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…aufgeschrieben von Elke Loepthien

Demut ist eine Art Meister-Tugend – wenn Menschen sie entwickeln, kann sie andere Tugenden herbeiführen“, schreibt der Tugend-Forscher Everett Worthington.

Zur Demut gehören laut ihm und anderen Autor*innen Eigenschaften und Verhaltensweisen wie:

  • ein Gewahrsein unserer persönlichen Stärken und unserer Schwächen, ebenso eine Bereitschaft, zu diesen Schwächen zu stehen während wir daran arbeiteten, sie besser zu machen.
  • die Überzeugung, dass andere Menschen ganz genauso gut und wertvoll sind wie ich selbst, die sich auch darin zeigt, wie ich mich selbst darstelle.
  • eine Offenheit dafür, dass noch unbekannte, ganz neue Informationen möglich warten könnten, die meine Sichtweisen vielleicht sogar verändern.
  • ein aufrichtiger Fokus auf dem Wohlbefinden der Menschen um mich herum und die Bereitschaft, ihnen und ihren Ideen zuzuhören.
  • Wertschätzung für die Stärken und Beiträge von anderen.
  • ein Interesse an Ratschlägen und Feedback.
  • kein rücksichtsloses Erteilen von nicht hilfreichen Ratschlägen und Feedback an andere.
  • Bereitschaft, Verantwortung für meine eigenen Fehler zu übernehmen und diese wiedergutzumachen.
  • Ein Fehlen von arroganten oder überheblichen Verhaltensweisen, Stolz und narzisstischem Anspruchsdenken
  • Wahrhaftigkeit und Einfachheit, Anspruchslosigkeit.
  • keine Neigung dazu, Regeln zu umgehen oder sich durchzumogeln.
  • die Abwesenheit von manipulierenden, gierigen, heuchlerischen oder sich anbiedernden Verhaltensweisen

Demütige Menschen sind körperlich und seelisch gesünder. Sie verhalten sich auch großzügiger, sind hilfsbereiter und dankbarer – was sie attraktiv für andere macht. Außerdem fällt es ihnen leichter, ihre eigenen Impulse bewusst zu lenken und sie überstehen stressige Erlebnisse mit weniger negativen Folgen.

Und Demut kann noch vieles mehr:

Demut ist schlau und macht noch schlauer

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…unsere leckersten Zutaten für dich und deine Liebsten, aufgeschrieben von Elke Loepthien

 

Das große und umfassende Alleinsein in diesem Jahr schenkt vielen Menschen gerade jetzt den Raum, diese immer besondere Jahreszeit diesmal noch viel intensiver und ausführlicher zu würdigen, als „normalerweise“ möglich.

Für mich ist die Raunachts-Zeit in jedem Jahr ein besonders fruchtbarer „Zwischen-Raum“ – wenn das alte Jahr schon so gut wie vorüber ist und das Neue noch nicht ganz begonnen hat. Durch ein bewusstes Zurückschauen, Integrieren und neu Ausrichten können wir uns jetzt ganz bewusst den Platz zwischen Vergangenheit und Zukunft einnehmen und beides miteinander verbinden wie zwei elektrische Kabel – so dass Energie in voller Kraft strömen kann.

Wir alle haben und spüren in vielen Momenten unseres Lebens einen Zugang zur schöpferischen Kraft – unseren ganz eigenen, einzigartigen Zugang. Leicht kann er von der Last und dem vielen Staub des Alltags überdeckt werden, so dass wir unser Verbundensein immer mehr aus den Augen verlieren – zu uns selbst, zur Natur, zur Gemeinschaft.

Ich habe 2008 das erste Mal einen „Renewal of Creative Path Process“ kennengelernt, beschrieben von meinem damaligen Lehrer und Mentor Jon Young. Jon hatte, inspiriert von Gesprächen mit Chief Jake Swamp von den Mohawk und dessen Frau Judy, eine Reihe von Schritten entwickelt, die hierfür dienlich schienen. Schon damals war die Parallele zum europäischen Brauchtum rund um die Raunächte deutlich, und damit verbunden auch die Suche nach Wegen der „Medizin-Erneuerung“, die nicht indigene Bräuche kopieren, sondern für uns als Weiße authentisch, relevant und verwurzelt in unserer eigenen Verbindung zur Natur sein würden.

Seitdem verbringe ich in jedem Winter (und in kürzerer Form auch in jedem Sommer) Zeit damit, meinen Zugang zu den schöpferischen Kräften zu erneuern und zu erfrischen. Der Prozess hat sich dabei Stück für Stück verändert, hat sich weiter gewandelt in eine Form, die für mich hier in diesem Teil der Welt und für mein Leben so wie es jetzt gerade ist passend und stimmig erscheint. Diese Zeiten der Erneuerung sind für mich mit das Wichtigste im Jahreslauf – viele Monate lang spüre ich ihren Wind unter den Flügeln und fühle mich getragen, genährt und inspiriert für das was kommt.

Die Macht des Erinnerns

Jedes Erinnern, Benennen und Teilen von Erlebnissen stärkt ihre Kraft in unserem gegenwärtigen und für unser zukünftiges Leben. Erst durch das Würdigen von dem was war, können selbst kleine Ereignisse zu wahrhaftig heiligen Momenten für uns werden, die noch viele viele Jahre und Jahrzehnte lang unser Leben erleuchten. Es scheint verrückt: Jedes Mal, wenn wir sie an die Oberfläche unseres Denkens zurückholen, verändern sie sich ein wenig. Das ist ganz natürlich und darin begründet, wie unser Erinnerungsprozess funktioniert. Denn alles was war, verbindet sich bei jedem Zurückschauen mit allem was jetzt gerade ist, und kann so immer wieder neu sinnvoll verknüpft werden. Unser Erleben hier und heute und unser Gefühl zu dem früher Erlebten beeinflussen die Bilder und Sinneseindrücke aus der Vergangenheit immer so, dass es gerade jetzt passt und Sinn ergibt. Deshalb ist es ein wichtiger Teil eines Erneuerungsprozesses, immer wieder hilfreiche Fragen zu stellen, durch die wir die Vergangenheit bewusst mit dem Jetzt und mit der Zukunft verbinden.

Die Kraft von Ritualen

Jede Jahreszeit bringt ihre eigenen Qualitäten und Grundstimmungen mit sich, das Rad der Zeit nimmt uns von ganz allein mit in ihr Feld hinein, in welchem bestimmte Denk- und Verhaltensweisen fast wie von selbst in uns entstehen. So schlafen viele Menschen rund um den Jahreswechsel länger, essen mehr, sind weniger draußen in der Welt unterwegs und treffen sich seltener mit Freund*innen oder Kolleg*innen und mehr mit ihren engsten Liebsten, und viele von uns sind in der Zeit frei von unseren alltäglichen Jobs.

Noch wesentlich mehr Kraft können wir unseren Erneuerungsprozessen verleihen, wenn wir sie mit einem Ritual beginnen und beenden. Die Kraft der Rituale ist wirklich erstaunlich, sie scheint sogar auf uns zu wirken, wenn wir nicht dran glauben, wie Francesca Gino und Michael Norton von der Harvard Business School seit einigen Jahren erforschen.

Hier findest du nun meine leckersten Zutaten für einen umfangreichen Erneuerungsprozess mit Fragen und Ritualen, mein destilliertes best practice aus den letzten zwölf Jahren, für dich als Inspiration und zum Experimentieren damit, was deine eigenen leckersten Zutaten für einen gelungenen Erneuerungsprozess sein könnten.

Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen und vielleicht selbst Ausprobieren!

Teil 1 – Die Jahreswechsel-Erneuerungszeit öffnen

Ich starte meine Erneuerungszeit gern zur Wintersonnenwende, dem Tag wo inmitten der längsten Dunkelheit das Licht „wiedergeboren“ wird.

Besonders nach einem hektischen Dezember oder einer Zeit der Anspannung kann es gut tun, die längste Nacht des Jahres, die Nacht vor der Wintersonnenwende, von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang als Wach-Nacht zu verbringen, allein oder mit engen, vertrauten Menschen, an einem Feuer, mit einer Kerze oder auch in der Dunkelheit sitzend, und dabei ganz bewusst in der langen Stille zu sitzen, zu fühlen und zu sein.

Selbst wenn ich nicht die gesamte Nacht dafür nutzen mag, kann es wunderbar sein, zumindest ein, zwei Stunden innerhalb von ihr dafür zu nutzen, allmählich zur Ruhe zu kommen und mich einzustimmen auf den Zauber dieser besonderen Zeit im Jahreslauf.

So ein Besinnungs-Ritual kann besonders gut wirken, wenn ich am Anfang einlade, in dieser Zeit ganz zu mir zu kommen, mich geborgen, geliebt und genährt zu fühlen, Tiefe zu erleben und meinen inneren Wesenskern zu berühren und die Verbindung zu all dem deutlicher zu spüren, was für mich geistige Kräfte sind (beispielsweise Gott, Mutter Erde, die Kraft die Leben schafft, Geisthelfer, Engel, Elemente, mein Tiefenselbst oder Höheres Selbst oder was auch immer für mich vorstellbar und relevant ist).

Mit kleinen oder größeren Kindern gemeinsam kann man vor dem Schlafengehen ein bisschen die “Dunkelzeit” würdigen, alle Lichter löschen und mit Psst und Shhh, so wie es die Kleinsten gerne mögen (vielleicht aneinander gekuschelt oder Hände haltend) ganz nah zusammensitzen und die Dunkelheit fühlen und ihr lauschen, die uns so weich umhüllt und vielen Pflanzen und Tieren hier in diesem Teil ermöglicht, sich im Winter ganz tief auszuruhen, damit sie im Frühling in neues Leben starten können. Es kann wunderbar sein auf diese Weise mit der Dunkelheit ein bisschen mehr Freundschaft zu schließen – und dann nach einer Weile eine Kerze anzuzünden und damit die Wiedergeburt des Lichts auf eine ganz schlichte Weise zu feiern.

Mit oder ohne Wachnacht: Am Morgen des 21. Dezembers (in manchen Jahren ist es der 22. Dezember), bringe ich gern Dankes-Gaben in den Wald für die Lebewesen da draußen: Vogelfutter (aus heimischen Sämereien), (Bio-)Gemüse und Obst, und auch etwas Fleisch (aus artgerechter, biologischer Tierhaltung) für meine fleischfressenden Nachbarn.

Besonders gern mag ich es, mit Kindern und Erwachsenen gemeinsam rauszugehen und für das Da-Sein der anderen zu danken und auch für die vielen Begegnungen mit Tieren, Pflanzen, Pilzen, Elementen die wir im fast vergangenen Jahr hatten. Oft gibt es einen Ort in der Nähe, der sich hierfür besonders eignet, beispielsweise einen besonders großen, ehrwürdigen Baum, der das Ganze bezeugen kann.

Teil 2 – Einen Altar für die Lebens-Kräfte gestalten

Zurück aus dem Wald mache ich mich gern mit meinem Sohn auf, um einen immergrünen Baum zu holen, den wir später als Altar für die Kraft der Erneuerung in unserem Zuhause aufstellen. Meistens kaufen wir ihn bei Bauern hier in der Nähe und lassen uns dabei ganz davon führen welcher der vielen kleinen und großen Bäume gern mit uns nach Hause kommen will. Manchmal ist es der für uns schönste und manchmal auch einer von dem wir vermuten, niemand anders würde ihm eine Chance geben wollen. Sobald er geschmückt ist, ist er immer zauberhaft! Ab und zu finden wir auch im Wald achtlos liegengelassene Spitzen von gefällten Bäumen oder Äste, die sich dafür eignen, aufgestellt zu werden.

Gemeinsam schmücken wir ihn mit vielen Sternen sowie anderen Symbolen für das Licht und die Kräfte der Natur, wie Äpfel, Zapfen oder Kugeln.

Wenn der Baum fertig geschmückt ist, laden wir die Lebens-Kräfte ein, für die kommenden Wochen durch ihn in unserem Haus zu leuchten für die kommenden Wochen, in denen das Licht langsam, ganz langsam zurück in die Landschaft kommen wird, und in denen wir das Bild der Hoffnung aufs Grün eines neuen Frühlings hier in unserem dunklen Zuhause so dringend brauchen können.

Teil 2 – Die leuchtenden Momenten feiern

Wenn du zurück schaust auf dein vergangenes Jahr…

  • Welche Erlebnisse waren für dich besonders schön und voller Freude?
  • Wann und wo hast du dich am stärksten verbunden gefühlt – mit dir selbst, mit der Natur, mit anderen Menschen in deinem Leben?
  • Welche faszinierenden Synchronizitäten haben sich ergeben?
  • Welche Momente oder Ereignisse waren so wundersam und besonders oder verrückt, dass sie sich magisch oder wie verzaubert anfühlten?

Diese besonders süßen Momente feiere ich gern auf gesellige Weise im allerengsten Kreis mit meinen Liebsten. Am Abend der Wintersonnenwende versammeln wir uns um ein üppiges und ausgedehntes Essen und erzählen schon währenddessen von den Ereignissen des Jahres, die unsere „Highlights“ waren, und danken für sie! Was oft schon ausgelassen und mit viel Heiterkeit beginnt, gipfelt im Auspacken der Weihnachtsgeschenke. Sie sind ein kleiner, anfassbarer Ausdruck der liebe-vollen Fülle, die wir empfangen haben und von der wir nun etwas weitergeben.

Nach der Bescherung öffnet sich mit der spät-abendlichen Ruhe ein Raum für tieferes, noch besinnlicheres Teilen, rund um die besonders kostbaren Momente, die wie Schätze golden hervorstrahlen aus diesem vergangenen Jahr.

Gerade in diesem Jahr kann das Teilen dieser und anderer Geschichten auch online stattfinden, oder sogar am Telefon. (Es sind meiner Erfahrung nach vor allem die Absicht, die Verletzlichkeit und die Herzoffenheit, die die Qualität eines Gespräches viel stärker beeinflussen, als das Medium selbst. Auch wenn du bisher wenig Erfahrung damit hast, kann ich es dir wirklich sehr empfehlen mit technischen Hilfsmitteln in den Austausch mit anderen Menschen zu gehen, vor allem wenn die Alternative ist, ganz allein damit zu sein. Hier findest du ein paar Anregungen für verbindungsförderndes Zoomen.)

Vor dem Schlafengehen oder am nächsten Morgen schreibe ich sie dann gern auf, gern auf einem großen Blatt Papier, mit bunten Farben, kreuz und quer mit Verbindungslinien zwischen aneinander, eine Art Mindmap der Schätze.

Diese Karte kann während der kommenden Tage und Wochen weiter ergänzt werden. Es ist oft erstaunlich, wie mit der Zeit mehr und mehr Erinnerungen auftauchen. Manchmal wandere ich bewusst durch meinen Kalender vom vergangenen Jahr, wo Spuren verzeichnet sind, die auf etwas hinweisen was war.

Nach dem ersten Sammeln und Festhalten der wundervollen Erlebnisse kommt für mich ein erster guter Zeitpunkt für einen 2er-Treffen oder einen (kleinen oder gerade zumindest online möglich auch größeren) Kreis mit Freund*innen, Ankern, Buddies oder anderen wichtigen Menschen in deinem Leben.

Manchmal ist es auch genau umgekehrt: Wenn es dir schwer fällt, für dich allein Sachen aufzuschreiben, kann es genauso wirkungsvoll sein, direkt mit anderen Geschichten auszutauschen und dann vielleicht hinterher dazu Notizen zu machen.

Teil 3 – Verbindungen & Zutaten

Im Teilen und Anhören dieser Geschichten rücken sich langsam aber sicher weitere Fragen in den Vordergrund:

  • Warum und wie konnte dieses Erlebnis für dich so wundervoll sein?
  • Was waren die Zutaten, die es ermöglicht haben?
  • Welche Rahmenbedingungen haben es begünstigt?
  • Was davon kannst und möchtest du selbst für das neue Jahr wieder kreieren?
  • Was würdest du vielleicht im neuen Jahr anders machen?
  • Was sind die Orte, Menschen und anderen Wesen, oder auch Projekte und Organisationen, mit denen du dich besonders verbunden gefühlt hast? Und was war das Verbindende?
  • Was sind Theorien, Sichtweisen, (spirituelle oder Denk-) Schulen, Lern- oder Wirkfelder mit denen du dich besonders verbunden gefühlt hast? Und was daran war das Verbindende?

Diese Fragen lassen sich sowohl allein für mich, als auch im Gespräch mit anderen bewegen und erforschen. Auch hier schreibe ich gern auf, was mir als wesentliche Erkenntnis erscheint, mache mir Notizen über Ideen, die mir kommen, meistens nur ganz kurz, in wenigen, einzelnen Stichworten.

Für diese und die anderen Fragen kann es wichtig und sinnvoll sein, auch weiter zurück in die Vergangenheit zu schauen und sie für den Verlauf meines gesamten bisherigen Lebens beantworten. Dafür brauche ich natürlich mehr Zeit – die Erkenntnisse jedoch und die Energie die durch das Wiederbeleben der längst vergangenen Schätze ins Hier und Heute kommt, sind ein großes Geschenk, dass ich mir selbst immer wieder machen kann.

Teil 4 – Verluste betrauern

Jedes Jahr bringt Herausforderungen mit sich – vielleicht waren es im Jahr 2020 besonders viele! Es ist ein wichtiger Teil des Erneuerungsprozesses, das Schwierige und Leidvolle nicht unerwähnt zu lassen:

  • Was hast du in diesem Jahr verloren?
  • Welchen schmerzlichen Erlebnisse und Erfahrungen hast du durchlitten?
  • Was bereust du?
  • Worin bist du gescheitert?
  • Welche Zukunftsvisionen und Wünsche haben sich zerschlagen?
  • Welche Erwartungen konnten sich nicht erfüllen, für dich und für deine Liebsten?
  • Welchen Groll hältst du in dir (gegen andere Menschen, Umstände, das Leben oder dich selbst?) Welcher tiefe und berechtigte Schmerz versteckt sich hinter diesem Groll?
  • Welche leidvollen Erfahrungen der Menschheit insgesamt und auch der Erde als großer Lebensgemeinschaft hast du in diesem Jahr mitbekommen und mit durchlitten?

Auch die Antworten auf diese Fragen halte ich in kurzen Schlüsselworten für mich selbst fest, und ich öffne mich für die Trauer über all diese Dinge, die meinen Schmerz darüber lindern und transformieren kann, in Medizin für meinen weiteren Weg und für die Gemeinschaft deren Teil ich bin.

(Selbst-)Mitgefühl schenken

Was wir vor allem brauchen, um schwierige Erlebnisse durchzustehen (sowohl unsere eigenen, als auch die von anderen Menschen) und dabei nicht verletzt, sondern verjüngt daraus hervor zu gehen, ist Mitgefühl. Gerade das Mitgefühl mit uns selbst (das gerade Menschen des westlichen Kulturkreises oft erst im Laufe ihres erwachsenen Lebens erlernen!) hilft enorm dabei, schlimme und sogar traumatische Erlebnisse so zu überstehen, dass wir an ihnen wachsen und reifen können, statt daran kaputt zu gehen.

Wenn ich in meiner Rückschau an schmerzhafte Punkte komme, hilft es mir sehr, mich selbst in den Arm zu nehmen, meine Hand zu halten oder mir selbst über den Kopf zu streicheln und dabei leise im Innen oder auch einfach laut vor mich hin mitfühlende Worte zu sprechen, wie beispielsweise: „das war wirklich schwer, schmerzhaft, schlimm…. Es ist ok, traurig oder verzweifelt zu sein, ich bin hier und für dich da.… mmh, das fühlt sich ganz ganz traurig an, und das ist völlig ok so.“

Selbst-Mitgefühl ist eine lebenswichtige Fertigkeit, die wir alle erlernen können, und die für mich einen wesentlichen Schlüssel für viele drängende Fragen unserer Zeit darstellt, allen voran dafür, wie wir lernen können, mit einander voller Mitgefühl umzugehen – nicht nur mit denen die uns als Menschen nah stehen, sondern auch mit denen, die wir als „die anderen“ ansehen und auch mit den vielen nicht-menschlichen Wesen auf der Erde.

Sinn verleihen

Oft sind es gerade die schwierigen Erfahrungen, die einen Freiraum für echte, tiefgreifende Veränderungen schaffen – welche wir zwar schon irgendwie ersehnen, doch oft auch gleichermaßen scheuen.

Die ihnen innewohnenden Schätze finden wir inmitten furchteinflößender Dunkelheit, wenn wir es wagen, genau hinzuschauen auf das, was uns so schreckt und schmerzt. Auch das Finden von Sinn und Bedeutung ist eine wesentliche Säule für das Verarbeiten schlimmer, traumatischer Erlebnisse. Dabei liegt der Sinn nicht in dem Erlebten selbst verborgen – es geht nicht darum, etwas zu finden was schon längst da ist. Leiden ist in sich nicht sinn-voll. Es sind wir als Menschen, die aktiv und bewusst etwas Sinnvolles daraus machen können – indem wir auf eine besondere Weise auf das Geschehene schauen und dem Ganzen einen Sinn verleihen.

Und dieser Sinn liegt meines Erachtens nach nie in der Vergangenheit und selten in der Gegenwart, sondern fast immer in der Zukunft.

Eine der wichtigsten Fragen, um Schmerzliches auf diese Weise zu transformieren habe ich von Paul Raphael lernen können, einem Friedensstifter der Anishinabe, der fast jedes Jahr einmal nach Deutschland kommt. Sie lautet:

  • Wie kann dir das Erlebte ermöglichen und helfen, anderen zu helfen?

Die Frage verrät in sich bereits, dass ich den Sinn in den schlimmsten Erlebnissen oft erst dann finden kann, wenn ich nicht so sehr auf mich selbst und meinen eigenen Vorteil schaue, sondern das Wohl der Gemeinschaft in den Blick nehme.

Es kann sehr wohltuend sein, gerade auch diese Aspekte des Jahres mit anderen Menschen zu teilen und zu reflektieren, mit Partner*innen, Freund*innen, Gemeinschaft. Gemeinsam sind wir stärker und auch die schwerste Last lässt sich leichter tragen, wenn sie sich auf viele Schultern verteilt.

Die leidvollen Erlebnisse können wie ein besonders starker Kitt in einer Gemeinschaft sein: Sie helfen uns, die eigene Verletzlichkeit deutlich zu spüren, zuzulassen und auch zu zeigen, wodurch die Verbindung zwischen uns wächst und das Vertrauen ineinander gestärkt wird. Es ist ein großes Geschenk, in der eigenen Trauer von anderen Menschen gehalten zu sein, so wie es auch ein großes Geschenk ist, mich anderen mit meiner Trauer zu zeigen.

Nach den Weihnachtstagen und vor Silvester kann die günstige Gelegenheit sein, mit den engsten vertrauten Menschen für ein paar Stunden an einem Feuer zu sitzen. Egal ob es draußen inmitten der Kälte wärmend prasselt und den Raum in der Mitte erleuchtet, oder als Kreis von vielen Kerzen in einer gemütlichen Stube unsere Gesichter mit rotgoldenem Schein erhellt – das heiße Flackern der brennenden Flammen erinnert uns daran, dass auch die härteste Substanz transformiert werden kann. Das Feuer ist ein wunderbares Gegenüber für unsere Trauer, Wut und andere Emotionen, und es leuchtet uns den Weg zum Einladen und Umarmen und Festhalten von dem Sinn, für den wir uns entscheiden, ihn unserem Leiden zu verleihen – zum Wohle anderer.

Mit kleinen Gaben an das Feuer kann ich dabei meine Absicht immer wieder bekräftigen, die Energie des Schmerzes in etwas Sinn-volles zu verwandeln, in Medizin für die Gemeinschaft des Lebens.

Auch online kann dies gut gemacht werden, vor allem wenn jede Person sich selbst ein kleines (Kerzen-)Feuer vor Ort mit dazu holt.

Teil 5 – Wer bist du und wofür bist du hier?

Wenn die oben aufliegenden Themen eines Jahres etwas abgeschöpft und verarbeitet sind, zeigen sich oft die darunter liegenden und damit verbundenen langen (vielleicht roten, goldenen oder ganz bunten?) Fäden unseres gesamten Lebenswegs.

Jetzt ist die Gelegenheit günstig, noch einmal ganz ganz weit zurück zu schauen und in den Raum einzuladen und zu würdigen, was schon lange her ist, doch immer noch bedeutsam und wesentlich für mich und meinen Lebensweg, meinen Seelenweg.

Mit wenigen wichtigen Menschen meines Lebens kann ich teilen (und/oder für mich selbst aufschreiben):

  • Wer bin ich?
  • Wo komme ich her, was sind meine Wurzeln, in meinem eigenen Leben und dem meiner Vorfahren?
  • Was waren wesentlichen Momente in meinem bisherigen Leben, in denen durch schlüsselhafte Entscheidungen und Begegnungen sich Weichen stellten, die den Verlauf der Dinge für immer verändert haben?
  • Welche Momente kann ich erinnern, in denen ich auf dem Gipfel meines eigenen Berges gestanden habe und einen weiten Überblick auf all das erhaschen konnte, was mein Leben, meine Persönlichkeit und Identität in der Welt, vor allem aber meine Seele ausmacht?
  • Welche Visionen/Ausblicke auf mein Leben habe ich in der Vergangenheit gescheit bekommen und wie haben sie sich bis jetzt verwirklicht?
  • Was sind die allertiefsten Sehnsüchte, die mich in diesem Leben im Innern bewegen und immer weiter und weiter ziehen?
  • Welche Früchte sind in diesem vergangenen Jahr durch mich in die Welt gekommen?
  • Welche Gaben, besonderen Eigenheiten und Qualitäten wirken durch mich in die Welt hinein? Wofür schätzen mich die Menschen, die mit mir zu tun haben?

Die letzte Frage können wir nicht für uns selbst beantworten – dafür brauchen wir den Blick und die Worte von anderen Menschen. Es ist wichtig und hilfreich den Mut aufzubringen (immer wieder) danach zu fragen:

  • Was magst du an mir?
  • Was schätzt du an mir?
  • Was tut dir gut wenn wir zusammen sind?
  • Welche Medizin glaubst du bringe ich mit in die Gemeinschaft?
  • Wie würdest du meine Gaben/ meine Essenz in Worte fassen und beschreiben?

Ich führe seit vielen Jahren ein kleines Büchlein in dem ich sammle, was mir an Wertschätzung ausgesprochen wird. Wenn ich zur Jahreswechsel-Erneuerungszeit allein bin, aber auch zwischendurch, wann immer ich es brauche, schaue ich in das Büchlein hinein wie in einen Spiegel, in dem ich besser wahrnehmen kann, was durch mich in die Welt kommt, welche Qualitäten.

Das jedem einzelnen Menschenkind innewohnende Genie oder die individuelle Gabe hat dabei selten mit einer konkreten Kunstform zu tun. Der Begriff trifft nicht nur auf die Meister-Musikerin zu, vor der die ganze Welt sich verneigt. Unser Genie ist vielmehr die Mischung aus unseren Talenten, unseren Sehnsüchten, die uns lenken, unserem einzigartigen Stil mit dem Leben umzugehen, und vielem mehr, was eine herrliche Wolke aus Worten, Geschmäckle und spürbarer Besonderheit ergibt. Es ist ganz natürlich, dass wir sie nie ganz und gar (er)fassen können – dafür ist sie viel zu komplex und geheimnisvoll. Doch uns ihr anzunähern ist wichtig dafür, uns selbst zu spüren und mit wachsendem Vertrauen und Zufriedenheit das hinschenken zu können, wofür wir in dieses Leben gekommen sind.

Teil 6 – Das Leben feiern

Mir all der Gaben bewusst zu werden, die ich in mir selbst und in anderen entdecken kann, füllt das für Glück bereitstehende Gefäß in meinem Inneren bis über den Rand mit Dankbarkeit und Freude. Das Ende des Jahres ist für mich eine stimmige Gelegenheit, das ganze Leben, das so viel Fülle schenkt, noch einmal besonders ausgelassen und energievoll zu feiern.

Silvester macht es möglich, die vielen Worte und Gedanken ruhen zu lassen und stattdessen den Körper zu bewegen, zu tanzen, zu spielen, und ganz besonders fröhlich zu sein. (Welche Form das in diesem Jahr annehmen kann, auch sogar für die von uns, die alleine zuhause sind, ist eine wichtige Frage! Hier findest du Anregungen für eine Dance-Party über Zoom, von denen schon seit Monaten weltweit jede Menge stattfinden: https://medium.com/tixel/how-to-host-a-zoom-dance-party-970bea59b76.)

Wenn ich lange und intensiv zurückgeschaut habe, deutlicher wahrnehme und tiefer verstehe was war, kann ich das Jahr beschließen, abschließen, und die letzten paar Stunden und Minuten bewusst zelebrieren.

Ich mag es sehr, wach zu bleiben bis nach unserer Zeitrechnung mitten in der Nacht das alte Jahr endet und das neue Jahr beginnt.

Je nachdem ob du in diesem Jahr zusammen mit wenigen anderen oder alleine feierst, wird dies sicher ein besonders Silvester sein. Dank des Feuerwerk-Verbots kann die Stille so viel mehr Raum bekommen – vielleicht nicht nur um uns herum, sondern auch in uns drinnen.

Ich beginne das neue Jahr gern mit viel Stille und aufmerksamem draußen Sein, allein oder zusammen mit meinen Liebsten einen Spaziergang zu machen, um vor allem die nicht-menschlichen Wesen in unserer Umgebung im Neuen Jahr zu sehen und zu grüßen.

Am liebsten besuche ich ein natürlich ganz kaltes Wasser an einem Bach, Flüsschen oder See, um das lebensspendende Element zu segnen und um für mich und meinen Liebsten von den Kräften und Wesen in der Natur einen Segen zu erbitten, einfach für Gesundheit, Freude und Lebendigkeit für das neue Jahr.

Mich am Neujahrstag allein oder zusammen mit meinen Liebsten draußen in der Natur zu waschen (zumindest die Hände oder die Stirn) oder sogar komplett zu baden hilft mir, die Lebenskraft in eine neue Runde zu schicken und mich voll und ganz bis in die Tiefe erfrischt und erneuert zu fühlen.

Teil 7 – Der Nordstern

Ein Nordstern steht für etwas, das uns Orientierung für unseren weiteren Weg bietet, auch wenn wir es nie vollständig erreichen können. Die Jahreswechsel-Zeit ist eine wunderbare Zeit, um unseren Nordstern zu überprüfen und uns immer wieder neu auszurichten, nach dem was uns am Wichtigsten ist.

Statt mir konkrete, messbare Ziele für das kommende Jahr zu setzen, setze ich meinen Kurs auf Werte, die mir wirklich am Herzen liegen. Ich finde es hilfreich, diese Werte in jedem Jahr wieder neu abzuschreiben und für mich selbst dadurch festzuhalten. Sie könnten auch in Form von Gedichten, Liedern, Bildern oder Skulpturen, selbst symbolisiert von gefundenen oder gekauften Gegenständen eine (an)fassbare Form finden, die mich durch das kommende Jahr begleiten kann, wenn ich ihnen einen Platz in meinem Zimmer schenke.

Hilfreiche Fragen um ihnen auf die Spur zu kommen könnten sein:

  • Was sind die grundlegenden Werte in deinem Leben?
  • Was ist dir am wichtigsten und liegt dir wirklich am Herzen?
  • Was sind die tieferliegenden Bedürfnisse, deren Erfüllung du dir immer wieder (neu) wünschst?
  • Mit welchen Intentionen möchtest du in das kommende Jahr gehen?
  • Welche Qualitäten möchtest du einladen, für dich selbst und für alle die mit denen du verbunden bist?

Zusätzlich zur Innenschau bitte ich am Neujahrstag gern irgendein Orakel, mir etwas über das zu verraten, was mich im neuen Jahr erwartet, zum Beispiel in dem ich Karten ziehe oder eine Medizinwanderung machen, also einen Spaziergang bei dem ich eine Frage im Herzen trage.

Besonders hilfreich finde ich dabei diese Fragen:

  • Was wird durch mich kommen?
  • Was kann mich unterstützen?
  • Was brauche ich?
  • Worauf kann ich meine Aufmerksamkeit lenken, das besonders hilfreich wäre?

Oft entdecke ich durch die Symbolik der Karten oder die Ereignisse auf meinem Spaziergang weitere Qualitäten, Werte und Intentionen, die ich ebenfalls einladen möchte fürs neue Jahr.

Einladen und Bekräftigen

Indem ich die Werte in Worte fasse, sie denke oder ausspreche, hole ich sie bereits in den Raum. Auch wenn sie immer Ideale bleiben, die nicht vollkommen verwirklicht sein werden, stellen sie sich als Qualitäten schon ein Stückchen weit ein, sobald ich sie über die schöpferische Wirkkraft der Sprache berühre.

Einen Wert denken, sprechen, beten oder als Symbol in meine Hand zu nehmen ist für mich, wie eine Tür zu öffnen zu einem Raum voller Möglichkeiten, wo eben diese Qualitäten enthalten und lebendig sind. Insofern ist jedes Werte-Wort ein Zauberwort!

Wenn ich mich wage, es zu sprechen auch wenn andere Menschen dabei sind, kann ich seine Wirkkraft verstärken.

Deshalb mache ich gern am ersten oder zweiten Januar ein Bekräftigungsritual, wo ich (allein oder zusammen mit anderen), all das an Werten, Intentionen oder Qualitäten einlade, was ich mir für das neue Jahr wünsche, und zwar so allgemein wie möglich, ohne es mit konkreten Bildern in Verbindung zu bringen (beispielsweise würde ich um „ein geborgenes Zuhause“ oder um das „Gefühl, voll und ganz zuhause zu sein“ bitten, nicht um „ein Haus mit einem Holzofen und großen Fenstern“).

Für dieses Ritual braucht es eine oder mehrere Gaben, die ich mit meinen Wünschen zusammen verschenke. Ein großes oder kleines Feuer könnte einen guten Empfänger dafür bieten (mit brennbaren Gaben wie beispielsweise Haferflocken oder selbst gesammelter getrockneter Beifuß), oder ich könnte die (biologisch abbaubaren) Gaben einem fließenden Gewässer übergeben, mit Gebeten für ihre Erfüllung. Auch große Bäume sind manchmal geeignete Empfänger für Gebete und Gaben.

Es kann zutiefst berührend sein, hierbei neben den Gebeten für mich selbst vor allem auch für das Wohlergehen meiner Liebsten und für alle anderen Wesen zu beten und die Qualitäten einzuladen, die ich für die Welt ersehne.

Je mehr ich meine Zeit, Aufmerksamkeit und Lebenskraft zur Verfügung stelle, um das Wohl des größeren Lebensnetzes zu bedenken, desto stärker kann ich mich als Teil des Ganzen und auch selbst davon getragen fühlen.

Teil 8 – Zukunftsbilder

Indem ich Intentionen setze und Qualitäten und Werte einlade, stelle ich in meinem Innern eine Weiche, ich setze meinen Kurs in genau diese Richtung. Ich öffne ein Türchen einen Spalt breit, durch das nun Leben strömen kann. Man könnte auch sagen, ich setze mir eine ganz bestimmte Brille auf, durch die ich nachfolgend die Welt betrachte und leicht verändert oder auch ganz neu wahrnehmen kann.

Die Zeit nach dem rituellen Bekräftigen der Neujahrs-Intentionen, wenn im Januar immer noch tiefe Dunkelheit herrscht, die Landschaft kahl und eisig bleibt, während ab und zu die Misteldrossel wehmütig singt und in den langen dunklen Nächten die Füchse heiser bellen, ist für mich eine besondere Zeit des Nichtwissens und damit-gut-Seins. Im Bauch der Erde ist nun alles Vergangene verdaut und bereit ein fruchtbarer Mutterleib für das Neue zu sein. Ich versuche den ganzen Monat soweit es möglich ist termin-frei zu halten, eine gute Portion Urlaub zu machen und danach auch noch zwei, drei Wochen lang nur meinem eigenen Arbeitsflow zu folgen, damit genug leerer Raum da sein kann, in dem die zarten kreative Funken der schöpferischen Kraft und Inspiration sich einfinden können.

Nach und nach zeigen sich in meinem Innern mehr Bilder darüber, was die Zukunft von mir brauchen könnte und wie sich die gesetzten Intentionen, Werte und Qualitäten in diesem neuen Jahr verwirklichen könnten. Auch konkrete Bilder für Projekte zeigen sich, sowohl für die Arbeit, als auch persönlicher Art. Diese Bilder nähre ich durch meine Aufmerksamkeit, mein Lauschen, mein Hineinspüren – wie würde es sich anfühlen, wenn…?

Erst wenn Anfang Februar das Licht sich verändert, die Knospen der Bäume anschwellen, im Innern ihrer Stämme das Wasser wieder strömt und tief in der Erde die Vorfrühlingskraft sich zu regen beginnt, ist bei uns die Zeit gekommen, unseren (Weihnachts-)-Baum aus dem Haus zu schaffen, meistens am zweiten Februar. In kleine Stücke zerteile ich die meist schon ganz trockenen Zweige und Äste und mit jedem Teilchen davon, das ich ins Feuer gebe, spreche ich die Wünsche und Widmungen für das Jahr, so konkret wie ich sie in meinen inneren Bildern sehen oder erahnen kann. Prasselnd verbrennen sie und dies ist ein guter Zeitpunkt um auch für all die Einsichten und den Zauber der gesamten Jahreswechsel-Erneuerungszeit zu danken. Jetzt sind die dazugehörigen Rituale für mich abgeschlossen und gemeinsam mit meinen Liebsten feiern wir unser Frohlocken auf alles was kommt, meistens mit einem richtig leckeren Essen hinterher.

Das Drumherum: Einen lebendigen Rahmen gestalten

Tiefes Reflektieren ist anstrengend und fordernd für uns. Es fördert Emotionen an die Oberfläche, die einen Ausdruck finden wollen, und auch die mit ihnen verbundene Energie will umgesetzt werden.

Deshalb empfehle ich dir gerade in Zeiten intensiver Innenschau auch genau das Gegenteil bewusst mit einzuplanen: Oberflächliches, Lustiges, Albernes, Leichtherziges, Verspieltes und pure Unterhaltung.

Für mich ist sind schon seit vielen Monaten Komiker (beispielsweise dieser hier) fast lebenswichtig geworden – ihr frischer Blick auf die Widernisse unserer Zeit hat für mich zutiefst tröstliche Wirkung und lässt mich entweder weniger hilflos fühlen – oder zumindest nicht so allein mit meinem Frust.

Wenn du die Möglichkeit hast, life oder per Telefon mit Kindern in Kontakt zu sein, würde ich dir wärmstens empfehlen sie zu nutzen. Gerade wenn es nicht deine eigenen Kinder sind, brauchen sie dich vielleicht besonders, weil sie sich mitten im Lockdown vermutlich mit ihren eigenen Eltern und engsten Familienangehörigen ab und zu ziemlich langweilen! Eine Liste kinderfreundlicher Witze, die du am Telefon oder life vor Ort mit ihnen teilst, könnte für euch alle einen Moment herrlicher Leichtigkeit ermöglichen.

Wichtig ist es in der Erneuerungszeit auch, ganz besonders intensiv für deine körperlichen und seelischen Bedürfnisse zu sorgen:

  • viel, viel Wasser trinken
  • lange schlafen 
  • an der frischen Luft bewegen, spazieren gehen
  • Sonne tanken wenn sie sich zeigt
  • kuscheln mit Haustieren, Menschen mit denen dies möglich ist, aber auch flauschigen Decken oder Kissen
  • Berührung schenken und empfangen, auch einfach von dir selbst für dich selbst 
  • leckeres Essen für dich zuzubereiten (oder auch die Gastronomie vor Ort durch Bestellungen zu unterstützen)
  • dir selbst Wärme spenden, um mehr Geborgenheit spürbar zu machen
  • mit großen oder kleinen Taten jemand anders etwas Liebes tun
  • vor allem wenn du dich ängstlich oder angespannt fühlst und dein Nervensystem Unterstützung dabei braucht, sich selbst zu regulieren:
  • und was immer deinem Körperwohl noch gut tut!

 

 

In den letzten Wochen machen die Meldungen und Meinungen rund um Corona und die Umgehensweise damit, es vielen Menschen extrem schwer, einander von Herzen zuzuhören. Ein tiefer Abgrund scheint in der Bevölkerung aufzuklaffen, oft sogar mitten durch Familien oder auch innerhalb von Freundschaften.

Die Angst davor, etwas Wichtiges zu verlieren scheint auf beiden Seiten einfach zu groß und zu dringlich – auch wenn das worum es geht für jeden etwas anderes, oder sogar scheinbar entgegengesetztes ist.

Wenn gleiche Meinungen aufeinander treffen, kann man sich leicht zusammen hochschaukeln – um dann noch vehementer gegen die jeweils “anderen” zu wettern.

Wenn unterschiedliche Meinungen sich zeigen, ist dies oftmals so bedrohlich, dass wir uns in Kampf, Flucht oder Starre wiederfinden – und sogar langjährige Verbindungen in Gefahr zu geraten scheinen.

In mir selbst kann ich gut beobachten, wie die Welt sich auf einmal eng anfühlt, wenn es in einer Situation keinen akzeptablen Ausweg zu geben scheint. In solchen Momenten beginne ich leicht, mich gegen andere Menschen zu richten und zu verurteilen, statt mitzufühlen.

Warum ist es so schwer, einen gemeinsamen Weg zu finden?

Mein 13jähriger Sohn zeigt mir gerade viele Filme über Superheld*Innen, die die Welt retten, von denen er total begeistert ist.

Was das trügerische Superhelden-Idealbild mir vor Augen führt ist, wie tief – auch in mir selbst – der Wunsch danach steckt, auf der Seite der Guten zu sein – und damit verbunden auch eine tapfere Bereitschaft zu kämpfen wenn es notwendig wird, mit allen Mitteln.

Doch das ist keineswegs so vernünftig, wie es zu sein scheint!

Wenn ich an meine Erfahrungen bei den Ju/’hoansi-Buschleuten denke oder an die Geschichten aus anderen friedvollen Kulturen, wie sie beispielsweise Tom Porter erzählt, sehe ich das genaue Gegenteil von einem Action-Film – vielmehr ein beständiges miteinander aufeinander lauschen und große Disziplin dabei, gemeinsame Wege zu finden, im Respekt für die Bedürfnisse der jeweils anderen.

Konditioniert darauf, Recht zu haben

Es ist wohl einer Aspekt unserer westlichen Kultur, dass die menschliche Regung des “Recht haben wollen” oder auf der “richtigen” Seite sein wollen, hier bei uns nicht relativiert wird, sondern im Gegenteil von Klein auf noch angefeuert wird – so dass viele von uns dies als Grundgewissheit regelrecht brauchen.

Wir bekommen es in der Schule schon angewöhnt, wie beschämend es ist, falsch zu liegen, wie schmerzhaft und bedrohlich.
Und wenn wir das einmal verstanden haben, beweisen wir unsere “Kompetenz” beständig (vor allem vor uns selbst) – und dies erscheint leichter, indem wir gegen die “falsche” Seite kämpfen.

Wir brauchen also die Bösen oder das Böse, könnte man sagen, damit wir selbst die Guten sein können. Ohne passende Gegner*Innen ist es schwierig, diese Gewissheit zu haben.
Und gerade in unsicheren Zeiten wie jetzt, wo die Zivilisation in ihrer bisherigen Form schier zusammenzubrechen scheint und nur sehr vage Zukunftsperspektiven zur Verfügung stehen, wollen doch die meisten Menschen zumindest auf der Seite der Guten sein!

Doch infolge dieses aufrichtigen Bestrebens werden seit Jahrtausenden fruchtlose Kriege geführt, bei denen niemand wirklich jemals gewinnen kann – zwischen Völkern, zwischen Liebenden, zwischen Geschwistern, zwischen uns allen.

Ein Infragestellen unserer eigenen politischen Ansichten wird von unserem Nervensystem tatsächlich ähnlich bedrohlich empfunden, wie ein bewaffneter Angriff.

Dabei ist Wahrheit, falls wir sie überhaupt jemals erfassen können, ein fantastisch buntes, komplexes Puzzle, zu dem alle Teile dazu gehören, die herumliegen.
Diese vielen verschiedenen Teilchen voller Respekt, Achtung und vor allem Humor zusammenzutragen ist eine Kunst, die für ein friedvolles Miteinander unersetzlich ist.
Keine Superkraft der Welt kann mehr Frieden bewirken!

Über den Tellerrand schauen

Bemerke ich, wie ich innerlich ins Verurteilen komme, kann es so richtig gut tun, mal ganz weit raus zu zoomen:

Overview-Effekt” heißt der von Weltraumfahrenden beschriebene Bewusstseins-Sprung, den viele von denen erlebt haben, die unseren kleinen blauen Planeten von ganz weit draußen betrachten konnten. Fast alle beschreiben, wie unbedeutend ihnen aus dieser Distanz alle menschengemachten Konflikte erschienen, und viele drückten eine weltumspannende Liebe zu dieser wundersamen Kugel voller Leben aus, die wir unsere Erde nennen.

Wenn wir weit genug raus-zoomen, sehen wir anscheinend klarer, was uns eigentlich alles verbindet, und unser angeborener Drang die Menschen in “zu mir gehörig” und “die anderen” einzuteilen, wird kleiner.

Auch ohne Rakete ist es möglich, mit Hilfe unserer Vorstellungskraft diese Reise anzutreten und von ganz weit entfernt auf die Erde als lebendigen Organismus zu schauen, der inmitten des lebensfeindlichen Weltraums, geschützt durch eine nur hautdünne Atmosphäre, all diese wundervollen Wesen beherbergt, einschließlich uns – der eigentlich allesamt recht seltsamen Menschen.

Für mich ist dies auch ein Inbegriff von Spiritualität – mich bewusst mit dem zu verbinden, was die Verbindung zu allem Leben für mich deutlich spürbar macht.

Diese Art von Verbindung zum ganz großen Ganzen macht es leichter, auch angesichts großer Konflikte und großer Unsicherheit, mich selbst auf eine lebensfördernde Weise zu verhalten und meine Energien zu bündeln für das, was gerade hilfreich und gebrauch ist.

Wieder zueinander finden

Mir hat es gut getan, gerade in diesen letzten Wochen mich immer wieder auf Geschichten zu besinnen, wo trotz gewaltiger Konflikte eine Verbindung wieder möglich wurde.
“Beyond Right and Wrong – Stories of Justice and Forgiveness” ist ein englisch-sprachiger Film darüber, wie es Menschen gelungen ist, die größten denkbaren Abgründe zu jemand anders zu überwinden und Verbindung zu finden: In der Dokumentation kommen Opfer schrecklicher Gräueltaten zu Wort, die es geschafft haben, mit den Tätern Frieden zu schließen. Der Film beschreibt, wie dadurch tragfähige Brücken gebaut werden, die Verbindungen erschaffen, wo dies völlig aussichtslos und unmöglich erschien – und wie weitreichend die positiven Folgen davon sein können.

Wenn du Lust auf mehr Geschichten dieser Art hast kann ich dir auch das Buch “Peacemaking Circles – From Conflict to Community” empfehlen. Die Autoren, die unterschiedlichen Ureinwohner-Kulturen in Nordamerika angehören und dort als Friedensstifter tätig sind, erzählen Geschichten von Peacemaking-Prozessen in ihrem Kontext, beispielsweise nach Verbrechen, wo Täter, Opfer und deren Familien und größere Gemeinschaft einbezogen werden, um wahrhaftigen Frieden herzustellen.

Brücken bauen ist möglich

Wenn du in deinem nahen Umfeld mit Menschen zu tun hast, die ganz andere Ansichten vertreten, als du selbst, empfehle ich dir das Buch How to have Impossible Conversations”. Darin beschreiben Peter Boghossian und James Lindsay die wichtigen Grundschritte, damit ein Gespräch über das konflikthafte Thema gelingen und die Verbindung zu den anderen bestärken kann:

1. Versuche die Position der anderen so klar, deutlich und wohlwollend wiederzugeben, dass diese am liebsten sagen würden: “Danke, ich wünschte ich hätte es selbst so ausdrücken können.”
2. Benenne alle Übereinstimmungen mit deiner eigenen Sichtweise (je themenspezifischer, desto besser).
3. Sprich alles aus, was du von deinem Gegenüber lernen konntest.
4. Erst dann ist ein fruchtbarer Boden dafür bereitet, nun gemeinsam zu erforschen, wie valide die einzelnen Standpunkte sind. 

Die eigene Ignoranz einzugestehen schafft Offenheit

Vermeintliche Fakten aufzuzählen ist hier jedoch am allerwenigsten hilfreich. So wenig wie die meisten von uns in der Lage seien wirklich zu erklären, wie unser Telefon funktioniert oder was Radiowellen eigentlich sind, wären die wenigsten Glaubenssätze und Meinungen, die wir übernehmen und benutzen, auf wirklichem objektivem Faktenwissen basiert, schreiben Boghossian und Lindsay.

Je scharfsinniger unser Verstand funktioniert und je klarer und wortgewandter wir uns ausdrücken können, desto besser können wir dies verbergen und verschleiern, oder sogar andere von unserem Standpunkt überzeugen. Doch die meisten von uns geraten irgendwann ins Straucheln, wenn wir versuchen, in der Tiefe zu erläutern und zu beweisen, warum wir so überzeugt von irgendetwas sind.

Viele unserer Überzeugungen sind für uns regelrechte Anker im Dasein. Diese Sichtweisen in Frage zu stellen, kann deshalb große Unsicherheit mit sich bringen.
Es fällt viel leichter, sich darauf einzulassen, wenn mein Gegenüber zum eigenen Unwissen und der eigenen Ignoranz steht, diese ganz ehrlich zugibt (beispielsweise durch Aussagen wie: “Ich weiß das selber nicht so genau.” “Ich kenne mich nicht wirklich aus.” “Ich bin mir nicht ganz sicher.“)
Damit können wir einander sozusagen auf neutralerem Boden begegnen – eine gute Voraussetzung für behutsameren und mehr Verbindung schaffenden Austausch.

Es gibt Fragen, die hier für uns selbst und für unser Gegenüber die Anhaftung an unsere (natürlich immer begrenzten) Sichtweisen etwas lockern können, und dadurch ein Stück weit Erleichterung und Öffnung schenken:
– “Gäbe es Umstände unter denen ich/du diese Sache anders bewerten würde?”
– “Könnte man trotzdem ein guter Mensch sein, selbst wenn man diese bestimmte Sache anders sehen würde?” 

– “Gibt es irgendeinen Menschen, der für mich/dich ein “guter Mensch” ist, und diese Sache (vermutlich) anders sieht?”

Was ich außerdem hilfreich finde ist es, gemeinsam in die Tiefe zu tauchen: “Was sind die Werte die für mich/dich im Kern hinter dieser Überzeugung stehen?” “Warum sind mir gerade diese Werte so wichtig/heilig?”

So können wir es schaffen, für uns selbst und für unsere Gesprächspartner Druck rauszunehmen und buchstäblich den Horizont des Gespräches zu erweitern – um mit mehr Weite im Herzen und Verstand eine gemeinsame Basis zu finden, auf der Verbindung möglich ist.
Selbst in Momenten wo ich mich nicht traue, diese Fragen wirklich laut zu stellen, kann ich spüren, wie sie auf mich selbst und mein eigenes Vermögen dem anderen mit Offenheit zu begegnen wirken, sogar wenn ich sie einfach nur im Stillen für mich selbst beantworte.

Denn wie Eric Barker, dessen Newsletter (auch zu diesem Thema) ich besonders schätze so wundervoll auf den Punkt bringt: “Die Meinung von jemand anders zu beeinflussen ist extrem schwer. Unsere eigene Meinung zu verändern kann noch viel schwerer sein. Aber wenn wir uns dafür öffnen, ist es oft viel viel fruchtbarer.”

Willkommen sein ist ein menschliches Grundbedürfnis

Wir sind alle nur Menschen, und wir brauchen einander mehr denn je – liebe-voll und in Verbindung.

Wir freuen uns sehr darauf, viele von euch wiederzusehen, wenn unsere Veranstaltungen wieder losgehen.

Wir werden ganz sicher einen Raum schenken, wo du willkommen bist!

Genauso wie du bist, mit was auch immer deine Meinungen, Ideen, Gefühle und Sorgen sind, bist du eingeladen, dich mit uns und mit allen, die noch dabei sein werden, wohlig und geborgen zu fühlen.

“Jenseits von Richtig und Falsch ist ein Garten – dort werden wir zusammenfinden.”

Rumi

 

Möchtest du mehr darüber lernen, wie wir einander als Menschen willkommen heißen können,
genau so wie wir sind
?

Dann könnte dir unser Online-Paket zum Thema Mentoring gefallen, du findest es hier….

Im Netzwerk von Circlewise sind inzwischen etwa tausend Menschen angedockt, die uns kennen und auf vielfältige Weisen unterstützen, ob als Teilnehmende, HelferInnen, KooperationspartnerInnen oder einfach mit Freundschaft und Interesse für unsere Arbeit.
Nun darf der Kern des Netzwerks wachsen, damit der Geist vom Circlewise-Wesen von mehr Schultern getragen und auf vielfältigere und umfassendere Weisen in die Welt geschenkt werden kann.
Im Frühling 2019 habe ich ganz subjektiv etwa 40 Menschen persönlich eingeladen, die dazu JA gesagt haben!
Am vergangenen Wochenende haben wir uns mit denen die Zeit hatten erstmalig getroffen und viele wunderbare Sachen gemeinsam erlebt und geteilt.
Bald werdet ihr noch mehr dazu erfahren, was dieser Kreis ist, wie er sich nennen wird, welche Aufgaben er tragen möchte und welche Projekte daraus erwachsen werden.
Hier seht ihr als kleinen Vorgeschmack eine Worte-Wolke aus all den Bildern und Begriffen unserer gemeinsamen Vision, die wir am Wochenende zusammentragen konnten, und die einen kleinen Eindruck davon geben, worum es uns geht.
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Warren Brush erzählt in seinem Vortrag bei der Internationalen Permaculture Convergence in Jordanien im September 2011 über seine Erfahrungen an der Schnittstelle von Peacemaking, Permakultur, naturverbundener indigener Lebensweise und den Auswirkungen all dessen für ein Ende des Bürgerkriegs in Liberia.

Warren Brush kannst du hier bei uns erleben:

 

Warren BrushWorkshop Peace & Permaculture im August 2016

 

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Geschichten als eine Hälfte des Wissens

Der Harvard-Professor Marshall Ganz schreibt, wir würden die Welt auf zwei Weisen interpretieren: Analyse und Erzählung. Während es bei der Analyse um Vernunft und Beweise gehe, würden wir unser Verständnis davon, wer wir sind, wohin wir gehen und warum durch Erzählung entwickeln.

Erzählungen drückten eher aus, wie wir bestimmten Dingen gegenüber empfinden, als was wir über sie denken. “Die ‘Wahrheit’ einer Geschichte liegt darin, wie sie uns bewegt,” schreibt er. “Diese uralte Form der Interpretation hilft uns dabei, die Frage zu beantworten WARUM wir handeln sollten – was unsere Motivation ist.”

Marshall Ganz unterrichtet ein Fach, dass sich “Public Narrative” nennt – Öffentliches Erzählen. Er beschreibt sein Grundverständnis wie folgt: “Geschichtenerzählen ist handlungsorientiertes Reden – wir übertragen damit unsere Werte direkt in eine Motivation zum Handeln. Eine Geschichte besteht aus nur drei Elementen: die Handlung, die Charaktere und die Moral. Die Auswirkungen der Geschichte hängen vom Rahmen ab: Wer die Geschichte erzählt, wer zuhört, wo diese Menschen sich aufhalten, warum sie dort sind und wann.”

Besondere Bedeutung misst er der eigenen, persönlichen Geschichte bei: Wir würden dabei enthüllen, was für ein Mensch wir sind, was die Quellen unserer Werte sind, auf eine Weise die es anderen ermöglicht, sich damit ein Stück weit zu identifizieren. Je mehr Details aus unserem Leben wir dabei erinnerten, desto mehr könnten wir unser Gegenüber bewegen.

Verbreitete Mythen über das Gedächtnis

Der Begründer der Interpersonalen Neurobiologie Dan Siegel beschreibt in seinem Buch “The Whole Brain Child” zwei weit verbreitete, falsche Annahmen darüber, wie das Erinnern funktioniere:

Mythos #1: Gedächtnis sei wie eine Art Karteikasten im Kopf. Wenn du dich an etwas erinnern willst, bräuchtest du nur den richtigen Hefter im Gehirn hervorzuziehen und die Erinnerung läge vor dir. 

In Wirklichkeit ginge es beim Erinnern vor allem ums Assoziieren, betont Siegel. Das Gehirn sei eine Art “Assoziations-Maschine”, wo etwas Gegenwärtiges wie ein Gedanke, ein Gefühl, ein Geruch oder Bild beständig mit etwas Vergangenem verknüpft würde. Die vergangenen Erlebnisse beeinflussten also andauernd, was und wie wir in der Gegenwart wahrnehmen.

Damit beschreibe der Begriff Gedächtnis an sich eigentlich die Art und Weise in der ein vergangenes Erlebnis sich auf die Gegenwart auswirke. Da jedes Mal wenn Dinge sich gleichzeitig ereignen die dafür stehenden Neuronen gleichzeitig “feuern”, kommt es zu Verbindungen, die aktiviert werden, sobald einer der beiden Reize stattfindet. Wenn ich beispielsweise mehrere Male erlebt habe, dass vor Beginn eines Workshops der Raum geräuchert wird, löst der Geruch von Salbei (oder was auch immer verwendet wurde) in mir ein (vielleicht sogar unbewusstes) “mich innerlich bereit machen” aus, weil mein Gehirn aufgrund der vorherigen Erfahrungen erwartet, dass jetzt gleich etwas losgeht.

Mythos #2: Gedächtnis sei wie eine Art Kopiergerät. Wenn man Erinnerungen abruft würde man eine genaue Reproduktion dessen sehen, was sich in der Vergangenheit ereignet hat. 

Auch hier betont Siegel, dass dies nicht der Realität entspreche. Vielmehr würde man sich zu jedem Zeitpunkt unterschiedlich erinnern. Der Vorgang des daran Erinnerns verändere ein Erlebnis, manchmal leicht, manchmal sogar ganz drastisch. Deshalb gibt eine unserer Ältesten, Julie Langhorne aus Kalifornien, oft den Rat, bei Konflikten nicht zu probieren, Geschehnisse aus der Vergangenheit zu Rate zu ziehen, denn “alle Beteiligten erinnern sich sowieso falsch”.

Oder wie Siegel es nennt: “Die Geschichte die du erzählst, ist weniger eine Abbildung der tatsächlichen Historie, als eine auf der Historie basierende Fiktion.”

Zwei Arten des Erinnerns

Wenn man Autofahren lernt, braucht es eine ganze Weile, bis alle unterschiedlichen Handlungen miteinander koordiniert sind und flüssig ablaufen: Kuppeln, Gas geben, Schalten, Lenken, Blinken, Bremsen, Schalten… erst mit der Zeit schaffen wir es, dies ohne groß nachzudenken zu tun und dann später nebenbei vielleicht sogar Unterhaltungen zu führen, zu essen, die Schönheit der Landschaft wahrzunehmen oder uns im Gewirr einer großen Stadt zu orientieren.

Dies ist laut Dan Siegel eine Form des Erinnerns: Vergangene Erfahrungen beeinflussten unser Verhalten in der Gegenwart – ohne dass wir uns überhaupt bewusst seien, dass unser Gedächtnis gerade aktiv ist. Man nennt dies “implizites Erinnern“.

In dem Moment wo wir statt des Autofahrens aber zurück denken würden an die ersten Stunden in der Fahrschule, die dazugehörigen Emotionen und Körpergefühle wieder in uns wach werden ließen, seien wir uns bewusst, dass wir gerade etwas erinnerten. Der Begriff hierfür ist “explizites Erinnern“.

Der Haken unbewusster Erinnerungen

Unser gesamtes Leben lang, würden wir so schreibt Siegel, implizite Erinnerungen speichern. In den ersten 18 Lebensmonaten sogar ausschließlich. Diese impliziten Erinnerungen seien der Grund dafür, dass in uns Erwartungen entstünden, darüber wie die Welt funktioniere. Im Kern wäre dies ein Prozess dessen Sinn und Zweck es sei, uns sicher und außerhalb von Gefahren zu halten. Wenn wir etwas sehr Unangenehmes erleben, wird ein Teil der Geschichte (zunächst) implizit gespeichert. Ein kleines Kind, dem beim ersten Tauchversuch jede Menge Wasser in die Nase läuft, wird vielleicht Monate später beim Anblick eines Sees alles daran setzen, nicht hineingehen zu müssen.

Siegel schreibt: “Wann immer ein Kind sich ungewöhnlich unvernünftig zu verhalten scheint, kann dies vielleicht daran liegen, dass eine implizite Erinnerung ein mentales Modell erschaffen hat, bei dessen Erforschung wir das Kind unterstützen sollten.” 

Er beschreibt weiter, dass durch das sanfte, und manchmal sehr langsame Hervorlocken der Ursprungserinnerung möglich würde, dass aus der impliziten eine explizite Erinnerung würde – mit der unser Gegenüber auf eine absichtsvolle Weise umgehen kann. Der Hippocampus sei ein Teilbereich des Gehirns, der genau für diese Aufgabe zuständig wäre – das Zusammenpuzzeln der impliziten Fragmente zu einem expliziten Gesamtbild, einer Geschichte, die ich erzählen kann.

Lebenskrisen und Geschichten

Unser Bindungsverhalten, das heißt die Art und Weise, wie wir in Beziehung gehen, wird in erster Linie durch implizite Erinnerungen geprägt. Am deutlichsten wird dies oft in Partnerschaft, oder wenn wir als Erwachsene selbst Kinder bekommen und dabei feststellen, dass wir ähnliche Verhaltensweisen zeigen, wie wir sie von unseren eigenen Eltern kennen. In manchen Fällen bedeutet dies leider ein Zurückfallen auf ungesunde Beziehungsmuster, die eine sichere, geborgene Bindung für die Kinder nicht ermöglichen können.
Neurobiologisch betrachtet gibt es einen Ausweg:
“Unterm Strich geht es vor allem um das, was wir die “Geschichte unseres Lebens” nennen könnten – die Geschichte die wir selbst darüber erzählen wer wir sind und wie wir zu dieser Person geworden sind. Die Geschichte unseres Lebens bestimmt, welche Gefühle wir mit unserer Vergangenheit verbinden, sie bestimmt unser Verständnis dafür, warum die Bezugspersonen in unserem Leben sich so verhalten haben wie sie es taten, und unsere Wahrnehmung davon, inwieweit unsere Erfahrungen unsere Entwicklung beeinflusst haben. Wenn wir unsere eigene Geschichte in sich folgerichtig und kohärent erzählen können, haben wir es geschafft, unserer Vergangenheit einen Sinn zu geben.”
Siegel betont, dass die Forschung klar zeige, dass auch Erwachsene die selbst eine weniger-als-optimale Kindheit durchlebt hätten, gute Eltern werden und Kinder großziehen könnten, die sich ebenso geliebt und sicher gebunden fühlen, wie die Kinder von Eltern deren eigenes Familienleben bereits liebevoll und Halt gebend gewesen sei. Nicht die Lebenserfahrung sei der letzte ausschlaggebende Punkt, sondern der Grad unserer Verarbeitung des Erlebten.
“Indem du deiner Vergangenheit einen Sinn gibst, kannst du dich von einer Last befreien, die anderenfalls ein generationenübergreifendes Erbe von Leid und unsicherer Bindung mit sich bringen könnte. Stattdessen wird es dir möglich, selbst ein Erbe der Geborgenheit und Liebe für die Kinder weiterzugeben.” 

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Erinnern üben

Mit dem Gedächtnis ist es wie mit allen Funktionen des Gehirns – indem wir es üben, gedeiht und wächst es.

Für schmerzhafte Erinnerungen gilt: Je besser wir sie explizit erinnern können – desto klarer können wir sie verarbeiten und einen Sinn in ihnen finden.

Und für schöne Erinnerungen gilt: Je besser wir sie explizit erinnern können – desto weitreichender und bestimmender können sie für unser Leben werden.

Deshalb empfiehlt Dan Siegel, so viel wie möglich gemeinsam Geschichten zu teilen, sowohl über die schönen, als auch über die schwierigen Momente des Lebens.

Wir können dies für uns selbst, für die Menschen um uns herum und auch für die Kinder in unserem Umfeld nutzen.

Die Kraft des Zuhörens

Als Zuhörer habe ich die Gelegenheit und Aufgabe, mich nicht passiv von den Geschichten berieseln zu lassen, als würde ich vor dem Fernseher sitzen. Vielmehr können die Geschichten den Raum füllen, den ich bereite – ich locke die Geschichten heraus, durch mein Zuhören, mein Vertrauen, meine Fragen, meine Aufmerksamkeit, Anteilnahme, mein den anderen so-sein-lassen und in seinen eigenen Lösungswegen ermächtigen und meine Wertschätzung.

“Meine Großmutter hat in mir den Grundstein für meine Freude am Frösche-fangen und Angeln gelegt. Oma wusste, was ihre Aufgabe war. Ihre Aufgabe war es, meine Geschichten einzufangen. Dadurch dass ich eine Oma hatte, die zuhause auf mich wartete, wollte ich jede Menge Sachen entdecken, lernen und sammeln, wenn ich draußen unterwegs war.

Jon Young

Die Rolle der Ältesten

Bei den Dagara in Burkina Faso wird einmal im Jahr ein Fest gefeiert, das die Verbindung zwischen den Ältesten und den Jüngsten, den Kindern, stärke.

Sobonfu Somé erzählt, das diese beiden Altersgruppen miteinander den meisten Austausch im Dorf pflegten – die Kinder seien bis zu einem Alter von etwa fünf Jahren noch viel stärker mit der geistigen Welt verbunden und würden wichtige “Nachrichten” überbringen können. Außerdem würden sie jeden Tag so vieles erleben – und wer hätte mehr Zeit, dies anzuhören als die Ältesten des Dorfes?
Ein wichtiger Bestandteil der Feierlichkeiten sei es, dass die Älteren den Kindern versichern, immer für sie da zu sein, wenn sie jemandem ein Erlebnis oder irgend etwas anderes erzählen wollten.
Und der Begriff Ältester in der Dagara Sprache? Er bedeute:“eine Person die so lange vom Leben im eigenen Saft gekocht wurde, bis sie richtig wohlschmeckend wurde”.
Wer könnte sich besser für das Anhören von Geschichten aller Arten eignen, als jemand auf den diese Beschreibung zutrifft?

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Wege zum Geschichten teilen…

Unserer Erfahrung nach gelingt das Geschichten teilen am besten wenn Älteste dabei sind – aber es ist auch ohne ihre physische Anwesenheit möglich.
Bewährt hat sich in Gruppen:

  • im Kreis sitzen oder zu zweit sitzen oder beim gemeinsamen Tun in den Redefluss kommen…
  • eine Kerze, Blumen, ein Feuer oder etwas anderes Kraft spendendes dabei haben…
  • still werden, den eigenen Körper und Geist erspüren und mit Rehohren darauf lauschen was zwischen den Worten zu hören ist…
  • einen Redestab oder Stein durch die Hände wandern lassen…
  • Geschichten in Karten einzeichnen, in gemalte Bilder verwandeln, zu Liedern oder Gedichten spinnen…
  • mit Fragen tiefer tauchen, Bilder, Emotionen, Gefühle wach werden lassen und würdigen…
  • einen besonderen, durch ein einfaches Ritual gewidmeten Raum für auftauchende Trauer und andere starke Emotionen zu schaffen, beispielsweise einzuladen, sie an eine Kerzenflamme, an die Erde, an ein natürliches Gewässer loszulassen…
  • die Erlebnisse mit Vergangenheit und Zukunft verbinden, mit etwas ganz anderem verknüpfen, Sinn finden und erfinden…
  • Erlebnisse nachspielen und gemeinsam mit den anderen noch einmal erleben…
  • und vieles mehr!

Geschichten von uns selbst, von uns allen und vom jetzt!

So wie Marshall Ganz schreibt, ermöglichten wir jedes Mal wenn wir eine Geschichte erzählen unserem Gegenüber, die Werte zu erleben, die uns zum Handeln bewegen würden. Diese persönlichen Geschichten seien jedoch nicht alles: Vielmehr seien sie eingebettet in und verwoben mit den Geschichten unserer Kultur, unserer Eltern, Freunde, Filme die wir gesehen haben, Büchern die wir gelesen haben und all dem woran wir glauben.
Indem wir unsere eigene, persönliche Geschichte mit der einer größeren Gruppe oder Gemeinschaft verknüpften, deren Werte wir teilten, könne daraus eine sehr viel Kraft entfesselnde Geschichte von uns Allen werden. Aus beidem könnten wir dann gemeinsam eine Geschichte unseres Jetzt machen, indem wir die Herausforderung aufzeigten, vor der wir alle stehen. Im Angesicht dieser Herausforderung könne die Aussicht auf eine unseren gemeinsamen Werten entsprechende Zukunft uns zu einem gemeinsamen, in Einigkeit vollführten Handeln im Hier und Jetzt verlocken.
Auf diese Weise kann jede von uns miteinander geteilte Geschichte dabei helfen, Kultur zu wandeln und für die Zukunft diejenigen Werte möglich zu machen, die wir gemeinsam einladen wollen.
Jede Geschichte ist damit wie ein Fenster: Wir holen Vergangenheit in die Gegenwart – und in diesem Moment wird sie sich auswirken auf die Zukunft.

Mehr dazu gibt es in unserem Circlewise Leadership Training…

 

Wenn wir uns miteinander verbinden “[…] erfahren wir eine Resonanz unserer beider Gehirne, unserer beider limbischer Systeme. Unser zentrales Nervensystem beginnt, sich zu beruhigen. Unser Gehirn ist das einzige Organ, das sich nicht in sich selbst reguliert, sondern sich im Außen, durch ein anderes Gehirn reguliert. Wir brauchen einander, um unsere Gehirne zu regulieren.“ 

Hedy Schleifer beim TEDxTelAviv

connectionSeit der Entdeckung der Spiegelneuronen wissen wir, dass wir von Gehirn zu Gehirn miteinander verbunden sind. Der Hirnforscher Dan Siegel beschreibt, wie im Gehirn eines Menschen die Neuronen für “Essen” und “Trinken” feuern, wenn er jemand anders beim Essen und Trinken beobachtet – ebenso wie wenn er selbst in dem Moment Nahrung und Flüssigkeit zu sich nehmen würde.

Verbindung

verbindungDan Siegel geht noch einen Schritt weiter und erklärt, dass die Spiegelneuronen nicht nur das Verhalten einer anderen Person in unserem Gehirn abbilden würden, sondern auch deren emotionalen Zustand. Er schreibt, man könne die Spiegelneuronen auch “Schwamm-Neuronen” nennen, weil sie nicht nur spiegeln würden, was die anderen tuen, sondern wir durch sie wie ein Schwamm in uns selbst aufnähmen, in welchem Zustand sich unser Gegenüber gerade befinde. In der Wissenschaft würde man dieses Phänomen “emotionale Ansteckung” nennen.
Der innere Zustand des anderen – ob Freude, Verspieltheit, Traurigkeit oder Angst beeinflusst somit unseren eigenen Geisteszustand. Wir nehmen den anderen Menschen mit in unsere eigene innere Welt auf.
In seinem Vortrag: Die Neurobiologie des WIR nennt Dan Siegel diesen Vorgang ein im Wortsinn gemeintes sich-miteinander-verbinden. Aus zwei unterschiedlichen Menschen entstehe im gemeinsamen Kontakt tatsächlich ein WIR, eine zwischenmenschliche Integration finde statt, in der jeder Beteiligte er selbst bleibe und doch mit der anderen Person zusammenfinde zu einem gemeinsamen und aufeinander abgestimmtem Ganzen.
So nähert die Hirnforschung sich vielleicht dem an, was Sobonfu Somé aus der Sicht ihrer Kultur den “Beziehungsgeist” nennt, ein drittes “Wesen”, das entstehe, wann immer zwei Menschen in Beziehung miteinander treten.

Der Raum dazwischen

DSC_0644-1Auch der jüdische Philosoph Martin Buber schrieb: „Beziehung lebt im Raum zwischen uns. Sie lebt nicht in mir und nicht in dir, nicht mal in unseren Dialog. Beziehung braucht den Raum zwischen uns, um sich zu entfalten… Dieser Raum ist heilig.”
Dan Siegel betont, dass es für eine gelingende Verbindung oder interpersonale Integration von zwei Gehirnen und den dazugehörigen Menschen erforderlich sei, dass jede/r BeziehungspartnerIn sich selbst gut kenne und wahrnehmen könne, über ein klares “Ich”-Gefühl in dem Moment verfüge.

Der Weg zum Anderen

Hedy Schleifer beschreibt, wie wir durch ein achtsames mit-uns-selbst-in-Verbindung kommen (wahrnehmen, was in mir selbst lebendig ist), dann ein aufmerksames über die Brücke gehen und den anderen in seiner Welt besuchen und wahrnehmen, was in ihm lebendig ist, es schaffen können, Verbindung zur Essenz des anderen Menschen aufzunehmen.
In dem Moment wo wir spüren und widerspiegeln oder mit Worten beschreiben, was wir in dem anderen wahrnehmen, berühren wir auf eine Weise die Essenz des anderen. So entsteht die nährende Verbundenheit, die dazu führt, dass sich unser gesamtes Nervensystem entspannen kann.

(Ver-)Bindung durch Mitgefühl

DSC04567-001Die Dagara in Burkina Faso wissen scheinbar um diesen Zusammenhang, denn eines der Grundprinzipien im Zusammensein mit Kindern (und Erwachsenen) das Sobonfu Somé vermittelt ist, mitzufühlen und dieses Mit-Fühlen auch deutlich dem anderen zu zeigen. Sobald ein Kind im Raum weint, lenkt sie die Aufmerksamkeit aller Anwesenden genau dort hin, erwidert selbst das Weinen und bekräftigt das Kind in seinem emotionalen Ausdruck.
Auch aus der Bindungsforschung wissen wir, dass diese Art von “gesehen werden” grundlegend wichtig ist, damit Kinder eine sichere Bindung zu ihren Bezugspersonen entwickeln können. Sobonfu Somé sagt, dass ein Kind, was beispielsweise gestolpert ist und sich gestoßen hat, wenn sein Leiden ignoriert oder abgelehnt wird, auch so einen  relativ kleinen schmerzvollen Moment nicht vollständig und gesund verarbeiten könne. Vielmehr würde ihm durch eine verständnislose Reaktion vermittelt werden, dass es selbst etwas falsch gemacht habe oder sogar, dass es selber falsch sei.

Von Geburt an

DSC_0541Bei den Dagara wird schon die erste Begegnung eines Neugeborenen mit den Menschen des Dorfes so gestaltet, dass im Kind Resonanz und das Gefühl, angenommen zu sein, entstehen kann. Dabei imitieren die kleinen Kinder der Gemeinschaft die allererste Lautäußerung des Neugeborenen und erwidern somit seinen emotionalen Ausdruck. Auf diese Weise, sagt Sobonfu Somé, könne der Geist des kleinen Kindes erfassen, dass es am richtigen Ort angekommen ist.

Fehlende Bindung nachholen

Das Bindungsverhalten unserer frühen Bezugspersonen ist entscheidend dafür, wie sehr wir selbst als Erwachsene in der Lage sind, nun mit anderen Menschen sichere Bindung zu erleben und zu schenken.
Gerade in den letzten Jahren haben PsychologInnen wie Sabine Bode und Anne-Ev Ustorf in Deutschland begonnen, offen zu dokumentieren, wie stark die Erfahrungen vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg die Generation der heutigen Eltern und Großeltern geprägt haben. Unzählige unverarbeiteter Traumata haben vielfach dazu geführt, dass die Kinder der Kriegskinder keine sichere Bindung erleben und erlernen konnten.
DSC_1220Neben psychotherapeutischen Methoden ist es auch durch Meditation und Achtsamkeitspraxis möglich, für sich selbst ein Stück weit die Erfahrung sicherer Bindung nachzuholen. Indem ich die Rolle des Beobachters einnehme, meine körperlichen und emotionalen Zustände und Reaktionen wahrnehme, kann ich ihnen mit Mitgefühl und Zuwendung begegnen. Anstatt etwas negativ Besetztes, das sich in mir regt (wie Trauer, Wut, Hass oder andere Emotionen) abzulehnen oder zu verstecken, kann ich ihnen aus meinem erwachsenen Selbst heraus mit Verständnis begegnen – mich selbst annehmen mit allem was da in mir ist.
So schaffe ich es, die unterschiedlichen Anteile meiner Persönlichkeit zu integrieren – dabei gestalte ich buchstäblich mein Gehirn und damit auch meine Art in der Welt zu sein neu.

Bindung im Kreis

DSC_1486Auch in der Gemeinschaft mit anderen Menschen, in Gruppen und Teams ist es möglich, einander (Ver-)Bindung zu schenken. Indem wir die unterschiedlichen Aspekte unseres Selbst miteinander teilen, davon erzählen, Emotionen zum Ausdruck bringen und einander mit Annahme und Zuwendung begegnen, erschaffen wir immer wieder neu eine Art des Zusammenseins, die Verbindung schafft und damit in jedem einzelnen von uns die Bindungsfähigkeit stärken kann. Und dank der Spiegelneuronen sind wir bestens dafür ausgestattet, dies zu tun, besonders wenn Menschen anwesend sind, an deren sicherer (Ver-)Bindung unser Gehirn andocken kann. Dies nennt Dan Siegel “positive mentale Modelle” – denn jedes Mal wo wir im Kontakt mit einem anderen Menschen Wärme, Verbundenheit und Geborgenheit erfahren, richtet sich unser Gehirn und damit unser gesamtes System ein Stückchen weiter in Richtung sicherer Bindung aus.
Durch das Verbinden ermöglichen wir somit füreinander, nach und nach einschränkende Verhaltens-Muster abzulegen, die wir vielleicht schon lange mit uns tragen.

Goldberg’s Anzug

Hedy Schleifer erzählt die Geschichte vom Schneider Goldberg, dessen Kunde ihn mit seinem neuen Anzug aufgebracht besucht:
Herr Goldberg, dieser Ärmel passt überhaupt nicht.“
„Ja, sagt Goldberg, für diesen Ärmel müssen Sie Ihre Hand eher so halten.“
„Na gut“, sagt der Kunde und hält die Hand wie ihm gezeigt wurde.
Aber schauen Sie mal diesen Arm hier an, und dieses Bein – die passen auch nicht.“ Goldberg gibt ihm weitere Empfehlungen dazu, wie der Arm und das Bein zu halten seien. Zufrieden mit dem Ergebnis bezahlt der Mann und geht hinaus auf die Straße.
Eine Frau sieht ihn im Vorbeigehen und platzt heraus: „Was für ein fantastischer Schneider! Schaut, er hat etwas für einen Menschen mit so einem verdrehten Körper gemacht, und es passt ihm wie angegossen.“
Dieser Mann seien wir selbst, sagt Hedy Schleifer. Wir hättenen jede Menge Zeug um unsere Essenz herum angesammelt, von dem wir glaubten, das wären wir.
In den Momenten aber wo wir wahrhaftig in Verbindung gehen, wird unser Geist genährt, die Verrenkungen fallen ab und unsere Essenz kann wieder sichtbar werden.

Ein “Ja-Zustand” als fruchtbaren Boden

Nicht immer sind wir in der Lage, selbst in Verbindung zu gehen und sie bewusst zu empfangen. Wenn wir beispielsweise wie im Versuch von Dan Siegel mit geschlossenen Augen sieben Mal hintereinander nichts als das Wörtchen “Nein” hörten, würden die meisten von uns allein dadurch, eher in einen verschlossenen Zustand übergehen, wo unsere Handlungsmöglichkeiten sich auf Varianten von Flüchten, Kämpfen oder Erstarren beschränkten.
Fürs Verbindungen knüpfen brauchen wir idealerweise den empfänglichen “Ja-“Zustand, dem die meisten Menschen sich näher fühlen würden, wenn sie mit geschlossenen Augen sieben Mal hintereinander das Wörtchen “Ja” gehört haben. Er ist davon gekennzeichnet, dass Gesicht und Stimmbänder sich entspannen, Blutdruck und Herzschlag sich beruhigen und wir uns bereit fühlen, etwas von jemand anders zu empfangen oder etwas zu schenken. Es ist eine mögliche Beschreibung für das vom Mohawk Chief Jake Swamp überlieferte Friedensstifter-Prinzip von “Frieden” (das in Büchern der Irokesen-Konföderation, eines nordamerikanischen Völkerbunds, oft als “Gesundheit” erscheint).

Konflikte in Verbindung lösen

VerbundenheitDer Moment der Verbindung trägt für beide Menschen das Potential zur Veränderung in sich – für den Bezeugenden sowie auch den Bezeugten.
Dan Siegel empfiehlt, Kindern von klein auf zu ermöglichen, Konflikte mit dem Blick auf die Gemeinschaft oder die Beziehung zu lösen. Im Friedensstiften finden wir das Prinzip der “Guten Worte” bzw. der “Rechtschaffenheit“, das uns dazu inspiriert, das Wohl des anderen ebenso zu bedenken wie das eigene Wohl und das Wohlergehen der Gemeinschaft, sowie der zukünftigen Generationen.
Durch ein gemeinsames Suchen nach Punkten echter “Einigkeit”, nach einer Lösung mit der alle Betroffenen sich gesund und glücklich fühlen können, stärken wir unsere Verbundenheit miteinander und fördern unsere Konfliktlösungsfähigkeit. Wir lernen uns außerdem selbst besser kennen, denn für den Prozess ist es notwendig, genau zu wissen, welche Bedürfnisse im Kern unserer Wünsche und Vorstellungen liegen.
Laut Dan Siegel gehören zur verbindungs-orientierten Konfliktfähigkeit auch aktive Bemühungen um eine angemessene Form der Wiedergutmachung, wenn es in einem Streit Verletzungen gegeben hat, so dass die Bedürfnisse unseres Gegenübers gestillt werden können.

Leben in Verbindung

Indem wir mit Empathie und Aufmerksamkeit für uns selbst die Brücke zur Welt des anderen überqueren, bereit gemeinsam einen Weg der Einigkeit zu finden, können wir oftmals Dinge erkennen, von denen wir keine Ahnung hatten, dass sie existieren und Lösungen finden, die wirklich schöpferisch und kreativ sind.
Unser Gehirn ist ein soziales Organ, das bereits vor der Geburt dafür gemacht ist, in Beziehung zu sein. Es formt sich dadurch, dass wir mit anderen lebenden Wesen in Kontakt sind.
Und nichts beeinflusst nachweislich unser subjektives Empfinden von Glück und Zufriedenheit so sehr, wie unser in-Verbindung-mit-anderen-sein, bei gleichzeitigem Bewusstsein für die eigene, einzigartige und vielschichtige Identität.
Laut einer 2002 durchgeführten Studie von Ed Diener, ist es vor allem das Vorhandensein von gesunden und mit viel Nächstenliebe von uns geführten Beziehungen, die darüber Aufschluss geben, wie glücklich wir selbst sind.
Oder wie Desmond Tutu es sagt: “In Wahrheit sind wir, was wir sind, weil wir verbunden sind.”

Mehr dazu:

Emiliana Simon Thomas: http://greatergood.berkeley.edu/article/item/want_to_be_happy_make_your_relationships_exceptional
Anne-Ev Ustorf: Wir Kinder der Kriegskinder: Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs (HERDER spektrum)
Dan Siegel: Achtsame Kommunikation mit Kindern: Zwölf revolutionäre Strategien aus der Hirnforschung für die gesunde Entwicklung Ihres Kindes
Dan Siegel:Mindsight – Die neue Wissenschaft der persönlichen Transformation: Vorwort von Daniel Goleman
Dan Siegel: The Neurobiology of We
Vortrag von Hedy Schleifer beim TED TelAViv:

In der Oya 38 zum Thema “Nachbarschaft” ist ein Leitartikel von Elke Loepthien: “Gemeinschaft mit den Nachbarn – Ein Schnellkurs im Verbindungsweben mit Menschen jeglicher Art im Alltag”. 
Wenn du magst kannst du dieses Heft kostenlos bekommen, indem du einfach eine Email an folgende Adresse schickst:
leserservice@oya-online.de

Betreff: Nachbarschafts-Oya/Elke Loepthien

Text zum Beispiel:  Liebes Oya-Team, ich bitte um ein unverbindliches, kostenloses Probeheft der Oya Ausgabe 38 zum Thema „Nachbarschaft“ mit dem Artikel von Elke Loepthien.

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Wer über www.oya-online.de ein Probeheft bestellt, bekommt immer die vorletzte Ausgabe zugeschickt. Deshalb klappt es nur, wenn du die Bestellung direkt per E-Mail an den Leserservice sendest.
Online findest du den Artikel hier.

Viel Spaß beim Lesen!

“Wir sind nur dann wirklich lebendig, wenn unser Herz sich  unserer Schätze bewusst ist.” 
Thornton Wilder

Wie Klettverschluss und Teflon

In unserer Wahrnehmung der Welt ist eine interessante Dynamik festzustellen, die vom Psychologen Rick Hanson beschrieben wurde:
“Das menschliche Gehirn sucht, registriert, verwahrt, erinnert und reagiert vor allem auf unerfreuliche Erfahrungen. Es verhält sich wie ein Klettstreifen für negative und wie Teflon für positive Erlebnisse.”
Aus diesem Grund haben wir eine natürliche Neigung dazu, ein in der Tiefe pessimistisches und düsteres Lebensgefühl zu entwickeln – sogar wenn wir viel mehr positive als negative Erlebnisse haben.
Dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, diese Düsterkeit auch in unsere Zukunft zu projizieren, vielleicht ein Grund für die immer wiederkehrenden Prophezeiungen für den Weltuntergang.

Der 5/1-Faktor 

Der Paarpsychologe John Gottman stellte fest, dass in gelingenden Beziehungen ein Verhältnis von 5/1 besteht zwischen Positivem und Negativem: Nur einmal Kritik auf fünfmal Wertschätzung, einmal Ärger auf fünfmal Freude, eine Klage auf fünf Komplimente. Dasselbe gilt auch für Teams und Organisationen.
Es braucht also viel mehr Gutes als Negatives, damit wir glücklich sein können und dieses Gute will auch wahrgenommen werden.
Wie kannst du dem Guten in deinem persönlichen Leben, in Familie und Gemeinschaft mehr Raum geben? Durch Danken!
Aber kann Danken wirklich Glücklichkeit hervorbringen?
Dankbarkeit ist ein Schlüssel
Das kann es! Vor einigen Jahren veröffentlichten die Wissenschaftler McCullough und Emmons ein ganzes Buch darüber.
Sie fanden heraus, dass Dankbarkeit als Schlüsselelement in vielen Kulturen der Welt angesehen wurde und bewiesen in einer Studie, dass tägliches Üben von Danksagungen die Zufriedenheit und Glücklichkeit im Leben eines Menschen erheblich steigern.

Dankbarkeit als Baustein für Kultur

Regelmäßiges Danken verändert deine gesamte Wahrnehmung zugunsten der kleinen und großen Geschenke im Leben.
Die menschliche Grundtendenz, mehr auf negative Erfahrungen zu achten, mag wichtig für unser physisches Überleben sein.
Das kulturelle Element des Dankens scheint dagegen eine wichtige Rolle für unser geistiges und spirituelles Überleben zu spielen. Ganz sicher ist es wichtig für unsere Fähigkeit, ein gutes und befriedigendes Leben für uns selbst und unsere Lieben zu schaffen. 

 

 

Weitergeben und wachsen lassen

Zuhause erzählen mein 6jähriger Sohn und ich einander abends beim Ins-Bett-Bringen, wofür wir heute dankbar sind. Kinder finden es toll, ihre Dankbarkeit für Sonnenschein, Tierbegegnungen, Feuerwehrautos oder helfende Nachbarn auszusprechen und auf diese Weise die Geschichte ihres Tages zu ernten. Es hilft ihnen auch dabei, die Wertschätzung und Liebe für Natur und Menschen in sich wachsen zu lassen.

“Die Worte die vor allen anderen kommen” 

Bei den Haudenosaunee, der Konföderation der Irokesen-Stämme in Nordamerika, wird jeder Tag und jede Versammlung mit einer Danksagung eröffnet, den “Worten die vor allen anderen kommen”. Sie dient dazu, Wertschätzung, Liebe und Dank für alle Wesen der Natur auszudrücken und dabei unseres eigenen Platzes innerhalb der natürlichen Welt bewusst zu werden.
Das gemeinsame Danken für die gesamte Schöpfung hilft, die Herzen und den Verstand der Menschen zu öffnen und zu fokussieren, um gut miteinander zu kommunizieren, zu lernen oder Entscheidungen zu treffen. Es erinnert uns auch daran, welchen Platz wir als Menschen innerhalb der Schöpfung einnehmen und wie stark verbunden wir mit allen natürlichen Wesen und allen anderen Menschen sind.
Diese “Thanksgiving Address”, wie sie auch genannt wird, ist eine regionaltypische Form des Dankens, die uns für unser eigenes Leben inspirieren kann.
Sie ist eins von einer Vielzahl ganz unterschiedlicher kultureller Elemente, die wir ab April 2013 in der Wildnis- und Natur-Kultur-Pädagogik Weiterbildung gemeinsam ausprobieren und erforschen werden.
Weiter unten kannst du einen Film sehen, in dem die Mohawk Geschichtenerzählerin Kay Olan die traditionelle Danksagung spricht. Die Bilder dazu wurden von der Tuscarora Künstlerin Melanie Printup Hope gefertigt und mit Fotografien ergänzt.
Ich wünsche dir ein neues Jahr voller kleiner und großer Dankbarkeiten!
Elke