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… unsere Gedanken zur politischen Lage rund ums
Thema Impfen und die Anti-Corona-Maßnahmen-Proteste,
von Elke Loepthien-Gerwert & Aaron Gerwert

Lernen aus der Vergangenheit

Als ich in der Grundschule das erste mal über die NS-Zeit hörte, war meine Oma Gertrud fast 80 Jahre alt. Für mich war sie eine tolle Großmutter, die oft stundenlang mit mir spielte. Die „alte Trude“ war eine zierliche, zähe Selbstversorgerin auf dem Land und wurde von den andern Kindern im Dorf oft “die Hexe“ genannt.

Denn sie sprach und benahm sich „verrückt“ – auf eine auch von Psycholog*innen diagnostizierte Weise. Mit ihren schrägen, manchmal lustigen und oft erschreckenden Aktionen ließen sich viele Bücher füllen (zum Beispiel wie sie einmal ihren Spaten schnappte und über Nacht eine gesamte Apfelernte vergrub, damit niemand anders die Früchte klauen könnte).

Was mich aber besonders verstörte: Oma Gertrud war eine glühende Verehrerin von Hitler.

Trotz ihrer kauzigen Art liebte ich meine Großmutter inniglich, und ihre unverschämt rosarote Sicht auf eine der wohl schrecklichsten Phasen der Menschheitsgeschichte beunruhigte mich schon damals zutiefst.

Dabei leuchteten ihre Augen so unschuldig und froh, als sie über die „beste und schönste Zeit“ ihres Lebens sprach – während derer ihre Landsleute schätzungsweise 17 Millionen Menschen grausam ermordeten.

Die Erfahrung mit der Blauäugigkeit meiner Oma angesichts der unfassbaren NS-Gräueltaten entzündete für mich zwei glühende, drängende Fragen, die auch heute noch in mir wirken und in den letzten Monaten immer schmerzlicher und dringlicher in mir brennen:

Was um alles in der Welt kann dazu führen, dass Menschen zu Rädchen im Getriebe einer absolut lebensverachtenden Diktatur werden und es noch nicht mal merken?

Und vor allem: Wie können wir solch eine Dynamik frühzeitig genug erkennen (in anderen und in uns selbst) und das Ganze verhindern?

Die Bedeutung von Fakten

Hannah Arendt, die jüdisch-stämmig und überzeugte Sozialdemokratin war, 1933 vor den Nazis aus Deutschland floh und bis zu ihrem Lebensende in New York lebte und publizierte, beschäftigte sich sehr intensiv mit diesen Fragen.

Eines ihrer bekanntesten Zitate aus ihrer Erforschung des Nationalsozialismus war: „Die idealen Personen für ein totalitäres System sind nicht der überzeugte Nazi oder die überzeugte Kommunistin. Sondern es sind alle die Menschen, denen es überhaupt nicht mehr möglich zu sein scheint, zwischen Fakten und Fiktion (also dem, was real erlebbar ist) sowie zwischen wahr und falsch (als Standard für unser Denken) unterscheiden zu können.

Dabei scheint hier und heute genau das einzutreten. Denn immer wieder höre ich in letzter Zeit in Gesprächen die eine oder andere Variation der Aussage: „Man kann ja gar nicht mehr wissen, was man glauben soll. Jede*r hat seine eigene Sicht auf die Wirklichkeit und die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen oder ganz woanders.“

In unseren Kursen und Artikeln sprechen und schreiben auch wir oft darüber, wie wichtig es ist, die Bedürfnisse und Weltsicht von anderen anzuerkennen, um friedvoll miteinander existieren zu können. Dabei geht es jedoch um persönliche Bedürfnisse und Meinungen.

Dies geht aber immer nur dann, wenn wir genug gemeinsame Basis haben, auf deren Grundlage wir ein Gespräch führen können.

Wir brauchen eine gemeinsame Basis

Genau diese gemeinsame Basis ist gesellschaftlich betrachtet gerade extrem gefährdet.

Denn ausgelöst durch die Pandemie sind wir auf einmal deutlich konfrontiert mit nicht nur all dem, was an altbekannten Themen langsam über Jahrzehnte oder Jahrhunderte entstanden ist, sondern da sind plötzlich hochkomplexe Vorgänge, die für einzelne Personen von vornherein unüberschaubar sind und für die Menschheit insgesamt ganz neu.

Deshalb konnte Corona so rasant verstärken und vervielfachen, was als unterschwellige Entwicklung schon länger zu beobachten ist: die Zerstörung einer gemeinsamen Basis von Fakten, die durch wissenschaftliche Methodik möglichst objektiv gewonnen wird und glaubhaft für alle Menschen eine gemeinsame Grundlage für Gespräche, Verhandlungen und ein friedvolles Miteinander bildet.

Echte Fakten sind essentiell für eine demokratische Gesellschaft

Der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder, der sich ebenfalls intensiv damit beschäftigt, wie totalitäre Regime entstehen können, beschreibt es in einem Interview (ab 03:00 min) folgendermaßen:

„Die Deutschen, die Sowjets und andere Nationen, die einen Zusammenbruch der Demokratie erlebten, waren nicht weniger schlau, als wir es heute sind, vielleicht sogar schlauer. Deshalb ist es vielleicht an der Zeit, dass wir von ihnen lernen, was wir tun können, um unsere Demokratie zu schützen. (…) Fakten aufzugeben bedeutet, die Wahrheit aufzugeben. Wenn nichts wahr ist, dann kann niemand Machtausübung kritisieren, weil keine Basis mehr da ist, auf der wir dies tun könnten.

Wenn nichts wahr ist, dann ist alles nur ein Schauspiel. (…) Was ist die Verbindung davon zu ,Post-Truth‘ (= im Deutschen zur„post-faktischen“ Demokratie)?

Das hat damit zu tun, was Faschismus tut: Faschismus suggeriert dir, dass gar nichts wahr ist: Dein tägliches Leben ist nicht wichtig. Tatsachen, die du dachtest zu verstehen, sind nicht mehr wichtig. Das einzige was zählt, ist der Mythos – der Mythos einer vereinten Nation (…).  Wir glauben vielleicht, eine Gesellschaft voller offenkundiger, geduldeter Lügen ist etwas Neues, oder es würde keinen Unterschied machen. Aber was Post-Truth in Wirklichkeit macht, ist, den Weg zu bahnen für einen Systemwechsel.

Denn wenn wir keinen Zugang mehr zu Fakten haben, können wir einander nicht vertrauen. Ohne Vertrauen gibt es keine Gesetze. Ohne Gesetze gibt es keine Demokratie. Wenn du also einer Demokratie ihr Herz herausreißen willst, wenn du sie direkt vernichten willst – dann vernichtest du als erstes die Fakten.“

Die Frage ist also: Gibt es gerade überhaupt echte Fakten und wenn ja, wie können wir sie finden?

Die Macht von Falschmeldungen und Lügen durchschauen lernen

Unser Gehirn ist wie Teflon für Positives und wie Klettverschluss für Negatives“, sagt der Psychologe Rick Hanson. Damit ist auch klar, warum jede Lüge oder Falschmeldung, die wir hören, eine grundsätzliche Wachsamkeit oder Voreingenommenheit erzeugen kann, so nach dem Motto: „Ein Körnchen Wahrheit wird schon dran sein.

Dem ist aber oft überhaupt gar nicht so. Viele öffentlich verbreitete Lügen sind einfach nur komplett falsch. Aber weil Falschmeldungen so intensive (emotionale) Reaktionen auslösen können, verbreiten sie sich auf Twitter etwa sechsmal schneller als echte Nachrichten.

Es scheint außerdem oft regelrecht unmöglich, einmal gehörte Falschnachrichten später vollständig durch andere Tatsachen zu ersetzen – sie scheinen regelrecht in unseren Köpfen festzustecken.

Facebook und Instagram haben 2018 ihren Algorithmus umprogrammiert, von „zeig den Leuten das, was sie am längsten online hält“ zu „zeig ihnen das, was sie zu den stärksten Reaktionen provoziert“.

Die Folge davon ist (wie die Whistleblowerin Frances Haugen im ausführlichen Interview erklärt), dass Menschen in diesen Netzwerken bombardiert werden vor allem mit Nachrichten, die intensive Emotionen auslösen, allen voran Wut. Und was sind das für Nachrichten?

Nicht der Wut verfallen

Natürlich nicht die, die angesichts einer komplexen weltweiten Krise überlegt und sachlich nach Lösungen suchen. Sondern solche, die unsere Entrüstung wecken – beispielsweise also Falschmeldungen, die Wut schüren und meist eine Wut, die wir gegen andere Menschen richten können.

Dazu kommt dann noch, dass wir dazu tendieren, etwas für umso wahrer zu halten, je öfter wir es hören – SOGAR, wenn wir am Anfang eigentlich dachten, dass es nicht stimmt.

Besonders besorgniserregend ist daran: Sogar wenn wir selber weder Facebook noch Instagram, noch andere soziale Medien benutzen, spüren wir doch deren Auswirkungen, durch Ansichten und Verhalten der uns umgebenden Menschen (und Organisationen), die sich in diesen Räumen aufhalten. Laut den veröffentlichten internen Studien ist dies auch bei Facebook allen bekannt und wird in Kauf genommen.

Denn Menschen, die sich in Social Media tummeln (drei Milliarden Menschen allein bei Facebook), werden seit nun fast drei Jahren systematisch darauf konditioniert, mehr Reaktionen zu bekommen, indem sie selbst auch Posts und Kommentare abgeben oder zumindest weitergeben, die Wut provozieren, ein Phänomen, das die Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen auch anspricht.

Verschwörungserzählungen – die folgenschwerste Sorte von Falschmeldungen

Schauen wir zurück zum Dritten Reich und der Frage, wie die Menschen der NS-Zeit den Hass und die Gewalt vor sich selbst rechtfertigen konnten?

Wir als Circlewise Institut beschäftigen uns ja sonst sehr viel mit den Forschungen darüber, wie viel Gutes in uns Menschen von Geburt an steckt, und sammeln beglückt seit vielen Jahren die wachsende Zahl von Belegen und Erklärungen dafür, dass wir eigentlich eine zutiefst kooperative und altruistische Spezies sind.

Dass trotzdem das Gegenteil passiert, hat viel mit dem Phänomen von „Entmenschlichung“ zu tun. Dabei wird Personen vereinfacht gesagt ihr „Wie-wir-Sein“ aberkannt.

Und kaum etwas eignet sich besser für das Entmenschlichen von anderen als Verschwörungserzählungen.

Was sind Verschwörungserzählungen?

Zusammengefasst aus der Sammlung der Amadeu Antonio Stiftung und utopia.de geht es um:

  • eine Gruppe von als mächtig wahrgenommenen Personen (den Bösen),
  • die heimlich Geschehnisse steuern und manipulieren würden.
  • Die „Wirklichkeit“ sei also ganz anders als die gängige/öffentliche Meinung zu dem Thema/Ereignis.
  • Damit würden diese Superschurken allen anderen Menschen (den Guten) schaden,
  • und zwar oft mit einem immensen Aufwand an Energie, Technik, Raffinesse u.v.m.
  • Für die Verschwörung werden jede Menge Indizien/Beweise herangezogen (die oft unterhaltsam und auch überraschend, weil scheinbar zufällig sein können).
  • Eingeweihte können diese vermeintlichen Indizien lesen und interpretieren lernen,
  • zum Beispiel durch die Frage danach, wem das Unglück eigentlich am meisten nützt.
  • Verschwörungstheorien lassen sich nicht durch Argumente aus dem Weg räumen – egal was man sagt, es kann keinen Gegenbeweis geben.

Warum glauben wir sie so leicht?

In ihrer Buchreihe „Fake Facts“ und „True Facts“ erörtern Pia Lamberty und Katharina Nocun ganz ausführlich die Auswirkungen von Verschwörungserzählungen auf Menschen und betonen, wie anfällig wir alle für solche Geschichten sein können.

Je unsicherer eine Situation ist, desto leichter würden Menschen einen gewissen Trost in Verschwörungsnarrativen suchen. Diese bieten uns in einer echt komplizierten Situation etwas ganz Einfaches. Deshalb tauchen sie auch oft direkt im Anschluss an große, verstörende Ereignisse auf – wie beispielsweise nach dem Massaker an der Sandy-Hook-Grundschule in den USA. Hier wird den Eltern und Angehörigen der Kinder noch heute unterstellt, dass sie bezahlte Schauspieler seien, die das Massaker nur inszeniert haben, um Argumente dafür zu konstruieren, dass das Waffengesetz der USA geändert wird.

Die ersten Verschwörungstheorien rund um die Pandemie und damals schon zum Thema Impfen begannen auch direkt nach dem Auftauchen des Corona-Virus zu kursieren.

Auch wenn Verschwörungserzählungen inhaltlich oft verzwickt, verschachtelt und kompliziert sind, bieten sie gleichzeitig doch genau die Form von Einfachheit, nach der wir uns in Momenten der Verunsicherung sehnen: Sie definieren für uns, wer gut und wer böse ist, und natürlich sind wir die Guten.

Damit ist eines unserer Hauptbedürfnisse gestillt und versorgt.

Der Hunger nach Erkenntnis und Bestätigung lockt uns weiter

Zusätzlich können sie dafür sorgen, dass unser Körper Dopamin freisetzt, wenn wir uns tiefer und tiefer in die verschlungenen Wege der Verschwörungsgeschichte und der darunterliegenden größeren und älteren Verschwörungsmythologie hineinarbeiten (denn alle Verschwörungsgeschichten können nebeneinander existieren, sogar obwohl sich manche logisch eigentlich ausschließen sollten).

Jedes Puzzle-Teil, das wir finden, setzt Glücksgefühle frei und stärkt nach und nach in uns die Gewissheit, dass wir nicht nur zu den Guten gehören, sondern bald auch zu den Eingeweihten, zu denen, die die Sache erkennen, verstehen und durchblicken, wie sie wirklich ist – im Gegensatz zum Rest der Bevölkerung.

Das vermeintlich Böse im andern zu sehen begründet Radikalisierung

Ein wichtiger Aspekt für die gesellschaftlich schädigende Wirkweise von Verschwörungserzählungen ist die Mächtigkeit oder eigentlich Übermächtigkeit, die den Verschwörer*innen zugesprochen wird:

In dem Moment, wo wir uns selbst als schwach und wie ausgeliefert gegenüber einem absolut übermächtigen Gegner empfinden, kann in uns ein echter Überlebensmodus erwachen.

Das bedeutet, was auch immer notwendig ist, um uns selbst und unsere Liebsten zu beschützen, erscheint dann gerechtfertigt.

Die Nazi-Gräuel begründeten sich auf jahrzehntelangem Anfeuern von teilweise jahrhundertealten Verschwörungsmythen gegen Menschen jüdischer Abstammung.

Wenn alle Mittel wie Notwehr erscheinen

Seit fast zwei Jahren radikalisieren sich in vielen Ländern weltweit immer mehr Menschen im „Widerstandskampf“ gegen eine vermeintliche übermächtige „Elite“ und deren „Handlanger“.

Ein Grund, warum die Verschwörungs-Narrative rund um Corona und das Impfen sich so rasant verbreiten konnten, ist aus meiner Sicht die Beteiligung der rechten Szene von Anfang an.

Medien und Menschen, die den Holocaust leugneten oder verharmlosten, wurden zur Plattform und nutzten die Anfangszeit, als große Unsicherheit selbst unter den Expert*innen bestand, um Halbwahrheiten oder Lügen eine Bühne zu geben und damit selbst ein größeres Publikum zu erreichen.

Auch die entstehende Querdenker-Bewegung hatte von Anfang an Verbindungen in die rechte Szene. Immer wieder gab es Redner*innen von rechts außen, eine sich immer noch verstärkende Nähe zur AfD.

Wenn man sich nicht klar gegen rechts abgegrenzt

Anders als viele Protestbewegungen der letzten Jahre (Ende Gelände, Hambi bleibt, Friday’s for Future u.v.m.) grenzt sich die Querdenker-Bewegung nicht von rechtsextremem Gedankengut und Akteur*innen ab. In ihrem Manifest heißt es vielmehr: Wir sind überparteilich und schließen keine Meinung aus.“

Wir vermuten, dass dies unter anderem daran gelegen haben könnte, dass in den Querdenker-Kreisen Menschen zusammenkamen, die sich schon viele Jahre lang kaum oder gar nicht für Politik interessierten – einfach weil es nicht notwendig war.

Politikwissenschaftler*innen haben immer wieder gezeigt, dass man rechte Propaganda oft schwerer erkennen kann, wenn man nicht weiß, worauf man achten muss. Der Grund dafür ist, dass rechtsextreme Parteien und Organisationen eben populistisch agieren, also öffentliche Ängste, Stimmungen und Meinungen aufgreifen und instrumentalisieren, so wie es ihnen gerade passt, einfach um so viele Menschen wie möglich auf ihre Seite zu ziehen.

Wenn Wut blind macht

Die gut erforschte Grund-Strategie rechtspopulistischer Gruppierungen ist es, Reiz-Themen, die viel Wut-Potential in sich tragen, aufzugreifen, hierzu die öffentliche Stimmung weiter und weiter anzuheizen und sich dann als einzige Rettung zu präsentieren – eben so wie die AfD dies seit letztem Jahr praktiziert, leider erfolgreich: In einer Studie zu Querdenker*innen in Baden-Württemberg zeigte sich, dass 2021 doppelt so viele von ihnen die in Teilen vom Bundesverfassungsgericht als rechtsextrem eingestufte AfD wählen wollten.

Von den aktuellen „Spaziergängen“ sind viele von Rechten mitorganisiert, und diese sind präsent dabei. Der Rückenwind der vielen Teilnehmenden wird von einzelnen genutzt, um öffentlich Journalist*innen zu bedrohen und anzugreifen.

Gewalttätige Parolen, Symbole und Forderungen werden durch die intensive Beteiligung von Rechtspopulisten zu einer neuen Normalität gemacht, die von den Anwesenden in diesem emotional aufgeladenen Raum oft anscheinend widerspruchslos akzeptiert wird.

Wenn Gewalt normalisiert wird

Rechtsextreme Gruppierungen schrecken nicht vor Gewalt zurück und immer mehr Menschen aus der bürgerlichen Mitte, die eigentlich Frieden und Gemeinschaft wollen, radikalisieren sich mit ihnen.

Es bricht mir das Herz mitzubekommen, wie Journalist*innen, Politiker*innen, Ärzt*innen und einfach Bürger*innen auf den Demos und in der Zeit dazwischen bedroht oder angegriffen werden.

Viele von ihnen berichten über Wellen von Drohungen, ihre Privatadressen und Fotos werden in den sozialen Netzwerken veröffentlicht, mit der Aufforderung, ihnen das Leben schwerzumachen, gerade Journalistinnen bekommen Vergewaltigungsdrohungen geschrieben oder zugerufen.

Politiker*innen wird gedroht, sie zu hängen oder zu erschießen – und mitlesende, mitlaufende Menschen nehmen das einfach hin. Wenn diese Art von verbalen Wutausbrüchen und Drohungen so massenhaft akzeptiert wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Taten folgen.

Und auch das wurde in den letzten Monaten schon sichtbar, wie viel tätliche Gewalt bei den Anti-Masken-/Anti-Impf-Demos geduldet wurde.

Wenn Gewalt weiter mobilisieren soll

Mich hat es bis in die Knochen erschüttert, als eine Gruppe von Menschen sich mit brennenden Fackeln vor dem Haus der sächsischen Gesundheitsministerin versammelt hat. Solche schrecklichen, verstörenden Bilder kenne ich nur aus der Geschichte, von der SA, der „Sturmabteilung“ der NSDAP, die im Dritten Reich durch solche Aufmärsche (Fackelaufmärsche und auch Vorbeimärsche) Macht demonstrierte. Der Historiker Daniel Siemens sagt in einem Interview: „Die SA war eine Art Werbetruppe für die NS-Bewegung, die ja im Parlament lange Zeit gar nicht vertreten war. Man nutzte die Gewalt der Straße, um auf sich aufmerksam zu machen. Zugleich war die SA wichtig, um durch gemeinsame Erlebnisse wie Aufmärsche, paramilitärische Lager und auch gewaltsame Überfälle Gemeinschaft zwischen den Nationalsozialisten zu stiften.“

Seit dem ersten Aufmarsch dieser Art ist unzählige Male zu weiteren „Hausbesuchen“ aufgerufen worden, und einige andere wurden auch gestartet (und glücklicherweise vorher gestoppt).

Mordpläne, Anschläge auf Impfzentren, Grabkerzen vor Arztpraxen, Drohbriefe gegen Medien und andere und tägliche Tötungsaufrufe – das alles zu dulden, sich nicht explizit und vehement dagegen auszusprechen, erwächst in meinem Verständnis einer zutiefst menschenverachtenden und skrupellosen Demonstrationskultur.

Wenn sogar Töten legitim erscheint

Selbst der Mord an einem Studenten wurde von vielen Querdenker*innen nicht verurteilt, sondern unfassbarerweise vielmehr gefeiert. Er hatte als Tankwart einen Kunden auf die Maskenpflicht hingewiesen, woraufhin dieser eine Pistole holte und dem 20-Jährigen in den Kopf schoss, um, wie er der Polizei später sagte, „ein Zeichen zu setzen“.

Wenn du das alles liest und denkst, dass das weit, weit weg von uns ist, lass mich dir erzählen, dass auch Menschen aus unserem größeren Netzwerk im Dunstkreis von Querdenken unterwegs sind und sogar auf uns zugekommen sind, uns einladen haben, doch auch Teil dieser angeblichen Protestbewegung für „Frieden und Freiheit“ zu werden.

Da war bei einigen Menschen, die selber schon Verbindungskultur-Veranstaltungen erlebt haben, vielmehr eher Verwunderung oder sogar Erschrecken darüber, dass wir nicht von vornherein Teil des Ganzen sein wollen und sind.

Woran liegt es, dass Menschen aus unserem Umfeld sich zu Querdenken zugehörig fühlen können?

Wir sind nicht automatisch „die Guten“

Immer wieder erleben wir, wie verbreitet es in naturverbundenen, spirituellen Kreisen ist, sich selbst und die Peergroup als „irgendwie einfühlsamer, bewusster, gesünder, vernünftiger, aufgeklärter, wissender“ und vieles mehr zu empfinden und zu präsentieren.

Seit vielen Jahren setzen wir uns dafür ein, dieses im Kern regelrecht selbstherrliche Bild durch mehr Demut zu ersetzen – weil es einfach nicht trügerischer sein könnte und, wie wir jetzt gerade erleben müssen, unendlich viel Leid in die Welt zu bringen vermag!

Denn leider haben Geschichte und Sozialforschung gezeigt, dass die Prioritäten in naturverbundenen, esoterisch-spirituellen Kreisen schon öfter eben überhaupt gar nicht besonders menschenfreundlich gesetzt wurden und werden.

Mich beschäftigt dabei seit langem die Lebensreform-Bewegung der vorletzten Jahrhundertwende, ein buntes Sammelsurium aus Menschen, die für naturnahes Leben, Einfachheit, spirituelle Erfahrungen, Tierrechte und biologische Landwirtschaft, alternative Heilkunde und körperliche Freizügigkeit und Wohlergehen sowie Gemeinschaft eintraten – also eigentlich für das Gute im Menschen, oder?

Eine verbreitete Version der Geschichte ist, dass die Nazis diese wundervolle Bewegung auslöschten.

Nicht nur für was wir einstehen zählt, sondern auch was tabu ist und bleibt

Tatsächlich aber sind viele der Menschen aus der Lebensreformbewegung im Nationalsozialismus regelrecht aufgegangen, wurden zu Akteur*innen innerhalb der NSDAP und bereiteten den geistigen Boden für die nationalsozialistische Ideologie.

Einer der prominenteren Vertreter der Lebensreform gründete beispielsweise schon 1919 den Hakenkreuz-Verlag als ein „Geistesbollwerk für kultur-völkische Ziele“.

Ebenso erschreckend sind die rassistischen und antisemitischen Wurzeln der Anthroposophie, auch wenn Rudolf Steiners eigene antisemitischen Äußerungen laut Waldorf-Verbänden von anderen Äußerungen relativiert werden, in denen er sich deutlich gegen den Antisemitismus aussprach.

Viele Historiker*innen sehen einen klaren Zusammenhang zwischen der Natur-Romantik in deutschsprachigen Ländern und latenten Vorurteilen gegenüber allen möglichen Formen der Moderne, unter anderem eben auch gegenüber der oft explizit als „jüdisch“ angesehenen Schulmedizin“ (ein Begriff, der vom Homöopathie-Begründer Hahnemann geprägt wurde).

Für uns ist ganz klar die Hauptfrage hierbei: Wenn Naturheilkunde-Fanatismus historisch solide dokumentiert schon einmal den Steigbügel für ein totalitäres Regime gehalten hat – wie können wir verhindern, dass das wieder passiert?

Vor allem scheint es sehr deutlich, dass wir unsere Werte nicht nur auf eine positive Weise nutzen sollten, – als das, wofür wir uns einsetzen -, sondern auch als ein Standard-Maß, mit dem wir überprüfen können, wofür wir uns auf keinen Fall einsetzen wollen, selbst wenn es uns Vorteile bieten würde.

Die Rolle des Themas Impfen

Besonderen Aufwind bekam die alternative Heilkunde in der NS-Zeit, unter anderem aufgrund eines polarisierenden Umgangs mit dem Thema Impfen (denn damals gab es bereits mehrere Jahrzehnte lang eine Impfpflicht und 1930 auch das größte Impfunglück des 20. Jh., als in Lübeck 77 Säuglinge aufgrund von verunreinigten Tuberkulose-Präparaten sterben ).

Reichsärzteführer Gerhard Wagner betonte 1933 die ‘Überlegenheit’ der Alternativmedizin gegenüber der ‘verjudeten Schulmedizin’. Um dieser die Homöopathie entgegenzusetzen, gründeten die Nazis 1935 die ‘Reichsarbeitsgemeinschaft Neue Deutsche Heilkunde’. Deren Mitglieder waren unter anderem der ‘Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte’, der ‘Reichsverband der Naturärzte’ und die ‘Vereinigung anthroposophischer Ärzte’. 1933 zeigt das NS-Propagandablatt ‘Der Stürmer’ die Karikatur einer Mutter mit Baby im Arm. Daneben steht ein ‘naturferner und verirrter Mediziner’ mit einer Spritze in der Hand. Mit der Hakennase des Arztes erfüllt die Karikatur klar antisemitische Klischees. Skeptisch blickt die Mutter auf den Mediziner: ‘Es ist mir sonderbar zumut, denn Gift und Jud’ tut selten gut.’

Im Zusammenhang mit Impfungen habe der Antisemitismus eine lange Geschichte, sagt der Medizinhistoriker Malte Thießen, der am Institut für Regionalgeschichte Münster und an der Universität Oldenburg forscht. Das Impfen werde teils als ‘Verschwörung einer Elite’ begriffen, ‘die in den Körper eingreift’.

Wenige Menschen hätten voraussehen können, dass heute ausgerechnet das Thema Impfen wieder (und vermutlich sogar in stärkerem Maße) so eine prominente und potente Rolle im gesellschaftlichen Diskurs bekommen würde. Es ist jetzt dreißig bzw. vierzig Jahre her, seit die Pocken-Impfpflicht in Deutschland aufgehoben wurde.

Ein altes Thema, das sich gut zum Polarisieren eignet

Wer hätte geglaubt, dass sich das Thema Impfen tatsächlich anbieten würde, von Rechten genutzt zu werden, um derart zu polarisieren und Menschen zu mobilisieren, die vorher in der gesellschaftlichen Mitte oder sogar mit eher linken Einstellungen unterwegs waren?

Aber das ist genau das, was im Moment geschieht – somit ist dieses Thema, das persönliche Aspekte hat, aus unserer Sicht gerade einfach kein neutrales oder rein persönliches Thema mehr.

Ein rein persönliches Thema war das Impfen zu Beginn der NS-Zeit eben auch nicht. Schon seit dem Aufkommen der allerersten Impfungen (gegen die Pocken) gab es eine Scheu vor dem Impfen.

Von den Nazis wurde diese ganz gezielt weiter angestachelt und für Propaganda genutzt. In einem mdr-Beitrag hierzu wird zitiert: Durch ,Einimpfen von Krankheiten‘ solle die Menschheit der ,jüdischen Geldherrschaft unterworfen‘ werden. Und Julius Streicher, der Gründer und Herausgeber des Hetzblatts ,Der Stürmer‘, fabulierte, dass ,Impfungen von den Juden als Rassenschande in die Welt gebracht worden seien‘, so der Medizinhistoriker Thießen.“

Das änderte sich übrigens bald wieder, als erkannt wurde, dass fehlende Impfungen die Wehrmacht im Kampf gegen die anderen Nationen schwächen würden. Der NDR schreibt: „Am Ende setzt sich jedoch das Reichswehrministerium mit seinen Argumenten durch, eine Abschaffung der Impfpflicht könnte der Schlagkraft und Wehrfähigkeit des Deutschen Reiches schaden. Die Diphtherie-Impfung bleibt allerdings freiwillig. Aber der soziale Druck ist hoch, denn die Impfung wird als Dienst an der Volksgemeinschaft verstanden. Propagandafilme sollen die Impfwilligkeit in der Bevölkerung stärken. Die Nationalsozialisten arbeiten mit Parolen, die überzeugender sind als jede Impfpflicht.“

Das alles sind Zusammenhänge, die heute in unserem alternativen Umfeld kaum jemandem bewusst zu sein scheinen.

Die Fallstricke der Esoterik

Für mich ist im Kern des Ganzen, was da passiert, ein tiefer Zynismus wahrnehmbar – den ich aus der Esoterik kenne, und der manchmal unter dem Sammelbegriff „Spiritual Bypassing“ läuft – wenn ich mir das Unbequeme in der Realität durch pseudo-spirituelle Konzepte quasi weg-erkläre, Mit-Verantwortung oder auch ganz natürliche Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit einfach wegschiebe.

In der Esoterik-Szene ist es beispielsweise sehr verbreitet, Kranken die Schuld für ihr Leiden selbst zuzuweisen. „Schandtaten in einem früheren Leben“ werden da genauso genannt wie „falsche Ernährung“ oder „zu viel Negativität im Denken“.

Ähnliche menschenverachtende Aussagen habe ich auch immer wieder über die Corona-Toten gehört: „Die wären sowieso gestorben.Wer krank wird oder stirbt, hat einfach irgendwas falsch gemacht, vielleicht einfach zu viel Angst vor dem Virus gehabt?

Warum sind wir „alternativen Leute“ so anfällig für Verschwörungs-Ideologien?

In der alternativen Szene, zu der wir uns (zumindest bis jetzt noch!) auch zählen, ist die Fixierung auf ein ideales Leben, ein echtes, wahrhaftiges, bestes gutes Leben so groß, dass die Sehnsucht danach manchmal wohl den gesunden Menschenverstand beim Denken und Entscheiden behindert.

Vor allem aber scheint die Gefahr groß, sich selbst zu überhöhen und in Arroganz zu verfallen.

Eine Studie vom letzten Sommer für Baden-Württemberg hat gezeigt, dass die gesamte Querdenken-Bewegung hier zu einem Großteil aus Personen besteht, die dem alternativen Milieu und/oder dem anthroposophischen Milieu angehören.

Es heißt darin: „Die beiden Milieus weisen strukturelle und ideelle Gemeinsamkeiten und Überschneidungen auf. Unter anderem Ganzheitlichkeit, Individualität, Selbstbestimmung und Naturverbundenheit stellen geteilte Bezugspunkte (dar). (…) Es führt aber kein direkter Weg vom (ehemaligen) linksalternativen Milieu zum ,Querdenkertum‘ im 21. Jahrhundert.

Es handelt sich gerade um die Transformation dieses Milieus, in der von den linken Politikformen und linken Werten wie Solidarität und Gleichheit im Grunde nichts mehr übrig ist.” (Hervorhebung von mir)

Wenn Selbstverwirklichung und individuelle Freiheit im Zentrum stehen

In der Studie heißt es weiter: „Geblieben sind vor allem Lebensstile der Körperpolitik und der Selbstverwirklichung, die Idee der Ganzheitlichkeit, häufig (aber nicht immer) eine spirituelle und vor allem anthroposophische Überzeugung und ein libertäres Freiheitsverständnis.“ 

Besonders verstörend ist dabei, dassdie Bewegung durch eine tiefe Entfremdung von Kerninstitutionen der liberalen Demokratie gekennzeichnet ist. 

Der parlamentarischen Politik und den Parteien, der Wissenschaft und den Medien – allen öffentlichen Institutionen schlägt großes Misstrauen entgegen. Die von uns analysierten Wählerwanderungen legen die Grunddynamik der Querdenken-Bewegung offen, die sich auch für Baden-Württemberg zeigt: Es ist eine Bewegung, die teilweise eher von links kommt, sich aber nach rechts bewegt.“

Auch die Zahlen sprechen hier eine klare Sprache: Während es im Herbst 2017 nur 8 % der Befragten waren, die die AfD wählten, wollten das im Herbst 2021 etwa 20 % Prozent der Personen in der Studie.

Wenn kein Interesse für Politik besteht

Auch andere kommen zu dem Schluss, dass ein Hauptproblem der Mangel an politischem Interesse (und damit auch Kenntnissen und Orientierung) der Menschen ist, die aus der Esoterik-Szene nun im Querdenken gelandet sind.

Wer nicht weiß, wie rechter Populismus funktioniert, kann dem, was man Volksverhetzung nennen kann, so viel leichter zum Opfer fallen. Dies ist vermutlich ein Grund dafür, warum Rechtsextreme schon seit Jahren gezielt die Esoterik-Szene als Brücke ins bürgerliche Milieu nutzen.

Die Illusion, selbst und von alleine die besten Entscheidungen treffen zu können

Ein weiterer Stolperstein gerade jetzt und heute ist sicherlich die irrige Annahme, alle Entscheidungen immer am besten „nach meinem eigenen Gefühl“ zu treffen.

Dies ist vermutlich oft richtig, wenn ich an Entscheidungen denke, die nur mich ganz allein, persönlich betreffen.

Wenn „mein Gefühl“ zu befragen nicht reicht – bei einer Entscheidung, die viele betrifft

Aber es könnte nicht falscher sein, wann immer es um Entscheidungen geht, die Konsequenzen für andere Menschen haben, wie das eben auch beim Thema Impfen ist.

Und ich halte es auch für höchst fragwürdig, wenn es um Entscheidungen geht, bei denen Informationen, Fakten, Kenntnisse eine Rolle spielen, die ich selbst einfach nicht haben, nicht wissen kann.

So ein Fall ist für mich die Frage, ob ich mich gegen Corona impfen lassen sollte oder nicht.

Diese Frage haben wir jedenfalls nicht nur „nach Gefühl“ beantwortet. Sondern uns Wissen, Informationen, Hintergründe und Fakten von vielen Expert*innen angeschaut, die sich seit fast zwei Jahren (und manche schon viele Jahrzehnte lang) damit beschäftigen.

Dabei zeigt sich für uns eine ähnliche Situation wie rund um das Thema Klimawandel: Eine große Mehrheit der Wissenschafts-Community wie auch der Mediziner*innen weltweit sind sich in den meisten Punkten einig.

Eine kleine Anzahl von Personen redet voll dagegen, und beharrt auch auf der Richtigkeit ihrer Argumentation.

Wie also können wir mit all dem umgehen?

Sich trauen, mit Fakten-Checks althergebrachte Vorannahmen zu hinterfragen

Manche Falschinformationen oder Verschwörungstheorien sind so absurd, dass man sie leicht erkennen kann. Andere klingen so unauffällig und sind schon so lange im Umlauf, dass es echt schwer ist, sie überhaupt zu bemerken.

Ich habe auch erst im letzten Jahr herausgefunden, dass die von vielen Menschen in meinem Umfeld wie selbstverständlich vertretene Meinung, dass Impfen an sich gefährlich ist, im Grunde auf jahrhundertealten Verschwörungsmythen basiert.

Seit ich selbst Mutter wurde, habe ich kritische Stimmen zum Impfen gehört und mit so ähnlicher Vehemenz und Souveränität weitergegeben wie die ganz klare Empfehlung, dass man Kindern eben keinen Alkohol zu trinken geben sollte.

Es gibt auch heute jede Menge Heilpraktiker*innen und sogar Ärzt*innen, die grundsätzlich vom Impfen abraten.

Es zeigt sich: Alle grundsätzlichen Impfbedenken sind schon lange widerlegt

Dabei wurden und werden die einzelnen der dramatisch klingenden „Kritikpunkte“ gegen das Impfen schon seit langer Zeit untersucht und ganz klar widerlegt, beispielsweise eine vermeintliche Studie vom britischen Arzt Andrew Wakefield, der 1998 behauptete, die Masern-Mumps-Röteln-Impfung würde Autismus auslösen. Seine These wurde vielfach von anderen Wissenschaftler*innen überprüft, obwohl Wakefields Studie (für die er, wie später herauskam, einen hohen Geldbetrag von den Anwälten der Eltern der zwölf in der Studie untersuchten Kinder erhielt) schon in sich so fehlerhaft und/oder regelrecht betrügerisch war, dass sie von der Fachzeitschrift zurückgezogen wurde und er sogar sein Recht verlor, als Arzt zu praktizieren.

Vieles von dem, was überliefert ist als Risiken für das Impfen überhaupt, hat also bei genauerem Hinschauen gar keine Grundlage.

Und weil das jetzt vielleicht für dich ganz persönlich oder für andere, die diesen Artikel lesen, ein echter Schock ist, schreibe ich es nochmal langsam:

Vieles von dem, was überliefert ist als Risiken für das Impfen überhaupt, hat bei genauerem Hinschauen gar keine Grundlage!

Hier gibt es einen kurzen und knappen Fakten-Check zu den verbreiteten Behauptungen übers Impfen, mit Erklärungen und Links und hier auch einen noch kürzeren Faktencheck auf deutsch.

In diesem Artikel hier sind einige der wenigen bisher aufgetretenen Fälle von tatsächlichen Impfschäden aufgeführt – die keineswegs vertuscht wurden, sondern allesamt öffentlich durch die Medien gingen. (Zu den möglichen Nebenwirkungen der Corona-Impfung später noch mehr.)

Wie geht ein Fakten-Check?

Es ist zum Glück so viel leichter als noch vor zehn oder zwanzig Jahren, Falschinformationen zu entlarven.

Für mich ist eine oft sehr fruchtbare und sehr einfache Strategie: eine Online-Suche nach dem Begriff, um den es geht, ODER mit einer bestimmten Behauptung aus einem Fake-News-Beitrag – UND dazu einfach „Faktencheck“ einzugeben.

Oft dauert es nur wenige Tage oder sogar Stunden nach der Veröffentlichung von Beiträgen, bis jemand anders sich die Mühe gemacht hat, sorgfältig den Wahrheitsgehalt zu prüfen oder eben aufzuzeigen, welche Teile der Behauptung oder Argumentation fehlerhaft oder irreführend sind.

Aufdecken, was alles nicht stimmt

Zum Glück gibt es inzwischen einige Menschen, die viel Zeit investieren, um potentielle aktuelle Falschmeldungen und auch althergebrachten Quark direkt aufzudecken. Sie finden und überprüfen Meldungen und zeigen einfach und nachvollziehbar auf, was daran einfach wirklich gar nicht stimmt.

Richtig viele Faktenchecks finden sich auf Plattformen wie https://correctiv.org oder https://faktencheck.afp.com, Faktenfuchs vom BR oder beim „Volksverpetzer“-Team. Hier lohnt es sich auch, einfach mal durchzustöbern und so vielleicht mehr zu erfahren über die eine oder andere Nachricht, die in den letzten Wochen durch die sozialen Medien Verbreitung fanden.

Eine andere Möglichkeit, die ich oft nutze, wenn ich für unsere Blog-Artikel recherchiere: die Autor*innen eines Beitrags oder auch den Titel und die Urheber einer bestimmten News-Plattform oder Webseite einzugeben und dazu „Kritik“ als Stichwort.

So finde ich schnell Beiträge darüber, welche hier vorgetragenen Meinungen oder Vorgehensweisen als kritikwürdig angesehen werden und von wem.

Einen umfangreichen Fundus an Informationen über medizinische Themen gibt es auf dieser Seite: https://medwatch.de:Das Team von MedWatch scannt das Netz nach gefährlichen und unseriösen Heilungsversprechen. Einen Schwerpunkt bilden Recherchen aus der Grauzone des Netzes, in der vermeintliche Heiler ihre Wunder anbieten. MedWatch berichtet und klärt auf.“

(Übrigens konnte ein Großteil der Falschkampagnen rund ums Impfen im englisch-sprachigen Facebook-Raum auf nur ein Dutzend Urheber*innen zugeordnet werden, die diese über diverse Accounts verbreitet haben.)

Kann ich das auch irgendwie abkürzen?

Fakten zu überprüfen ist immer aufwendig, vor allem am Anfang, wenn man selbst überhaupt noch gar nichts über ein Thema weiß.

Es gibt aber eine Menge Kommunikations-Strategien, die als Grundmuster in vielen Falschnachrichten gleich auf den ersten Blick erkennbar sind, beispielsweise falsche Behauptungen als Fragen zu formulieren, eine Technik, die in Boulevard-Medien schon seit langem genutzt wird.

Je besser ich diese Grundstrategien kenne, desto leichter und schneller kann ich Desinformation erkennen.

Hier ist eine umfangreiche Liste von correctiv.org, die ich sehr hilfreich finde, oder auch diese hier vom Landesmedienzentrum Baden-Württemberg.

Und wie steht es um deine Nachrichtenkompetenz? Hier gibt es einen Selbst-Test, der einen Einblick darin ermöglicht, wie gut man im Dschungel der Meldungen und Plattformen zurechtkommt.

Insgesamt kann ich öffentlich-rechtliche Medien sehr empfehlen, oder auch alteingesessene private Medien wie beispielsweise „Die Zeit“ und gerade für investigative Themen auch die „taz“.

Ein Vorteil all der genannten ist, dass deren Berichterstattung zwar auch nicht perfekt ist, sie aber bei Fehlern sogar Richtigstellungen hinterherschicken. Das ZDF hat beispielsweise eine eigene Seite extra dafür.

Die Zukunft braucht, dass wir wissenschaftlichen Erkenntniswegen vertrauen – nicht nur zum Thema Impfen

Wir verfolgen Studien und wissenschaftliche Veröffentlichungen zu allen möglichen Themen und eben auch rund um das Corona-Virus und Covid-19. Natürlich sind auch Wissenschaftler*innen Menschen und können sich somit immer auch irren, Daten falsch interpretieren oder sich von egoistischen Interessen leiten lassen.

Doch der fortlaufende wissenschaftliche Austausch, in den sich unzählige Menschen verschiedenster Institutionen weltweit einbringen, ist für uns einer der inspirierendsten Lernräume überhaupt und ein unglaubliches Geschenk unserer Zeit.

Hier beispielsweise gibt es eine Webseite, wo Wissenschaftler*innen aus aller Welt sich Medienberichte vornehmen und danach durchsieben, welche Behauptungen wirklich stimmen: https://healthfeedback.org.

Denn so, wie sie es im Titel ihrer Webseite aussprechen, sehen wir es auch:

Korrekte Informationen sind die Grundlage für gelingende Demokratie.

Die Bedeutung dieses offenen, freien und dadurch sehr schnellen Austauschs von Wissenschaftler*innen, öffentlich geteilt mit jedem Menschen, der Zugang zum Internet hat, ist für mich einer der größten Hoffnungsschimmer in der heutigen Zeit. Denn gerade wenn wir an die Klimakatastrophe denken, und an den Umgang mit den vielen Herausforderungen, die sich daraus ergeben werden, wird unser Überleben als Menschheit entscheidend davon abhängen.

Im Grund ist die Frage, wie viel Einflussnahme wir denjenigen Menschen ermöglichen können, die daran interessiert sind herauszufinden, was wirklich hilfreich ist – statt primär politischem oder unternehmerischem Kalkül zu folgen.

Angesichts der Klimakatastrophe, die weltweit schon lange stattfindet und vorhersehbar auf weitaus heftigere Weisen sich weiter ereignen wird, halten wir es für absolut essentiell, den Wissenschaftler*innen zu vertrauen, die dem Aufzeigen echter Fakten verpflichtet sind und ihr Bestes geben, um hilfreiche Strategien zu entwickeln.

Wir stehen dafür ein, dass diese echt tapferen Leute Wertschätzung, Zuspruch und Rückenwind durch unser Handeln und Kommunizieren bekommen, statt wie in den letzten 1,5 Jahren aufgrund ihres Einsatzes für das Impfen und andere unbeliebte aber wichtige Maßnahmen mit Shitstorms und grauenvollen Drohungen bombardiert zu werden.

Warum wir uns für die Impfung entschieden haben

DISCLAIMER: Wir sind offensichtlich beide keine Medizin-Spezialisten! Alles, was wir hier geschrieben haben, ist unser persönliches Verständnis der Situation, sind nur unsere Meinungen und Interpretationen. Wir teilen sie hier, weil verschiedene Menschen uns in den letzten Wochen angesprochen und gefragt haben. Vielleicht können sie eine Anregung sein, selber die aufgelisteten Quellen zu studieren und dort fachlich fundiertere Aussagen zu finden. 

Covid-19 ist eine gefährliche Krankheit

Auf eine Weise ist es tragisch dumm gelaufen, dass Covid als erstes den Ruf einer „Grippe-ähnlichen“ Erkrankung bekam. Denn tatsächlich handelt es sich eher um eine Multi-System-Erkrankung. Neben den akuten Gefahren wie Organschäden und Tod durch Lungenversagen oder Herzstillstand, werden schon seit Sommer 2020 die potentiell verheerenden Langzeitfolgen in Studien immer sichtbarer, beispielsweise eine andauernde Entzündung von Hirnzellen.

Nach einer Studie mit 250.000 ungeimpften Erwachsenen und Kindern in den USA litten mehr als die Hälfte der Erkrankten auch noch sechs oder mehr Monate später unter Langzeitfolgen, von denen viele die Lebensqualität stark beeinträchtigen können (wie der anhaltende Verlust des Geruch- und Geschmackssinns, Konzentrationsschwäche, Gedächtnisstörungen oder Lungenschwäche).

Schäden wurden bei Untersuchungen häufig überall im Körper gefunden, auch an Geweben und Organen, wo die Betroffenen selbst keinerlei Beschwerden feststellen konnten.

Auch Kinder leiden an Long-Covid, selbst wenn die eigentliche Infektion bei manchen völlig symptomlos verlief. Wie viele davon betroffen sind, variiert stärker als bei Erwachsenen, in manchen Studien war aber ebenfalls die Hälfte der infizierten Kinder betroffen.

Im Moment ist es nicht absehbar, welche wirklich langfristigen Folgen die Erkrankung nach sich ziehen wird.

Anfang Januar warnte der finnische Gesundheitsminister, dass Long-Covid die häufigste chronische Krankheit im Land werden könnte und sprach dabei insbesondere die Gefahr einer Vervielfachung von Alzheimer und Parkinson-Fällen aufgrund der neurologischen Auswirkungen im Gehirn an.

Impfen hilft, auch wenn es Ansteckung nicht verhindert

Leider ist Covid keine Krankheit wie die Pocken, die durchs Impfen fast wie völlig ausgeschlossen werden kann. Deshalb wäre es sachlich auch falsch zu sagen, „wer Angst hat, könne sich ja selber impfen und damit schützen“. Vielmehr ist es umso wichtiger, dass so viele Menschen wie möglich solidarisch sind und sich impfen lassen, um mit der Zeit kollektiv eine allmählich wachsende Immunität zu kreieren.

Jetzt mit der Omikron-Variante kann man sagen: Dreifaches Impfen schützt immer noch signifikant vor Ansteckung (und damit auch davor, selber andere Menschen anzustecken). Vor allem aber schützt es deutlich vor schweren Verläufen und damit vor der Notwendigkeit ins Krankenhaus zu kommen, davor an Lungen- oder Herzversagen zu sterben, und es schützt vermutlich (zumindest zeigt sich das in einigen Studien) auch vor Long-Covid-Symptomen.

In einer Studie in Südafrika verringerte selbst eine nur zweifache Impfung den Anteil schwerer Verläufe um 70 %.

Für Schwangere, die an Covid erkranken, besteht ein erhöhtes Risiko, ihr Kind zu verlieren oder selbst einen schweren Verlauf zu haben – gerade für sie wird eine Impfung also besonders empfohlen.

Nicht nur die Impfungen wollen zumindest bis jetzt immer wieder aufgefrischt werden: Am Anfang der Pandemie nahm man noch an, eine Infektion könne vielleicht sogar zu vollständiger Immunität führen. Inzwischen ist jedoch sicher, dass jemand, der schon eine Covid-Infektion durchlitten hat, eine Neu-Infektion erleben kann, sogar schon drei Monate nach der ersten Erkrankung, schätzen einige Forscher*innen.

Impfen hilft, auch wenn es einen Impfdurchbruch gibt

Dabei war der Verlauf in einigen Fällen sogar noch schwerer. Bis jetzt sei es deshalb nicht sicher, aber auch nicht auszuschließen, dass beispielsweise die Antikörper von der ersten Infektion eine zweite sogar verschlimmern könnten. In den frühen Fällen von Re-Infektion sind die Verläufe weniger schlimm gewesen. Insgesamt ist die Datenlage hier aber noch ziemlich dünn. Impfdurchbrüche scheinen auf jeden Fall durchweg milder zu verlaufen.

Dass mehrfaches Impfen einer der bestmöglichen Wege ist, um sich und andere zu schützen, ist aber unangefochten, auch wenn nicht klar ist, wie oft das notwendig sein wird, um beständiger geschützt zu sein.

Deshalb bin ich und sind wir dreimal geimpft. Und deshalb beschäftigen wir uns weiter mit dem Thema – weil auch die Expert*innen beständig dazulernen und sich mit neuen Varianten und vielem mehr die Rahmenbedingungen beständig entwickeln und verändern.

Bei allen diesen Punkten wird deutlich: Nichts verspricht gegenwärtig eine schnelle und endgültige Lösung. Die Krankheit ist eine riesige Herausforderung und es gibt bisher wenig verbindliche Erkenntnisse, und wenn ja, können diese sich auch weiter verändern.

Vor allem sind wir auch aus Solidarität geimpft und für die Freiheit – nicht für unsere persönliche, sondern für die kollektive Freiheit, vor allem auch für diejenigen Menschen, die sich wirklich nicht impfen lassen können, beispielsweise die Jüngsten in unserer Gesellschaft.

Denn auch wenn Kinder insgesamt meist mildere Verläufe haben, breitet gerade Omicron sich so rapide aus, dass an vielen Orten Kinder vermehrt in die Krankenhäuser kommen. Auch leiden sie wie schon geschrieben unter Umständen hinterher an Long-Covid-Symptomen, die ihr Leben wirklich einschränken könnten.

Was wir noch tun können

Gleichzeitig ist es immer noch ganz klar relevant und wirkungsvoll, Schutzmasken zu tragen. Die Ansteckung findet nicht ausschließlich über Tröpfchen-Infektion statt (was nur möglich ist, wenn wir in enger räumlicher Nähe sind), sondern auch über feinere Aerosole, die sich unter Umständen lange in der Luft eines geschlossenen Raumes halten können.

Umso klarer ist daher die Empfehlung, in Innenräumen Masken zu tragen, vor allem wenn diese nicht gut durchlüftet sind (beispielsweise auf öffentlichen Toiletten, in Gängen usw.).

Schmierinfektionen (durch das Berühren von Oberflächen) sind außerhalb des Gesundheitswesens nicht nachgewiesen und somit zwar nicht ausgeschlossen, vermutlich aber eher selten.

Hände zu waschen und Flächen zu desinfizieren ist also wichtig – Maskentragen, Abstandhalten und Lüften scheint aber wesentlich dringlicher und relevanter.

Impfen hilft – wir alle haben von den Impfungen der Geschichte profitiert

In meiner Lebenszeit konnte ich frei von Impfpflicht leben. Weil viele, viele Jahrzehnte lang Menschen in unterschiedlichen Teilen der Welt für viele der verheerendsten Krankheiten der Geschichte Impfungen entwickelt und verbreitet haben, deren Auswirkungen die Menschen von heute immer noch schützen, zum Beispiel was die berüchtigten Pocken betrifft.

Im 20. Jahrhundert allein starben schätzungsweise 500 Millionen Menschen an Pocken, 30-40 % der Nicht-Geimpften. Manche Forscher*innen gehen davon aus, dass die von weißen Siedlern eingeschleppte Viruserkrankung in Nordamerika je nach Region sogar zwischen 50-90 % der nordamerikanischen Ureinwohner*innen tötete.

Dank der Impfungen jener unzähliger Menschen, die vor allem während des letzten Jahrhunderts ihre persönlichen Zweifel überwanden, bin ich mit dem Privileg aufgewachsen, mich zu meinen Lebzeiten nie um die Pocken kümmern zu müssen, nie auch nur einen Schimmer von Angst davor haben zu brauchen, dass ich selbst oder meine Liebsten von ihnen betroffen sein könnten.

Eine Möglichkeit, die zumindest nicht unwahrscheinlich ist: dass Covid-19 mittelfristig endemisch bei uns werden und dann auch deutlich entspannter für alle Menschen verlaufen könnte.

Damit die Pandemie eine Chance sein kann

Für mich hat die Pandemie viele Prozesse ausgelöst, die ich sonst nicht in dem Maße durchlaufen hätte:

  • der Kontakt mit Falschmeldungen und Verschwörungsgeschichten und mit der Zeit das immer deutlichere und ernsthafte Hinterfragen von Informationen und ihren Quellen,
  • mehr Wissen und Hintergrundinformationen über rechtsextreme Gruppierungen und Personen in Deutschland und Europa,
  • eine ganz neue Wertschätzung für Medien, die ihren Auftrag für sachliche und wahrheitsgemäße Berichterstattung ernstnehmen,
  • Hochachtung für Virolog*innen und andere Expert*innen, die vom Start der Pandemie an im Kreuzfeuer von Erwartungen, Ungeduld, Forderungen, Beschimpfungen, Drohungen standen und trotzdem weiterhin ihr Wissen geteilt haben,
  • eine echte und anhaltende Freude darüber, dass die absolute Mehrheit der Bevölkerung in diesem Land bereit war und ist, Einschränkungen auf sich zu nehmen, jetzt ja schon über einen langen Zeitraum, um vor allem andere Menschen zu schützen.

Gleichzeitig haben die Kontakt-Einschränkungen und anderen Maßnahmen vielen Menschen unsägliches Leid gebracht, was in keinster Weise beschönigt werden kann:

Häusliche Gewalt hat sich vervielfacht, vor allem gegen Kinder und Frauen, angefeuert unter anderem von Quarantäne-Zeiten und Geldsorgen. Depressionen und Angstzustände gerade auch bei Kindern und Jugendlichen haben stark zugenommen.

Jede siebte Firma bangt schon allein in Deutschland um ihr Überleben (so wie wir auch) – wo auch Menschen dran hängen, deren Familien unter der Existenzangst leiden.

Weltweit wurden und werden Millionen von Menschen in den Hunger getrieben.

Gerade weil die Kontaktbeschränkungen vielen Menschen so an die Substanz gehen, sehen wir es jedoch umso mehr als Chance, hier möglichst schnell Linderung zu ermöglichen, wenn viele Leute sich impfen lassen.

Eine andere wichtige Frage ist es, inwieweit wir zusätzlich Verantwortung für unsere Mitmenschen übernehmen können, indem wir selbst auch weniger privilegierte Personen in unserem Umfeld aktiv unterstützen, und eben auch durch unser Verzichten auf individuelle Privilegien dazu beitragen, dass die Lage sich ein klein wenig entspannter weiterentwickeln kann.

Für sonst privilegierte Menschen können Impfen und andere Maßnahmen eine Übung im Verzichten sein

Ich kann mir gut vorstellen, dass die Unannehmlichkeiten von Maskentragen, Abstandhalten, Kontaktbeschränkungen und Sich-impfen-Lassen vergleichsweise harmlos erscheinen könnten – verglichen mit den Einschränkungen, dem Verzicht oder sogar Leiden, den die weiter fortschreitende Klimakatastrophe für uns bereithält.

Mit all dem, was schon jetzt unwiderruflich aus dem Gleichgewicht geworfen ist, und den Folgen, die das in den kommenden Jahren mit sich bringen wird, werden wir in der Zukunft sicher nicht nur Mobilität neu denken und anders konsumieren müssen als bisher.

Vielleicht wird es vielmehr darum gehen, unseren westlichen Wohlstand und unsere meistenteils durch Jahrhunderte der Ausbeutung entstandenen Privilegien mit dem Rest der Weltbevölkerung zu teilen. Platz zu schaffen für Klimaflüchtlinge, Ressourcen-Knappheiten auszuhalten.

Mir liegt für diese uns bevorstehenden Jahre und Jahrzehnte am Herzen, dass nicht nur meine Liebsten, sondern auch die Gesellschaft im Ganzen sich auf mich verlassen kann – auf meine Solidarität und auf mein aktives Mit-Wirken.

Krisen können das Beste aus Menschen rausholen – aber nur, wenn wir uns auch solidarisch verhalten

Was wir in der Zukunft wohl am dringendsten brauchen werden, ist Zusammenhalt! Dabei schaut die Menschheit auf wenige Jahrtausende voller Zerwürfnisse und gewalttätiger Feindschaft zurück, manche Anthropolog*innen gehen aber davon aus, dass dahinter viele Jahrzigtausende liegen könnten, die von einer Abwesenheit von Krieg geprägt waren.

Viele Sozialforscher*innen vertreten schon seit vielen Jahren die immer besser belegte These, dass wir das Potential und die Vorliebe für friedvolles Miteinander als quasi biologische Grundausstattung mitbringen. Auch insbesondere in schweren Krisenzeiten können unsere Fähigkeiten zur Nächstenliebe regelrecht aufblühen und die Gemeinschaften tragen.

Für uns haben die Monate mit Corona gezeigt, dass Milliarden von Menschen bereit sind, Opfer zu bringen, um zuallererst andere zu schützen. Gerade in der Anfangszeit der Pandemie war das deutlich, als man noch davon ausging, dass die Krankheit vor allem für Ältere und gesundheitlich beeinträchtigte Menschen schwerwiegend verlaufe und für fitte Menschen fast nur glimpflich bleibe.

Es war und ist wunderbar, einen gesellschaftlichen Zusammenhalt zu spüren, der in den Jahren vor der Pandemie kaum vorstellbar gewesen wäre. An diesem echten und aufrichtigen Zusammenhalt wollen wir teilnehmen, denn wir brauchen einander jetzt – und werden einander in Zukunft immer noch stärker brauchen.

Und was, wenn wir uns trotzdem einfach nicht impfen lassen wollen?

Uns ist natürlich bewusst, dass viele Menschen in unserem Umkreis nicht geimpft sind UND gleichzeitig Gewalt ablehnen und sich selbst niemals als politisch rechts einordnen würden.

Das Tragische gegenwärtig ist jedoch, dass viele dieser Personen, mit denen wir im Gespräch zu diesen Themen sein konnten, sich trotzdem (und zwar ohne es zu wissen) auf Quellen beziehen, die ganz klar rechte Verbindungen hatten oder sogar selbst in der Vergangenheit als Holocaust-Leugner*innen oder Antisemit*innen in der Öffentlichkeit sichtbar waren.

Wenn wir zurückschauen in die NS-Zeit, sehen wir, dass die NSDAP in ihrem ersten Jahr nur 1.700 Mitglieder hatte. Während der gesamten Dauer der Diktatur war es nur ein geringer Anteil der Bevölkerung, der selbst aktiv Gewalt-Taten ausübte. Aber diese Taten wurden getragen, gedeckt und mit stiller Zustimmung legitimiert von vielen Millionen Menschen, die einfach grob dieselbe Ideologie vertraten.

Es ist nicht nur bezüglich Impfen wichtig, wofür wir unsere Zustimmung geben und wofür nicht

Das Impfen gegen Corona ist zu einem Thema geworden, das uns allen die Chance bietet, ganz genau hinzuschauen, welche Quellen wir nutzen, wem wir vertrauen.

Für mich sind das ganz klar jene Akteure der liberalen Demokratie, die laut der Querdenker-Studie gerade so viel Misstrauen ernten, vor allem die wissenschaftliche Community und die freien und öffentlich-rechtlichen Medien. Auch die wissen nicht alles, machen Fehler und verhalten sich oft eigennützig. Aber sie haben ein Auge aufeinander und sind bereit, sich zu korrigieren, aus ihren Fehlern dazuzulernen.

Das Greater Good Science Center der Universität in Berkeley, Kalifornien hat in empirischen Studien ermittelt, dass eben diese Bereitschaft die vielleicht wichtigste Kernzutat dafür sein könnte, eben nicht den Desinformationen rund um die Pandemie zum Opfer zu fallen.

Sie nennen dieses Bündel von Kompetenzen „intellektuelle Demut“ und schätzen ihre Bedeutung als so zentral ein, dass sie gerade in dieser Woche sogar Stipendien ausgeschrieben haben für journalistische Arbeiten, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Die Bedeutung von intellektueller Demut

Diese Aspekte werden dazugezählt:

  • Ein Bewusstsein für die eigene Ignoranz und Fehlbarkeit und das Zugeben davon, dass das so ist: „Ich akzeptiere, dass meine Überzeugungen und Einstellungen falsch sein könnten, und ich gebe es zu, wenn ich etwas nicht weiß.“)
  • Ein Bewusstsein dafür, dass die Sichtweisen anderer Menschen wertvoll sind, diese anzuhören und auch korrigierendes Feedback anzunehmen: „Ich höre anderen zu und erkenne einen Wert in ihren Meinungen, auch wenn sie anders sind als meine eigene.“)

Demut macht also nicht nur nachweislich glücklicher, wie in unserem Blog-Artikel vom letzten Jahr beschrieben.

Sie hilft uns auch dabei, Nachrichten zu sortieren und einzuordnen, und somit auch beim Entscheidungentreffen – insbesondere wenn diese nicht nur uns selbst, sondern die gesamte Gesellschaft betreffen, wie eben beim Impfen.

Angesichts der vielen hörbaren Stimmen in unserer Gesellschaft kann das anstrengend und nervenaufreibend sein. Vor allem wenn es um ein Thema geht, wo sich dann auch ganz schnell und dauernd wieder irgendwas verändert – wie das rund um das Impfen und Corona im Allgemeinen der Fall ist und sicherlich noch eine ganze Weile sein wird.

Aber gerade wenn sich Müdigkeit zeigt, sich mit einem umstrittenen Thema weiter zu befassen, kann es umso sinnvoller und wichtig sein, zwar Pausen einzubauen, aber insgesamt doch dranzubleiben.

Denn wie es in einem bekannten Spruch so gruselig heißt: „Mit der Politik ist es wie mit der Zahnpflege: Wenn man sich länger nicht wirklich drum kümmert, wird am Ende alles braun.“

Was können wir also tun?

Es ist extrem wichtig, angesichts von falschen Fakten und Verschwörungserzählungen nicht stillzubleiben. Denn diese sind nicht und werden auch nicht dargestellt als persönliche Meinungen.

Vielmehr gehen sie mit einem Wahrheitsanspruch einher, der sie wirklich zerstörerisch macht.

Deshalb raten Pia Lamberty und Katharina Nocun dazu, sie nicht einfach stehenzulassen, sondern direkt anzusprechen (wenn auch vielleicht erstmal zu zweit statt vor versammelter Familie).

Denn viele Menschen sind sich überhaupt nicht bewusst, dass dieser Video-Clip, dieses Interview, dieser Artikel, der sie gerade so inspiriert hat, tatsächlich nur die Spitze von einem gewaltigen Verschwörungsideologie-Eisberg ist.

Dieser Rat hat uns an die Lehre von Karl Popper erinnert, einem Philosophen, der in Wien geboren wurde, in der NS-Zeit floh, aber sechzehn Familienmitglieder durch Mord durch die Nazis verlor. Später wurde er in England für sein Werk über Totalitarismus und andere Themen zum Ritter geschlagen.

Das Toleranz-Paradoxon

Popper beschrieb mit klaren Worten sein sogenanntes Toleranz-Paradoxon:

Ein Toleranz ermöglichender Raum könne nur dauerhaft tolerant erhalten werden, wenn dieser (auf intolerante, also nicht duldende Weise) geschützt bliebe vor Intolerantem. Als intolerant definierte Popper dabei Menschen oder Gruppen mit folgenden Eigenschaften:

  1. Verweigerung eines rationalen Diskurses
  2. Aufruf zur und Anwendung von Gewalt gegen Andersdenkende und Anhänger anderer Ideologien

Beides sind ganz klar Aspekte von Verschwörungserzählungen bzw. Mythen. Deshalb geschehen immer wieder Gewaltverbrechen, die motiviert sind von Verschwörungstheorien und terroristische Vereinigungen (wie damals eben die NSDAP) beziehen in der Regel Verschwörungsgeschichten in ihr Training mit ein.

Zusammengefasst

  • Die Nazis in Deutschland kamen historisch nicht an die Macht, weil von Anfang an eine Mehrheit der Bevölkerung hinter ihnen stand.
  • Sie schaffen es zunächst, einzelne Bevölkerungsgruppen zu überzeugen.
  • Menschen der naturverbundenen, spirituellen, esoterischen Lebensreform-Bewegung waren hierbei eine (von mehreren) Zielgruppen, von denen viele sich frühzeitig hinter die nationalsozialistische Agenda stellten.
  • Erst im Verlauf konnten die Nazis immer mehr Menschen überzeugen, vor allem indem sie in der krisengebeutelten Zeit nach der Spanischen Grippe und der Weltwirtschaftskrise heftige Kritik an der Regierung übten.
  • Dabei nutzten sie Populismus – sie griffen die in der Bevölkerung vorhandenen Reizthemen und Verschwörungsmythen auf, übertrieben, polarisierten, demonstrierten ihre Gewaltbereitschaft in den Straßen, und stellten sich als einzige Retter*innen dar.
  • Erst als die Nazis 1933 an der Macht waren, schafften sie es, durch fortlaufende Propaganda, Gewalt, Unterdrückung und Auslöschung ihrer Gegner*innen, die politische Macht voll und ganz an sich zu reißen.
  • Rechtsextreme befeuern auch heute Verschwörungsmythen und Erzählungen, welche Menschen in kürzester Zeit enorm radikalisieren können.
  • Damit sorgen sie auch insbesondere in den letzten zwei Jahren dafür, dass immer mehr Menschen Gewalt nicht nur dulden, sondern sogar als richtig ansehen, als den einzig möglichen Weg, und schließlich sogar bereit sind, selbst Gewalt anzuwenden. Sie normalisieren Gewalt.

Die Corona-Pandemie und Impfen ist seit zwei Jahren das zentrale Thema, das die rechtsgerichteten Parteien und Gruppierungen dafür missbrauchen, Menschen gezielt zu radikalisieren, Gewalt zu normalisieren und sogar ursprünglich links-orientierte Menschen auf ihre Seite zu ziehen.

Das bedeutet für uns: Nicht jede*r Mensch, der Impfen und insbesondere die Corona-Impfungen kritisch sieht, ist ein Nazi.

Aber jede Art von Falschinformation und Verschwörungs-Erzählung (zum Thema Corona oder Impfen, aber auch zu anderen Themen, wie Klimakatastrophe, Migration, Terrorismus uvm.) spielt gerade heute unweigerlich rechtsextremen Kräften in die Hände.

Als Menschen sind wir alle (mehr oder weniger) anfällig für Verschwörungsdenken.

Heute werden wir über soziale Medien regelrecht in Falschmeldungen gebadet. Während diese wie von allein auf uns einprasseln ist es ist zeitaufwendig und nervenaufreibend, diese immer wieder zu relativieren und zu entkräften.

Deshalb brauchen wir einander umso mehr dafür, Geschichten und Meldungen gemeinsam und füreinander sorgfältig zu hinterfragen, immer wieder den eigentlichen Fakten auf den Grund zu gehen.

Es ist wichtig, dabei uns selbst und andere nicht für unsere “Leichtgläubigkeit” zu verurteilen. Denn die falschen Fährten, denen wir gefolgt sind, wurden ja eigens dafür entwickelt, zu täuschen.

Gemeinsam können wir es schaffen

Die Verschwörungs-Expert*innen Pia Lamberty und Katharina Nocun beschreiben in ihren Büchern (“Fake Facts” und “True Facts“), dass ein sich Abnabeln von Verschwörungs-Erzählungen und den darauf aufbauenden Bewegungen für Menschen oft ähnlich schwer erlebt würde, wie der Ausstieg aus Sekten.

Das was vielen ermögliche, den großen schweren Schritt zu wagen, sich einzugestehen, dass sie inmitten ihrer radikalen Überzeugungen schlichtweg falsch gelegen haben könnten, seien laut der Forscher*innen – du wirst es raten – persönliche Beziehungen.

Am meisten können wir also bewirken, wenn wir uns klar und deutlich von Verschwörungsgeschichten und Hetz-Kampagnen abgrenzen – und gleichzeitig den Menschen selbst weiter liebevoll, mitfühlend und willkommen heißend begegnen.

Dabei gelte laut Lamberty und Nocun: Steter Tropfen höhlt den Stein. Oft ließen sich Personen nicht innerhalb eines oder sogar mehrerer Gespräche direkt überzeugen. Was solche Gespräche aber leisten könnten, sei es, Zweifel zu säen, die mit der Zeit einen neuen, kritischeren Blick auf die Verschwörungs-Narrative ermöglichen können und damit auch andere Einsichten und Standpunkte

Unsere Demokratie (mit all ihrer vorhandenen Nicht-Perfektheit) ist uns wichtig.

Ein wichtiger Teil von Verbindungskultur ist das, was wir oft Willkommens-Kultur nennen. Diese ist aber nur möglich, langfristig zu erhalten, wenn Räume geschützt werden gegen Stimmen und Kräfte, die eben dieses Willkommen als eine Basis für Verbindung beschädigen.

Wie wir Räume gestalten kannst du hier in unserem Circlewise Leadership Training lernen.

Möchtest du mehr darüber lernen, wie wir Menschen auf ihrem Lern- und Lebensweg unterstützen
und begleiten? Dann könnte dir unser Online-Paket zum Thema Mentoring gefallen.

Jedes Kind bringt kostbare, einzigartige Gaben für die Gemeinschaft mit! Es ist gebraucht mit seinem ganzen Wesen, genau so wie es ist. 
Bei den Dagara in Westafrika und vielen anderen naturverbundenen Kulturen ist das Wissen um diese Gabe, eine wesentliche Grundlage für das Miteinander mit Kindern im Alltag. Unsere Lehrerin Sobonfu Somé beschrieb, wie sie und viele andere Kinder im Herzen der Dorfgemeinschaft heranwachsen konnten, beschützt und begleitet von den Menschen im Dorf, die wie unzählige “Mütter” und “Väter” waren, so liebe-voll und zugewandt und neugierig auf all das, was die Kinder so mitbrachten. 
Wie können wir in der heutigen Zeit unseren Kindern eine so sichere und geborgene Kindheit schenken?  Vier praktische Hinweise für unser Alltagsleben mit Kindern möchte ich hier mit euch teilen: 


1. Hinschauen, erspüren und spiegeln!
Nimm dir Zeit aufmerksam auf sie zu schauen, und zwar mit dem Herzen! Unser Herz ist das Organ, das zuerst die Stimmung und Gefühlslage von unserem Gegenüber wahrnimmt und dann Impulse mit Informationen ans Gehirn weiterschickt. Hier im Gehirn werden dann dieselben Emotionen aktiviert, wie sie im anderen lebendig sind, so dass wir das Kind und wie es ihm gerade geht wirklich (messbar!) erfühlen und selbst er-leben können.
Ein Kind (und Erwachsener!) der diese Art von Empathie geschenkt bekommt, kann dies ebenfalls deutlich spüren. Der Neuropsychologe Daniel Siegel hat dies als ein Gefühl von tiefem Angenommensein beschrieben, das er “a felt sense of being felt” nennt – wir fühlen, dass wir gefühlt werden – ist das nicht erstaunlich?
Dieser Zustand ist die Grundlage für echte Verbindung, von Moment zu Moment.
Sobonfu Somé hat uns gezeigt, wie wirksam es dabei ist, den emotionalen Ausdruck eines Kindes tat-sächlich zu spiegeln, z.B. indem wir das Weinen eines Säuglings sogar imitieren (mimisch und mit Geräuschen!) und erst später tröstend mit ihm sprechen. Auf diese Weise fühlt sich der kleine Mensch gesehen, verstanden, angenommen und sicher.


2. Innere Vielfalt feiern und integrieren!
Jeder Mensch trägt jederzeit eine enorme Vielfalt an Gedanken, Fragen, Stimmen, Zweifeln, Sehnsüchten und Emotionen in sich. Daniel Siegel beschreibt die Summe dieser Anteile wie ein Riesenrad, dass sich um eine gemeinsame Mitte dreht. Verknüpft werden all diese Teile im mittleren Stirnlappen, einem kleinen aber enorm bedeutsamen Teil unseres Gehirns.Dieser mittlere Stirnlappen, der für die Integration aller anderen Hirnteile zuständig ist, so dass aus den vielfältigen Tönen ein Konzert werden kann, ist beim Menschen erst mit etwa 25 Jahren voll entwickelt.
Deshalb sind Kinder oftmals so viel impulsiver in ihrem Handeln – denn Moral, Empathie und Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit sich die Konsequenzen des eigenen Verhaltens für die Zukunft vorzustellen und auch ihre Impulskontrolle, die Fähigkeit, sich zurückzuhalten, wenn es mehr Sinn macht, brauchen noch viele Jahre des inneren Heranreifens.
Kinder und auch Teenager lassen sich somit viel leichter von ihren momentanen Stimmungen und einzelnen Impulsen in ihrem Verhalten und für ihre Entscheidungen beeinflussen und auch leichter verunsichern.
Als Erwachsene können wir sie dabei unterstützen, die Vielfalt der einzelnen Bestandteile sichtbar zu machen und in ein Gesamtbild zu integrieren, indem wir ihnen Worte für das schenken, was in ihnen los ist, mit denen sie die einzelnen Stimmen und Stimmungen ins Bewusstsein rücken können, beispielsweise indem wir immer wieder mit ihnen gemeinsam:
– Sinneseindrücke bewusst machen (“huh, ist der Wind kalt?”, “fühl mal wie glatt der Stein sich anfasst!”)
– schwere Gefühle und Emotionen benennen (“das hat weh getan!” oder “fühlst du dich gerade zornig? Und mit etwas Abstand zur starken Emotion: Wo in deinem Körper kannst du so ein Wutgefühl besonders spüren?”)
– Zweifel, Ängste, Sorgen ansprechen (“fühlst du dich unsicher, ob du zu dem Geburtstagsfest gehen willst, weil du nicht alle Kinder kennst, die dabei sein werden?”)
– Freude und andere positive Emotionen aussprechen (“wow, das hat dir wirklich viel Spaß gemacht, stimmt’s?)
– wenn möglich offene Fragen benennen und gemeinsam entscheiden üben (“Was würde dafür sprechen heute die Regenjacke anzuziehen? Was würde dagegen sprechen?”)
Indem wir für die Kinder sichtbar machen, was im Moment oder zu einem bestimmten Thema alles in ihnen lebendig ist, helfen wir ihrem Gehirn, Komplexität bewusst zu erfahren, Vergnügen daran zu finden und die Vielfalt ihres eigenen Erlebens zu integrieren.
Wichtig ist dabei das Zwiegespräch: Als Erwachsene kann ich nur Vorschläge machen. Ebenso wichtig ist es, auf die Rückmeldungen und die eigenen Bilder und Worte des Kindes zu hören.


3. Überleben fürs Leben!
Kinder wie Erwachsene erleben im sozialen Kontakt immer mal wieder überlebensbedrohliche Angstzustände. Stress, Druck, Scham (von den Eltern oder von ihnen selbst) können dazu führen, dass ihr mittlerer Stirnlappen sich völlig verabschiedet, und stattdessen alle Energie und Entscheidungsmacht blitzschnell ins Stammhirn wandert – unsere Überlebenskampf-Zentrale.
Was von außen wie ein Wutanfall oder eiskalte Starre erscheinen mag, gleicht im inneren Erleben der Begegnung mit einer lebensbedrohlichen Gefahr:
Tunnelblick, Schweißausbrüche und kalte Schauer, Herzrasen, Verminderung des Hörvermögens oder Schwindelgefühle sind Anzeichen traumatischer Erlebnisse, die auch im ganz normalen Alltag über uns und unsere Kinder hereinbrechen können, wenn wir mit passenden Auslösern konfrontiert sind – hier genügt manchmal ein schlimmes Wort oder ein angstauslösender Gedanke über das was gerade passiert.
Mögliche Überlebens-Reaktionen sind entweder Kämpfen (Schreien, Schlagen, Treten, Sachen kaputt machen, sich auf den Boden werfen…), Flüchten (Wegrennen, Türen knallen, sich verstecken,…) oder Erstarren (wegschauen, sich einrollen, Stille, nicht mehr fühlbar sein,…).
Für uns Erwachsene wie auch für die Kinder gilt: Wer gerade ums Überleben kämpft, kann nicht “vernünftig” denken oder handeln.
Daniel Siegel & Tina Bryson beschreiben in ihrem Elternratgeber deshalb, wie wir zunächst langsam die Kinder aus diesem Zustand abholen können – indem wir ihnen zuerst Zeit für den authentischen Ausdruck der Emotionen geben, ohne ihn verstärken oder stoppen zu wollen (Zittern, Schwitzen, Weinen, vor allem mit Tränen, die viele der ausgeschütteten Hormone gleich ausscheiden).
Dann ist es hilfreich, sich körperlich zu bewegen (aufstehen, rennen, hüpfen, spazieren gehen,…). 
Erst danach, wenn das Kind sich wieder entspannt und merklich anwesend und ansprechbar ist, ist es hilfreich (und effektiv!), gemeinsam Worte zu finden, für das was dem Kind passiert ist und was daran so schlimm war.
Solange ein Kind (oder Erwachsener) in seiner Überlebensreaktion gefangen ist, helfen wir am meisten, indem wir denjenigen vor sich selbst schützen und auch Schaden in der Umgebung verhindern. Das kann beispielsweise bedeuten, ein im Streit schreiendes, schlagendes Kind sofort aus dem Zimmer rauszuholen (aber unbedingt bei ihm zu bleiben, um die Angstreaktion nicht noch zu verstärken).
Erst danach, wenn das eigene Erleben soweit integriert ist, die Ruhe und der Frieden wieder hergestellt sind, ist der Boden bereitet, um die Konsequenzen des Verhaltens anzusprechen, beispielsweise ob es angebracht ist, sich zu entschuldigen oder Wiedergutmachung für im Streit Gesagtes oder Getanes zu überlegen.
Anmerkung: Auch als Eltern geraten wir manchmal in die Überlebensreaktion. Für diesen Fall empfehlen Siegel & Bryson beispielsweise den Raum zu verlassen und Hampelmänner zu machen, um selbst wieder runterzukommen, bevor wir ein sinnloses Gewitter über unsere Familie hereinbrechen lassen. 


4. Mit Liebe antworten!
Von glücklichen Paarbeziehungen wissen wir, dass wir positive Erfahrungen mit jemand anders erst ab einem Verhältnis von fünf angenehmen Erlebnissen für jedes negative Erlebnis als ausgewogen wahrnehmen können. In als glücklich erlebten Partnerschaften kommen auf jede als negativ empfundene Interaktion sogar 20 positive Momente!
Als Eltern fühlen wir uns oft in der Pflicht, den Kindern gegenüber Ungeliebtes (wie Verbote) auszusprechen oder soziale Normen durchzusetzen.
Wie können wir dennoch so viele positive Interaktionen fördern, dass sie 20mal mehr sein können, also die vom Kind als negativ empfundenen?
Jon Young brachte vor einigen Jahren von den Buschleuten die Geschichte mit, dass dort jede Form der Disziplinierung den Onkels und Tanten überlassen wird, und die Eltern einzig und allein zum lieb haben da seien. Das wäre hier bei uns im Westen eher schwierig umzusetzen – trotzdem können wir die Betonung auf das Nährende legen!
Der Beziehungsforscher John Gottman beschreibt, dass jede zwischenmenschliche Interaktion eine “emotionale Bitte” enthält, die verstanden und beantwortet werden will. Jeder Blick, jede Geste, jeder gesprochene Satz, jedes “Mama guck mal” oder “Papa mein Turm ist schon sooo groß” enthält zwischen den Zeilen eine Bitte um Liebe und Zuwendung. Bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen.
Jede abgewiesene ignorierte Bitte kreiert einen kleinen schmerzvollen Moment für das Kind. Wenn sie sich häufen, stauen sich Trauer und Enttäuschung an, die sich manchmal Stunden oder Tage später in Aggressionen oder Wutausbrüchen entladen, oft ausgelöst von Kleinigkeiten. Diese Dynamik hat Gottmann in Partnerschaften dokumentiert – und fast noch häufiger finden wir sie in den Interaktionen viel beschäftigter Eltern (wie mir selber!) und ihrer Kinder.
Ein Wahrnehmen und zugewandtes Beantworten der vielen emotionalen Bitten schafft deshalb in hundert kleinen Momenten im Alltag eine Basis für eine gesunde und glückliche Eltern-Kind-Beziehung. Manchmal genügt dafür ein Augenkontakt, es kann auch ein kurzes liebes Wort sein, eine Bestätigung, eine Rückfrage, ein Mitmachen, Anschauen, Umarmen, liebevolles Necken….
Was sind die Signale, die dein Kind als besonders liebe-voll versteht und gern annimmt?



Zusammenfassung



Dies sind die 4 Geborgenheits-Geschenke für die Kinder in unserer Mitte:
1. Hinschauen, erspüren und spiegeln!
Innehalten, sie anschauen, mit dem Herzen erfühlen, wie es ihnen geht, es ihnen in Mimik, Gestik und/oder Worten wiederspiegeln, damit sie fühlen, dass sie gefühlt werden! 


2. Innere Vielfalt feiern und integrieren!
Stimmungen, Emotionen und Gedanken der Kinder Worte schenken, sie mit Fragen zur Wahrnehmung inspirieren, und ihnen helfen die Vielfalt ihrer inneren Anteile bewusst zu erleben – damit sie ihren inneren Beobachter stärken und ihr mittlerer Stirnlappen mit der Zeit zu einer wunderbaren Integrationszentrale heranreifen kann


3. Überleben fürs Leben!
Überlebensreaktionen in mir selbst und meinem Kind erkennen, dann Gefühlsausdruck zulassen, dann Bewegung ermöglichen, dann integrierende Fragen stellen und gemeinsam Worte finden für das eigene Erleben finden. Erst nach Erreichen eines ruhigen, integrierten Gemütszustands die Aufmerksamkeit auf Konsequenzen und was nun gebraucht ist lenken.


4. Mit Liebe antworten!
Emotionale Bitten wahrnehmen und mit Zugewandtheit beantworten, für 20:1 positive Beziehungserfahrungen.
Das Geschenk immer wieder annehmen
Jedes Kind wird geboren mit einer einzigartigen, ganz bestimmten Gabe, die für die Familie und den Ort an dem es geboren wird essentiell gebraucht sind.
Was sind die Gaben deiner Kinder? Was könnte ihre ganz eigene Medizin sein, die sie für dich und die anderen Bezugspersonen mitgebracht haben?
Alle Kinder bringen immer die Gabe mit, uns mit der Zukunft zu verbinden. In ihnen lebt das fort, was wir in die Welt bringen, nicht nur die großen Leistungen, sondern all das was wir Tag für Tag von uns verschenken. Bei den Dagara tragen sie außerdem Botschaften aus der Geistwelt, der Ahnenwelt mit sich, mit der sie noch viel intensiver verbunden sind, als wir Erwachsenen.
Ich glaube, dass die Ehrfurcht und der tiefe Respekt mit dem die Dagara in Burkina Faso und viele andere naturverbundene Kulturen den “kleinen Leuten” begegnen,  auch in unserem Kulturkreis zuhause sind. Denn auch unser Wort “Enkel” stammt von dem althochdeutschen Wort eninchili ab, was “kleiner Ahn” bedeutet.


Ich freue mich darauf, dieses große Geschenk des Lebens, Kinder in unserer Mitte haben zu dürfen, immer wieder gemeinsam mit euch zu feiern, zum Beispiel auch bei unserm Ritualworkshop vom 5.-08. Juli “In unserer Mitte – was die Kinder von uns brauchen”, im wunderschönen Bodenseekreis.
Und freue mich auch besonders, wenn ihr euren Freunden und Bekannten von dem Workshop weitererzählt, so dass wir dabei gemeinsam an einem Großfamilien-Netzwerk für eure Kinder basteln können 🙂

… von Viktoria Zimmer und Julia Talk

Dieser Artikel wurde im Herbst 2017 im Amitiés-Magazin des  Service Civil International (SCI) – Deutscher Zweig e.V. veröffentlicht.

Wie können wir – individuell und kollektiv – Zukunft gestalten?

Die massiven negativen Auswirkungen des Klimawandels schüren Machtkonflikte über knapper werdende Ressourcen. Somit ist der Klimaschutz ein zentraler Bestandteil der Arbeit des deutschen SCI-Zweiges, der als Friedensorganisation für soziale  Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit einsteht.
Um Teilnehmende internationaler Workcamps stärker für umweltbewusstes Handeln zu sensibilisieren, hat die Klima-AG die Idee der Climate Messenger initiiert – dies sind Menschen, die ein bis zwei Tage in ein Workcamp kommen, um einen Study Part bzw. Workshop zu einem klimarelevanten Thema durchzuführen. Dazugehören beispielsweise Klimagerechtigkeit, fossile Rohstoffe und erneuerbare Energien, Mobilität und klimafreundliches Reisen, Boden, Transition Towns, Permakultur oder Naturerfahrung.

Gerade wenn über Klimawandel und Umweltprobleme berichtet wird, entsteht häufig der Eindruck, menschliches Umwelthandeln sei grundsätzlich zerstörerisch. Diesem Glaubenssatz liegt ein Weltbild der Separation von Mensch und Natur zugrunde, dem jedoch zahlreiche aktuelle Forschungserkenntnisse widersprechen, welche belegen, dass es weltweit nachhaltig wirtschaftende Kulturen gab und gibt – der Mensch kann somit auch über lange Zeiträume sogar regenerativ und die Biodiversität fördernd mit seiner Mit-Welt interagieren.
Wir gehen davon aus, dass für Menschen ein persönliches Erleben der Natur ein Schlüssel zu umweltbewusstem Handeln ist. Deshalb haben wir den Fokus in unserem Workshop auf der Königsfarm auf Naturerfahrung gelegt. Wenn ich mich selbst (wieder) als Teil der Natur erlebe, eine emotionale Bindung zur Natur aufbaue und zudem die zwischenmenschliche Verbundenheit mit den anderen Teilnehmenden gestärkt wird (sodass ich mich besonders wohl und geborgen fühle), kann ich leichter zu proaktivem Handeln inspiriert werden, das allen Lebewesen dient.

Dadurch, dass ich meine Wahrnehmung Stück für Stück erweitere und in Kontakt mit meiner Mit-Welt gehe, öffne ich mich, sodass ich den Schmerz um die Zerstörung unserer Erde wahrnehmen kann und mein Schutzbedürfnis für die Natur wächst. Gleichzeitig habe ich die Möglichkeit, mich selbst als Teil eines sich ständig weiter entwickelnden Lebensnetzes zu erfahren und dadurch Dankbarkeit, Wertschätzung und Ehrfurcht vor dem Leben zu spüren. Ich lerne darüber, wer ich selbst in dem großen Ganzen sein kann und welchen besonderen Beitrag ich ganz persönlich zu einem friedlichen, nachhaltigen Miteinander leisten kann. Somit setzte unser Workshop, in dem wir eine von dem deutschen Bildungsunternehmen circlewise entwickelte und praktizierte Pädagogik nutzten und mit Methoden der Tiefenökologie nach Joanna Macy kombinierten, bei tiefer liegenden Ursachen an. Es wurden nicht nur die Symptome einer konsum- und wachstumsorientierten Lebens- und Wirtschaftsweise/-philosophie angesprochen, sondern die Perspektive hin zu einer naturverbundenen, friedvollen und lebensfördernden Kulturentwicklung eröffnet.

Durch den Workshop angeregt erzählte eine Teilnehmerin aus Spanien von einem erfolgreichen Klimaschutzprojekt, welches sie in ihrer Schule initiiert hatte. Dieses Beispiel gab anderen Teilnehmenden Hoffnung und inspirierte sie dazu, eigene kleine (Alltags-)Handlungsmöglichkeiten zu entdecken.
You can’t save the land apart from the people, to save either you must save both.

Wendell Berry

Wenn du Lust bekommen hast selbst aktiv zu werden, sei herzlich willkommen bei unserem Jurtenbau-Workcamp im Juli 2018. Mehr Informationen dazu findest du hier
Oder vielleicht hast du Lust, selbst ein Workcamp zu leiten? Der SCI bietet dazu jedes Jahr mehrere Vorbereitungsseminare an und freut sich immer über Menschen, die gerne mit dabei sein möchten. Alle Informationen findest du hier.

27021438_1287327271402763_8709853789728793126_oIm November 2017 war ich für 3,5 Wochen in Namibia, zusammen mit Judith Wilhelm und Myriam Kentrup von der Wildnisschule Wildeshausen, Paul Wernicke von der Wildnisschule Hoher Fläming, Tim Taeger von Jagwina und einigen anderen Menschen aus sechs weiteren Ländern, begleitet von Caspar Brown von der Wandering Wild School, Lynx Vilden, und Werner Pfeifer von der Living Culture Foundation.

Die Fotos lassen sich durch Anklicken vergrößern.

„Unser Leben früher war wunderbar, doch wir können und wollen die Vergangenheit nicht zurückholen. Einiges aus der modernen Welt gefällt uns, und wir möchten dies zu einem Teil in unserem Leben machen. Aber wir wollen dabei auch unsere eigene Kultur bewahren und lebendig erhalten.“

Frauen der Ju/hoansi, der „ersten Menschen“, im Little Hunters Village

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Bis in die 80er Jahre sind die Menschen des „Little Hunters Village“ noch nomadisch als Jäger und Sammler durch die Kalahari gezogen. Heute leben sie in einem Dorf aus kleinen Zelten und Hütten neben einer solarbetriebenen Wasserpumpe in der Nähe von Tsumkwe, Namibia. Sie sind die einzige Gruppe von Buschleuten in Namibia, die noch jagen dürfen. Zu verdanken ist dies vor allem der Vision und Tatkraft von Werner Pfeifer und der von ihm begründeten Living Culture Foundation.
IMG_1464Die deutsch-namibianische Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, traditionelle Gemeinschaften darin zu unterstützen, „Lebendige Museen“ zu gründen, in denen die Dorfgemeinschaft vollkommen selbstverwaltet ihren Lebensunterhalt damit verdienen kann, Touristen einen Einblick in ihre Kultur und in die Lebensweise ihrer Vorfahren zu geben. Damit wird dem in Afrika wie auch dem Rest der Welt so erstickenden Trend entgegengewirkt, dass gerade die Jüngeren Menschen angesichts des umfassenden Raubbaus an den Lebensgrundlagen ihres Volkes und der äußeren Zwänge, die ehemals nomadisch lebenden Kulturen auferlegt sind, und der damit verbundenenen Aussichtslosigkeit ihrer Lebenssituation, umso mehr alles Traditionelle mit Verachtung fortwerfen, in die Städte abwandern und sich in ein entwurzeltes Dasein stürzen. Statt wegzuziehen und schlecht bezahlte Jobs anzunehmen oder von Regierungsmitteln abhängig zu sein, und in Slums ärmlich dahin zu vegetieren, können die Menschen in den Lebendigen Museen jeden Tag erfahren, wie wertvoll das hoch entwickelte traditionelle Wissen ihrer eigenen Kultur auch heute noch ist. Viele junge Leute im Little Hunters Village wollen gern vor Ort im Kreis der gesunden und blühenden Gemeinschaft bleiben und selbst noch bessere Fährtenleser, Jäger, Kräuterkundige und MeisterInnen ihres Handwerks werden.
IMG_1490Das Little Hunters Village ist dabei keineswegs ein entlegener Ort, auf den noch nie ein westlicher Mensch vorher einen Fuß gesetzt hat. Die Menschen im Dorf haben Mobiltelefone, sie führen gemeinsam ein erfolgreiches Unternehmen, mit dem sie ein vergleichsweise gutes Einkommen erwirtschaften, einige von ihnen waren schon mehrere Male in Europa beispielsweise bei Spurenleser-Konferenzen und sie werden in ihrem Alltag von Touristen besucht, denen sie ihre traditionelle Lebensweise vorführen und erlebbar machen.
DSC_2395Und doch scheinen sie im Vergleich zu vielen anderen traditionellen Gemeinschaften in Afrika nicht mehr Opfer der sich ausbreitenden Zivilisation zu sein, sondern einen Weg gefunden zu haben, die Veränderungen so zu navigieren, dass sie trotz aller Verluste gesund und glücklich leben können und die Gemeinschaft innerhalb ihres Dorfes erhalten bleibt.
Mit großer Klarheit und Bewusstheit sprechen die Ju/hoansi hier über ihre Kultur, die sie bewahren und lebendig halten wollen. Auf unsere Frage danach, was sie als Herz ihrer Kultur ansehen, welches die Elemente sind, die sie weiterhin lebendig erhalten wollen, sind sie sich schnell einig: “Das Jagen und das Sammeln, die Heilungstänze und die Art und Weise wie wir unsere Kinder ins Leben begleiten.”

Traditionelles Handwerk

IMG_1369Schon vor 2000 Jahren haben die Buschleute begonnen, selber Eisen zu verhütten, das an vielen Orten der Kalahari auch an der Erdoberfläche zu finden ist. Seitdem stellen sie Pfeilspitzen, Messer und ein von den Bantu übernommenes Allzweckwerkzeug her, das Chop-Chop. Die Schmiedearbeit braucht heutzutage nur ein ganz normales kleines Feuer, einen im Sand mehr oder weniger festen Amboss (beispielsweise aus einem Stück Eisenbahnschiene), einen dicken kurzen Hammer und als Rohstoffe rostige Nägel, Bolzen oder Stücke von den Metallverstrebungen für Betonkonstruktionen.
IMG_1368 KopieDie traditionelle Kleidung ist aus gegerbtem Leder. Dabei wird die Tierhaut am Boden aufgespannt, dann trocken von beiden Seiten geschabt und mit einer zu Brei gehauenen dicken Zwiebel eingestrichen. Nach etwa zwei Stunden Einwirkzeit kann sie nun beim Trocknen weich gezogen werden.
Grabstöcke sind wichtige Alltagswerkzeuge, deren gegabelte Enden dabei helfen, sich einen Weg durch dorniges Gestrüpp zu bahnen, und deren schwertartig zugespitzte und über dem Feuer gehärtete Enden ermöglichen, auch Wurzeln und Knollen auszugraben, die einen halben Meter oder noch tiefer im Boden versteckt sind.
IMG_1321Viele der alten Fertigkeiten sind erst in den letzten Jahren wiederbelebt worden, seit es das Living Museum ermöglicht, damit einen Lebensunterhalt zu verdienen. Während unserer Reise nutzen die Ju/hoansi die seltene Gelegenheit, zusammen mit Besuchern so viele Tage Zeit für die einzelnen Arbeiten zu haben, um auch voneinander mehr zu lernen und sich im Schmieden, Gerben und Holzwerkzeuge herstellen zu üben. Einige jüngere Leute probieren dabei einige der Techniken zum allerersten Mal aus.

Fährtenlesen und Jagen

IMG_1482Gemeinsam mit einigen Jägern und „Meister-Trackern“ gehen wir immer wieder auf Spurensuche. Meistens führen sie uns mit Fragen dahin, zu entschlüsseln, was passiert sein könnte, wer hier lang gelaufen ist, in welcher Richtung, wann und in welcher Stimmung? Einmal entdecke ich einen unscheinbaren feuchten Fleck im Sand, etwa sieben Zentimeter lang, inmitten von einer Vielzahl von Paarhufer-Trittsiegeln. Mit einem kurzen Blick darauf erkennt !Oma, wie hier ein Gnu-Weibchen gelagert und wie sie ihr Kalb geboren hat, in der Nacht zuvor. Mit Händen und Füßen beschreibt er die Geschehnisse, die er anhand der Spuren ganz klar vor seinem inneren Auge sehen kann.

Nahrung sammeln

IMG_1414 KopieDie Kalahari besteht vor allem aus trockener Savanne mit sandigen Böden, die kaum Wasser an der Erdoberfläche zu halten vermögen. Die unwirtliche Landschaft blieb lange Zeit verschont von der Zivilisation, weil sie für Viehhirten und Ackerbauern nicht besiedelbar war. So konnten die Buschleute, die in der Lage waren, das in der Landschaft in Knollen, Wurzeln oder Baumstämmen versteckte Wasser zu nutzen, hier viele Jahrhunderte trotz der Kolonialisierung relativ geschützt überleben.
DSC_2106Die Wasserwurzel beispielsweise ist saftig und süß, wie ein Obst, das unter der Erde wächst. Zu Beginn der Regenzeit, wo mit dem Wasser auch das Leben in die Landschaft zurückkehrt, finden wir bei unseren Sammel-Ausflügen voller Lachen und Gesang gemeinsam mit den Frauen und Kindern des Dorfes zudem harte süße Beeren, säuerliche rote pflaumenartige Früchte, viele essbare Kräuter, stachlige Gurken, allerlei Pflanzen mit Heilwirkungen und Wurzelknollen zur Herstellung eines roten Farbstoffes.
Heute, im Zeitalter solarbetriebener Wasserpumpen, ist die Heimat der Buschleute stark dezimiert und ein nomadisches Umherziehen ist nicht mehr möglich. Viel zu viele Flächen der Kalahari sind als Rinder- oder Wildtier-Weiden umzäunt, oder werden als Schutzgebiete für die Großwild-Jagdabenteuer von Trophäen-Jägern aus dem Ausland genutzt, die zig tausende von Euros für einen Elefanten oder eine Raubkatze bezahlen.
IMG_1409Die Jagd auf die Elefanten hat die einstmals friedlichen Riesen in gefährliche Tiere verwandelt. Meist werden die Ältesten einer Herde geschossen, weil sie die größten Stoßzähne haben, und zurück bleiben verunsicherte Gruppen halbwüchsiger Elefanten, die gereizt und aggressiv auf die Nähe von Menschen reagieren.

Friedvolles Miteinander

IMG_1256Einfach zusammen sein, die Frauen neben den Frauen, die Männer neben den Männern, dazwischen die Kinder wo auch immer sie wollen, über Gesten und Blicke die Verbindung haltend, aufmerksam wahrnehmend, was rundum vor sich geht und dabei gelegentlich Scherze machen und in Gelächter gleiten, oder spontan zum Singen, Tanzen oder Spielen aufspringen…. so habe ich die Ju/hoansi vor allem erlebt. Der Umgang miteinander wirkt auf mich sanft, entspannt und gelassen und vor allem humorvoll. Wenn jemand von uns an die Gruppe eine Frage stellt, reden auf einmal lauthals alle durcheinander, unterbrochen von Gelächter. Der Dolmetscher hört zu und verkündet irgendwann: „Wir sehen das soundso…“, und dazu nicken alle feste, sind sich einig.
IMG_1459 2Das „wir“ ist allgegenwärtig. In einem Morgenkreis ist klar: Manche von uns Besuchern schaffen es kaum, ihre Handwerksarbeiten rechtzeitig zu beenden. Als ich völlig ermattet von der Aussicht auf mehr anstrengendes Schmieden zu unserem Feuer zurückkomme, resigniert neben Damh dem Meisterschmied zu Boden sinke, weil auch meine Chop-Chop-Klinge einfach nicht breiter werden will, egal wie viel ich mit Armen wie Pudding auf ihr rumhämmere, schaut er mich entschlossen an und sagt: „WIR werden alle Werkzeuge rechtzeitig fertig stellen, weil WIR nämlich stark sind.
IMG_1501Entscheidungen werden von allen im Dorf gemeinsam getroffen. Niemand wird ausgegrenzt oder zu irgendetwas gezwungen. Wenn die jungen Mädchen kein Menarche-Ritual mehr machen wollen, weil sie lieber modern sein möchten, dann sorgt das für viel Besorgnis und Gespräche darüber – Zwang gibt es jedoch nicht.
Wenn Mann und Frau sich nicht einig darüber sind, in welchem Dorf sie leben wollen? „DANN brauchen sie es, miteinander zu reden!“ Und auch Schwestern, Brüder, Tanten, Onkel und vor allem die Ältesten reden in so einem Fall mit, unterstützen, vermitteln, helfen, eine gemeinsame Lösung zu finden.

Mit den Kindern

IMG_1377Morgens beim Spazierengehen treffe ich Kinder, immer in kleinen Grüppchen. Sie lachen, wenn ich ihnen Spuren zeige und ratlos die Hände in die Luft strecke. Dann erklären sie mir alles geduldig in Ju/hoansi Sprache und finden es noch lustiger, wenn ich probiere ihre Klick-Worte nachzusprechen. Alle Pflanzen scheinen die 6-8jährigen schon sicher zu kennen, und die Spuren jedes Säugetiers. Die etwas älteren Jungen jagen oft schon selber Eidechsen oder Wachteln mit einer Steinschleuder.
Im Lager spielen die Kinder oft miteinander Kreisspiele und beweisen unglaubliche Geschicklichkeit mit Kürbis-Kugeln, und schnelle Reaktionskraft. Sie lieben es, wenn wir Besucher ihnen Lieder, Tänze oder Spiele beibringen, merken sich alles sofort und probieren es uns immer wieder zu entlocken, indem sie die Melodien selber anstimmen und uns zum Mitmachen auffordern.
27023380_1287305274738296_6449909772532425954_oEine Künstlerin aus New York hat eine Löwenmaske mitgebracht, die immer wieder von einem Kinderkopf zum andern wandert und vor Vergnügen quietschende Antilopen jagt. Werner hat viele Pfeile und Bögen dabei, mit denen vor allem die Jungen stundenlang auf einen Springbock aus Stroh schießen.
Viele ältere Mädchen kümmern sich liebevoll um kleinere Kinder, tragen sie herum und versorgen sie. Obwohl jedes Mädchen („natürlich“ sagen sie!) die Freiheit hätte, auch das Jagen zu erlernen, sei das einfach so noch nicht vorgekommen. Die Frauen reagieren mit Staunen und Begeisterung, als Lynx Vilden erzählt, dass sie früher lieber ein Junge sein wollte und selbst zuhause Jägerin ist, und /Noshae erzählt darauf lachend, dass auch sie als Kind ein sehr wildes Mädchen war.
IMG_1508Kampfspiele werden überhaupt nicht gespielt. Wenn die Erwachsenen die Kinder beim Kämpfen erleben, werden sie sofort daran erinnert, nicht zu streiten, nicht zu kämpfen, weil dies wichtig dafür sei, den Frieden für alle in der Gemeinschaft zu wahren.
Die kleinen Kinder werden in Tüchern herumgetragen und klettern und kuscheln unermüdlich vor allem mit den Frauen und Mädchen, aber auch mit den Männern. Weinen wird als ganz natürlich angesehen und die Erwachsenen begegnen Tränen und Geschrei mit sanftem, unaufdringlichem Trösten.

Lernen durch Beobachtung

Lernen durch Beobachtung

Gelehrt wird vor allem durchs Vormachen. Einmal hilft mir Dahm der Älteste beim Aufspannen meines Impala-Fells, während zwei etwa sechsjährige Jungs mit wachsendem Interesse zuschauen. Kurz vorm Abschluss fragt er sie kurz etwas, erklärt dann noch zwei Sätze, und geht einfach ganz woanders hin, lässt sie die Arbeit komplett alleine zuende bringen. Es brauchte eine Weile, bis sie die Technik so richtig raus haben, dabei beratschlagen sie miteinander, sind vorsichtig mit dem Holz”hammer”, der auch schon mal auf dem Daumen landet, und probieren behutsam so lange herum, bis alles gut klappt.
Die Frauen der Ju/hoansi erzählen uns, dass die Kinder das Wichtigste schon lernen müssen, bevor sie in die Schule gehen, damit sie die alten Weisen weiterführen und praktizieren. Würden sie zulange warten, führe das dazu, dass die Kinder „nur noch spielen wollen“, wenn sie nachmittags nach Hause kommen. Schafften sie es aber, die Kinder schon vor der Schule gut auf den Weg zu bringen, gelänge es auch, dass die Kinder das moderne Leben und die eigene Kultur miteinander integrieren können.

Spielen

26840855_1287556744713149_4715343524628780931_oVor allem die Frauen und die Kinder lieben es, mit uns zu spielen, ab und zu auch die Männer. Kreisspiele mit komplizierten Regeln, wo es um Geschicklichkeit und Humor geht, sind besonders beliebt. Oft spielen die Erwachsenen unter sich, die Kinder dürfen es ihnen dann später nachmachen. Bei einem Spiel verhakelt man im Kreis ein Bein mit dem Bein eines Nachbarn und so hüpfen alle herum, bis sie umpurzeln. Ein anderes Spiel singt vom Großvater der mit Fleisch nach Hause kommt und es nicht mit den Kindern und Frauen teilen will. Er probiert, sich aus dem Kreis zu verdrücken, wird aber von den schnell an allen Seiten heruntergezogenen Armen aufgehalten – bis er doch den Ausbruch schafft.

Mann und Frau

IMG_1451Die Ju/hoansi heiraten früh und führen in der Regel Ehen mit nur einem Partner. Die meisten Kinder werden erst geboren, wenn die Frauen so um die 20 Jahre alt sind. Kleinfamilien teilen sich eine Hütte oder ein Zelt. Tagsüber und an den Abenden sitzen meistens die Frauen zusammen und die Männer zusammen, oft räumlich nah beieinander. Körperliche Intimität zwischen Partnern wird nicht öffentlich gezeigt, auch Umarmungen oder Küssen kann man nicht beobachten. Viele Paare haben fünf bis sechs Kinder, für die beide Eltern verantwortlich bleiben und sorgen müssen, auch wenn sich ein Paar trennen sollte.

Heilungs-Tanz

Im Dorf der Ju/hoansi wird der traditionelle Heilungstanz getanzt. Dabei nutzt der Heiler die göttliche Energie, das /nom, das im Körper unter Schütteln, Schwitzen und Tönen erweckt wird und dann über Berührung weitergegeben wird, um als Medizin zu wirken. Während des Tanzes können die Heiler in Visionen wichtige Botschaften für die Gemeinschaft und für einzelne Leute erhalten.
IMG_1798Der Tanz kann nur gemeinsam durchgeführt werden und das Singen und Klatschen der Dörfler, vor allem der Frauen, ist genauso wichtig wie die Rolle der Heiler selbst. Während die Klicksprachen der einzelnen Buschleute-Völker im südlichen Afrika trotz ihrer gemeinsamen Wurzeln sehr unterschiedlich sind, so dass die Menschen Dolmetscher bräuchten, um sich zu unterhalten, sind viele Lieder und Tänze sich immer noch erstaunlich ähnlich. So kann davon ausgegangen werden, dass sie wirklich seit einer unglaublich langen Zeit fast unverändert von Generation zu Generation weitergegeben wurden.

Die Natur

IMG_1462Es ist schwer zu beschreiben, wie aufregend es ist, in der offenen und verlockenden Landschaft der Savanne unterwegs zu sein, wo die Neugier, was hinter dem nächsten Baum oder Busch warten könnte, uns immer weiter und weiter lockt. Wie es sich anfühlt, eine frische Leopardenspur zu erahnen oder ungläubig auf die rehförmigen, aber gewaltig großen Trittsiegel einer Giraffe zu starren. Wie das Herz kurz aussetzt, wenn wir eine der tötlichsten Schlangen, die schwarze Mamba, noch gerade wegzischen sehen oder beim Morgenspaziergang das löwengebrüllartige Posaunen eines Elefanten hören. Wie es ist, von panischen Schreien im Nebenzelt aufgeschreckt zu werden, wo eine riesige giftige Spinne gerade zum Sprung ins Gesicht angesetzt hat, oder zu spüren, wie der Mund einfach offen stehen bleibt, nachdem eine Herde Berberaffen vorbei gerannt ist – als könnten sie alle miteinander nur der Fantasie entsprungen sein.
DSC_0525In der Kalahari ist alles voller Dornen, viele Singvögel sind bunt und prachtvoll, es ist gefährlich, nachts ohne Taschenlampe spazieren zu gehen, und wie genau die Erdlöcher der Skorpione aussehen ist eine wichtige Information gleich beim Ankommen.
Der feine Sand ist innerhalb von wenigen Tagen überall, überall, und wird in der Sonne mittags so heiß, dass dünne Gummisohlen kaum ausreichen, sich nicht die Füße zu verbrennen und die Solargeneratoren vorm Wegschmelzen geschützt werden müssen. Dann ist es wunderbar, einfach nur in der Hängematte zu liegen und die Hitze zu genießen.
IMG_1345Am meisten berührt hat mich ein uralter Baobab-Baum mit vielen meterdicken Stämmen, die teils aufrecht wachsen und teils wie ein gewaltige Lindwurm-Leib über die Erde kriechen. Vielleicht ist dieses wunderbare Baumwesen das Herz des Universums – so hat es sich zumindest angefühlt als wir im kupfernen Licht des Sonnenuntergang zu ihm gelangten, umkränzt von einem doppelten Regenbogen, wie ein Willkommens-Gruß um noch viel tiefer zu landen in dieser wunderschönen Landschaft, und uns auf ihre Geheimnisse einzulassen, hier in dem Land, wo unser aller Ahnen vor unfassbar langer Zeit zu Menschen geworden sind.
Für die Bilder geht Dank an Werner Pfeifer, Judith Wilhelm, Myriam Kentrup, Paul Wernicke, Tim Taeger, Caspar Brown, David Willis, Ajax Axe und Nicola Mosley.

Geschichten als eine Hälfte des Wissens

Der Harvard-Professor Marshall Ganz schreibt, wir würden die Welt auf zwei Weisen interpretieren: Analyse und Erzählung. Während es bei der Analyse um Vernunft und Beweise gehe, würden wir unser Verständnis davon, wer wir sind, wohin wir gehen und warum durch Erzählung entwickeln.

Erzählungen drückten eher aus, wie wir bestimmten Dingen gegenüber empfinden, als was wir über sie denken. “Die ‘Wahrheit’ einer Geschichte liegt darin, wie sie uns bewegt,” schreibt er. “Diese uralte Form der Interpretation hilft uns dabei, die Frage zu beantworten WARUM wir handeln sollten – was unsere Motivation ist.”

Marshall Ganz unterrichtet ein Fach, dass sich “Public Narrative” nennt – Öffentliches Erzählen. Er beschreibt sein Grundverständnis wie folgt: “Geschichtenerzählen ist handlungsorientiertes Reden – wir übertragen damit unsere Werte direkt in eine Motivation zum Handeln. Eine Geschichte besteht aus nur drei Elementen: die Handlung, die Charaktere und die Moral. Die Auswirkungen der Geschichte hängen vom Rahmen ab: Wer die Geschichte erzählt, wer zuhört, wo diese Menschen sich aufhalten, warum sie dort sind und wann.”

Besondere Bedeutung misst er der eigenen, persönlichen Geschichte bei: Wir würden dabei enthüllen, was für ein Mensch wir sind, was die Quellen unserer Werte sind, auf eine Weise die es anderen ermöglicht, sich damit ein Stück weit zu identifizieren. Je mehr Details aus unserem Leben wir dabei erinnerten, desto mehr könnten wir unser Gegenüber bewegen.

Verbreitete Mythen über das Gedächtnis

Der Begründer der Interpersonalen Neurobiologie Dan Siegel beschreibt in seinem Buch “The Whole Brain Child” zwei weit verbreitete, falsche Annahmen darüber, wie das Erinnern funktioniere:

Mythos #1: Gedächtnis sei wie eine Art Karteikasten im Kopf. Wenn du dich an etwas erinnern willst, bräuchtest du nur den richtigen Hefter im Gehirn hervorzuziehen und die Erinnerung läge vor dir. 

In Wirklichkeit ginge es beim Erinnern vor allem ums Assoziieren, betont Siegel. Das Gehirn sei eine Art “Assoziations-Maschine”, wo etwas Gegenwärtiges wie ein Gedanke, ein Gefühl, ein Geruch oder Bild beständig mit etwas Vergangenem verknüpft würde. Die vergangenen Erlebnisse beeinflussten also andauernd, was und wie wir in der Gegenwart wahrnehmen.

Damit beschreibe der Begriff Gedächtnis an sich eigentlich die Art und Weise in der ein vergangenes Erlebnis sich auf die Gegenwart auswirke. Da jedes Mal wenn Dinge sich gleichzeitig ereignen die dafür stehenden Neuronen gleichzeitig “feuern”, kommt es zu Verbindungen, die aktiviert werden, sobald einer der beiden Reize stattfindet. Wenn ich beispielsweise mehrere Male erlebt habe, dass vor Beginn eines Workshops der Raum geräuchert wird, löst der Geruch von Salbei (oder was auch immer verwendet wurde) in mir ein (vielleicht sogar unbewusstes) “mich innerlich bereit machen” aus, weil mein Gehirn aufgrund der vorherigen Erfahrungen erwartet, dass jetzt gleich etwas losgeht.

Mythos #2: Gedächtnis sei wie eine Art Kopiergerät. Wenn man Erinnerungen abruft würde man eine genaue Reproduktion dessen sehen, was sich in der Vergangenheit ereignet hat. 

Auch hier betont Siegel, dass dies nicht der Realität entspreche. Vielmehr würde man sich zu jedem Zeitpunkt unterschiedlich erinnern. Der Vorgang des daran Erinnerns verändere ein Erlebnis, manchmal leicht, manchmal sogar ganz drastisch. Deshalb gibt eine unserer Ältesten, Julie Langhorne aus Kalifornien, oft den Rat, bei Konflikten nicht zu probieren, Geschehnisse aus der Vergangenheit zu Rate zu ziehen, denn “alle Beteiligten erinnern sich sowieso falsch”.

Oder wie Siegel es nennt: “Die Geschichte die du erzählst, ist weniger eine Abbildung der tatsächlichen Historie, als eine auf der Historie basierende Fiktion.”

Zwei Arten des Erinnerns

Wenn man Autofahren lernt, braucht es eine ganze Weile, bis alle unterschiedlichen Handlungen miteinander koordiniert sind und flüssig ablaufen: Kuppeln, Gas geben, Schalten, Lenken, Blinken, Bremsen, Schalten… erst mit der Zeit schaffen wir es, dies ohne groß nachzudenken zu tun und dann später nebenbei vielleicht sogar Unterhaltungen zu führen, zu essen, die Schönheit der Landschaft wahrzunehmen oder uns im Gewirr einer großen Stadt zu orientieren.

Dies ist laut Dan Siegel eine Form des Erinnerns: Vergangene Erfahrungen beeinflussten unser Verhalten in der Gegenwart – ohne dass wir uns überhaupt bewusst seien, dass unser Gedächtnis gerade aktiv ist. Man nennt dies “implizites Erinnern“.

In dem Moment wo wir statt des Autofahrens aber zurück denken würden an die ersten Stunden in der Fahrschule, die dazugehörigen Emotionen und Körpergefühle wieder in uns wach werden ließen, seien wir uns bewusst, dass wir gerade etwas erinnerten. Der Begriff hierfür ist “explizites Erinnern“.

Der Haken unbewusster Erinnerungen

Unser gesamtes Leben lang, würden wir so schreibt Siegel, implizite Erinnerungen speichern. In den ersten 18 Lebensmonaten sogar ausschließlich. Diese impliziten Erinnerungen seien der Grund dafür, dass in uns Erwartungen entstünden, darüber wie die Welt funktioniere. Im Kern wäre dies ein Prozess dessen Sinn und Zweck es sei, uns sicher und außerhalb von Gefahren zu halten. Wenn wir etwas sehr Unangenehmes erleben, wird ein Teil der Geschichte (zunächst) implizit gespeichert. Ein kleines Kind, dem beim ersten Tauchversuch jede Menge Wasser in die Nase läuft, wird vielleicht Monate später beim Anblick eines Sees alles daran setzen, nicht hineingehen zu müssen.

Siegel schreibt: “Wann immer ein Kind sich ungewöhnlich unvernünftig zu verhalten scheint, kann dies vielleicht daran liegen, dass eine implizite Erinnerung ein mentales Modell erschaffen hat, bei dessen Erforschung wir das Kind unterstützen sollten.” 

Er beschreibt weiter, dass durch das sanfte, und manchmal sehr langsame Hervorlocken der Ursprungserinnerung möglich würde, dass aus der impliziten eine explizite Erinnerung würde – mit der unser Gegenüber auf eine absichtsvolle Weise umgehen kann. Der Hippocampus sei ein Teilbereich des Gehirns, der genau für diese Aufgabe zuständig wäre – das Zusammenpuzzeln der impliziten Fragmente zu einem expliziten Gesamtbild, einer Geschichte, die ich erzählen kann.

Lebenskrisen und Geschichten

Unser Bindungsverhalten, das heißt die Art und Weise, wie wir in Beziehung gehen, wird in erster Linie durch implizite Erinnerungen geprägt. Am deutlichsten wird dies oft in Partnerschaft, oder wenn wir als Erwachsene selbst Kinder bekommen und dabei feststellen, dass wir ähnliche Verhaltensweisen zeigen, wie wir sie von unseren eigenen Eltern kennen. In manchen Fällen bedeutet dies leider ein Zurückfallen auf ungesunde Beziehungsmuster, die eine sichere, geborgene Bindung für die Kinder nicht ermöglichen können.
Neurobiologisch betrachtet gibt es einen Ausweg:
“Unterm Strich geht es vor allem um das, was wir die “Geschichte unseres Lebens” nennen könnten – die Geschichte die wir selbst darüber erzählen wer wir sind und wie wir zu dieser Person geworden sind. Die Geschichte unseres Lebens bestimmt, welche Gefühle wir mit unserer Vergangenheit verbinden, sie bestimmt unser Verständnis dafür, warum die Bezugspersonen in unserem Leben sich so verhalten haben wie sie es taten, und unsere Wahrnehmung davon, inwieweit unsere Erfahrungen unsere Entwicklung beeinflusst haben. Wenn wir unsere eigene Geschichte in sich folgerichtig und kohärent erzählen können, haben wir es geschafft, unserer Vergangenheit einen Sinn zu geben.”
Siegel betont, dass die Forschung klar zeige, dass auch Erwachsene die selbst eine weniger-als-optimale Kindheit durchlebt hätten, gute Eltern werden und Kinder großziehen könnten, die sich ebenso geliebt und sicher gebunden fühlen, wie die Kinder von Eltern deren eigenes Familienleben bereits liebevoll und Halt gebend gewesen sei. Nicht die Lebenserfahrung sei der letzte ausschlaggebende Punkt, sondern der Grad unserer Verarbeitung des Erlebten.
“Indem du deiner Vergangenheit einen Sinn gibst, kannst du dich von einer Last befreien, die anderenfalls ein generationenübergreifendes Erbe von Leid und unsicherer Bindung mit sich bringen könnte. Stattdessen wird es dir möglich, selbst ein Erbe der Geborgenheit und Liebe für die Kinder weiterzugeben.” 

Foto: Shutterstock.com

 

Erinnern üben

Mit dem Gedächtnis ist es wie mit allen Funktionen des Gehirns – indem wir es üben, gedeiht und wächst es.

Für schmerzhafte Erinnerungen gilt: Je besser wir sie explizit erinnern können – desto klarer können wir sie verarbeiten und einen Sinn in ihnen finden.

Und für schöne Erinnerungen gilt: Je besser wir sie explizit erinnern können – desto weitreichender und bestimmender können sie für unser Leben werden.

Deshalb empfiehlt Dan Siegel, so viel wie möglich gemeinsam Geschichten zu teilen, sowohl über die schönen, als auch über die schwierigen Momente des Lebens.

Wir können dies für uns selbst, für die Menschen um uns herum und auch für die Kinder in unserem Umfeld nutzen.

Die Kraft des Zuhörens

Als Zuhörer habe ich die Gelegenheit und Aufgabe, mich nicht passiv von den Geschichten berieseln zu lassen, als würde ich vor dem Fernseher sitzen. Vielmehr können die Geschichten den Raum füllen, den ich bereite – ich locke die Geschichten heraus, durch mein Zuhören, mein Vertrauen, meine Fragen, meine Aufmerksamkeit, Anteilnahme, mein den anderen so-sein-lassen und in seinen eigenen Lösungswegen ermächtigen und meine Wertschätzung.

“Meine Großmutter hat in mir den Grundstein für meine Freude am Frösche-fangen und Angeln gelegt. Oma wusste, was ihre Aufgabe war. Ihre Aufgabe war es, meine Geschichten einzufangen. Dadurch dass ich eine Oma hatte, die zuhause auf mich wartete, wollte ich jede Menge Sachen entdecken, lernen und sammeln, wenn ich draußen unterwegs war.

Jon Young

Die Rolle der Ältesten

Bei den Dagara in Burkina Faso wird einmal im Jahr ein Fest gefeiert, das die Verbindung zwischen den Ältesten und den Jüngsten, den Kindern, stärke.

Sobonfu Somé erzählt, das diese beiden Altersgruppen miteinander den meisten Austausch im Dorf pflegten – die Kinder seien bis zu einem Alter von etwa fünf Jahren noch viel stärker mit der geistigen Welt verbunden und würden wichtige “Nachrichten” überbringen können. Außerdem würden sie jeden Tag so vieles erleben – und wer hätte mehr Zeit, dies anzuhören als die Ältesten des Dorfes?
Ein wichtiger Bestandteil der Feierlichkeiten sei es, dass die Älteren den Kindern versichern, immer für sie da zu sein, wenn sie jemandem ein Erlebnis oder irgend etwas anderes erzählen wollten.
Und der Begriff Ältester in der Dagara Sprache? Er bedeute:“eine Person die so lange vom Leben im eigenen Saft gekocht wurde, bis sie richtig wohlschmeckend wurde”.
Wer könnte sich besser für das Anhören von Geschichten aller Arten eignen, als jemand auf den diese Beschreibung zutrifft?

2012-08-20 20.37.37

Wege zum Geschichten teilen…

Unserer Erfahrung nach gelingt das Geschichten teilen am besten wenn Älteste dabei sind – aber es ist auch ohne ihre physische Anwesenheit möglich.
Bewährt hat sich in Gruppen:

  • im Kreis sitzen oder zu zweit sitzen oder beim gemeinsamen Tun in den Redefluss kommen…
  • eine Kerze, Blumen, ein Feuer oder etwas anderes Kraft spendendes dabei haben…
  • still werden, den eigenen Körper und Geist erspüren und mit Rehohren darauf lauschen was zwischen den Worten zu hören ist…
  • einen Redestab oder Stein durch die Hände wandern lassen…
  • Geschichten in Karten einzeichnen, in gemalte Bilder verwandeln, zu Liedern oder Gedichten spinnen…
  • mit Fragen tiefer tauchen, Bilder, Emotionen, Gefühle wach werden lassen und würdigen…
  • einen besonderen, durch ein einfaches Ritual gewidmeten Raum für auftauchende Trauer und andere starke Emotionen zu schaffen, beispielsweise einzuladen, sie an eine Kerzenflamme, an die Erde, an ein natürliches Gewässer loszulassen…
  • die Erlebnisse mit Vergangenheit und Zukunft verbinden, mit etwas ganz anderem verknüpfen, Sinn finden und erfinden…
  • Erlebnisse nachspielen und gemeinsam mit den anderen noch einmal erleben…
  • und vieles mehr!

Geschichten von uns selbst, von uns allen und vom jetzt!

So wie Marshall Ganz schreibt, ermöglichten wir jedes Mal wenn wir eine Geschichte erzählen unserem Gegenüber, die Werte zu erleben, die uns zum Handeln bewegen würden. Diese persönlichen Geschichten seien jedoch nicht alles: Vielmehr seien sie eingebettet in und verwoben mit den Geschichten unserer Kultur, unserer Eltern, Freunde, Filme die wir gesehen haben, Büchern die wir gelesen haben und all dem woran wir glauben.
Indem wir unsere eigene, persönliche Geschichte mit der einer größeren Gruppe oder Gemeinschaft verknüpften, deren Werte wir teilten, könne daraus eine sehr viel Kraft entfesselnde Geschichte von uns Allen werden. Aus beidem könnten wir dann gemeinsam eine Geschichte unseres Jetzt machen, indem wir die Herausforderung aufzeigten, vor der wir alle stehen. Im Angesicht dieser Herausforderung könne die Aussicht auf eine unseren gemeinsamen Werten entsprechende Zukunft uns zu einem gemeinsamen, in Einigkeit vollführten Handeln im Hier und Jetzt verlocken.
Auf diese Weise kann jede von uns miteinander geteilte Geschichte dabei helfen, Kultur zu wandeln und für die Zukunft diejenigen Werte möglich zu machen, die wir gemeinsam einladen wollen.
Jede Geschichte ist damit wie ein Fenster: Wir holen Vergangenheit in die Gegenwart – und in diesem Moment wird sie sich auswirken auf die Zukunft.

Mehr dazu gibt es in unserem Circlewise Leadership Training…

 

spiel

In der neuen Oya-Ausgabe findet sich ein Artikel von mir über das Spiel und die Bedeutung des Spielens für unsere Beziehung zur Welt:

Oft befällt mich eine anfängliche Beklommenheit, sobald es ans Spielen mit anderen geht. Vor mir spüre ich, wie ein noch unbekannter Mikrokosmos mit seinen eigenen Regeln entsteht. Die Naturgesetze bleiben zwar auch in diesem Raum erhalten, nach wie vor unterliegen wir der Schwerkraft – viel mehr aber nicht.

Die sozia­len Konventionen fallen weg, und das Ich, das ich vor mir hertrage, wird neu erfunden. Ich weiß zu Beginn des Spiels nicht, wie ich selbst in all dem sein werde. Meine Identität wird sich sprunghaft verändern.
Es ist vor allem die Angst davor, die Verbindung zu den anderen zu verlieren, die mich hemmt, weil ich Scham empfinde – ein Gefühl, im Kern nicht gut genug zu sein. Lasse ich mich dann doch darauf ein, dauert es oft nur zwei Minuten bis zur Befreiung. Leichtigkeit kommt, Heiterkeit. Ich spüre meinen Körper, meine Sinne, fühle mich sogar stärker mit den anderen verbunden als zuvor.

Die US-amerikanische Sozialforscherin Brene Brown erklärt: Wenn wir Verbindung wollen, geht es im Grund immer darum, unser eigenes Gefühl von Scham zu umarmen, unsere Hemmungen zu überwinden und uns selbst zu zeigen. Das beängstigende Spüren der eigenen Verletzlichkeit ist die Türschwelle zur Verbundenheit miteinander. Und das Spiel kann die Tür sein.[…]”
Den gesamten Artikel findest du hier…

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