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In den letzten Wochen machen die Meldungen und Meinungen rund um Corona und die Umgehensweise damit, es vielen Menschen extrem schwer, einander von Herzen zuzuhören. Ein tiefer Abgrund scheint in der Bevölkerung aufzuklaffen, oft sogar mitten durch Familien oder auch innerhalb von Freundschaften.

Die Angst davor, etwas Wichtiges zu verlieren scheint auf beiden Seiten einfach zu groß und zu dringlich – auch wenn das worum es geht für jeden etwas anderes, oder sogar scheinbar entgegengesetztes ist.

Wenn gleiche Meinungen aufeinander treffen, kann man sich leicht zusammen hochschaukeln – um dann noch vehementer gegen die jeweils “anderen” zu wettern.

Wenn unterschiedliche Meinungen sich zeigen, ist dies oftmals so bedrohlich, dass wir uns in Kampf, Flucht oder Starre wiederfinden – und sogar langjährige Verbindungen in Gefahr zu geraten scheinen.

In mir selbst kann ich gut beobachten, wie die Welt sich auf einmal eng anfühlt, wenn es in einer Situation keinen akzeptablen Ausweg zu geben scheint. In solchen Momenten beginne ich leicht, mich gegen andere Menschen zu richten und zu verurteilen, statt mitzufühlen.

Warum ist es so schwer, einen gemeinsamen Weg zu finden?

Mein 13jähriger Sohn zeigt mir gerade viele Filme über Superheld*Innen, die die Welt retten, von denen er total begeistert ist.

Was das trügerische Superhelden-Idealbild mir vor Augen führt ist, wie tief – auch in mir selbst – der Wunsch danach steckt, auf der Seite der Guten zu sein – und damit verbunden auch eine tapfere Bereitschaft zu kämpfen wenn es notwendig wird, mit allen Mitteln.

Doch das ist keineswegs so vernünftig, wie es zu sein scheint!

Wenn ich an meine Erfahrungen bei den Ju/’hoansi-Buschleuten denke oder an die Geschichten aus anderen friedvollen Kulturen, wie sie beispielsweise Tom Porter erzählt, sehe ich das genaue Gegenteil von einem Action-Film – vielmehr ein beständiges miteinander aufeinander lauschen und große Disziplin dabei, gemeinsame Wege zu finden, im Respekt für die Bedürfnisse der jeweils anderen.

Konditioniert darauf, Recht zu haben

Es ist wohl einer Aspekt unserer westlichen Kultur, dass die menschliche Regung des “Recht haben wollen” oder auf der “richtigen” Seite sein wollen, hier bei uns nicht relativiert wird, sondern im Gegenteil von Klein auf noch angefeuert wird – so dass viele von uns dies als Grundgewissheit regelrecht brauchen.

Wir bekommen es in der Schule schon angewöhnt, wie beschämend es ist, falsch zu liegen, wie schmerzhaft und bedrohlich.
Und wenn wir das einmal verstanden haben, beweisen wir unsere “Kompetenz” beständig (vor allem vor uns selbst) – und dies erscheint leichter, indem wir gegen die “falsche” Seite kämpfen.

Wir brauchen also die Bösen oder das Böse, könnte man sagen, damit wir selbst die Guten sein können. Ohne passende Gegner*Innen ist es schwierig, diese Gewissheit zu haben.
Und gerade in unsicheren Zeiten wie jetzt, wo die Zivilisation in ihrer bisherigen Form schier zusammenzubrechen scheint und nur sehr vage Zukunftsperspektiven zur Verfügung stehen, wollen doch die meisten Menschen zumindest auf der Seite der Guten sein!

Doch infolge dieses aufrichtigen Bestrebens werden seit Jahrtausenden fruchtlose Kriege geführt, bei denen niemand wirklich jemals gewinnen kann – zwischen Völkern, zwischen Liebenden, zwischen Geschwistern, zwischen uns allen.

Ein Infragestellen unserer eigenen politischen Ansichten wird von unserem Nervensystem tatsächlich ähnlich bedrohlich empfunden, wie ein bewaffneter Angriff.

Dabei ist Wahrheit, falls wir sie überhaupt jemals erfassen können, ein fantastisch buntes, komplexes Puzzle, zu dem alle Teile dazu gehören, die herumliegen.
Diese vielen verschiedenen Teilchen voller Respekt, Achtung und vor allem Humor zusammenzutragen ist eine Kunst, die für ein friedvolles Miteinander unersetzlich ist.
Keine Superkraft der Welt kann mehr Frieden bewirken!

Über den Tellerrand schauen

Bemerke ich, wie ich innerlich ins Verurteilen komme, kann es so richtig gut tun, mal ganz weit raus zu zoomen:

Overview-Effekt” heißt der von Weltraumfahrenden beschriebene Bewusstseins-Sprung, den viele von denen erlebt haben, die unseren kleinen blauen Planeten von ganz weit draußen betrachten konnten. Fast alle beschreiben, wie unbedeutend ihnen aus dieser Distanz alle menschengemachten Konflikte erschienen, und viele drückten eine weltumspannende Liebe zu dieser wundersamen Kugel voller Leben aus, die wir unsere Erde nennen.

Wenn wir weit genug raus-zoomen, sehen wir anscheinend klarer, was uns eigentlich alles verbindet, und unser angeborener Drang die Menschen in “zu mir gehörig” und “die anderen” einzuteilen, wird kleiner.

Auch ohne Rakete ist es möglich, mit Hilfe unserer Vorstellungskraft diese Reise anzutreten und von ganz weit entfernt auf die Erde als lebendigen Organismus zu schauen, der inmitten des lebensfeindlichen Weltraums, geschützt durch eine nur hautdünne Atmosphäre, all diese wundervollen Wesen beherbergt, einschließlich uns – der eigentlich allesamt recht seltsamen Menschen.

Für mich ist dies auch ein Inbegriff von Spiritualität – mich bewusst mit dem zu verbinden, was die Verbindung zu allem Leben für mich deutlich spürbar macht.

Diese Art von Verbindung zum ganz großen Ganzen macht es leichter, auch angesichts großer Konflikte und großer Unsicherheit, mich selbst auf eine lebensfördernde Weise zu verhalten und meine Energien zu bündeln für das, was gerade hilfreich und gebrauch ist.

Wieder zueinander finden

Mir hat es gut getan, gerade in diesen letzten Wochen mich immer wieder auf Geschichten zu besinnen, wo trotz gewaltiger Konflikte eine Verbindung wieder möglich wurde.
“Beyond Right and Wrong – Stories of Justice and Forgiveness” ist ein englisch-sprachiger Film darüber, wie es Menschen gelungen ist, die größten denkbaren Abgründe zu jemand anders zu überwinden und Verbindung zu finden: In der Dokumentation kommen Opfer schrecklicher Gräueltaten zu Wort, die es geschafft haben, mit den Tätern Frieden zu schließen. Der Film beschreibt, wie dadurch tragfähige Brücken gebaut werden, die Verbindungen erschaffen, wo dies völlig aussichtslos und unmöglich erschien – und wie weitreichend die positiven Folgen davon sein können.

Wenn du Lust auf mehr Geschichten dieser Art hast kann ich dir auch das Buch “Peacemaking Circles – From Conflict to Community” empfehlen. Die Autoren, die unterschiedlichen Ureinwohner-Kulturen in Nordamerika angehören und dort als Friedensstifter tätig sind, erzählen Geschichten von Peacemaking-Prozessen in ihrem Kontext, beispielsweise nach Verbrechen, wo Täter, Opfer und deren Familien und größere Gemeinschaft einbezogen werden, um wahrhaftigen Frieden herzustellen.

Brücken bauen ist möglich

Wenn du in deinem nahen Umfeld mit Menschen zu tun hast, die ganz andere Ansichten vertreten, als du selbst, empfehle ich dir das Buch How to have Impossible Conversations”. Darin beschreiben Peter Boghossian und James Lindsay die wichtigen Grundschritte, damit ein Gespräch über das konflikthafte Thema gelingen und die Verbindung zu den anderen bestärken kann:

1. Versuche die Position der anderen so klar, deutlich und wohlwollend wiederzugeben, dass diese am liebsten sagen würden: “Danke, ich wünschte ich hätte es selbst so ausdrücken können.”
2. Benenne alle Übereinstimmungen mit deiner eigenen Sichtweise (je themenspezifischer, desto besser).
3. Sprich alles aus, was du von deinem Gegenüber lernen konntest.
4. Erst dann ist ein fruchtbarer Boden dafür bereitet, nun gemeinsam zu erforschen, wie valide die einzelnen Standpunkte sind. 

Die eigene Ignoranz einzugestehen schafft Offenheit

Vermeintliche Fakten aufzuzählen ist hier jedoch am allerwenigsten hilfreich. So wenig wie die meisten von uns in der Lage seien wirklich zu erklären, wie unser Telefon funktioniert oder was Radiowellen eigentlich sind, wären die wenigsten Glaubenssätze und Meinungen, die wir übernehmen und benutzen, auf wirklichem objektivem Faktenwissen basiert, schreiben Boghossian und Lindsay.

Je scharfsinniger unser Verstand funktioniert und je klarer und wortgewandter wir uns ausdrücken können, desto besser können wir dies verbergen und verschleiern, oder sogar andere von unserem Standpunkt überzeugen. Doch die meisten von uns geraten irgendwann ins Straucheln, wenn wir versuchen, in der Tiefe zu erläutern und zu beweisen, warum wir so überzeugt von irgendetwas sind.

Viele unserer Überzeugungen sind für uns regelrechte Anker im Dasein. Diese Sichtweisen in Frage zu stellen, kann deshalb große Unsicherheit mit sich bringen.
Es fällt viel leichter, sich darauf einzulassen, wenn mein Gegenüber zum eigenen Unwissen und der eigenen Ignoranz steht, diese ganz ehrlich zugibt (beispielsweise durch Aussagen wie: “Ich weiß das selber nicht so genau.” “Ich kenne mich nicht wirklich aus.” “Ich bin mir nicht ganz sicher.“)
Damit können wir einander sozusagen auf neutralerem Boden begegnen – eine gute Voraussetzung für behutsameren und mehr Verbindung schaffenden Austausch.

Es gibt Fragen, die hier für uns selbst und für unser Gegenüber die Anhaftung an unsere (natürlich immer begrenzten) Sichtweisen etwas lockern können, und dadurch ein Stück weit Erleichterung und Öffnung schenken:
– “Gäbe es Umstände unter denen ich/du diese Sache anders bewerten würde?”
– “Könnte man trotzdem ein guter Mensch sein, selbst wenn man diese bestimmte Sache anders sehen würde?” 

– “Gibt es irgendeinen Menschen, der für mich/dich ein “guter Mensch” ist, und diese Sache (vermutlich) anders sieht?”

Was ich außerdem hilfreich finde ist es, gemeinsam in die Tiefe zu tauchen: “Was sind die Werte die für mich/dich im Kern hinter dieser Überzeugung stehen?” “Warum sind mir gerade diese Werte so wichtig/heilig?”

So können wir es schaffen, für uns selbst und für unsere Gesprächspartner Druck rauszunehmen und buchstäblich den Horizont des Gespräches zu erweitern – um mit mehr Weite im Herzen und Verstand eine gemeinsame Basis zu finden, auf der Verbindung möglich ist.
Selbst in Momenten wo ich mich nicht traue, diese Fragen wirklich laut zu stellen, kann ich spüren, wie sie auf mich selbst und mein eigenes Vermögen dem anderen mit Offenheit zu begegnen wirken, sogar wenn ich sie einfach nur im Stillen für mich selbst beantworte.

Denn wie Eric Barker, dessen Newsletter (auch zu diesem Thema) ich besonders schätze so wundervoll auf den Punkt bringt: “Die Meinung von jemand anders zu beeinflussen ist extrem schwer. Unsere eigene Meinung zu verändern kann noch viel schwerer sein. Aber wenn wir uns dafür öffnen, ist es oft viel viel fruchtbarer.”

Willkommen sein ist ein menschliches Grundbedürfnis

Wir sind alle nur Menschen, und wir brauchen einander mehr denn je – liebe-voll und in Verbindung.

Wir freuen uns sehr darauf, viele von euch wiederzusehen, wenn unsere Veranstaltungen im Juli (mit der Naturverbindungs-Weiterbildung) wieder losgehen.

Wir werden ganz sicher einen Raum schenken, wo du willkommen bist!

Genauso wie du bist, mit was auch immer deine Meinungen, Ideen, Gefühle und Sorgen sind, bist du eingeladen, dich mit uns und mit allen, die noch dabei sein werden, wohlig und geborgen zu fühlen.

“Jenseits von Richtig und Falsch ist ein Garten – dort werden wir zusammenfinden.”

Rumi

Eine Meditation, die dich vielleicht dabei unterstützen kann, auch angesichts von Tumult, Chaos und viel Unsicherheit und Verwirrung, gut geerdet und zentriert Entscheidungen zu treffen und dich auf eine lebensförderliche Weise zu verhalten. Die Bäume können helfen!

1964 schüttelte das Große Erdbeben von Alaska die Stadt Anchorage für anderthalb Stunden durch und beließ kaum einen Stein auf dem anderen. Ganze Ladenzeilen verschwanden bis zum Dach in sich auftuenden Erdspalten. Das gesamte Leben spaltete sich ebenso, in ein “davor” und ein “danach”.

Katastrophen überleben

Viele ältere Menschen heute haben Katastrophen überlebt. So wie mein Vater, der 1945 als Fünfjähriger zu Fuß mit seinen Eltern aus dem heutigen Kaliningrad flüchtete. Meine Oma schob dabei den Rollstuhl mit ihrem von einem Granatsplitter querschnittsgelähmten Mann, auf dessen Schoss die meiste Zeit mein damals dreijähriger Onkel saß. Als sie im fast 700 km entfernten Dargun in Mecklenburg ankamen, konnten sie nicht mehr weiter: Denn Wehen setzten ein und in einer Scheune gebar meine Oma ihr drittes Kind.

Katastrophen, im Sinne von leidvollen, plötzlichen Umbrüchen, sind ein Teil des Lebens: Ein Sturm kann Bäume entwurzeln, ein Biber-Paar kann ein Flußtal überfluten, Erdrutsche können ganze Ökosysteme mit sich reißen, und Waldbrände zerstören einen großen Teil der Vegetation.

Auch wenn wir es persönlich vielleicht noch nie so drastisch erlebt haben: Ich glaube tief in uns schlummert eine Erinnerung oder Ahnung davon, wie es sein könnte, mittendrin zu stecken.

Ein Katalysator für Nächstenliebe

Direkt nach dem Erdbeben in Alaska machte sich ein Team von Sozialforschern auf, um zu studieren, wie die Menschen vor Ort mit dem Unglück umgehen würden. Sie waren auf das Schlimmste gefasst, auf Gewalt, auf alle Arten von unsozialen Verhaltensweisen.

Doch das Gegenteil war der Fall: Völlig spontan und ohne jegliche Anweisungen oder Absprachen vernetzten die Menschen sich auf alle möglichen hilfreiche Weisen miteinander: Menschen gruben sofort nach dem Beben andere Menschen aus den Trümmern aus, Menschen mit Autos fuhren stundenlang umher um andere mitzunehmen, hunderte Freiwillige meldeten sich bei der Feuerwehr und überall nahmen Menschen Fremde bei sich zuhause auf. “Jeder machte mit“, sagte ein Befragter später. “Jeder probierte einfach alles was möglich war für jeden zu machen.”

Eine Woche blieben die Forschenden dort und bei den Befragungen wurde klar: Die Menschen hatten nicht planvoll oder strategisch gehandelt, sondern einfach spontan, sogar instinktiv das getan, was ihnen gerade in den Sinn gekommen war.
Die Katastrophe hatte einen Grad an Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft freigesetzt, der im alltäglichen Leben selten die Gelegenheit hat, an die Oberfläche zu treten.

Helfen können tut uns gut

Bei vielen Empfehlungen die gerade zirkulieren geht es nicht primär darum, sich selbst zu schützen, sondern andere. Das knüpft an unserer angeborenen Freude am Hilfsbereit sein an. So waren in einer Studie sogar erst 19 Monate alte Babies bereit, an jemanden der hungrig aussah, ihr Essen zu verschenken – obwohl sie selbst auch Hunger hatten.

Durch unser Handeln einen positiven Unterschied für andere zu machen, verschafft uns eine tiefe Freude, und zählt zu den wichtigsten Faktoren für ein glückliches Leben.

Helfen, das bedeutet jetzt gerade vor allem:

  1. Zuhause bleiben
    Wir können einen wahrhaft heldenhaften Beitrag leisten, indem wir in dieser Zeit für uns selbst bleiben.
    (Wer mehr darüber wissen mag, warum dies so wichtig ist, dem empfehle ich folgende Artikel über die dahinter stehenden Erkenntnisse über die Verbreitung des Virus und die Auswirkungen auf unser Gesundheitssystem und über die Lage in Italien (bereits vor drei Tagen).
  2. Ermöglichen, dass andere zuhause bleiben
    Vor allem geht es dabei darum, für die Ältesten in unserem Umfeld Besorgungen zu übernehmen, damit sie geschützt bei sich zuhause bleiben können.
  3. Unterstützen, dass andere sich zuhause wohl fühlen
    Wir können anderen und uns selbst diese Zeit versüßen, indem wir unsere sozialen Beziehungen übers Telefon oder Internet nähren, Raum für herzvolle Gespräche schenken, wie in Italien von unseren Balkonen oder Fenstern musizieren, Liebesbriefe und Pakete verschicken und gemeinsam mit den Menschen mit denen wir unter einem Dach wohnen, eine nährende Zeit gestalten.

Und was hilft uns, zu helfen?

Psychologin Jill Suttie vom Greater Good Science Center in Kalifornien hat hierzu einige Empfehlungen veröffentlicht, die ich gern mit euch teilen möchte:

1. Achte auf die heldenhaften Taten!

In jedem Unglück gibt es Menschen, die sich altruistisch, also vollkommen uneigennützig verhalten. Uns mit ihnen zu beschäftigen, ihr Tun zu beobachten, kann in uns selbst ein erhebendes Gefühl von Redlichkeit erzeugen. Es könne uns optimistischer machen und wir möchten im Ergebnis selbst gern auch Gutes tun, schreibt Jill Suttie. So kann eine Aufwärtsspirale für mehr Freude für alle entstehen.

2. Kultiviere deine innere Gelassenheit

Achtsamkeitsübungen wie Sinnesmeditationen, Weitwinkel-Schauen, meditatives Spazierengehen, bewusstes und langsames Essen, sich mit dem Atem verbinden, Entspannungstechniken, Yoga oder andere achtsamkeitsfördernde Bewegungspraktiken sind in Krisenzeiten besonders wichtig.

Sie zu üben wann immer wir den Fokus dafür aufbringen können, sei für unsere Geisteshaltung so wichtig, wie Vorkehrungen für Überflutungen zu treffen, bevor der Monsun-Regen fällt, sagt der Dalai Lama.
Für mich ist dabei der Atem einer der praktischsten Zugänge, weil ich meinen Atem immer dabei habe. Bewusstes Atmen beruhigt an sich bereits. Wenn ich tiefere Entspannung einladen möchte, kann ich mein Ausatmen allmählich verlängern, oder es mit einem Schnaufen oder Tönen verbinden.

3. Zeige Dankbarkeit

Dankbarkeit in mir erwecken und spüren kann in sich schon beruhigend und herzöffnend sein. Sie auch zu zeigen, kann anderen Menschen deutlich machen, wie wichtig und wohltuend ihr Handeln wirklich ist, und dadurch ermutigen, sich weiter auf hilfsbereite Weise zu verhalten.

4. Fühle mit

Scheinbar hat gerade das “mütterliche Hormon” Oxytocin viel damit zu tun, wieviel Mitgefühl wir mit anderen Menschen aufbringen können. Denn je mehr davon in uns vorhanden ist, desto leichter fällt es uns, jemand anders zu Hilfe zu eilen.

Das ist gerade jetzt aktuell eine sehr interessante Beobachtung, weil wir es im alltäglichen Leben vor allem bei innigen sozialen Interaktionen ausschütten (z.B. bei Umarmungen, Orgasmen oder wenn wir Massagen bekommen) – die jetzt gerade vielen Menschen fehlen!

Wenn wir wenig Körperkontakt mit anderen Menschen haben können, können auch Yoga oder sanfte Musik helfen. Außerdem können laut Paul J. Zak folgende Aktivitäten sehr wirkungsvoll sein:

  1. Mit voller Aufmerksamkeit von Herzen zuhören, dem anderen dabei in die Augen schauen und mich in mein Gegenüber einfühlen.
  2. Ein Geschenk von jemand anders bekommen.
  3. Gemeinsam mit anderen Menschen essen – das geht heutzutage auch über Skype oder Whatsapp-Calls, oder selbst am Telefon. Besonders wirksam ist dies, wenn man es mit Punkt zwei verbindet, und die Mahlzeit ein Geschenk ist.
  4. Beim Meditieren meine Aufmerksamkeit auf meine Liebe zu anderen Menschen (und der Natur) richten (statt auf meine eigene Selbstwahrnehmung)
  5. Ein heißes Bad nehmen.
  6. Sogar mit Freund*Innen über Social Media in Kontakt sein soll in Studien bei 100% der Menschen das Oxytocin-Level steigen lassen. Ich vermute auch das Anschauen von Fotos früherer Zeiten und Freundschaften und Familie, könnte dasselbe bewirken.
  7. Einen Hund streicheln – egal ob es der eigene Hund ist. Und vielleicht funktioniert es mit Katzen und anderen Haustieren auch?
  8. “Ich liebe dich” und “Ich hab dich lieb” sagen und hören.

Warum gerade jetzt Konflikte aufflackern können?

Beängstigende Zeiten, vor allem wenn sie mit viel Nicht-Wissen, Unsicherheit und Verwirrung verbunden sind, können dazu führen, dass unsere Fremdenangst gegenüber Menschen anderer Kulturen sprunghaft wächst.

Und diese Angst vor dem was mir fremd ist, scheint insbesondere auch für andere Denkweisen zu gelten: Denn die sozialen Medien sind voll von heftigen Auseinandersetzungen zwischen Menschen die sehr viel gemeinsam haben, darüber, ob die Pandemie wirklich so schlimm ist, wie sie zu sein scheint.

Zur selben Zeit wandert eine Welle von Solidarität und Fürsorge für die Älteren rund um die ganze Welt, es herrscht an vielen Orten Aufbruchstimmung, wir erleben eine nicht für möglich gehaltene Drosselung von Produktion, Konsum und damit auch Umweltverschmutzung. Regierungen überlegen ernsthaft, bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen. Und die Bundesregierung startet sogar einen deutschlandweiten Beteiligungsprozess rund um das Finden von gemeinsamen Lösungen für die mit der Virenkrise verbundenen Fragen.

Meine persönliche Herangehensweise ist: Kritisches Denken ist immer wichtig, auch gegenüber der öffentlichen Meinung.

Panik ist niemals förderlich, egal wie berechtigt sie scheint. Doch Panik und Anti-Panik scheinen sich in ihren Ausdrucksformen sehr ähnlich zu sein, und in ihren Wirkungen auch: Sie kreieren mehr Panik, also Überlebensreaktionen wie Flucht, Kampf oder Starre. Es ist also zweitrangig, ob ich mehr Angst vor dem Virus habe oder vor der Regierung oder vor allen Sorten von “Anderen”.

Wann immer uns die Angst erfasst oder wie eine Welle über uns rollt, können wir nur noch sehr schwer klar denken, geschweige denn unser Mitgefühl, unser Einfühlungsvermögen, unsere Intuition und innere Weisheit zurate ziehen.

Unser Verstand sucht gerade angesichts hochkomplexer und potentiell gefährlicher Vorgänge am liebsten (und manchmal scheinbar verzweifelt) nach schnellen, einfachen, für uns selbst plausiblen Erklärungen – die quasi jede Menge Informationen ausblenden müssen, damit sie einfach genug bleiben, um zumindest ein Stückchen innerer Sicherheit zu spenden.

Ich kann es an mir selbst wunderbar beobachten, wie Wogen der Angst mich durchfluten, in die eine oder die andere Richtung – je nachdem welche Arten von Artikeln oder Nachrichtenbeiträgen ich mir anschaue.

Generell finde ich persönlich es essentiell, dass ich Main Stream Berichterstattung immer auch kritisch hinterfragen darf. Für mich, die ich in der DDR aufgewachsen bin, ist das eine Grundsäule einer demokratischen Gesellschaft: Freie Medien und freie Meinungsäußerung über die Beiträge dieser Medien.

Doch gerade in diesen letzten Wochen erreichen uns extrem widersprüchliche Grundaussagen von allen Sorten von Medien, und der kritische Diskurs, der eigentlich ermächtigen soll, nimmt oft Formen an, die das Potential haben, den Zusammenhalt in der Bevölkerung zu erodieren.

Deshalb ist für mich persönlich gerade das Wichtigste, dass mein kritisches Hinterfragen von Medien und Regierungsorganisationen und ebenso auch mein kritisches Hinterfragen von vielen anderen lauten Stimmen in der Öffentlichkeit, mich nicht darin beeinträchtigt, wie sehr ich selbst mich in Mitgefühl, Fürsorge, Nächstenliebe und Solidarität übe.

Wann immer ich im außen einen vermeintlichen Gegner erspähe, erlebe ich persönlich es als sehr schwierig, selbst großherzig und mitfühlend zu bleiben.

Dabei ist gerade das Mitgefühl eine Kernzutat, die es maßgeblich erleichtern kann, Lösungen angesichts komplexer Herausforderungen zu finden!

5. Mit mir selbst mit-fühlen

Wenn ich feststelle, dass ich selbst gerade dabei bin, mich in Theorien zu verrennen oder krampfhaft Schuldige finden will, kann es ein erster hilfreicher Schritt sein, meine Ängste dahinter anzuerkennen und mir Selbst-Mitgefühl zu schenken.

Ich kann mich selbst trösten, beispielsweise indem ich mir die Hand auf mein Herz lege und mir sage, wie schwierig diese Situation sich gerade anfühlt. Wie bodenlos, haltlos, verzweifelt ich mich fühle. Und dass das ok ist. Dass ich traurig sein darf, und vor allem, dass ich Angst haben darf, sie fühlen darf.

Manchmal merke ich dann ganz deutlich, dass ich gerade gar nicht kämpfen möchte, sondern eigentlich es Zeit ist, zu trauern – und über den Ausdruck der Emotionen und das Weinen, meinen inneren Frieden wieder zu finden.

6. Lenke deinen Fokus darauf, dass wir alle Menschen sind – und einander gerade brauchen

Eines der größten Hindernisse für unsere naturgegebene Hilfsbereitschaft scheint es zu sein, wenn wir uns “anders” als die anderen wahrnehmen. Ich meine damit nicht im Sinne von einzigartig (was wir natürlich sind), sondern im Sinne von scheinbar unüberbrückbaren Gegensätzen.

In den letzten Tagen habe ich immer wieder darüber gelesen, wie “wir” auf der einen Seite und “die Medien”, “die Pharma-Industrie”, “die Politiker” auf der anderen Seite stünden, und wir uns zur Wehr setzen sollten.
Die Sprache zeigt, dass da eine Entmenschlichung stattfindet. Egal ob dies in Richtung “die da oben” geht, oder ein Freund auf einmal nur noch ein “Verschwörungstheoretiker” ist – indem Moment wo wir jemanden in eine Schublade stecken, auf der etwas anderes draufsteht als “ein Mensch wie ich“, kreieren wir die besten Voraussetzungen für Feindseligkeit dieser Person gegenüber.

Eine Feindseligkeit, die in diesem Fall von uns ausgeht, und die wir subjektiv sogar als berechtigt empfinden werden!

Für mich ist auch hier der Dalai Lama das leuchtendste Beispiel, der darauf besteht, dass er nur “einer von sieben Milliarden Menschen” sei, die alle im Grunde einfach nur glücklich und ohne zu leiden leben möchten.

Eine einfache Übung, die mir hilft, in Momenten der Verachtung für andere (die auch menschlich sind!) wieder zu mir selbst zu finden, hat das Greater Good Science Center entwickelt:

  1. Denke an eine Person oder Gruppe von Menschen, die du als vollkommen anders oder mit deinen Werten und Vorstellungen unvereinbar wahrnimmst, mit der du vielleicht auch gerade in persönlichen oder ideellen Konflikten stehst.
  2. Denke an all das, was euch verbindet, was ihr gemeinsam habt. Das beginnt damit, dass ihr beide Menschen seid. Was ist da noch oder könnte da sein? Vielleicht die Erfahrung, beide Kinder zu haben? Schon mal verliebt gewesen zu sein? Einen Menschen verloren zu haben? Sich ängstlich oder verunsichert gefühlt zu haben?
  3. Lass diese Gemeinsamkeiten auf dich wirken und stelle dir dein Gegenüber als einen einzigartigen Menschen vor, dessen Lebenswirklichkeit, Geschmack, Glauben oder Verhaltensweisen, in bestimmten Aspekten deinen eigenen entsprechen oder ihnen ähnlich sind.
  4. Wiederhole bei Bedarf. 🙂

Hier kannst du mehr über die Übung und die zugrundeliegende Studie lesen.

Miteinander füreinander da sein

Für mich ist dies eine unglaublich berührende Zeit. Jeder Tag bringt schmerzliche Nachrichten, UND zeigt wundervolle Beispiele von Menschlichkeit und unserer Kapazität, für einander wahrhaftig da zu sein.

Mögen wir Mitgefühl und Selbst-Mitgefühl immer wieder finden in diesen Zeiten. Damit wir einander in unserem einzigartigen und kollektiven Mensch-Sein so gut unterstützen können, wie es gebraucht ist, in dieser Zeit in der wir leben.

“Meine Freunde, verliert nicht eures Herzen’s Mut. Wir sind gemacht worden für diese Zeit.”

Clarissa Pinkola-Estes

Im Februar hatte ich einen Artikel veröffentlicht über die drei Phasen von Initiation: Trennung, Qualen und Heimkehr, und wie die beiden erstgenannten, sich in immer stärker werdender Heftigkeit vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte für die Menschheit als Ganzes ausspielen.

Dank des Coronavirus’ sind nun innerhalb kürzester Zeit viele der bisher als unverrückbar angenommenen Lebensumstände gerade auf eine Weise aus den Angeln gehoben, die vor Kurzem kaum vorstellbar gewesen wären.

Und weltweit ist das was gerade am hilfreichsten zu sein scheint, eine noch weitreichendere Trennung. So wie eine Raupe sich im Kokon einspinnt um sich vollständig aufzulösen – damit in Enge und Dunkelheit aus nur noch grünem Schleim danach ein Schmetterling entstehen kann.

Es sieht fast so aus, als würden wir nun kollektiv auf Visionssuche geschickt werden – allein oder nur mit unseren Nächsten sind wir auf uns selbst geworfen: Konsum, berufliche Pflichten oder Freizeitleben sind für viele Menschen gerade einfach ausgesetzt und runtergefahren auf was auch immer direkt bei ihnen zuhause möglich (oder nicht möglich) ist.

Manche von uns mögen das als angenehme und vielleicht schon lang ersehnte Pause erleben, als eine Gelegenheit aus einer Tretmühle auszusteigen.
Für andere mag es qualvoll sein, so viel Zeit zuhause zu verbringen – vor allem für all diejenigen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, deren Zuhause kein liebevoller, kein sicherer Ort ist.

Mein Mitgefühl gilt auch den vielen älteren Menschen, deren Hauptlebensinhalt ihre Liebe zu den Jüngsten ist, die Freude am Heranwachsen von Kindern und Enkelkindern – mit denen sie vielleicht für viele Monate nun zu ihrem eigenen Schutz keinen direkten Kontakt mehr haben sollten. Und den Kindern, die nun noch mehr als sonst von ihren Ältesten getrennt sind.

Wir haben viele viele Stunden in den letzten zwei Wochen damit verbracht, Nachrichten, Zweifel, Aufrufe, Warnungen und Entwarnungen aller Arten zu verfolgen.

Für mich ist es dabei hilfreich und tröstlich, auch diese Krise als einen Teil des sich immer weiter intensivierenden Initiationsprozesses der Menschheit anzusehen. Sicher ist COVID-19 nichts, was uns an den Abgrund der menschlichen Existenz bringen kann.

Aber es macht vieles deutlich:

  • wie verletzlich die von uns geschaffenen politischen und gesellschaftlichen Systeme sind
  • wie sehr wir als Menschheit weltweit miteinander verbunden sind
  • wie viel Angst wir vor dem Sterben haben – vor unserem eigenen aber vielleicht mehr noch vor dem unserer Liebsten
  • wie überfordert wir alle mit der Komplexität des modernen Lebens sind
  • wie sehr wir einander brauchen, und wie schmerzlich es ist, nicht freizügig in Kontakt sein zu können
  • dass wir trotz aller Kontrolle, die wir über den Rest der Natur ausgeübt haben und weiterhin ausüben, eben nicht die “Herscher der Schöpfung” sind
  • dass wenn wir erschrocken sind im Angesicht der Bodenlosigkeit der Existenz (welche beispielsweise im Buddhismus so liebevoll erforscht und befreundet wird), wir beharrlich nach Verantwortlichen, nach Schuldigen, nach irgendeiner Art von Bösem suchen, gegen das wir ankämpfen könnten – viel lieber als einem kollektiven Unwissen und einer umfassenden Machtlosigkeit der Menschheit als Ganzem ins Auge zu sehen
  • wie leicht Unfähigkeit, die eigenen Ängste auszuhalten, dazu führen kann, dass wir uns in Meinungen verrennen und in Streit und Vorwürfen gegen Freunde und Bekannte wenden
  • wie tröstlich es ist, Rückversicherung für unsere eigenen Denkmodelle zu erfahren
  • und wie sehr es uns individuell und kollektiv nach Sinn verlangt

Aus den Märchen ist uns das archetypische Muster vertraut:

Der Abstieg in eine furchteinflößende Unterwelt voller Prüfungen und der Begegnung mit schrecklichen Monstern (äußeren und inneren) und den noch schrecklicheren Ängsten vor ihnen, ist scheinbar notwendig im Leben.

Denn kein Mensch findet die tiefsten Seelenschätze, seine Bestimmung und seinen innersten Wesenskern zuhause auf der Couch – oder heute  vielleicht gerade, wenn das “auf der Couch sitzen” nicht so ganz freiwillig geschieht?

Nur durch das Durchleben von gefährlich anmutenden Umständen, die uns fühlbar mit unserer eigenen Sterblichkeit konfrontieren, kann ein Menschlein reich beschenkt, erwachsen und mit gereifter Persönlichkeit “heimkehren” – um dann als König oder Königin das eigene Land mit Güte und Weisheit zu führen.

Damit aus der Raupe ein Schmetterling werden kann, muss ihr Körper sich im dunklen, engen Kokon erst einmal vollständig auflösen – und sich vollkommen neu zusammenfinden.

Diese Auflösung scheint gerade in volle Fahrt zu kommen.

Zu jeder Initiation gehören Qualen, Seelenqualen und manchmal auch äußeres Leiden – wenn ich mich selbst fast auflöse, vom Leben “zerbröselt” und gut “durchgekocht” werde.
Michael Meade nennt diese Phase auch „die lange dunkle Nacht der Seele“.

Sie fühlt sich schrecklich an, es ist sogar schwer, sie von außen bei jemand anderem zu beobachten, und doch ist sie so grundlegend wichtig dafür, zu innerer Reife zu gelangen.

Durch das Leiden fallen alle Masken weg, denn wir haben keine Kraft mehr, sie aufrecht zu erhalten. Auch unsere falschen Identitäten wird das Leben aufbrechen – zum Beispiel die hochmütige Vorstellung, das nichts uns als Menschheit gefährlich werden könne.

Durch das Vom-Leben-aufgebrochen-Werden der narzisstischen Ego-Strukturen unserer globalen Gesellschaft, könnte ein gereiftes Selbst zum Vorschein kommen, eine ganzheitlichere Identität.

Wir könnten dank der rauen Gnade des Lebens am Ende dieser Zeit voller Krisen und Leid herausfinden, uns dessen gewahr werden, wer wir als Menschheit auf der Erde wirklich sind.

Licht in der Finsternis

Was es braucht, um die lange, dunkle Nacht der Seele zu durchstehen, ist vor allem ein wachsendes Bewusstsein.
Tiefe Innenschau mit wachen Sinnen ermöglicht es, dem Selbst auf den Grund zu tauchen, hinab ins Dunkle all dessen, was ich an mir noch nie mochte, wovor ich schon immer Angst hatte, wo ich elendig gescheitert bin, wo ich mit der Welt und dem Leben hadere, wo ich mich klein und schwach und vollkommen unzureichend und hilflos fühle.

Am Boden des tiefen, dunklen Seelengewässers wartet ein hell leuchtender Schatz darauf, dann gehoben zu werden, wenn ich schon fast aufgegeben habe.

In der langen, dunklen Nacht der Menschheit geht es darum, uns selbst zu begegnen, in furchteinflößender Tiefe. Und das tun wir.

Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hatten wir so viel Einblick darin, was wir als Menschheit weltweit erleben, erschaffen oder zerstören. Das Internet trägt Informationen aus jedem Winkel der Erde herbei und macht sie weithin sichtbar. Mit den Informationen über die Brände in Australien oder einen möglichen Krieg zwischen den USA und dem Iran reisen auch Gefühle um die Erde: Angst, Zorn, Hilflosigkeit und Ohnmacht werden von Millionen von Menschen geteilt und durchlebt.

Natürlich nehmen nicht alle Menschen Anteil. Aber es ist eine große und wachsende Anzahl von Menschen, die hinschaut.

Es schmerzt so schrecklich, zu wissen und zu fühlen, wie viel von unserem geliebten Planeten, von unserem Zuhause, von unserer Mutter Erde zusammenbricht, wie viele Menschen und andere Wesen leiden. Die Angst zu ertragen, dass die Kinder von heute vielleicht die letzte Generation von Menschen sein könnten, die das Erwachsenenalter überhaupt noch erreichen, wie es der Dalai Lama 2018 in seinem Appell an die Welt so direkt und ungeschönt aussprach.

Wenn wir davon ausgehen, dass die Menschheit sich entwickelt, dann brauchen wir genau das, was viele von uns jetzt gerade durchleiden, um gemeinsam erwachsen zu werden: das Erleben von Scheitern, von Hoffnungslosigkeit, Aussichtslosigkeit, von unsäglicher Trauer, von Desillusionierung, bis hin zum Aufgeben und einer gefühlten Begegnung mit dem Sterben, mit dem Tod.

In einer Initiationskrise sind dies wichtige Bestandteile, die dazu führen, inmitten der Finsternis, in voller Demut, ein wahrhaftiges Selbst zu entdecken, das unabhängig ist von Rollen, Masken, Erwartungen, Erfolgen im Äußeren, vom Plan meines Egos, von Kontrolle und Zwang, von oberflächlichen Vergnügungen und äußerer Sicherheit.

Es ist dies die Zeit, in der wir als Menschheit inmitten der Trümmerlandschaft um uns und in uns, unser innerstes Selbst entdecken können, das zutiefst verbunden ist mit der Seele der Welt.

Vieles von diesem Selbst kennen wir schon, weil es ähnlich wie der Wesenskern eines Menschen nie ganz verschwunden war. Dazu gehört unsere Kraft zu lieben, mitzufühlen, füreinander zu sorgen, füreinander einzustehen, gemeinsam in Einigkeit Lösungen zu finden, eine Gesellschaft zu gestalten, welche die Vielfalt und Fülle unserer nicht-menschlichen Mitwesen mehrt und nährt, Kultur zu schaffen, die Menschen von klein auf bis ins hohe Alter ermöglicht, ihre Potentiale zu entfalten und zu schenken.

Jede/r von uns ist ein Teil der Menschheit, des menschlichen Bewusstseins. Margaret Wheatley erforscht und unterstützt seit fast dreißig Jahren systemischen Wandel in vielen Ländern der Erde (beispielsweise über das von ihr gegründete Berkana Institut) und beschreibt eindringlich, was es braucht, um mit heftigem Wandel auf eine lebensfördernde Weise umzugehen: einen Geisteszustand jenseits von Hoffnung und Furcht.

Mir geht es so wie vielen Menschen in meinem Umfeld, dass ich inmitten der rasanten Schreckensmeldungen über den Zustand der Welt UND der hoffnungsfrohen Botschaften über Lösungen, die auftauchen wie Pilze nach einem Sommerregen, oft regelrecht hin- und hergeschüttelt werde – zwischen aufkeimender Hoffnung und tiefer Furcht vor dem Scheitern.

Der Ausweg aus dieser Achterbahn, den Meg Wheatley beschreibt, ist es, statt eine rosige Zukunft zu wünschen oder vor einer schlimmen Zukunft zu erzittern, wie in der Meditation oder in Achtsamkeitsübungen, so voll und ganz ich es vermag, in der Gegenwart und im Jetzt zu bleiben.

Es braucht dafür die Bereitschaft, mit unserer eigenen Unsicherheit, unsrem Nicht-Wissen, und letztlich der Bodenlosigkeit des Seins vertraut zu werden, sie auszuhalten, zu lernen, uns in ihnen zuhause zu fühlen.

Leben war schon immer Veränderung, doch heute zerfallen Systeme, Ideen und Beziehungen immer schneller. Das meiste, was vor Jahren noch eine Illusion von Sicherheit spenden konnte, rinnt rasend schnell wie Sand durch unsere Finger, sodass es immer notwendiger wird, diesen Auflösungszustand ertragen zu lernen – indem wir präsent mit ihm bleiben.

Natürlich ist es schmerzhaft, präsent zu bleiben. Doch alle Vermeidungsstrategien schmerzen ebenso.

Zwischen Erfolg und Scheitern ist ein Raum

Wenn ich weiß, was ich für die Zukunft will, und an bestimmten Lösungsstrategien festhalte, bin ich viel eher geneigt, Opfer meines Wollens zu werden. Wenn ich mich im Recht glaube, handele ich oft blindlings, und schade dabei mir selbst oder anderen. Ich streite und ignoriere bewusst oder unbewusst andere Stimmen und Bedürfnisse – weil ich so identifiziert bin mit meiner Ideologie.

Wenn ich voller Furcht bin, rechtfertige ich mit dieser unter Umständen auch die schlimmsten Sorten von „Schutzmaßnahmen“, mit denen ich mich verteidige oder sogar selbst angreife – weil ich keinen anderen Ausweg sehe. Beide Zustände sind nicht nur im Moment rücksichtslos, sondern langfristig ein Nährboden für Manipulation, Verblendung, Volksverhetzung und für ein weiträumiges Beschreiten von persönlichen oder gesellschaftlichen Irrwegen.

Wenn ich jedoch präsent bin, im Zustand jenseits des Wollens und Fürchtens, kann mein innerer Kampf zur Ruhe kommen und ich habe Zugang zu all dem, wovon ich in der Tiefe meines Selbst weiß, dass es jetzt in diesem Moment gerade stimmig und hilfreich ist, im Einklang mit allen meinen Werten.

Dies zu erleben und zu erlernen ist eine der Gaben von Initiationskrisen.

In den Initiationsgeschichten von unserer Lehrerin Sobonfu Somé, die zum Volk der Dagara in Westafrika gehörte, war es für die jungen Menschen und für das gesamte Dorf keine Selbstverständlichkeit, dass deren fordernder und gefährlicher Initiationsprozess von allen Teilnehmenden überlebt wird.

So kann, sogar darf es auch keine Selbstverständlichkeit sein, dass der Initiationsprozess der Menschheit von uns überlebt wird. Im Nicht-Wissen, ob alles gut ausgehen wird, sind wir darauf geworfen, in jedem Moment das zu tun, was das Richtige ist, uns so zu verhalten, als ob dieser Moment alles ist, was uns bleibt.

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

Vaclav Havel

Meg Wheatley schreibt, dass sie im Raum jenseits des Strebens nach Erfolg oder der Angst vorm Scheitern lernen konnte, wie es sich anfühlt, sich stimmig zu verhalten: auf unergründliche Weise klar und getragen von Energie. Wenn sie sich wütend, frustriert oder zornig fühle, habe sie gelernt, sich nicht davon bestimmen zu lassen, sondern innezuhalten, nicht zu handeln, bevor sie wieder präsent im Moment ist, und dabei immer wieder erfahren:

„Es ist nicht das Ergebnis, was zählt. Es sind die Menschen, unsere Beziehungen, die unseren Anstrengungen einen Sinn geben. Wenn wir uns von dem Drang befreien, mit unseren Bemühungen erfolgreich zu sein, können wir erleben, wie es leichter wird zu lieben.

Wir hören auf, Sündenböcke zu suchen, wir hören auf, anderen die Schuld zu geben, und wir hören auf, voneinander so enttäuscht zu sein.

Wir erkennen, dass wir wahrhaftig alle gemeinsam in einem Boot sind, und das ist alles, was zählt.“

mit denen laut Wissenschaft Weinen heilsam wirkt

 

Weinen kann gewaltige Erleichterung bringen – jedoch nicht immer.
Wissenschaftler, die seit Jahrzehnten probieren das emotionale Weinen in Labors zu erzeugen, um es zu untersuchen, wissen dies am besten, denn hier fühlen sich Probanden danach oft kein bisschen besser.
Werden Menschen jedoch nach Wein-Momenten in ihrem “normalen” Leben befragt, ist die überwältigende Mehrheit sich einig: Weinen erleichtert und löst auf kathartische Weise auf, was vorher so belastend war.
Ein Forscher-Team von der Universität Süd Florida und einer Universität in den Niederlanden hat deshalb vor gut zehn Jahren zusammen mit zwei anderen WissenschaftlerInnen über 4.000 Menschen aus 30 verschiedenen Ländern interviewt um herauszufinden, welche Faktoren dazu beitragen, WANN weinen denn erlösend wirken kann?
Ihre Ergebnisse untermauern, was wir in unserer Trauer-Arbeit auch berücksichtigen und nutzen…

 

1. Selber JA sagen!

Wenn ein Moment des Weinens mir selbst nicht willkommen ist, weil ich mich auf anderes konzentrieren will oder mich dafür schäme, ist es viel weniger wahrscheinlich, dass ich die Tränen als heilsam erlebe.

 

2. Soziale Unterstützung empfangen

In den Interviews schätzten die interviewten Menschen rückwirkend ihr Weinen als insgesamt erlösender ein, wenn sie dabei soziale Zuwendung erhalten hatten.
Am leichtesten fiel das den meisten, wenn es nur ein Gegenüber gab, nur ein anderer Mensch dabei war, und dieser auch noch rückversichernde, tröstende, ermutigende Worte, sowie freundliche, zugewandte Mimik und Gestik für die Weinenden hatte.
Dank genauerer Fragen wurde deutlich, dass in Kontexten mit mehreren Menschen nicht so sehr die Anzahl hier hinderlich war, sondern es sich hierbei vorwiegend um Kreise handelte, in denen Weinen grundsätzlich nicht oder in diesem Moment nicht willkommen geheißen wurde (über Worte, Mimik, Gestik), so dass eher ein Gefühl von Scham oder Beklommenheit im trauernden Menschen aufkam.
Wenn in einer Gruppe, einem Team oder anderem Kreis Tränen aufkommen, brauchen wir voneinander also umso mehr, dass wir uns deutlich darin bestätigen, dass wir auch mit Tränen und schmerzlichen Emotionen willkommen sind, dass wir in unserem Schmerz gesehen und gewürdigt werden.

 

2. Den Verlust auf neue Weise verstehen

Als Menschen sind wir Sinn suchende Wesen, und geben aus uns selbst heraus den Dingen Sinn. Wir schenken dem was geschieht eine Bedeutung unserer Wahl (entsprechend unserer Weltsicht, Denkmuster und -gewohnheiten).
So ist es nicht überraschend, dass das erfolgreiche “Finden” eines neuen Sinnes in dem Verlust, dem Leiden oder der Herausforderung, uns dabei hilft, nach dem Weinen einen Zustand der Katharsis zu erleben, wie es auch in der Studie dokumentiert werden konnte.
In dem Moment wo wir unser Verständnis wandeln, hat sich etwas an der Bedeutung des Verlustes für uns selbst gewandelt, und die veränderte Sicht auf die Geschehnisse, ermöglicht die innere Erleichterung.
Wann immer es schwierig ist, sucht unsere Psyche nach einem Sinn für das Schlimme, nach etwas Positivem, das wir dem Schrecklichen abgewinnen können.
Ist die neue Einsicht gefunden, kann sich etwas in unserer Tiefe entspannen und lösen. Das Trauern (und als Teil davon auch das emotionale Weinen) ist eben ein Prozess der Integration, wo schmerzhafte Dinge in unserem Leben (die vorhandenen wie die fehlenden) an ihren gegenwärtig stimmigsten Platz gerückt werden.

 

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3. Mit Demut und Selbstverantwortungsblick schauen

Wenn ich Verantwortung für den Auslöser des Weinens bei mir selbst finden kann, statt sie anderen zuzuweisen, kann ich laut der Studie das Weinen eher als heilsam und erleichternd erleben. Sehe ich die Verantwortung stattdessen vor allem bei meinem Gegenüber, kann ich mich nach dem Weinen zwar körperlich besser fühlen, mental ist es aber weniger erleichternd.
In meiner Erfahrung kann es ein wichtiger Teil für jeden Trauer-Prozess sein, mich zu fragen was ich selbst anders machen würde, wenn ich die Chance dafür noch einmal bekäme.
Indem ich anerkenne, dass niemand anders für meinen emotionalen Zustand verantwortlich ist, sondern alle Mitmenschen sich genau so verhalten wie es ihnen eben möglich ist, und es letztendlich bei mir liegt, wie ich damit umgehe, wie ich mich selbst schützen und für meine Bedürfnisse sorgen kann, bleibt die Verantwortung bei mir – nicht im Sinne von Schuld, sondern im Sinne von Gestaltungskraft.
Auch wenn sich Gefühle von Reue dabei einstellen – das Trauern und Weinen über das, was ich selbst versäumt habe (weil ich selbst auch nur nach meinen eigenen Möglichkeiten handeln konnte) kann die Tür öffnen für bewusstere Entscheidungen und hilfreichere Denk- und Verhaltensweisen in der Zukunft, welche ich durch das Trauern bereits ein Stück weit auf den Weg bringe. Denn ich verbinde auf eine sinnhafte Weise die vergangenen Ereignisse mit meinen (zukünftigen) Bedürfnissen und meinen Werten.
Ein Drittel der Momente des Weinens ereignen sich laut der Studie am späten Abend, zwischen 10:00 Uhr und Mitternacht, einer Tageszeit die als “Nordwesten” auch im 8 Schilde Modell eng mit dem Trauern verbunden ist, weil sie unter anderem Zeit und Raum für Rückschau und tiefere Reflektion schenkt, und nach dem Sinn von Erlebnissen fragt.
In dieser Phase (die nicht nur jeden Tag gefunden werden kann, sondern auch in jedem Jahr, in jeder Biographie, in jedem Projektkreislauf usw.).
Nach dem Nordwesten folgt bei den 8 Schilden der “Norden”, wo es unter anderem um das vollständige Integrieren des Erlebten geht, also vereinfacht gesagt darum, mit Orientierung an unseren Werten und unserer Ausrichtung im Leben aus dem was war und dem was gerade ist ein Bündel voller “Medizin” zu schnüren, welches für das was kommt besonders hilfreich sein könnte.

4. Eine Lösung (er)finden

Der selbstverantwortliche Blick erleichtert auch die vierte Zutat für kathartisches Weinen, nämlich das Eintreten einer Lösung, einer Veränderung der auslösenden Umstände, mit Aussicht auf weniger Verlust und Leiden.
Denn bei vielen Herausforderungen denen wir uns gegenübersehen können wir uns allein selbst verändern, unsere Umgehensweise damit, die eine Auflösung der schwierigen Situation ermöglicht oder begünstigt.
Bei Beziehungsthemen wurde eine Wiederannäherung an den anderen als ein Faktor für Erleichterung nach dem Weinen beschrieben. Ebenso auch eine mit Hilfe des Weinens sich zeigende Veränderung für die gegenwärtigen Situation des Weinenden:
Wenn ich mein Trauern beispielsweise dafür nutzen kann, wieder mehr bei mir selbst anzukommen, langsamer zu machen, wenn ich gerade mehr Ruhe brauche, im Bett liegen zu bleiben, wenn ich gerade erschöpft bin, mich von etwas zu verabschieden, was meinem Weg nicht mehr dienlich ist, usw., dann ist es umso leichter, das Weinen an sich als Durchbruch und Katharsis zu empfinden.
Im Einzelnen werden in der Studie folgende “Lösungen” als hilfreich benannt: mich selbst wieder stabil fühlen, ein Ziel erreichen, eine neue Wahrnehmung der Situation, sowie Frieden finden mit der Situation, die das Weinen ausgelöst hat. 
Als Hauptgrund für Weinen auslösende Situationen werden Verluste genannt.
Auch Konflikte sind häufig ein Auslöser, vor allem für Frauen.
Allgemein können ganz unterschiedliche emotionale und mentale Zustände Weinen mit sich bringen. Laut eines Berichts im Journal for Holistic Nursing zählen dazu: Freude, Frustration, Traurigkeit, Wut, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Angst, Reue, Kummer, Einsamkeit, Scheitern, Dankbarkeit und Empathie, sowie Vergnügen, Gnade, Versuchung, ein entfliehen wollen oder auch Rache.

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Und wieso Freudentränen?

Männer weinen häufiger Freudentränen als Frauen. Wenn unser Herz vor Freude überfließt geschieht dies, weil besonders tiefe Freude und Angst oder Traurigkeit wie zwei Seiten einer Medaille sind. Was mir zutiefst wichtig ist, weil ich es liebe, birgt die größten Verluste in sich.

In ihrem Bekenntnis zum “Weinen das heilt” (engl. “Crying that Heals“) beschreiben Griffith, Hall & Fields, dass Freudentränen eigentlich ein Ausdruck für all die Ängste, den Kummer über einen möglichen Verlust sind, der eben glücklicherweise nicht eingetreten ist.

Ein Beispiel: Weine ich vor Freude über ein gesund von einer langen Reise heimgekehrtes Kind, sind in diesem berührenden, freudenreichen Moment all die vielen Möglichkeiten mit im Raum, in denen es hätte verunglücken oder verloren gehen können.
Freudentränen schenken somit die Möglichkeit, in einem sicheren Rahmen, wenn die Gefahr quasi vorüber ist, ich nicht mehr tapfer zu sein brauche, die (vielleicht auch vielfach unbewusste) Anspannung und Stress einer angst- oder schmerzbesetzten Vor-Situation zu lösen, mit Weinen als tief gehendem emotionalen Ausdruck.

 

5. Was noch fehlt…

In meiner Erfahrung spielen noch weitere Faktoren eine Rolle dafür, ob ein Moment des Weinens als heilsam empfunden wird, vor allem ob im Anschluss ans Weinen ein Willkommen heißen von anderen stattfindet, verbunden mit einem nährenden Versorgen der körperlichen und seelischen Grundbedürfnisse, und auch einem Erzählen des Durchlebten und Durchlittenen.
Dieses Willkommen heißen hinterher gibt die Möglichkeit, alle schon genannten Punkte zu verfestigen und somit eine runde Gesamt-Erfahrung zu kreieren.
Diese Gesamterfahrung, bei der es mir gelungen ist, durch Weinen Erleichterung und Heilung zu finden, wird es mir bei der nächsten Gelegenheit leichter machen.
Denn auch ein bereits Vorhandensein von “erfolgreichen” Trauer-Erfahrungen in der Vergangenheit der interviewten Menschen ist ein Faktor, der sich in der Studie des internationalen Forscherteams deutlich darauf ausgewirkt hat, ob Momente des Weinens als kathartisch erlebt werden konnten.

Kathartisches Weinen verbindet Körper, Verstand und Geist

Im Konzept vom “Weinen das heilt” (engl. “Crying that Heals“) beschreiben Griffith, Hall & Fields, dass heilsames Weinen, wenn ganzheitlich betrachtet, den Abgrund zwischen Verstand, Körper und Geist zu überbrücken scheine, auch wenn wissenschaftlich (noch) nicht erklärbar ist, wie genau dies vonstatten gehe.
Sie greifen die Idee auf, dass es sowohl für Weinende, als auch für Zeugen einen tiefgreifenden spirituellen Transzendenz-Prozess ermögliche, dass es “ein Fenster zum inneren Selbst eröffne, ein Fenster, das ein spirituelles Erwachen möglich mache, durch das wir tiefe Ruhe und inneren Frieden erleben” könnten. Sie sprechen von einer ganz besonderen spirituellen Erleuchtung, die das Selbst und das tiefere Sein erfrische, die Seele wieder erwecke und damit sowohl körperliches als auch seelisches Leid lindern könne.
Zwar existieren einzelne Schilderungen von weinenden Hunden, Affen und Elefanten, doch scheint das emotionale Weinen im Großen und Ganzen vor allem ein menschliches Phänomen zu sein.
Ich sehe darin ein unfassbar kraftvolles Geschenk der Schöpfung für unser Leben und Zusammenleben, dass uns immer wieder ermöglicht, mit erneuerter Weichheit, Liebe und Verletzlichkeit in Verbindung mit einander zu sein und zu wachsen.

 

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Wir brauchen einander zum Weinen und Trauern, jetzt!

Gerade heute, wo wir mit der zunehmenden Zerstörung von Lebensräumen und Artenvielfalt, angesichts so viel Leidens überall auf der Erde, und so viel kaum fassbarer Angst vor einer völlig ungewissen Zukunft so viele gemeinsame Gelegenheiten zum Weinen haben, ist dieses Thema aktueller denn je.
Niemand ist in der Lage vorherzusagen, ob für die Kinder unserer Zeit noch ausreichend gesunde natürliche Welt übrig sein wird, um sich selbst zu versorgen und um Lebensraum und Heimat an ihre Enkel und Urenkel weitergeben zu können.
Der Schmerz in unserer tief mit der Erde verbundenen Seele hat nie dagewesene Ausmaße erreicht. Manchmal schaffen wir es, ihn auszublenden. Manchmal spricht er durch uns mit einer aufbrausenden Stimme von Aggressivität und Schuldzuweisungen. Die weitere Entwicklung der Erde und der Menschheit ist ein Thema, das unglaublich stark polarisiert.
Die sozialen Medien sind voll von heftigen Auseinandersetzungen über Theorien und Gegentheorien, von gegenseitigen Schuldzuweisungen, Vorwürfen, Anfeindungen gegen Menschengruppen unterschiedlichster Art. Wenn Trauer da ist und sie keinen gesunden Weg findet, zeigt sie sich in Hass und Aggressivität, und statt als Menschheit zusammenzuhalten bekämpfen wir uns gegenseitig. Manchmal verhärtet sie uns zu resignierter Bitterkeit und Starre, so dass wir mehr tot als lebendig durch unsere Tage gehen.
Doch wir sind dem nicht ausgeliefert – das Trauern kann uns immer wieder aus der Krise in die Katharsis helfen, und Freude zurückholen.

 

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Die Trauer um die Natur und um die gefährdete Zukunft betrifft uns alle, wir sind alle selbst mit verantwortlich (und können diese Selbstverantwortung auch zu uns nehmen), und sie nutzen um  demutsvoll unser Verständnis der Situation immer wieder zu vertiefen und zu erneuern.
Wir können im Trauern, durch das Trauern Lösungen finden und bekräftigen, die von der aufgeweichten, in Sanftmut wirkenden Energie unseres Schmerzes genährt genau das in die Welt bringen können, was wir als Menschheit zu verlieren drohen oder glauben schon verloren zu haben – die tiefe, nährende und fürsorgende Liebe zwischen uns und der gesamten Schöpfung.
Martín Prechtel, ein begnadeter Autor und Sammler von Erfahrungen in tiefer Verbindung mit der Natur, vermag es in Worte zu fassen, was möglich ist:

 

“Wenn wir selbst als Individuen unser Verlorensein und unsere Orientierungslosigkeit anerkennen und betrauern, können wir unser Einheimisch sein auf der Erde wieder zurück ins Leben erinnern. Wir können unser Verlorensein auf diese Weise zu wertvollem spirituellem Kompost verdauen, welcher uns erlaubt genau da innezuhalten wo wir stehen, und nicht vor unserer seltsamen Vergangenheit wegzurennen, sondern klein zu sein, unbewaffnet, tapfer und schön.
 
So können wir das Heilige in der Natur mit jenen Früchten der Schönheit füttern, die an jenem Baum reifen, zu dem die Erinnerung an unsere indigene Seele heranwächst. Dieser Baum wächst und gedeiht im kompostierten Scheitern unseres einstmaligen Drängens, die Welt zu erobern. Er wird gewässert von den Tränen der Trauer unserer gesamten Kultur.
Auf diese Weise können wir vielleicht zu Ahnen werden, die es würdig sind, von ihnen abzustammen, indem wir einen Ort der Hoffnung erwachsen lassen, für eine Zeit jenseits der unsrigen.”
Martín Prechtel 

 

Magst du mehr übers Trauern lesen? 

 

Hier findest du unsere Artikel über das “Geschenk der Tränen”…
In Gemeinschaft trauern kannst du beim Trauer-Feuer, einem Ritualworkshop mit uns am Schloss Tempelhof bei Crailsheim….
Oder in unserer berufsbegleitenden Ausbildung “Trauern in Gemeinschaft” zusammen mit anderen Menschen das Leben bekräftigen, nähren und feiern.…
…wie wir Menschen tiefen Verlust erleben und bewältigen

“Trauer ist eine unmenschliche Erfahrung, die in einem menschlichen Körper stattfindet.”

Christina Rasmussen

Im letzten Jahr, nachdem unsere geliebte Lehrerin Sobonfu Somé gegangen ist, habe ich viele Monate damit verbracht, noch tiefer zu erforschen und zu erlauschen, was Trauer ist und was wir als Menschen brauchen, um auf eine gesunde Weise mit ihr umzugehen.
Trauern ist Leben 
Viele Wissenschaftler heute bekräftigen das, was wir aus dem überlieferten Verständnis naturverbundener Kulturen wie der Dagara in Burkina Faso bereits wissen: Dass ein Fühlen, Durchleben und Verarbeiten der Trauer lebens-wichtig ist! Unsere seelische, geistige, körperliche Gesundheit hängen davon ab, ob und wie wir es schaffen, die großen (und kleinen) Verluste im Leben zu bewältigen.
Die Fähigkeit tiefe Freude zu empfinden hängt davon ab, ob ich auch Traurigkeit zulassen und ausdrücken kann.

Was ich in allen meinen Nachforschungen nicht finden konnte, waren handfeste Informationen darüber, warum wir überhaupt trauern?
Trauer zieht uns in ihren Bann
Biologisch versetzt Trauer uns in einen extrem verwundbaren Zustand: wir sind auf uns selbst geworfen, nehmen weniger wahr im Außen, wenden unsere Aufmerksamkeit ganz nach innen, wo wir scheinbar versinken in den starken Emotionen die zur Trauer dazugehören, wie Traurigkeit, Wut, Verzweiflung, Leere, Dumpfheit oder Angst.
Wenn wir trauern, sind wir oft nicht in der Lage, proaktiv sozial zu interagieren, uns unseren Liebsten zuzuwenden, unserer Verantwortung nachzukommen. Die einfachsten Dinge des täglichen Lebens können uns als unmöglich schaffbar erscheinen.
Warum hat die Natur es so eingerichtet, dass ein schlimmer Verlust unser gesamtes System so grundlegend außer Kraft setzen kann?
Die Antwort ist so einfach wie auch erstaunlich:

Nur durch das Trauern können wir etwas lernen und verinnerlichen,

was nicht mehr da ist.

Oder sogar auch etwas, was noch nie, oder gefühlt viel zu wenig da war. 

Der Mensch, den wir verlieren hat ganz bestimmte Geschenke in unser Leben gebracht: Vielleicht war es ein Gefühl von Geborgenheit, oder Inspiration, oder Ermächtigung, Liebe oder Weisheit. Vielleicht hat die Person Lebenslust verkörpert oder große Hingabe und Schaffenskraft.
Trauern ermöglicht uns zu lernen 
Wenn wir um jemanden trauern, verbinden wir uns auf tiefster Seelenebene mit all dem, was er oder sie für uns war. Wir blenden die Wirklichkeit im Hier und Jetzt ein Stück weit aus, um ganz tief mit dem zu sein, was nicht mehr sein kann.
Mit intensiven inneren Bildern, angefeuert von überwältigenden Emotionen, kreieren wir für unseren Verstand eine enorm kraftvolle Lernerfahrung.
Das was wir am meisten geliebt haben, die Essenz sowie auch konkrete Verhaltensweisen, an die wir uns erinnern, verinnerlichen wir – sogar obwohl es im Außen nicht mehr existiert, nicht mehr wahrnehmbar ist.
Damit ist Trauern ein unglaublich wichtiger Prozess für das sich immer weiter Entwickeln von uns als Menschen, individuell und gesellschaftlich.
Trauern über was nicht sein konnte
Erst als ich als erwachsene Frau zu tiefer Naturverbindung geführt wurde, begann für mich ein Trauerprozess über all den Mangel an Naturerfahrung, den ich früher als Stadtkind – damals völlig unbewusst – durchlitten habe.
Erst als ich als erwachsene Frau konkretes Wissen und Bilder über Sobonfu’s Kindheit in der Stammeskultur der Dagara erfuhr, durchlebte ich einen Trauerprozess über den Mangel an lebendiger Gemeinschaft in meinen Kinder- und Jugendjahren.
Auch wenn ich als Kind unterdrückt, bezwungen oder missbraucht wurde, kann ein Teil meines Trauerprozesses erst dann beginnen, wenn ich als Erwachsene davon erfahre, wie es anders hätte sein können.
Wenn ich als Erwachsener erlebe, wie respektvoll mit einem rebellierenden Jugendlichen umgegangen wird, kann ein Trauerprozess in mir beginnen – weil mein gesamtes System erst dann wirklich be-greifen kann, welchen Verlust an Respekt ich durchlitten habe.
Wenn ich erlebe, wie ein Vater oder eine Mutter einfühlsam mit einem weinenden Kleinkind spricht, kann ein Trauerprozess in mir beginnen – weil ich dann erst begreifen kann, dass ich viel zu früh einen Verlust an bedingungsloser Liebe erlitten habe.
Um trauern zu können, brauche ich ein Bild von dem, was ich verloren habe. Manchmal ist es ein Mensch, den ich verloren habe, manchmal aber auch körperliche oder seelische Unversehrtheit, manchmal Vertrauen, Liebe, Selbstwirksamkeit, die mir schmerzlich gefehlt haben.
Trauern hilft, Kreise zu schließen und einen gesunden Weg in die Zukunft zu finden
Wenn ich schwierige (Kindheits-)Erlebnisse nicht betrauere, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass ich genau das weitergebe, was für mich selbst Leid verursacht hat.
Unsere Fähigkeit zu lieben und uns zu binden hängt unter anderem davon ab, ob ich den Verlust von geliebten Menschen, oder auch einen Mangel an Liebe und Bindung in meiner eigenen Vergangenheit betrauern und damit das Verlorene oder nicht ausreichend da Gewesene integrieren kann.
Somit kann das gesunde Trauern die Schicksalsschläge unseres Lebens in Geschenke verwandeln – vielleicht werden sie uns selbst ein Leben lang schmerzhaft in Erinnerung bleiben, aber wir können es schaffen ermächtigt, gestärkt und mit guter “Medizin” für die Menschen um uns herum, und für unseren eigenen Lebensweg daraus hervor zu gehen.
Trauern für die Erde und für die Menschheit
Ich glaube, dass auch unsere Fähigkeit, als Individuen und als Gesellschaft im Einklang mit der Erde zu leben, davon abhängen wird, ob wir es schaffen können, die schrecklichen Verluste zu betrauern, die in der Geschichte und immer deutlicher fühlbar in den letzten Jahrzehnten der Gemeinschaft allen Lebens und damit auch uns als Menschen widerfahren sind und die uns jetzt gerade umgeben oder unmittelbar bevorstehen.
Wenn wir es nicht schaffen, zu trauern, laufen wir Gefahr abzustumpfen, in Depressionen, Bitterkeit und Hass, bis hin zur Selbstzerstörung oder Aggressivität gegenüber anderen zu verfallen.
Das Trauern öffnet und reinigt unser Herz, erlaubt uns weich zu sein, und ermöglicht es uns, auf unsere individuell bestmögliche Weise zu handeln, statt zu kämpfen, zu flüchten oder in Starre zu verfallen.
Es hilft uns dabei, selbst ein besserer Mensch zu werden, egal wie widrig die Umstände sind. Und an den vielen Orten wo wir sind, die vielen kleinen Dinge zu tun, die die Gemeinschaft der Menschen im Kern zusammenhalten, jenseits aller politischen und gesellschaftlichen Institutionen.
Trauern braucht Gemeinschaft – Gemeinschaft braucht Trauern
Ich kann dies nicht alleine schaffen” heißt es im Dagara-Lied für das Begräbnis-Ritual, in dem die Menschen zusammenkommen und über das Scheiden eines geliebten Menschen, sowie auch alles mögliche andere, was auch immer noch an Schmerzen da ist, gemeinsam zu trauern.
Gerade für unsere tiefste Trauer brauchen wir einander, für die Verluste die uns selbst vielleicht Angst und Schrecken einjagen, und die wir kaum zu berühren wagen.
Gegenseitig können wir uns Zeugenschaft schenken, ein gesehen werden und gefühlt werden, wie es für Menschen zutiefst heilsam ist.
In den Jahren 2011-2016 konnten wir jeden November gemeinsam mit Sobonfu trauern, nach ihrer Art, in einem Ritual das aus den Traditionen der Dagara und Sobonfu’s Kenntnis über die Bedürfnisse der Menschen hier und in den USA zurechtgeschneidert war.
Für uns war es nicht möglich, in der wenigen Zeit die uns mit Sobonfu noch blieb, dieses geheimnisvolle, schwer wiegende und sehr kraftvolle Ritual zu übernehmen und selbst auch ohne sie halten zu können.
Nach ihrem Verscheiden im Januar 2017 war ich somit auf der Suche nach einer anderen Form des Trauerns in Gemeinschaft, die sich hier für uns und von uns anwenden ließe.
Das Trauer-Feuer
Ich habe viele Puzzle-Teile gesammelt und zusammengesetzt, bis wir im vergangenen November erstmalig am Trauer-Feuer trauern konnten, mit einer großen Gruppe von Menschen am Beuerhof in der Eifel, unterstützt von Salvatore Gencarelle. Sal hat dabei geholfen, unser Modell zu prüfen und in der Durchführung zu erproben, und ich bin unendlich glücklich, damit nun eine Handlungsgrundlage zu haben, für ein gesundes und gut gehaltenes Trauern in Gemeinschaft hier bei uns, von uns und für uns, hier in Europa.
Auch in diesem Jahr wird das Trauer-Feuer wieder stattfinden, diesmal mit mir und Judith Wilhelm, einiges werden wir variieren, passend zum Jahr, zu den Menschen, zum Ort. Tragen wird uns das Grundgerüst des Trauer-Feuers, so wie es auch im letzten Jahr war.

Das “Heilige Feuer”, das heilende Feuer, ist die Grundlage für unser Trauer-Feuer. Die Teachings darüber sind 2005 über den Anishinabe Friedensstifter Paul Raphael nach Europa und auch zu uns gekommen. Beim Trauer-Feuer schenkt es einen geborgenen, heilsamen Raum dafür, einander in Zeiten der Trauer zu bezeugen und zu begleiten. Am Feuer können Geschichten und Gefühle geteilt und Tränen geweint werden, die laute und die leise Trauer dürfen fließen.
Und in Stille vor dem Knistern der Flammen kann selbst das angehört werden, wofür es keine Worte gibt.
Das Feuer, das Element das nur wir Menschen in unsere Mitte geholt haben, bringt uns als Gemeinschaft zusammen, so dass wir in unserem tiefsten Menschsein einander beistehen können. Es verbindet uns mit der Welt der Ahnen, all derer die vor uns gegangen sind, und deren Erbe in uns und um uns noch lebendig ist.
Das Feuer hat die Kraft zu verwandeln. Aus der Asche des Verbrannten hilft es uns, das Wesentliche zu erkennen und uns daran zu erinnern, wer wir sind.
Das gleißende, wärmende Licht des Feuers hilft uns zu sehen, welches Geschenk dem schlimmen Verlust innewohnt. Wie die Trauer darüber uns selbst helfen kann.
Und wie sie uns mit ihrer bitteren Medizin eines Tages helfen kann, anderen zu helfen.
Und weil der Bedarf für ein gesundes Trauern in Gemeinschaft, vor allem auf eine Weise die tief verwurzelt in der Natur und den Elementen ist, mit jedem Tag größer zu werden scheint, werden wir im November 2019 die erste zweijährige Ausbildung zum Trauer-(Feuer)-Facilitator und Begleiter starten. Dafür ist die Teilnahme am Trauer-Feuer-Workshop eine gute Vorbereitung. Alle weiteren Informationen dazu folgen bald…

Mehr Infos zum Trauer-Feuer-Workshop

Interessierst du dich für das Thema Trauer? Hier kannst du noch mehr darüber lesen, was Trauern bedeutet und was es braucht, um Trauer gut zu verarbeiten oder zu begleiten….

Geht es euch auch so, dass die Nachrichten aus aller Welt gerade in den letzten Monaten immer schwerer auszuhalten sind?
Eine ehemalige CIA-Agentin hat Hinweise dazu gegeben, wie sie selbst mit der Flut schlimmer Nachrichten umgegangen ist, als sie einen Großteil ihres Arbeitslebens damit zubrachte, genau solche Meldungen zu sammeln.
Sie beschreibt, dass verschiedene “Gefahren” damit verbunden sind, tagtäglich so viel Negatives zu erfahren:

  • Gleichgültigkeit – wenn uns das Schlimme irgendwann ganz “normal” erscheint.
  • Lähmung – wenn wir so überfordert und überwältigt sind, dass wir uns außerstande fühlen, irgendwas zu tun
  • Endzeitstimmung – wenn jede weitere Neuigkeit uns in Alarmbereitschaft versetzt, dass bald alles vorbei sein könnte
  • Depression oder Post-Traumatische Belastungsstörungen – selbst wenn wir gar nicht life dabei waren – schlimme Meldungen nur allein zu hören, genügt manchmal um beides auszulösen
  • Physische Symptome – Schwindel, Kopfschmerzen, Fieberschübe, Konzentrationsschwäche, Erschöpfung usw.

Auch wenn die Versuchung vielleicht groß ist – unseren Kopf in den Sand zu stecken würde alles nur schlimmer machen.
Tatsächlich arbeiten heranwachsende Diktaturen (wie wir es gerade in den USA beobachten können) systematisch und bewusst damit, die Bevölkerung mit so vielen Negativnachrichten gleichzeitig zu überschwemmen, bis die Menschen resignieren und anfangen wegzuschauen.
Dabei werden wir gerade heute gebraucht, gerade jetzt.
Wie können wir es trotzdem schaffen, unsere seelische und geistige Gesundheit zu wahren?

1. Mitgefühl! 
Wenn ich aufhöre mitzufühlen (das gilt auch für die “helfenden” Berufe, wo man tagtäglich mit viel Leid konfrontiert ist), kann das bald ein Burnout zur Folge haben.
Empathisch mit-fühlen scheint vielleicht anstrengender, doch verhindert es diese Form der tiefgehenden Erschöpfung.
Auch gegenüber den “Tätern” mitzufühlen, hilft, meine eigene seelische Gesundheit zu wahren, z.B. indem ich mich hineinversetze, wie einsam und verbittert sie sich fühlen müssen, um zu solchen Taten und Entscheidungen fähig zu sein. Lasse ich wütende Gedanken zu, stimulieren diese meinen Körper immer wieder zu heftigen Reaktionen, die meine eigene Gesundheit schwächen (z.B. meinen Blutdruck oder mein Immunsystem).
Schaffe ich es, mich auf das Mitgefühl zu fokussieren (auch der Versuch hilft schon!), kann sich mein System entspannen. Ich verdränge das Leid nicht, aber es kann mir selbst nicht schaden. Auch meine Fähigkeit, aus bestem Vermögen heraus strategische Entscheidungen zu treffen, in denen ich Konsequenzen für die Zukunft in Betracht ziehe und die meinen eigenen Werten entsprechen, ist gewahrt wenn ich es schaffe in Momenten der Wut mich ans Mitgefühl mit dem anderen zu erinnern.
Klingt schwierig? Ghandi, der mit seinem friedvollen Aktivismus Berge versetzt hat, spendet uns Trost: “Mitgefühl ist ein Muskel der kräftiger wird wenn wir ihn benutzen.”
Vor allem ist es wichtig, mir selbst Mitgefühl zu schenken, für den Schmerz und das Leid, das ich in mir fühlen kann, wenn ich mit der Situation der Welt, der Menschen, der Insekten, der Erde usw. konfrontiert bin. Alle Wesen sind ein Teil von mir und auch ich bin ein Teil allen Lebens.
Wie würdest du mit einem kleinen Kind sprechen, das sich angesichts der Neuigkeiten ängstigt und trauert? Genau diese Art von Trost und Mitgefühl kann auch dir selbst gut tun.
Besonders wirkungsvoll ist dies, wenn du dich selbst dabei berührst, also beispielsweise tröstend eine Hand auf dein Herz, deinen Bauch oder Arm legst. 
Mitgefühl zu wagen braucht Mut und Tapferkeit – doch es hilft uns dabei, nicht zu verbittern, sondern unser Herz weich werden zu lassen, so dass es weiter wachsen kann.

2. Handeln! 
Auf jeden Fall hilft es, etwas aktiv zu tun, um Teil der Lösung zu sein, egal wie klein die Schritte sind. So können wir Ergebnisse sehen, die aus unserem Tun erwachsen und einen Unterschied machen, anstatt uns völlig hilflos zu fühlen.
Dies kann auch das Fürsorgen für unsere Familie, unsere Gemeinschaft, die Kinder der Nachbarn oder für die wilden Blumen am Waldrand bedeuten – für alle die lebenden Wesen die direkt in unserem Umfeld sind.
Wie Gandalf aus “Herr der Ringe” es sagt: “Manche glauben dass nur große Mächte es vermögen, das Böse im Zaum zu halten. Ich habe das ganz anders erlebt: Es sind die kleinen alltäglichen guten Taten einfacher Menschen, welche die Dunkelheit in Schach halten. Kleine Taten der Nächstenliebe und Freundlichkeit.” 

3. Aktive Selbstfürsorge! 
Wir können nicht 24h/Tag die Welt retten. Den größten Dienst können wir dann schenken, wenn wir gut für unsere eigenen Bedürfnisse sorgen und entsprechend gut genährt und fit sind, um darüber hinaus zu geben.
Besonders wichtig sind Bewegung und Schwitzen. Stress und Angst sind Reaktionen auf überlebensbedrohliche Gefahren. Rennen und Schwitzen sind (genau wie Schütteln und Zittern) natürliche Reaktionen des Körpers, die dafür sorgen, dass unser System wieder ins Gleichgewicht finden kann, und die wir leicht auch selbst herbeiführen können (z.B. durch Sport, oder auch beim Saunieren).
Hilfreich ist es auch, bewusst zu regulieren, wann und wie ich mir schlimme Neuigkeiten anhöre.
Kann ich es vermeiden, dass ich mir schreckliche Bilder anschaue, die besonders belastend sein können, weil sie wie real erlebte Erinnerungen wirken können?
Vor allem Kinder sollten hier von uns davor beschützt werden, durch Fernsehnachrichten o.ä. traumatisiert zu werden.
Statt kurz vor dem Einschlafen oder gleich früh morgens, kann ich vielleicht vormittags, wenn ich mich wach, ausgeruht und innerlich gefestigt fühle, bewusst Zeit dafür nehmen, mich mit herausfordernden Themen zu beschäftigen.

4. Perspektiven wechseln!
Noch ist die Welt nicht untergegangen, obwohl die Geschichte schon unglaublich viel Leid gesehen hat. In der Vergangenheit sind viele Diktaturen entstanden – und wieder zerbrochen. Verbrannte Erde hat sich in fruchtbare Gärten gewandelt mit der Zeit. Die Erde verfügt über erstaunliche Selbstheilungskräfte. Das Leben will LEBEN!
Aus dem Nichts heraus ist das Universum entstanden mit all seiner Schönheit wie wir sie kennen, und mit all der Komplexität, die immer größer zu werden scheint.
Gerade aus politische Gräueln haben viele Menschen es geschafft, lebensbejahende Konsequenzen für ihr Denken und Handeln zu ziehen, und damit Raum zu erschaffen oder zu halten, für Frieden und Miteinander.
Auch gibt es neben den schlimmen Ereignissen gerade heute eine unendliche Vielzahl positiver Geschehnisse in der Welt, die viel mehr Beachtung verdienen, zu finden z.B. hier bei upworthy,com oder bei Positive News oder auf deutsch bei der Zeitschrift Oya.

5. Mit Gleichgesinnten verbinden!
Wir brauchen einander, wirklich. Die Weltlage zeigt ganz deutlich, dass es auch für die einsamsten Wölfe Zeit wird, ein Rudel zu finden.
“Weg von der Helden-Figur und hin zu einem der Menschen versammelt” nennt Zukunftsforscherin Meg Wheatley die Entwicklung, die Führungskräfte in aller Welt gerade durchmachen, wenn sie die Wirk-Kraft ihrer Arbeit stärken wollen.
Statt einem einsamen “Superman” zuzujubeln, der uns alle rettet, werden wir selbst gemeinsam mit einigen und in Kooperation mit ganz vielen auf der Welt die Zukunft lebenswert machen.
Und die Verbindung zu anderen Menschen ermöglicht es uns, im Alltag glücklicher zu sein, also auch mit mehr Gelassenheit den Härten des Lebens begegnen zu können und widerstandsfähiger gegenüber Verzweiflung, Depressionen oder Süchten zu sein.
Wir Menschen sind zutiefst soziale Wesen, und wir brauchen einander, um uns in der Welt wirklich wohl und zuhause zu fühlen, und auch um uns selbst als wirk-kräftig in unserem Tun und Sein zu erfahren.
shutterstock_633402731Dazu gehört es auch, einander zuzuhören, zu bezeugen und immer wieder auch gemeinsam zu trauern.
Auch die nicht-menschlichen Lebewesen können uns als Teil ihres Beziehungsgeflechts unterstützen, indem wir unsere Verbindung zu ihnen nähren.
So kann die Verwurzelung in der Natur uns Halt schenken in Zeiten der Angst und Überforderung. Sie erwächst aus innigen Erfahrungen, die wir auch im Alltag draußen machen können, wenn wir bewusst hinschauen und hinspüren und Insekten, Bäume, Vögel und alle anderen als unsere Verwandten anerkennen.

6. Humor kultivieren – jetzt erst recht! 
Mein Sohn und ich hören gerade viel dem Dalai Lama zu. Der weltliche und geistliche Führer der Tibeter beschäftigt sich intensiv mit den Missständen auf der Welt und ist doch als fröhlicher, ausgelassen heiterer Mensch bekannt. In seinem “Buch der Freude“, das aus Gesprächen zwischen ihm und Erzbischof Desmond Tutu entstanden ist, beschreibt er wie grundlegend es für unsere seelische Gesundheit ist, dem Leben in all seiner Schwierigkeit doch immer wieder mit Humor zu begegnen.
Freude und Glücklichsein sind nichts, was von außen uns geschenkt werden kann – sie wollen im Innern gefunden und bewusst kultiviert werden.
Für mich ist Humor eins der größten Geschenke, die wir unseren Kindern geben können, weil jedes kleine noch so feine Lachen oder Schmunzeln wie ein Lichtlein sein kann, das wir im Dunkeln anzünden.
Und wo ausgelassen aus tiefstem Bauch heraus gelacht wird, wird auch die größte Angst schmelzen und es wird Raum entstehen, in dem Liebe und Frieden lebendig sein können.
Damit das Leben immer weiter gehen kann!

Zum Weiterlesen…

4 mal ZuverSicht – Hilfreiche Einsichten für schlimme Zeiten
Diese Themen und mehr kannst du vertiefen in unserem Circlewise Leadership Training hier…
Deine Trauer lindern und durchs Trauern wieder zu mehr Leichtigkeit finden, kann unser Trauer-Feuer im November dir ermöglichen, Infos dazu hier…

… von Viktoria Zimmer und Julia Talk

Dieser Artikel wurde im Herbst 2017 im Amitiés-Magazin des  Service Civil International (SCI) – Deutscher Zweig e.V. veröffentlicht.

Wie können wir – individuell und kollektiv – Zukunft gestalten?

Die massiven negativen Auswirkungen des Klimawandels schüren Machtkonflikte über knapper werdende Ressourcen. Somit ist der Klimaschutz ein zentraler Bestandteil der Arbeit des deutschen SCI-Zweiges, der als Friedensorganisation für soziale  Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit einsteht.
Um Teilnehmende internationaler Workcamps stärker für umweltbewusstes Handeln zu sensibilisieren, hat die Klima-AG die Idee der Climate Messenger initiiert – dies sind Menschen, die ein bis zwei Tage in ein Workcamp kommen, um einen Study Part bzw. Workshop zu einem klimarelevanten Thema durchzuführen. Dazugehören beispielsweise Klimagerechtigkeit, fossile Rohstoffe und erneuerbare Energien, Mobilität und klimafreundliches Reisen, Boden, Transition Towns, Permakultur oder Naturerfahrung.
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Gerade wenn über Klimawandel und Umweltprobleme berichtet wird, entsteht häufig der Eindruck, menschliches Umwelthandeln sei grundsätzlich zerstörerisch. Diesem Glaubenssatz liegt ein Weltbild der Separation von Mensch und Natur zugrunde, dem jedoch zahlreiche aktuelle Forschungserkenntnisse widersprechen, welche belegen, dass es weltweit nachhaltig wirtschaftende Kulturen gab und gibt – der Mensch kann somit auch über lange Zeiträume sogar regenerativ und die Biodiversität fördernd mit seiner Mit-Welt interagieren.
Wir gehen davon aus, dass für Menschen ein persönliches Erleben der Natur ein Schlüssel zu umweltbewusstem Handeln ist. Deshalb haben wir den Fokus in unserem Workshop auf der Königsfarm auf Naturerfahrung gelegt. Wenn ich mich selbst (wieder) als Teil der Natur erlebe, eine emotionale Bindung zur Natur aufbaue und zudem die zwischenmenschliche Verbundenheit mit den anderen Teilnehmenden gestärkt wird (sodass ich mich besonders wohl und geborgen fühle), kann ich leichter zu proaktivem Handeln inspiriert werden, das allen Lebewesen dient.
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Dadurch, dass ich meine Wahrnehmung Stück für Stück erweitere und in Kontakt mit meiner Mit-Welt gehe, öffne ich mich, sodass ich den Schmerz um die Zerstörung unserer Erde wahrnehmen kann und mein Schutzbedürfnis für die Natur wächst. Gleichzeitig habe ich die Möglichkeit, mich selbst als Teil eines sich ständig weiter entwickelnden Lebensnetzes zu erfahren und dadurch Dankbarkeit, Wertschätzung und Ehrfurcht vor dem Leben zu spüren. Ich lerne darüber, wer ich selbst in dem großen Ganzen sein kann und welchen besonderen Beitrag ich ganz persönlich zu einem friedlichen, nachhaltigen Miteinander leisten kann. Somit setzte unser Workshop, in dem wir eine von dem deutschen Bildungsunternehmen circlewise entwickelte und praktizierte Pädagogik nutzten und mit Methoden der Tiefenökologie nach Joanna Macy kombinierten, bei tiefer liegenden Ursachen an. Es wurden nicht nur die Symptome einer konsum- und wachstumsorientierten Lebens- und Wirtschaftsweise/-philosophie angesprochen, sondern die Perspektive hin zu einer naturverbundenen, friedvollen und lebensfördernden Kulturentwicklung eröffnet.

Durch den Workshop angeregt erzählte eine Teilnehmerin aus Spanien von einem erfolgreichen Klimaschutzprojekt, welches sie in ihrer Schule initiiert hatte. Dieses Beispiel gab anderen Teilnehmenden Hoffnung und inspirierte sie dazu, eigene kleine (Alltags-)Handlungsmöglichkeiten zu entdecken.
You can’t save the land apart from the people, to save either you must save both.

Wendell Berry

Wenn du Lust bekommen hast selbst aktiv zu werden, sei herzlich willkommen bei unserem Jurtenbau-Workcamp im Juli 2018. Mehr Informationen dazu findest du hier
Oder vielleicht hast du Lust, selbst ein Workcamp zu leiten? Der SCI bietet dazu jedes Jahr mehrere Vorbereitungsseminare an und freut sich immer über Menschen, die gerne mit dabei sein möchten. Alle Informationen findest du hier.

Der Februar ist die Zeit der Vorstellungskraft. Vor dem Hintergrund der noch kahlen, vom langen Winter erschöpften Landschaft voller Weiß und Grau leuchten die zartesten Grün- und Rottöne köstlich hervor. Die meisten Pflanzen verbergen ihre neu erwachende Lebenskraft noch geschützt vor der Kälte im Schoß der Erde oder unter den erst ganz allmählich anschwellenden Knospenschuppen an den ansonsten noch unscheinbaren dürren Trieben. Und die frühesten Frühlingsboten, die feingliedrigen Schneeglöckchen, verstecken sich ganz nah am Erdboden, zwischen zerfallendem braunen Laub.

Die Leere nimmt sich den meisten Raum in dieser Jahreszeit, wo das Alte vorbei ist und das Neue immer noch nicht angefangen hat. Dies ist von allen Monaten die Jahreszeit, wo die meisten Seelen unsere Welt wieder verlassen, nicht in eine neues Lebensjahr aufbrechen, sondern umziehen ins Land der Ahnen. Umso schmerzlicher erleben die die hier das irdische Leben weiterleben den Verlust der Geliebten, in dieser scheinbar so leeren, kalten Zeit.

Für uns, die hier bleiben, stellen sich Fragen: Was wird dieses neue Jahr bringen? Was wollen wir erschaffen? Wie wollen wir das Leben gestalten?

Der Februar lädt uns ein, zu lauschen, und im weiten leeren Raum zu spüren, zu sehen oder zu hören, was möglich ist. Die Visionen für das neue Jahr zeigen sich wie Träume, manchmal eindrucksvoll und klar, manchmal flüchtig und zart, und wollen gern berührt und festgehalten werden, denn wie Träume die nicht erzählt werden, verblassen sie schnell, besonders wenn im März das volle Leben im Außen wieder losgeht und der stille, leere Raum von Geschäftigkeit erfüllt wird.

Der Februar ist von allen Jahreszeiten die Zeit, wo wir Vision am leichtesten und deutlichsten empfangen können und unsere Vorstellungskraft für all das Gute was sein kann, wie einen Muskel am stärksten trainieren und wachsen lassen können.

Was ist dein Bild von einem guten Leben als Menschen auf der Erde? Wie hört es sich für dich an? Wie fühlst und empfindest du es? Was genau siehst du vor deinem inneren Auge, wenn alles was gut und heilsam wäre möglich sein könnte? 

Diese Bilder sind lebenswichtig, nicht nur für dich persönlich, sondern für die Menschheit als Ganzes.

Der US-amerikanische Mythenforscher Michael Meade schreibt über die Bedeutung der menschlichen Vorstellungskraft für unser Weiterleben als Spezies auf der Erde:

“Leben in unserer Zeit heute bedeutet, sich inmitten eines Mythos zu befinden. Wir stehen vor all den massiven Problemen und unmöglich zu lösenden Aufgaben, unter denen unsere moderne Welt gegenwärtig leidet. Es ist eine außergewöhnliche Zeit, in der sowohl die Natur als auch die Kultur alles an Heilung und schöpferischer Fürsorge gebrauchen können, derer wir als Menschen fähig sind. 
Immer stärker scheint es, dass uns die Zeit wegläuft, und dass was auch immer noch möglich ist, unverzüglich geschehen muss. Das Bedürfnis danach, dass sich jemand der drängenden Herausforderungen wahrhaftig annimmt, und eine große Dringlichkeit und Eile sind zu spüren, damit alles was noch zu tun bleibt, jetzt wirklich sofort getan wird. 
Die alten Mythen jedoch ermöglichen uns eine andere Sichtweise auf unsere Situation. Wenn die Zeit uns wegläuft und niemand mehr Zeit finden kann, dann ist es eben nicht einfach Zeit die fehlt, sondern der Kontakt mit der Ewigkeit. 
Wie alles andere auch, entspringt die Zeit in der Ewigkeit. Und wenn wir sie nicht mehr finden können, ist die Ewigkeit der richtige Ort, um nach ihr zu suchen. Das “Ende der Zeit” führt uns zurück zu den Wurzeln der Ewigkeit, wo wir auch die niemals versiegende Quelle wahrhaftiger Inspiration, großartiger Ideen und bedeutsamer Visionen finden. 
Leben in unserer Zeit heute bedeutet, inmitten eines gewaltigen Auflösungsprozesses gefangen zu sein, in dem wir uns Seite an Seite mit vielen anderen losen Fäden der Schöpfung wiederfinden. Es bedeutet gleichzeitig auch, dass wir ganz nahe daran sind, eine neue Gestalt und eine erneuerte Art und Weise auf die Welt zu schauen zu erfahren.
Die alten Weisen sagen, dass die Höhle des Wissens in den Tiefen der menschlichen Seele gefunden werden kann, dass jede Seele durchwirkt mit inneren Qualitäten ist, deren Bestimmung es ist, in die Welt hineingewebt und ein Teil des Schöpfungsgewands zu werden. Sie sagen, dass die Gaben jeder Seele gerade im Wiederkehren der dunklen Zeiten wichtiger werden. 
So seltsam es erscheinen mag, bildet doch das Bewusstsein des einzelnen Menschen ein Zugewicht auf der Waage von Zeit und Ewigkeit. Die im eigenen Leben versteckten Bedeutungen auszuleben hilft, das Gewicht der Welt im Gleichgewicht zu halten. Jedes Leben ist dabei um einen unsichtbaren, ewigen Faden gewickelt, und jeder Lebensfaden ist eine bedeutsame Geschichte, die aus den Mauern der Zeit ausbrechen will, um der Schöpfung zu helfen. Die Seele ist letztendlich der Sitz der Vorstellungskraft, der Raum in dem unser uraltes Erbe der archetypischen Formen und der Ressourcen unserer Ahnen lebendig sind. 
Vorstellungskraft ist für uns ein essentielles Lebensorgan, und beständig denken wir uns die Welt neu und nehmen beständig teil in ihrer Erschaffung, ihrer Zerstörung und ihrer Erneuerung. 
Wenn es scheint, dass das Ende der Zeit naht, sind es die zeitlosen Dinge, die greifbar werden, und bereit dafür sind, die Welt Moment für Moment neu zu erschaffen. Hinter allem Aufruhr und aller Verwirrung dieser Welt, warten die Vorstellungskraft und der lebendige Geist des Ewigen in der Anderswelt darauf, wieder gefunden zu werden. “

aus Michael Meade, “Why the World Doesn’t End”

Der Februar schenkt die Leere, die es braucht, wieder in Verbindung mit unserer Vorstellungskraft zu kommen – damit das Leben weitergehen kann.
 

27021438_1287327271402763_8709853789728793126_oIm November 2017 war ich für 3,5 Wochen in Namibia, zusammen mit Judith Wilhelm und Myriam Kentrup von der Wildnisschule Wildeshausen, Paul Wernicke von der Wildnisschule Hoher Fläming, Tim Taeger von Jagwina und einigen anderen Menschen aus sechs weiteren Ländern, begleitet von Caspar Brown von der Wandering Wild School, Lynx Vilden, und Werner Pfeifer von der Living Culture Foundation.

Die Fotos lassen sich durch Anklicken vergrößern.

„Unser Leben früher war wunderbar, doch wir können und wollen die Vergangenheit nicht zurückholen. Einiges aus der modernen Welt gefällt uns, und wir möchten dies zu einem Teil in unserem Leben machen. Aber wir wollen dabei auch unsere eigene Kultur bewahren und lebendig erhalten.“

Frauen der Ju/hoansi, der „ersten Menschen“, im Little Hunters Village

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Bis in die 80er Jahre sind die Menschen des „Little Hunters Village“ noch nomadisch als Jäger und Sammler durch die Kalahari gezogen. Heute leben sie in einem Dorf aus kleinen Zelten und Hütten neben einer solarbetriebenen Wasserpumpe in der Nähe von Tsumkwe, Namibia. Sie sind die einzige Gruppe von Buschleuten in Namibia, die noch jagen dürfen. Zu verdanken ist dies vor allem der Vision und Tatkraft von Werner Pfeifer und der von ihm begründeten Living Culture Foundation.
IMG_1464Die deutsch-namibianische Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, traditionelle Gemeinschaften darin zu unterstützen, „Lebendige Museen“ zu gründen, in denen die Dorfgemeinschaft vollkommen selbstverwaltet ihren Lebensunterhalt damit verdienen kann, Touristen einen Einblick in ihre Kultur und in die Lebensweise ihrer Vorfahren zu geben. Damit wird dem in Afrika wie auch dem Rest der Welt so erstickenden Trend entgegengewirkt, dass gerade die Jüngeren Menschen angesichts des umfassenden Raubbaus an den Lebensgrundlagen ihres Volkes und der äußeren Zwänge, die ehemals nomadisch lebenden Kulturen auferlegt sind, und der damit verbundenenen Aussichtslosigkeit ihrer Lebenssituation, umso mehr alles Traditionelle mit Verachtung fortwerfen, in die Städte abwandern und sich in ein entwurzeltes Dasein stürzen. Statt wegzuziehen und schlecht bezahlte Jobs anzunehmen oder von Regierungsmitteln abhängig zu sein, und in Slums ärmlich dahin zu vegetieren, können die Menschen in den Lebendigen Museen jeden Tag erfahren, wie wertvoll das hoch entwickelte traditionelle Wissen ihrer eigenen Kultur auch heute noch ist. Viele junge Leute im Little Hunters Village wollen gern vor Ort im Kreis der gesunden und blühenden Gemeinschaft bleiben und selbst noch bessere Fährtenleser, Jäger, Kräuterkundige und MeisterInnen ihres Handwerks werden.
IMG_1490Das Little Hunters Village ist dabei keineswegs ein entlegener Ort, auf den noch nie ein westlicher Mensch vorher einen Fuß gesetzt hat. Die Menschen im Dorf haben Mobiltelefone, sie führen gemeinsam ein erfolgreiches Unternehmen, mit dem sie ein vergleichsweise gutes Einkommen erwirtschaften, einige von ihnen waren schon mehrere Male in Europa beispielsweise bei Spurenleser-Konferenzen und sie werden in ihrem Alltag von Touristen besucht, denen sie ihre traditionelle Lebensweise vorführen und erlebbar machen.
DSC_2395Und doch scheinen sie im Vergleich zu vielen anderen traditionellen Gemeinschaften in Afrika nicht mehr Opfer der sich ausbreitenden Zivilisation zu sein, sondern einen Weg gefunden zu haben, die Veränderungen so zu navigieren, dass sie trotz aller Verluste gesund und glücklich leben können und die Gemeinschaft innerhalb ihres Dorfes erhalten bleibt.
Mit großer Klarheit und Bewusstheit sprechen die Ju/hoansi hier über ihre Kultur, die sie bewahren und lebendig halten wollen. Auf unsere Frage danach, was sie als Herz ihrer Kultur ansehen, welches die Elemente sind, die sie weiterhin lebendig erhalten wollen, sind sie sich schnell einig: “Das Jagen und das Sammeln, die Heilungstänze und die Art und Weise wie wir unsere Kinder ins Leben begleiten.”

Traditionelles Handwerk

IMG_1369Schon vor 2000 Jahren haben die Buschleute begonnen, selber Eisen zu verhütten, das an vielen Orten der Kalahari auch an der Erdoberfläche zu finden ist. Seitdem stellen sie Pfeilspitzen, Messer und ein von den Bantu übernommenes Allzweckwerkzeug her, das Chop-Chop. Die Schmiedearbeit braucht heutzutage nur ein ganz normales kleines Feuer, einen im Sand mehr oder weniger festen Amboss (beispielsweise aus einem Stück Eisenbahnschiene), einen dicken kurzen Hammer und als Rohstoffe rostige Nägel, Bolzen oder Stücke von den Metallverstrebungen für Betonkonstruktionen.
IMG_1368 KopieDie traditionelle Kleidung ist aus gegerbtem Leder. Dabei wird die Tierhaut am Boden aufgespannt, dann trocken von beiden Seiten geschabt und mit einer zu Brei gehauenen dicken Zwiebel eingestrichen. Nach etwa zwei Stunden Einwirkzeit kann sie nun beim Trocknen weich gezogen werden.
Grabstöcke sind wichtige Alltagswerkzeuge, deren gegabelte Enden dabei helfen, sich einen Weg durch dorniges Gestrüpp zu bahnen, und deren schwertartig zugespitzte und über dem Feuer gehärtete Enden ermöglichen, auch Wurzeln und Knollen auszugraben, die einen halben Meter oder noch tiefer im Boden versteckt sind.
IMG_1321Viele der alten Fertigkeiten sind erst in den letzten Jahren wiederbelebt worden, seit es das Living Museum ermöglicht, damit einen Lebensunterhalt zu verdienen. Während unserer Reise nutzen die Ju/hoansi die seltene Gelegenheit, zusammen mit Besuchern so viele Tage Zeit für die einzelnen Arbeiten zu haben, um auch voneinander mehr zu lernen und sich im Schmieden, Gerben und Holzwerkzeuge herstellen zu üben. Einige jüngere Leute probieren dabei einige der Techniken zum allerersten Mal aus.

Fährtenlesen und Jagen

IMG_1482Gemeinsam mit einigen Jägern und „Meister-Trackern“ gehen wir immer wieder auf Spurensuche. Meistens führen sie uns mit Fragen dahin, zu entschlüsseln, was passiert sein könnte, wer hier lang gelaufen ist, in welcher Richtung, wann und in welcher Stimmung? Einmal entdecke ich einen unscheinbaren feuchten Fleck im Sand, etwa sieben Zentimeter lang, inmitten von einer Vielzahl von Paarhufer-Trittsiegeln. Mit einem kurzen Blick darauf erkennt !Oma, wie hier ein Gnu-Weibchen gelagert und wie sie ihr Kalb geboren hat, in der Nacht zuvor. Mit Händen und Füßen beschreibt er die Geschehnisse, die er anhand der Spuren ganz klar vor seinem inneren Auge sehen kann.

Nahrung sammeln

IMG_1414 KopieDie Kalahari besteht vor allem aus trockener Savanne mit sandigen Böden, die kaum Wasser an der Erdoberfläche zu halten vermögen. Die unwirtliche Landschaft blieb lange Zeit verschont von der Zivilisation, weil sie für Viehhirten und Ackerbauern nicht besiedelbar war. So konnten die Buschleute, die in der Lage waren, das in der Landschaft in Knollen, Wurzeln oder Baumstämmen versteckte Wasser zu nutzen, hier viele Jahrhunderte trotz der Kolonialisierung relativ geschützt überleben.
DSC_2106Die Wasserwurzel beispielsweise ist saftig und süß, wie ein Obst, das unter der Erde wächst. Zu Beginn der Regenzeit, wo mit dem Wasser auch das Leben in die Landschaft zurückkehrt, finden wir bei unseren Sammel-Ausflügen voller Lachen und Gesang gemeinsam mit den Frauen und Kindern des Dorfes zudem harte süße Beeren, säuerliche rote pflaumenartige Früchte, viele essbare Kräuter, stachlige Gurken, allerlei Pflanzen mit Heilwirkungen und Wurzelknollen zur Herstellung eines roten Farbstoffes.
Heute, im Zeitalter solarbetriebener Wasserpumpen, ist die Heimat der Buschleute stark dezimiert und ein nomadisches Umherziehen ist nicht mehr möglich. Viel zu viele Flächen der Kalahari sind als Rinder- oder Wildtier-Weiden umzäunt, oder werden als Schutzgebiete für die Großwild-Jagdabenteuer von Trophäen-Jägern aus dem Ausland genutzt, die zig tausende von Euros für einen Elefanten oder eine Raubkatze bezahlen.
IMG_1409Die Jagd auf die Elefanten hat die einstmals friedlichen Riesen in gefährliche Tiere verwandelt. Meist werden die Ältesten einer Herde geschossen, weil sie die größten Stoßzähne haben, und zurück bleiben verunsicherte Gruppen halbwüchsiger Elefanten, die gereizt und aggressiv auf die Nähe von Menschen reagieren.

Friedvolles Miteinander

IMG_1256Einfach zusammen sein, die Frauen neben den Frauen, die Männer neben den Männern, dazwischen die Kinder wo auch immer sie wollen, über Gesten und Blicke die Verbindung haltend, aufmerksam wahrnehmend, was rundum vor sich geht und dabei gelegentlich Scherze machen und in Gelächter gleiten, oder spontan zum Singen, Tanzen oder Spielen aufspringen…. so habe ich die Ju/hoansi vor allem erlebt. Der Umgang miteinander wirkt auf mich sanft, entspannt und gelassen und vor allem humorvoll. Wenn jemand von uns an die Gruppe eine Frage stellt, reden auf einmal lauthals alle durcheinander, unterbrochen von Gelächter. Der Dolmetscher hört zu und verkündet irgendwann: „Wir sehen das soundso…“, und dazu nicken alle feste, sind sich einig.
IMG_1459 2Das „wir“ ist allgegenwärtig. In einem Morgenkreis ist klar: Manche von uns Besuchern schaffen es kaum, ihre Handwerksarbeiten rechtzeitig zu beenden. Als ich völlig ermattet von der Aussicht auf mehr anstrengendes Schmieden zu unserem Feuer zurückkomme, resigniert neben Damh dem Meisterschmied zu Boden sinke, weil auch meine Chop-Chop-Klinge einfach nicht breiter werden will, egal wie viel ich mit Armen wie Pudding auf ihr rumhämmere, schaut er mich entschlossen an und sagt: „WIR werden alle Werkzeuge rechtzeitig fertig stellen, weil WIR nämlich stark sind.
IMG_1501Entscheidungen werden von allen im Dorf gemeinsam getroffen. Niemand wird ausgegrenzt oder zu irgendetwas gezwungen. Wenn die jungen Mädchen kein Menarche-Ritual mehr machen wollen, weil sie lieber modern sein möchten, dann sorgt das für viel Besorgnis und Gespräche darüber – Zwang gibt es jedoch nicht.
Wenn Mann und Frau sich nicht einig darüber sind, in welchem Dorf sie leben wollen? „DANN brauchen sie es, miteinander zu reden!“ Und auch Schwestern, Brüder, Tanten, Onkel und vor allem die Ältesten reden in so einem Fall mit, unterstützen, vermitteln, helfen, eine gemeinsame Lösung zu finden.

Mit den Kindern

IMG_1377Morgens beim Spazierengehen treffe ich Kinder, immer in kleinen Grüppchen. Sie lachen, wenn ich ihnen Spuren zeige und ratlos die Hände in die Luft strecke. Dann erklären sie mir alles geduldig in Ju/hoansi Sprache und finden es noch lustiger, wenn ich probiere ihre Klick-Worte nachzusprechen. Alle Pflanzen scheinen die 6-8jährigen schon sicher zu kennen, und die Spuren jedes Säugetiers. Die etwas älteren Jungen jagen oft schon selber Eidechsen oder Wachteln mit einer Steinschleuder.
Im Lager spielen die Kinder oft miteinander Kreisspiele und beweisen unglaubliche Geschicklichkeit mit Kürbis-Kugeln, und schnelle Reaktionskraft. Sie lieben es, wenn wir Besucher ihnen Lieder, Tänze oder Spiele beibringen, merken sich alles sofort und probieren es uns immer wieder zu entlocken, indem sie die Melodien selber anstimmen und uns zum Mitmachen auffordern.
27023380_1287305274738296_6449909772532425954_oEine Künstlerin aus New York hat eine Löwenmaske mitgebracht, die immer wieder von einem Kinderkopf zum andern wandert und vor Vergnügen quietschende Antilopen jagt. Werner hat viele Pfeile und Bögen dabei, mit denen vor allem die Jungen stundenlang auf einen Springbock aus Stroh schießen.
Viele ältere Mädchen kümmern sich liebevoll um kleinere Kinder, tragen sie herum und versorgen sie. Obwohl jedes Mädchen („natürlich“ sagen sie!) die Freiheit hätte, auch das Jagen zu erlernen, sei das einfach so noch nicht vorgekommen. Die Frauen reagieren mit Staunen und Begeisterung, als Lynx Vilden erzählt, dass sie früher lieber ein Junge sein wollte und selbst zuhause Jägerin ist, und /Noshae erzählt darauf lachend, dass auch sie als Kind ein sehr wildes Mädchen war.
IMG_1508Kampfspiele werden überhaupt nicht gespielt. Wenn die Erwachsenen die Kinder beim Kämpfen erleben, werden sie sofort daran erinnert, nicht zu streiten, nicht zu kämpfen, weil dies wichtig dafür sei, den Frieden für alle in der Gemeinschaft zu wahren.
Die kleinen Kinder werden in Tüchern herumgetragen und klettern und kuscheln unermüdlich vor allem mit den Frauen und Mädchen, aber auch mit den Männern. Weinen wird als ganz natürlich angesehen und die Erwachsenen begegnen Tränen und Geschrei mit sanftem, unaufdringlichem Trösten.

Lernen durch Beobachtung

Lernen durch Beobachtung

Gelehrt wird vor allem durchs Vormachen. Einmal hilft mir Dahm der Älteste beim Aufspannen meines Impala-Fells, während zwei etwa sechsjährige Jungs mit wachsendem Interesse zuschauen. Kurz vorm Abschluss fragt er sie kurz etwas, erklärt dann noch zwei Sätze, und geht einfach ganz woanders hin, lässt sie die Arbeit komplett alleine zuende bringen. Es brauchte eine Weile, bis sie die Technik so richtig raus haben, dabei beratschlagen sie miteinander, sind vorsichtig mit dem Holz”hammer”, der auch schon mal auf dem Daumen landet, und probieren behutsam so lange herum, bis alles gut klappt.
Die Frauen der Ju/hoansi erzählen uns, dass die Kinder das Wichtigste schon lernen müssen, bevor sie in die Schule gehen, damit sie die alten Weisen weiterführen und praktizieren. Würden sie zulange warten, führe das dazu, dass die Kinder „nur noch spielen wollen“, wenn sie nachmittags nach Hause kommen. Schafften sie es aber, die Kinder schon vor der Schule gut auf den Weg zu bringen, gelänge es auch, dass die Kinder das moderne Leben und die eigene Kultur miteinander integrieren können.

Spielen

26840855_1287556744713149_4715343524628780931_oVor allem die Frauen und die Kinder lieben es, mit uns zu spielen, ab und zu auch die Männer. Kreisspiele mit komplizierten Regeln, wo es um Geschicklichkeit und Humor geht, sind besonders beliebt. Oft spielen die Erwachsenen unter sich, die Kinder dürfen es ihnen dann später nachmachen. Bei einem Spiel verhakelt man im Kreis ein Bein mit dem Bein eines Nachbarn und so hüpfen alle herum, bis sie umpurzeln. Ein anderes Spiel singt vom Großvater der mit Fleisch nach Hause kommt und es nicht mit den Kindern und Frauen teilen will. Er probiert, sich aus dem Kreis zu verdrücken, wird aber von den schnell an allen Seiten heruntergezogenen Armen aufgehalten – bis er doch den Ausbruch schafft.

Mann und Frau

IMG_1451Die Ju/hoansi heiraten früh und führen in der Regel Ehen mit nur einem Partner. Die meisten Kinder werden erst geboren, wenn die Frauen so um die 20 Jahre alt sind. Kleinfamilien teilen sich eine Hütte oder ein Zelt. Tagsüber und an den Abenden sitzen meistens die Frauen zusammen und die Männer zusammen, oft räumlich nah beieinander. Körperliche Intimität zwischen Partnern wird nicht öffentlich gezeigt, auch Umarmungen oder Küssen kann man nicht beobachten. Viele Paare haben fünf bis sechs Kinder, für die beide Eltern verantwortlich bleiben und sorgen müssen, auch wenn sich ein Paar trennen sollte.

Heilungs-Tanz

Im Dorf der Ju/hoansi wird der traditionelle Heilungstanz getanzt. Dabei nutzt der Heiler die göttliche Energie, das /nom, das im Körper unter Schütteln, Schwitzen und Tönen erweckt wird und dann über Berührung weitergegeben wird, um als Medizin zu wirken. Während des Tanzes können die Heiler in Visionen wichtige Botschaften für die Gemeinschaft und für einzelne Leute erhalten.
IMG_1798Der Tanz kann nur gemeinsam durchgeführt werden und das Singen und Klatschen der Dörfler, vor allem der Frauen, ist genauso wichtig wie die Rolle der Heiler selbst. Während die Klicksprachen der einzelnen Buschleute-Völker im südlichen Afrika trotz ihrer gemeinsamen Wurzeln sehr unterschiedlich sind, so dass die Menschen Dolmetscher bräuchten, um sich zu unterhalten, sind viele Lieder und Tänze sich immer noch erstaunlich ähnlich. So kann davon ausgegangen werden, dass sie wirklich seit einer unglaublich langen Zeit fast unverändert von Generation zu Generation weitergegeben wurden.

Die Natur

IMG_1462Es ist schwer zu beschreiben, wie aufregend es ist, in der offenen und verlockenden Landschaft der Savanne unterwegs zu sein, wo die Neugier, was hinter dem nächsten Baum oder Busch warten könnte, uns immer weiter und weiter lockt. Wie es sich anfühlt, eine frische Leopardenspur zu erahnen oder ungläubig auf die rehförmigen, aber gewaltig großen Trittsiegel einer Giraffe zu starren. Wie das Herz kurz aussetzt, wenn wir eine der tötlichsten Schlangen, die schwarze Mamba, noch gerade wegzischen sehen oder beim Morgenspaziergang das löwengebrüllartige Posaunen eines Elefanten hören. Wie es ist, von panischen Schreien im Nebenzelt aufgeschreckt zu werden, wo eine riesige giftige Spinne gerade zum Sprung ins Gesicht angesetzt hat, oder zu spüren, wie der Mund einfach offen stehen bleibt, nachdem eine Herde Berberaffen vorbei gerannt ist – als könnten sie alle miteinander nur der Fantasie entsprungen sein.
DSC_0525In der Kalahari ist alles voller Dornen, viele Singvögel sind bunt und prachtvoll, es ist gefährlich, nachts ohne Taschenlampe spazieren zu gehen, und wie genau die Erdlöcher der Skorpione aussehen ist eine wichtige Information gleich beim Ankommen.
Der feine Sand ist innerhalb von wenigen Tagen überall, überall, und wird in der Sonne mittags so heiß, dass dünne Gummisohlen kaum ausreichen, sich nicht die Füße zu verbrennen und die Solargeneratoren vorm Wegschmelzen geschützt werden müssen. Dann ist es wunderbar, einfach nur in der Hängematte zu liegen und die Hitze zu genießen.
IMG_1345Am meisten berührt hat mich ein uralter Baobab-Baum mit vielen meterdicken Stämmen, die teils aufrecht wachsen und teils wie ein gewaltige Lindwurm-Leib über die Erde kriechen. Vielleicht ist dieses wunderbare Baumwesen das Herz des Universums – so hat es sich zumindest angefühlt als wir im kupfernen Licht des Sonnenuntergang zu ihm gelangten, umkränzt von einem doppelten Regenbogen, wie ein Willkommens-Gruß um noch viel tiefer zu landen in dieser wunderschönen Landschaft, und uns auf ihre Geheimnisse einzulassen, hier in dem Land, wo unser aller Ahnen vor unfassbar langer Zeit zu Menschen geworden sind.
Für die Bilder geht Dank an Werner Pfeifer, Judith Wilhelm, Myriam Kentrup, Paul Wernicke, Tim Taeger, Caspar Brown, David Willis, Ajax Axe und Nicola Mosley.