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Ein Bericht über unsere dritte Reise in die Kalahari, erlebt und aufgeschrieben von Katharina Voigt.

Eine Gruppe von sieben Menschen aus dem Circlewise Netzwerk war diesen Winter wieder gemeinsam mit Werner Pfeifer bei unseren Freunden, den Ju/’hoansi. (Hier findest du die Artikel über unsere erste und zweite Reise.)

 

Für mich, Katharina, meine allererste Reise auf den afrikanischen Kontinent überhaupt, in die dank Regenzeit ganz grüne Weite der Dornstrauchsavanne der Kalahari. Der Besuch bei den Ju/‘hoansi verändert mich grundlegend. Warum?

 

 

Ich liege mit dem Rücken auf dem dicken Baumstamm. Der Baum ist schon vor vielen Jahrzehnten, vermutlich eher Jahrhunderten, in der Mitte auseinandergefallen und so wachsen gleich mehrere Stämme zur Seite und von dort aus in die Höhe. Meine Hände gleiten über seine Borke – ich spüre die Hubbel, Wellen, Rillen, Dellen und Unebenheiten. Die meisten im Laufe der Jahrhunderte langsam gewachsen. Einige sind von Menschenhand entstanden – mein Blick fällt auf die Jahreszahl 1848, die hier eingeritzt ist.

Es gibt eine Geschichte aus dem vorletzten Jahrhundert, von einer Gruppe Buren (die Afrikaans sprechende europäischstämmige Bevölkerungsgruppe Südafrikas) auf dem Weg von Südafrika Richtung Norden auf der Suche nach neuem Weideland. Sie sind an diesem vermutlich mehrere tausend Jahre alten Baobab-Baum gestrandet, hungrig, kurz vor dem verdursten. Der Baum spendet Schatten, in der Hitze der sommerlichen Kalahari lebensnotwendig. Sein genaues Alter ist schwer zu bestimmen – Baobob-Bäume haben keine Jahresringe. Der Baum spendet auch Trost – mit seinem beeindruckend hohen Alter hat er eine Ausstrahlung, die unbeschreiblich, fast mystisch ist. Der Buren-Zug damals wurde hier von den lokalen Ju’hansi gefunden, einem Stamm der Buschleute, die hier in der Nord-Kalahari leben. Die Juo’hansi haben die Buren mit Essen & Trinken versorgt und damit ihr Leben gerettet.

 

 

Mir spendet der Baum heute auch Schatten und Trost. Den Trost kann ich gut gebrauchen, denn heute ist der vorletzte Tag unserer Zeit hier im Nyae Nyae Schutzgebiet. Drei lange Wochen haben wir hier im nördlichen namibianischen Teil der Kalahari verbracht. Zu Besuch bei den Buschleuten, bei den Juo’hansi. Während ein Teil unserer kleinen Gruppe mit /Ui, einem der Master-Tracker, heute eine Spurenlesen-Evaluierung macht, haben wir anderen uns zu diesem Baum begeben. Wir wollen ein wenig innehalten, Still sein – um die nun zuende gehende Zeit in der Kalahari zu wertschätzen und zu reflektieren.

 

Das Reflektieren fällt mir schwer diesmal. Nicht nur am Baum. Auch danach. Acht Wochen später sitze ich im frühlingshaften Deutschland in meiner Wohnung. Mitten in der Corona-Zeit. Versuche zu erfassen, was die Zeit in der Kalahari mit mir gemacht hat. Manchmal frage ich auch in diesen Tagen, ob sich das Leben in der Kalahari durch das Virus verändert hat? Die Reflektion unserer Zeit in der Kalahari webt sich erst langsam und ganz gemächlich in mein Leben. Es fühlt sich ein wenig so an, als wären die Früchte dieser Reise kleine filigrane Pflänzchen, die sich ganz langsam empor strecken und wachsen wollen und als würde ich Gefahr laufen, sie auszureißen, sollte ich zu heftig an ihnen zerren.

 

 

Zurück zum Baobab-Baum. Ein beindruckender Baum – ich schätze ihn auf mindestens 20 Meter Höhe und seinen Weite mit mehreren dicken Stämmen auf mindestens 40 Meter Umfang. In dieser Landschaft, in der alles flach ist, fällt er auf. Hier sieht für mich alles so ähnlich aus, alle Büsche und Bäume scheinen gleich hoch. Ist der Baobab-Baum für die Juo’hansi ein besonderer Ort? Ja, sicher als einen weithin sichtbaren Bezugspunkt in der Landschaft. Und wie ist das in kultureller und spiritueller Sicht? Wird er verehrt, gilt er als Sitz von irgendwelchen Geistern? Schwer herauszufinden. Die Buschleute sprechen wenig über Abstraktes, unsere Fragen über Philosophie und Spiritualität werden oft zögernd und dann meist vage beantwortet. Natürlich wollen sie gerne unsere Fragen beantworten und sie freuen sich, dass wir zu ihnen kommen, lernen wollen und sie dadurch wertschätzen. Und gleichzeitig scheint es, als würden sie diese Themen einfach lieber durch zuschauen, beobachten, nachmachen und erfahren vermittelt, lehren oder lernen wollen. Wie alle anderen Themen auch. Ob es die Suche nach essbaren oder heilsamen Pflanzen ist, das Spurenlesen, die Jagdtechniken, die Schmuckherstellung.

 

Tatsächlich sticht der Baobab-Baum weit hinaus über seine Nachbar-Bäume. Mich beruhigt das sehr. Bei Streifzügen rund um den Baum kann ich so recht sicher wieder zu ihm zurückfinden. Ansonsten ist für mich die Landschaft völlig unübersichtlich. Bei jedem Gang in den Busch mit unseren Freunden vom Ju/’hoansi-Dorf fühle ich mich in kürzester Zeit verloren. Alles sieht gleich aus für mich. Alles ist flach, es gibt keine Erhebungen, außer ab und zu einen Termitenhügel. Auch die Baum- & Strauchwelt sieht für mich sehr gleichförmig aus – unübersichtliches und immer wiederkehrendes Gestrüpp. Fast alle Sträucher und Büsche haben irgendeine Art von Stacheln oder Dornen, die mit Vorliebe an meiner Haut oder meiner Bekleidung hängenbleiben.

 

 

Die Ju/’hoansi bewegen sich nicht nur völlig elegant an den besonders stacheligen Büschen vorbei, sondern scheinen sich auch mühelos in diesem Irrgarten von verschiedenen Grün-, Braun-, und Beige-Tönen zurecht zu finden. Wie machen sie das nur? Ich beschließe noch genauer zu beobachten um es herauszufinden. Und dann packt mich doch meine Ungeduld und ich frage Komtsa, der vor mir läuft. Die Antwort entmutigt mich im ersten Moment: Er achte auf besondere Landmerkmale wie Büsche, Sträucher und Bäume, die auffallen und auch ihre Stellung im Verhältnis mit den anderen Pflanzen. Dann merke er sich, von wo er gekommen ist. Hm, das scheint unmöglich, mir diese Unmengen an Sträuchern, Büschen und Bäumen zu merken. Und ich frage mich direkt, ob die Ju/’hoansi durch ihre Lebensweise in ihrem Gehirn mehr Speicherkapazität als wir zur Verfügung haben, die wir uns viele Busfahrpläne, Markenwerbung, Kochrezepte und Telefonnummern merken müssen?

 

 

Dann frage ich mich, wie ich mich selbst zuhause im Wald orientiere. Und nach ein bisschen nachdenken, fühle ich mich erleichtert: Genau so! Genau so, wie Komtsa gerade seine Orientierung beschrieben hat, mache ich das auch. Ich merke mir diesen Haselstrauch, der da so nah an die Eiche geschmiegt ist, dann merke ich mir als nächstes dieses dichte Feld mit Brennnesseln auf der kleinen Lichtung mitten im dunklen Fichtenwald und auch diesen dicken Felsen, auf dem soviel Moos wächst. Ich habe anscheinend die gleiche Technik, nur benutze ich andere Kennzeichen, Erinnerungsstücke dafür.

 

Und plötzlich fühle ich eine starke Verbundenheit mit meinem Land zuhause, habe meinen Wald und seine Eigenschaften und Besonderheiten vor Augen. Und das während ich im fernen Afrika weile. Ich muss grinsen. Und bleibe an einem Busch hängen – vor lauter Grinsen hab ich nicht auf die Vegetation geachtet und bin zu nah an einem Wait-a-bit-Busch vorbeigelaufen. So haben die Südafrikaner einen bestimmten Busch genannt, der wirklich sehr scharfe und viele Dornen hat.

 

 

Ich lenke meinen Fokus wieder stärker auf die Wahrnehmung meiner Umgebung, und das ist gut so, denn fast wäre ich nach dem Busch in ein Spinnennetz mit einer spektakulär aussehenden schwarz-knallorangenen, handtellergroßen Spinne gelaufen. Hier im Busch der Kalahari ist viel Achtsamkeit gefordert. Werner, unser lieber Freund, der hier in Namibia aufgewachsen ist und uns in diesen Wochen auf unserer Reise mit all seinem Wissen und seiner Liebe zu der Landschaft und den Menschen der Kalahari begleitet, empfiehlt uns das schon am ersten Tag: Bleibt achtsam! Bei jedem Schritt und Tritt. Er sagt es so eindrücklich, dass ich es mir zu Herzen nehme.

 

Zwischendurch bin ich versucht, ganz entspannt barfuß durch den herrlich weichen Sand zu laufen… Nachdem wir die ersten Skorpione gesehen haben, die farblich wunderbar an den rötlich-braunen Sand angepasst sind, bin ich doch etwas vorsichtiger. Nicht nur Skorpione und Dornen können uns hier gefährlich werden – auch Schlangen wie die Kobra oder die schwarzen Mambas, Spinnen und andere „kleinere“ Tiere zeigen uns hier, dass wir Menschen verletzliche Körper haben. Und dann gibt es noch Hyänen, Löwen, Leoparden oder Elefanten. Die vermutlich eher selten in Dorfnähe auftauchen. Beim Streifen durch den Busch, auf der Suche nach bestimmten Pflanzen zum Essen oder Gerben ist es jedoch ratsam, ihnen nicht zu nahe zu kommen.

 

 

Und dann höre ich innerhalb von zwei Nächten, während ich in meinem Zelt bin, sowohl Löwen- als auch Hyänen-Geräusche. Ich selbst, aufgewachsen in Deutschland, kenne im Wald keine größere Gefahr als Wildschweine oder Zecken und bin daher draußen meist sehr entspannt. Diese andauernde Anspannung hier im Busch führt zu einer erhöhten Wachsamkeit. Zu einer Schärfung der Sinne, wie ich es bislang nur für bestimmte Aufmerksamkeitsübungen bewusst für ein paar Minuten herbeigeführt hatte.

 

Jetzt bemühe ich mich, dieses Level den ganzen Tag zu halten. Was mir natürlich nicht gelingt. Ich beobachte bei unseren Busch-Walks mit den Ju/’hoansi immer wieder, wie scheinbar fließend und entspannt sie sich durch den Busch bewegen und was sie alles wahrnehmen, lange bevor wir es überhaupt erahnen. Darüber hinaus ist ihr Wissen über die Tiere und Pflanzen scheinbar unendlich. Alle Fragen, die wir über das Verhalten von diesem oder jenem Tier stellen, die Nutzung von dieser oder jener Pflanze, alles können sie beantworten.

 

 

Dazu ist wichtig zu erwähnen, dass die Ju/’hoansi hier im Nyae Nyae Schutzgebiet zwar noch jagen dürfen, aber aufgrund ihrer erzwungenen Sesshaftigkeit kaum mehr vom Jagen und Sammeln leben können. Trotzdem haben sie sich eine immense Beobachtungsgabe und Wahrnehmungsfähigkeit erhalten. Ich beobachte, wie Komtsa und seine Freunde an einem strauchartigen Baum einige Äste mit ihrem Chop-Chop (einer kleinen Axt) heraushauen. Sie versuchen, den Baum so zu nutzen, dass sie gute Äste für ihre neuen Jagd-Bögen bekommen und gleichzeitig der Baum möglichst achtsam behandelt wird für sein weiteres Wachstum. Nach der Schneide-Aktion helfen sie dem biegbaren Baum wieder zurück in seine Ursprungsform.

 

Ich frage mich, ob die permanenten Gefahren um sie herum und die Abhängigkeit vom Land mit allen seinen Bestandteilen wie Tieren und Pflanzen und Wasserlöchern, sie nicht nur zu einer erhöhten Achtsamkeit führen, sondern dadurch auch zu einer stärkeren Verbindung mit dem Land? Von der wir vielleicht einiges verloren haben, seit wir keine lebensbedrohenden Gefahren und auch keine direkte Abhängigkeit von unserer Umgebung mehr kennen? Wenn dem so ist, kann ich dann meine so tief ersehnte Verbindung zu dem Land um mich herum durch eine erhöhte Achtsamkeit und Wahrnehmung intensivieren? Wie kann mir das gelingen?

 

 

Kurz nach dem Busch-Walk, in dem wir die Äste für die Bögen geerntet haben, nehmen wir Teil an einer Museumsversammlung. Das Living Museum ist eine der drei Dorfgemeinschaften, bei denen wir in diesen Wochen wohnen, leben, lernen und lachen. ||Xa|hoba, das moderne Dorf, welches das Living Museum betreibt, liegt etwa 20 km nördlich von Tsumkwe, der „Hauptstadt“ des Nyae Nyae Schutzgebietes. Tsumkwe hat offiziell etwa 2.000 Einwohner, dabei jedoch nur zwei Strassen, an deren Kreuzung mit dem General Dealer (einer Art Tante Emma Laden) der Mittelpunkt des Dorfes liegt. Hier gibt es Maismehl, Zucker, Tee, Cola, Bier, Seife und anderes zu kaufen. Die meisten der gezählten 2.000 Einwohner wohnen jedoch verstreut im Umland im Busch. So auch die Bewohner von ||Xa|hoba. Direkt neben dem modernen Dorf, welches eine handvoll selbstgebauter Hütten umfasst, liegt das traditionelle Museumsdorf.

Kommen Touristen hierhin, wechseln die im Museum arbeitenden Dorfbewohner Jeans und T-Shirt gegen ihre selbstgemachte traditionelle Lederbekleidung. Die Touristen können dann Jagdtrips, Busch-Walks, Handwerkskunst, Singen & Tanzen und mehr buchen. Durch das Museum können die Ju/’hoansi mit ihrem traditonellen Wissen einen kleinen, aber oft ausreichenden Lebensunterhalt verdienen – andere Jobmöglichkeiten haben sie in ihrer Region in Nord-Ost-Namibia kaum. Zugleich können sie das in nur zwei Generationen ein Stück weit verloren gegangene traditionelle Wissen ihrer Kultur zurückerlangen und erhalten. Die Idee zum Living Museum hat Werner Pfeifer nach Namibia gebracht, der selbst schon lange Jahre in einem lebenden Steinzeit-Museum in Norddeutschland arbeitet.

 

 

Das Museum funktioniert selbstverwaltet – und gleichzeitig nutzen die Dorfbewohner Werners Besuch für ihre jährliche Museumsversammlung. Wir dürfen dabei sein und Zeuge eines Gesprächs über ein für mich spannendes Thema werden: Den Umgang mit Geld. Ich habe mich vorher schon gefragt, wie eine Kultur, die bis vor etwa 50 Jahren fast unbeeinflusst von der globalisierten Gesellschaft ihre steinzeitliche, weitestgehend besitzlose Jäger- und Sammler-Kultur gelebt hat, mit dem Entstehen von privatem Besitz und mit dem Thema Geld umgeht? In unserer Kultur, in der ich aufgewachsen bin, ist die Existenz von Geld so selbstverständlich und gleichzeitig so fragwürdig, dass ich selbst ganz oft völlig verwirrt bin.

 

Gespannt gehe ich mit meinen Mitreisenden zusammen die wenigen Minuten von unserem Zeltplatz rüber in die Mitte des modernen Dorfes, nah am einzigen Wasserhahn, durch den das Wasser dank einer Solarpumpe aus den Tiefen der namibianischen Urzeit an die Oberfläche befördert wird. Dort kommen nun nach und nach alle Menschen zusammen: die Alten sitzen auf den wenigen Plastik-Stühlen des Dorfes, die meisten anderen sitzen auf dem Boden, die Jugendlichen in einer Ecke, auch die Frauen sitzen zusammen und jede von ihnen hat zwei, drei Kinder, die an ihnen und auf ihnen rumkrabbeln. Es ist nicht immer leicht, auszumachen, welches Kind zu welcher Mutter gehört. Das Thema Kindererziehung ist ein ganz anderes und hat hier leider keinen Platz mehr 🙂

Es ist mir eine Freude, dass ich viele Gesichter des Dorfes inzwischen kenne, ihnen Namen oder auch gemeinsame Erlebnisse zuordnen kann. In wenigen Tagen hat sich ein angenehmes familiäres Gefühl eingestellt.

 

 

Die Versammlung dauert lange. Es gibt keinen Dorf-Chef oder jemanden in einer ähnlichen Rolle. Die Ju/’hoansi kennen keine Hierachie, in alten Zeiten haben alle gemeinsam gelebt und entschieden. Werner übernimmt heute die Moderatoren-Rolle und stellt Fragen in die Runde. Zwischendurch werden Kinder gestillt, wird geraucht, Wasser getrunken, aufgestanden und weggegangen und wiedergekommen. Manchmal reden alle gleichzeitig mit Händen und Füßen, für mich ist es ein heilloses Durcheinander von Klicklauten, dabei scheinen sich alle Redenden gut gegenseitig zu hören. Dann reden wiederum auch einzelne, erklären ihre Sichtweise. Kern der Diskussion ist die Frage, wie mit der Verteilung der Museums-Einnahmen umgegangen werden soll?

 

Nach einigen Frage-Runden verstehen wir die Lage etwas besser: Nicht alle Dorfbewohner arbeiten gleich viel im Museum. Manche gar nicht, manche ein wenig, manche ganz intensiv. Die Einkünfte eines Tages werden jedoch auf alle Museumsmitarbeiter aufgeteilt, unabhängig davon, wieviel sie gearbeitet haben. Das bedeutet, dass die drei jungen kräftigen Männer, die uns meistens beim Spurenlesen, Jagdtrips oder Busch-Walk begleiten, den gleichen Anteil erhalten wie alle anderen, die nur manchmal dazu kommen, wenn es zum Beispiel um eine große Runde am abendlichen Feuer geht. Das wird von einigen als ungerecht empfunden. Ich kann das gut nachvollziehen, in unserer Gesellschaft gibt es auch die Idee von „wer mehr arbeitet bekommt mehr Geld“. Und gleichzeitig führt das im Dorf zu Schwierigkeiten: Wie ist messbar, wer wann wieviel arbeitet? Wie werden die versorgt, die nicht arbeiten können, weil sie zu alt, schwach oder krank sind?

 

Als Werner die Frage stellt, was passiert, wenn jemand kein Geld mehr für Lebensmittel hat, antworten alle einstimmig und ohne jedes Zögern: Essen gibt hier jeder jedem! Was ist also der Unterschied zwischen Lebensmitteln und Geld? Wann hat hier im Dorf die Idee von persönlichem Besitz Einzug gehalten und welchen Anteil daran hat das „Geld“ ? Diese Fragen gehen mir durch den Kopf. Währenddessen wird weiter gesprochen. Es gibt eine Runde, in der jede*r Museumsmitarbeiter*in in der Runde ausspricht, warum sie/er im Museum arbeitet. Diese Idee kommt von unserer Reisegruppe, Werner und die Dorfgemeinschaft nehmen sie dankbar auf. Dabei wird deutlich: Für die Dorfbewohner ist der Job im Museum wichtig und überlebensnotwendig.

 

Das Gefühl, gemeinsam für den eigenen Lebensunterhalt zu arbeiten, verstärkt das Gefühl von Gemeinschaft. Es wird weitergesprochen, nun über die Idee, zwei Museumsmanager zu beauftragen, jetzt und in Zukunft Lösungen für solche Konflikte zu erarbeiten um sie dann mit der Gemeinschaft zu besprechen. Die zwei Manager sind schnell gefunden, /Ui und Dam, beides recht ruhige, ältere Männer, die in der Gemeinschaft angesehen sind. Sie setzen sich mit Werner zusammen und besprechen Lösungen, die dann mit dem ganzen Dorf besprochen und in Einigkeit entschieden werden.

 

 

Ich bin einerseits beeindruckt, wie offen das Dorf uns als Besucher an ihren intimsten Prozessen teilhaben lässt. Hier ist zu spüren, wie wenig Tabus, Geheimnisse und Abgrenzung es innerhalb des Dorfes gibt. Und gleichzeitig erfahre ich, wieviel Zeit wahre gemeinschaftliche Lösungen erfordern. Das dürfen wir auch in einem anderen Prozess erleben, in unserer eigenen Gruppe. Wir sind mit sieben Reisenden nur eine kleine Gruppe, entscheiden jedoch von Anfang an, keine Demokratie zu leben, sondern alle Entscheidungen in Einigkeit zu fällen.

 

Schließlich geht es uns bei dieser Reise auch um die Frage, wie Gemeinschaft gelebt werden kann. Tatsächlich schaffen wir es, auf der ganzen Reise jede einzelne Entscheidung, die alle betrifft, gemeinschaftlich zu besprechen und zu treffen. Manchmal sind dazu mehrere Gesprächskreise erforderlich. Manchmal ist es anstrengend, so viele Kreise zu machen und jede*n mit der gleichen Aufmerksamkeit zuzuhören. Zweimal haben wir in diesen Kreisen auch die Gelegenheit, Missverständnisse aufzuklären, bevor Konflikte entstehen können. Und gleichzeitig ist es für mich die bislang tiefste und intensivste Erfahrung von echter Gemeinschaft. Und damit einer der wichtigsten Eindrücke der ganzen Reise. Liegt das an der Kalahari und den Ju/‘hoansi, die Gemeinschaftskultur ausstrahlen?

 

 

Und auch wenn unsere Gemeinschaft so nah, offen und herzlich erscheint, wird mir durch eine Erfahrung bewusst, welche Möglichkeiten in noch innigerer Gemeinschaft liegen: An einem Tag gehe ich während der heißen Mittagspause mit einer Freundin aus unserer Gruppe rüber ins Dorf, um das Programm für den nächsten Tag zu besprechen. Im Dorf sitzen und liegen alle im Schatten ihrer kleinen Hütten. Auf den kleinen Schattenflächen sitzen und liegen mehrere Erwachsene und Kinder eng aneinander und fast übereinander. Sie quatschen, lachen, singen und dösen dort gemeinsam. Wir besprechen unser Programm von morgen, und während unseres Gespräches verspüre ich den Wunsch, mich einfach dazu zu legen, Teil einer so nahen Gemeinschaft zu sein.

 

Wir gehen zurück in unser “Dorf“, zu unserem Zeltplatz. Wir haben an einer Stelle im Busch unser Tarp aufgeschlagen, darunter die Feuerstelle und die Kochutensilien aufgebaut – unsere Küche und unser Wohnzimmer. Unsere Schlafzimmer, die Zelte, sind weit im Busch verstreut. Jede*r von uns hat ihr*sein Zelt ein paar wenig oder mehr Meter in den Busch hineingetragen, um dort ungestört zu sein. Für sich zu sein. Was für ein Bild: Über viele Meter verteilt stehen unsere einzelnen Zelte im Busch. Meins steht am weitesten draußen. Warum brauche ich soviel Raum, soviel Platz für mich? Und sehne mich gleichzeitig nach Nähe? Gerade in Gemeinschaft verspüre ich oft den Wunsch nach Rückzug. Wie schaffen es die Ju/’hoansi, so dauerhaft in so enger Gemeinschaft zu sein. So nah mit den anderen und doch bei sich selbst zu bleiben?

 

Eine mögliche Zutat kann ihre Art von Kommunikation sein: In all den Wochen erlebe ich kein einziges Mal ein lautes oder hektisches Wort. Die Ju/’hoansi sind eher leise, sehr höflich und vor allem – voller Humor. Mir scheint, als würden sie ununterbrochen über alles lachen, dabei auch und vor allem über sich selbst. Vielleicht ist das ein Ausdruck davon, das Leben mit all seinen Facetten anzunehmen und dabei ganz im Moment zu sein? Jedenfalls ermöglicht mir dieser wundervolle Humor, ganz leicht auch ohne Sprachkenntnisse mit ihnen in Kontakt zu kommen.

 

 

Bei den lustigen Schnick-Schnack-Schnuck-Spielen, bei denen ich die Regeln bis zum Ende nicht wirklich verstanden habe, und wir alle vor Lachen uns den Bauch halten. Oder wenn ich mich unter gespieltem Abschiedsschmerz an einen unsrer Jeeps hänge, mit denen Werner ein paar der Ju/’hoansi nach Tsumkwe zum Einkaufen mitnimmt, so arg übertreibend weinend, dass den Dorfbewohner, die auf der Rückfläche sitzen, vor lauter Lachen Tränen kommen. Ja, der Humor überschreitet so manche (Sprach-) Grenze und macht Miteinander und Verbundenheit möglich.

 

Und jetzt sitze ich hier, Mitte April in Deutschland, im Corona-Lockdown. Ich denke an unseren letzten Tag in der Kalahari. Daran, wie wir mit dem Dorf zusammen an den großen Baobab-Baum gefahren sind. Wie wir dort Popcorn gemacht haben, gesungen, gelacht und getanzt haben. Alles ohne gemeinsame wörtliche Sprache. Dafür mit vielen anderen Gemeinsamkeiten.

 

 

Ich bin Mitte Januar mit einigen Fragen über Gemeinschaft, Naturverbindung, Spurenlesen etc. in die Kalahari aufgebrochen. Heute stelle ich fest, dass ich mit deutlich mehr und anderen Fragen nach Hause gekommen bin. Diese Fragen haben mich verändert – und begleiten mich durch dieses besondere Frühjahr 2020.

 

Für diesen Bericht habe ich versucht, ein wenig an dem Pflänzchen zu ziehen, welches durch diese Reise in mir wächst. Es war nur ein leichtes, vorsichtiges Zupfen. Jetzt lasse ich es wieder in Ruhe weiter wachsen. Und schaue, wie ich mich selbst und meine Mitmenschen mit Humor und Nähe durch diese Zeit begleiten kann. Und eins weiß ich: sobald es mir möglich ist, will ich noch einmal in die Kalahari reisen. Ich hab mein Herz geöffnet bei diesen herzlichen Menschen, die so liebevoll und authentisch Gemeinschaft leben. Ich möchte wiederkommen und sie durch meinen Besuch unterstützen, ihren eigenen Weg in die Zukunft zu finden. Ich möchte wiederkommen und durch die Begegnung meinen eigenen Weg besser erkennen können. Ich möchte wiederkommen und mit ihnen lachen, singen und tanzen.

 

Hier findest du die Artikel über unsere erste und zweite Reise.

1964 schüttelte das Große Erdbeben von Alaska die Stadt Anchorage für anderthalb Stunden durch und beließ kaum einen Stein auf dem anderen. Ganze Ladenzeilen verschwanden bis zum Dach in sich auftuenden Erdspalten. Das gesamte Leben spaltete sich ebenso, in ein “davor” und ein “danach”.

Katastrophen überleben

Viele ältere Menschen heute haben Katastrophen überlebt. So wie mein Vater, der 1945 als Fünfjähriger zu Fuß mit seinen Eltern aus dem heutigen Kaliningrad flüchtete. Meine Oma schob dabei den Rollstuhl mit ihrem von einem Granatsplitter querschnittsgelähmten Mann, auf dessen Schoss die meiste Zeit mein damals dreijähriger Onkel saß. Als sie im fast 700 km entfernten Dargun in Mecklenburg ankamen, konnten sie nicht mehr weiter: Denn Wehen setzten ein und in einer Scheune gebar meine Oma ihr drittes Kind.

Katastrophen, im Sinne von leidvollen, plötzlichen Umbrüchen, sind ein Teil des Lebens: Ein Sturm kann Bäume entwurzeln, ein Biber-Paar kann ein Flußtal überfluten, Erdrutsche können ganze Ökosysteme mit sich reißen, und Waldbrände zerstören einen großen Teil der Vegetation.

Auch wenn wir es persönlich vielleicht noch nie so drastisch erlebt haben: Ich glaube tief in uns schlummert eine Erinnerung oder Ahnung davon, wie es sein könnte, mittendrin zu stecken.

Ein Katalysator für Nächstenliebe

Direkt nach dem Erdbeben in Alaska machte sich ein Team von Sozialforschern auf, um zu studieren, wie die Menschen vor Ort mit dem Unglück umgehen würden. Sie waren auf das Schlimmste gefasst, auf Gewalt, auf alle Arten von unsozialen Verhaltensweisen.

Doch das Gegenteil war der Fall: Völlig spontan und ohne jegliche Anweisungen oder Absprachen vernetzten die Menschen sich auf alle möglichen hilfreiche Weisen miteinander: Menschen gruben sofort nach dem Beben andere Menschen aus den Trümmern aus, Menschen mit Autos fuhren stundenlang umher um andere mitzunehmen, hunderte Freiwillige meldeten sich bei der Feuerwehr und überall nahmen Menschen Fremde bei sich zuhause auf. “Jeder machte mit“, sagte ein Befragter später. “Jeder probierte einfach alles was möglich war für jeden zu machen.”

Eine Woche blieben die Forschenden dort und bei den Befragungen wurde klar: Die Menschen hatten nicht planvoll oder strategisch gehandelt, sondern einfach spontan, sogar instinktiv das getan, was ihnen gerade in den Sinn gekommen war.
Die Katastrophe hatte einen Grad an Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft freigesetzt, der im alltäglichen Leben selten die Gelegenheit hat, an die Oberfläche zu treten.

Helfen können tut uns gut

Bei vielen Empfehlungen die gerade zirkulieren geht es nicht primär darum, sich selbst zu schützen, sondern andere. Das knüpft an unserer angeborenen Freude am Hilfsbereit sein an. So waren in einer Studie sogar erst 19 Monate alte Babies bereit, an jemanden der hungrig aussah, ihr Essen zu verschenken – obwohl sie selbst auch Hunger hatten.

Durch unser Handeln einen positiven Unterschied für andere zu machen, verschafft uns eine tiefe Freude, und zählt zu den wichtigsten Faktoren für ein glückliches Leben.

Helfen, das bedeutet jetzt gerade vor allem:

  1. Zuhause bleiben
    Wir können einen wahrhaft heldenhaften Beitrag leisten, indem wir in dieser Zeit für uns selbst bleiben.
    (Wer mehr darüber wissen mag, warum dies so wichtig ist, dem empfehle ich folgende Artikel über die dahinter stehenden Erkenntnisse über die Verbreitung des Virus und die Auswirkungen auf unser Gesundheitssystem und über die Lage in Italien (bereits vor drei Tagen).
  2. Ermöglichen, dass andere zuhause bleiben
    Vor allem geht es dabei darum, für die Ältesten in unserem Umfeld Besorgungen zu übernehmen, damit sie geschützt bei sich zuhause bleiben können.
  3. Unterstützen, dass andere sich zuhause wohl fühlen
    Wir können anderen und uns selbst diese Zeit versüßen, indem wir unsere sozialen Beziehungen übers Telefon oder Internet nähren, Raum für herzvolle Gespräche schenken, wie in Italien von unseren Balkonen oder Fenstern musizieren, Liebesbriefe und Pakete verschicken und gemeinsam mit den Menschen mit denen wir unter einem Dach wohnen, eine nährende Zeit gestalten.

Und was hilft uns, zu helfen?

Psychologin Jill Suttie vom Greater Good Science Center in Kalifornien hat hierzu einige Empfehlungen veröffentlicht, die ich gern mit euch teilen möchte:

1. Achte auf die heldenhaften Taten!

In jedem Unglück gibt es Menschen, die sich altruistisch, also vollkommen uneigennützig verhalten. Uns mit ihnen zu beschäftigen, ihr Tun zu beobachten, kann in uns selbst ein erhebendes Gefühl von Redlichkeit erzeugen. Es könne uns optimistischer machen und wir möchten im Ergebnis selbst gern auch Gutes tun, schreibt Jill Suttie. So kann eine Aufwärtsspirale für mehr Freude für alle entstehen.

2. Kultiviere deine innere Gelassenheit

Achtsamkeitsübungen wie Sinnesmeditationen, Weitwinkel-Schauen, meditatives Spazierengehen, bewusstes und langsames Essen, sich mit dem Atem verbinden, Entspannungstechniken, Yoga oder andere achtsamkeitsfördernde Bewegungspraktiken sind in Krisenzeiten besonders wichtig.

Sie zu üben wann immer wir den Fokus dafür aufbringen können, sei für unsere Geisteshaltung so wichtig, wie Vorkehrungen für Überflutungen zu treffen, bevor der Monsun-Regen fällt, sagt der Dalai Lama.
Für mich ist dabei der Atem einer der praktischsten Zugänge, weil ich meinen Atem immer dabei habe. Bewusstes Atmen beruhigt an sich bereits. Wenn ich tiefere Entspannung einladen möchte, kann ich mein Ausatmen allmählich verlängern, oder es mit einem Schnaufen oder Tönen verbinden.

3. Zeige Dankbarkeit

Dankbarkeit in mir erwecken und spüren kann in sich schon beruhigend und herzöffnend sein. Sie auch zu zeigen, kann anderen Menschen deutlich machen, wie wichtig und wohltuend ihr Handeln wirklich ist, und dadurch ermutigen, sich weiter auf hilfsbereite Weise zu verhalten.

4. Fühle mit

Scheinbar hat gerade das “mütterliche Hormon” Oxytocin viel damit zu tun, wieviel Mitgefühl wir mit anderen Menschen aufbringen können. Denn je mehr davon in uns vorhanden ist, desto leichter fällt es uns, jemand anders zu Hilfe zu eilen.

Das ist gerade jetzt aktuell eine sehr interessante Beobachtung, weil wir es im alltäglichen Leben vor allem bei innigen sozialen Interaktionen ausschütten (z.B. bei Umarmungen, Orgasmen oder wenn wir Massagen bekommen) – die jetzt gerade vielen Menschen fehlen!

Wenn wir wenig Körperkontakt mit anderen Menschen haben können, können auch Yoga oder sanfte Musik helfen. Außerdem können laut Paul J. Zak folgende Aktivitäten sehr wirkungsvoll sein:

  1. Mit voller Aufmerksamkeit von Herzen zuhören, dem anderen dabei in die Augen schauen und mich in mein Gegenüber einfühlen.
  2. Ein Geschenk von jemand anders bekommen.
  3. Gemeinsam mit anderen Menschen essen – das geht heutzutage auch über Skype oder Whatsapp-Calls, oder selbst am Telefon. Besonders wirksam ist dies, wenn man es mit Punkt zwei verbindet, und die Mahlzeit ein Geschenk ist.
  4. Beim Meditieren meine Aufmerksamkeit auf meine Liebe zu anderen Menschen (und der Natur) richten (statt auf meine eigene Selbstwahrnehmung)
  5. Ein heißes Bad nehmen.
  6. Sogar mit Freund*Innen über Social Media in Kontakt sein soll in Studien bei 100% der Menschen das Oxytocin-Level steigen lassen. Ich vermute auch das Anschauen von Fotos früherer Zeiten und Freundschaften und Familie, könnte dasselbe bewirken.
  7. Einen Hund streicheln – egal ob es der eigene Hund ist. Und vielleicht funktioniert es mit Katzen und anderen Haustieren auch?
  8. “Ich liebe dich” und “Ich hab dich lieb” sagen und hören.

Warum gerade jetzt Konflikte aufflackern können?

Beängstigende Zeiten, vor allem wenn sie mit viel Nicht-Wissen, Unsicherheit und Verwirrung verbunden sind, können dazu führen, dass unsere Fremdenangst gegenüber Menschen anderer Kulturen sprunghaft wächst.

Und diese Angst vor dem was mir fremd ist, scheint insbesondere auch für andere Denkweisen zu gelten: Denn die sozialen Medien sind voll von heftigen Auseinandersetzungen zwischen Menschen die sehr viel gemeinsam haben, darüber, ob die Pandemie wirklich so schlimm ist, wie sie zu sein scheint.

Zur selben Zeit wandert eine Welle von Solidarität und Fürsorge für die Älteren rund um die ganze Welt, es herrscht an vielen Orten Aufbruchstimmung, wir erleben eine nicht für möglich gehaltene Drosselung von Produktion, Konsum und damit auch Umweltverschmutzung. Regierungen überlegen ernsthaft, bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen. Und die Bundesregierung startet sogar einen deutschlandweiten Beteiligungsprozess rund um das Finden von gemeinsamen Lösungen für die mit der Virenkrise verbundenen Fragen.

Meine persönliche Herangehensweise ist: Kritisches Denken ist immer wichtig, auch gegenüber der öffentlichen Meinung.

Panik ist niemals förderlich, egal wie berechtigt sie scheint. Doch Panik und Anti-Panik scheinen sich in ihren Ausdrucksformen sehr ähnlich zu sein, und in ihren Wirkungen auch: Sie kreieren mehr Panik, also Überlebensreaktionen wie Flucht, Kampf oder Starre. Es ist also zweitrangig, ob ich mehr Angst vor dem Virus habe oder vor der Regierung oder vor allen Sorten von “Anderen”.

Wann immer uns die Angst erfasst oder wie eine Welle über uns rollt, können wir nur noch sehr schwer klar denken, geschweige denn unser Mitgefühl, unser Einfühlungsvermögen, unsere Intuition und innere Weisheit zurate ziehen.

Unser Verstand sucht gerade angesichts hochkomplexer und potentiell gefährlicher Vorgänge am liebsten (und manchmal scheinbar verzweifelt) nach schnellen, einfachen, für uns selbst plausiblen Erklärungen – die quasi jede Menge Informationen ausblenden müssen, damit sie einfach genug bleiben, um zumindest ein Stückchen innerer Sicherheit zu spenden.

Ich kann es an mir selbst wunderbar beobachten, wie Wogen der Angst mich durchfluten, in die eine oder die andere Richtung – je nachdem welche Arten von Artikeln oder Nachrichtenbeiträgen ich mir anschaue.

Generell finde ich persönlich es essentiell, dass ich Main Stream Berichterstattung immer auch kritisch hinterfragen darf. Für mich, die ich in der DDR aufgewachsen bin, ist das eine Grundsäule einer demokratischen Gesellschaft: Freie Medien und freie Meinungsäußerung über die Beiträge dieser Medien.

Doch gerade in diesen letzten Wochen erreichen uns extrem widersprüchliche Grundaussagen von allen Sorten von Medien, und der kritische Diskurs, der eigentlich ermächtigen soll, nimmt oft Formen an, die das Potential haben, den Zusammenhalt in der Bevölkerung zu erodieren.

Deshalb ist für mich persönlich gerade das Wichtigste, dass mein kritisches Hinterfragen von Medien und Regierungsorganisationen und ebenso auch mein kritisches Hinterfragen von vielen anderen lauten Stimmen in der Öffentlichkeit, mich nicht darin beeinträchtigt, wie sehr ich selbst mich in Mitgefühl, Fürsorge, Nächstenliebe und Solidarität übe.

Wann immer ich im außen einen vermeintlichen Gegner erspähe, erlebe ich persönlich es als sehr schwierig, selbst großherzig und mitfühlend zu bleiben.

Dabei ist gerade das Mitgefühl eine Kernzutat, die es maßgeblich erleichtern kann, Lösungen angesichts komplexer Herausforderungen zu finden!

5. Mit mir selbst mit-fühlen

Wenn ich feststelle, dass ich selbst gerade dabei bin, mich in Theorien zu verrennen oder krampfhaft Schuldige finden will, kann es ein erster hilfreicher Schritt sein, meine Ängste dahinter anzuerkennen und mir Selbst-Mitgefühl zu schenken.

Ich kann mich selbst trösten, beispielsweise indem ich mir die Hand auf mein Herz lege und mir sage, wie schwierig diese Situation sich gerade anfühlt. Wie bodenlos, haltlos, verzweifelt ich mich fühle. Und dass das ok ist. Dass ich traurig sein darf, und vor allem, dass ich Angst haben darf, sie fühlen darf.

Manchmal merke ich dann ganz deutlich, dass ich gerade gar nicht kämpfen möchte, sondern eigentlich es Zeit ist, zu trauern – und über den Ausdruck der Emotionen und das Weinen, meinen inneren Frieden wieder zu finden.

6. Lenke deinen Fokus darauf, dass wir alle Menschen sind – und einander gerade brauchen

Eines der größten Hindernisse für unsere naturgegebene Hilfsbereitschaft scheint es zu sein, wenn wir uns “anders” als die anderen wahrnehmen. Ich meine damit nicht im Sinne von einzigartig (was wir natürlich sind), sondern im Sinne von scheinbar unüberbrückbaren Gegensätzen.

In den letzten Tagen habe ich immer wieder darüber gelesen, wie “wir” auf der einen Seite und “die Medien”, “die Pharma-Industrie”, “die Politiker” auf der anderen Seite stünden, und wir uns zur Wehr setzen sollten.
Die Sprache zeigt, dass da eine Entmenschlichung stattfindet. Egal ob dies in Richtung “die da oben” geht, oder ein Freund auf einmal nur noch ein “Verschwörungstheoretiker” ist – indem Moment wo wir jemanden in eine Schublade stecken, auf der etwas anderes draufsteht als “ein Mensch wie ich“, kreieren wir die besten Voraussetzungen für Feindseligkeit dieser Person gegenüber.

Eine Feindseligkeit, die in diesem Fall von uns ausgeht, und die wir subjektiv sogar als berechtigt empfinden werden!

Für mich ist auch hier der Dalai Lama das leuchtendste Beispiel, der darauf besteht, dass er nur “einer von sieben Milliarden Menschen” sei, die alle im Grunde einfach nur glücklich und ohne zu leiden leben möchten.

Eine einfache Übung, die mir hilft, in Momenten der Verachtung für andere (die auch menschlich sind!) wieder zu mir selbst zu finden, hat das Greater Good Science Center entwickelt:

  1. Denke an eine Person oder Gruppe von Menschen, die du als vollkommen anders oder mit deinen Werten und Vorstellungen unvereinbar wahrnimmst, mit der du vielleicht auch gerade in persönlichen oder ideellen Konflikten stehst.
  2. Denke an all das, was euch verbindet, was ihr gemeinsam habt. Das beginnt damit, dass ihr beide Menschen seid. Was ist da noch oder könnte da sein? Vielleicht die Erfahrung, beide Kinder zu haben? Schon mal verliebt gewesen zu sein? Einen Menschen verloren zu haben? Sich ängstlich oder verunsichert gefühlt zu haben?
  3. Lass diese Gemeinsamkeiten auf dich wirken und stelle dir dein Gegenüber als einen einzigartigen Menschen vor, dessen Lebenswirklichkeit, Geschmack, Glauben oder Verhaltensweisen, in bestimmten Aspekten deinen eigenen entsprechen oder ihnen ähnlich sind.
  4. Wiederhole bei Bedarf. 🙂

Hier kannst du mehr über die Übung und die zugrundeliegende Studie lesen.

Miteinander füreinander da sein

Für mich ist dies eine unglaublich berührende Zeit. Jeder Tag bringt schmerzliche Nachrichten, UND zeigt wundervolle Beispiele von Menschlichkeit und unserer Kapazität, für einander wahrhaftig da zu sein.

Mögen wir Mitgefühl und Selbst-Mitgefühl immer wieder finden in diesen Zeiten. Damit wir einander in unserem einzigartigen und kollektiven Mensch-Sein so gut unterstützen können, wie es gebraucht ist, in dieser Zeit in der wir leben.

“Meine Freunde, verliert nicht eures Herzen’s Mut. Wir sind gemacht worden für diese Zeit.”

Clarissa Pinkola-Estes

Im Februar hatte ich einen Artikel veröffentlicht über die drei Phasen von Initiation: Trennung, Qualen und Heimkehr, und wie die beiden erstgenannten, sich in immer stärker werdender Heftigkeit vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte für die Menschheit als Ganzes ausspielen.

Dank des Coronavirus’ sind nun innerhalb kürzester Zeit viele der bisher als unverrückbar angenommenen Lebensumstände gerade auf eine Weise aus den Angeln gehoben, die vor Kurzem kaum vorstellbar gewesen wären.

Und weltweit ist das was gerade am hilfreichsten zu sein scheint, eine noch weitreichendere Trennung. So wie eine Raupe sich im Kokon einspinnt um sich vollständig aufzulösen – damit in Enge und Dunkelheit aus nur noch grünem Schleim danach ein Schmetterling entstehen kann.

Es sieht fast so aus, als würden wir nun kollektiv auf Visionssuche geschickt werden – allein oder nur mit unseren Nächsten sind wir auf uns selbst geworfen: Konsum, berufliche Pflichten oder Freizeitleben sind für viele Menschen gerade einfach ausgesetzt und runtergefahren auf was auch immer direkt bei ihnen zuhause möglich (oder nicht möglich) ist.

Manche von uns mögen das als angenehme und vielleicht schon lang ersehnte Pause erleben, als eine Gelegenheit aus einer Tretmühle auszusteigen.
Für andere mag es qualvoll sein, so viel Zeit zuhause zu verbringen – vor allem für all diejenigen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, deren Zuhause kein liebevoller, kein sicherer Ort ist.

Mein Mitgefühl gilt auch den vielen älteren Menschen, deren Hauptlebensinhalt ihre Liebe zu den Jüngsten ist, die Freude am Heranwachsen von Kindern und Enkelkindern – mit denen sie vielleicht für viele Monate nun zu ihrem eigenen Schutz keinen direkten Kontakt mehr haben sollten. Und den Kindern, die nun noch mehr als sonst von ihren Ältesten getrennt sind.

Wir haben viele viele Stunden in den letzten zwei Wochen damit verbracht, Nachrichten, Zweifel, Aufrufe, Warnungen und Entwarnungen aller Arten zu verfolgen.

Für mich ist es dabei hilfreich und tröstlich, auch diese Krise als einen Teil des sich immer weiter intensivierenden Initiationsprozesses der Menschheit anzusehen. Sicher ist COVID-19 nichts, was uns an den Abgrund der menschlichen Existenz bringen kann.

Aber es macht vieles deutlich:

  • wie verletzlich die von uns geschaffenen politischen und gesellschaftlichen Systeme sind
  • wie sehr wir als Menschheit weltweit miteinander verbunden sind
  • wie viel Angst wir vor dem Sterben haben – vor unserem eigenen aber vielleicht mehr noch vor dem unserer Liebsten
  • wie überfordert wir alle mit der Komplexität des modernen Lebens sind
  • wie sehr wir einander brauchen, und wie schmerzlich es ist, nicht freizügig in Kontakt sein zu können
  • dass wir trotz aller Kontrolle, die wir über den Rest der Natur ausgeübt haben und weiterhin ausüben, eben nicht die “Herscher der Schöpfung” sind
  • dass wenn wir erschrocken sind im Angesicht der Bodenlosigkeit der Existenz (welche beispielsweise im Buddhismus so liebevoll erforscht und befreundet wird), wir beharrlich nach Verantwortlichen, nach Schuldigen, nach irgendeiner Art von Bösem suchen, gegen das wir ankämpfen könnten – viel lieber als einem kollektiven Unwissen und einer umfassenden Machtlosigkeit der Menschheit als Ganzem ins Auge zu sehen
  • wie leicht Unfähigkeit, die eigenen Ängste auszuhalten, dazu führen kann, dass wir uns in Meinungen verrennen und in Streit und Vorwürfen gegen Freunde und Bekannte wenden
  • wie tröstlich es ist, Rückversicherung für unsere eigenen Denkmodelle zu erfahren
  • und wie sehr es uns individuell und kollektiv nach Sinn verlangt

Aus den Märchen ist uns das archetypische Muster vertraut:

Der Abstieg in eine furchteinflößende Unterwelt voller Prüfungen und der Begegnung mit schrecklichen Monstern (äußeren und inneren) und den noch schrecklicheren Ängsten vor ihnen, ist scheinbar notwendig im Leben.

Denn kein Mensch findet die tiefsten Seelenschätze, seine Bestimmung und seinen innersten Wesenskern zuhause auf der Couch – oder heute  vielleicht gerade, wenn das “auf der Couch sitzen” nicht so ganz freiwillig geschieht?

Nur durch das Durchleben von gefährlich anmutenden Umständen, die uns fühlbar mit unserer eigenen Sterblichkeit konfrontieren, kann ein Menschlein reich beschenkt, erwachsen und mit gereifter Persönlichkeit “heimkehren” – um dann als König oder Königin das eigene Land mit Güte und Weisheit zu führen.

Damit aus der Raupe ein Schmetterling werden kann, muss ihr Körper sich im dunklen, engen Kokon erst einmal vollständig auflösen – und sich vollkommen neu zusammenfinden.

Diese Auflösung scheint gerade in volle Fahrt zu kommen.

Zu jeder Initiation gehören Qualen, Seelenqualen und manchmal auch äußeres Leiden – wenn ich mich selbst fast auflöse, vom Leben “zerbröselt” und gut “durchgekocht” werde.
Michael Meade nennt diese Phase auch „die lange dunkle Nacht der Seele“.

Sie fühlt sich schrecklich an, es ist sogar schwer, sie von außen bei jemand anderem zu beobachten, und doch ist sie so grundlegend wichtig dafür, zu innerer Reife zu gelangen.

Durch das Leiden fallen alle Masken weg, denn wir haben keine Kraft mehr, sie aufrecht zu erhalten. Auch unsere falschen Identitäten wird das Leben aufbrechen – zum Beispiel die hochmütige Vorstellung, das nichts uns als Menschheit gefährlich werden könne.

Durch das Vom-Leben-aufgebrochen-Werden der narzisstischen Ego-Strukturen unserer globalen Gesellschaft, könnte ein gereiftes Selbst zum Vorschein kommen, eine ganzheitlichere Identität.

Wir könnten dank der rauen Gnade des Lebens am Ende dieser Zeit voller Krisen und Leid herausfinden, uns dessen gewahr werden, wer wir als Menschheit auf der Erde wirklich sind.

Licht in der Finsternis

Was es braucht, um die lange, dunkle Nacht der Seele zu durchstehen, ist vor allem ein wachsendes Bewusstsein.
Tiefe Innenschau mit wachen Sinnen ermöglicht es, dem Selbst auf den Grund zu tauchen, hinab ins Dunkle all dessen, was ich an mir noch nie mochte, wovor ich schon immer Angst hatte, wo ich elendig gescheitert bin, wo ich mit der Welt und dem Leben hadere, wo ich mich klein und schwach und vollkommen unzureichend und hilflos fühle.

Am Boden des tiefen, dunklen Seelengewässers wartet ein hell leuchtender Schatz darauf, dann gehoben zu werden, wenn ich schon fast aufgegeben habe.

In der langen, dunklen Nacht der Menschheit geht es darum, uns selbst zu begegnen, in furchteinflößender Tiefe. Und das tun wir.

Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hatten wir so viel Einblick darin, was wir als Menschheit weltweit erleben, erschaffen oder zerstören. Das Internet trägt Informationen aus jedem Winkel der Erde herbei und macht sie weithin sichtbar. Mit den Informationen über die Brände in Australien oder einen möglichen Krieg zwischen den USA und dem Iran reisen auch Gefühle um die Erde: Angst, Zorn, Hilflosigkeit und Ohnmacht werden von Millionen von Menschen geteilt und durchlebt.

Natürlich nehmen nicht alle Menschen Anteil. Aber es ist eine große und wachsende Anzahl von Menschen, die hinschaut.

Es schmerzt so schrecklich, zu wissen und zu fühlen, wie viel von unserem geliebten Planeten, von unserem Zuhause, von unserer Mutter Erde zusammenbricht, wie viele Menschen und andere Wesen leiden. Die Angst zu ertragen, dass die Kinder von heute vielleicht die letzte Generation von Menschen sein könnten, die das Erwachsenenalter überhaupt noch erreichen, wie es der Dalai Lama 2018 in seinem Appell an die Welt so direkt und ungeschönt aussprach.

Wenn wir davon ausgehen, dass die Menschheit sich entwickelt, dann brauchen wir genau das, was viele von uns jetzt gerade durchleiden, um gemeinsam erwachsen zu werden: das Erleben von Scheitern, von Hoffnungslosigkeit, Aussichtslosigkeit, von unsäglicher Trauer, von Desillusionierung, bis hin zum Aufgeben und einer gefühlten Begegnung mit dem Sterben, mit dem Tod.

In einer Initiationskrise sind dies wichtige Bestandteile, die dazu führen, inmitten der Finsternis, in voller Demut, ein wahrhaftiges Selbst zu entdecken, das unabhängig ist von Rollen, Masken, Erwartungen, Erfolgen im Äußeren, vom Plan meines Egos, von Kontrolle und Zwang, von oberflächlichen Vergnügungen und äußerer Sicherheit.

Es ist dies die Zeit, in der wir als Menschheit inmitten der Trümmerlandschaft um uns und in uns, unser innerstes Selbst entdecken können, das zutiefst verbunden ist mit der Seele der Welt.

Vieles von diesem Selbst kennen wir schon, weil es ähnlich wie der Wesenskern eines Menschen nie ganz verschwunden war. Dazu gehört unsere Kraft zu lieben, mitzufühlen, füreinander zu sorgen, füreinander einzustehen, gemeinsam in Einigkeit Lösungen zu finden, eine Gesellschaft zu gestalten, welche die Vielfalt und Fülle unserer nicht-menschlichen Mitwesen mehrt und nährt, Kultur zu schaffen, die Menschen von klein auf bis ins hohe Alter ermöglicht, ihre Potentiale zu entfalten und zu schenken.

Jede/r von uns ist ein Teil der Menschheit, des menschlichen Bewusstseins. Margaret Wheatley erforscht und unterstützt seit fast dreißig Jahren systemischen Wandel in vielen Ländern der Erde (beispielsweise über das von ihr gegründete Berkana Institut) und beschreibt eindringlich, was es braucht, um mit heftigem Wandel auf eine lebensfördernde Weise umzugehen: einen Geisteszustand jenseits von Hoffnung und Furcht.

Mir geht es so wie vielen Menschen in meinem Umfeld, dass ich inmitten der rasanten Schreckensmeldungen über den Zustand der Welt UND der hoffnungsfrohen Botschaften über Lösungen, die auftauchen wie Pilze nach einem Sommerregen, oft regelrecht hin- und hergeschüttelt werde – zwischen aufkeimender Hoffnung und tiefer Furcht vor dem Scheitern.

Der Ausweg aus dieser Achterbahn, den Meg Wheatley beschreibt, ist es, statt eine rosige Zukunft zu wünschen oder vor einer schlimmen Zukunft zu erzittern, wie in der Meditation oder in Achtsamkeitsübungen, so voll und ganz ich es vermag, in der Gegenwart und im Jetzt zu bleiben.

Es braucht dafür die Bereitschaft, mit unserer eigenen Unsicherheit, unsrem Nicht-Wissen, und letztlich der Bodenlosigkeit des Seins vertraut zu werden, sie auszuhalten, zu lernen, uns in ihnen zuhause zu fühlen.

Leben war schon immer Veränderung, doch heute zerfallen Systeme, Ideen und Beziehungen immer schneller. Das meiste, was vor Jahren noch eine Illusion von Sicherheit spenden konnte, rinnt rasend schnell wie Sand durch unsere Finger, sodass es immer notwendiger wird, diesen Auflösungszustand ertragen zu lernen – indem wir präsent mit ihm bleiben.

Natürlich ist es schmerzhaft, präsent zu bleiben. Doch alle Vermeidungsstrategien schmerzen ebenso.

Zwischen Erfolg und Scheitern ist ein Raum

Wenn ich weiß, was ich für die Zukunft will, und an bestimmten Lösungsstrategien festhalte, bin ich viel eher geneigt, Opfer meines Wollens zu werden. Wenn ich mich im Recht glaube, handele ich oft blindlings, und schade dabei mir selbst oder anderen. Ich streite und ignoriere bewusst oder unbewusst andere Stimmen und Bedürfnisse – weil ich so identifiziert bin mit meiner Ideologie.

Wenn ich voller Furcht bin, rechtfertige ich mit dieser unter Umständen auch die schlimmsten Sorten von „Schutzmaßnahmen“, mit denen ich mich verteidige oder sogar selbst angreife – weil ich keinen anderen Ausweg sehe. Beide Zustände sind nicht nur im Moment rücksichtslos, sondern langfristig ein Nährboden für Manipulation, Verblendung, Volksverhetzung und für ein weiträumiges Beschreiten von persönlichen oder gesellschaftlichen Irrwegen.

Wenn ich jedoch präsent bin, im Zustand jenseits des Wollens und Fürchtens, kann mein innerer Kampf zur Ruhe kommen und ich habe Zugang zu all dem, wovon ich in der Tiefe meines Selbst weiß, dass es jetzt in diesem Moment gerade stimmig und hilfreich ist, im Einklang mit allen meinen Werten.

Dies zu erleben und zu erlernen ist eine der Gaben von Initiationskrisen.

In den Initiationsgeschichten von unserer Lehrerin Sobonfu Somé, die zum Volk der Dagara in Westafrika gehörte, war es für die jungen Menschen und für das gesamte Dorf keine Selbstverständlichkeit, dass deren fordernder und gefährlicher Initiationsprozess von allen Teilnehmenden überlebt wird.

So kann, sogar darf es auch keine Selbstverständlichkeit sein, dass der Initiationsprozess der Menschheit von uns überlebt wird. Im Nicht-Wissen, ob alles gut ausgehen wird, sind wir darauf geworfen, in jedem Moment das zu tun, was das Richtige ist, uns so zu verhalten, als ob dieser Moment alles ist, was uns bleibt.

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

Vaclav Havel

Meg Wheatley schreibt, dass sie im Raum jenseits des Strebens nach Erfolg oder der Angst vorm Scheitern lernen konnte, wie es sich anfühlt, sich stimmig zu verhalten: auf unergründliche Weise klar und getragen von Energie. Wenn sie sich wütend, frustriert oder zornig fühle, habe sie gelernt, sich nicht davon bestimmen zu lassen, sondern innezuhalten, nicht zu handeln, bevor sie wieder präsent im Moment ist, und dabei immer wieder erfahren:

„Es ist nicht das Ergebnis, was zählt. Es sind die Menschen, unsere Beziehungen, die unseren Anstrengungen einen Sinn geben. Wenn wir uns von dem Drang befreien, mit unseren Bemühungen erfolgreich zu sein, können wir erleben, wie es leichter wird zu lieben.

Wir hören auf, Sündenböcke zu suchen, wir hören auf, anderen die Schuld zu geben, und wir hören auf, voneinander so enttäuscht zu sein.

Wir erkennen, dass wir wahrhaftig alle gemeinsam in einem Boot sind, und das ist alles, was zählt.“

Der Fluss Whanganui in Neuseeland hat es geschafft: Er ist vor dem Gesetz wie eine menschliche Person zu behandeln.

Am Anfang jeglicher Nutzungsüberlegungen für den Fluss stünde damit die Sicht auf ihn als als lebendiges Wesen, sagte ein Sprecher der indigenen Whanganui-iwi, die nach 140 Jahren Verhandlung, nun als Vertreter des Flusses handeln dürfen.

Menschen aus indigenen Kulturen sprechen es einfach aus, NaturwissenschaftlerInnen erforschen es erst Stück für Stückchen – das was im Mainstream trotzdem hartnäckig tabu scheint: Die Natur ist höchstwahrscheinlich ebenso beseelt, wie wir Menschen – voller Intelligenz, Empfindungsfähigkeit und vielleicht sogar Bewusstsein.

Empfindungen und Werte scheinen die Basis aller Lebensprozesse zu sein, auch bei Tieren, Pflanzen oder Kleinstlebewesen. Selbst auf Zellebene könne man feststellen, dass Leben nicht denkbar wäre ohne Gefühle, schreibt der Biologe und Philosoph Andreas Weber.

Die Puzzleteile sind zahllos

Der Hirnforscher Jaak Panksepp, der eine artenübergreifende „Affektive Neurowissenschaft“ entwickelte, spricht es aus: „Der verbreitete Glaube, dass allein die Aktivität des menschlichen Großhirns Kernaffekte [=Emotionen, Anm. d. Verf.] hervorzubringen vermag, ist so naiv wie das geozentrische Weltbild.“

Wir stehen vor einer tiefgreifenden Wende der Kernauffassungen unserer Zivilisation. Im Grunde genommen geht es darum, als Menschheit von der irrigen Annahme zurück zu treten, es müsste sich alles in der Natur letztendlich doch um uns selbst und unsere Lebensgrundlagen drehen.

Wir brauchen viel mehr Respekt vor der natürlichen Welt, so viel wie wirklich notwendig ist, um ihr Wohlergehen und Gedeihen nicht weiter zu zu zerstören.

Respekt braucht Augenhöhe

Viele indigene Kulturen sind HüterInnen von Artenvielfalt in den Ökosystemen, die sie noch selbst bewirtschaften dürfen.

Sie haben raus, was wir uns selbst ab-ringen und von Großkonzernen fordern: Selbstbeschränkung gegenüber der natürlichen Welt, um diese eben nicht auszubeuten. Klar hilft dafür Wissen über die Natur vor Ort – doch Wissen allein lenkt das Handeln nicht. Menschen schützen nur das was sie wirklich lieben.

Wie lieb kann Natur uns werden? Wir sehr können wir es zulassen, Natur zu lieben?

Kommt ganz darauf an, wie wir sie betrachten: Als Ressource? Als Kulisse für Erholung und Abenteuer? Als Lebensraum für Menschheit und Tiere, die wir gern mögen?

Oder als beseelt und in sich heilig? Als gleichwürdiges Gegenüber, auf Augenhöhe? Als Wesen, das so vielschichtig und vollkommen ist, dass Ehrfurcht uns erfüllt, wenn wir ihm uns nähern?

Es gibt einen Begriff für diese Art von Natursicht.

Wikipedia erzählt uns mehr: “„Animisten“ betrachten jeden noch so kleinen Teil der Welt, der von ihnen als beseelt aufgefasst wird, als einen Ehrfurcht gebietenden Kosmos. […]

„Heilig“ im Sinne von „respektgebietend“, aber auch „respektfordernd“, sind Erscheinungen der natürlichen Umwelt in den meisten Ausprägungen:

In jedem beseelten Stein, jeder Pflanze, jedem Tier und jedem Menschen, auch an jedem Ort entwickelt „Lebenskraft“ einen eigenen Willen […]”

Charles Eisenstein, US-amerikanischer Kulturphilosoph lädt uns ein, es auszuprobieren indem wir Bäume, Pflanzen, Steine, Tiere fragen: “Wie ist es, du zu sein?”

Und: “Was wünscht das Land sich? Was wünscht sich der Fluss? Was wünscht sich der Wolf? Was wünscht sich der Wald?”, und dann auf die Zeichen zu achten. “So erweisen wir Land, Fluss, Wolf und Wald den Status des “Seienden” – wir zählen sie zu jenen heiligen Wesen dazu, die immer alles beobachten, und die selbst Bedürfnisse und Interessen haben, welche mit unsren eigenen verwoben sind.”

Die beseelte Welt

Animismus und Anthropomorphismus (=Vermenschlichung von Nicht-menschlichem) sind scheinbar angeboren. Kinder praktizieren sie von ganz alleine, und in unserem Kulturkreis werden sie nicht weiter gefördert, sondern als Aspekte einer kindlichen Weltsicht abgetan, die irgendwann im Schulalter überwunden sein sollte.

Somit ist es nicht verwunderlich: Obwohl Kinder im Laufe der Jahre immer mehr Wissen darüber beigebracht wird, wie sie sich umweltfreundlich verhalten können, nimmt in der Jugend, wo Glauben an die Beseeltheit der Welt nachhaltig abgewöhnt ist, auch die Betroffenheit über Umweltschädigung ab, und ebenso auch die Bereitschaft, sich selbst umweltschonend zu verhalten.

Doch wir gewöhnen damit jungen Menschen etwas Kostbares ab, was für uns als Menschheit vermutlich von Anbeginn an essentiell war und für viele naturverbundene Kulturen immer noch ist: Um uns herum eine Welt voller Mit-Wesen zu sehen, die uns ebenbürtig sind – statt nur seelenloser Ressourcen oder Lebensraum-Features für uns als Herren der Schöpfung.

Dabei sind Kinder sehr gut in der Lage, zusätzlich zur animistischen Weltsicht jede Menge Faktenwissen über Natur und Ökologie zu sammeln. Sie machen uns das vor, was wir global gut gebrauchen können: ein Zusammenspiel von animistischer und naturwissenschaftlicher Weltsicht, die wunderbar nebeneinander existieren können.

Wie wäre es: Wir lernen weiter durch wissenschaftliche Vorgehensweise UND betten das Ganze ein in einen Glauben an die Beseeltheit allen Lebens, die für die Zukunft des Lebens auf der Erde Sinn macht. (Natürlich wurzelt so ein Glaube im ganz individuellen und sehr vielfältigen Erleben und ist damit genau das Gegenteil von institutionalisierter Religion oder Sektiererei.)

Das Ergebnis? Eine echte Ehrfurcht vor dem Leben.

Hinein in die Tabu-Zone!

Im Mainstream der Gesellschaft herrscht noch ein anderer Glaubenssatz: Beseeltheit der Natur? “Esoterisch und unwissenschaftlich“. Unzählige WissenschaftlerInnen, die weltweit herausragende wissenschaftliche Arbeit mit einer persönlichen animistischen Weltsicht verbinden, deuten dies oft lieber nur im Nachwort an – sonst wird öffentlich und in den Institutionen auf ihnen herumgehackt.

Peter Wohlleben fasste in seinem Bestseller-Sachbuch über das “Geheime Leben der Bäume” zahlreiche wissenschaftliche Studien in verständliche “vermenschlichende” Worte. Gerade ist der gleichnamige Dokumentarfilm über sein Werk erschienen und einige alteingesessene Medien in Deutschland probieren nun, ihn regelrecht an den Pranger zu stellen. Kein Wunder, denn er schaffte es, Millionen von Menschen weltweit für das Thema nachhaltige Waldwirtschaft zu begeistern – die im Gegensatz zu den vielerorts angewandten Methoden der Forstwirtschaft steht, und damit entgegen kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen von Waldbesitzern und Holzindustrie.

Zum Glück gibt es viele renommierte WissenschaftlerInnen in Deutschland und anderen Ländern, die hinter Wohllebens Aussagen stehen.

Glaubenssätze vieler Religionen sind sehr wohl gesellschaftlich anerkannt, und auch Angehörige einer indigenen Kultur würden für animistische Äußerungen (glücklicherweise!) in vielen Medien nicht belächelt oder kritisiert werden. Wie können wir es schaffen, dass auch individuelle, also weder institutionalisierte noch tradierte Spiritualität sich öffentlich ausdrücken darf, vor allem wenn sie lebensfördernd ist?

Wir dürfen es!

Jede vierte Frau spricht laut Umfrage mit ihren Zimmerpflanzen.

Auch Hunde, Katzen oder Pferde dürfen zum Glück zensurlos als beseelt behandelt werden. Unsere lebendigen Kuscheltiere scheinen oft die letzten nicht-menschlichen und dennoch voll anerkannten Verwandten zu sein – neun von zehn US-Amerikanern sagen, dass ihr Haustier ein Familienmitglied sei.

Wir Menschen sind nicht die einzigen mit Persönlichkeit” sagt Jane Goodall im Interview (mit derselben ZEIT, die kürzlich auf Peter Wohleben herumhackte). Als junge Schimpansenforscherin wurde auch sie herbe für ihre Vermenschlichungen kritisiert – doch ihre hartnäckige Einfühlsamkeit für ihre Studien-“Objekte” hatte Erfolg: Mit ihrer respektvollen Haltung schaffte sie es, sensationelle Entdeckungen über das Sozialleben der Primaten zu machen.

Mit jeder Regung in uns, die flüstert, dass “die anderen” ebenso wertvoll und seelenvoll sind wie wir selbst, sind wir in guter Gesellschaft: Alexander v. HumboldtJohn Muir, Arundhati RoyFranz Kafka, KonfuziusAlbert SchweitzerLeonardo da Vinci, Jiddu KrishnamurtiCarl Gustav JungFranz von AssisiJohann Wolfgang v. GoetheThich Nhat Han – die Liste ist lang und ermutigend.

Was kann ich tun?

Wo in mir konnte ich mir ein paar heimliche Fetzen animistischer Weltsicht bewahren? Irgendwas gefunden?

Das ist ein Grund für große Freude! 🙂

Das wichtigste ist, dazu zu stehen, was ich im Inneren als wahr erlebe – vor mir selbst (für meine seelische Gesundheit) und vor allem, um den Kindern von heute die Rückenstärkung dafür zu geben, ihre angeborene animistische Weltsicht zu bewahren.

Für ein Urvertrauen in die Welt und in sich selbst, ist es essentiell, Kinder in dem zu spiegeln, was für sie wahr und bedeutsam ist. Neuropsychologe Daniel Siegel beschreibt, wie wichtig es ist, eine Sicht auf die Realität zu schenken, die nicht im Konflikt ist mit dem, was ein Kind erlebt und für wahr hält, sondern das kindliche Erleben bestätigt – nicht nur was das Kind sieht und hört, sondern auch wie es sich im Inneren dabei fühlt, wie sich ein Erlebnis anfühlt.

Indem wir Kinder in ihrer animistischen Weltsicht bestätigen, stärken wir nicht nur ihre Naturverbindung, sondern ermöglichen ihnen, uns als Bezugspersonen und sich selbst tiefer zu Vertrauen, um resilienter durchs Leben gehen zu können.

Es könnte sein, dass sich das auch in mir selbst als eine große Erleichterung anfühlt, wenn ich mich angesichts widerstreitender Glaubenssätze in mir (beeinflusst von Medien, Elternhaus, Schule usw.), mich vor mir selbst zu denjenigen bekenne, die als tiefere Wahrheit in meinem Inneren existieren.

Und vielleicht traue ich mich dann ja auch mal im Büro oder bei den anderen Eltern auf dem Spielplatz zu erwähnen, dass die große Linde da vorne mir persönlich viel bedeutet. 

Was wir inniglich lieben, schützen wir. Wenn wir Kinder und Jugendliche ins Leben begleiten, die eine von genug Erwachsenen gewürdigte und geachtete, innige Beziehung zu einem Baum, einem Tümpel, einer Wiese und zur „Mutter Erde“ in ihrer Gesamtheit haben – wird die Welt anders aussehen.

Jetzt ist genau die richtige Zeit dafür!

Die Natur vermisst uns

Wir vergessen es angesichts der wachsenden virtuellen Welt zunehmend, doch brauchen wir das Interagieren mit Natur, um ganz wir selbst zu sein.

Seit vielen Jahren ist bekannt, wie unglaublich wohltuend für uns Menschen die Zeit in der Natur ist, und wie heilsam der Umgang mit Tieren ist, beispielsweise für Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen.

Es ist kein Zufall, dass wir in dieser Zeit, wo wir die die Mit-Wesen um uns herum immer weniger beachten, auch selbst mehr und mehr vereinsamen: Zustände von Einsamkeit breiten sich in der zivilisierten Welt aus wie eine Epidemie, vor allem junge Erwachseneältere Menschen, zunehmend auch Kinder und Jugendliche fühlen sich schrecklich einsam und allein.

Wenn wir die Beseeltheit der Welt wieder umarmen, sind wir nicht mehr allein.

Charles Eisenstein, der als junger Mann an der renommierten Yale University Mathematik und Philosophie studierte, beschreibt es so:

“Die Wesen, die wir aus unserer Realität ausgeschlossen haben, die wir in unserer Wahrnehmung zu Nicht-Wesen geschrumpft haben, warten immer noch auf uns. Selbst angesichts all meines ererbten Unglaubens (mein innerer Zyniker, der in Naturwissenschaften, Mathematik und analytischer Philosophie ausgebildet wurde, ist mindestens so schneidend wie deiner), wenn ich es mir erlaube, ein paar Momente lang still und aufmerksam zu sein, kann ich fühlen, wie diese Wesen sich versammeln. Stets hoffnungsvoll neigen sie sich der Aufmerksamkeit entgegen. Kannst du sie auch spüren? Inmitten der Zweifel und jenseits vom Wunschdenken, kannst du sie fühlen? Es ist dasselbe Gefühl, wie im Wald zu sein und mir zum aller ersten mal gewahr zu werden: der Wald ist lebendig. Die Sonne schaut mir zu. Und ich bin nicht allein.”

Ich weiß nicht, ob es objektiv wahr ist, weil es vielleicht niemals bewiesen werden kann. Im Herzen habe ich schon oft gefühlt, dass andere Wesen die Menschen vermissen, zum Beispiel alte Bäume im Park sich danach sehnen, wieder kleine flinke Kinderfüße und -hände auf sich zu spüren.

Wenn wir uns wagen, hinzuschauen, zu fühlen, wieder in Verbindung zu gehen mit der Natur, bedeutet das für mich vor allem ein nach Hause kommen. Wo wir schon seit langem von unserer ganz großen Familie erwartet werden…

Hier findest du die wissenschaftliche Arbeit, auf der dieser Artikel basiert.

Naturverbindung ist eine Schlüsselkompetenz für zukunftsfähige Gesellschaftsgestaltung, in allen Lebens- und Berufsfeldern, die unsere natürliche Beziehung zu unserer Mit-Welt wiederbeleben kann – bis in den gesellschaftlichen Mainstream hinein! 

Sei mit dabei in unserer 9-monatigen Weiterbildung, mit Andreas Weber als Gastlehrer…

…im Dezember 2018 / Januar 2019, mit Fotos von Ulrike Hartmann und Werner Pfeifer

Diesmal machten wir uns mit einer kleineren Gruppe von sieben Erwachsenen und einem Kind auf die weite Reise zum Lebendigen Museum des Little Hunters’ Village, im nur über hunderte Kilometer Sandpiste erreichbaren Nordosten Namibias.

Werner Pfeifer schenkt uns vom ersten Moment direkt nach dem Flug nach Windhoek seinen jahrzehntelang geschärften Blick eines Einheimischen in Namibia, der die Tier- und Pflanzenwelt, die Geologie und die gesellschaftlichen Umstände im Land so richtig gut kennt.

Es ist wie ein Traum, schon kurz nach dem Flug neben der Straße plötzlich Giraffen zu sehen, oder die mit ihren großen breiten Schnauzen und borstigem Fell lustig anmutenden Warzenschweine.

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Sicher begleitet uns Werner in seinem Busch-Bus durch die Stadt Windhoek und die unendlich weite Landschaft dieses trockenen Landes, bis wir zwei Tage später auf einem Campingplatz fünf Fußminuten vom Dörfchen //Xa/oba entfernt ankommen.
Das Dorf liegt auf dem großen Gebiet des Nye-Nye Conservancy, einer Art Landschaftsschutzgebiet, der einzigen Region im gesamten südlichen Afrika wo Buschleute noch jagen dürfen. Die Regenzeit ist spät dran in diesem Jahr und das Land liegt trocken und karg vor uns.
Das Wiedersehen am ersten Abend ist herzlich und ich freue mich so, die Gesichter vom letzten Jahr wiederzusehen ­– die Älteren noch mehr gealtert, die ganz Kleinen enorm gewachsen und die Jugendlichen erstaunlich gereift.

 

20181216-IMG_5855Die

Die ersten Tage verbringen wir kurzweilig, gehen Pflanzenmaterial für Handwerksprojekte sammeln und gemeinsam mit einer Horde Kinder und Erwachsenen von der Landschaft kosten.
Die Männer graben für uns einen Skorpion aus, etwa fünfzehn Minuten braucht es, um die verwinkelten unterirdischen Gänge des gefürchteten Krebstieres zu verfolgen und letztendlich das kleine giftige Wesen herauszuziehen, das blitzschnell zum Angriff übergeht und den ältesten der Männer in den Finger sticht. Zum Glück ist der Stich nur so schlimm wie ein Hornissen- oder Bienenstich, etwa drei Tage lang wird der alte Mann eine schmerzhaft geschwollene Hand davon haben.

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Oft sind wir als ganze Gruppe unterwegs mit unseren Guides, zum Beispiel beim Erkunden der Fährten rund um unser Camp, wo mehrmals das halbe Dorf, mit Kindern und Alten mitkommt und wir neben den Spuren der Säugetiere auch die der Skorpione, Grillen, Käfer und einiger Vögel kennenlernen. Manchmal teilen wir uns auf, je nach unserem Interesse, so stellen die Männer einmal gemeinsam den Korpus der zarten aber äußerst effektiven Buschmann-Pfeile her, und wir Frauen sitzen ein Stückchen weiter mit den jungen Ju’hoansi-Frauen zusammen, zeichnen Bilder in den Sand, um uns auch ohne Dolmetscher zu verständigen, und wir probieren mit ihnen stampfend hüpfende Tänze und über dem warmen Sand flirrende Lieder aus.

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Meistens besteht unser Tag aus einem frühen und kurzen Morgen, über die Mittagsstunden haben wir Pause für Hängemattenzeit, Lesen und Erholung in der manchmal drückenden Hitze. Währenddessen gibt es oft Besuch von Dorfkindern, die dann mit unserem 12jährigen Elia stundenlang Spiele spielen.
An den Nachmittagen, wenn es langsam wieder kühler wurde, gibt es noch mal Zeit für gemeinsame Unternehmungen.
IMG_2849Im Dorf gibt es einige Meister-Tracker, die nach dem international etablierten, von Louis Liebenberg entwickelten Cyber-Tracker System auch Evaluationen abnehmen, und von denen einige schon mehrmals in Europa bei Tracking-Konferenzen und als Fährtenleser für verschiedene Projekte mit dabei waren. Mit ihnen oder auch alleine mit Werner, der ebenfalls ein hervorragender Fährtenleser ist, machen wir uns mehrmals auf, um uns intensiver mit der Bestimmung der Spuren im Sand zu beschäftigen. Es sind himmlische Bedingungen, nicht nur der gerade richtig weiche, aber nicht zu tiefe Sand machen es sehr leicht, sondern nun auch immer wieder kurze Regenschauer, die den Boden zwischendurch „rein“ wischen und klarste Bedingungen für die neuen Spuren nach dem Regen schaffen.

P1250280Es ist himmlisch, die Trittsiegel von Tieren wie Leoparden, Geparden, Oryx und Kudu zu finden, auch von Straußen, Wildkatzen, Erdwölfen und vielen anderen spannenden Säugetieren und Vögeln. Ein paar mal folgen wir einer bestimmten Fährte über einen längeren Zeitraum und lassen uns von einem Tier auf seinem Weg durch die Landschaft führen. Wir sehen in den Spuren, wo der Strauß dem wir folgen sich flach auf den Boden drückt, um sich vor uns zu verbergen, und dann doch weiterlaufen muss, als wir uns nähern. Oder wie behände die doggen-große Tüpfelhyäne durch den dickichten Busch ihren Weg findet, in Schlängellinien geradeaus, vielleicht gelockt vom Duft eines toten Tieres.

Die Buschleute behalten die ganze Zeit die Orientierung in der für uns völlig verwirrenden, flachen Savannen-Landschaft, wo wir innerhalb kürzester Zeit nicht mehr wissen, in welcher Richtung sich Auto oder Zuhause befinden.

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Und sie schaffen es, die Spur immer weiter und weiter und weiter zu finden, selbst durch dichten Grasbewuchs, wo wir anderen sie leicht verlieren. Sie lassen uns abwechselnd der Fährte folgen und wenn wir nicht mehr weiterwissen, helfen sie, zeigen uns, wie es geht. Überhaupt scheint so die Buschmann-Pädagogik zu funktionieren… die Erwachsenen tun was sie tun, bis die Jüngeren (oder wir!) Interesse daran haben, es auch zu lernen. Dann dürfen sie (und wir J) es ausprobieren, ohne große Anleitung, ohne lange Vorreden, einfach machen. Und wenn’s zu sehr neben dran geht, greifen die „Lehrer“ ein, wobei das leitende Prinzip „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“ zu sein scheint. Das Lernen fühlt sich entspannt und frei an, und ist ein sicherer Raum, wo Fehler aller Arten mit Wohlwollen und Mitgefühl und liebevollem Humor bedacht werden.

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Auf unsere Frage, wann und wie die Ausbildung der Jungen für die Jagd beginnt, erzählen mehrere Buschleute, dass das voll und ganz davon abhängt, was der Junge „anzeigt“. Sein persönliches Interesse ist der Motor, und die Erwachsenen begleiten ihn Schritt für Schritt bei dem, wozu er innerlich bereit ist und Lust und Interesse daran bekundet: Minibogen bauen, Fallen stellen, mit den Alten auf die Jagd gehen, selbst mit Pfeil und Bogen jagen und die Beute weiter verarbeiten – es hängt alles davon ab, wann er selbst soweit ist, und ob, denn nicht alle Jungen wollen überhaupt Jäger werden.

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Gemeinsam mit drei Buschmännern und nur wenigen von uns auf die Jagd zu gehen ist ein Abenteuer das in mir tiefe Sehnsucht weckt. Als Mensch fühle ich mich klein und schwach in dieser weitläufigen Landschaft voller Gefahren. Auch die drei fast nackten Männer die vor uns laufen, nur mit Pfeil und Bogen und Speeren ausgerüstet, scheinen so verletzlich und angreifbar. Abwechselnd schleichen und pirschen wir langsam und lautlos, wenn Oryx oder Pferdeantilopen, Steinböckchen oder Kudu nah sind, oder eilen schnellen Schrittes über die vor Hitze flirrende Ebene, wenn wir woanders hin wollen, damit die Tiere keinen Wind von uns bekommen, oder wenn wir ihnen in ihrer Fluchtbewegung zuvorkommen und auf diese Weise auflauern wollen.

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Elektrisierende Spannung füllt die Luft wenn einer der Dreien, `Naishi, alleine loszieht, um den Schuss zu platzieren. Immer klappt irgendwas nicht. Einmal ist er fast an der Herde von Oryx angekommen, zielt schon, als ein zurückgebliebener Bulle direkt neben ihm aufschreckt, den er übersehen hatte. Alle toben davon, zurück bleibt nur Staub. Ein anderes Mal flüchten die Pferdeantilopen, obwohl sie `Naishi nicht bemerkt haben. Der Grund ist eine Elefantenherde, der er nun selbst schnell und unbemerkt ausweichen muss.
Mit für uns günstigem Wind können wir die heutzutage gefährlichen Riesen eine Zeitlang aus der Nähe beobachten. Die Mütter und Babys planschen im schlammigen Wasserloch, bis ein Kleines steckenbleibt. Eine andere Herde nähert sich und Panik kommt auf. Die Alten probieren das Kind rauszuziehen oder zu schieben, während eine größere Elefantenkuh zurückläuft und sich drohend gegen die ebenfalls gereizte Anführerin der anderen Herde stellt. Kurz scheint es, dass eine von beiden in unsere Richtung ausbrechen würde, und die Buschleute rennen los und rufen: „Lauft, lauft weg!“ Nur ein kurzer Schreckmoment, zum Glück können wir wenige Meter weiter wieder anhalten, das Baby ist frei und alle Elefanten beruhigen sich wieder.
So winzig empfinde ich uns in der Nähe dieser riesigen Mit-Wesen, deren Trittsiegel manchmal so lang sein können, wie mein ganzer Arm, und die unvorstellbar viel Kraft haben.

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Die Buschleute lachen und wir lachen mit, erleichtert. Nachdem die zweite Herde getrunken und gebadet hat, geht Tsamma auf sie zu und schimpft sie laut auf Englisch an: „Hey ihr Kerle, verschwindet, los, macht euch weg hier, haut ab!“ Und wirklich merken sie sofort auf und ziehen sich zügig zurück. Wir sind total verblüfft. Später erzählt er uns, dass er das schon oft so gemacht hat, es aber nur ginge, wenn man nicht im Wind stehe. Wenn sie nicht riechen können, was da rummotzt, würden sie sich vorsichtig verhalten, selbst wenn man ganz nah von ihnen überrascht würde. Sobald sie aber witterten, dass wir Menschen sind, sei ein Angriff möglich und wahrscheinlich. Was ich mitnehme ist einmal mehr Gefühl dafür, wie fein der Grat zwischen Leben und Tod hier in der Kalahari sein kann, und wie viel Erfahrung und Wissen es braucht, um trotzdem sicher zu sein.

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Das moderne Leben macht manches sicherer, zum Beispiel schützen Stirnlampen nachts davor, auf jagende Spinnen oder Skorpione zu treten, Schuhe schützen die Füße auch tagsüber vor den Dornen und dem heißen Sand, und Hunde schützen das Dorf vor Hyänen- oder Elefantenbesuch.
Es bringt aber andere Gefahren, schleichender, und ein erst langsam wachsendes Wissen darüber, wie mit ihnen umgegangen werden kann.
Drogen wie Alkohol oder Marihuana sind im Umlauf in der Region und viele Buschleute in ganz Namibia sind schwer alkoholabhängig und leben in absolutem Elend.

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Ein junger Mann vom Hunters Village wird beim Einkaufsausflug mit uns in der großen Stadt ausgeraubt – alle Einnahmen der Gemeinschaft von einer ganzen Arbeitswoche und noch ein Vorschuss den wir ihnen gegeben hatten sind weg, auf einen Schlag.
Von der Verwaltung bekommen die Buschleute ab und zu Lebensmittel: vor allem Öl zum Braten, mit Vitaminen angereichertes Maismehl und viel Zucker – das Gegenteil ihrer traditionellen Ernährung aus Wildpflanzen und selbst gejagtem Fleisch. Im örtlichen Laden, etwa 30 Autominuten entfernt, gibt es kaum Gemüse oder Obst, dafür massenweise überteuerte Fertigprodukte von Nestlé, alle mit Zucker.
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An der Kleidung vor allem der jüngeren Menschen wird sichtbar, wie viele westliche Schönheitsideale hier schon Einzug gehalten haben. Und die Spiele der Kinder sind verglichen mit meinem letzten Besuch in 2018 deutlich verändert, viel mehr Spiele scheinen mir diesmal aus der Schule zu kommen, sind angelehnt an westliche Spiele, wo es auch ums Kämpfen geht – etwas das es bei Buschleuten traditionell nicht gab. Waren sie im letzten Jahr noch nicht so verankert? Oder war es mir nur nicht aufgefallen?
Vor allem die knapp 60 Ziegen, die die Regierung vor einigen Jahren dem Dorf „geschenkt“ hat, sind ein großes Problem. Sie fressen einfach alles, und das bisher noch ursprünglich wilde Gebiet rund ums Dorf wird durch die Anwesenheit der Ziegen stark verändert. Die ohnehin kargen essbaren Pflanzen der Kalahari sind so schnell aufgefressen von einer ewig hungrigen Ziege, so dass tatsächlich die Nahrungsgrundlagen der Buschleute eher bedroht sind als verbessert. Und aufessen sollen sie die Ziegen nur wenn sie sich trotzdem vermehren und eine bestimmte Population erreicht ist. Das Ziegenprojekt ist somit leider eines der sinnlosen Entwicklungshilfeprojekte, die mehr Schaden als Nutzen anrichten, weil sie die Bedürfnisse vor Ort überhaupt nicht berücksichtigen.

IMG_2463Das selbstorganisierte und selbstverwaltete „Lebendige Museum“ dagegen ist eine andere Art von Entwicklungs-Ermöglichung, angepasst an die Menschen und mit aller Freiheit selbst zu gestalten. Werner Pfeifer hat inspiriert von seiner Tätigkeit als Experimenteller Archäologe in Steinzeitmuseen hier in Deutschland den Impuls dafür gegeben. Die gesamte Organisation und alle Entscheidungen vor Ort liegen bei den Buschleuten, in der Gemeinschaft, wo traditionell alle im Konsens entscheiden, was getan wird. Auch die Einnahmen gehen komplett an die Gemeinschaft.

Es ist ein gutes Leben für sie, erzählen uns viele, sie sind stolz darauf, Ju’hoansi zu sein, und es macht ihnen Spaß, ihre Fertigkeiten mit uns zu teilen und uns Sachen beizubringen, und auf diese Weise ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Das traditionelle Wissen und die Fertigkeiten des Lebens mit dem Land, welche bei der Gründung des Museums nur noch die Alten hatten, wird seitdem nicht nur an die Besucher und Touristen weitergegeben, sondern auch an die Jungen und noch Jüngeren.

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Ein besonderer Moment unserer Reise ist für mich, als am Weihnachtsmorgen (ja, auch die Ju’hoansi feiern Weihnachten) Werner mit einem ganzen Haufen Kinder in seinem Busch-Bus vorfährt und zwei von uns Touristen aufgabelt, damit wir den großen Kessel holen, in dem der Weihnachtsschmaus fürs Dorf gekocht werden soll. In fünf Minuten sind wir bei der kleinen Dorfschule angekommen und der Kessel ist gewaltig groß, so groß wie der Zaubertrank-Kessel von Miraculix, aus dickem Gusseisen. Die Kinderaugen leuchten erfüllt und begeistert, voller Vergnügen am Moment und voller Vorfreude.
Es berührt mich sehr, mir vorzustellen, was aus diesen Kindern eines Tages werden wird. Wie werden sie die Kultur ihrer Vorfahren weitertragen? Welche Form werden sie ihr schenken? Wie wird ihre Verbindung zum Land sein, zur Natur um sie herum und ihn ihnen? Und wie kann ich sie dabei unterstützen, ein verbundenes, friedvolles glückliches und freies Leben zu führen?

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Kurz darauf lernen wir !Amashe kennen, einen Mann der von einem anderen Buschmann-Volk stammt und der Beh, eine Ju’hoansi Frau, geheiratet hat. Lange Zeit war er der Ansprechpartner eines anderen Living Museums, in Grashoek, etwa zwei Autostunden entfernt.
Jetzt lebt er mit Großfamilie und Freunden bei Tsumkwe, mit denen gemeinsam er eine neue Dorfgemeinschaft gründet.
Einfühlsam und präsent begleitet !Amashe uns durch den Nachmittag. Für jeden findet er etwas zu tun, das begeistert, so dass wir alle ins Mitmachen kommen. Wir hängen mit unseren Augen an seinen geschickt werkelnden Händen, genießen seine einladende Freundlichkeit und die Freude am gemeinsamen Tun.IMG_E0477Super flink werden verschiedene Projekte gestartet und einige auch abgeschlossen, alles scheint leicht zu sein, genau das richtige Material ist da oder wird schnell geholt, ein paar Verwandte und Freunde helfen mit und alles geschieht im Fluss.
Mit schockierender Offenheit erzählt !Amashe uns davon, wie seine Frau Beh mit einem Messer auf ihn einstach, als sie vor vielen Jahren beide völlig betrunken waren. Es war ein Streit darüber, wer Wasser holen gehen soll. Breite und lange Narben zeugen davon, von einem Moment der so schrecklich war, dass er ein Wendepunkt werden konnte.
Beide entschlossen sich, dem Alkohol abzuschwören, der viel in ihrem Leben zerstört hatte. Gänsehaut bringt seine leise und bestimmt gesprochene Vision vom Erhalt der Kultur, vom lebendig halten dessen, was sie als Buschleute ausmacht, was für sie überlebenswichtig ist.
P1250363Beh ist mit dabei und ernsthaft und eindringlich werden ihre sonst so weichen Blicke, das Leid das sie beide durchgemacht haben wird spürbar, und in ihren Augen funkelt klar und frei der Wille, ein besseres Leben zu erschaffen und möglich zu machen für sich selbst und die Generationen der Zukunft.
Auch die Meister-Tracker ’Ui, seine Frau No’shae und einige andere wollen ein neues Dorf gründen. In den letzten Jahren hat es viele Gespräche darüber gegeben, wie damit gut umgegangen werden kann, dass einige im Dorf sich als Meister-Fährtenleser entwickeln, dafür auch immer mehr Beachtung von außen bekommen, und das Fährtensuchen mehr und mehr ihr Herzensthema wird, dem sie sich vollständiger widmen wollen, dafür auch eine Tracking-Schule gründen wollen.

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Nach vielen Beratungen miteinander und mit vertrauten Freunden wie Werner, wurde im Little Hunters Village die Entscheidung getroffen, dass die Gruppe ein neues Dorf gründen wird, etwa 15 Auto-Minuten entfernt von der alten Dorfgemeinschaft. Die Verschiedenheit der Lebensentwürfe wird durch die Trennung anerkannt und bestätigt, und in Einigkeit können nun eigene Wege gegangen werden, in Verbindung und gegenseitiger Unterstützung.
Für mich hat die Zeit mit den Ju’hoansi wieder viel mehr Fragen aufgeworfen, als wir Antworten finden konnten. Wie viele andere Völker der Erde stehen sie an einem Scheidepunkt in der Geschichte: Die Ältesten von ihnen sind noch als Jäger und Sammler durch die Kalahari gestreift, haben relativ frei gelebt, trotz der zunehmenden Unterdrückung von außen. Ihre Erinnerungen an das alte Leben sind so nah, können noch erzählt werden, vieles von dem alten, zig Jahrtausende lang immer mündlich überlieferten Wissen ist noch da.

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An vielen Orten weltweit können wir sehen, wie innerhalb nur einer Generation dieses Wissen vollständig verloren geht, weil es dem Druck der Kirche und der oft durch missionarisches Gedankengut gefärbten Bildungssysteme, der Politik, der globalen Wirtschaftsmächte, des Fortschrittsstrebens und der bis in den entlegensten Winkel der Erde präsenten Verlockungen des Konsums nicht standhalten kann.

Ich schaue in die Augen der Kinder, die übereinander gestapelt in Werner’s Busch-Bus sitzen und kichern und scherzen, und wünsche es mir so sehr, dass auch sie ein Leben mit der Natur, für die Natur und für die Menschen leben und an ihre Kinder und Kindeskinder weitergeben können. Ich denke daran, wie meine Elterngeneration, die zum Ende des Krieges Geborenen, die auf dem Land aufwuchsen, noch so viel wussten, über die natürliche Welt, so viel mitbekamen. Wie der Schatz an mündlich überlieferten Erfahrungen in der Natur immer schmäler wurde, von Generation zu Generation, und wir heute massenweise Kinder um uns haben, die einen Großteil ihrer Kindheit an Videospiele und soziale Medien verlieren.
Ich glaube, dass wir ein Wissen über die Natur, das aus authentischer, gelebter Verbindung zur Landschaft erwächst, heute dringender denn je brauchen, vor allem wenn es auf eine Weise genutzt wird, durch die gesunde und förderliche Synergien zwischen dem Alten und dem Modernen entstehen.
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Auch ich hier in Europa sehne mich nach einem Leben in inniger Verbindung zur Landschaft und zur Erde, aus der eine Fürsorge für das Land erwächst, so dass meine Entscheidungen und mein Handeln Vielfalt und Fülle erschafft, für alle Wesen.
Ich weiß auch nach dieser zweiten Reise nicht sicher, wie wir die Ju’hoansi in Namibia am besten unterstützen können. Was ich von dieser zweiten Reise mitnehme ist jedenfalls ein kraftvoller Wunsch, im lebendigen persönlichen Austausch zu bleiben, und so nach und nach gemeinsam herauszufinden, was wir von ihnen lernen können und wie und womit wir ihnen hilfreich sein können uns wie wir ein Stück weit gemeinsam mit ihnen bewahren können, was wir alle für die Zukunft unseres Planeten gut gebrauchen können.
Deshalb fliegen wir wieder hin – die nächste Reise findet vom 22. Januar bis 19. Februar 2020 statt.

Eindrücke von unserer ersten Reise zu den Ju’hoansi im Spätherbst 2017 findest du hier… 
Hier kannst du mehr über das Little Hunters Village und die anderen Lebendigen Museen in Namibia erfahren, die für Touristen geöffnet sind…

Geht es euch auch so, dass die Nachrichten aus aller Welt gerade in den letzten Monaten immer schwerer auszuhalten sind?
Eine ehemalige CIA-Agentin hat Hinweise dazu gegeben, wie sie selbst mit der Flut schlimmer Nachrichten umgegangen ist, als sie einen Großteil ihres Arbeitslebens damit zubrachte, genau solche Meldungen zu sammeln.
Sie beschreibt, dass verschiedene “Gefahren” damit verbunden sind, tagtäglich so viel Negatives zu erfahren:

  • Gleichgültigkeit – wenn uns das Schlimme irgendwann ganz “normal” erscheint.
  • Lähmung – wenn wir so überfordert und überwältigt sind, dass wir uns außerstande fühlen, irgendwas zu tun
  • Endzeitstimmung – wenn jede weitere Neuigkeit uns in Alarmbereitschaft versetzt, dass bald alles vorbei sein könnte
  • Depression oder Post-Traumatische Belastungsstörungen – selbst wenn wir gar nicht life dabei waren – schlimme Meldungen nur allein zu hören, genügt manchmal um beides auszulösen
  • Physische Symptome – Schwindel, Kopfschmerzen, Fieberschübe, Konzentrationsschwäche, Erschöpfung usw.

Auch wenn die Versuchung vielleicht groß ist – unseren Kopf in den Sand zu stecken würde alles nur schlimmer machen.
Tatsächlich arbeiten heranwachsende Diktaturen (wie wir es gerade in den USA beobachten können) systematisch und bewusst damit, die Bevölkerung mit so vielen Negativnachrichten gleichzeitig zu überschwemmen, bis die Menschen resignieren und anfangen wegzuschauen.
Dabei werden wir gerade heute gebraucht, gerade jetzt.
Wie können wir es trotzdem schaffen, unsere seelische und geistige Gesundheit zu wahren?

1. Mitgefühl! 
Wenn ich aufhöre mitzufühlen (das gilt auch für die “helfenden” Berufe, wo man tagtäglich mit viel Leid konfrontiert ist), kann das bald ein Burnout zur Folge haben.
Empathisch mit-fühlen scheint vielleicht anstrengender, doch verhindert es diese Form der tiefgehenden Erschöpfung.
Auch gegenüber den “Tätern” mitzufühlen, hilft, meine eigene seelische Gesundheit zu wahren, z.B. indem ich mich hineinversetze, wie einsam und verbittert sie sich fühlen müssen, um zu solchen Taten und Entscheidungen fähig zu sein. Lasse ich wütende Gedanken zu, stimulieren diese meinen Körper immer wieder zu heftigen Reaktionen, die meine eigene Gesundheit schwächen (z.B. meinen Blutdruck oder mein Immunsystem).
Schaffe ich es, mich auf das Mitgefühl zu fokussieren (auch der Versuch hilft schon!), kann sich mein System entspannen. Ich verdränge das Leid nicht, aber es kann mir selbst nicht schaden. Auch meine Fähigkeit, aus bestem Vermögen heraus strategische Entscheidungen zu treffen, in denen ich Konsequenzen für die Zukunft in Betracht ziehe und die meinen eigenen Werten entsprechen, ist gewahrt wenn ich es schaffe in Momenten der Wut mich ans Mitgefühl mit dem anderen zu erinnern.
Klingt schwierig? Ghandi, der mit seinem friedvollen Aktivismus Berge versetzt hat, spendet uns Trost: “Mitgefühl ist ein Muskel der kräftiger wird wenn wir ihn benutzen.”
Vor allem ist es wichtig, mir selbst Mitgefühl zu schenken, für den Schmerz und das Leid, das ich in mir fühlen kann, wenn ich mit der Situation der Welt, der Menschen, der Insekten, der Erde usw. konfrontiert bin. Alle Wesen sind ein Teil von mir und auch ich bin ein Teil allen Lebens.
Wie würdest du mit einem kleinen Kind sprechen, das sich angesichts der Neuigkeiten ängstigt und trauert? Genau diese Art von Trost und Mitgefühl kann auch dir selbst gut tun.
Besonders wirkungsvoll ist dies, wenn du dich selbst dabei berührst, also beispielsweise tröstend eine Hand auf dein Herz, deinen Bauch oder Arm legst. 
Mitgefühl zu wagen braucht Mut und Tapferkeit – doch es hilft uns dabei, nicht zu verbittern, sondern unser Herz weich werden zu lassen, so dass es weiter wachsen kann.

2. Handeln! 
Auf jeden Fall hilft es, etwas aktiv zu tun, um Teil der Lösung zu sein, egal wie klein die Schritte sind. So können wir Ergebnisse sehen, die aus unserem Tun erwachsen und einen Unterschied machen, anstatt uns völlig hilflos zu fühlen.
Dies kann auch das Fürsorgen für unsere Familie, unsere Gemeinschaft, die Kinder der Nachbarn oder für die wilden Blumen am Waldrand bedeuten – für alle die lebenden Wesen die direkt in unserem Umfeld sind.
Wie Gandalf aus “Herr der Ringe” es sagt: “Manche glauben dass nur große Mächte es vermögen, das Böse im Zaum zu halten. Ich habe das ganz anders erlebt: Es sind die kleinen alltäglichen guten Taten einfacher Menschen, welche die Dunkelheit in Schach halten. Kleine Taten der Nächstenliebe und Freundlichkeit.” 

3. Aktive Selbstfürsorge! 
Wir können nicht 24h/Tag die Welt retten. Den größten Dienst können wir dann schenken, wenn wir gut für unsere eigenen Bedürfnisse sorgen und entsprechend gut genährt und fit sind, um darüber hinaus zu geben.
Besonders wichtig sind Bewegung und Schwitzen. Stress und Angst sind Reaktionen auf überlebensbedrohliche Gefahren. Rennen und Schwitzen sind (genau wie Schütteln und Zittern) natürliche Reaktionen des Körpers, die dafür sorgen, dass unser System wieder ins Gleichgewicht finden kann, und die wir leicht auch selbst herbeiführen können (z.B. durch Sport, oder auch beim Saunieren).
Hilfreich ist es auch, bewusst zu regulieren, wann und wie ich mir schlimme Neuigkeiten anhöre.
Kann ich es vermeiden, dass ich mir schreckliche Bilder anschaue, die besonders belastend sein können, weil sie wie real erlebte Erinnerungen wirken können?
Vor allem Kinder sollten hier von uns davor beschützt werden, durch Fernsehnachrichten o.ä. traumatisiert zu werden.
Statt kurz vor dem Einschlafen oder gleich früh morgens, kann ich vielleicht vormittags, wenn ich mich wach, ausgeruht und innerlich gefestigt fühle, bewusst Zeit dafür nehmen, mich mit herausfordernden Themen zu beschäftigen.

4. Perspektiven wechseln!
Noch ist die Welt nicht untergegangen, obwohl die Geschichte schon unglaublich viel Leid gesehen hat. In der Vergangenheit sind viele Diktaturen entstanden – und wieder zerbrochen. Verbrannte Erde hat sich in fruchtbare Gärten gewandelt mit der Zeit. Die Erde verfügt über erstaunliche Selbstheilungskräfte. Das Leben will LEBEN!
Aus dem Nichts heraus ist das Universum entstanden mit all seiner Schönheit wie wir sie kennen, und mit all der Komplexität, die immer größer zu werden scheint.
Gerade aus politische Gräueln haben viele Menschen es geschafft, lebensbejahende Konsequenzen für ihr Denken und Handeln zu ziehen, und damit Raum zu erschaffen oder zu halten, für Frieden und Miteinander.
Auch gibt es neben den schlimmen Ereignissen gerade heute eine unendliche Vielzahl positiver Geschehnisse in der Welt, die viel mehr Beachtung verdienen, zu finden z.B. hier bei upworthy,com oder bei Positive News oder auf deutsch bei der Zeitschrift Oya.

5. Mit Gleichgesinnten verbinden!
Wir brauchen einander, wirklich. Die Weltlage zeigt ganz deutlich, dass es auch für die einsamsten Wölfe Zeit wird, ein Rudel zu finden.
“Weg von der Helden-Figur und hin zu einem der Menschen versammelt” nennt Zukunftsforscherin Meg Wheatley die Entwicklung, die Führungskräfte in aller Welt gerade durchmachen, wenn sie die Wirk-Kraft ihrer Arbeit stärken wollen.
Statt einem einsamen “Superman” zuzujubeln, der uns alle rettet, werden wir selbst gemeinsam mit einigen und in Kooperation mit ganz vielen auf der Welt die Zukunft lebenswert machen.
Und die Verbindung zu anderen Menschen ermöglicht es uns, im Alltag glücklicher zu sein, also auch mit mehr Gelassenheit den Härten des Lebens begegnen zu können und widerstandsfähiger gegenüber Verzweiflung, Depressionen oder Süchten zu sein.
Wir Menschen sind zutiefst soziale Wesen, und wir brauchen einander, um uns in der Welt wirklich wohl und zuhause zu fühlen, und auch um uns selbst als wirk-kräftig in unserem Tun und Sein zu erfahren.
shutterstock_633402731Dazu gehört es auch, einander zuzuhören, zu bezeugen und immer wieder auch gemeinsam zu trauern.
Auch die nicht-menschlichen Lebewesen können uns als Teil ihres Beziehungsgeflechts unterstützen, indem wir unsere Verbindung zu ihnen nähren.
So kann die Verwurzelung in der Natur uns Halt schenken in Zeiten der Angst und Überforderung. Sie erwächst aus innigen Erfahrungen, die wir auch im Alltag draußen machen können, wenn wir bewusst hinschauen und hinspüren und Insekten, Bäume, Vögel und alle anderen als unsere Verwandten anerkennen.

6. Humor kultivieren – jetzt erst recht! 
Mein Sohn und ich hören gerade viel dem Dalai Lama zu. Der weltliche und geistliche Führer der Tibeter beschäftigt sich intensiv mit den Missständen auf der Welt und ist doch als fröhlicher, ausgelassen heiterer Mensch bekannt. In seinem “Buch der Freude“, das aus Gesprächen zwischen ihm und Erzbischof Desmond Tutu entstanden ist, beschreibt er wie grundlegend es für unsere seelische Gesundheit ist, dem Leben in all seiner Schwierigkeit doch immer wieder mit Humor zu begegnen.
Freude und Glücklichsein sind nichts, was von außen uns geschenkt werden kann – sie wollen im Innern gefunden und bewusst kultiviert werden.
Für mich ist Humor eins der größten Geschenke, die wir unseren Kindern geben können, weil jedes kleine noch so feine Lachen oder Schmunzeln wie ein Lichtlein sein kann, das wir im Dunkeln anzünden.
Und wo ausgelassen aus tiefstem Bauch heraus gelacht wird, wird auch die größte Angst schmelzen und es wird Raum entstehen, in dem Liebe und Frieden lebendig sein können.
Damit das Leben immer weiter gehen kann!

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Jedes Kind bringt kostbare, einzigartige Gaben für die Gemeinschaft mit! Es ist gebraucht mit seinem ganzen Wesen, genau so wie es ist. 
Bei den Dagara in Westafrika und vielen anderen naturverbundenen Kulturen ist das Wissen um diese Gabe, eine wesentliche Grundlage für das Miteinander mit Kindern im Alltag. Unsere Lehrerin Sobonfu Somé beschrieb, wie sie und viele andere Kinder im Herzen der Dorfgemeinschaft heranwachsen konnten, beschützt und begleitet von den Menschen im Dorf, die wie unzählige “Mütter” und “Väter” waren, so liebe-voll und zugewandt und neugierig auf all das, was die Kinder so mitbrachten. 
Wie können wir in der heutigen Zeit unseren Kindern eine so sichere und geborgene Kindheit schenken?  Vier praktische Hinweise für unser Alltagsleben mit Kindern möchte ich hier mit euch teilen: 


1. Hinschauen, erspüren und spiegeln!
Nimm dir Zeit aufmerksam auf sie zu schauen, und zwar mit dem Herzen! Unser Herz ist das Organ, das zuerst die Stimmung und Gefühlslage von unserem Gegenüber wahrnimmt und dann Impulse mit Informationen ans Gehirn weiterschickt. Hier im Gehirn werden dann dieselben Emotionen aktiviert, wie sie im anderen lebendig sind, so dass wir das Kind und wie es ihm gerade geht wirklich (messbar!) erfühlen und selbst er-leben können.
Ein Kind (und Erwachsener!) der diese Art von Empathie geschenkt bekommt, kann dies ebenfalls deutlich spüren. Der Neuropsychologe Daniel Siegel hat dies als ein Gefühl von tiefem Angenommensein beschrieben, das er “a felt sense of being felt” nennt – wir fühlen, dass wir gefühlt werden – ist das nicht erstaunlich?
Dieser Zustand ist die Grundlage für echte Verbindung, von Moment zu Moment.
Sobonfu Somé hat uns gezeigt, wie wirksam es dabei ist, den emotionalen Ausdruck eines Kindes tat-sächlich zu spiegeln, z.B. indem wir das Weinen eines Säuglings sogar imitieren (mimisch und mit Geräuschen!) und erst später tröstend mit ihm sprechen. Auf diese Weise fühlt sich der kleine Mensch gesehen, verstanden, angenommen und sicher.


2. Innere Vielfalt feiern und integrieren!
Jeder Mensch trägt jederzeit eine enorme Vielfalt an Gedanken, Fragen, Stimmen, Zweifeln, Sehnsüchten und Emotionen in sich. Daniel Siegel beschreibt die Summe dieser Anteile wie ein Riesenrad, dass sich um eine gemeinsame Mitte dreht. Verknüpft werden all diese Teile im mittleren Stirnlappen, einem kleinen aber enorm bedeutsamen Teil unseres Gehirns.Dieser mittlere Stirnlappen, der für die Integration aller anderen Hirnteile zuständig ist, so dass aus den vielfältigen Tönen ein Konzert werden kann, ist beim Menschen erst mit etwa 25 Jahren voll entwickelt.
Deshalb sind Kinder oftmals so viel impulsiver in ihrem Handeln – denn Moral, Empathie und Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit sich die Konsequenzen des eigenen Verhaltens für die Zukunft vorzustellen und auch ihre Impulskontrolle, die Fähigkeit, sich zurückzuhalten, wenn es mehr Sinn macht, brauchen noch viele Jahre des inneren Heranreifens.
Kinder und auch Teenager lassen sich somit viel leichter von ihren momentanen Stimmungen und einzelnen Impulsen in ihrem Verhalten und für ihre Entscheidungen beeinflussen und auch leichter verunsichern.
Als Erwachsene können wir sie dabei unterstützen, die Vielfalt der einzelnen Bestandteile sichtbar zu machen und in ein Gesamtbild zu integrieren, indem wir ihnen Worte für das schenken, was in ihnen los ist, mit denen sie die einzelnen Stimmen und Stimmungen ins Bewusstsein rücken können, beispielsweise indem wir immer wieder mit ihnen gemeinsam:
– Sinneseindrücke bewusst machen (“huh, ist der Wind kalt?”, “fühl mal wie glatt der Stein sich anfasst!”)
– schwere Gefühle und Emotionen benennen (“das hat weh getan!” oder “fühlst du dich gerade zornig? Und mit etwas Abstand zur starken Emotion: Wo in deinem Körper kannst du so ein Wutgefühl besonders spüren?”)
– Zweifel, Ängste, Sorgen ansprechen (“fühlst du dich unsicher, ob du zu dem Geburtstagsfest gehen willst, weil du nicht alle Kinder kennst, die dabei sein werden?”)
– Freude und andere positive Emotionen aussprechen (“wow, das hat dir wirklich viel Spaß gemacht, stimmt’s?)
– wenn möglich offene Fragen benennen und gemeinsam entscheiden üben (“Was würde dafür sprechen heute die Regenjacke anzuziehen? Was würde dagegen sprechen?”)
Indem wir für die Kinder sichtbar machen, was im Moment oder zu einem bestimmten Thema alles in ihnen lebendig ist, helfen wir ihrem Gehirn, Komplexität bewusst zu erfahren, Vergnügen daran zu finden und die Vielfalt ihres eigenen Erlebens zu integrieren.
Wichtig ist dabei das Zwiegespräch: Als Erwachsene kann ich nur Vorschläge machen. Ebenso wichtig ist es, auf die Rückmeldungen und die eigenen Bilder und Worte des Kindes zu hören.


3. Überleben fürs Leben!
Kinder wie Erwachsene erleben im sozialen Kontakt immer mal wieder überlebensbedrohliche Angstzustände. Stress, Druck, Scham (von den Eltern oder von ihnen selbst) können dazu führen, dass ihr mittlerer Stirnlappen sich völlig verabschiedet, und stattdessen alle Energie und Entscheidungsmacht blitzschnell ins Stammhirn wandert – unsere Überlebenskampf-Zentrale.
Was von außen wie ein Wutanfall oder eiskalte Starre erscheinen mag, gleicht im inneren Erleben der Begegnung mit einer lebensbedrohlichen Gefahr:
Tunnelblick, Schweißausbrüche und kalte Schauer, Herzrasen, Verminderung des Hörvermögens oder Schwindelgefühle sind Anzeichen traumatischer Erlebnisse, die auch im ganz normalen Alltag über uns und unsere Kinder hereinbrechen können, wenn wir mit passenden Auslösern konfrontiert sind – hier genügt manchmal ein schlimmes Wort oder ein angstauslösender Gedanke über das was gerade passiert.
Mögliche Überlebens-Reaktionen sind entweder Kämpfen (Schreien, Schlagen, Treten, Sachen kaputt machen, sich auf den Boden werfen…), Flüchten (Wegrennen, Türen knallen, sich verstecken,…) oder Erstarren (wegschauen, sich einrollen, Stille, nicht mehr fühlbar sein,…).
Für uns Erwachsene wie auch für die Kinder gilt: Wer gerade ums Überleben kämpft, kann nicht “vernünftig” denken oder handeln.
Daniel Siegel & Tina Bryson beschreiben in ihrem Elternratgeber deshalb, wie wir zunächst langsam die Kinder aus diesem Zustand abholen können – indem wir ihnen zuerst Zeit für den authentischen Ausdruck der Emotionen geben, ohne ihn verstärken oder stoppen zu wollen (Zittern, Schwitzen, Weinen, vor allem mit Tränen, die viele der ausgeschütteten Hormone gleich ausscheiden).
Dann ist es hilfreich, sich körperlich zu bewegen (aufstehen, rennen, hüpfen, spazieren gehen,…). 
Erst danach, wenn das Kind sich wieder entspannt und merklich anwesend und ansprechbar ist, ist es hilfreich (und effektiv!), gemeinsam Worte zu finden, für das was dem Kind passiert ist und was daran so schlimm war.
Solange ein Kind (oder Erwachsener) in seiner Überlebensreaktion gefangen ist, helfen wir am meisten, indem wir denjenigen vor sich selbst schützen und auch Schaden in der Umgebung verhindern. Das kann beispielsweise bedeuten, ein im Streit schreiendes, schlagendes Kind sofort aus dem Zimmer rauszuholen (aber unbedingt bei ihm zu bleiben, um die Angstreaktion nicht noch zu verstärken).
Erst danach, wenn das eigene Erleben soweit integriert ist, die Ruhe und der Frieden wieder hergestellt sind, ist der Boden bereitet, um die Konsequenzen des Verhaltens anzusprechen, beispielsweise ob es angebracht ist, sich zu entschuldigen oder Wiedergutmachung für im Streit Gesagtes oder Getanes zu überlegen.
Anmerkung: Auch als Eltern geraten wir manchmal in die Überlebensreaktion. Für diesen Fall empfehlen Siegel & Bryson beispielsweise den Raum zu verlassen und Hampelmänner zu machen, um selbst wieder runterzukommen, bevor wir ein sinnloses Gewitter über unsere Familie hereinbrechen lassen. 


4. Mit Liebe antworten!
Von glücklichen Paarbeziehungen wissen wir, dass wir positive Erfahrungen mit jemand anders erst ab einem Verhältnis von fünf angenehmen Erlebnissen für jedes negative Erlebnis als ausgewogen wahrnehmen können. In als glücklich erlebten Partnerschaften kommen auf jede als negativ empfundene Interaktion sogar 20 positive Momente!
Als Eltern fühlen wir uns oft in der Pflicht, den Kindern gegenüber Ungeliebtes (wie Verbote) auszusprechen oder soziale Normen durchzusetzen.
Wie können wir dennoch so viele positive Interaktionen fördern, dass sie 20mal mehr sein können, also die vom Kind als negativ empfundenen?
Jon Young brachte vor einigen Jahren von den Buschleuten die Geschichte mit, dass dort jede Form der Disziplinierung den Onkels und Tanten überlassen wird, und die Eltern einzig und allein zum lieb haben da seien. Das wäre hier bei uns im Westen eher schwierig umzusetzen – trotzdem können wir die Betonung auf das Nährende legen!
Der Beziehungsforscher John Gottman beschreibt, dass jede zwischenmenschliche Interaktion eine “emotionale Bitte” enthält, die verstanden und beantwortet werden will. Jeder Blick, jede Geste, jeder gesprochene Satz, jedes “Mama guck mal” oder “Papa mein Turm ist schon sooo groß” enthält zwischen den Zeilen eine Bitte um Liebe und Zuwendung. Bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen.
Jede abgewiesene ignorierte Bitte kreiert einen kleinen schmerzvollen Moment für das Kind. Wenn sie sich häufen, stauen sich Trauer und Enttäuschung an, die sich manchmal Stunden oder Tage später in Aggressionen oder Wutausbrüchen entladen, oft ausgelöst von Kleinigkeiten. Diese Dynamik hat Gottmann in Partnerschaften dokumentiert – und fast noch häufiger finden wir sie in den Interaktionen viel beschäftigter Eltern (wie mir selber!) und ihrer Kinder.
Ein Wahrnehmen und zugewandtes Beantworten der vielen emotionalen Bitten schafft deshalb in hundert kleinen Momenten im Alltag eine Basis für eine gesunde und glückliche Eltern-Kind-Beziehung. Manchmal genügt dafür ein Augenkontakt, es kann auch ein kurzes liebes Wort sein, eine Bestätigung, eine Rückfrage, ein Mitmachen, Anschauen, Umarmen, liebevolles Necken….
Was sind die Signale, die dein Kind als besonders liebe-voll versteht und gern annimmt?



Zusammenfassung



Dies sind die 4 Geborgenheits-Geschenke für die Kinder in unserer Mitte:
1. Hinschauen, erspüren und spiegeln!
Innehalten, sie anschauen, mit dem Herzen erfühlen, wie es ihnen geht, es ihnen in Mimik, Gestik und/oder Worten wiederspiegeln, damit sie fühlen, dass sie gefühlt werden! 


2. Innere Vielfalt feiern und integrieren!
Stimmungen, Emotionen und Gedanken der Kinder Worte schenken, sie mit Fragen zur Wahrnehmung inspirieren, und ihnen helfen die Vielfalt ihrer inneren Anteile bewusst zu erleben – damit sie ihren inneren Beobachter stärken und ihr mittlerer Stirnlappen mit der Zeit zu einer wunderbaren Integrationszentrale heranreifen kann


3. Überleben fürs Leben!
Überlebensreaktionen in mir selbst und meinem Kind erkennen, dann Gefühlsausdruck zulassen, dann Bewegung ermöglichen, dann integrierende Fragen stellen und gemeinsam Worte finden für das eigene Erleben finden. Erst nach Erreichen eines ruhigen, integrierten Gemütszustands die Aufmerksamkeit auf Konsequenzen und was nun gebraucht ist lenken.


4. Mit Liebe antworten!
Emotionale Bitten wahrnehmen und mit Zugewandtheit beantworten, für 20:1 positive Beziehungserfahrungen.
Das Geschenk immer wieder annehmen
Jedes Kind wird geboren mit einer einzigartigen, ganz bestimmten Gabe, die für die Familie und den Ort an dem es geboren wird essentiell gebraucht sind.
Was sind die Gaben deiner Kinder? Was könnte ihre ganz eigene Medizin sein, die sie für dich und die anderen Bezugspersonen mitgebracht haben?
Alle Kinder bringen immer die Gabe mit, uns mit der Zukunft zu verbinden. In ihnen lebt das fort, was wir in die Welt bringen, nicht nur die großen Leistungen, sondern all das was wir Tag für Tag von uns verschenken. Bei den Dagara tragen sie außerdem Botschaften aus der Geistwelt, der Ahnenwelt mit sich, mit der sie noch viel intensiver verbunden sind, als wir Erwachsenen.
Ich glaube, dass die Ehrfurcht und der tiefe Respekt mit dem die Dagara in Burkina Faso und viele andere naturverbundene Kulturen den “kleinen Leuten” begegnen,  auch in unserem Kulturkreis zuhause sind. Denn auch unser Wort “Enkel” stammt von dem althochdeutschen Wort eninchili ab, was “kleiner Ahn” bedeutet.


Ich freue mich darauf, dieses große Geschenk des Lebens, Kinder in unserer Mitte haben zu dürfen, immer wieder gemeinsam mit euch zu feiern, zum Beispiel auch bei unserm Ritualworkshop vom 5.-08. Juli “In unserer Mitte – was die Kinder von uns brauchen”, im wunderschönen Bodenseekreis.
Und freue mich auch besonders, wenn ihr euren Freunden und Bekannten von dem Workshop weitererzählt, so dass wir dabei gemeinsam an einem Großfamilien-Netzwerk für eure Kinder basteln können 🙂

… von Viktoria Zimmer und Julia Talk

Dieser Artikel wurde im Herbst 2017 im Amitiés-Magazin des  Service Civil International (SCI) – Deutscher Zweig e.V. veröffentlicht.

Wie können wir – individuell und kollektiv – Zukunft gestalten?

Die massiven negativen Auswirkungen des Klimawandels schüren Machtkonflikte über knapper werdende Ressourcen. Somit ist der Klimaschutz ein zentraler Bestandteil der Arbeit des deutschen SCI-Zweiges, der als Friedensorganisation für soziale  Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit einsteht.
Um Teilnehmende internationaler Workcamps stärker für umweltbewusstes Handeln zu sensibilisieren, hat die Klima-AG die Idee der Climate Messenger initiiert – dies sind Menschen, die ein bis zwei Tage in ein Workcamp kommen, um einen Study Part bzw. Workshop zu einem klimarelevanten Thema durchzuführen. Dazugehören beispielsweise Klimagerechtigkeit, fossile Rohstoffe und erneuerbare Energien, Mobilität und klimafreundliches Reisen, Boden, Transition Towns, Permakultur oder Naturerfahrung.
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Gerade wenn über Klimawandel und Umweltprobleme berichtet wird, entsteht häufig der Eindruck, menschliches Umwelthandeln sei grundsätzlich zerstörerisch. Diesem Glaubenssatz liegt ein Weltbild der Separation von Mensch und Natur zugrunde, dem jedoch zahlreiche aktuelle Forschungserkenntnisse widersprechen, welche belegen, dass es weltweit nachhaltig wirtschaftende Kulturen gab und gibt – der Mensch kann somit auch über lange Zeiträume sogar regenerativ und die Biodiversität fördernd mit seiner Mit-Welt interagieren.
Wir gehen davon aus, dass für Menschen ein persönliches Erleben der Natur ein Schlüssel zu umweltbewusstem Handeln ist. Deshalb haben wir den Fokus in unserem Workshop auf der Königsfarm auf Naturerfahrung gelegt. Wenn ich mich selbst (wieder) als Teil der Natur erlebe, eine emotionale Bindung zur Natur aufbaue und zudem die zwischenmenschliche Verbundenheit mit den anderen Teilnehmenden gestärkt wird (sodass ich mich besonders wohl und geborgen fühle), kann ich leichter zu proaktivem Handeln inspiriert werden, das allen Lebewesen dient.
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Dadurch, dass ich meine Wahrnehmung Stück für Stück erweitere und in Kontakt mit meiner Mit-Welt gehe, öffne ich mich, sodass ich den Schmerz um die Zerstörung unserer Erde wahrnehmen kann und mein Schutzbedürfnis für die Natur wächst. Gleichzeitig habe ich die Möglichkeit, mich selbst als Teil eines sich ständig weiter entwickelnden Lebensnetzes zu erfahren und dadurch Dankbarkeit, Wertschätzung und Ehrfurcht vor dem Leben zu spüren. Ich lerne darüber, wer ich selbst in dem großen Ganzen sein kann und welchen besonderen Beitrag ich ganz persönlich zu einem friedlichen, nachhaltigen Miteinander leisten kann. Somit setzte unser Workshop, in dem wir eine von dem deutschen Bildungsunternehmen circlewise entwickelte und praktizierte Pädagogik nutzten und mit Methoden der Tiefenökologie nach Joanna Macy kombinierten, bei tiefer liegenden Ursachen an. Es wurden nicht nur die Symptome einer konsum- und wachstumsorientierten Lebens- und Wirtschaftsweise/-philosophie angesprochen, sondern die Perspektive hin zu einer naturverbundenen, friedvollen und lebensfördernden Kulturentwicklung eröffnet.

Durch den Workshop angeregt erzählte eine Teilnehmerin aus Spanien von einem erfolgreichen Klimaschutzprojekt, welches sie in ihrer Schule initiiert hatte. Dieses Beispiel gab anderen Teilnehmenden Hoffnung und inspirierte sie dazu, eigene kleine (Alltags-)Handlungsmöglichkeiten zu entdecken.
You can’t save the land apart from the people, to save either you must save both.

Wendell Berry

Wenn du Lust bekommen hast selbst aktiv zu werden, sei herzlich willkommen bei unserem Jurtenbau-Workcamp im Juli 2018. Mehr Informationen dazu findest du hier
Oder vielleicht hast du Lust, selbst ein Workcamp zu leiten? Der SCI bietet dazu jedes Jahr mehrere Vorbereitungsseminare an und freut sich immer über Menschen, die gerne mit dabei sein möchten. Alle Informationen findest du hier.

27021438_1287327271402763_8709853789728793126_oIm November 2017 war ich für 3,5 Wochen in Namibia, zusammen mit Judith Wilhelm und Myriam Kentrup von der Wildnisschule Wildeshausen, Paul Wernicke von der Wildnisschule Hoher Fläming, Tim Taeger von Jagwina und einigen anderen Menschen aus sechs weiteren Ländern, begleitet von Caspar Brown von der Wandering Wild School, Lynx Vilden, und Werner Pfeifer von der Living Culture Foundation.

Die Fotos lassen sich durch Anklicken vergrößern.

„Unser Leben früher war wunderbar, doch wir können und wollen die Vergangenheit nicht zurückholen. Einiges aus der modernen Welt gefällt uns, und wir möchten dies zu einem Teil in unserem Leben machen. Aber wir wollen dabei auch unsere eigene Kultur bewahren und lebendig erhalten.“

Frauen der Ju/hoansi, der „ersten Menschen“, im Little Hunters Village

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Bis in die 80er Jahre sind die Menschen des „Little Hunters Village“ noch nomadisch als Jäger und Sammler durch die Kalahari gezogen. Heute leben sie in einem Dorf aus kleinen Zelten und Hütten neben einer solarbetriebenen Wasserpumpe in der Nähe von Tsumkwe, Namibia. Sie sind die einzige Gruppe von Buschleuten in Namibia, die noch jagen dürfen. Zu verdanken ist dies vor allem der Vision und Tatkraft von Werner Pfeifer und der von ihm begründeten Living Culture Foundation.
IMG_1464Die deutsch-namibianische Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, traditionelle Gemeinschaften darin zu unterstützen, „Lebendige Museen“ zu gründen, in denen die Dorfgemeinschaft vollkommen selbstverwaltet ihren Lebensunterhalt damit verdienen kann, Touristen einen Einblick in ihre Kultur und in die Lebensweise ihrer Vorfahren zu geben. Damit wird dem in Afrika wie auch dem Rest der Welt so erstickenden Trend entgegengewirkt, dass gerade die Jüngeren Menschen angesichts des umfassenden Raubbaus an den Lebensgrundlagen ihres Volkes und der äußeren Zwänge, die ehemals nomadisch lebenden Kulturen auferlegt sind, und der damit verbundenenen Aussichtslosigkeit ihrer Lebenssituation, umso mehr alles Traditionelle mit Verachtung fortwerfen, in die Städte abwandern und sich in ein entwurzeltes Dasein stürzen. Statt wegzuziehen und schlecht bezahlte Jobs anzunehmen oder von Regierungsmitteln abhängig zu sein, und in Slums ärmlich dahin zu vegetieren, können die Menschen in den Lebendigen Museen jeden Tag erfahren, wie wertvoll das hoch entwickelte traditionelle Wissen ihrer eigenen Kultur auch heute noch ist. Viele junge Leute im Little Hunters Village wollen gern vor Ort im Kreis der gesunden und blühenden Gemeinschaft bleiben und selbst noch bessere Fährtenleser, Jäger, Kräuterkundige und MeisterInnen ihres Handwerks werden.
IMG_1490Das Little Hunters Village ist dabei keineswegs ein entlegener Ort, auf den noch nie ein westlicher Mensch vorher einen Fuß gesetzt hat. Die Menschen im Dorf haben Mobiltelefone, sie führen gemeinsam ein erfolgreiches Unternehmen, mit dem sie ein vergleichsweise gutes Einkommen erwirtschaften, einige von ihnen waren schon mehrere Male in Europa beispielsweise bei Spurenleser-Konferenzen und sie werden in ihrem Alltag von Touristen besucht, denen sie ihre traditionelle Lebensweise vorführen und erlebbar machen.
DSC_2395Und doch scheinen sie im Vergleich zu vielen anderen traditionellen Gemeinschaften in Afrika nicht mehr Opfer der sich ausbreitenden Zivilisation zu sein, sondern einen Weg gefunden zu haben, die Veränderungen so zu navigieren, dass sie trotz aller Verluste gesund und glücklich leben können und die Gemeinschaft innerhalb ihres Dorfes erhalten bleibt.
Mit großer Klarheit und Bewusstheit sprechen die Ju/hoansi hier über ihre Kultur, die sie bewahren und lebendig halten wollen. Auf unsere Frage danach, was sie als Herz ihrer Kultur ansehen, welches die Elemente sind, die sie weiterhin lebendig erhalten wollen, sind sie sich schnell einig: “Das Jagen und das Sammeln, die Heilungstänze und die Art und Weise wie wir unsere Kinder ins Leben begleiten.”

Traditionelles Handwerk

IMG_1369Schon vor 2000 Jahren haben die Buschleute begonnen, selber Eisen zu verhütten, das an vielen Orten der Kalahari auch an der Erdoberfläche zu finden ist. Seitdem stellen sie Pfeilspitzen, Messer und ein von den Bantu übernommenes Allzweckwerkzeug her, das Chop-Chop. Die Schmiedearbeit braucht heutzutage nur ein ganz normales kleines Feuer, einen im Sand mehr oder weniger festen Amboss (beispielsweise aus einem Stück Eisenbahnschiene), einen dicken kurzen Hammer und als Rohstoffe rostige Nägel, Bolzen oder Stücke von den Metallverstrebungen für Betonkonstruktionen.
IMG_1368 KopieDie traditionelle Kleidung ist aus gegerbtem Leder. Dabei wird die Tierhaut am Boden aufgespannt, dann trocken von beiden Seiten geschabt und mit einer zu Brei gehauenen dicken Zwiebel eingestrichen. Nach etwa zwei Stunden Einwirkzeit kann sie nun beim Trocknen weich gezogen werden.
Grabstöcke sind wichtige Alltagswerkzeuge, deren gegabelte Enden dabei helfen, sich einen Weg durch dorniges Gestrüpp zu bahnen, und deren schwertartig zugespitzte und über dem Feuer gehärtete Enden ermöglichen, auch Wurzeln und Knollen auszugraben, die einen halben Meter oder noch tiefer im Boden versteckt sind.
IMG_1321Viele der alten Fertigkeiten sind erst in den letzten Jahren wiederbelebt worden, seit es das Living Museum ermöglicht, damit einen Lebensunterhalt zu verdienen. Während unserer Reise nutzen die Ju/hoansi die seltene Gelegenheit, zusammen mit Besuchern so viele Tage Zeit für die einzelnen Arbeiten zu haben, um auch voneinander mehr zu lernen und sich im Schmieden, Gerben und Holzwerkzeuge herstellen zu üben. Einige jüngere Leute probieren dabei einige der Techniken zum allerersten Mal aus.

Fährtenlesen und Jagen

IMG_1482Gemeinsam mit einigen Jägern und „Meister-Trackern“ gehen wir immer wieder auf Spurensuche. Meistens führen sie uns mit Fragen dahin, zu entschlüsseln, was passiert sein könnte, wer hier lang gelaufen ist, in welcher Richtung, wann und in welcher Stimmung? Einmal entdecke ich einen unscheinbaren feuchten Fleck im Sand, etwa sieben Zentimeter lang, inmitten von einer Vielzahl von Paarhufer-Trittsiegeln. Mit einem kurzen Blick darauf erkennt !Oma, wie hier ein Gnu-Weibchen gelagert und wie sie ihr Kalb geboren hat, in der Nacht zuvor. Mit Händen und Füßen beschreibt er die Geschehnisse, die er anhand der Spuren ganz klar vor seinem inneren Auge sehen kann.

Nahrung sammeln

IMG_1414 KopieDie Kalahari besteht vor allem aus trockener Savanne mit sandigen Böden, die kaum Wasser an der Erdoberfläche zu halten vermögen. Die unwirtliche Landschaft blieb lange Zeit verschont von der Zivilisation, weil sie für Viehhirten und Ackerbauern nicht besiedelbar war. So konnten die Buschleute, die in der Lage waren, das in der Landschaft in Knollen, Wurzeln oder Baumstämmen versteckte Wasser zu nutzen, hier viele Jahrhunderte trotz der Kolonialisierung relativ geschützt überleben.
DSC_2106Die Wasserwurzel beispielsweise ist saftig und süß, wie ein Obst, das unter der Erde wächst. Zu Beginn der Regenzeit, wo mit dem Wasser auch das Leben in die Landschaft zurückkehrt, finden wir bei unseren Sammel-Ausflügen voller Lachen und Gesang gemeinsam mit den Frauen und Kindern des Dorfes zudem harte süße Beeren, säuerliche rote pflaumenartige Früchte, viele essbare Kräuter, stachlige Gurken, allerlei Pflanzen mit Heilwirkungen und Wurzelknollen zur Herstellung eines roten Farbstoffes.
Heute, im Zeitalter solarbetriebener Wasserpumpen, ist die Heimat der Buschleute stark dezimiert und ein nomadisches Umherziehen ist nicht mehr möglich. Viel zu viele Flächen der Kalahari sind als Rinder- oder Wildtier-Weiden umzäunt, oder werden als Schutzgebiete für die Großwild-Jagdabenteuer von Trophäen-Jägern aus dem Ausland genutzt, die zig tausende von Euros für einen Elefanten oder eine Raubkatze bezahlen.
IMG_1409Die Jagd auf die Elefanten hat die einstmals friedlichen Riesen in gefährliche Tiere verwandelt. Meist werden die Ältesten einer Herde geschossen, weil sie die größten Stoßzähne haben, und zurück bleiben verunsicherte Gruppen halbwüchsiger Elefanten, die gereizt und aggressiv auf die Nähe von Menschen reagieren.

Friedvolles Miteinander

IMG_1256Einfach zusammen sein, die Frauen neben den Frauen, die Männer neben den Männern, dazwischen die Kinder wo auch immer sie wollen, über Gesten und Blicke die Verbindung haltend, aufmerksam wahrnehmend, was rundum vor sich geht und dabei gelegentlich Scherze machen und in Gelächter gleiten, oder spontan zum Singen, Tanzen oder Spielen aufspringen…. so habe ich die Ju/hoansi vor allem erlebt. Der Umgang miteinander wirkt auf mich sanft, entspannt und gelassen und vor allem humorvoll. Wenn jemand von uns an die Gruppe eine Frage stellt, reden auf einmal lauthals alle durcheinander, unterbrochen von Gelächter. Der Dolmetscher hört zu und verkündet irgendwann: „Wir sehen das soundso…“, und dazu nicken alle feste, sind sich einig.
IMG_1459 2Das „wir“ ist allgegenwärtig. In einem Morgenkreis ist klar: Manche von uns Besuchern schaffen es kaum, ihre Handwerksarbeiten rechtzeitig zu beenden. Als ich völlig ermattet von der Aussicht auf mehr anstrengendes Schmieden zu unserem Feuer zurückkomme, resigniert neben Damh dem Meisterschmied zu Boden sinke, weil auch meine Chop-Chop-Klinge einfach nicht breiter werden will, egal wie viel ich mit Armen wie Pudding auf ihr rumhämmere, schaut er mich entschlossen an und sagt: „WIR werden alle Werkzeuge rechtzeitig fertig stellen, weil WIR nämlich stark sind.
IMG_1501Entscheidungen werden von allen im Dorf gemeinsam getroffen. Niemand wird ausgegrenzt oder zu irgendetwas gezwungen. Wenn die jungen Mädchen kein Menarche-Ritual mehr machen wollen, weil sie lieber modern sein möchten, dann sorgt das für viel Besorgnis und Gespräche darüber – Zwang gibt es jedoch nicht.
Wenn Mann und Frau sich nicht einig darüber sind, in welchem Dorf sie leben wollen? „DANN brauchen sie es, miteinander zu reden!“ Und auch Schwestern, Brüder, Tanten, Onkel und vor allem die Ältesten reden in so einem Fall mit, unterstützen, vermitteln, helfen, eine gemeinsame Lösung zu finden.

Mit den Kindern

IMG_1377Morgens beim Spazierengehen treffe ich Kinder, immer in kleinen Grüppchen. Sie lachen, wenn ich ihnen Spuren zeige und ratlos die Hände in die Luft strecke. Dann erklären sie mir alles geduldig in Ju/hoansi Sprache und finden es noch lustiger, wenn ich probiere ihre Klick-Worte nachzusprechen. Alle Pflanzen scheinen die 6-8jährigen schon sicher zu kennen, und die Spuren jedes Säugetiers. Die etwas älteren Jungen jagen oft schon selber Eidechsen oder Wachteln mit einer Steinschleuder.
Im Lager spielen die Kinder oft miteinander Kreisspiele und beweisen unglaubliche Geschicklichkeit mit Kürbis-Kugeln, und schnelle Reaktionskraft. Sie lieben es, wenn wir Besucher ihnen Lieder, Tänze oder Spiele beibringen, merken sich alles sofort und probieren es uns immer wieder zu entlocken, indem sie die Melodien selber anstimmen und uns zum Mitmachen auffordern.
27023380_1287305274738296_6449909772532425954_oEine Künstlerin aus New York hat eine Löwenmaske mitgebracht, die immer wieder von einem Kinderkopf zum andern wandert und vor Vergnügen quietschende Antilopen jagt. Werner hat viele Pfeile und Bögen dabei, mit denen vor allem die Jungen stundenlang auf einen Springbock aus Stroh schießen.
Viele ältere Mädchen kümmern sich liebevoll um kleinere Kinder, tragen sie herum und versorgen sie. Obwohl jedes Mädchen („natürlich“ sagen sie!) die Freiheit hätte, auch das Jagen zu erlernen, sei das einfach so noch nicht vorgekommen. Die Frauen reagieren mit Staunen und Begeisterung, als Lynx Vilden erzählt, dass sie früher lieber ein Junge sein wollte und selbst zuhause Jägerin ist, und /Noshae erzählt darauf lachend, dass auch sie als Kind ein sehr wildes Mädchen war.
IMG_1508Kampfspiele werden überhaupt nicht gespielt. Wenn die Erwachsenen die Kinder beim Kämpfen erleben, werden sie sofort daran erinnert, nicht zu streiten, nicht zu kämpfen, weil dies wichtig dafür sei, den Frieden für alle in der Gemeinschaft zu wahren.
Die kleinen Kinder werden in Tüchern herumgetragen und klettern und kuscheln unermüdlich vor allem mit den Frauen und Mädchen, aber auch mit den Männern. Weinen wird als ganz natürlich angesehen und die Erwachsenen begegnen Tränen und Geschrei mit sanftem, unaufdringlichem Trösten.

Lernen durch Beobachtung

Lernen durch Beobachtung

Gelehrt wird vor allem durchs Vormachen. Einmal hilft mir Dahm der Älteste beim Aufspannen meines Impala-Fells, während zwei etwa sechsjährige Jungs mit wachsendem Interesse zuschauen. Kurz vorm Abschluss fragt er sie kurz etwas, erklärt dann noch zwei Sätze, und geht einfach ganz woanders hin, lässt sie die Arbeit komplett alleine zuende bringen. Es brauchte eine Weile, bis sie die Technik so richtig raus haben, dabei beratschlagen sie miteinander, sind vorsichtig mit dem Holz”hammer”, der auch schon mal auf dem Daumen landet, und probieren behutsam so lange herum, bis alles gut klappt.
Die Frauen der Ju/hoansi erzählen uns, dass die Kinder das Wichtigste schon lernen müssen, bevor sie in die Schule gehen, damit sie die alten Weisen weiterführen und praktizieren. Würden sie zulange warten, führe das dazu, dass die Kinder „nur noch spielen wollen“, wenn sie nachmittags nach Hause kommen. Schafften sie es aber, die Kinder schon vor der Schule gut auf den Weg zu bringen, gelänge es auch, dass die Kinder das moderne Leben und die eigene Kultur miteinander integrieren können.

Spielen

26840855_1287556744713149_4715343524628780931_oVor allem die Frauen und die Kinder lieben es, mit uns zu spielen, ab und zu auch die Männer. Kreisspiele mit komplizierten Regeln, wo es um Geschicklichkeit und Humor geht, sind besonders beliebt. Oft spielen die Erwachsenen unter sich, die Kinder dürfen es ihnen dann später nachmachen. Bei einem Spiel verhakelt man im Kreis ein Bein mit dem Bein eines Nachbarn und so hüpfen alle herum, bis sie umpurzeln. Ein anderes Spiel singt vom Großvater der mit Fleisch nach Hause kommt und es nicht mit den Kindern und Frauen teilen will. Er probiert, sich aus dem Kreis zu verdrücken, wird aber von den schnell an allen Seiten heruntergezogenen Armen aufgehalten – bis er doch den Ausbruch schafft.

Mann und Frau

IMG_1451Die Ju/hoansi heiraten früh und führen in der Regel Ehen mit nur einem Partner. Die meisten Kinder werden erst geboren, wenn die Frauen so um die 20 Jahre alt sind. Kleinfamilien teilen sich eine Hütte oder ein Zelt. Tagsüber und an den Abenden sitzen meistens die Frauen zusammen und die Männer zusammen, oft räumlich nah beieinander. Körperliche Intimität zwischen Partnern wird nicht öffentlich gezeigt, auch Umarmungen oder Küssen kann man nicht beobachten. Viele Paare haben fünf bis sechs Kinder, für die beide Eltern verantwortlich bleiben und sorgen müssen, auch wenn sich ein Paar trennen sollte.

Heilungs-Tanz

Im Dorf der Ju/hoansi wird der traditionelle Heilungstanz getanzt. Dabei nutzt der Heiler die göttliche Energie, das /nom, das im Körper unter Schütteln, Schwitzen und Tönen erweckt wird und dann über Berührung weitergegeben wird, um als Medizin zu wirken. Während des Tanzes können die Heiler in Visionen wichtige Botschaften für die Gemeinschaft und für einzelne Leute erhalten.
IMG_1798Der Tanz kann nur gemeinsam durchgeführt werden und das Singen und Klatschen der Dörfler, vor allem der Frauen, ist genauso wichtig wie die Rolle der Heiler selbst. Während die Klicksprachen der einzelnen Buschleute-Völker im südlichen Afrika trotz ihrer gemeinsamen Wurzeln sehr unterschiedlich sind, so dass die Menschen Dolmetscher bräuchten, um sich zu unterhalten, sind viele Lieder und Tänze sich immer noch erstaunlich ähnlich. So kann davon ausgegangen werden, dass sie wirklich seit einer unglaublich langen Zeit fast unverändert von Generation zu Generation weitergegeben wurden.

Die Natur

IMG_1462Es ist schwer zu beschreiben, wie aufregend es ist, in der offenen und verlockenden Landschaft der Savanne unterwegs zu sein, wo die Neugier, was hinter dem nächsten Baum oder Busch warten könnte, uns immer weiter und weiter lockt. Wie es sich anfühlt, eine frische Leopardenspur zu erahnen oder ungläubig auf die rehförmigen, aber gewaltig großen Trittsiegel einer Giraffe zu starren. Wie das Herz kurz aussetzt, wenn wir eine der tötlichsten Schlangen, die schwarze Mamba, noch gerade wegzischen sehen oder beim Morgenspaziergang das löwengebrüllartige Posaunen eines Elefanten hören. Wie es ist, von panischen Schreien im Nebenzelt aufgeschreckt zu werden, wo eine riesige giftige Spinne gerade zum Sprung ins Gesicht angesetzt hat, oder zu spüren, wie der Mund einfach offen stehen bleibt, nachdem eine Herde Berberaffen vorbei gerannt ist – als könnten sie alle miteinander nur der Fantasie entsprungen sein.
DSC_0525In der Kalahari ist alles voller Dornen, viele Singvögel sind bunt und prachtvoll, es ist gefährlich, nachts ohne Taschenlampe spazieren zu gehen, und wie genau die Erdlöcher der Skorpione aussehen ist eine wichtige Information gleich beim Ankommen.
Der feine Sand ist innerhalb von wenigen Tagen überall, überall, und wird in der Sonne mittags so heiß, dass dünne Gummisohlen kaum ausreichen, sich nicht die Füße zu verbrennen und die Solargeneratoren vorm Wegschmelzen geschützt werden müssen. Dann ist es wunderbar, einfach nur in der Hängematte zu liegen und die Hitze zu genießen.
IMG_1345Am meisten berührt hat mich ein uralter Baobab-Baum mit vielen meterdicken Stämmen, die teils aufrecht wachsen und teils wie ein gewaltige Lindwurm-Leib über die Erde kriechen. Vielleicht ist dieses wunderbare Baumwesen das Herz des Universums – so hat es sich zumindest angefühlt als wir im kupfernen Licht des Sonnenuntergang zu ihm gelangten, umkränzt von einem doppelten Regenbogen, wie ein Willkommens-Gruß um noch viel tiefer zu landen in dieser wunderschönen Landschaft, und uns auf ihre Geheimnisse einzulassen, hier in dem Land, wo unser aller Ahnen vor unfassbar langer Zeit zu Menschen geworden sind.
Für die Bilder geht Dank an Werner Pfeifer, Judith Wilhelm, Myriam Kentrup, Paul Wernicke, Tim Taeger, Caspar Brown, David Willis, Ajax Axe und Nicola Mosley.

In der Oya 44/2017 ist ein Artikel über das Leben und Wirken unserer Lehrerin, Beraterin und Freundin Sobonfu Somé erschienen, die im Januar 2017 nach langer Krankheit in ihrer Heimat in Burkina Faso verschieden ist. Der Text wurde geschrieben von Geseko v. Lüpke und Elke Loepthien.
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