignoranz steht, diese ganz ehrlich zugibt (beispielsweise durch Aussagen wie: “Ich weiß das selber nicht so genau.” “Ich kenne mich nicht wirklich aus.” “Ich bin mir nicht ganz sicher.“)
Damit können wir einander sozusagen auf neutralerem Boden begegnen – eine gute Voraussetzung für behutsameren und mehr Verbindung schaffenden Austausch.

Es gibt Fragen, die hier für uns selbst und für unser Gegenüber die Anhaftung an unsere (natürlich immer begrenzten) Sichtweisen etwas lockern können, und dadurch ein Stück weit Erleichterung und Öffnung schenken:
– “Gäbe es Umstände unter denen ich/du diese Sache anders bewerten würde?”
– “Könnte man trotzdem ein guter Mensch sein, selbst wenn man diese bestimmte Sache anders sehen würde?” 

– “Gibt es irgendeinen Menschen, der für mich/dich ein “guter Mensch” ist, und diese Sache (vermutlich) anders sieht?”

Was ich außerdem hilfreich finde ist es, gemeinsam in die Tiefe zu tauchen: “Was sind die Werte die für mich/dich im Kern hinter dieser Überzeugung stehen?” “Warum sind mir gerade diese Werte so wichtig/heilig?”

So können wir es schaffen, für uns selbst und für unsere Gesprächspartner Druck rauszunehmen und buchstäblich den Horizont des Gespräches zu erweitern – um mit mehr Weite im Herzen und Verstand eine gemeinsame Basis zu finden, auf der Verbindung möglich ist.
Selbst in Momenten wo ich mich nicht traue, diese Fragen wirklich laut zu stellen, kann ich spüren, wie sie auf mich selbst und mein eigenes Vermögen dem anderen mit Offenheit zu begegnen wirken, sogar wenn ich sie einfach nur im Stillen für mich selbst beantworte.

Denn wie Eric Barker, dessen Newsletter (auch zu diesem Thema) ich besonders schätze so wundervoll auf den Punkt bringt: “Die Meinung von jemand anders zu beeinflussen ist extrem schwer. Unsere eigene Meinung zu verändern kann noch viel schwerer sein. Aber wenn wir uns dafür öffnen, ist es oft viel viel fruchtbarer.”

Willkommen sein ist ein menschliches Grundbedürfnis

Wir sind alle nur Menschen, und wir brauchen einander mehr denn je – liebe-voll und in Verbindung.

Wir freuen uns sehr darauf, viele von euch wiederzusehen, wenn unsere Veranstaltungen wieder losgehen.

Wir werden ganz sicher einen Raum schenken, wo du willkommen bist!

Genauso wie du bist, mit was auch immer deine Meinungen, Ideen, Gefühle und Sorgen sind, bist du eingeladen, dich mit uns und mit allen, die noch dabei sein werden, wohlig und geborgen zu fühlen.

“Jenseits von Richtig und Falsch ist ein Garten – dort werden wir zusammenfinden.”

Rumi

 

Möchtest du mehr darüber lernen, wie wir einander als Menschen willkommen heißen können,
genau so wie wir sind
?

Dann könnte dir unser Online-Paket zum Thema Mentoring gefallen, du findest es hier….

Eine Meditation, die dich vielleicht dabei unterstützen kann, auch angesichts von Tumult, Chaos und viel Unsicherheit und Verwirrung, gut geerdet und zentriert Entscheidungen zu treffen und dich auf eine lebensförderliche Weise zu verhalten. Die Bäume können helfen!

Ein Bericht über unsere dritte Reise in die Kalahari, erlebt und aufgeschrieben von Katharina Voigt.

Eine Gruppe von sieben Menschen aus dem Circlewise Netzwerk war diesen Winter wieder gemeinsam mit Werner Pfeifer bei unseren Freunden, den Ju/’hoansi. (Hier findest du die Artikel über unsere erste und zweite Reise.)

 

Für mich, Katharina, meine allererste Reise auf den afrikanischen Kontinent überhaupt, in die dank Regenzeit ganz grüne Weite der Dornstrauchsavanne der Kalahari. Der Besuch bei den Ju/‘hoansi verändert mich grundlegend. Warum?

 

 

Ich liege mit dem Rücken auf dem dicken Baumstamm. Der Baum ist schon vor vielen Jahrzehnten, vermutlich eher Jahrhunderten, in der Mitte auseinandergefallen und so wachsen gleich mehrere Stämme zur Seite und von dort aus in die Höhe. Meine Hände gleiten über seine Borke – ich spüre die Hubbel, Wellen, Rillen, Dellen und Unebenheiten. Die meisten im Laufe der Jahrhunderte langsam gewachsen. Einige sind von Menschenhand entstanden – mein Blick fällt auf die Jahreszahl 1848, die hier eingeritzt ist.

Es gibt eine Geschichte aus dem vorletzten Jahrhundert, von einer Gruppe Buren (die Afrikaans sprechende europäischstämmige Bevölkerungsgruppe Südafrikas) auf dem Weg von Südafrika Richtung Norden auf der Suche nach neuem Weideland. Sie sind an diesem vermutlich mehrere tausend Jahre alten Baobab-Baum gestrandet, hungrig, kurz vor dem verdursten. Der Baum spendet Schatten, in der Hitze der sommerlichen Kalahari lebensnotwendig. Sein genaues Alter ist schwer zu bestimmen – Baobob-Bäume haben keine Jahresringe. Der Baum spendet auch Trost – mit seinem beeindruckend hohen Alter hat er eine Ausstrahlung, die unbeschreiblich, fast mystisch ist. Der Buren-Zug damals wurde hier von den lokalen Ju’hansi gefunden, einem Stamm der Buschleute, die hier in der Nord-Kalahari leben. Die Juo’hansi haben die Buren mit Essen & Trinken versorgt und damit ihr Leben gerettet.

 

 

Mir spendet der Baum heute auch Schatten und Trost. Den Trost kann ich gut gebrauchen, denn heute ist der vorletzte Tag unserer Zeit hier im Nyae Nyae Schutzgebiet. Drei lange Wochen haben wir hier im nördlichen namibianischen Teil der Kalahari verbracht. Zu Besuch bei den Buschleuten, bei den Juo’hansi. Während ein Teil unserer kleinen Gruppe mit /Ui, einem der Master-Tracker, heute eine Spurenlesen-Evaluierung macht, haben wir anderen uns zu diesem Baum begeben. Wir wollen ein wenig innehalten, Still sein – um die nun zuende gehende Zeit in der Kalahari zu wertschätzen und zu reflektieren.

 

Das Reflektieren fällt mir schwer diesmal. Nicht nur am Baum. Auch danach. Acht Wochen später sitze ich im frühlingshaften Deutschland in meiner Wohnung. Mitten in der Corona-Zeit. Versuche zu erfassen, was die Zeit in der Kalahari mit mir gemacht hat. Manchmal frage ich auch in diesen Tagen, ob sich das Leben in der Kalahari durch das Virus verändert hat? Die Reflektion unserer Zeit in der Kalahari webt sich erst langsam und ganz gemächlich in mein Leben. Es fühlt sich ein wenig so an, als wären die Früchte dieser Reise kleine filigrane Pflänzchen, die sich ganz langsam empor strecken und wachsen wollen und als würde ich Gefahr laufen, sie auszureißen, sollte ich zu heftig an ihnen zerren.

 

 

Zurück zum Baobab-Baum. Ein beindruckender Baum – ich schätze ihn auf mindestens 20 Meter Höhe und seinen Weite mit mehreren dicken Stämmen auf mindestens 40 Meter Umfang. In dieser Landschaft, in der alles flach ist, fällt er auf. Hier sieht für mich alles so ähnlich aus, alle Büsche und Bäume scheinen gleich hoch. Ist der Baobab-Baum für die Juo’hansi ein besonderer Ort? Ja, sicher als einen weithin sichtbaren Bezugspunkt in der Landschaft. Und wie ist das in kultureller und spiritueller Sicht? Wird er verehrt, gilt er als Sitz von irgendwelchen Geistern? Schwer herauszufinden. Die Buschleute sprechen wenig über Abstraktes, unsere Fragen über Philosophie und Spiritualität werden oft zögernd und dann meist vage beantwortet. Natürlich wollen sie gerne unsere Fragen beantworten und sie freuen sich, dass wir zu ihnen kommen, lernen wollen und sie dadurch wertschätzen. Und gleichzeitig scheint es, als würden sie diese Themen einfach lieber durch zuschauen, beobachten, nachmachen und erfahren vermittelt, lehren oder lernen wollen. Wie alle anderen Themen auch. Ob es die Suche nach essbaren oder heilsamen Pflanzen ist, das Spurenlesen, die Jagdtechniken, die Schmuckherstellung.

 

Tatsächlich sticht der Baobab-Baum weit hinaus über seine Nachbar-Bäume. Mich beruhigt das sehr. Bei Streifzügen rund um den Baum kann ich so recht sicher wieder zu ihm zurückfinden. Ansonsten ist für mich die Landschaft völlig unübersichtlich. Bei jedem Gang in den Busch mit unseren Freunden vom Ju/’hoansi-Dorf fühle ich mich in kürzester Zeit verloren. Alles sieht gleich aus für mich. Alles ist flach, es gibt keine Erhebungen, außer ab und zu einen Termitenhügel. Auch die Baum- & Strauchwelt sieht für mich sehr gleichförmig aus – unübersichtliches und immer wiederkehrendes Gestrüpp. Fast alle Sträucher und Büsche haben irgendeine Art von Stacheln oder Dornen, die mit Vorliebe an meiner Haut oder meiner Bekleidung hängenbleiben.

 

 

Die Ju/’hoansi bewegen sich nicht nur völlig elegant an den besonders stacheligen Büschen vorbei, sondern scheinen sich auch mühelos in diesem Irrgarten von verschiedenen Grün-, Braun-, und Beige-Tönen zurecht zu finden. Wie machen sie das nur? Ich beschließe noch genauer zu beobachten um es herauszufinden. Und dann packt mich doch meine Ungeduld und ich frage Komtsa, der vor mir läuft. Die Antwort entmutigt mich im ersten Moment: Er achte auf besondere Landmerkmale wie Büsche, Sträucher und Bäume, die auffallen und auch ihre Stellung im Verhältnis mit den anderen Pflanzen. Dann merke er sich, von wo er gekommen ist. Hm, das scheint unmöglich, mir diese Unmengen an Sträuchern, Büschen und Bäumen zu merken. Und ich frage mich direkt, ob die Ju/’hoansi durch ihre Lebensweise in ihrem Gehirn mehr Speicherkapazität als wir zur Verfügung haben, die wir uns viele Busfahrpläne, Markenwerbung, Kochrezepte und Telefonnummern merken müssen?

 

 

Dann frage ich mich, wie ich mich selbst zuhause im Wald orientiere. Und nach ein bisschen nachdenken, fühle ich mich erleichtert: Genau so! Genau so, wie Komtsa gerade seine Orientierung beschrieben hat, mache ich das auch. Ich merke mir diesen Haselstrauch, der da so nah an die Eiche geschmiegt ist, dann merke ich mir als nächstes dieses dichte Feld mit Brennnesseln auf der kleinen Lichtung mitten im dunklen Fichtenwald und auch diesen dicken Felsen, auf dem soviel Moos wächst. Ich habe anscheinend die gleiche Technik, nur benutze ich andere Kennzeichen, Erinnerungsstücke dafür.

 

Und plötzlich fühle ich eine starke Verbundenheit mit meinem Land zuhause, habe meinen Wald und seine Eigenschaften und Besonderheiten vor Augen. Und das während ich im fernen Afrika weile. Ich muss grinsen. Und bleibe an einem Busch hängen – vor lauter Grinsen hab ich nicht auf die Vegetation geachtet und bin zu nah an einem Wait-a-bit-Busch vorbeigelaufen. So haben die Südafrikaner einen bestimmten Busch genannt, der wirklich sehr scharfe und viele Dornen hat.

 

 

Ich lenke meinen Fokus wieder stärker auf die Wahrnehmung meiner Umgebung, und das ist gut so, denn fast wäre ich nach dem Busch in ein Spinnennetz mit einer spektakulär aussehenden schwarz-knallorangenen, handtellergroßen Spinne gelaufen. Hier im Busch der Kalahari ist viel Achtsamkeit gefordert. Werner, unser lieber Freund, der hier in Namibia aufgewachsen ist und uns in diesen Wochen auf unserer Reise mit all seinem Wissen und seiner Liebe zu der Landschaft und den Menschen der Kalahari begleitet, empfiehlt uns das schon am ersten Tag: Bleibt achtsam! Bei jedem Schritt und Tritt. Er sagt es so eindrücklich, dass ich es mir zu Herzen nehme.

 

Zwischendurch bin ich versucht, ganz entspannt barfuß durch den herrlich weichen Sand zu laufen… Nachdem wir die ersten Skorpione gesehen haben, die farblich wunderbar an den rötlich-braunen Sand angepasst sind, bin ich doch etwas vorsichtiger. Nicht nur Skorpione und Dornen können uns hier gefährlich werden – auch Schlangen wie die Kobra oder die schwarzen Mambas, Spinnen und andere „kleinere“ Tiere zeigen uns hier, dass wir Menschen verletzliche Körper haben. Und dann gibt es noch Hyänen, Löwen, Leoparden oder Elefanten. Die vermutlich eher selten in Dorfnähe auftauchen. Beim Streifen durch den Busch, auf der Suche nach bestimmten Pflanzen zum Essen oder Gerben ist es jedoch ratsam, ihnen nicht zu nahe zu kommen.

 

 

Und dann höre ich innerhalb von zwei Nächten, während ich in meinem Zelt bin, sowohl Löwen- als auch Hyänen-Geräusche. Ich selbst, aufgewachsen in Deutschland, kenne im Wald keine größere Gefahr als Wildschweine oder Zecken und bin daher draußen meist sehr entspannt. Diese andauernde Anspannung hier im Busch führt zu einer erhöhten Wachsamkeit. Zu einer Schärfung der Sinne, wie ich es bislang nur für bestimmte Aufmerksamkeitsübungen bewusst für ein paar Minuten herbeigeführt hatte.

 

Jetzt bemühe ich mich, dieses Level den ganzen Tag zu halten. Was mir natürlich nicht gelingt. Ich beobachte bei unseren Busch-Walks mit den Ju/’hoansi immer wieder, wie scheinbar fließend und entspannt sie sich durch den Busch bewegen und was sie alles wahrnehmen, lange bevor wir es überhaupt erahnen. Darüber hinaus ist ihr Wissen über die Tiere und Pflanzen scheinbar unendlich. Alle Fragen, die wir über das Verhalten von diesem oder jenem Tier stellen, die Nutzung von dieser oder jener Pflanze, alles können sie beantworten.

 

 

Dazu ist wichtig zu erwähnen, dass die Ju/’hoansi hier im Nyae Nyae Schutzgebiet zwar noch jagen dürfen, aber aufgrund ihrer erzwungenen Sesshaftigkeit kaum mehr vom Jagen und Sammeln leben können. Trotzdem haben sie sich eine immense Beobachtungsgabe und Wahrnehmungsfähigkeit erhalten. Ich beobachte, wie Komtsa und seine Freunde an einem strauchartigen Baum einige Äste mit ihrem Chop-Chop (einer kleinen Axt) heraushauen. Sie versuchen, den Baum so zu nutzen, dass sie gute Äste für ihre neuen Jagd-Bögen bekommen und gleichzeitig der Baum möglichst achtsam behandelt wird für sein weiteres Wachstum. Nach der Schneide-Aktion helfen sie dem biegbaren Baum wieder zurück in seine Ursprungsform.

 

Ich frage mich, ob die permanenten Gefahren um sie herum und die Abhängigkeit vom Land mit allen seinen Bestandteilen wie Tieren und Pflanzen und Wasserlöchern, sie nicht nur zu einer erhöhten Achtsamkeit führen, sondern dadurch auch zu einer stärkeren Verbindung mit dem Land? Von der wir vielleicht einiges verloren haben, seit wir keine lebensbedrohenden Gefahren und auch keine direkte Abhängigkeit von unserer Umgebung mehr kennen? Wenn dem so ist, kann ich dann meine so tief ersehnte Verbindung zu dem Land um mich herum durch eine erhöhte Achtsamkeit und Wahrnehmung intensivieren? Wie kann mir das gelingen?

 

 

Kurz nach dem Busch-Walk, in dem wir die Äste für die Bögen geerntet haben, nehmen wir Teil an einer Museumsversammlung. Das Living Museum ist eine der drei Dorfgemeinschaften, bei denen wir in diesen Wochen wohnen, leben, lernen und lachen. ||Xa|hoba, das moderne Dorf, welches das Living Museum betreibt, liegt etwa 20 km nördlich von Tsumkwe, der „Hauptstadt“ des Nyae Nyae Schutzgebietes. Tsumkwe hat offiziell etwa 2.000 Einwohner, dabei jedoch nur zwei Strassen, an deren Kreuzung mit dem General Dealer (einer Art Tante Emma Laden) der Mittelpunkt des Dorfes liegt. Hier gibt es Maismehl, Zucker, Tee, Cola, Bier, Seife und anderes zu kaufen. Die meisten der gezählten 2.000 Einwohner wohnen jedoch verstreut im Umland im Busch. So auch die Bewohner von ||Xa|hoba. Direkt neben dem modernen Dorf, welches eine handvoll selbstgebauter Hütten umfasst, liegt das traditionelle Museumsdorf.

Kommen Touristen hierhin, wechseln die im Museum arbeitenden Dorfbewohner Jeans und T-Shirt gegen ihre selbstgemachte traditionelle Lederbekleidung. Die Touristen können dann Jagdtrips, Busch-Walks, Handwerkskunst, Singen & Tanzen und mehr buchen. Durch das Museum können die Ju/’hoansi mit ihrem traditonellen Wissen einen kleinen, aber oft ausreichenden Lebensunterhalt verdienen – andere Jobmöglichkeiten haben sie in ihrer Region in Nord-Ost-Namibia kaum. Zugleich können sie das in nur zwei Generationen ein Stück weit verloren gegangene traditionelle Wissen ihrer Kultur zurückerlangen und erhalten. Die Idee zum Living Museum hat Werner Pfeifer nach Namibia gebracht, der selbst schon lange Jahre in einem lebenden Steinzeit-Museum in Norddeutschland arbeitet.

 

 

Das Museum funktioniert selbstverwaltet – und gleichzeitig nutzen die Dorfbewohner Werners Besuch für ihre jährliche Museumsversammlung. Wir dürfen dabei sein und Zeuge eines Gesprächs über ein für mich spannendes Thema werden: Den Umgang mit Geld. Ich habe mich vorher schon gefragt, wie eine Kultur, die bis vor etwa 50 Jahren fast unbeeinflusst von der globalisierten Gesellschaft ihre steinzeitliche, weitestgehend besitzlose Jäger- und Sammler-Kultur gelebt hat, mit dem Entstehen von privatem Besitz und mit dem Thema Geld umgeht? In unserer Kultur, in der ich aufgewachsen bin, ist die Existenz von Geld so selbstverständlich und gleichzeitig so fragwürdig, dass ich selbst ganz oft völlig verwirrt bin.

 

Gespannt gehe ich mit meinen Mitreisenden zusammen die wenigen Minuten von unserem Zeltplatz rüber in die Mitte des modernen Dorfes, nah am einzigen Wasserhahn, durch den das Wasser dank einer Solarpumpe aus den Tiefen der namibianischen Urzeit an die Oberfläche befördert wird. Dort kommen nun nach und nach alle Menschen zusammen: die Alten sitzen auf den wenigen Plastik-Stühlen des Dorfes, die meisten anderen sitzen auf dem Boden, die Jugendlichen in einer Ecke, auch die Frauen sitzen zusammen und jede von ihnen hat zwei, drei Kinder, die an ihnen und auf ihnen rumkrabbeln. Es ist nicht immer leicht, auszumachen, welches Kind zu welcher Mutter gehört. Das Thema Kindererziehung ist ein ganz anderes und hat hier leider keinen Platz mehr 🙂

Es ist mir eine Freude, dass ich viele Gesichter des Dorfes inzwischen kenne, ihnen Namen oder auch gemeinsame Erlebnisse zuordnen kann. In wenigen Tagen hat sich ein angenehmes familiäres Gefühl eingestellt.

 

 

Die Versammlung dauert lange. Es gibt keinen Dorf-Chef oder jemanden in einer ähnlichen Rolle. Die Ju/’hoansi kennen keine Hierachie, in alten Zeiten haben alle gemeinsam gelebt und entschieden. Werner übernimmt heute die Moderatoren-Rolle und stellt Fragen in die Runde. Zwischendurch werden Kinder gestillt, wird geraucht, Wasser getrunken, aufgestanden und weggegangen und wiedergekommen. Manchmal reden alle gleichzeitig mit Händen und Füßen, für mich ist es ein heilloses Durcheinander von Klicklauten, dabei scheinen sich alle Redenden gut gegenseitig zu hören. Dann reden wiederum auch einzelne, erklären ihre Sichtweise. Kern der Diskussion ist die Frage, wie mit der Verteilung der Museums-Einnahmen umgegangen werden soll?

 

Nach einigen Frage-Runden verstehen wir die Lage etwas besser: Nicht alle Dorfbewohner arbeiten gleich viel im Museum. Manche gar nicht, manche ein wenig, manche ganz intensiv. Die Einkünfte eines Tages werden jedoch auf alle Museumsmitarbeiter aufgeteilt, unabhängig davon, wieviel sie gearbeitet haben. Das bedeutet, dass die drei jungen kräftigen Männer, die uns meistens beim Spurenlesen, Jagdtrips oder Busch-Walk begleiten, den gleichen Anteil erhalten wie alle anderen, die nur manchmal dazu kommen, wenn es zum Beispiel um eine große Runde am abendlichen Feuer geht. Das wird von einigen als ungerecht empfunden. Ich kann das gut nachvollziehen, in unserer Gesellschaft gibt es auch die Idee von „wer mehr arbeitet bekommt mehr Geld“. Und gleichzeitig führt das im Dorf zu Schwierigkeiten: Wie ist messbar, wer wann wieviel arbeitet? Wie werden die versorgt, die nicht arbeiten können, weil sie zu alt, schwach oder krank sind?

 

Als Werner die Frage stellt, was passiert, wenn jemand kein Geld mehr für Lebensmittel hat, antworten alle einstimmig und ohne jedes Zögern: Essen gibt hier jeder jedem! Was ist also der Unterschied zwischen Lebensmitteln und Geld? Wann hat hier im Dorf die Idee von persönlichem Besitz Einzug gehalten und welchen Anteil daran hat das „Geld“ ? Diese Fragen gehen mir durch den Kopf. Währenddessen wird weiter gesprochen. Es gibt eine Runde, in der jede*r Museumsmitarbeiter*in in der Runde ausspricht, warum sie/er im Museum arbeitet. Diese Idee kommt von unserer Reisegruppe, Werner und die Dorfgemeinschaft nehmen sie dankbar auf. Dabei wird deutlich: Für die Dorfbewohner ist der Job im Museum wichtig und überlebensnotwendig.

 

Das Gefühl, gemeinsam für den eigenen Lebensunterhalt zu arbeiten, verstärkt das Gefühl von Gemeinschaft. Es wird weitergesprochen, nun über die Idee, zwei Museumsmanager zu beauftragen, jetzt und in Zukunft Lösungen für solche Konflikte zu erarbeiten um sie dann mit der Gemeinschaft zu besprechen. Die zwei Manager sind schnell gefunden, /Ui und Dam, beides recht ruhige, ältere Männer, die in der Gemeinschaft angesehen sind. Sie setzen sich mit Werner zusammen und besprechen Lösungen, die dann mit dem ganzen Dorf besprochen und in Einigkeit entschieden werden.

 

 

Ich bin einerseits beeindruckt, wie offen das Dorf uns als Besucher an ihren intimsten Prozessen teilhaben lässt. Hier ist zu spüren, wie wenig Tabus, Geheimnisse und Abgrenzung es innerhalb des Dorfes gibt. Und gleichzeitig erfahre ich, wieviel Zeit wahre gemeinschaftliche Lösungen erfordern. Das dürfen wir auch in einem anderen Prozess erleben, in unserer eigenen Gruppe. Wir sind mit sieben Reisenden nur eine kleine Gruppe, entscheiden jedoch von Anfang an, keine Demokratie zu leben, sondern alle Entscheidungen in Einigkeit zu fällen.

 

Schließlich geht es uns bei dieser Reise auch um die Frage, wie Gemeinschaft gelebt werden kann. Tatsächlich schaffen wir es, auf der ganzen Reise jede einzelne Entscheidung, die alle betrifft, gemeinschaftlich zu besprechen und zu treffen. Manchmal sind dazu mehrere Gesprächskreise erforderlich. Manchmal ist es anstrengend, so viele Kreise zu machen und jede*n mit der gleichen Aufmerksamkeit zuzuhören. Zweimal haben wir in diesen Kreisen auch die Gelegenheit, Missverständnisse aufzuklären, bevor Konflikte entstehen können. Und gleichzeitig ist es für mich die bislang tiefste und intensivste Erfahrung von echter Gemeinschaft. Und damit einer der wichtigsten Eindrücke der ganzen Reise. Liegt das an der Kalahari und den Ju/‘hoansi, die Gemeinschaftskultur ausstrahlen?

 

 

Und auch wenn unsere Gemeinschaft so nah, offen und herzlich erscheint, wird mir durch eine Erfahrung bewusst, welche Möglichkeiten in noch innigerer Gemeinschaft liegen: An einem Tag gehe ich während der heißen Mittagspause mit einer Freundin aus unserer Gruppe rüber ins Dorf, um das Programm für den nächsten Tag zu besprechen. Im Dorf sitzen und liegen alle im Schatten ihrer kleinen Hütten. Auf den kleinen Schattenflächen sitzen und liegen mehrere Erwachsene und Kinder eng aneinander und fast übereinander. Sie quatschen, lachen, singen und dösen dort gemeinsam. Wir besprechen unser Programm von morgen, und während unseres Gespräches verspüre ich den Wunsch, mich einfach dazu zu legen, Teil einer so nahen Gemeinschaft zu sein.

 

Wir gehen zurück in unser “Dorf“, zu unserem Zeltplatz. Wir haben an einer Stelle im Busch unser Tarp aufgeschlagen, darunter die Feuerstelle und die Kochutensilien aufgebaut – unsere Küche und unser Wohnzimmer. Unsere Schlafzimmer, die Zelte, sind weit im Busch verstreut. Jede*r von uns hat ihr*sein Zelt ein paar wenig oder mehr Meter in den Busch hineingetragen, um dort ungestört zu sein. Für sich zu sein. Was für ein Bild: Über viele Meter verteilt stehen unsere einzelnen Zelte im Busch. Meins steht am weitesten draußen. Warum brauche ich soviel Raum, soviel Platz für mich? Und sehne mich gleichzeitig nach Nähe? Gerade in Gemeinschaft verspüre ich oft den Wunsch nach Rückzug. Wie schaffen es die Ju/’hoansi, so dauerhaft in so enger Gemeinschaft zu sein. So nah mit den anderen und doch bei sich selbst zu bleiben?

 

Eine mögliche Zutat kann ihre Art von Kommunikation sein: In all den Wochen erlebe ich kein einziges Mal ein lautes oder hektisches Wort. Die Ju/’hoansi sind eher leise, sehr höflich und vor allem – voller Humor. Mir scheint, als würden sie ununterbrochen über alles lachen, dabei auch und vor allem über sich selbst. Vielleicht ist das ein Ausdruck davon, das Leben mit all seinen Facetten anzunehmen und dabei ganz im Moment zu sein? Jedenfalls ermöglicht mir dieser wundervolle Humor, ganz leicht auch ohne Sprachkenntnisse mit ihnen in Kontakt zu kommen.

 

 

Bei den lustigen Schnick-Schnack-Schnuck-Spielen, bei denen ich die Regeln bis zum Ende nicht wirklich verstanden habe, und wir alle vor Lachen uns den Bauch halten. Oder wenn ich mich unter gespieltem Abschiedsschmerz an einen unsrer Jeeps hänge, mit denen Werner ein paar der Ju/’hoansi nach Tsumkwe zum Einkaufen mitnimmt, so arg übertreibend weinend, dass den Dorfbewohner, die auf der Rückfläche sitzen, vor lauter Lachen Tränen kommen. Ja, der Humor überschreitet so manche (Sprach-) Grenze und macht Miteinander und Verbundenheit möglich.

 

Und jetzt sitze ich hier, Mitte April in Deutschland, im Corona-Lockdown. Ich denke an unseren letzten Tag in der Kalahari. Daran, wie wir mit dem Dorf zusammen an den großen Baobab-Baum gefahren sind. Wie wir dort Popcorn gemacht haben, gesungen, gelacht und getanzt haben. Alles ohne gemeinsame wörtliche Sprache. Dafür mit vielen anderen Gemeinsamkeiten.

 

 

Ich bin Mitte Januar mit einigen Fragen über Gemeinschaft, Naturverbindung, Spurenlesen etc. in die Kalahari aufgebrochen. Heute stelle ich fest, dass ich mit deutlich mehr und anderen Fragen nach Hause gekommen bin. Diese Fragen haben mich verändert – und begleiten mich durch dieses besondere Frühjahr 2020.

 

Für diesen Bericht habe ich versucht, ein wenig an dem Pflänzchen zu ziehen, welches durch diese Reise in mir wächst. Es war nur ein leichtes, vorsichtiges Zupfen. Jetzt lasse ich es wieder in Ruhe weiter wachsen. Und schaue, wie ich mich selbst und meine Mitmenschen mit Humor und Nähe durch diese Zeit begleiten kann. Und eins weiß ich: sobald es mir möglich ist, will ich noch einmal in die Kalahari reisen. Ich hab mein Herz geöffnet bei diesen herzlichen Menschen, die so liebevoll und authentisch Gemeinschaft leben. Ich möchte wiederkommen und sie durch meinen Besuch unterstützen, ihren eigenen Weg in die Zukunft zu finden. Ich möchte wiederkommen und durch die Begegnung meinen eigenen Weg besser erkennen können. Ich möchte wiederkommen und mit ihnen lachen, singen und tanzen.

 

Hier findest du die Artikel über unsere erste und zweite Reise.

1964 schüttelte das Große Erdbeben von Alaska die Stadt Anchorage für anderthalb Stunden durch und beließ kaum einen Stein auf dem anderen. Ganze Ladenzeilen verschwanden bis zum Dach in sich auftuenden Erdspalten. Das gesamte Leben spaltete sich ebenso, in ein “davor” und ein “danach”.

Katastrophen überleben

Viele ältere Menschen heute haben Katastrophen überlebt. So wie mein Vater, der 1945 als Fünfjähriger zu Fuß mit seinen Eltern aus dem heutigen Kaliningrad flüchtete. Meine Oma schob dabei den Rollstuhl mit ihrem von einem Granatsplitter querschnittsgelähmten Mann, auf dessen Schoss die meiste Zeit mein damals dreijähriger Onkel saß. Als sie im fast 700 km entfernten Dargun in Mecklenburg ankamen, konnten sie nicht mehr weiter: Denn Wehen setzten ein und in einer Scheune gebar meine Oma ihr drittes Kind.

Katastrophen, im Sinne von leidvollen, plötzlichen Umbrüchen, sind ein Teil des Lebens: Ein Sturm kann Bäume entwurzeln, ein Biber-Paar kann ein Flußtal überfluten, Erdrutsche können ganze Ökosysteme mit sich reißen, und Waldbrände zerstören einen großen Teil der Vegetation.

Auch wenn wir es persönlich vielleicht noch nie so drastisch erlebt haben: Ich glaube tief in uns schlummert eine Erinnerung oder Ahnung davon, wie es sein könnte, mittendrin zu stecken.

Ein Katalysator für Nächstenliebe

Direkt nach dem Erdbeben in Alaska machte sich ein Team von Sozialforschern auf, um zu studieren, wie die Menschen vor Ort mit dem Unglück umgehen würden. Sie waren auf das Schlimmste gefasst, auf Gewalt, auf alle Arten von unsozialen Verhaltensweisen.

Doch das Gegenteil war der Fall: Völlig spontan und ohne jegliche Anweisungen oder Absprachen vernetzten die Menschen sich auf alle möglichen hilfreiche Weisen miteinander: Menschen gruben sofort nach dem Beben andere Menschen aus den Trümmern aus, Menschen mit Autos fuhren stundenlang umher um andere mitzunehmen, hunderte Freiwillige meldeten sich bei der Feuerwehr und überall nahmen Menschen Fremde bei sich zuhause auf. “Jeder machte mit“, sagte ein Befragter später. “Jeder probierte einfach alles was möglich war für jeden zu machen.”

Eine Woche blieben die Forschenden dort und bei den Befragungen wurde klar: Die Menschen hatten nicht planvoll oder strategisch gehandelt, sondern einfach spontan, sogar instinktiv das getan, was ihnen gerade in den Sinn gekommen war.
Die Katastrophe hatte einen Grad an Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft freigesetzt, der im alltäglichen Leben selten die Gelegenheit hat, an die Oberfläche zu treten.

Helfen können tut uns gut

Bei vielen Empfehlungen die gerade zirkulieren geht es nicht primär darum, sich selbst zu schützen, sondern andere. Das knüpft an unserer angeborenen Freude am Hilfsbereit sein an. So waren in einer Studie sogar erst 19 Monate alte Babies bereit, an jemanden der hungrig aussah, ihr Essen zu verschenken – obwohl sie selbst auch Hunger hatten.

Durch unser Handeln einen positiven Unterschied für andere zu machen, verschafft uns eine tiefe Freude, und zählt zu den wichtigsten Faktoren für ein glückliches Leben.

Helfen, das bedeutet jetzt gerade vor allem:

  1. Zuhause bleiben
    Wir können einen wahrhaft heldenhaften Beitrag leisten, indem wir in dieser Zeit für uns selbst bleiben.
    (Wer mehr darüber wissen mag, warum dies so wichtig ist, dem empfehle ich folgende Artikel über die dahinter stehenden Erkenntnisse über die Verbreitung des Virus und die Auswirkungen auf unser Gesundheitssystem und über die Lage in Italien (bereits vor drei Tagen).
  2. Ermöglichen, dass andere zuhause bleiben
    Vor allem geht es dabei darum, für die Ältesten in unserem Umfeld Besorgungen zu übernehmen, damit sie geschützt bei sich zuhause bleiben können.
  3. Unterstützen, dass andere sich zuhause wohl fühlen
    Wir können anderen und uns selbst diese Zeit versüßen, indem wir unsere sozialen Beziehungen übers Telefon oder Internet nähren, Raum für herzvolle Gespräche schenken, wie in Italien von unseren Balkonen oder Fenstern musizieren, Liebesbriefe und Pakete verschicken und gemeinsam mit den Menschen mit denen wir unter einem Dach wohnen, eine nährende Zeit gestalten.

Und was hilft uns, zu helfen?

Psychologin Jill Suttie vom Greater Good Science Center in Kalifornien hat hierzu einige Empfehlungen veröffentlicht, die ich gern mit euch teilen möchte:

1. Achte auf die heldenhaften Taten!

In jedem Unglück gibt es Menschen, die sich altruistisch, also vollkommen uneigennützig verhalten. Uns mit ihnen zu beschäftigen, ihr Tun zu beobachten, kann in uns selbst ein erhebendes Gefühl von Redlichkeit erzeugen. Es könne uns optimistischer machen und wir möchten im Ergebnis selbst gern auch Gutes tun, schreibt Jill Suttie. So kann eine Aufwärtsspirale für mehr Freude für alle entstehen.

2. Kultiviere deine innere Gelassenheit

Achtsamkeitsübungen wie Sinnesmeditationen, Weitwinkel-Schauen, meditatives Spazierengehen, bewusstes und langsames Essen, sich mit dem Atem verbinden, Entspannungstechniken, Yoga oder andere achtsamkeitsfördernde Bewegungspraktiken sind in Krisenzeiten besonders wichtig.

Sie zu üben wann immer wir den Fokus dafür aufbringen können, sei für unsere Geisteshaltung so wichtig, wie Vorkehrungen für Überflutungen zu treffen, bevor der Monsun-Regen fällt, sagt der Dalai Lama.
Für mich ist dabei der Atem einer der praktischsten Zugänge, weil ich meinen Atem immer dabei habe. Bewusstes Atmen beruhigt an sich bereits. Wenn ich tiefere Entspannung einladen möchte, kann ich mein Ausatmen allmählich verlängern, oder es mit einem Schnaufen oder Tönen verbinden.

3. Zeige Dankbarkeit

Dankbarkeit in mir erwecken und spüren kann in sich schon beruhigend und herzöffnend sein. Sie auch zu zeigen, kann anderen Menschen deutlich machen, wie wichtig und wohltuend ihr Handeln wirklich ist, und dadurch ermutigen, sich weiter auf hilfsbereite Weise zu verhalten.

4. Fühle mit

Scheinbar hat gerade das “mütterliche Hormon” Oxytocin viel damit zu tun, wieviel Mitgefühl wir mit anderen Menschen aufbringen können. Denn je mehr davon in uns vorhanden ist, desto leichter fällt es uns, jemand anders zu Hilfe zu eilen.

Das ist gerade jetzt aktuell eine sehr interessante Beobachtung, weil wir es im alltäglichen Leben vor allem bei innigen sozialen Interaktionen ausschütten (z.B. bei Umarmungen, Orgasmen oder wenn wir Massagen bekommen) – die jetzt gerade vielen Menschen fehlen!

Wenn wir wenig Körperkontakt mit anderen Menschen haben können, können auch Yoga oder sanfte Musik helfen. Außerdem können laut Paul J. Zak folgende Aktivitäten sehr wirkungsvoll sein:

  1. Mit voller Aufmerksamkeit von Herzen zuhören, dem anderen dabei in die Augen schauen und mich in mein Gegenüber einfühlen.
  2. Ein Geschenk von jemand anders bekommen.
  3. Gemeinsam mit anderen Menschen essen – das geht heutzutage auch über Skype oder Whatsapp-Calls, oder selbst am Telefon. Besonders wirksam ist dies, wenn man es mit Punkt zwei verbindet, und die Mahlzeit ein Geschenk ist.
  4. Beim Meditieren meine Aufmerksamkeit auf meine Liebe zu anderen Menschen (und der Natur) richten (statt auf meine eigene Selbstwahrnehmung)
  5. Ein heißes Bad nehmen.
  6. Sogar mit Freund*Innen über Social Media in Kontakt sein soll in Studien bei 100% der Menschen das Oxytocin-Level steigen lassen. Ich vermute auch das Anschauen von Fotos früherer Zeiten und Freundschaften und Familie, könnte dasselbe bewirken.
  7. Einen Hund streicheln – egal ob es der eigene Hund ist. Und vielleicht funktioniert es mit Katzen und anderen Haustieren auch?
  8. “Ich liebe dich” und “Ich hab dich lieb” sagen und hören.

Warum gerade jetzt Konflikte aufflackern können?

Beängstigende Zeiten, vor allem wenn sie mit viel Nicht-Wissen, Unsicherheit und Verwirrung verbunden sind, können dazu führen, dass unsere Fremdenangst gegenüber Menschen anderer Kulturen sprunghaft wächst.

Und diese Angst vor dem was mir fremd ist, scheint insbesondere auch für andere Denkweisen zu gelten: Denn die sozialen Medien sind voll von heftigen Auseinandersetzungen zwischen Menschen die sehr viel gemeinsam haben, darüber, ob die Pandemie wirklich so schlimm ist, wie sie zu sein scheint.

Zur selben Zeit wandert eine Welle von Solidarität und Fürsorge für die Älteren rund um die ganze Welt, es herrscht an vielen Orten Aufbruchstimmung, wir erleben eine nicht für möglich gehaltene Drosselung von Produktion, Konsum und damit auch Umweltverschmutzung. Regierungen überlegen ernsthaft, bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen. Und die Bundesregierung startet sogar einen deutschlandweiten Beteiligungsprozess rund um das Finden von gemeinsamen Lösungen für die mit der Virenkrise verbundenen Fragen.

Meine persönliche Herangehensweise ist: Kritisches Denken ist immer wichtig, auch gegenüber der öffentlichen Meinung.

Panik ist niemals förderlich, egal wie berechtigt sie scheint. Doch Panik und Anti-Panik scheinen sich in ihren Ausdrucksformen sehr ähnlich zu sein, und in ihren Wirkungen auch: Sie kreieren mehr Panik, also Überlebensreaktionen wie Flucht, Kampf oder Starre. Es ist also zweitrangig, ob ich mehr Angst vor dem Virus habe oder vor der Regierung oder vor allen Sorten von “Anderen”.

Wann immer uns die Angst erfasst oder wie eine Welle über uns rollt, können wir nur noch sehr schwer klar denken, geschweige denn unser Mitgefühl, unser Einfühlungsvermögen, unsere Intuition und innere Weisheit zurate ziehen.

Unser Verstand sucht gerade angesichts hochkomplexer und potentiell gefährlicher Vorgänge am liebsten (und manchmal scheinbar verzweifelt) nach schnellen, einfachen, für uns selbst plausiblen Erklärungen – die quasi jede Menge Informationen ausblenden müssen, damit sie einfach genug bleiben, um zumindest ein Stückchen innerer Sicherheit zu spenden.

Ich kann es an mir selbst wunderbar beobachten, wie Wogen der Angst mich durchfluten, in die eine oder die andere Richtung – je nachdem welche Arten von Artikeln oder Nachrichtenbeiträgen ich mir anschaue.

Generell finde ich persönlich es essentiell, dass ich Main Stream Berichterstattung immer auch kritisch hinterfragen darf. Für mich, die ich in der DDR aufgewachsen bin, ist das eine Grundsäule einer demokratischen Gesellschaft: Freie Medien und freie Meinungsäußerung über die Beiträge dieser Medien.

Doch gerade in diesen letzten Wochen erreichen uns extrem widersprüchliche Grundaussagen von allen Sorten von Medien, und der kritische Diskurs, der eigentlich ermächtigen soll, nimmt oft Formen an, die das Potential haben, den Zusammenhalt in der Bevölkerung zu erodieren.

Deshalb ist für mich persönlich gerade das Wichtigste, dass mein kritisches Hinterfragen von Medien und Regierungsorganisationen und ebenso auch mein kritisches Hinterfragen von vielen anderen lauten Stimmen in der Öffentlichkeit, mich nicht darin beeinträchtigt, wie sehr ich selbst mich in Mitgefühl, Fürsorge, Nächstenliebe und Solidarität übe.

Wann immer ich im außen einen vermeintlichen Gegner erspähe, erlebe ich persönlich es als sehr schwierig, selbst großherzig und mitfühlend zu bleiben.

Dabei ist gerade das Mitgefühl eine Kernzutat, die es maßgeblich erleichtern kann, Lösungen angesichts komplexer Herausforderungen zu finden!

5. Mit mir selbst mit-fühlen

Wenn ich feststelle, dass ich selbst gerade dabei bin, mich in Theorien zu verrennen oder krampfhaft Schuldige finden will, kann es ein erster hilfreicher Schritt sein, meine Ängste dahinter anzuerkennen und mir Selbst-Mitgefühl zu schenken.

Ich kann mich selbst trösten, beispielsweise indem ich mir die Hand auf mein Herz lege und mir sage, wie schwierig diese Situation sich gerade anfühlt. Wie bodenlos, haltlos, verzweifelt ich mich fühle. Und dass das ok ist. Dass ich traurig sein darf, und vor allem, dass ich Angst haben darf, sie fühlen darf.

Manchmal merke ich dann ganz deutlich, dass ich gerade gar nicht kämpfen möchte, sondern eigentlich es Zeit ist, zu trauern – und über den Ausdruck der Emotionen und das Weinen, meinen inneren Frieden wieder zu finden.

6. Lenke deinen Fokus darauf, dass wir alle Menschen sind – und einander gerade brauchen

Eines der größten Hindernisse für unsere naturgegebene Hilfsbereitschaft scheint es zu sein, wenn wir uns “anders” als die anderen wahrnehmen. Ich meine damit nicht im Sinne von einzigartig (was wir natürlich sind), sondern im Sinne von scheinbar unüberbrückbaren Gegensätzen.

In den letzten Tagen habe ich immer wieder darüber gelesen, wie “wir” auf der einen Seite und “die Medien”, “die Pharma-Industrie”, “die Politiker” auf der anderen Seite stünden, und wir uns zur Wehr setzen sollten.
Die Sprache zeigt, dass da eine Entmenschlichung stattfindet. Egal ob dies in Richtung “die da oben” geht, oder ein Freund auf einmal nur noch ein “Verschwörungstheoretiker” ist – indem Moment wo wir jemanden in eine Schublade stecken, auf der etwas anderes draufsteht als “ein Mensch wie ich“, kreieren wir die besten Voraussetzungen für Feindseligkeit dieser Person gegenüber.

Eine Feindseligkeit, die in diesem Fall von uns ausgeht, und die wir subjektiv sogar als berechtigt empfinden werden!

Für mich ist auch hier der Dalai Lama das leuchtendste Beispiel, der darauf besteht, dass er nur “einer von sieben Milliarden Menschen” sei, die alle im Grunde einfach nur glücklich und ohne zu leiden leben möchten.

Eine einfache Übung, die mir hilft, in Momenten der Verachtung für andere (die auch menschlich sind!) wieder zu mir selbst zu finden, hat das Greater Good Science Center entwickelt:

  1. Denke an eine Person oder Gruppe von Menschen, die du als vollkommen anders oder mit deinen Werten und Vorstellungen unvereinbar wahrnimmst, mit der du vielleicht auch gerade in persönlichen oder ideellen Konflikten stehst.
  2. Denke an all das, was euch verbindet, was ihr gemeinsam habt. Das beginnt damit, dass ihr beide Menschen seid. Was ist da noch oder könnte da sein? Vielleicht die Erfahrung, beide Kinder zu haben? Schon mal verliebt gewesen zu sein? Einen Menschen verloren zu haben? Sich ängstlich oder verunsichert gefühlt zu haben?
  3. Lass diese Gemeinsamkeiten auf dich wirken und stelle dir dein Gegenüber als einen einzigartigen Menschen vor, dessen Lebenswirklichkeit, Geschmack, Glauben oder Verhaltensweisen, in bestimmten Aspekten deinen eigenen entsprechen oder ihnen ähnlich sind.
  4. Wiederhole bei Bedarf. 🙂

Hier kannst du mehr über die Übung und die zugrundeliegende Studie lesen.

Miteinander füreinander da sein

Für mich ist dies eine unglaublich berührende Zeit. Jeder Tag bringt schmerzliche Nachrichten, UND zeigt wundervolle Beispiele von Menschlichkeit und unserer Kapazität, für einander wahrhaftig da zu sein.

Mögen wir Mitgefühl und Selbst-Mitgefühl immer wieder finden in diesen Zeiten. Damit wir einander in unserem einzigartigen und kollektiven Mensch-Sein so gut unterstützen können, wie es gebraucht ist, in dieser Zeit in der wir leben.

“Meine Freunde, verliert nicht eures Herzen’s Mut. Wir sind gemacht worden für diese Zeit.”

Clarissa Pinkola-Estes

Im Februar hatte ich einen Artikel veröffentlicht über die drei Phasen von Initiation: Trennung, Qualen und Heimkehr, und wie die beiden erstgenannten, sich in immer stärker werdender Heftigkeit vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte für die Menschheit als Ganzes ausspielen.

Dank des Coronavirus’ sind nun innerhalb kürzester Zeit viele der bisher als unverrückbar angenommenen Lebensumstände gerade auf eine Weise aus den Angeln gehoben, die vor Kurzem kaum vorstellbar gewesen wären.

Und weltweit ist das was gerade am hilfreichsten zu sein scheint, eine noch weitreichendere Trennung. So wie eine Raupe sich im Kokon einspinnt um sich vollständig aufzulösen – damit in Enge und Dunkelheit aus nur noch grünem Schleim danach ein Schmetterling entstehen kann.

Es sieht fast so aus, als würden wir nun kollektiv auf Visionssuche geschickt werden – allein oder nur mit unseren Nächsten sind wir auf uns selbst geworfen: Konsum, berufliche Pflichten oder Freizeitleben sind für viele Menschen gerade einfach ausgesetzt und runtergefahren auf was auch immer direkt bei ihnen zuhause möglich (oder nicht möglich) ist.

Manche von uns mögen das als angenehme und vielleicht schon lang ersehnte Pause erleben, als eine Gelegenheit aus einer Tretmühle auszusteigen.
Für andere mag es qualvoll sein, so viel Zeit zuhause zu verbringen – vor allem für all diejenigen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, deren Zuhause kein liebevoller, kein sicherer Ort ist.

Mein Mitgefühl gilt auch den vielen älteren Menschen, deren Hauptlebensinhalt ihre Liebe zu den Jüngsten ist, die Freude am Heranwachsen von Kindern und Enkelkindern – mit denen sie vielleicht für viele Monate nun zu ihrem eigenen Schutz keinen direkten Kontakt mehr haben sollten. Und den Kindern, die nun noch mehr als sonst von ihren Ältesten getrennt sind.

Wir haben viele viele Stunden in den letzten zwei Wochen damit verbracht, Nachrichten, Zweifel, Aufrufe, Warnungen und Entwarnungen aller Arten zu verfolgen.

Für mich ist es dabei hilfreich und tröstlich, auch diese Krise als einen Teil des sich immer weiter intensivierenden Initiationsprozesses der Menschheit anzusehen. Sicher ist COVID-19 nichts, was uns an den Abgrund der menschlichen Existenz bringen kann.

Aber es macht vieles deutlich:

  • wie verletzlich die von uns geschaffenen politischen und gesellschaftlichen Systeme sind
  • wie sehr wir als Menschheit weltweit miteinander verbunden sind
  • wie viel Angst wir vor dem Sterben haben – vor unserem eigenen aber vielleicht mehr noch vor dem unserer Liebsten
  • wie überfordert wir alle mit der Komplexität des modernen Lebens sind
  • wie sehr wir einander brauchen, und wie schmerzlich es ist, nicht freizügig in Kontakt sein zu können
  • dass wir trotz aller Kontrolle, die wir über den Rest der Natur ausgeübt haben und weiterhin ausüben, eben nicht die “Herscher der Schöpfung” sind
  • dass wenn wir erschrocken sind im Angesicht der Bodenlosigkeit der Existenz (welche beispielsweise im Buddhismus so liebevoll erforscht und befreundet wird), wir beharrlich nach Verantwortlichen, nach Schuldigen, nach irgendeiner Art von Bösem suchen, gegen das wir ankämpfen könnten – viel lieber als einem kollektiven Unwissen und einer umfassenden Machtlosigkeit der Menschheit als Ganzem ins Auge zu sehen
  • wie leicht Unfähigkeit, die eigenen Ängste auszuhalten, dazu führen kann, dass wir uns in Meinungen verrennen und in Streit und Vorwürfen gegen Freunde und Bekannte wenden
  • wie tröstlich es ist, Rückversicherung für unsere eigenen Denkmodelle zu erfahren
  • und wie sehr es uns individuell und kollektiv nach Sinn verlangt

Aus den Märchen ist uns das archetypische Muster vertraut:

Der Abstieg in eine furchteinflößende Unterwelt voller Prüfungen und der Begegnung mit schrecklichen Monstern (äußeren und inneren) und den noch schrecklicheren Ängsten vor ihnen, ist scheinbar notwendig im Leben.

Denn kein Mensch findet die tiefsten Seelenschätze, seine Bestimmung und seinen innersten Wesenskern zuhause auf der Couch – oder heute  vielleicht gerade, wenn das “auf der Couch sitzen” nicht so ganz freiwillig geschieht?

Nur durch das Durchleben von gefährlich anmutenden Umständen, die uns fühlbar mit unserer eigenen Sterblichkeit konfrontieren, kann ein Menschlein reich beschenkt, erwachsen und mit gereifter Persönlichkeit “heimkehren” – um dann als König oder Königin das eigene Land mit Güte und Weisheit zu führen.

Damit aus der Raupe ein Schmetterling werden kann, muss ihr Körper sich im dunklen, engen Kokon erst einmal vollständig auflösen – und sich vollkommen neu zusammenfinden.

Diese Auflösung scheint gerade in volle Fahrt zu kommen.

Zu jeder Initiation gehören Qualen, Seelenqualen und manchmal auch äußeres Leiden – wenn ich mich selbst fast auflöse, vom Leben “zerbröselt” und gut “durchgekocht” werde.
Michael Meade nennt diese Phase auch „die lange dunkle Nacht der Seele“.

Sie fühlt sich schrecklich an, es ist sogar schwer, sie von außen bei jemand anderem zu beobachten, und doch ist sie so grundlegend wichtig dafür, zu innerer Reife zu gelangen.

Durch das Leiden fallen alle Masken weg, denn wir haben keine Kraft mehr, sie aufrecht zu erhalten. Auch unsere falschen Identitäten wird das Leben aufbrechen – zum Beispiel die hochmütige Vorstellung, das nichts uns als Menschheit gefährlich werden könne.

Durch das Vom-Leben-aufgebrochen-Werden der narzisstischen Ego-Strukturen unserer globalen Gesellschaft, könnte ein gereiftes Selbst zum Vorschein kommen, eine ganzheitlichere Identität.

Wir könnten dank der rauen Gnade des Lebens am Ende dieser Zeit voller Krisen und Leid herausfinden, uns dessen gewahr werden, wer wir als Menschheit auf der Erde wirklich sind.

Licht in der Finsternis

Was es braucht, um die lange, dunkle Nacht der Seele zu durchstehen, ist vor allem ein wachsendes Bewusstsein.
Tiefe Innenschau mit wachen Sinnen ermöglicht es, dem Selbst auf den Grund zu tauchen, hinab ins Dunkle all dessen, was ich an mir noch nie mochte, wovor ich schon immer Angst hatte, wo ich elendig gescheitert bin, wo ich mit der Welt und dem Leben hadere, wo ich mich klein und schwach und vollkommen unzureichend und hilflos fühle.

Am Boden des tiefen, dunklen Seelengewässers wartet ein hell leuchtender Schatz darauf, dann gehoben zu werden, wenn ich schon fast aufgegeben habe.

In der langen, dunklen Nacht der Menschheit geht es darum, uns selbst zu begegnen, in furchteinflößender Tiefe. Und das tun wir.

Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hatten wir so viel Einblick darin, was wir als Menschheit weltweit erleben, erschaffen oder zerstören. Das Internet trägt Informationen aus jedem Winkel der Erde herbei und macht sie weithin sichtbar. Mit den Informationen über die Brände in Australien oder einen möglichen Krieg zwischen den USA und dem Iran reisen auch Gefühle um die Erde: Angst, Zorn, Hilflosigkeit und Ohnmacht werden von Millionen von Menschen geteilt und durchlebt.

Natürlich nehmen nicht alle Menschen Anteil. Aber es ist eine große und wachsende Anzahl von Menschen, die hinschaut.

Es schmerzt so schrecklich, zu wissen und zu fühlen, wie viel von unserem geliebten Planeten, von unserem Zuhause, von unserer Mutter Erde zusammenbricht, wie viele Menschen und andere Wesen leiden. Die Angst zu ertragen, dass die Kinder von heute vielleicht die letzte Generation von Menschen sein könnten, die das Erwachsenenalter überhaupt noch erreichen, wie es der Dalai Lama 2018 in seinem Appell an die Welt so direkt und ungeschönt aussprach.

Wenn wir davon ausgehen, dass die Menschheit sich entwickelt, dann brauchen wir genau das, was viele von uns jetzt gerade durchleiden, um gemeinsam erwachsen zu werden: das Erleben von Scheitern, von Hoffnungslosigkeit, Aussichtslosigkeit, von unsäglicher Trauer, von Desillusionierung, bis hin zum Aufgeben und einer gefühlten Begegnung mit dem Sterben, mit dem Tod.

In einer Initiationskrise sind dies wichtige Bestandteile, die dazu führen, inmitten der Finsternis, in voller Demut, ein wahrhaftiges Selbst zu entdecken, das unabhängig ist von Rollen, Masken, Erwartungen, Erfolgen im Äußeren, vom Plan meines Egos, von Kontrolle und Zwang, von oberflächlichen Vergnügungen und äußerer Sicherheit.

Es ist dies die Zeit, in der wir als Menschheit inmitten der Trümmerlandschaft um uns und in uns, unser innerstes Selbst entdecken können, das zutiefst verbunden ist mit der Seele der Welt.

Vieles von diesem Selbst kennen wir schon, weil es ähnlich wie der Wesenskern eines Menschen nie ganz verschwunden war. Dazu gehört unsere Kraft zu lieben, mitzufühlen, füreinander zu sorgen, füreinander einzustehen, gemeinsam in Einigkeit Lösungen zu finden, eine Gesellschaft zu gestalten, welche die Vielfalt und Fülle unserer nicht-menschlichen Mitwesen mehrt und nährt, Kultur zu schaffen, die Menschen von klein auf bis ins hohe Alter ermöglicht, ihre Potentiale zu entfalten und zu schenken.

Jede/r von uns ist ein Teil der Menschheit, des menschlichen Bewusstseins. Margaret Wheatley erforscht und unterstützt seit fast dreißig Jahren systemischen Wandel in vielen Ländern der Erde (beispielsweise über das von ihr gegründete Berkana Institut) und beschreibt eindringlich, was es braucht, um mit heftigem Wandel auf eine lebensfördernde Weise umzugehen: einen Geisteszustand jenseits von Hoffnung und Furcht.

Mir geht es so wie vielen Menschen in meinem Umfeld, dass ich inmitten der rasanten Schreckensmeldungen über den Zustand der Welt UND der hoffnungsfrohen Botschaften über Lösungen, die auftauchen wie Pilze nach einem Sommerregen, oft regelrecht hin- und hergeschüttelt werde – zwischen aufkeimender Hoffnung und tiefer Furcht vor dem Scheitern.

Der Ausweg aus dieser Achterbahn, den Meg Wheatley beschreibt, ist es, statt eine rosige Zukunft zu wünschen oder vor einer schlimmen Zukunft zu erzittern, wie in der Meditation oder in Achtsamkeitsübungen, so voll und ganz ich es vermag, in der Gegenwart und im Jetzt zu bleiben.

Es braucht dafür die Bereitschaft, mit unserer eigenen Unsicherheit, unsrem Nicht-Wissen, und letztlich der Bodenlosigkeit des Seins vertraut zu werden, sie auszuhalten, zu lernen, uns in ihnen zuhause zu fühlen.

Leben war schon immer Veränderung, doch heute zerfallen Systeme, Ideen und Beziehungen immer schneller. Das meiste, was vor Jahren noch eine Illusion von Sicherheit spenden konnte, rinnt rasend schnell wie Sand durch unsere Finger, sodass es immer notwendiger wird, diesen Auflösungszustand ertragen zu lernen – indem wir präsent mit ihm bleiben.

Natürlich ist es schmerzhaft, präsent zu bleiben. Doch alle Vermeidungsstrategien schmerzen ebenso.

Zwischen Erfolg und Scheitern ist ein Raum

Wenn ich weiß, was ich für die Zukunft will, und an bestimmten Lösungsstrategien festhalte, bin ich viel eher geneigt, Opfer meines Wollens zu werden. Wenn ich mich im Recht glaube, handele ich oft blindlings, und schade dabei mir selbst oder anderen. Ich streite und ignoriere bewusst oder unbewusst andere Stimmen und Bedürfnisse – weil ich so identifiziert bin mit meiner Ideologie.

Wenn ich voller Furcht bin, rechtfertige ich mit dieser unter Umständen auch die schlimmsten Sorten von „Schutzmaßnahmen“, mit denen ich mich verteidige oder sogar selbst angreife – weil ich keinen anderen Ausweg sehe. Beide Zustände sind nicht nur im Moment rücksichtslos, sondern langfristig ein Nährboden für Manipulation, Verblendung, Volksverhetzung und für ein weiträumiges Beschreiten von persönlichen oder gesellschaftlichen Irrwegen.

Wenn ich jedoch präsent bin, im Zustand jenseits des Wollens und Fürchtens, kann mein innerer Kampf zur Ruhe kommen und ich habe Zugang zu all dem, wovon ich in der Tiefe meines Selbst weiß, dass es jetzt in diesem Moment gerade stimmig und hilfreich ist, im Einklang mit allen meinen Werten.

Dies zu erleben und zu erlernen ist eine der Gaben von Initiationskrisen.

In den Initiationsgeschichten von unserer Lehrerin Sobonfu Somé, die zum Volk der Dagara in Westafrika gehörte, war es für die jungen Menschen und für das gesamte Dorf keine Selbstverständlichkeit, dass deren fordernder und gefährlicher Initiationsprozess von allen Teilnehmenden überlebt wird.

So kann, sogar darf es auch keine Selbstverständlichkeit sein, dass der Initiationsprozess der Menschheit von uns überlebt wird. Im Nicht-Wissen, ob alles gut ausgehen wird, sind wir darauf geworfen, in jedem Moment das zu tun, was das Richtige ist, uns so zu verhalten, als ob dieser Moment alles ist, was uns bleibt.

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

Vaclav Havel

Meg Wheatley schreibt, dass sie im Raum jenseits des Strebens nach Erfolg oder der Angst vorm Scheitern lernen konnte, wie es sich anfühlt, sich stimmig zu verhalten: auf unergründliche Weise klar und getragen von Energie. Wenn sie sich wütend, frustriert oder zornig fühle, habe sie gelernt, sich nicht davon bestimmen zu lassen, sondern innezuhalten, nicht zu handeln, bevor sie wieder präsent im Moment ist, und dabei immer wieder erfahren:

„Es ist nicht das Ergebnis, was zählt. Es sind die Menschen, unsere Beziehungen, die unseren Anstrengungen einen Sinn geben. Wenn wir uns von dem Drang befreien, mit unseren Bemühungen erfolgreich zu sein, können wir erleben, wie es leichter wird zu lieben.

Wir hören auf, Sündenböcke zu suchen, wir hören auf, anderen die Schuld zu geben, und wir hören auf, voneinander so enttäuscht zu sein.

Wir erkennen, dass wir wahrhaftig alle gemeinsam in einem Boot sind, und das ist alles, was zählt.“