Immer mehr lernen wir darüber, wie wichtig eine natürliche Geburt und danach ein durchweg nährender, fürsorglicher, liebevoller und zärtlicher Kontakt zu Babies ist, damit sie sich gesund und glücklich entwickeln können. Erkenntnisse der modernen Forschung und das Beobachten des Umgangs mit Säuglingen und Geburt in anderen Kulturen zeigen deutlich, was zu einem gelingenden Eintritt ins Leben alles dazu gehört. Glücklicherweise werden die Stimmen lauter und kraftvoller, die diese Herangehensweisen vertreten und immer mehr Menschen eine Zugang dazu ermöglichen, wie beispielsweise im Artgerecht-Projekt.
Gleichzeitig wissen viele von uns aus eigener Erfahrung, oder aus dem Kontakt mit anderen Betroffenen, wie gravierend sich eine schwierige, leidvolle Geburtserfahrung, wie auch das was wir während der ersten Zeit danach erleben, auf unser gesamtes weiteres Leben auswirkt, vor allem auf unsere zwischenmenschlichen Interaktionen und die Beziehung zu unseren Liebsten, aber auch auf unser eigenes Selbstwertgefühl, die Fähigkeit uns selbst zu lieben und anzunehmen so wie wir sind, und vieles andere mehr.
Es kann viele, sehr viele Gründe dafür geben, warum eine umfassende Zuwendung während und nach der Geburt nicht möglich war in meinem Leben: Krankheit der Mutter, Frühgeburt mit Aufenthalt in einem Brutkasten, von Ärzten angeordneter Kaiserschnitt, Wochenbettkrisen oder Depression, mangelnde Unterstützung durch Partner oder erweiterte Familie, schwierige ökonomische Umstände und vieles mehr. Vor allem aber auch ein gesellschaftlicher Grundkanon, der Eltern vermutlich Jahrhunderte lang dazu ermutigt hat, emotional kühl und die Seele ebenso wie die körperlichen Bedürfnisse eines Babys zu vernachlässigen.
In ihrem aufrührenden Artikel beschreibt Anne Kratzer die systematische emotionale Vernachlässigung von Kindern, einen Teil der Geschichte, den wir erst langsam aufarbeiten. Sie erzählt von Johanna Haarer’s Buch, einer Nicht-Pädagogin, die gezielt von den Nazis gefördert wurde, und deren Buch “Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind” bis 1987 insgesamt 1,2 Millionen mal verkauft wurde.
Haarer schreibt darin: “Die Überschüttung des Kindes mit Zärtlichkeiten, etwa gar von Dritten, kann verderblich sein und muss auf die Dauer verweichlichen. Eine gewisse Sparsamkeit in diesen Dingen ist der deutschen Mutter und dem deutschen Kinde sicherlich angemessen.« Gleich nach der Geburt sei es empfehlenswert, das Kind für 24 Stunden zu isolieren; statt in einer »läppisch-verballhornten Kindersprache« solle die Mutter ausschließlich in »vernünftigem Deutsch« mit ihm sprechen, und wenn es schreie, solle man es schreien lassen. Das kräftige die Lungen und härte ab.
Die Ratschläge aus Haarer’s Buch wurden in den so genannten Reichsmütterschulungen gelehrt. Allein bis April 1943 nahmen mindestens drei Millionen Frauen an ihnen teil, und darüber hinaus war der Ratgeber die Grundlage für die Erziehung in Kindergärten und Heimen.
Wir können vermuten, das der Einfluss dieses Buches und die Spuren der darin propagierten Verhaltensweisen (die leider auch schon in den Jahrhunderten zuvor weithin praktiziert worden waren), sich auch in unserer eigenen Biographie wiederfinden – mit allen negativen Auswirkungen auf unser Leben hier und heute.
In unseren Lehrjahren mit Sobonfu Somé haben wir kennenlernen dürfen, wie wichtig ein tiefes und tätiges, umfassendes Willkommengeheißen werden am Beginn des Lebens ist.
Und wir haben auch gelernt, dass wir dieses als Erwachsene nachholen können!

Wie wir uns selbst bewusst verändern können

Veränderung durch positives Denken in Form von Glaubenssätzen, die wir uns selbst erzählen, funktioniert nicht, soviel wissen wir inzwischen.
Der US-amerikanische Psychologe Dr. Rick Hanson hat erforscht, wie und warum unser Verstand stattdessen, durch unsere Absichten und Intentionen, unser Denken und Handeln es schaffen kann, unser Gehirn dennoch buchstäblich zu verändern.
Denn wir sind nicht notwendigerweise Opfer unserer bisherigen Lebensgeschichte, sondern können selbst aktiv darauf einwirken, die persönlichkeitsbildenden Spuren unserer Vergangenheit in unserem Gehirn ein Stück weit umzuschreiben – und Veränderungen zu mehr Wohlbefinden für uns und unsere sozialen Interaktionen zu begünstigen.
Dieser Prozess beginnt laut Rick Hanson mit den Intentionen, die ich setze. Sie sollten idealerweise das als Startpunkt und Ausgangsbasis nehmen, wo ich wirklich stehe – innerlich und was meine äußeren Lebensumstände betrifft.
Er empfiehlt es, für das Finden kraftvoller Intentionen in die Zukunft zu “reisen”, mir beispielsweise vorzustellen, als alter Mensch auf der Veranda zu sitzen, und von diesem Blickwinkel aus darüber zu entscheiden, welche Intentionen ich für mein Leben ins Zentrum stellen möchte.
Damit Intentionen ihre Wirkkraft voll entfalten können, empfiehlt es sich, Werte und Qualitäten als einen persönlichen Nordstern zu wählen, wie beispielsweise Freude, Liebe oder Frieden. Ähnlich wie beim Navigieren anhand der Sterne, stellen solche Nordstern-Werte ein Ideal dar, dass ich nie ganz erreichen werde. Andererseits sind sie (anders als konkrete Ziele) von Moment zu Moment erlebbar und können bereits hier und heute Teil meines Handelns sein. Besonders kraftvoll wirken sie meiner Erfahrung nach, wenn sie nicht nur für mich allein dienlich sind, sondern für das Wohl des Großen Ganzen – ich also nicht nur meine eigene Freude und Gesundheit in den Blick nehme, sondern das Wohlergehen aller Wesen.

Die Bedeutung von positiven Erlebnissen

Rick Hanson hat außerdem eine einfache Abfolge von Schritten empfohlen, die mir dabei helfen können, Erlebnisse zu kreieren, die mein Dasein auf einer Erfahrungsebene wirklich tiefgreifend verändern können.
Er nennt seinen Prozess H.E.A.L. – eine Abkürzung für folgende einzelne Schritte:
H = HAVE = ein Erlebnis HABEN.
Wenn mir persönlich das Willkommengeheißen werden in der allerersten Lebensphase gefehlt hat oder nicht besonders reichhaltig stattfinden konnte, bedeutet dies, ein (und im Idealfall viele) Erlebnisse zu kreieren, wo ich willkommen geheißen werde.
E = ENRICH = das Erlebnis REICHHALTIG machen
Wenn ich in der Situation bin, wo ich die Qualität, die ich brauche erfahren kann, hilft es mir besonders, wenn ich voll und ganz in den Moment komme, mit allen meinen Sinnen so intensiv wie möglich spüre, lausche, schaue, rieche, schmecke, und die Aspekte der Erfahrung so umfassend wie möglich auf mich einwirken lasse, mich mit meiner gesamten Aufmerksamkeit darauf konzentriere.
A = ABSORB = das Erlebnis VERINNERLICHEN
Hier stelle ich mir vor, wie das Erlebte wirklich in mich hinein sinkt und die Erfahrung zu einem Teil von mir selbst wird. Ich kann sie beispielsweise in mein Herz hinein holen oder mir vorstellen, wie sich die Neuronenverknüpfungen in meinem Gehirn verändern, oder wie sich jede Zelle meines Körpers mit diesem Erlebnis auffüllt.
L = LINK = das Erlebnis VERKNÜPFEN
Nun kann ich dieses Erlebnis, das nun stark, präsent und kraftvoll auf mich wirkt, verknüpfen mit einem Moment meines Lebens, wo ich es dringend hätte gebrauchen können. Ich kann mir beispielsweise vorstellen, wie ich nicht als Erwachsene so liebevoll willkommen geheißen werde, sondern als das Baby, das ich einmal war.

Rituale als Raum für positive Veränderungen

Rituale wirken auf sehr vielfältige Weisen auf unseren Geist, Seele und Körper ein!
Eine davon ist es, Erlebnisse zu erschaffen, die im Ritual besonders intensiv erlebt, verinnerlicht und verknüpft werden können, so dass sie ein Teil meines persönlichen Erfahrungsschatzes werden und sich auf mein Gehirn und damit auch mein weiteres Denken, Handeln und meine Persönlichkeit und Identität in der Welt auswirken können.
Ich freue mich, einige von euch bei unserem Rebirthing-Ritual im April am Schloss Tempelhof dabei zu haben, und gemeinsam das nachnähren zu können, was so essentiell ist für jeden Lebensanfang:
Das liebevolle Willkommengeheißen werden nach einer natürlichen Geburt, gehalten von einer nährenden und unterstützenden Gemeinschaft.
Es braucht nicht nur ein Dorf, um ein Kind ins Leben zu begleiten – für viele von uns braucht es auch ein Dorf (zumindest immer mal wieder! :-)), um unser inneres Kind nachzunähren und in ein glücklicheres und erfüllteres Leben zu begleiten.
Alle Infos zum Rebirthing und den Link zur Anmeldung im Tempelhof findest du hier…

…im Dezember 2018 / Januar 2019, mit Fotos von Ulrike Hartmann und Werner Pfeifer

Diesmal machten wir uns mit einer kleineren Gruppe von sieben Erwachsenen und einem Kind auf die weite Reise zum Lebendigen Museum des Little Hunters’ Village, im nur über hunderte Kilometer Sandpiste erreichbaren Nordosten Namibias.

Werner Pfeifer schenkt uns vom ersten Moment direkt nach dem Flug nach Windhoek seinen jahrzehntelang geschärften Blick eines Einheimischen in Namibia, der die Tier- und Pflanzenwelt, die Geologie und die gesellschaftlichen Umstände im Land so richtig gut kennt.

Es ist wie ein Traum, schon kurz nach dem Flug neben der Straße plötzlich Giraffen zu sehen, oder die mit ihren großen breiten Schnauzen und borstigem Fell lustig anmutenden Warzenschweine.

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Sicher begleitet uns Werner in seinem Busch-Bus durch die Stadt Windhoek und die unendlich weite Landschaft dieses trockenen Landes, bis wir zwei Tage später auf einem Campingplatz fünf Fußminuten vom Dörfchen //Xa/oba entfernt ankommen.
Das Dorf liegt auf dem großen Gebiet des Nye-Nye Conservancy, einer Art Landschaftsschutzgebiet, der einzigen Region im gesamten südlichen Afrika wo Buschleute noch jagen dürfen. Die Regenzeit ist spät dran in diesem Jahr und das Land liegt trocken und karg vor uns.
Das Wiedersehen am ersten Abend ist herzlich und ich freue mich so, die Gesichter vom letzten Jahr wiederzusehen ­– die Älteren noch mehr gealtert, die ganz Kleinen enorm gewachsen und die Jugendlichen erstaunlich gereift.

 

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Die ersten Tage verbringen wir kurzweilig, gehen Pflanzenmaterial für Handwerksprojekte sammeln und gemeinsam mit einer Horde Kinder und Erwachsenen von der Landschaft kosten.
Die Männer graben für uns einen Skorpion aus, etwa fünfzehn Minuten braucht es, um die verwinkelten unterirdischen Gänge des gefürchteten Krebstieres zu verfolgen und letztendlich das kleine giftige Wesen herauszuziehen, das blitzschnell zum Angriff übergeht und den ältesten der Männer in den Finger sticht. Zum Glück ist der Stich nur so schlimm wie ein Hornissen- oder Bienenstich, etwa drei Tage lang wird der alte Mann eine schmerzhaft geschwollene Hand davon haben.

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Oft sind wir als ganze Gruppe unterwegs mit unseren Guides, zum Beispiel beim Erkunden der Fährten rund um unser Camp, wo mehrmals das halbe Dorf, mit Kindern und Alten mitkommt und wir neben den Spuren der Säugetiere auch die der Skorpione, Grillen, Käfer und einiger Vögel kennenlernen. Manchmal teilen wir uns auf, je nach unserem Interesse, so stellen die Männer einmal gemeinsam den Korpus der zarten aber äußerst effektiven Buschmann-Pfeile her, und wir Frauen sitzen ein Stückchen weiter mit den jungen Ju’hoansi-Frauen zusammen, zeichnen Bilder in den Sand, um uns auch ohne Dolmetscher zu verständigen, und wir probieren mit ihnen stampfend hüpfende Tänze und über dem warmen Sand flirrende Lieder aus.

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Meistens besteht unser Tag aus einem frühen und kurzen Morgen, über die Mittagsstunden haben wir Pause für Hängemattenzeit, Lesen und Erholung in der manchmal drückenden Hitze. Währenddessen gibt es oft Besuch von Dorfkindern, die dann mit unserem 12jährigen Elia stundenlang Spiele spielen.
An den Nachmittagen, wenn es langsam wieder kühler wurde, gibt es noch mal Zeit für gemeinsame Unternehmungen.
IMG_2849Im Dorf gibt es einige Meister-Tracker, die nach dem international etablierten, von Louis Liebenberg entwickelten Cyber-Tracker System auch Evaluationen abnehmen, und von denen einige schon mehrmals in Europa bei Tracking-Konferenzen und als Fährtenleser für verschiedene Projekte mit dabei waren. Mit ihnen oder auch alleine mit Werner, der ebenfalls ein hervorragender Fährtenleser ist, machen wir uns mehrmals auf, um uns intensiver mit der Bestimmung der Spuren im Sand zu beschäftigen. Es sind himmlische Bedingungen, nicht nur der gerade richtig weiche, aber nicht zu tiefe Sand machen es sehr leicht, sondern nun auch immer wieder kurze Regenschauer, die den Boden zwischendurch „rein“ wischen und klarste Bedingungen für die neuen Spuren nach dem Regen schaffen.

P1250280Es ist himmlisch, die Trittsiegel von Tieren wie Leoparden, Geparden, Oryx und Kudu zu finden, auch von Straußen, Wildkatzen, Erdwölfen und vielen anderen spannenden Säugetieren und Vögeln. Ein paar mal folgen wir einer bestimmten Fährte über einen längeren Zeitraum und lassen uns von einem Tier auf seinem Weg durch die Landschaft führen. Wir sehen in den Spuren, wo der Strauß dem wir folgen sich flach auf den Boden drückt, um sich vor uns zu verbergen, und dann doch weiterlaufen muss, als wir uns nähern. Oder wie behände die doggen-große Tüpfelhyäne durch den dickichten Busch ihren Weg findet, in Schlängellinien geradeaus, vielleicht gelockt vom Duft eines toten Tieres.

Die Buschleute behalten die ganze Zeit die Orientierung in der für uns völlig verwirrenden, flachen Savannen-Landschaft, wo wir innerhalb kürzester Zeit nicht mehr wissen, in welcher Richtung sich Auto oder Zuhause befinden.

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Und sie schaffen es, die Spur immer weiter und weiter und weiter zu finden, selbst durch dichten Grasbewuchs, wo wir anderen sie leicht verlieren. Sie lassen uns abwechselnd der Fährte folgen und wenn wir nicht mehr weiterwissen, helfen sie, zeigen uns, wie es geht. Überhaupt scheint so die Buschmann-Pädagogik zu funktionieren… die Erwachsenen tun was sie tun, bis die Jüngeren (oder wir!) Interesse daran haben, es auch zu lernen. Dann dürfen sie (und wir J) es ausprobieren, ohne große Anleitung, ohne lange Vorreden, einfach machen. Und wenn’s zu sehr neben dran geht, greifen die „Lehrer“ ein, wobei das leitende Prinzip „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“ zu sein scheint. Das Lernen fühlt sich entspannt und frei an, und ist ein sicherer Raum, wo Fehler aller Arten mit Wohlwollen und Mitgefühl und liebevollem Humor bedacht werden.

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Auf unsere Frage, wann und wie die Ausbildung der Jungen für die Jagd beginnt, erzählen mehrere Buschleute, dass das voll und ganz davon abhängt, was der Junge „anzeigt“. Sein persönliches Interesse ist der Motor, und die Erwachsenen begleiten ihn Schritt für Schritt bei dem, wozu er innerlich bereit ist und Lust und Interesse daran bekundet: Minibogen bauen, Fallen stellen, mit den Alten auf die Jagd gehen, selbst mit Pfeil und Bogen jagen und die Beute weiter verarbeiten – es hängt alles davon ab, wann er selbst soweit ist, und ob, denn nicht alle Jungen wollen überhaupt Jäger werden.

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Gemeinsam mit drei Buschmännern und nur wenigen von uns auf die Jagd zu gehen ist ein Abenteuer das in mir tiefe Sehnsucht weckt. Als Mensch fühle ich mich klein und schwach in dieser weitläufigen Landschaft voller Gefahren. Auch die drei fast nackten Männer die vor uns laufen, nur mit Pfeil und Bogen und Speeren ausgerüstet, scheinen so verletzlich und angreifbar. Abwechselnd schleichen und pirschen wir langsam und lautlos, wenn Oryx oder Pferdeantilopen, Steinböckchen oder Kudu nah sind, oder eilen schnellen Schrittes über die vor Hitze flirrende Ebene, wenn wir woanders hin wollen, damit die Tiere keinen Wind von uns bekommen, oder wenn wir ihnen in ihrer Fluchtbewegung zuvorkommen und auf diese Weise auflauern wollen.

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Elektrisierende Spannung füllt die Luft wenn einer der Dreien, `Naishi, alleine loszieht, um den Schuss zu platzieren. Immer klappt irgendwas nicht. Einmal ist er fast an der Herde von Oryx angekommen, zielt schon, als ein zurückgebliebener Bulle direkt neben ihm aufschreckt, den er übersehen hatte. Alle toben davon, zurück bleibt nur Staub. Ein anderes Mal flüchten die Pferdeantilopen, obwohl sie `Naishi nicht bemerkt haben. Der Grund ist eine Elefantenherde, der er nun selbst schnell und unbemerkt ausweichen muss.
Mit für uns günstigem Wind können wir die heutzutage gefährlichen Riesen eine Zeitlang aus der Nähe beobachten. Die Mütter und Babys planschen im schlammigen Wasserloch, bis ein Kleines steckenbleibt. Eine andere Herde nähert sich und Panik kommt auf. Die Alten probieren das Kind rauszuziehen oder zu schieben, während eine größere Elefantenkuh zurückläuft und sich drohend gegen die ebenfalls gereizte Anführerin der anderen Herde stellt. Kurz scheint es, dass eine von beiden in unsere Richtung ausbrechen würde, und die Buschleute rennen los und rufen: „Lauft, lauft weg!“ Nur ein kurzer Schreckmoment, zum Glück können wir wenige Meter weiter wieder anhalten, das Baby ist frei und alle Elefanten beruhigen sich wieder.
So winzig empfinde ich uns in der Nähe dieser riesigen Mit-Wesen, deren Trittsiegel manchmal so lang sein können, wie mein ganzer Arm, und die unvorstellbar viel Kraft haben.

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Die Buschleute lachen und wir lachen mit, erleichtert. Nachdem die zweite Herde getrunken und gebadet hat, geht Tsamma auf sie zu und schimpft sie laut auf Englisch an: „Hey ihr Kerle, verschwindet, los, macht euch weg hier, haut ab!“ Und wirklich merken sie sofort auf und ziehen sich zügig zurück. Wir sind total verblüfft. Später erzählt er uns, dass er das schon oft so gemacht hat, es aber nur ginge, wenn man nicht im Wind stehe. Wenn sie nicht riechen können, was da rummotzt, würden sie sich vorsichtig verhalten, selbst wenn man ganz nah von ihnen überrascht würde. Sobald sie aber witterten, dass wir Menschen sind, sei ein Angriff möglich und wahrscheinlich. Was ich mitnehme ist einmal mehr Gefühl dafür, wie fein der Grat zwischen Leben und Tod hier in der Kalahari sein kann, und wie viel Erfahrung und Wissen es braucht, um trotzdem sicher zu sein.

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Das moderne Leben macht manches sicherer, zum Beispiel schützen Stirnlampen nachts davor, auf jagende Spinnen oder Skorpione zu treten, Schuhe schützen die Füße auch tagsüber vor den Dornen und dem heißen Sand, und Hunde schützen das Dorf vor Hyänen- oder Elefantenbesuch.
Es bringt aber andere Gefahren, schleichender, und ein erst langsam wachsendes Wissen darüber, wie mit ihnen umgegangen werden kann.
Drogen wie Alkohol oder Marihuana sind im Umlauf in der Region und viele Buschleute in ganz Namibia sind schwer alkoholabhängig und leben in absolutem Elend.

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Ein junger Mann vom Hunters Village wird beim Einkaufsausflug mit uns in der großen Stadt ausgeraubt – alle Einnahmen der Gemeinschaft von einer ganzen Arbeitswoche und noch ein Vorschuss den wir ihnen gegeben hatten sind weg, auf einen Schlag.
Von der Verwaltung bekommen die Buschleute ab und zu Lebensmittel: vor allem Öl zum Braten, mit Vitaminen angereichertes Maismehl und viel Zucker – das Gegenteil ihrer traditionellen Ernährung aus Wildpflanzen und selbst gejagtem Fleisch. Im örtlichen Laden, etwa 30 Autominuten entfernt, gibt es kaum Gemüse oder Obst, dafür massenweise überteuerte Fertigprodukte von Nestlé, alle mit Zucker.
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An der Kleidung vor allem der jüngeren Menschen wird sichtbar, wie viele westliche Schönheitsideale hier schon Einzug gehalten haben. Und die Spiele der Kinder sind verglichen mit meinem letzten Besuch in 2018 deutlich verändert, viel mehr Spiele scheinen mir diesmal aus der Schule zu kommen, sind angelehnt an westliche Spiele, wo es auch ums Kämpfen geht – etwas das es bei Buschleuten traditionell nicht gab. Waren sie im letzten Jahr noch nicht so verankert? Oder war es mir nur nicht aufgefallen?
Vor allem die knapp 60 Ziegen, die die Regierung vor einigen Jahren dem Dorf „geschenkt“ hat, sind ein großes Problem. Sie fressen einfach alles, und das bisher noch ursprünglich wilde Gebiet rund ums Dorf wird durch die Anwesenheit der Ziegen stark verändert. Die ohnehin kargen essbaren Pflanzen der Kalahari sind so schnell aufgefressen von einer ewig hungrigen Ziege, so dass tatsächlich die Nahrungsgrundlagen der Buschleute eher bedroht sind als verbessert. Und aufessen sollen sie die Ziegen nur wenn sie sich trotzdem vermehren und eine bestimmte Population erreicht ist. Das Ziegenprojekt ist somit leider eines der sinnlosen Entwicklungshilfeprojekte, die mehr Schaden als Nutzen anrichten, weil sie die Bedürfnisse vor Ort überhaupt nicht berücksichtigen.

IMG_2463Das selbstorganisierte und selbstverwaltete „Lebendige Museum“ dagegen ist eine andere Art von Entwicklungs-Ermöglichung, angepasst an die Menschen und mit aller Freiheit selbst zu gestalten. Werner Pfeifer hat inspiriert von seiner Tätigkeit als Experimenteller Archäologe in Steinzeitmuseen hier in Deutschland den Impuls dafür gegeben. Die gesamte Organisation und alle Entscheidungen vor Ort liegen bei den Buschleuten, in der Gemeinschaft, wo traditionell alle im Konsens entscheiden, was getan wird. Auch die Einnahmen gehen komplett an die Gemeinschaft.

Es ist ein gutes Leben für sie, erzählen uns viele, sie sind stolz darauf, Ju’hoansi zu sein, und es macht ihnen Spaß, ihre Fertigkeiten mit uns zu teilen und uns Sachen beizubringen, und auf diese Weise ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Das traditionelle Wissen und die Fertigkeiten des Lebens mit dem Land, welche bei der Gründung des Museums nur noch die Alten hatten, wird seitdem nicht nur an die Besucher und Touristen weitergegeben, sondern auch an die Jungen und noch Jüngeren.

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Ein besonderer Moment unserer Reise ist für mich, als am Weihnachtsmorgen (ja, auch die Ju’hoansi feiern Weihnachten) Werner mit einem ganzen Haufen Kinder in seinem Busch-Bus vorfährt und zwei von uns Touristen aufgabelt, damit wir den großen Kessel holen, in dem der Weihnachtsschmaus fürs Dorf gekocht werden soll. In fünf Minuten sind wir bei der kleinen Dorfschule angekommen und der Kessel ist gewaltig groß, so groß wie der Zaubertrank-Kessel von Miraculix, aus dickem Gusseisen. Die Kinderaugen leuchten erfüllt und begeistert, voller Vergnügen am Moment und voller Vorfreude.
Es berührt mich sehr, mir vorzustellen, was aus diesen Kindern eines Tages werden wird. Wie werden sie die Kultur ihrer Vorfahren weitertragen? Welche Form werden sie ihr schenken? Wie wird ihre Verbindung zum Land sein, zur Natur um sie herum und ihn ihnen? Und wie kann ich sie dabei unterstützen, ein verbundenes, friedvolles glückliches und freies Leben zu führen?

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Kurz darauf lernen wir !Amashe kennen, einen Mann der von einem anderen Buschmann-Volk stammt und der Beh, eine Ju’hoansi Frau, geheiratet hat. Lange Zeit war er der Ansprechpartner eines anderen Living Museums, in Grashoek, etwa zwei Autostunden entfernt.
Jetzt lebt er mit Großfamilie und Freunden bei Tsumkwe, mit denen gemeinsam er eine neue Dorfgemeinschaft gründet.
Einfühlsam und präsent begleitet !Amashe uns durch den Nachmittag. Für jeden findet er etwas zu tun, das begeistert, so dass wir alle ins Mitmachen kommen. Wir hängen mit unseren Augen an seinen geschickt werkelnden Händen, genießen seine einladende Freundlichkeit und die Freude am gemeinsamen Tun.IMG_E0477Super flink werden verschiedene Projekte gestartet und einige auch abgeschlossen, alles scheint leicht zu sein, genau das richtige Material ist da oder wird schnell geholt, ein paar Verwandte und Freunde helfen mit und alles geschieht im Fluss.
Mit schockierender Offenheit erzählt !Amashe uns davon, wie seine Frau Beh mit einem Messer auf ihn einstach, als sie vor vielen Jahren beide völlig betrunken waren. Es war ein Streit darüber, wer Wasser holen gehen soll. Breite und lange Narben zeugen davon, von einem Moment der so schrecklich war, dass er ein Wendepunkt werden konnte.
Beide entschlossen sich, dem Alkohol abzuschwören, der viel in ihrem Leben zerstört hatte. Gänsehaut bringt seine leise und bestimmt gesprochene Vision vom Erhalt der Kultur, vom lebendig halten dessen, was sie als Buschleute ausmacht, was für sie überlebenswichtig ist.
P1250363Beh ist mit dabei und ernsthaft und eindringlich werden ihre sonst so weichen Blicke, das Leid das sie beide durchgemacht haben wird spürbar, und in ihren Augen funkelt klar und frei der Wille, ein besseres Leben zu erschaffen und möglich zu machen für sich selbst und die Generationen der Zukunft.
Auch die Meister-Tracker ’Ui, seine Frau No’shae und einige andere wollen ein neues Dorf gründen. In den letzten Jahren hat es viele Gespräche darüber gegeben, wie damit gut umgegangen werden kann, dass einige im Dorf sich als Meister-Fährtenleser entwickeln, dafür auch immer mehr Beachtung von außen bekommen, und das Fährtensuchen mehr und mehr ihr Herzensthema wird, dem sie sich vollständiger widmen wollen, dafür auch eine Tracking-Schule gründen wollen.

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Nach vielen Beratungen miteinander und mit vertrauten Freunden wie Werner, wurde im Little Hunters Village die Entscheidung getroffen, dass die Gruppe ein neues Dorf gründen wird, etwa 15 Auto-Minuten entfernt von der alten Dorfgemeinschaft. Die Verschiedenheit der Lebensentwürfe wird durch die Trennung anerkannt und bestätigt, und in Einigkeit können nun eigene Wege gegangen werden, in Verbindung und gegenseitiger Unterstützung.
Für mich hat die Zeit mit den Ju’hoansi wieder viel mehr Fragen aufgeworfen, als wir Antworten finden konnten. Wie viele andere Völker der Erde stehen sie an einem Scheidepunkt in der Geschichte: Die Ältesten von ihnen sind noch als Jäger und Sammler durch die Kalahari gestreift, haben relativ frei gelebt, trotz der zunehmenden Unterdrückung von außen. Ihre Erinnerungen an das alte Leben sind so nah, können noch erzählt werden, vieles von dem alten, zig Jahrtausende lang immer mündlich überlieferten Wissen ist noch da.

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An vielen Orten weltweit können wir sehen, wie innerhalb nur einer Generation dieses Wissen vollständig verloren geht, weil es dem Druck der Kirche und der oft durch missionarisches Gedankengut gefärbten Bildungssysteme, der Politik, der globalen Wirtschaftsmächte, des Fortschrittsstrebens und der bis in den entlegensten Winkel der Erde präsenten Verlockungen des Konsums nicht standhalten kann.

Ich schaue in die Augen der Kinder, die übereinander gestapelt in Werner’s Busch-Bus sitzen und kichern und scherzen, und wünsche es mir so sehr, dass auch sie ein Leben mit der Natur, für die Natur und für die Menschen leben und an ihre Kinder und Kindeskinder weitergeben können. Ich denke daran, wie meine Elterngeneration, die zum Ende des Krieges Geborenen, die auf dem Land aufwuchsen, noch so viel wussten, über die natürliche Welt, so viel mitbekamen. Wie der Schatz an mündlich überlieferten Erfahrungen in der Natur immer schmäler wurde, von Generation zu Generation, und wir heute massenweise Kinder um uns haben, die einen Großteil ihrer Kindheit an Videospiele und soziale Medien verlieren.
Ich glaube, dass wir ein Wissen über die Natur, das aus authentischer, gelebter Verbindung zur Landschaft erwächst, heute dringender denn je brauchen, vor allem wenn es auf eine Weise genutzt wird, durch die gesunde und förderliche Synergien zwischen dem Alten und dem Modernen entstehen.
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Auch ich hier in Europa sehne mich nach einem Leben in inniger Verbindung zur Landschaft und zur Erde, aus der eine Fürsorge für das Land erwächst, so dass meine Entscheidungen und mein Handeln Vielfalt und Fülle erschafft, für alle Wesen.
Ich weiß auch nach dieser zweiten Reise nicht sicher, wie wir die Ju’hoansi in Namibia am besten unterstützen können. Was ich von dieser zweiten Reise mitnehme ist jedenfalls ein kraftvoller Wunsch, im lebendigen persönlichen Austausch zu bleiben, und so nach und nach gemeinsam herauszufinden, was wir von ihnen lernen können und wie und womit wir ihnen hilfreich sein können uns wie wir ein Stück weit gemeinsam mit ihnen bewahren können, was wir alle für die Zukunft unseres Planeten gut gebrauchen können.
Deshalb fliegen wir wieder hin – die nächste Reise findet vom 22. Januar bis 19. Februar 2020 statt.

Eindrücke von unserer ersten Reise zu den Ju’hoansi im Spätherbst 2017 findest du hier… 
Hier kannst du mehr über das Little Hunters Village und die anderen Lebendigen Museen in Namibia erfahren, die für Touristen geöffnet sind…

…wie wir Menschen tiefen Verlust erleben und bewältigen

“Trauer ist eine unmenschliche Erfahrung, die in einem menschlichen Körper stattfindet.”

Christina Rasmussen

Im letzten Jahr, nachdem unsere geliebte Lehrerin Sobonfu Somé gegangen ist, habe ich viele Monate damit verbracht, noch tiefer zu erforschen und zu erlauschen, was Trauer ist und was wir als Menschen brauchen, um auf eine gesunde Weise mit ihr umzugehen.
Trauern ist Leben 
Viele Wissenschaftler heute bekräftigen das, was wir aus dem überlieferten Verständnis naturverbundener Kulturen wie der Dagara in Burkina Faso bereits wissen: Dass ein Fühlen, Durchleben und Verarbeiten der Trauer lebens-wichtig ist! Unsere seelische, geistige, körperliche Gesundheit hängen davon ab, ob und wie wir es schaffen, die großen (und kleinen) Verluste im Leben zu bewältigen.
Die Fähigkeit tiefe Freude zu empfinden hängt davon ab, ob ich auch Traurigkeit zulassen und ausdrücken kann.

Was ich in allen meinen Nachforschungen nicht finden konnte, waren handfeste Informationen darüber, warum wir überhaupt trauern?
Trauer zieht uns in ihren Bann
Biologisch versetzt Trauer uns in einen extrem verwundbaren Zustand: wir sind auf uns selbst geworfen, nehmen weniger wahr im Außen, wenden unsere Aufmerksamkeit ganz nach innen, wo wir scheinbar versinken in den starken Emotionen die zur Trauer dazugehören, wie Traurigkeit, Wut, Verzweiflung, Leere, Dumpfheit oder Angst.
Wenn wir trauern, sind wir oft nicht in der Lage, proaktiv sozial zu interagieren, uns unseren Liebsten zuzuwenden, unserer Verantwortung nachzukommen. Die einfachsten Dinge des täglichen Lebens können uns als unmöglich schaffbar erscheinen.
Warum hat die Natur es so eingerichtet, dass ein schlimmer Verlust unser gesamtes System so grundlegend außer Kraft setzen kann?
Die Antwort ist so einfach wie auch erstaunlich:

Nur durch das Trauern können wir etwas lernen und verinnerlichen,

was nicht mehr da ist.

Oder sogar auch etwas, was noch nie, oder gefühlt viel zu wenig da war. 

Der Mensch, den wir verlieren hat ganz bestimmte Geschenke in unser Leben gebracht: Vielleicht war es ein Gefühl von Geborgenheit, oder Inspiration, oder Ermächtigung, Liebe oder Weisheit. Vielleicht hat die Person Lebenslust verkörpert oder große Hingabe und Schaffenskraft.
Trauern ermöglicht uns zu lernen 
Wenn wir um jemanden trauern, verbinden wir uns auf tiefster Seelenebene mit all dem, was er oder sie für uns war. Wir blenden die Wirklichkeit im Hier und Jetzt ein Stück weit aus, um ganz tief mit dem zu sein, was nicht mehr sein kann.
Mit intensiven inneren Bildern, angefeuert von überwältigenden Emotionen, kreieren wir für unseren Verstand eine enorm kraftvolle Lernerfahrung.
Das was wir am meisten geliebt haben, die Essenz sowie auch konkrete Verhaltensweisen, an die wir uns erinnern, verinnerlichen wir – sogar obwohl es im Außen nicht mehr existiert, nicht mehr wahrnehmbar ist.
Damit ist Trauern ein unglaublich wichtiger Prozess für das sich immer weiter Entwickeln von uns als Menschen, individuell und gesellschaftlich.
Trauern über was nicht sein konnte
Erst als ich als erwachsene Frau zu tiefer Naturverbindung geführt wurde, begann für mich ein Trauerprozess über all den Mangel an Naturerfahrung, den ich früher als Stadtkind – damals völlig unbewusst – durchlitten habe.
Erst als ich als erwachsene Frau konkretes Wissen und Bilder über Sobonfu’s Kindheit in der Stammeskultur der Dagara erfuhr, durchlebte ich einen Trauerprozess über den Mangel an lebendiger Gemeinschaft in meinen Kinder- und Jugendjahren.
Auch wenn ich als Kind unterdrückt, bezwungen oder missbraucht wurde, kann ein Teil meines Trauerprozesses erst dann beginnen, wenn ich als Erwachsene davon erfahre, wie es anders hätte sein können.
Wenn ich als Erwachsener erlebe, wie respektvoll mit einem rebellierenden Jugendlichen umgegangen wird, kann ein Trauerprozess in mir beginnen – weil mein gesamtes System erst dann wirklich be-greifen kann, welchen Verlust an Respekt ich durchlitten habe.
Wenn ich erlebe, wie ein Vater oder eine Mutter einfühlsam mit einem weinenden Kleinkind spricht, kann ein Trauerprozess in mir beginnen – weil ich dann erst begreifen kann, dass ich viel zu früh einen Verlust an bedingungsloser Liebe erlitten habe.
Um trauern zu können, brauche ich ein Bild von dem, was ich verloren habe. Manchmal ist es ein Mensch, den ich verloren habe, manchmal aber auch körperliche oder seelische Unversehrtheit, manchmal Vertrauen, Liebe, Selbstwirksamkeit, die mir schmerzlich gefehlt haben.
Trauern hilft, Kreise zu schließen und einen gesunden Weg in die Zukunft zu finden
Wenn ich schwierige (Kindheits-)Erlebnisse nicht betrauere, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass ich genau das weitergebe, was für mich selbst Leid verursacht hat.
Unsere Fähigkeit zu lieben und uns zu binden hängt unter anderem davon ab, ob ich den Verlust von geliebten Menschen, oder auch einen Mangel an Liebe und Bindung in meiner eigenen Vergangenheit betrauern und damit das Verlorene oder nicht ausreichend da Gewesene integrieren kann.
Somit kann das gesunde Trauern die Schicksalsschläge unseres Lebens in Geschenke verwandeln – vielleicht werden sie uns selbst ein Leben lang schmerzhaft in Erinnerung bleiben, aber wir können es schaffen ermächtigt, gestärkt und mit guter “Medizin” für die Menschen um uns herum, und für unseren eigenen Lebensweg daraus hervor zu gehen.
Trauern für die Erde und für die Menschheit
Ich glaube, dass auch unsere Fähigkeit, als Individuen und als Gesellschaft im Einklang mit der Erde zu leben, davon abhängen wird, ob wir es schaffen können, die schrecklichen Verluste zu betrauern, die in der Geschichte und immer deutlicher fühlbar in den letzten Jahrzehnten der Gemeinschaft allen Lebens und damit auch uns als Menschen widerfahren sind und die uns jetzt gerade umgeben oder unmittelbar bevorstehen.
Wenn wir es nicht schaffen, zu trauern, laufen wir Gefahr abzustumpfen, in Depressionen, Bitterkeit und Hass, bis hin zur Selbstzerstörung oder Aggressivität gegenüber anderen zu verfallen.
Das Trauern öffnet und reinigt unser Herz, erlaubt uns weich zu sein, und ermöglicht es uns, auf unsere individuell bestmögliche Weise zu handeln, statt zu kämpfen, zu flüchten oder in Starre zu verfallen.
Es hilft uns dabei, selbst ein besserer Mensch zu werden, egal wie widrig die Umstände sind. Und an den vielen Orten wo wir sind, die vielen kleinen Dinge zu tun, die die Gemeinschaft der Menschen im Kern zusammenhalten, jenseits aller politischen und gesellschaftlichen Institutionen.
Trauern braucht Gemeinschaft – Gemeinschaft braucht Trauern
Ich kann dies nicht alleine schaffen” heißt es im Dagara-Lied für das Begräbnis-Ritual, in dem die Menschen zusammenkommen und über das Scheiden eines geliebten Menschen, sowie auch alles mögliche andere, was auch immer noch an Schmerzen da ist, gemeinsam zu trauern.
Gerade für unsere tiefste Trauer brauchen wir einander, für die Verluste die uns selbst vielleicht Angst und Schrecken einjagen, und die wir kaum zu berühren wagen.
Gegenseitig können wir uns Zeugenschaft schenken, ein gesehen werden und gefühlt werden, wie es für Menschen zutiefst heilsam ist.
In den Jahren 2011-2016 konnten wir jeden November gemeinsam mit Sobonfu trauern, nach ihrer Art, in einem Ritual das aus den Traditionen der Dagara und Sobonfu’s Kenntnis über die Bedürfnisse der Menschen hier und in den USA zurechtgeschneidert war.
Für uns war es nicht möglich, in der wenigen Zeit die uns mit Sobonfu noch blieb, dieses geheimnisvolle, schwer wiegende und sehr kraftvolle Ritual zu übernehmen und selbst auch ohne sie halten zu können.
Nach ihrem Verscheiden im Januar 2017 war ich somit auf der Suche nach einer anderen Form des Trauerns in Gemeinschaft, die sich hier für uns und von uns anwenden ließe.
Das Trauer-Feuer
Ich habe viele Puzzle-Teile gesammelt und zusammengesetzt, bis wir im vergangenen November erstmalig am Trauer-Feuer trauern konnten, mit einer großen Gruppe von Menschen am Beuerhof in der Eifel, unterstützt von Salvatore Gencarelle. Sal hat dabei geholfen, unser Modell zu prüfen und in der Durchführung zu erproben, und ich bin unendlich glücklich, damit nun eine Handlungsgrundlage zu haben, für ein gesundes und gut gehaltenes Trauern in Gemeinschaft hier bei uns, von uns und für uns, hier in Europa.
Auch in diesem Jahr wird das Trauer-Feuer wieder stattfinden, diesmal mit mir und Judith Wilhelm, einiges werden wir variieren, passend zum Jahr, zu den Menschen, zum Ort. Tragen wird uns das Grundgerüst des Trauer-Feuers, so wie es auch im letzten Jahr war.

Das “Heilige Feuer”, das heilende Feuer, ist die Grundlage für unser Trauer-Feuer. Die Teachings darüber sind 2005 über den Anishinabe Friedensstifter Paul Raphael nach Europa und auch zu uns gekommen. Beim Trauer-Feuer schenkt es einen geborgenen, heilsamen Raum dafür, einander in Zeiten der Trauer zu bezeugen und zu begleiten. Am Feuer können Geschichten und Gefühle geteilt und Tränen geweint werden, die laute und die leise Trauer dürfen fließen.
Und in Stille vor dem Knistern der Flammen kann selbst das angehört werden, wofür es keine Worte gibt.
Das Feuer, das Element das nur wir Menschen in unsere Mitte geholt haben, bringt uns als Gemeinschaft zusammen, so dass wir in unserem tiefsten Menschsein einander beistehen können. Es verbindet uns mit der Welt der Ahnen, all derer die vor uns gegangen sind, und deren Erbe in uns und um uns noch lebendig ist.
Das Feuer hat die Kraft zu verwandeln. Aus der Asche des Verbrannten hilft es uns, das Wesentliche zu erkennen und uns daran zu erinnern, wer wir sind.
Das gleißende, wärmende Licht des Feuers hilft uns zu sehen, welches Geschenk dem schlimmen Verlust innewohnt. Wie die Trauer darüber uns selbst helfen kann.
Und wie sie uns mit ihrer bitteren Medizin eines Tages helfen kann, anderen zu helfen.
Und weil der Bedarf für ein gesundes Trauern in Gemeinschaft, vor allem auf eine Weise die tief verwurzelt in der Natur und den Elementen ist, mit jedem Tag größer zu werden scheint, werden wir im November 2019 die erste zweijährige Ausbildung zum Trauer-(Feuer)-Facilitator und Begleiter starten. Dafür ist die Teilnahme am Trauer-Feuer-Workshop eine gute Vorbereitung. Alle weiteren Informationen dazu folgen bald…

Mehr Infos zum Trauer-Feuer-Workshop

Interessierst du dich für das Thema Trauer? Hier kannst du noch mehr darüber lesen, was Trauern bedeutet und was es braucht, um Trauer gut zu verarbeiten oder zu begleiten….

Geht es euch auch so, dass die Nachrichten aus aller Welt gerade in den letzten Monaten immer schwerer auszuhalten sind?
Eine ehemalige CIA-Agentin hat Hinweise dazu gegeben, wie sie selbst mit der Flut schlimmer Nachrichten umgegangen ist, als sie einen Großteil ihres Arbeitslebens damit zubrachte, genau solche Meldungen zu sammeln.
Sie beschreibt, dass verschiedene “Gefahren” damit verbunden sind, tagtäglich so viel Negatives zu erfahren:

  • Gleichgültigkeit – wenn uns das Schlimme irgendwann ganz “normal” erscheint.
  • Lähmung – wenn wir so überfordert und überwältigt sind, dass wir uns außerstande fühlen, irgendwas zu tun
  • Endzeitstimmung – wenn jede weitere Neuigkeit uns in Alarmbereitschaft versetzt, dass bald alles vorbei sein könnte
  • Depression oder Post-Traumatische Belastungsstörungen – selbst wenn wir gar nicht life dabei waren – schlimme Meldungen nur allein zu hören, genügt manchmal um beides auszulösen
  • Physische Symptome – Schwindel, Kopfschmerzen, Fieberschübe, Konzentrationsschwäche, Erschöpfung usw.

Auch wenn die Versuchung vielleicht groß ist – unseren Kopf in den Sand zu stecken würde alles nur schlimmer machen.
Tatsächlich arbeiten heranwachsende Diktaturen (wie wir es gerade in den USA beobachten können) systematisch und bewusst damit, die Bevölkerung mit so vielen Negativnachrichten gleichzeitig zu überschwemmen, bis die Menschen resignieren und anfangen wegzuschauen.
Dabei werden wir gerade heute gebraucht, gerade jetzt.
Wie können wir es trotzdem schaffen, unsere seelische und geistige Gesundheit zu wahren?

1. Mitgefühl! 
Wenn ich aufhöre mitzufühlen (das gilt auch für die “helfenden” Berufe, wo man tagtäglich mit viel Leid konfrontiert ist), kann das bald ein Burnout zur Folge haben.
Empathisch mit-fühlen scheint vielleicht anstrengender, doch verhindert es diese Form der tiefgehenden Erschöpfung.
Auch gegenüber den “Tätern” mitzufühlen, hilft, meine eigene seelische Gesundheit zu wahren, z.B. indem ich mich hineinversetze, wie einsam und verbittert sie sich fühlen müssen, um zu solchen Taten und Entscheidungen fähig zu sein. Lasse ich wütende Gedanken zu, stimulieren diese meinen Körper immer wieder zu heftigen Reaktionen, die meine eigene Gesundheit schwächen (z.B. meinen Blutdruck oder mein Immunsystem).
Schaffe ich es, mich auf das Mitgefühl zu fokussieren (auch der Versuch hilft schon!), kann sich mein System entspannen. Ich verdränge das Leid nicht, aber es kann mir selbst nicht schaden. Auch meine Fähigkeit, aus bestem Vermögen heraus strategische Entscheidungen zu treffen, in denen ich Konsequenzen für die Zukunft in Betracht ziehe und die meinen eigenen Werten entsprechen, ist gewahrt wenn ich es schaffe in Momenten der Wut mich ans Mitgefühl mit dem anderen zu erinnern.
Klingt schwierig? Ghandi, der mit seinem friedvollen Aktivismus Berge versetzt hat, spendet uns Trost: “Mitgefühl ist ein Muskel der kräftiger wird wenn wir ihn benutzen.”
Vor allem ist es wichtig, mir selbst Mitgefühl zu schenken, für den Schmerz und das Leid, das ich in mir fühlen kann, wenn ich mit der Situation der Welt, der Menschen, der Insekten, der Erde usw. konfrontiert bin. Alle Wesen sind ein Teil von mir und auch ich bin ein Teil allen Lebens.
Wie würdest du mit einem kleinen Kind sprechen, das sich angesichts der Neuigkeiten ängstigt und trauert? Genau diese Art von Trost und Mitgefühl kann auch dir selbst gut tun.
Besonders wirkungsvoll ist dies, wenn du dich selbst dabei berührst, also beispielsweise tröstend eine Hand auf dein Herz, deinen Bauch oder Arm legst. 
Mitgefühl zu wagen braucht Mut und Tapferkeit – doch es hilft uns dabei, nicht zu verbittern, sondern unser Herz weich werden zu lassen, so dass es weiter wachsen kann.

2. Handeln! 
Auf jeden Fall hilft es, etwas aktiv zu tun, um Teil der Lösung zu sein, egal wie klein die Schritte sind. So können wir Ergebnisse sehen, die aus unserem Tun erwachsen und einen Unterschied machen, anstatt uns völlig hilflos zu fühlen.
Dies kann auch das Fürsorgen für unsere Familie, unsere Gemeinschaft, die Kinder der Nachbarn oder für die wilden Blumen am Waldrand bedeuten – für alle die lebenden Wesen die direkt in unserem Umfeld sind.
Wie Gandalf aus “Herr der Ringe” es sagt: “Manche glauben dass nur große Mächte es vermögen, das Böse im Zaum zu halten. Ich habe das ganz anders erlebt: Es sind die kleinen alltäglichen guten Taten einfacher Menschen, welche die Dunkelheit in Schach halten. Kleine Taten der Nächstenliebe und Freundlichkeit.” 

3. Aktive Selbstfürsorge! 
Wir können nicht 24h/Tag die Welt retten. Den größten Dienst können wir dann schenken, wenn wir gut für unsere eigenen Bedürfnisse sorgen und entsprechend gut genährt und fit sind, um darüber hinaus zu geben.
Besonders wichtig sind Bewegung und Schwitzen. Stress und Angst sind Reaktionen auf überlebensbedrohliche Gefahren. Rennen und Schwitzen sind (genau wie Schütteln und Zittern) natürliche Reaktionen des Körpers, die dafür sorgen, dass unser System wieder ins Gleichgewicht finden kann, und die wir leicht auch selbst herbeiführen können (z.B. durch Sport, oder auch beim Saunieren).
Hilfreich ist es auch, bewusst zu regulieren, wann und wie ich mir schlimme Neuigkeiten anhöre.
Kann ich es vermeiden, dass ich mir schreckliche Bilder anschaue, die besonders belastend sein können, weil sie wie real erlebte Erinnerungen wirken können?
Vor allem Kinder sollten hier von uns davor beschützt werden, durch Fernsehnachrichten o.ä. traumatisiert zu werden.
Statt kurz vor dem Einschlafen oder gleich früh morgens, kann ich vielleicht vormittags, wenn ich mich wach, ausgeruht und innerlich gefestigt fühle, bewusst Zeit dafür nehmen, mich mit herausfordernden Themen zu beschäftigen.

4. Perspektiven wechseln!
Noch ist die Welt nicht untergegangen, obwohl die Geschichte schon unglaublich viel Leid gesehen hat. In der Vergangenheit sind viele Diktaturen entstanden – und wieder zerbrochen. Verbrannte Erde hat sich in fruchtbare Gärten gewandelt mit der Zeit. Die Erde verfügt über erstaunliche Selbstheilungskräfte. Das Leben will LEBEN!
Aus dem Nichts heraus ist das Universum entstanden mit all seiner Schönheit wie wir sie kennen, und mit all der Komplexität, die immer größer zu werden scheint.
Gerade aus politische Gräueln haben viele Menschen es geschafft, lebensbejahende Konsequenzen für ihr Denken und Handeln zu ziehen, und damit Raum zu erschaffen oder zu halten, für Frieden und Miteinander.
Auch gibt es neben den schlimmen Ereignissen gerade heute eine unendliche Vielzahl positiver Geschehnisse in der Welt, die viel mehr Beachtung verdienen, zu finden z.B. hier bei upworthy,com oder bei Positive News oder auf deutsch bei der Zeitschrift Oya.

5. Mit Gleichgesinnten verbinden!
Wir brauchen einander, wirklich. Die Weltlage zeigt ganz deutlich, dass es auch für die einsamsten Wölfe Zeit wird, ein Rudel zu finden.
“Weg von der Helden-Figur und hin zu einem der Menschen versammelt” nennt Zukunftsforscherin Meg Wheatley die Entwicklung, die Führungskräfte in aller Welt gerade durchmachen, wenn sie die Wirk-Kraft ihrer Arbeit stärken wollen.
Statt einem einsamen “Superman” zuzujubeln, der uns alle rettet, werden wir selbst gemeinsam mit einigen und in Kooperation mit ganz vielen auf der Welt die Zukunft lebenswert machen.
Und die Verbindung zu anderen Menschen ermöglicht es uns, im Alltag glücklicher zu sein, also auch mit mehr Gelassenheit den Härten des Lebens begegnen zu können und widerstandsfähiger gegenüber Verzweiflung, Depressionen oder Süchten zu sein.
Wir Menschen sind zutiefst soziale Wesen, und wir brauchen einander, um uns in der Welt wirklich wohl und zuhause zu fühlen, und auch um uns selbst als wirk-kräftig in unserem Tun und Sein zu erfahren.
shutterstock_633402731Dazu gehört es auch, einander zuzuhören, zu bezeugen und immer wieder auch gemeinsam zu trauern.
Auch die nicht-menschlichen Lebewesen können uns als Teil ihres Beziehungsgeflechts unterstützen, indem wir unsere Verbindung zu ihnen nähren.
So kann die Verwurzelung in der Natur uns Halt schenken in Zeiten der Angst und Überforderung. Sie erwächst aus innigen Erfahrungen, die wir auch im Alltag draußen machen können, wenn wir bewusst hinschauen und hinspüren und Insekten, Bäume, Vögel und alle anderen als unsere Verwandten anerkennen.

6. Humor kultivieren – jetzt erst recht! 
Mein Sohn und ich hören gerade viel dem Dalai Lama zu. Der weltliche und geistliche Führer der Tibeter beschäftigt sich intensiv mit den Missständen auf der Welt und ist doch als fröhlicher, ausgelassen heiterer Mensch bekannt. In seinem “Buch der Freude“, das aus Gesprächen zwischen ihm und Erzbischof Desmond Tutu entstanden ist, beschreibt er wie grundlegend es für unsere seelische Gesundheit ist, dem Leben in all seiner Schwierigkeit doch immer wieder mit Humor zu begegnen.
Freude und Glücklichsein sind nichts, was von außen uns geschenkt werden kann – sie wollen im Innern gefunden und bewusst kultiviert werden.
Für mich ist Humor eins der größten Geschenke, die wir unseren Kindern geben können, weil jedes kleine noch so feine Lachen oder Schmunzeln wie ein Lichtlein sein kann, das wir im Dunkeln anzünden.
Und wo ausgelassen aus tiefstem Bauch heraus gelacht wird, wird auch die größte Angst schmelzen und es wird Raum entstehen, in dem Liebe und Frieden lebendig sein können.
Damit das Leben immer weiter gehen kann!

Zum Weiterlesen…

4 mal ZuverSicht – Hilfreiche Einsichten für schlimme Zeiten
Diese Themen und mehr kannst du vertiefen in unserem Circlewise Leadership Training hier…
Deine Trauer lindern und durchs Trauern wieder zu mehr Leichtigkeit finden, kann unser Trauer-Feuer im November dir ermöglichen, Infos dazu hier…

Jedes Kind bringt kostbare, einzigartige Gaben für die Gemeinschaft mit! Es ist gebraucht mit seinem ganzen Wesen, genau so wie es ist. 
Bei den Dagara in Westafrika und vielen anderen naturverbundenen Kulturen ist das Wissen um diese Gabe, eine wesentliche Grundlage für das Miteinander mit Kindern im Alltag. Unsere Lehrerin Sobonfu Somé beschrieb, wie sie und viele andere Kinder im Herzen der Dorfgemeinschaft heranwachsen konnten, beschützt und begleitet von den Menschen im Dorf, die wie unzählige “Mütter” und “Väter” waren, so liebe-voll und zugewandt und neugierig auf all das, was die Kinder so mitbrachten. 
Wie können wir in der heutigen Zeit unseren Kindern eine so sichere und geborgene Kindheit schenken?  Vier praktische Hinweise für unser Alltagsleben mit Kindern möchte ich hier mit euch teilen: 


1. Hinschauen, erspüren und spiegeln!
Nimm dir Zeit aufmerksam auf sie zu schauen, und zwar mit dem Herzen! Unser Herz ist das Organ, das zuerst die Stimmung und Gefühlslage von unserem Gegenüber wahrnimmt und dann Impulse mit Informationen ans Gehirn weiterschickt. Hier im Gehirn werden dann dieselben Emotionen aktiviert, wie sie im anderen lebendig sind, so dass wir das Kind und wie es ihm gerade geht wirklich (messbar!) erfühlen und selbst er-leben können.
Ein Kind (und Erwachsener!) der diese Art von Empathie geschenkt bekommt, kann dies ebenfalls deutlich spüren. Der Neuropsychologe Daniel Siegel hat dies als ein Gefühl von tiefem Angenommensein beschrieben, das er “a felt sense of being felt” nennt – wir fühlen, dass wir gefühlt werden – ist das nicht erstaunlich?
Dieser Zustand ist die Grundlage für echte Verbindung, von Moment zu Moment.
Sobonfu Somé hat uns gezeigt, wie wirksam es dabei ist, den emotionalen Ausdruck eines Kindes tat-sächlich zu spiegeln, z.B. indem wir das Weinen eines Säuglings sogar imitieren (mimisch und mit Geräuschen!) und erst später tröstend mit ihm sprechen. Auf diese Weise fühlt sich der kleine Mensch gesehen, verstanden, angenommen und sicher.


2. Innere Vielfalt feiern und integrieren!
Jeder Mensch trägt jederzeit eine enorme Vielfalt an Gedanken, Fragen, Stimmen, Zweifeln, Sehnsüchten und Emotionen in sich. Daniel Siegel beschreibt die Summe dieser Anteile wie ein Riesenrad, dass sich um eine gemeinsame Mitte dreht. Verknüpft werden all diese Teile im mittleren Stirnlappen, einem kleinen aber enorm bedeutsamen Teil unseres Gehirns.Dieser mittlere Stirnlappen, der für die Integration aller anderen Hirnteile zuständig ist, so dass aus den vielfältigen Tönen ein Konzert werden kann, ist beim Menschen erst mit etwa 25 Jahren voll entwickelt.
Deshalb sind Kinder oftmals so viel impulsiver in ihrem Handeln – denn Moral, Empathie und Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit sich die Konsequenzen des eigenen Verhaltens für die Zukunft vorzustellen und auch ihre Impulskontrolle, die Fähigkeit, sich zurückzuhalten, wenn es mehr Sinn macht, brauchen noch viele Jahre des inneren Heranreifens.
Kinder und auch Teenager lassen sich somit viel leichter von ihren momentanen Stimmungen und einzelnen Impulsen in ihrem Verhalten und für ihre Entscheidungen beeinflussen und auch leichter verunsichern.
Als Erwachsene können wir sie dabei unterstützen, die Vielfalt der einzelnen Bestandteile sichtbar zu machen und in ein Gesamtbild zu integrieren, indem wir ihnen Worte für das schenken, was in ihnen los ist, mit denen sie die einzelnen Stimmen und Stimmungen ins Bewusstsein rücken können, beispielsweise indem wir immer wieder mit ihnen gemeinsam:
– Sinneseindrücke bewusst machen (“huh, ist der Wind kalt?”, “fühl mal wie glatt der Stein sich anfasst!”)
– schwere Gefühle und Emotionen benennen (“das hat weh getan!” oder “fühlst du dich gerade zornig? Und mit etwas Abstand zur starken Emotion: Wo in deinem Körper kannst du so ein Wutgefühl besonders spüren?”)
– Zweifel, Ängste, Sorgen ansprechen (“fühlst du dich unsicher, ob du zu dem Geburtstagsfest gehen willst, weil du nicht alle Kinder kennst, die dabei sein werden?”)
– Freude und andere positive Emotionen aussprechen (“wow, das hat dir wirklich viel Spaß gemacht, stimmt’s?)
– wenn möglich offene Fragen benennen und gemeinsam entscheiden üben (“Was würde dafür sprechen heute die Regenjacke anzuziehen? Was würde dagegen sprechen?”)
Indem wir für die Kinder sichtbar machen, was im Moment oder zu einem bestimmten Thema alles in ihnen lebendig ist, helfen wir ihrem Gehirn, Komplexität bewusst zu erfahren, Vergnügen daran zu finden und die Vielfalt ihres eigenen Erlebens zu integrieren.
Wichtig ist dabei das Zwiegespräch: Als Erwachsene kann ich nur Vorschläge machen. Ebenso wichtig ist es, auf die Rückmeldungen und die eigenen Bilder und Worte des Kindes zu hören.


3. Überleben fürs Leben!
Kinder wie Erwachsene erleben im sozialen Kontakt immer mal wieder überlebensbedrohliche Angstzustände. Stress, Druck, Scham (von den Eltern oder von ihnen selbst) können dazu führen, dass ihr mittlerer Stirnlappen sich völlig verabschiedet, und stattdessen alle Energie und Entscheidungsmacht blitzschnell ins Stammhirn wandert – unsere Überlebenskampf-Zentrale.
Was von außen wie ein Wutanfall oder eiskalte Starre erscheinen mag, gleicht im inneren Erleben der Begegnung mit einer lebensbedrohlichen Gefahr:
Tunnelblick, Schweißausbrüche und kalte Schauer, Herzrasen, Verminderung des Hörvermögens oder Schwindelgefühle sind Anzeichen traumatischer Erlebnisse, die auch im ganz normalen Alltag über uns und unsere Kinder hereinbrechen können, wenn wir mit passenden Auslösern konfrontiert sind – hier genügt manchmal ein schlimmes Wort oder ein angstauslösender Gedanke über das was gerade passiert.
Mögliche Überlebens-Reaktionen sind entweder Kämpfen (Schreien, Schlagen, Treten, Sachen kaputt machen, sich auf den Boden werfen…), Flüchten (Wegrennen, Türen knallen, sich verstecken,…) oder Erstarren (wegschauen, sich einrollen, Stille, nicht mehr fühlbar sein,…).
Für uns Erwachsene wie auch für die Kinder gilt: Wer gerade ums Überleben kämpft, kann nicht “vernünftig” denken oder handeln.
Daniel Siegel & Tina Bryson beschreiben in ihrem Elternratgeber deshalb, wie wir zunächst langsam die Kinder aus diesem Zustand abholen können – indem wir ihnen zuerst Zeit für den authentischen Ausdruck der Emotionen geben, ohne ihn verstärken oder stoppen zu wollen (Zittern, Schwitzen, Weinen, vor allem mit Tränen, die viele der ausgeschütteten Hormone gleich ausscheiden).
Dann ist es hilfreich, sich körperlich zu bewegen (aufstehen, rennen, hüpfen, spazieren gehen,…). 
Erst danach, wenn das Kind sich wieder entspannt und merklich anwesend und ansprechbar ist, ist es hilfreich (und effektiv!), gemeinsam Worte zu finden, für das was dem Kind passiert ist und was daran so schlimm war.
Solange ein Kind (oder Erwachsener) in seiner Überlebensreaktion gefangen ist, helfen wir am meisten, indem wir denjenigen vor sich selbst schützen und auch Schaden in der Umgebung verhindern. Das kann beispielsweise bedeuten, ein im Streit schreiendes, schlagendes Kind sofort aus dem Zimmer rauszuholen (aber unbedingt bei ihm zu bleiben, um die Angstreaktion nicht noch zu verstärken).
Erst danach, wenn das eigene Erleben soweit integriert ist, die Ruhe und der Frieden wieder hergestellt sind, ist der Boden bereitet, um die Konsequenzen des Verhaltens anzusprechen, beispielsweise ob es angebracht ist, sich zu entschuldigen oder Wiedergutmachung für im Streit Gesagtes oder Getanes zu überlegen.
Anmerkung: Auch als Eltern geraten wir manchmal in die Überlebensreaktion. Für diesen Fall empfehlen Siegel & Bryson beispielsweise den Raum zu verlassen und Hampelmänner zu machen, um selbst wieder runterzukommen, bevor wir ein sinnloses Gewitter über unsere Familie hereinbrechen lassen. 


4. Mit Liebe antworten!
Von glücklichen Paarbeziehungen wissen wir, dass wir positive Erfahrungen mit jemand anders erst ab einem Verhältnis von fünf angenehmen Erlebnissen für jedes negative Erlebnis als ausgewogen wahrnehmen können. In als glücklich erlebten Partnerschaften kommen auf jede als negativ empfundene Interaktion sogar 20 positive Momente!
Als Eltern fühlen wir uns oft in der Pflicht, den Kindern gegenüber Ungeliebtes (wie Verbote) auszusprechen oder soziale Normen durchzusetzen.
Wie können wir dennoch so viele positive Interaktionen fördern, dass sie 20mal mehr sein können, also die vom Kind als negativ empfundenen?
Jon Young brachte vor einigen Jahren von den Buschleuten die Geschichte mit, dass dort jede Form der Disziplinierung den Onkels und Tanten überlassen wird, und die Eltern einzig und allein zum lieb haben da seien. Das wäre hier bei uns im Westen eher schwierig umzusetzen – trotzdem können wir die Betonung auf das Nährende legen!
Der Beziehungsforscher John Gottman beschreibt, dass jede zwischenmenschliche Interaktion eine “emotionale Bitte” enthält, die verstanden und beantwortet werden will. Jeder Blick, jede Geste, jeder gesprochene Satz, jedes “Mama guck mal” oder “Papa mein Turm ist schon sooo groß” enthält zwischen den Zeilen eine Bitte um Liebe und Zuwendung. Bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen.
Jede abgewiesene ignorierte Bitte kreiert einen kleinen schmerzvollen Moment für das Kind. Wenn sie sich häufen, stauen sich Trauer und Enttäuschung an, die sich manchmal Stunden oder Tage später in Aggressionen oder Wutausbrüchen entladen, oft ausgelöst von Kleinigkeiten. Diese Dynamik hat Gottmann in Partnerschaften dokumentiert – und fast noch häufiger finden wir sie in den Interaktionen viel beschäftigter Eltern (wie mir selber!) und ihrer Kinder.
Ein Wahrnehmen und zugewandtes Beantworten der vielen emotionalen Bitten schafft deshalb in hundert kleinen Momenten im Alltag eine Basis für eine gesunde und glückliche Eltern-Kind-Beziehung. Manchmal genügt dafür ein Augenkontakt, es kann auch ein kurzes liebes Wort sein, eine Bestätigung, eine Rückfrage, ein Mitmachen, Anschauen, Umarmen, liebevolles Necken….
Was sind die Signale, die dein Kind als besonders liebe-voll versteht und gern annimmt?



Zusammenfassung



Dies sind die 4 Geborgenheits-Geschenke für die Kinder in unserer Mitte:
1. Hinschauen, erspüren und spiegeln!
Innehalten, sie anschauen, mit dem Herzen erfühlen, wie es ihnen geht, es ihnen in Mimik, Gestik und/oder Worten wiederspiegeln, damit sie fühlen, dass sie gefühlt werden! 


2. Innere Vielfalt feiern und integrieren!
Stimmungen, Emotionen und Gedanken der Kinder Worte schenken, sie mit Fragen zur Wahrnehmung inspirieren, und ihnen helfen die Vielfalt ihrer inneren Anteile bewusst zu erleben – damit sie ihren inneren Beobachter stärken und ihr mittlerer Stirnlappen mit der Zeit zu einer wunderbaren Integrationszentrale heranreifen kann


3. Überleben fürs Leben!
Überlebensreaktionen in mir selbst und meinem Kind erkennen, dann Gefühlsausdruck zulassen, dann Bewegung ermöglichen, dann integrierende Fragen stellen und gemeinsam Worte finden für das eigene Erleben finden. Erst nach Erreichen eines ruhigen, integrierten Gemütszustands die Aufmerksamkeit auf Konsequenzen und was nun gebraucht ist lenken.


4. Mit Liebe antworten!
Emotionale Bitten wahrnehmen und mit Zugewandtheit beantworten, für 20:1 positive Beziehungserfahrungen.
Das Geschenk immer wieder annehmen
Jedes Kind wird geboren mit einer einzigartigen, ganz bestimmten Gabe, die für die Familie und den Ort an dem es geboren wird essentiell gebraucht sind.
Was sind die Gaben deiner Kinder? Was könnte ihre ganz eigene Medizin sein, die sie für dich und die anderen Bezugspersonen mitgebracht haben?
Alle Kinder bringen immer die Gabe mit, uns mit der Zukunft zu verbinden. In ihnen lebt das fort, was wir in die Welt bringen, nicht nur die großen Leistungen, sondern all das was wir Tag für Tag von uns verschenken. Bei den Dagara tragen sie außerdem Botschaften aus der Geistwelt, der Ahnenwelt mit sich, mit der sie noch viel intensiver verbunden sind, als wir Erwachsenen.
Ich glaube, dass die Ehrfurcht und der tiefe Respekt mit dem die Dagara in Burkina Faso und viele andere naturverbundene Kulturen den “kleinen Leuten” begegnen,  auch in unserem Kulturkreis zuhause sind. Denn auch unser Wort “Enkel” stammt von dem althochdeutschen Wort eninchili ab, was “kleiner Ahn” bedeutet.


Ich freue mich darauf, dieses große Geschenk des Lebens, Kinder in unserer Mitte haben zu dürfen, immer wieder gemeinsam mit euch zu feiern, zum Beispiel auch bei unserm Ritualworkshop vom 5.-08. Juli “In unserer Mitte – was die Kinder von uns brauchen”, im wunderschönen Bodenseekreis.
Und freue mich auch besonders, wenn ihr euren Freunden und Bekannten von dem Workshop weitererzählt, so dass wir dabei gemeinsam an einem Großfamilien-Netzwerk für eure Kinder basteln können 🙂

… von Viktoria Zimmer und Julia Talk

Dieser Artikel wurde im Herbst 2017 im Amitiés-Magazin des  Service Civil International (SCI) – Deutscher Zweig e.V. veröffentlicht.

Wie können wir – individuell und kollektiv – Zukunft gestalten?

Die massiven negativen Auswirkungen des Klimawandels schüren Machtkonflikte über knapper werdende Ressourcen. Somit ist der Klimaschutz ein zentraler Bestandteil der Arbeit des deutschen SCI-Zweiges, der als Friedensorganisation für soziale  Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit einsteht.
Um Teilnehmende internationaler Workcamps stärker für umweltbewusstes Handeln zu sensibilisieren, hat die Klima-AG die Idee der Climate Messenger initiiert – dies sind Menschen, die ein bis zwei Tage in ein Workcamp kommen, um einen Study Part bzw. Workshop zu einem klimarelevanten Thema durchzuführen. Dazugehören beispielsweise Klimagerechtigkeit, fossile Rohstoffe und erneuerbare Energien, Mobilität und klimafreundliches Reisen, Boden, Transition Towns, Permakultur oder Naturerfahrung.
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Gerade wenn über Klimawandel und Umweltprobleme berichtet wird, entsteht häufig der Eindruck, menschliches Umwelthandeln sei grundsätzlich zerstörerisch. Diesem Glaubenssatz liegt ein Weltbild der Separation von Mensch und Natur zugrunde, dem jedoch zahlreiche aktuelle Forschungserkenntnisse widersprechen, welche belegen, dass es weltweit nachhaltig wirtschaftende Kulturen gab und gibt – der Mensch kann somit auch über lange Zeiträume sogar regenerativ und die Biodiversität fördernd mit seiner Mit-Welt interagieren.
Wir gehen davon aus, dass für Menschen ein persönliches Erleben der Natur ein Schlüssel zu umweltbewusstem Handeln ist. Deshalb haben wir den Fokus in unserem Workshop auf der Königsfarm auf Naturerfahrung gelegt. Wenn ich mich selbst (wieder) als Teil der Natur erlebe, eine emotionale Bindung zur Natur aufbaue und zudem die zwischenmenschliche Verbundenheit mit den anderen Teilnehmenden gestärkt wird (sodass ich mich besonders wohl und geborgen fühle), kann ich leichter zu proaktivem Handeln inspiriert werden, das allen Lebewesen dient.
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Dadurch, dass ich meine Wahrnehmung Stück für Stück erweitere und in Kontakt mit meiner Mit-Welt gehe, öffne ich mich, sodass ich den Schmerz um die Zerstörung unserer Erde wahrnehmen kann und mein Schutzbedürfnis für die Natur wächst. Gleichzeitig habe ich die Möglichkeit, mich selbst als Teil eines sich ständig weiter entwickelnden Lebensnetzes zu erfahren und dadurch Dankbarkeit, Wertschätzung und Ehrfurcht vor dem Leben zu spüren. Ich lerne darüber, wer ich selbst in dem großen Ganzen sein kann und welchen besonderen Beitrag ich ganz persönlich zu einem friedlichen, nachhaltigen Miteinander leisten kann. Somit setzte unser Workshop, in dem wir eine von dem deutschen Bildungsunternehmen circlewise entwickelte und praktizierte Pädagogik nutzten und mit Methoden der Tiefenökologie nach Joanna Macy kombinierten, bei tiefer liegenden Ursachen an. Es wurden nicht nur die Symptome einer konsum- und wachstumsorientierten Lebens- und Wirtschaftsweise/-philosophie angesprochen, sondern die Perspektive hin zu einer naturverbundenen, friedvollen und lebensfördernden Kulturentwicklung eröffnet.

Durch den Workshop angeregt erzählte eine Teilnehmerin aus Spanien von einem erfolgreichen Klimaschutzprojekt, welches sie in ihrer Schule initiiert hatte. Dieses Beispiel gab anderen Teilnehmenden Hoffnung und inspirierte sie dazu, eigene kleine (Alltags-)Handlungsmöglichkeiten zu entdecken.
You can’t save the land apart from the people, to save either you must save both.

Wendell Berry

Wenn du Lust bekommen hast selbst aktiv zu werden, sei herzlich willkommen bei unserem Jurtenbau-Workcamp im Juli 2018. Mehr Informationen dazu findest du hier
Oder vielleicht hast du Lust, selbst ein Workcamp zu leiten? Der SCI bietet dazu jedes Jahr mehrere Vorbereitungsseminare an und freut sich immer über Menschen, die gerne mit dabei sein möchten. Alle Informationen findest du hier.

Der Februar ist die Zeit der Vorstellungskraft. Vor dem Hintergrund der noch kahlen, vom langen Winter erschöpften Landschaft voller Weiß und Grau leuchten die zartesten Grün- und Rottöne köstlich hervor. Die meisten Pflanzen verbergen ihre neu erwachende Lebenskraft noch geschützt vor der Kälte im Schoß der Erde oder unter den erst ganz allmählich anschwellenden Knospenschuppen an den ansonsten noch unscheinbaren dürren Trieben. Und die frühesten Frühlingsboten, die feingliedrigen Schneeglöckchen, verstecken sich ganz nah am Erdboden, zwischen zerfallendem braunen Laub.

Die Leere nimmt sich den meisten Raum in dieser Jahreszeit, wo das Alte vorbei ist und das Neue immer noch nicht angefangen hat. Dies ist von allen Monaten die Jahreszeit, wo die meisten Seelen unsere Welt wieder verlassen, nicht in eine neues Lebensjahr aufbrechen, sondern umziehen ins Land der Ahnen. Umso schmerzlicher erleben die die hier das irdische Leben weiterleben den Verlust der Geliebten, in dieser scheinbar so leeren, kalten Zeit.

Für uns, die hier bleiben, stellen sich Fragen: Was wird dieses neue Jahr bringen? Was wollen wir erschaffen? Wie wollen wir das Leben gestalten?

Der Februar lädt uns ein, zu lauschen, und im weiten leeren Raum zu spüren, zu sehen oder zu hören, was möglich ist. Die Visionen für das neue Jahr zeigen sich wie Träume, manchmal eindrucksvoll und klar, manchmal flüchtig und zart, und wollen gern berührt und festgehalten werden, denn wie Träume die nicht erzählt werden, verblassen sie schnell, besonders wenn im März das volle Leben im Außen wieder losgeht und der stille, leere Raum von Geschäftigkeit erfüllt wird.

Der Februar ist von allen Jahreszeiten die Zeit, wo wir Vision am leichtesten und deutlichsten empfangen können und unsere Vorstellungskraft für all das Gute was sein kann, wie einen Muskel am stärksten trainieren und wachsen lassen können.

Was ist dein Bild von einem guten Leben als Menschen auf der Erde? Wie hört es sich für dich an? Wie fühlst und empfindest du es? Was genau siehst du vor deinem inneren Auge, wenn alles was gut und heilsam wäre möglich sein könnte? 

Diese Bilder sind lebenswichtig, nicht nur für dich persönlich, sondern für die Menschheit als Ganzes.

Der US-amerikanische Mythenforscher Michael Meade schreibt über die Bedeutung der menschlichen Vorstellungskraft für unser Weiterleben als Spezies auf der Erde:

“Leben in unserer Zeit heute bedeutet, sich inmitten eines Mythos zu befinden. Wir stehen vor all den massiven Problemen und unmöglich zu lösenden Aufgaben, unter denen unsere moderne Welt gegenwärtig leidet. Es ist eine außergewöhnliche Zeit, in der sowohl die Natur als auch die Kultur alles an Heilung und schöpferischer Fürsorge gebrauchen können, derer wir als Menschen fähig sind. 
Immer stärker scheint es, dass uns die Zeit wegläuft, und dass was auch immer noch möglich ist, unverzüglich geschehen muss. Das Bedürfnis danach, dass sich jemand der drängenden Herausforderungen wahrhaftig annimmt, und eine große Dringlichkeit und Eile sind zu spüren, damit alles was noch zu tun bleibt, jetzt wirklich sofort getan wird. 
Die alten Mythen jedoch ermöglichen uns eine andere Sichtweise auf unsere Situation. Wenn die Zeit uns wegläuft und niemand mehr Zeit finden kann, dann ist es eben nicht einfach Zeit die fehlt, sondern der Kontakt mit der Ewigkeit. 
Wie alles andere auch, entspringt die Zeit in der Ewigkeit. Und wenn wir sie nicht mehr finden können, ist die Ewigkeit der richtige Ort, um nach ihr zu suchen. Das “Ende der Zeit” führt uns zurück zu den Wurzeln der Ewigkeit, wo wir auch die niemals versiegende Quelle wahrhaftiger Inspiration, großartiger Ideen und bedeutsamer Visionen finden. 
Leben in unserer Zeit heute bedeutet, inmitten eines gewaltigen Auflösungsprozesses gefangen zu sein, in dem wir uns Seite an Seite mit vielen anderen losen Fäden der Schöpfung wiederfinden. Es bedeutet gleichzeitig auch, dass wir ganz nahe daran sind, eine neue Gestalt und eine erneuerte Art und Weise auf die Welt zu schauen zu erfahren.
Die alten Weisen sagen, dass die Höhle des Wissens in den Tiefen der menschlichen Seele gefunden werden kann, dass jede Seele durchwirkt mit inneren Qualitäten ist, deren Bestimmung es ist, in die Welt hineingewebt und ein Teil des Schöpfungsgewands zu werden. Sie sagen, dass die Gaben jeder Seele gerade im Wiederkehren der dunklen Zeiten wichtiger werden. 
So seltsam es erscheinen mag, bildet doch das Bewusstsein des einzelnen Menschen ein Zugewicht auf der Waage von Zeit und Ewigkeit. Die im eigenen Leben versteckten Bedeutungen auszuleben hilft, das Gewicht der Welt im Gleichgewicht zu halten. Jedes Leben ist dabei um einen unsichtbaren, ewigen Faden gewickelt, und jeder Lebensfaden ist eine bedeutsame Geschichte, die aus den Mauern der Zeit ausbrechen will, um der Schöpfung zu helfen. Die Seele ist letztendlich der Sitz der Vorstellungskraft, der Raum in dem unser uraltes Erbe der archetypischen Formen und der Ressourcen unserer Ahnen lebendig sind. 
Vorstellungskraft ist für uns ein essentielles Lebensorgan, und beständig denken wir uns die Welt neu und nehmen beständig teil in ihrer Erschaffung, ihrer Zerstörung und ihrer Erneuerung. 
Wenn es scheint, dass das Ende der Zeit naht, sind es die zeitlosen Dinge, die greifbar werden, und bereit dafür sind, die Welt Moment für Moment neu zu erschaffen. Hinter allem Aufruhr und aller Verwirrung dieser Welt, warten die Vorstellungskraft und der lebendige Geist des Ewigen in der Anderswelt darauf, wieder gefunden zu werden. “

aus Michael Meade, “Why the World Doesn’t End”

Der Februar schenkt die Leere, die es braucht, wieder in Verbindung mit unserer Vorstellungskraft zu kommen – damit das Leben weitergehen kann.
 

27021438_1287327271402763_8709853789728793126_oIm November 2017 war ich für 3,5 Wochen in Namibia, zusammen mit Judith Wilhelm und Myriam Kentrup von der Wildnisschule Wildeshausen, Paul Wernicke von der Wildnisschule Hoher Fläming, Tim Taeger von Jagwina und einigen anderen Menschen aus sechs weiteren Ländern, begleitet von Caspar Brown von der Wandering Wild School, Lynx Vilden, und Werner Pfeifer von der Living Culture Foundation.

Die Fotos lassen sich durch Anklicken vergrößern.

„Unser Leben früher war wunderbar, doch wir können und wollen die Vergangenheit nicht zurückholen. Einiges aus der modernen Welt gefällt uns, und wir möchten dies zu einem Teil in unserem Leben machen. Aber wir wollen dabei auch unsere eigene Kultur bewahren und lebendig erhalten.“

Frauen der Ju/hoansi, der „ersten Menschen“, im Little Hunters Village

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Bis in die 80er Jahre sind die Menschen des „Little Hunters Village“ noch nomadisch als Jäger und Sammler durch die Kalahari gezogen. Heute leben sie in einem Dorf aus kleinen Zelten und Hütten neben einer solarbetriebenen Wasserpumpe in der Nähe von Tsumkwe, Namibia. Sie sind die einzige Gruppe von Buschleuten in Namibia, die noch jagen dürfen. Zu verdanken ist dies vor allem der Vision und Tatkraft von Werner Pfeifer und der von ihm begründeten Living Culture Foundation.
IMG_1464Die deutsch-namibianische Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, traditionelle Gemeinschaften darin zu unterstützen, „Lebendige Museen“ zu gründen, in denen die Dorfgemeinschaft vollkommen selbstverwaltet ihren Lebensunterhalt damit verdienen kann, Touristen einen Einblick in ihre Kultur und in die Lebensweise ihrer Vorfahren zu geben. Damit wird dem in Afrika wie auch dem Rest der Welt so erstickenden Trend entgegengewirkt, dass gerade die Jüngeren Menschen angesichts des umfassenden Raubbaus an den Lebensgrundlagen ihres Volkes und der äußeren Zwänge, die ehemals nomadisch lebenden Kulturen auferlegt sind, und der damit verbundenenen Aussichtslosigkeit ihrer Lebenssituation, umso mehr alles Traditionelle mit Verachtung fortwerfen, in die Städte abwandern und sich in ein entwurzeltes Dasein stürzen. Statt wegzuziehen und schlecht bezahlte Jobs anzunehmen oder von Regierungsmitteln abhängig zu sein, und in Slums ärmlich dahin zu vegetieren, können die Menschen in den Lebendigen Museen jeden Tag erfahren, wie wertvoll das hoch entwickelte traditionelle Wissen ihrer eigenen Kultur auch heute noch ist. Viele junge Leute im Little Hunters Village wollen gern vor Ort im Kreis der gesunden und blühenden Gemeinschaft bleiben und selbst noch bessere Fährtenleser, Jäger, Kräuterkundige und MeisterInnen ihres Handwerks werden.
IMG_1490Das Little Hunters Village ist dabei keineswegs ein entlegener Ort, auf den noch nie ein westlicher Mensch vorher einen Fuß gesetzt hat. Die Menschen im Dorf haben Mobiltelefone, sie führen gemeinsam ein erfolgreiches Unternehmen, mit dem sie ein vergleichsweise gutes Einkommen erwirtschaften, einige von ihnen waren schon mehrere Male in Europa beispielsweise bei Spurenleser-Konferenzen und sie werden in ihrem Alltag von Touristen besucht, denen sie ihre traditionelle Lebensweise vorführen und erlebbar machen.
DSC_2395Und doch scheinen sie im Vergleich zu vielen anderen traditionellen Gemeinschaften in Afrika nicht mehr Opfer der sich ausbreitenden Zivilisation zu sein, sondern einen Weg gefunden zu haben, die Veränderungen so zu navigieren, dass sie trotz aller Verluste gesund und glücklich leben können und die Gemeinschaft innerhalb ihres Dorfes erhalten bleibt.
Mit großer Klarheit und Bewusstheit sprechen die Ju/hoansi hier über ihre Kultur, die sie bewahren und lebendig halten wollen. Auf unsere Frage danach, was sie als Herz ihrer Kultur ansehen, welches die Elemente sind, die sie weiterhin lebendig erhalten wollen, sind sie sich schnell einig: “Das Jagen und das Sammeln, die Heilungstänze und die Art und Weise wie wir unsere Kinder ins Leben begleiten.”

Traditionelles Handwerk

IMG_1369Schon vor 2000 Jahren haben die Buschleute begonnen, selber Eisen zu verhütten, das an vielen Orten der Kalahari auch an der Erdoberfläche zu finden ist. Seitdem stellen sie Pfeilspitzen, Messer und ein von den Bantu übernommenes Allzweckwerkzeug her, das Chop-Chop. Die Schmiedearbeit braucht heutzutage nur ein ganz normales kleines Feuer, einen im Sand mehr oder weniger festen Amboss (beispielsweise aus einem Stück Eisenbahnschiene), einen dicken kurzen Hammer und als Rohstoffe rostige Nägel, Bolzen oder Stücke von den Metallverstrebungen für Betonkonstruktionen.
IMG_1368 KopieDie traditionelle Kleidung ist aus gegerbtem Leder. Dabei wird die Tierhaut am Boden aufgespannt, dann trocken von beiden Seiten geschabt und mit einer zu Brei gehauenen dicken Zwiebel eingestrichen. Nach etwa zwei Stunden Einwirkzeit kann sie nun beim Trocknen weich gezogen werden.
Grabstöcke sind wichtige Alltagswerkzeuge, deren gegabelte Enden dabei helfen, sich einen Weg durch dorniges Gestrüpp zu bahnen, und deren schwertartig zugespitzte und über dem Feuer gehärtete Enden ermöglichen, auch Wurzeln und Knollen auszugraben, die einen halben Meter oder noch tiefer im Boden versteckt sind.
IMG_1321Viele der alten Fertigkeiten sind erst in den letzten Jahren wiederbelebt worden, seit es das Living Museum ermöglicht, damit einen Lebensunterhalt zu verdienen. Während unserer Reise nutzen die Ju/hoansi die seltene Gelegenheit, zusammen mit Besuchern so viele Tage Zeit für die einzelnen Arbeiten zu haben, um auch voneinander mehr zu lernen und sich im Schmieden, Gerben und Holzwerkzeuge herstellen zu üben. Einige jüngere Leute probieren dabei einige der Techniken zum allerersten Mal aus.

Fährtenlesen und Jagen

IMG_1482Gemeinsam mit einigen Jägern und „Meister-Trackern“ gehen wir immer wieder auf Spurensuche. Meistens führen sie uns mit Fragen dahin, zu entschlüsseln, was passiert sein könnte, wer hier lang gelaufen ist, in welcher Richtung, wann und in welcher Stimmung? Einmal entdecke ich einen unscheinbaren feuchten Fleck im Sand, etwa sieben Zentimeter lang, inmitten von einer Vielzahl von Paarhufer-Trittsiegeln. Mit einem kurzen Blick darauf erkennt !Oma, wie hier ein Gnu-Weibchen gelagert und wie sie ihr Kalb geboren hat, in der Nacht zuvor. Mit Händen und Füßen beschreibt er die Geschehnisse, die er anhand der Spuren ganz klar vor seinem inneren Auge sehen kann.

Nahrung sammeln

IMG_1414 KopieDie Kalahari besteht vor allem aus trockener Savanne mit sandigen Böden, die kaum Wasser an der Erdoberfläche zu halten vermögen. Die unwirtliche Landschaft blieb lange Zeit verschont von der Zivilisation, weil sie für Viehhirten und Ackerbauern nicht besiedelbar war. So konnten die Buschleute, die in der Lage waren, das in der Landschaft in Knollen, Wurzeln oder Baumstämmen versteckte Wasser zu nutzen, hier viele Jahrhunderte trotz der Kolonialisierung relativ geschützt überleben.
DSC_2106Die Wasserwurzel beispielsweise ist saftig und süß, wie ein Obst, das unter der Erde wächst. Zu Beginn der Regenzeit, wo mit dem Wasser auch das Leben in die Landschaft zurückkehrt, finden wir bei unseren Sammel-Ausflügen voller Lachen und Gesang gemeinsam mit den Frauen und Kindern des Dorfes zudem harte süße Beeren, säuerliche rote pflaumenartige Früchte, viele essbare Kräuter, stachlige Gurken, allerlei Pflanzen mit Heilwirkungen und Wurzelknollen zur Herstellung eines roten Farbstoffes.
Heute, im Zeitalter solarbetriebener Wasserpumpen, ist die Heimat der Buschleute stark dezimiert und ein nomadisches Umherziehen ist nicht mehr möglich. Viel zu viele Flächen der Kalahari sind als Rinder- oder Wildtier-Weiden umzäunt, oder werden als Schutzgebiete für die Großwild-Jagdabenteuer von Trophäen-Jägern aus dem Ausland genutzt, die zig tausende von Euros für einen Elefanten oder eine Raubkatze bezahlen.
IMG_1409Die Jagd auf die Elefanten hat die einstmals friedlichen Riesen in gefährliche Tiere verwandelt. Meist werden die Ältesten einer Herde geschossen, weil sie die größten Stoßzähne haben, und zurück bleiben verunsicherte Gruppen halbwüchsiger Elefanten, die gereizt und aggressiv auf die Nähe von Menschen reagieren.

Friedvolles Miteinander

IMG_1256Einfach zusammen sein, die Frauen neben den Frauen, die Männer neben den Männern, dazwischen die Kinder wo auch immer sie wollen, über Gesten und Blicke die Verbindung haltend, aufmerksam wahrnehmend, was rundum vor sich geht und dabei gelegentlich Scherze machen und in Gelächter gleiten, oder spontan zum Singen, Tanzen oder Spielen aufspringen…. so habe ich die Ju/hoansi vor allem erlebt. Der Umgang miteinander wirkt auf mich sanft, entspannt und gelassen und vor allem humorvoll. Wenn jemand von uns an die Gruppe eine Frage stellt, reden auf einmal lauthals alle durcheinander, unterbrochen von Gelächter. Der Dolmetscher hört zu und verkündet irgendwann: „Wir sehen das soundso…“, und dazu nicken alle feste, sind sich einig.
IMG_1459 2Das „wir“ ist allgegenwärtig. In einem Morgenkreis ist klar: Manche von uns Besuchern schaffen es kaum, ihre Handwerksarbeiten rechtzeitig zu beenden. Als ich völlig ermattet von der Aussicht auf mehr anstrengendes Schmieden zu unserem Feuer zurückkomme, resigniert neben Damh dem Meisterschmied zu Boden sinke, weil auch meine Chop-Chop-Klinge einfach nicht breiter werden will, egal wie viel ich mit Armen wie Pudding auf ihr rumhämmere, schaut er mich entschlossen an und sagt: „WIR werden alle Werkzeuge rechtzeitig fertig stellen, weil WIR nämlich stark sind.
IMG_1501Entscheidungen werden von allen im Dorf gemeinsam getroffen. Niemand wird ausgegrenzt oder zu irgendetwas gezwungen. Wenn die jungen Mädchen kein Menarche-Ritual mehr machen wollen, weil sie lieber modern sein möchten, dann sorgt das für viel Besorgnis und Gespräche darüber – Zwang gibt es jedoch nicht.
Wenn Mann und Frau sich nicht einig darüber sind, in welchem Dorf sie leben wollen? „DANN brauchen sie es, miteinander zu reden!“ Und auch Schwestern, Brüder, Tanten, Onkel und vor allem die Ältesten reden in so einem Fall mit, unterstützen, vermitteln, helfen, eine gemeinsame Lösung zu finden.

Mit den Kindern

IMG_1377Morgens beim Spazierengehen treffe ich Kinder, immer in kleinen Grüppchen. Sie lachen, wenn ich ihnen Spuren zeige und ratlos die Hände in die Luft strecke. Dann erklären sie mir alles geduldig in Ju/hoansi Sprache und finden es noch lustiger, wenn ich probiere ihre Klick-Worte nachzusprechen. Alle Pflanzen scheinen die 6-8jährigen schon sicher zu kennen, und die Spuren jedes Säugetiers. Die etwas älteren Jungen jagen oft schon selber Eidechsen oder Wachteln mit einer Steinschleuder.
Im Lager spielen die Kinder oft miteinander Kreisspiele und beweisen unglaubliche Geschicklichkeit mit Kürbis-Kugeln, und schnelle Reaktionskraft. Sie lieben es, wenn wir Besucher ihnen Lieder, Tänze oder Spiele beibringen, merken sich alles sofort und probieren es uns immer wieder zu entlocken, indem sie die Melodien selber anstimmen und uns zum Mitmachen auffordern.
27023380_1287305274738296_6449909772532425954_oEine Künstlerin aus New York hat eine Löwenmaske mitgebracht, die immer wieder von einem Kinderkopf zum andern wandert und vor Vergnügen quietschende Antilopen jagt. Werner hat viele Pfeile und Bögen dabei, mit denen vor allem die Jungen stundenlang auf einen Springbock aus Stroh schießen.
Viele ältere Mädchen kümmern sich liebevoll um kleinere Kinder, tragen sie herum und versorgen sie. Obwohl jedes Mädchen („natürlich“ sagen sie!) die Freiheit hätte, auch das Jagen zu erlernen, sei das einfach so noch nicht vorgekommen. Die Frauen reagieren mit Staunen und Begeisterung, als Lynx Vilden erzählt, dass sie früher lieber ein Junge sein wollte und selbst zuhause Jägerin ist, und /Noshae erzählt darauf lachend, dass auch sie als Kind ein sehr wildes Mädchen war.
IMG_1508Kampfspiele werden überhaupt nicht gespielt. Wenn die Erwachsenen die Kinder beim Kämpfen erleben, werden sie sofort daran erinnert, nicht zu streiten, nicht zu kämpfen, weil dies wichtig dafür sei, den Frieden für alle in der Gemeinschaft zu wahren.
Die kleinen Kinder werden in Tüchern herumgetragen und klettern und kuscheln unermüdlich vor allem mit den Frauen und Mädchen, aber auch mit den Männern. Weinen wird als ganz natürlich angesehen und die Erwachsenen begegnen Tränen und Geschrei mit sanftem, unaufdringlichem Trösten.

Lernen durch Beobachtung

Lernen durch Beobachtung

Gelehrt wird vor allem durchs Vormachen. Einmal hilft mir Dahm der Älteste beim Aufspannen meines Impala-Fells, während zwei etwa sechsjährige Jungs mit wachsendem Interesse zuschauen. Kurz vorm Abschluss fragt er sie kurz etwas, erklärt dann noch zwei Sätze, und geht einfach ganz woanders hin, lässt sie die Arbeit komplett alleine zuende bringen. Es brauchte eine Weile, bis sie die Technik so richtig raus haben, dabei beratschlagen sie miteinander, sind vorsichtig mit dem Holz”hammer”, der auch schon mal auf dem Daumen landet, und probieren behutsam so lange herum, bis alles gut klappt.
Die Frauen der Ju/hoansi erzählen uns, dass die Kinder das Wichtigste schon lernen müssen, bevor sie in die Schule gehen, damit sie die alten Weisen weiterführen und praktizieren. Würden sie zulange warten, führe das dazu, dass die Kinder „nur noch spielen wollen“, wenn sie nachmittags nach Hause kommen. Schafften sie es aber, die Kinder schon vor der Schule gut auf den Weg zu bringen, gelänge es auch, dass die Kinder das moderne Leben und die eigene Kultur miteinander integrieren können.

Spielen

26840855_1287556744713149_4715343524628780931_oVor allem die Frauen und die Kinder lieben es, mit uns zu spielen, ab und zu auch die Männer. Kreisspiele mit komplizierten Regeln, wo es um Geschicklichkeit und Humor geht, sind besonders beliebt. Oft spielen die Erwachsenen unter sich, die Kinder dürfen es ihnen dann später nachmachen. Bei einem Spiel verhakelt man im Kreis ein Bein mit dem Bein eines Nachbarn und so hüpfen alle herum, bis sie umpurzeln. Ein anderes Spiel singt vom Großvater der mit Fleisch nach Hause kommt und es nicht mit den Kindern und Frauen teilen will. Er probiert, sich aus dem Kreis zu verdrücken, wird aber von den schnell an allen Seiten heruntergezogenen Armen aufgehalten – bis er doch den Ausbruch schafft.

Mann und Frau

IMG_1451Die Ju/hoansi heiraten früh und führen in der Regel Ehen mit nur einem Partner. Die meisten Kinder werden erst geboren, wenn die Frauen so um die 20 Jahre alt sind. Kleinfamilien teilen sich eine Hütte oder ein Zelt. Tagsüber und an den Abenden sitzen meistens die Frauen zusammen und die Männer zusammen, oft räumlich nah beieinander. Körperliche Intimität zwischen Partnern wird nicht öffentlich gezeigt, auch Umarmungen oder Küssen kann man nicht beobachten. Viele Paare haben fünf bis sechs Kinder, für die beide Eltern verantwortlich bleiben und sorgen müssen, auch wenn sich ein Paar trennen sollte.

Heilungs-Tanz

Im Dorf der Ju/hoansi wird der traditionelle Heilungstanz getanzt. Dabei nutzt der Heiler die göttliche Energie, das /nom, das im Körper unter Schütteln, Schwitzen und Tönen erweckt wird und dann über Berührung weitergegeben wird, um als Medizin zu wirken. Während des Tanzes können die Heiler in Visionen wichtige Botschaften für die Gemeinschaft und für einzelne Leute erhalten.
IMG_1798Der Tanz kann nur gemeinsam durchgeführt werden und das Singen und Klatschen der Dörfler, vor allem der Frauen, ist genauso wichtig wie die Rolle der Heiler selbst. Während die Klicksprachen der einzelnen Buschleute-Völker im südlichen Afrika trotz ihrer gemeinsamen Wurzeln sehr unterschiedlich sind, so dass die Menschen Dolmetscher bräuchten, um sich zu unterhalten, sind viele Lieder und Tänze sich immer noch erstaunlich ähnlich. So kann davon ausgegangen werden, dass sie wirklich seit einer unglaublich langen Zeit fast unverändert von Generation zu Generation weitergegeben wurden.

Die Natur

IMG_1462Es ist schwer zu beschreiben, wie aufregend es ist, in der offenen und verlockenden Landschaft der Savanne unterwegs zu sein, wo die Neugier, was hinter dem nächsten Baum oder Busch warten könnte, uns immer weiter und weiter lockt. Wie es sich anfühlt, eine frische Leopardenspur zu erahnen oder ungläubig auf die rehförmigen, aber gewaltig großen Trittsiegel einer Giraffe zu starren. Wie das Herz kurz aussetzt, wenn wir eine der tötlichsten Schlangen, die schwarze Mamba, noch gerade wegzischen sehen oder beim Morgenspaziergang das löwengebrüllartige Posaunen eines Elefanten hören. Wie es ist, von panischen Schreien im Nebenzelt aufgeschreckt zu werden, wo eine riesige giftige Spinne gerade zum Sprung ins Gesicht angesetzt hat, oder zu spüren, wie der Mund einfach offen stehen bleibt, nachdem eine Herde Berberaffen vorbei gerannt ist – als könnten sie alle miteinander nur der Fantasie entsprungen sein.
DSC_0525In der Kalahari ist alles voller Dornen, viele Singvögel sind bunt und prachtvoll, es ist gefährlich, nachts ohne Taschenlampe spazieren zu gehen, und wie genau die Erdlöcher der Skorpione aussehen ist eine wichtige Information gleich beim Ankommen.
Der feine Sand ist innerhalb von wenigen Tagen überall, überall, und wird in der Sonne mittags so heiß, dass dünne Gummisohlen kaum ausreichen, sich nicht die Füße zu verbrennen und die Solargeneratoren vorm Wegschmelzen geschützt werden müssen. Dann ist es wunderbar, einfach nur in der Hängematte zu liegen und die Hitze zu genießen.
IMG_1345Am meisten berührt hat mich ein uralter Baobab-Baum mit vielen meterdicken Stämmen, die teils aufrecht wachsen und teils wie ein gewaltige Lindwurm-Leib über die Erde kriechen. Vielleicht ist dieses wunderbare Baumwesen das Herz des Universums – so hat es sich zumindest angefühlt als wir im kupfernen Licht des Sonnenuntergang zu ihm gelangten, umkränzt von einem doppelten Regenbogen, wie ein Willkommens-Gruß um noch viel tiefer zu landen in dieser wunderschönen Landschaft, und uns auf ihre Geheimnisse einzulassen, hier in dem Land, wo unser aller Ahnen vor unfassbar langer Zeit zu Menschen geworden sind.
Für die Bilder geht Dank an Werner Pfeifer, Judith Wilhelm, Myriam Kentrup, Paul Wernicke, Tim Taeger, Caspar Brown, David Willis, Ajax Axe und Nicola Mosley.

…wie wir Menschen tiefen Verlust erleben und bewältigen

Trauer ist eine unmenschliche Erfahrung, die in einem menschlichen Körper stattfindet.”

Christina Rasmussen

In Trauer sein bedeutet, einen unfassbar schlimmen Verlust zu erleben. Kein Mensch bleibt davon verschont, wir alle sind Trauer schon begegnet, und die meisten von uns viele Male.
Trauer bedeutet, etwas oder jemanden zu verlieren, der so bedeutsam und geliebt war, dass ich tiefen Schmerz durchleide, gleichzeitig ein Stück weit auch den Sinn und die Orientierung in meinem Leben verliere, ein Stück meiner Identität mir entgleitet, ich orientierungslos werde und nicht mehr spüren kann, wer ich selbst bin.
Unfassbar ist es, wenn ich jemanden verliere, der mir sehr nah und inniglich verbunden war, dem wir ich mich zugehörig erlebt habe, der oder die ein wichtiger Teil meines Lebens war. Dies kann ein Mensch sein, auch ein Tier, ein Haus in dem ich gelebt habe, ein vertrauter alter Baum, oder ein Platz, der mir Geborgenheit geschenkt hat.
Unfassbar ist es, wenn ich ein Stück von meiner eigenen Identität aufgeben muss, einen geliebten Beruf nicht mehr ausüben kann, oder durch Unfall oder Krankheit eine plötzliche Einschränkung meiner eigenen Fähigkeiten erleide.
Unfassbar ist die voranschreitende Zerstörung der Erde, die wir tagtäglich durch Nachrichten oder auch eigene Erfahrungen miterleben und mitansehen.

Ein Teil des Lebens

Trauer bedeutet, in eine Krise einzutauchen, die mich verändern wird, auf eine Weise, die niemand vorhersagen kann.

Du wirst nicht über den Verlust des Geliebten hinweg kommen, sondern lernen, damit zu leben. Du wirst wieder heil werden und dich selbst neu erschaffen, um diesen Verlust herum, den du erlitten hast. Du wirst wieder ganz sein, aber du wirst nie wieder so sein wie vorher, und solltest das auch nicht und würdest es auch selbst nicht wollen.”― Elisabeth Kübler-Ross

Trauer gehört von Anfang an schon zum menschlichen Leben dazu: Im Moment meiner Geburt erlebe ich als Mensch nicht nur das neu geboren sein in diese Welt, sondern auch den Verlust von fast allem, was bis dahin mein Leben ausgemacht hat – weil ich nicht länger wie eins sein kann mit dem mich umgebenden, tragenden, nährenden und wärmenden Mutterleib, ihren Herzschlag hörend, mit ihren Bewegungen schwingend. Auch im weiteren Heranwachsen durchlaufe ich immer wieder unterschiedliche Lebensphasen, zwischen denen jeweils Verlust und Abschied mich erwarten. So natürlich wie dieser Vorgang ist, so furchteinflößend und schmerzvoll ist er gleichzeitig auch, weswegen naturverbundene Kulturen diese Übergänge oft mit Ritualen begleitet haben.

“Leben bedeutet, zu verlieren was du liebst.”

Warren Brush

Dem Schmerz begegnen

Im menschlichen Leben ist Schmerz allgegenwärtig. Und er will von Anfang an bezeugt und gespiegelt werden. Sobonfu Somé, die dem Dagara Volk in Westafrika angehörte, lehrte uns, dass bereits ein Baby, wenn es weint, Erwachsene braucht, die ihm anschaulich Empathie schenken. Am besten gelingt dies, wenn sie seine Mimik, Gestik und seine Laute widerspiegeln, und dem Worte geben, was es fühlt. So erlebe das kleinste Kind, dass seine Gefühle wahrhaftig und von seinem Gegenüber angenommen sind. Würde es stattdessen ignoriert, aus dem Kreis der vertrauten Menschen weggeholt, oder müsste sich ein “das ist doch gar nicht schlimm” anhören, würde ihm nicht nur die Verbindung zum anderen verwehrt, es bekomme auch suggeriert, das mit ihm selbst etwas nicht stimme.
Aus einer auf natürliche Weise ausgedrückten Trauer, der nicht mit heilsamer Empathie und Verständnis begegnet wird, kann im Kind eine tiefe Scham entstehen, ein festsitzendes Gefühl “nicht gut” oder nicht “wertvoll” zu sein, das sich wie Gift in die Psyche des (heranwachsenden) Menschen einnistet und seine Fähigkeit schwächt, in gesunder Beziehung zu sich selbst und zu anderen Menschen zu sein.

Einander beistehen

Auch als Erwachsene brauchen wir die Zeugenschaft und das Mitgefühl von anderen Menschen in Zeiten der Trauer. “Ich kann dies nicht alleine schaffen,” heißt es in einem Lied der Dagara, dass traditionell beim Begräbnisritual gesungen wurde. Inmitten der tiefen Krisen, die uns fordern, den Sinn unseres Lebens (wieder) zu finden, braucht es unbedingt den Beistand anderer Menschen, deren Aufmerksamkeit, Handlungen und Worte uns zu verstehen geben, dass wir nicht allein sind – auch und gerade weil wir uns in Zeiten der Trauer oft furchterregend allein fühlen.
Trost spenden bedeutet deshalb vor allem, mitzufühlen und die trauernde Freundin durch unsere Anwesenheit daran zu erinnern, dass wir da sind – für sie, mit ihr.
Elizabeth Kübler-Ross setzte sich dafür ein, dass wir trauernde Menschen, die wir begleiten, als LehrerInnen ansehen. Wir sollten ihnen erlauben, uns darüber zu lehren, was ihre Erfahrungen sind, statt bestimmte Ziele und Erwartungen zu konstruieren.

“Es ist nicht möglich, Systeme, Regeln oder emotionale Landkarten anzuwenden. Unsere Aufgabe ist es, selbst als Menschen präsent zu sein, nicht als Erretter. Eher ein Begleiter eher als ein Führer. Eher ein Freund als ein Lehrer. ” – Jon Welshons

Der Trauer-Berater Alan D. Wolfelt hat aus seiner Erfahrung mit Ritualen eine Art Modell fürs Begleiten bei schweren Verlusten entwickelt, in dem er beschreibt, wie ich als Unterstützende den Betroffenen erleichtern kann, ihren erlittenen Verlust zu integrieren, indem ich einfach präsent mit ihnen bin und sie aufmerksam beobachte – meinem Gegenüber also ein Gefährte oder Begleiter bin, und ihn ehre, Raum für ihn halte und ihn bezeuge.
Er schreibt:

  • Begleiter sein, bedeutet, mit dem Herzen zuzuhören, nicht mit dem Kopf zu analysieren.
  • Begleiter sein bedeutet neugierig zu sein, statt die eigenen Erfahrungen mitzuteilen.
  • Begleiter sein bedeutet, mit dem Schmerz des anderen präsent zu sein, nicht den Schmerz wegnehmen zu wollen.
  • Begleiter sein bedeutet jemandem zur Seite zu stehen, nicht selbst die Führung zu übernehmen.
  • Begleiter sein bedeutet, Chaos und Verwirrung zu respektieren, nicht Ordnung und Logik aufzudrängen.
  • Begleiter sein bedeutet, sich in die Wildnis der Seele eines anderen Menschen aufzumachen, jedoch nicht sich verantwortlich dafür zu fühlen, den Weg wieder heraus zu finden.

Trauer ist nicht dasselbe wie Depression

Im Gegenteil: Nur wenn ein seelischer Schmerz keinen Ausdruck und dadurch Integration und Heilung findet, kann er chronisch werden, sich verdichten, mit zahlreichen ernsthaften Krankheitssymptomen einhergehen (beispielsweise auch Krebs) und unter anderem zu schwerwiegenden und langwierigen Depressionen und auch Suizid führen.

“Ob ich trauere oder nicht ist nicht mir selbst überlassen – denn wenn Trauer da ist und ich mich dagegen entscheide bedeutet dies nur, es auf jemand anderen zu schieben, der diese Last dann für mich tragen muss.”

Martín Prechtel

Den Sinn im Trauern selbst finden

Viele Tierarten trauern um verstorbene Familien- oder Herdenmitglieder, beispielsweise Elefanten, Höckerschwäne, Löwen oder Schakale. Manche Wissenschaftler, wie Randolph Nesse sprechen davon, dass der Schmerz des Verlustes dabei helfe, sich auch in Zukunft, sogar umso mehr für den Schutz von beispielsweise den eigenen Kindern einzusetzen. Andere Forscher, wie John Archer gehen davon aus, dass Trauer einfach eine Kehrseite von unserer Fähigkeit ist, innige, tragfähige Bindungen miteinander einzugehen.
Martín Prechtel, der tief vertraut ist mit dem guatemaltekischen Volk der Tz’utujil, schreibt dass ohne Trauer die Welt aufhören würde, sich zu erneuern, aufhören würde, zu existieren.
Sie ist tatsächlich ein fundamentaler Bestandteil unserer Menschlichkeit und Verbindungsfähigkeit.

“Trauer ist dasselbe wie Lobpreisen, es ist die natürliche Weise, mit der die Liebe das ehrt, was sie vermisst.”

Martín Prechtel

Trauern und Lobpreisen sind die Lieder der Liebe

shutterstock_50114662Trauer zeigt uns und den Menschen um ums herum, was wir so inniglich geliebt haben. Indem wir unsere Trauer zeigen und miteinander teilen würdigen und feiern wir das (oder denjenigen), das wir verloren haben. Unsere Tränen seien wie Nahrung für die Ahnen, sagte Sobonfu Somé. Nur das was ich liebe, kann ich betrauern. Und so kann die Trauer mir selbst zeigen, wie viel Liebesfähigkeit in mir wohnt. Die Kraft zu lieben macht mich so verletzlich. Und in dieser Verletzlichkeit bin ich verbunden, mit allen anderen Menschen. Denn die Trauer besucht jeden von uns.

Die Antwort zum Geheimnis des Lebens ist die Liebe, die dir manchmal so wenig perfekt erschien, und wenn der Verlust dich zum Erkennen der tieferen Schönheit und Heiligkeit darin erweckt, kannst du dich eine lange Zeit nicht von deinen Knien erheben, nicht wegen der Last des Verlustes, sondern wegen der Dankbarkeit für das was vor dem Verlust kam.”  
― Dean Koontz

So schlummern inmitten der größten Traurigkeit oft auch große Dankbarkeit, Wertschätzung, und Weisheit. Bei den Dagara, wie auch bei den Anishinabe in Nordamerika und vielen anderen naturverbundenen Kulturen sind das Danken, Würdigen und Feiern, und sogar das herzhafte, befreiende Lachen ein willkommener und wesentlicher Teil des Trauer-Prozesses.
Das von Innen heraus sich wellenartig ausbreitende Schütteln bei tiefem Lachen ebenso wie bei tiefem Weinen vollbringt unser Körper mit denselben Muskeln – beide sind also ganz nah verwandt, und manchmal geht das eine ins andere über und wandert wieder zurück. Indem ich mir erlaube, frei heraus und im Fluss mit den Ereignissen des Lebens zu trauern, wächst auch meine Kapazität, Freude und sogar Glückseligkeit tiefer und intensiver zu empfinden.

„Nur Menschen, die in der Lage sind voll und ganz zu lieben, können auch großen Schmerz durchleiden, doch genau dieses Bedürfnis, zu lieben, schenkt ihnen einen Gegenpol zu ihrer Trauer und heilt sie.“

Leo Tolstoi

 

Viele Gesichter

Viele Menschen, vor allem auch kleine Kinder durchleben laut Sobonfu Somé einfache, auf einen Moment beschränkte Trauer in bestimmten Phasen.
Wenn ein Kind sich weh tut, lassen sie sich oft gut beobachten: Auf den ersten Schock/Schreck folgen mehr oder weniger starke Emotionen wie Wut oder Traurigkeit, die ganz natürlich einen stimmigen Ausdruck finden. Danach stellt sich ein Gefühl von Entspannung und Leere ein, ein Raum in dem innerer Frieden und später auch Leichtigkeit und Humor oder sogar Freude wie von selbst Einzug halten.
Bei Erwachsenen ist Trauer oft von vornherein komplexer und dockt zudem oft an vergangener, nicht vollständig ausgedrückter Trauer an. Deshalb ist es kaum möglich, klar abgrenzbare Phasen oder Abläufe zu beschreiben, die als besonders hilfreich oder unterstützend gelten könnten. Die Wissenschafts-Journalistin Ruth Davis Konigsberg hat hierzu ganz verschiedene Studien ausgewertet, die letztendlich vermitteln, dass es kein einheitliches Trauer-Erleben oder Verarbeiten gibt. 
Trauer hat so viele verschiedene Gesichter wie es Menschen gibt: Leugnen und Stumpfheit, Zorn und Raserei, Angst und Panik, Einsamkeit und Hilflosigkeit, Schock und Starre, Rastlosigkeit oder Antriebslosigkeit, Erzählen, Stille, weinen und zittern, sich übergeben, schwitzen oder frieren, Schmerzen oder Empfindungslosigkeit, Atemlosigkeit, Sehnsucht, Erregung, Erschöpfung, schreien, wehklagen, singen oder wimmern, etwas kaputt machen wollen, sich bewegen oder rennen wollen die Augen schließen, sich einrollen und verstecken wollen, gehalten werden wollen oder überhaupt gar nicht berührt werden wollen… all dies und viel mehr sind Ausdrucksformen der Trauer, die dabei helfen können, die Trauer zu bewegen und zu verarbeiten.

Trauern wieder erlernen – für eine friedvolle Kultur

 

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Das Trauer-Feuer, inspiriert von nordamerikanischen und mitteleuropäischen Formen des Not-Feuers oder Heiligen Feuers, schenkt einen geborgenen, heilsamen Raum dafür, einander in Zeiten der Trauer zu bezeugen und zu begleiten. Am Feuer können Geschichten und Gefühle geteilt und Tränen geweint werden, und in der Stille vor dem Knistern der Flammen kann selbst das gehört werden, wofür es keine Worte gibt.

Das Feuer, das Element das nur wir Menschen in unsere Mitte geholt haben, bringt uns als Gemeinschaft zusammen, so dass wir in unserem tiefsten Menschsein einander beistehen können. Es verbindet uns mit der Welt der Ahnen, all derer die vor uns gegangen sind.
Das Feuer hat die Kraft zu verwandeln. Aus der Asche des Verbrannten hilft es uns, das Wesentliche zu erkennen und uns daran zu erinnern, wer wir sind.
Das gleißende, wärmende Licht des Feuers hilft uns zu sehen, welches Geschenk dem schlimmen Verlust innewohnt. Wie die Trauer darüber uns selbst helfen kann. Und wie sie uns mit ihrer Medizin eines Tages helfen kann, anderen zu helfen.

Wenn du mehr über das Trauer-Feuer erfahren möchtest, sei herzlich willkommen! Mehr Informationen dazu findest du hier…

Ab November 2019 bieten wir eine 1jährige Ausbildung zum Trauer-Feuer-Facilitator an. Mehr Informationen darüber findest du hier…

Wir sind voller Trauer, dass unsere geschätzte und geliebte Lehrerin, Beraterin, Älteste und Freundin Sobonfu Somé am 14. Januar nach langer Krankheit in Burkina Faso aus dem Leben geschieden ist.
Wir danken ihr für die Jahre in denen sie uns durch ihre Workshops und beim Weiterentwickeln unserer Arbeit begleitet hat. Sobonfu hat vor allem durch ihre Bücher weltweit zig Tausende von Menschen mit ihren Geschichten, den Weisheiten ihrer Kultur und den intensiven Ritualen berührt, inspiriert und mit Zuversicht erfüllt. Sie wurde als die wohl wichtigste weibliche Stimme afrikanischer Spiritualität in der westlichen Welt anerkannt.
Sobonfu, deren Name “Hüterin der Rituale” bedeutete, schaffte es, die Prinzipien der Rituale ihrer Kultur, der Dagara in West-Afrika, in Ausdrucksformen zu übersetzen, die den Menschen und der Kultur hier vor Ort entsprachen.
Von 2014-16 leitete sie eine erstmals in Europa durchgeführte Ausbildung in naturverbundener Ritualarbeit für Circlewise und die Wildnisschule Wildeshausen. Sobonfu konnte dadurch zuletzt einen Teil ihres Wissens und auch ihrer Verantwortung an eine Gruppe von Lernenden hier in Deutschland weiter geben, die im Rahmen der Ausbildung auch eine Initiation in diese Form der Ritualarbeit absolvierten.
Zum Abschluss der Ausbildung Ende November 2016 teilte sie mit uns folgende Worte:

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„Vielleicht seid ihr euch nicht sicher, ob ihr nach nur diesen drei Jahren in der Lage sein werdet, da draußen Rituale zu leiten. Aber ich kann euch sagen, was auch immer der Geist ist, mit dem ihr euch verbunden habt – ihr seid auf einer heißen Spur. Seid ihr bereit, weiter auf ihn zu achten? Ihn euch führen zu lassen? (…) Ein neuer Tag ist möglich. Eine neue Art des Seins ist möglich. Eine neue Art, zusammenzukommen ist möglich. Eine neue Art Wunder auf den Weg zu bringen ist möglich. Was auch immer der Geist ist, der diese Möglichkeiten für euch hier geschenkt hat – ich werde ihm für immer dankbar sein.“

Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, wie wir mit allem, was wir von Sobonfu gelernt haben, auf eine gute Weise weitergehen und es auch weitergeben wollen. Die nächsten Wochen und Monate werden mehr Klarheit hierzu schenken und einen neuen Weg eröffnen.
sobonfu_elkeWir vermissen dich Sobonfu – deine Weisheit, deinen Humor, deine Entschlossenheit, deine tiefe und tätige Liebe zu den Menschen, besonders den Kindern, deine Ausdauer und die Kraft deiner Verbindung zur geistigen Welt. Du hast für uns einen Anker gesetzt – in ein gesundes, gemeinschaftliches Miteinander aller Generationen, das auch hier und heute möglich ist. Du hast uns Türen zur Verbindung mit der geistigen Welt eröffnet, zu der wir alle als Menschen einen ganz individuellen, persönlichen Zugang haben, und die uns durch deine Arbeit vertrauter geworden ist, als eine Quelle für Kraft und Weisheit in einer Zeit wo dies so dringend gebraucht scheint.
Hab Dank für alles – ye barka, ye barka, ye barka.

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Ausbildungsgruppe in Naturverbundener Ritualarbeit 2014-2016

Möchtest du mehr erfahren?
Hier geht’s zum Nachruf in der Zeitschrift Oya 44/2017, geschrieben von Geseko v. Lüpke und Elke Loepthien.

Persönlicher Nachruf von Elke:

My dearest Sobonfu,
Thank you for being my teacher, auntie, mother, sister and friend all at the same time. In your leaving, I see how my life has changed in countless ways because of you.
Your way of seeing and connecting with the children helped me to become a real mother for my son, as well as for my own inner child, and for the children around us. Always you were so full of love, so generous with them. Through your eyes and translation you helped us to read their ways of communicating and to truly respond. Your deep appreciation and love for the children helped me to put them back into the center, giving me a taste of what our responsibilities as adults truly are towards the children around us, and to all the children, even to the children within, so the wounds of the past could find healing. My son is thankful for you, for the many ways you treated him with so much loving care, and because he knows how much better a mother I am because of you.
I loved to witness how you touched hundreds of people in our community. How your presence and care opened up hearts and whenever you hadn’t been here for a while, I so longed for you to come soon, so the emergence of life force could speed up again, cause I could count on that to happen once you were just here with us. I saw so many life changing conversations that really only took a few minutes of your full attention to happen, and the concentric rings of these conversations within the community.
I feel eternally grateful for all the different rituals that you have shared with us, with so much patience. You were such a skilled teacher for us, always making sure to throw in bits and pieces that we had not heard yet, to widen our experience, to deepen our understanding, to put us on the edge, so we had to grow.
I remember how you brushed off my attempt to write down a complicated smudging routine for the grief ritual, telling me I would just be fooling myself, that I need to embody it or I could forget it, rolling your eyes with a big smile.
I will never forget the magic and power of your blessings. Right when we started our 3year training you blessed each person to welcome them into their element. And even though many of them you had never seen before, you spoke right to their gift, right to that most elusive, special thing about them. I went along, holding the jar with ashes for you, and almost everyone got teary eyed immediately, such was the gentle power of your words.
And how you were empowering women as well as men in our community! You could encourage and then kick butt if needed, for us to step into our responsibility for each other, to acknowledge and honor our differences, laugh together, and to be there for the children and for the world.
The vastness of your spirit that needed to travel all over this world, like a special kind of food, and that was able to nourish all these authentic and deep connections to so many people. The many nights you spent here with hardly any sleep at all, instead skyping with friends and family from all over, consoling, connecting, caring.
The sharpness of your ability to see through anyone’s fog and storm into the core of issues, into the disappointment underneath even the harmful actions, into the longing underneath even the hatred, and your ability to connect with that core within an instant, to make people feel seen and heard and welcome. Even with people who were treating you outrightly badly, you could see behind their actions and I never heard you say a harmful or discrediting word towards even the most difficult relationships in your life.
You helped me to make the fullest sense of my own gifts, as well as the ones of everyone else in the community. You showed me and taught me how to not shrink back from power, not from my own, nor any other. You made me accountable to hold my ground as a facilitator and leader and to ground myself and connect to spirit in a split second if need be. You guided me so well Sobonfu. You could console me, hold me, love me completely and in other moments just smack me, right when it was needed, and helpful, and then we’ld laugh about it afterwards.
You role modeled to all of us, how to walk with the intense power that we all felt working on us during the rituals, and to never misuse it for your own purposes.
I don’t remember you ever buying anything for yourself. Judith and I (and I know people all over) tried to keep your gear from the continuous danger of falling apart completely, by renewing one thing after the other. All the abundance that your work created you spent for the children, so selflessly.
I remember the complete delight you took in good food, as well as in heartfelt music and how you never took any bit of the care for granted that people around you offered.
When I had invited you over in the beginning, not really knowing you, we spent a few days tiptoeing around your room, trying to be really quiet. How quickly our places here then got transformed into “Little Burkina”, lively, hot and noise as can be, 25 people in one double bed room for our team meetings, where you were our guest of honor.
I remember our timeless days in between the programs, were we wouldn’t even leave the house and have breakfast at 4 in the afternoon. How hard we sometimes laughed. How we were all cuddled up on the couch, and we would massage the whole world inside and around us with layers upon layers of gently flowing conversations, taking turns with eruptions of hysterical laughter and wildness of spirit and mind, with you, Judith and I and elder Julie.
The hours of the two of us singing your favorite songs together, songs of friendship, care and love.
There was no human condition that you didn’t know or that you wouldn’t accept.
You always patiently listened to even my bullshit, kindly and with humor acknowledged it as bullshit and then readily listened to more of it. Whenever you set me straight, you gave me so much reassurance with it, calming my insecurities, so I could swallow even the bitter medicine. You made me stand up for my own dignity when I felt like nothing more than a pile of dust on the ground, and in your arms I could sob like a baby, because you just knew me so well.
I remember that lean and incredibly strong body of yours, trained by the years of carrying the increasing weight of your sickness, and carrying it with so much grace. In my prayers I saw you dancing wildly, freed from all burdens.
Oh how hard I prayed for your health and happiness, and how scared I felt at times about your sickness. Never have I seen someone who had to persevere so much pain and hardship, over years and years, and yet stayed so lighthearted and full of love and full of mischief at the same time. I remember the long mornings of preparing yourself to get up, gathering your strength, getting ready for another day. The patience and strength you were able to muster for even just one walk over to the bathroom. I remember how we got our first wheelchair here for you and you just wouldn’t stop walking on your own. How much humor you always found to answer the inquisitive questions of the airport personnel. How earnestly you talked to the concerned children, trying to explain the unexplainable. How you finally did surrender to the wheelchair, and to the couch in the seminar room that we hauled in on a trailer, to all the big and small little helpers that enabled you continue your work despite the pain. I remember how angry I got when someone would try to pull more time and energy from you than what you were already offering, and the quietness that hung over your room when you were exhausted. How you would share your fears and worries with us and how hard you were working for your own healing, in all the different and sometimes mysterious ways you and your elders found.
In the seven years that I’ve known you, I never saw you healthy Sobonfu. But once I saw you dancing, for just a few moments, and that image will always stay with me.
I remember our last blessing circle for you, before the village training ended. I see the tears rolling down your cheeks and the love in your eyes, for each one of us. And our blessings for the healing to come, for joy, for salvation, for that you may experience the sweetness of being completely whole and healthy again.
I so wished there would have been another way out of your sickness than leaving to the other side of the veil. But I do feel happy, that your suffering has come to an end.
I remember how you locked eyes with me so intently, like tying a life saving rope, before you sent me into the scary shrine to get something, when you weren’t able to do it yourself anymore last fall. „Stay connected with me“ – you said. I said I will.
And I will.
I love you Sobonfu. My house, my memories, my stories, my songs are all full of you, your advice, your laughter, your bad-assness and your love. And of our shared dreams for the future, that will be so different now.
You taught us that every death of a loved one is a ticket for the living. There are so many of us, who you gifted with tickets and I am marveling at where the journey will take us.
I promise to use mine well and to live my life in a way that will make you smile. I promise to call on you when I need you, to feed you the best of my food and to giggle with you whenever the opportunity arises.
Just like you said on your last message on my voicemail in December: “I love you and we’ll be in touch.”