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1964 schüttelte das Große Erdbeben von Alaska die Stadt Anchorage für anderthalb Stunden durch und beließ kaum einen Stein auf dem anderen. Ganze Ladenzeilen verschwanden bis zum Dach in sich auftuenden Erdspalten. Das gesamte Leben spaltete sich ebenso, in ein “davor” und ein “danach”.

Katastrophen überleben

Viele ältere Menschen heute haben Katastrophen überlebt. So wie mein Vater, der 1945 als Fünfjähriger zu Fuß mit seinen Eltern aus dem heutigen Kaliningrad flüchtete. Meine Oma schob dabei den Rollstuhl mit ihrem von einem Granatsplitter querschnittsgelähmten Mann, auf dessen Schoss die meiste Zeit mein damals dreijähriger Onkel saß. Als sie im fast 700 km entfernten Dargun in Mecklenburg ankamen, konnten sie nicht mehr weiter: Denn Wehen setzten ein und in einer Scheune gebar meine Oma ihr drittes Kind.

Katastrophen, im Sinne von leidvollen, plötzlichen Umbrüchen, sind ein Teil des Lebens: Ein Sturm kann Bäume entwurzeln, ein Biber-Paar kann ein Flußtal überfluten, Erdrutsche können ganze Ökosysteme mit sich reißen, und Waldbrände zerstören einen großen Teil der Vegetation.

Auch wenn wir es persönlich vielleicht noch nie so drastisch erlebt haben: Ich glaube tief in uns schlummert eine Erinnerung oder Ahnung davon, wie es sein könnte, mittendrin zu stecken.

Ein Katalysator für Nächstenliebe

Direkt nach dem Erdbeben in Alaska machte sich ein Team von Sozialforschern auf, um zu studieren, wie die Menschen vor Ort mit dem Unglück umgehen würden. Sie waren auf das Schlimmste gefasst, auf Gewalt, auf alle Arten von unsozialen Verhaltensweisen.

Doch das Gegenteil war der Fall: Völlig spontan und ohne jegliche Anweisungen oder Absprachen vernetzten die Menschen sich auf alle möglichen hilfreiche Weisen miteinander: Menschen gruben sofort nach dem Beben andere Menschen aus den Trümmern aus, Menschen mit Autos fuhren stundenlang umher um andere mitzunehmen, hunderte Freiwillige meldeten sich bei der Feuerwehr und überall nahmen Menschen Fremde bei sich zuhause auf. “Jeder machte mit“, sagte ein Befragter später. “Jeder probierte einfach alles was möglich war für jeden zu machen.”

Eine Woche blieben die Forschenden dort und bei den Befragungen wurde klar: Die Menschen hatten nicht planvoll oder strategisch gehandelt, sondern einfach spontan, sogar instinktiv das getan, was ihnen gerade in den Sinn gekommen war.
Die Katastrophe hatte einen Grad an Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft freigesetzt, der im alltäglichen Leben selten die Gelegenheit hat, an die Oberfläche zu treten.

Helfen können tut uns gut

Bei vielen Empfehlungen die gerade zirkulieren geht es nicht primär darum, sich selbst zu schützen, sondern andere. Das knüpft an unserer angeborenen Freude am Hilfsbereit sein an. So waren in einer Studie sogar erst 19 Monate alte Babies bereit, an jemanden der hungrig aussah, ihr Essen zu verschenken – obwohl sie selbst auch Hunger hatten.

Durch unser Handeln einen positiven Unterschied für andere zu machen, verschafft uns eine tiefe Freude, und zählt zu den wichtigsten Faktoren für ein glückliches Leben.

Helfen, das bedeutet jetzt gerade vor allem:

  1. Zuhause bleiben
    Wir können einen wahrhaft heldenhaften Beitrag leisten, indem wir in dieser Zeit für uns selbst bleiben.
    (Wer mehr darüber wissen mag, warum dies so wichtig ist, dem empfehle ich folgende Artikel über die dahinter stehenden Erkenntnisse über die Verbreitung des Virus und die Auswirkungen auf unser Gesundheitssystem und über die Lage in Italien (bereits vor drei Tagen).
  2. Ermöglichen, dass andere zuhause bleiben
    Vor allem geht es dabei darum, für die Ältesten in unserem Umfeld Besorgungen zu übernehmen, damit sie geschützt bei sich zuhause bleiben können.
  3. Unterstützen, dass andere sich zuhause wohl fühlen
    Wir können anderen und uns selbst diese Zeit versüßen, indem wir unsere sozialen Beziehungen übers Telefon oder Internet nähren, Raum für herzvolle Gespräche schenken, wie in Italien von unseren Balkonen oder Fenstern musizieren, Liebesbriefe und Pakete verschicken und gemeinsam mit den Menschen mit denen wir unter einem Dach wohnen, eine nährende Zeit gestalten.

Und was hilft uns, zu helfen?

Psychologin Jill Suttie vom Greater Good Science Center in Kalifornien hat hierzu einige Empfehlungen veröffentlicht, die ich gern mit euch teilen möchte:

1. Achte auf die heldenhaften Taten!

In jedem Unglück gibt es Menschen, die sich altruistisch, also vollkommen uneigennützig verhalten. Uns mit ihnen zu beschäftigen, ihr Tun zu beobachten, kann in uns selbst ein erhebendes Gefühl von Redlichkeit erzeugen. Es könne uns optimistischer machen und wir möchten im Ergebnis selbst gern auch Gutes tun, schreibt Jill Suttie. So kann eine Aufwärtsspirale für mehr Freude für alle entstehen.

2. Kultiviere deine innere Gelassenheit

Achtsamkeitsübungen wie Sinnesmeditationen, Weitwinkel-Schauen, meditatives Spazierengehen, bewusstes und langsames Essen, sich mit dem Atem verbinden, Entspannungstechniken, Yoga oder andere achtsamkeitsfördernde Bewegungspraktiken sind in Krisenzeiten besonders wichtig.

Sie zu üben wann immer wir den Fokus dafür aufbringen können, sei für unsere Geisteshaltung so wichtig, wie Vorkehrungen für Überflutungen zu treffen, bevor der Monsun-Regen fällt, sagt der Dalai Lama.
Für mich ist dabei der Atem einer der praktischsten Zugänge, weil ich meinen Atem immer dabei habe. Bewusstes Atmen beruhigt an sich bereits. Wenn ich tiefere Entspannung einladen möchte, kann ich mein Ausatmen allmählich verlängern, oder es mit einem Schnaufen oder Tönen verbinden.

3. Zeige Dankbarkeit

Dankbarkeit in mir erwecken und spüren kann in sich schon beruhigend und herzöffnend sein. Sie auch zu zeigen, kann anderen Menschen deutlich machen, wie wichtig und wohltuend ihr Handeln wirklich ist, und dadurch ermutigen, sich weiter auf hilfsbereite Weise zu verhalten.

4. Fühle mit

Scheinbar hat gerade das “mütterliche Hormon” Oxytocin viel damit zu tun, wieviel Mitgefühl wir mit anderen Menschen aufbringen können. Denn je mehr davon in uns vorhanden ist, desto leichter fällt es uns, jemand anders zu Hilfe zu eilen.

Das ist gerade jetzt aktuell eine sehr interessante Beobachtung, weil wir es im alltäglichen Leben vor allem bei innigen sozialen Interaktionen ausschütten (z.B. bei Umarmungen, Orgasmen oder wenn wir Massagen bekommen) – die jetzt gerade vielen Menschen fehlen!

Wenn wir wenig Körperkontakt mit anderen Menschen haben können, können auch Yoga oder sanfte Musik helfen. Außerdem können laut Paul J. Zak folgende Aktivitäten sehr wirkungsvoll sein:

  1. Mit voller Aufmerksamkeit von Herzen zuhören, dem anderen dabei in die Augen schauen und mich in mein Gegenüber einfühlen.
  2. Ein Geschenk von jemand anders bekommen.
  3. Gemeinsam mit anderen Menschen essen – das geht heutzutage auch über Skype oder Whatsapp-Calls, oder selbst am Telefon. Besonders wirksam ist dies, wenn man es mit Punkt zwei verbindet, und die Mahlzeit ein Geschenk ist.
  4. Beim Meditieren meine Aufmerksamkeit auf meine Liebe zu anderen Menschen (und der Natur) richten (statt auf meine eigene Selbstwahrnehmung)
  5. Ein heißes Bad nehmen.
  6. Sogar mit Freund*Innen über Social Media in Kontakt sein soll in Studien bei 100% der Menschen das Oxytocin-Level steigen lassen. Ich vermute auch das Anschauen von Fotos früherer Zeiten und Freundschaften und Familie, könnte dasselbe bewirken.
  7. Einen Hund streicheln – egal ob es der eigene Hund ist. Und vielleicht funktioniert es mit Katzen und anderen Haustieren auch?
  8. “Ich liebe dich” und “Ich hab dich lieb” sagen und hören.

Warum gerade jetzt Konflikte aufflackern können?

Beängstigende Zeiten, vor allem wenn sie mit viel Nicht-Wissen, Unsicherheit und Verwirrung verbunden sind, können dazu führen, dass unsere Fremdenangst gegenüber Menschen anderer Kulturen sprunghaft wächst.

Und diese Angst vor dem was mir fremd ist, scheint insbesondere auch für andere Denkweisen zu gelten: Denn die sozialen Medien sind voll von heftigen Auseinandersetzungen zwischen Menschen die sehr viel gemeinsam haben, darüber, ob die Pandemie wirklich so schlimm ist, wie sie zu sein scheint.

Zur selben Zeit wandert eine Welle von Solidarität und Fürsorge für die Älteren rund um die ganze Welt, es herrscht an vielen Orten Aufbruchstimmung, wir erleben eine nicht für möglich gehaltene Drosselung von Produktion, Konsum und damit auch Umweltverschmutzung. Regierungen überlegen ernsthaft, bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen. Und die Bundesregierung startet sogar einen deutschlandweiten Beteiligungsprozess rund um das Finden von gemeinsamen Lösungen für die mit der Virenkrise verbundenen Fragen.

Meine persönliche Herangehensweise ist: Kritisches Denken ist immer wichtig, auch gegenüber der öffentlichen Meinung.

Panik ist niemals förderlich, egal wie berechtigt sie scheint. Doch Panik und Anti-Panik scheinen sich in ihren Ausdrucksformen sehr ähnlich zu sein, und in ihren Wirkungen auch: Sie kreieren mehr Panik, also Überlebensreaktionen wie Flucht, Kampf oder Starre. Es ist also zweitrangig, ob ich mehr Angst vor dem Virus habe oder vor der Regierung oder vor allen Sorten von “Anderen”.

Wann immer uns die Angst erfasst oder wie eine Welle über uns rollt, können wir nur noch sehr schwer klar denken, geschweige denn unser Mitgefühl, unser Einfühlungsvermögen, unsere Intuition und innere Weisheit zurate ziehen.

Unser Verstand sucht gerade angesichts hochkomplexer und potentiell gefährlicher Vorgänge am liebsten (und manchmal scheinbar verzweifelt) nach schnellen, einfachen, für uns selbst plausiblen Erklärungen – die quasi jede Menge Informationen ausblenden müssen, damit sie einfach genug bleiben, um zumindest ein Stückchen innerer Sicherheit zu spenden.

Ich kann es an mir selbst wunderbar beobachten, wie Wogen der Angst mich durchfluten, in die eine oder die andere Richtung – je nachdem welche Arten von Artikeln oder Nachrichtenbeiträgen ich mir anschaue.

Generell finde ich persönlich es essentiell, dass ich Main Stream Berichterstattung immer auch kritisch hinterfragen darf. Für mich, die ich in der DDR aufgewachsen bin, ist das eine Grundsäule einer demokratischen Gesellschaft: Freie Medien und freie Meinungsäußerung über die Beiträge dieser Medien.

Doch gerade in diesen letzten Wochen erreichen uns extrem widersprüchliche Grundaussagen von allen Sorten von Medien, und der kritische Diskurs, der eigentlich ermächtigen soll, nimmt oft Formen an, die das Potential haben, den Zusammenhalt in der Bevölkerung zu erodieren.

Deshalb ist für mich persönlich gerade das Wichtigste, dass mein kritisches Hinterfragen von Medien und Regierungsorganisationen und ebenso auch mein kritisches Hinterfragen von vielen anderen lauten Stimmen in der Öffentlichkeit, mich nicht darin beeinträchtigt, wie sehr ich selbst mich in Mitgefühl, Fürsorge, Nächstenliebe und Solidarität übe.

Wann immer ich im außen einen vermeintlichen Gegner erspähe, erlebe ich persönlich es als sehr schwierig, selbst großherzig und mitfühlend zu bleiben.

Dabei ist gerade das Mitgefühl eine Kernzutat, die es maßgeblich erleichtern kann, Lösungen angesichts komplexer Herausforderungen zu finden!

5. Mit mir selbst mit-fühlen

Wenn ich feststelle, dass ich selbst gerade dabei bin, mich in Theorien zu verrennen oder krampfhaft Schuldige finden will, kann es ein erster hilfreicher Schritt sein, meine Ängste dahinter anzuerkennen und mir Selbst-Mitgefühl zu schenken.

Ich kann mich selbst trösten, beispielsweise indem ich mir die Hand auf mein Herz lege und mir sage, wie schwierig diese Situation sich gerade anfühlt. Wie bodenlos, haltlos, verzweifelt ich mich fühle. Und dass das ok ist. Dass ich traurig sein darf, und vor allem, dass ich Angst haben darf, sie fühlen darf.

Manchmal merke ich dann ganz deutlich, dass ich gerade gar nicht kämpfen möchte, sondern eigentlich es Zeit ist, zu trauern – und über den Ausdruck der Emotionen und das Weinen, meinen inneren Frieden wieder zu finden.

6. Lenke deinen Fokus darauf, dass wir alle Menschen sind – und einander gerade brauchen

Eines der größten Hindernisse für unsere naturgegebene Hilfsbereitschaft scheint es zu sein, wenn wir uns “anders” als die anderen wahrnehmen. Ich meine damit nicht im Sinne von einzigartig (was wir natürlich sind), sondern im Sinne von scheinbar unüberbrückbaren Gegensätzen.

In den letzten Tagen habe ich immer wieder darüber gelesen, wie “wir” auf der einen Seite und “die Medien”, “die Pharma-Industrie”, “die Politiker” auf der anderen Seite stünden, und wir uns zur Wehr setzen sollten.
Die Sprache zeigt, dass da eine Entmenschlichung stattfindet. Egal ob dies in Richtung “die da oben” geht, oder ein Freund auf einmal nur noch ein “Verschwörungstheoretiker” ist – indem Moment wo wir jemanden in eine Schublade stecken, auf der etwas anderes draufsteht als “ein Mensch wie ich“, kreieren wir die besten Voraussetzungen für Feindseligkeit dieser Person gegenüber.

Eine Feindseligkeit, die in diesem Fall von uns ausgeht, und die wir subjektiv sogar als berechtigt empfinden werden!

Für mich ist auch hier der Dalai Lama das leuchtendste Beispiel, der darauf besteht, dass er nur “einer von sieben Milliarden Menschen” sei, die alle im Grunde einfach nur glücklich und ohne zu leiden leben möchten.

Eine einfache Übung, die mir hilft, in Momenten der Verachtung für andere (die auch menschlich sind!) wieder zu mir selbst zu finden, hat das Greater Good Science Center entwickelt:

  1. Denke an eine Person oder Gruppe von Menschen, die du als vollkommen anders oder mit deinen Werten und Vorstellungen unvereinbar wahrnimmst, mit der du vielleicht auch gerade in persönlichen oder ideellen Konflikten stehst.
  2. Denke an all das, was euch verbindet, was ihr gemeinsam habt. Das beginnt damit, dass ihr beide Menschen seid. Was ist da noch oder könnte da sein? Vielleicht die Erfahrung, beide Kinder zu haben? Schon mal verliebt gewesen zu sein? Einen Menschen verloren zu haben? Sich ängstlich oder verunsichert gefühlt zu haben?
  3. Lass diese Gemeinsamkeiten auf dich wirken und stelle dir dein Gegenüber als einen einzigartigen Menschen vor, dessen Lebenswirklichkeit, Geschmack, Glauben oder Verhaltensweisen, in bestimmten Aspekten deinen eigenen entsprechen oder ihnen ähnlich sind.
  4. Wiederhole bei Bedarf. 🙂

Hier kannst du mehr über die Übung und die zugrundeliegende Studie lesen.

Miteinander füreinander da sein

Für mich ist dies eine unglaublich berührende Zeit. Jeder Tag bringt schmerzliche Nachrichten, UND zeigt wundervolle Beispiele von Menschlichkeit und unserer Kapazität, für einander wahrhaftig da zu sein.

Mögen wir Mitgefühl und Selbst-Mitgefühl immer wieder finden in diesen Zeiten. Damit wir einander in unserem einzigartigen und kollektiven Mensch-Sein so gut unterstützen können, wie es gebraucht ist, in dieser Zeit in der wir leben.

“Meine Freunde, verliert nicht eures Herzen’s Mut. Wir sind gemacht worden für diese Zeit.”

Clarissa Pinkola-Estes

Im Februar hatte ich einen Artikel veröffentlicht über die drei Phasen von Initiation: Trennung, Qualen und Heimkehr, und wie die beiden erstgenannten, sich in immer stärker werdender Heftigkeit vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte für die Menschheit als Ganzes ausspielen.

Dank des Coronavirus’ sind nun innerhalb kürzester Zeit viele der bisher als unverrückbar angenommenen Lebensumstände gerade auf eine Weise aus den Angeln gehoben, die vor Kurzem kaum vorstellbar gewesen wären.

Und weltweit ist das was gerade am hilfreichsten zu sein scheint, eine noch weitreichendere Trennung. So wie eine Raupe sich im Kokon einspinnt um sich vollständig aufzulösen – damit in Enge und Dunkelheit aus nur noch grünem Schleim danach ein Schmetterling entstehen kann.

Es sieht fast so aus, als würden wir nun kollektiv auf Visionssuche geschickt werden – allein oder nur mit unseren Nächsten sind wir auf uns selbst geworfen: Konsum, berufliche Pflichten oder Freizeitleben sind für viele Menschen gerade einfach ausgesetzt und runtergefahren auf was auch immer direkt bei ihnen zuhause möglich (oder nicht möglich) ist.

Manche von uns mögen das als angenehme und vielleicht schon lang ersehnte Pause erleben, als eine Gelegenheit aus einer Tretmühle auszusteigen.
Für andere mag es qualvoll sein, so viel Zeit zuhause zu verbringen – vor allem für all diejenigen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, deren Zuhause kein liebevoller, kein sicherer Ort ist.

Mein Mitgefühl gilt auch den vielen älteren Menschen, deren Hauptlebensinhalt ihre Liebe zu den Jüngsten ist, die Freude am Heranwachsen von Kindern und Enkelkindern – mit denen sie vielleicht für viele Monate nun zu ihrem eigenen Schutz keinen direkten Kontakt mehr haben sollten. Und den Kindern, die nun noch mehr als sonst von ihren Ältesten getrennt sind.

Wir haben viele viele Stunden in den letzten zwei Wochen damit verbracht, Nachrichten, Zweifel, Aufrufe, Warnungen und Entwarnungen aller Arten zu verfolgen.

Für mich ist es dabei hilfreich und tröstlich, auch diese Krise als einen Teil des sich immer weiter intensivierenden Initiationsprozesses der Menschheit anzusehen. Sicher ist COVID-19 nichts, was uns an den Abgrund der menschlichen Existenz bringen kann.

Aber es macht vieles deutlich:

  • wie verletzlich die von uns geschaffenen politischen und gesellschaftlichen Systeme sind
  • wie sehr wir als Menschheit weltweit miteinander verbunden sind
  • wie viel Angst wir vor dem Sterben haben – vor unserem eigenen aber vielleicht mehr noch vor dem unserer Liebsten
  • wie überfordert wir alle mit der Komplexität des modernen Lebens sind
  • wie sehr wir einander brauchen, und wie schmerzlich es ist, nicht freizügig in Kontakt sein zu können
  • dass wir trotz aller Kontrolle, die wir über den Rest der Natur ausgeübt haben und weiterhin ausüben, eben nicht die “Herscher der Schöpfung” sind
  • dass wenn wir erschrocken sind im Angesicht der Bodenlosigkeit der Existenz (welche beispielsweise im Buddhismus so liebevoll erforscht und befreundet wird), wir beharrlich nach Verantwortlichen, nach Schuldigen, nach irgendeiner Art von Bösem suchen, gegen das wir ankämpfen könnten – viel lieber als einem kollektiven Unwissen und einer umfassenden Machtlosigkeit der Menschheit als Ganzem ins Auge zu sehen
  • wie leicht Unfähigkeit, die eigenen Ängste auszuhalten, dazu führen kann, dass wir uns in Meinungen verrennen und in Streit und Vorwürfen gegen Freunde und Bekannte wenden
  • wie tröstlich es ist, Rückversicherung für unsere eigenen Denkmodelle zu erfahren
  • und wie sehr es uns individuell und kollektiv nach Sinn verlangt

Aus den Märchen ist uns das archetypische Muster vertraut:

Der Abstieg in eine furchteinflößende Unterwelt voller Prüfungen und der Begegnung mit schrecklichen Monstern (äußeren und inneren) und den noch schrecklicheren Ängsten vor ihnen, ist scheinbar notwendig im Leben.

Denn kein Mensch findet die tiefsten Seelenschätze, seine Bestimmung und seinen innersten Wesenskern zuhause auf der Couch – oder heute  vielleicht gerade, wenn das “auf der Couch sitzen” nicht so ganz freiwillig geschieht?

Nur durch das Durchleben von gefährlich anmutenden Umständen, die uns fühlbar mit unserer eigenen Sterblichkeit konfrontieren, kann ein Menschlein reich beschenkt, erwachsen und mit gereifter Persönlichkeit “heimkehren” – um dann als König oder Königin das eigene Land mit Güte und Weisheit zu führen.

Damit aus der Raupe ein Schmetterling werden kann, muss ihr Körper sich im dunklen, engen Kokon erst einmal vollständig auflösen – und sich vollkommen neu zusammenfinden.

Diese Auflösung scheint gerade in volle Fahrt zu kommen.

Zu jeder Initiation gehören Qualen, Seelenqualen und manchmal auch äußeres Leiden – wenn ich mich selbst fast auflöse, vom Leben “zerbröselt” und gut “durchgekocht” werde.
Michael Meade nennt diese Phase auch „die lange dunkle Nacht der Seele“.

Sie fühlt sich schrecklich an, es ist sogar schwer, sie von außen bei jemand anderem zu beobachten, und doch ist sie so grundlegend wichtig dafür, zu innerer Reife zu gelangen.

Durch das Leiden fallen alle Masken weg, denn wir haben keine Kraft mehr, sie aufrecht zu erhalten. Auch unsere falschen Identitäten wird das Leben aufbrechen – zum Beispiel die hochmütige Vorstellung, das nichts uns als Menschheit gefährlich werden könne.

Durch das Vom-Leben-aufgebrochen-Werden der narzisstischen Ego-Strukturen unserer globalen Gesellschaft, könnte ein gereiftes Selbst zum Vorschein kommen, eine ganzheitlichere Identität.

Wir könnten dank der rauen Gnade des Lebens am Ende dieser Zeit voller Krisen und Leid herausfinden, uns dessen gewahr werden, wer wir als Menschheit auf der Erde wirklich sind.

Licht in der Finsternis

Was es braucht, um die lange, dunkle Nacht der Seele zu durchstehen, ist vor allem ein wachsendes Bewusstsein.
Tiefe Innenschau mit wachen Sinnen ermöglicht es, dem Selbst auf den Grund zu tauchen, hinab ins Dunkle all dessen, was ich an mir noch nie mochte, wovor ich schon immer Angst hatte, wo ich elendig gescheitert bin, wo ich mit der Welt und dem Leben hadere, wo ich mich klein und schwach und vollkommen unzureichend und hilflos fühle.

Am Boden des tiefen, dunklen Seelengewässers wartet ein hell leuchtender Schatz darauf, dann gehoben zu werden, wenn ich schon fast aufgegeben habe.

In der langen, dunklen Nacht der Menschheit geht es darum, uns selbst zu begegnen, in furchteinflößender Tiefe. Und das tun wir.

Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hatten wir so viel Einblick darin, was wir als Menschheit weltweit erleben, erschaffen oder zerstören. Das Internet trägt Informationen aus jedem Winkel der Erde herbei und macht sie weithin sichtbar. Mit den Informationen über die Brände in Australien oder einen möglichen Krieg zwischen den USA und dem Iran reisen auch Gefühle um die Erde: Angst, Zorn, Hilflosigkeit und Ohnmacht werden von Millionen von Menschen geteilt und durchlebt.

Natürlich nehmen nicht alle Menschen Anteil. Aber es ist eine große und wachsende Anzahl von Menschen, die hinschaut.

Es schmerzt so schrecklich, zu wissen und zu fühlen, wie viel von unserem geliebten Planeten, von unserem Zuhause, von unserer Mutter Erde zusammenbricht, wie viele Menschen und andere Wesen leiden. Die Angst zu ertragen, dass die Kinder von heute vielleicht die letzte Generation von Menschen sein könnten, die das Erwachsenenalter überhaupt noch erreichen, wie es der Dalai Lama 2018 in seinem Appell an die Welt so direkt und ungeschönt aussprach.

Wenn wir davon ausgehen, dass die Menschheit sich entwickelt, dann brauchen wir genau das, was viele von uns jetzt gerade durchleiden, um gemeinsam erwachsen zu werden: das Erleben von Scheitern, von Hoffnungslosigkeit, Aussichtslosigkeit, von unsäglicher Trauer, von Desillusionierung, bis hin zum Aufgeben und einer gefühlten Begegnung mit dem Sterben, mit dem Tod.

In einer Initiationskrise sind dies wichtige Bestandteile, die dazu führen, inmitten der Finsternis, in voller Demut, ein wahrhaftiges Selbst zu entdecken, das unabhängig ist von Rollen, Masken, Erwartungen, Erfolgen im Äußeren, vom Plan meines Egos, von Kontrolle und Zwang, von oberflächlichen Vergnügungen und äußerer Sicherheit.

Es ist dies die Zeit, in der wir als Menschheit inmitten der Trümmerlandschaft um uns und in uns, unser innerstes Selbst entdecken können, das zutiefst verbunden ist mit der Seele der Welt.

Vieles von diesem Selbst kennen wir schon, weil es ähnlich wie der Wesenskern eines Menschen nie ganz verschwunden war. Dazu gehört unsere Kraft zu lieben, mitzufühlen, füreinander zu sorgen, füreinander einzustehen, gemeinsam in Einigkeit Lösungen zu finden, eine Gesellschaft zu gestalten, welche die Vielfalt und Fülle unserer nicht-menschlichen Mitwesen mehrt und nährt, Kultur zu schaffen, die Menschen von klein auf bis ins hohe Alter ermöglicht, ihre Potentiale zu entfalten und zu schenken.

Jede/r von uns ist ein Teil der Menschheit, des menschlichen Bewusstseins. Margaret Wheatley erforscht und unterstützt seit fast dreißig Jahren systemischen Wandel in vielen Ländern der Erde (beispielsweise über das von ihr gegründete Berkana Institut) und beschreibt eindringlich, was es braucht, um mit heftigem Wandel auf eine lebensfördernde Weise umzugehen: einen Geisteszustand jenseits von Hoffnung und Furcht.

Mir geht es so wie vielen Menschen in meinem Umfeld, dass ich inmitten der rasanten Schreckensmeldungen über den Zustand der Welt UND der hoffnungsfrohen Botschaften über Lösungen, die auftauchen wie Pilze nach einem Sommerregen, oft regelrecht hin- und hergeschüttelt werde – zwischen aufkeimender Hoffnung und tiefer Furcht vor dem Scheitern.

Der Ausweg aus dieser Achterbahn, den Meg Wheatley beschreibt, ist es, statt eine rosige Zukunft zu wünschen oder vor einer schlimmen Zukunft zu erzittern, wie in der Meditation oder in Achtsamkeitsübungen, so voll und ganz ich es vermag, in der Gegenwart und im Jetzt zu bleiben.

Es braucht dafür die Bereitschaft, mit unserer eigenen Unsicherheit, unsrem Nicht-Wissen, und letztlich der Bodenlosigkeit des Seins vertraut zu werden, sie auszuhalten, zu lernen, uns in ihnen zuhause zu fühlen.

Leben war schon immer Veränderung, doch heute zerfallen Systeme, Ideen und Beziehungen immer schneller. Das meiste, was vor Jahren noch eine Illusion von Sicherheit spenden konnte, rinnt rasend schnell wie Sand durch unsere Finger, sodass es immer notwendiger wird, diesen Auflösungszustand ertragen zu lernen – indem wir präsent mit ihm bleiben.

Natürlich ist es schmerzhaft, präsent zu bleiben. Doch alle Vermeidungsstrategien schmerzen ebenso.

Zwischen Erfolg und Scheitern ist ein Raum

Wenn ich weiß, was ich für die Zukunft will, und an bestimmten Lösungsstrategien festhalte, bin ich viel eher geneigt, Opfer meines Wollens zu werden. Wenn ich mich im Recht glaube, handele ich oft blindlings, und schade dabei mir selbst oder anderen. Ich streite und ignoriere bewusst oder unbewusst andere Stimmen und Bedürfnisse – weil ich so identifiziert bin mit meiner Ideologie.

Wenn ich voller Furcht bin, rechtfertige ich mit dieser unter Umständen auch die schlimmsten Sorten von „Schutzmaßnahmen“, mit denen ich mich verteidige oder sogar selbst angreife – weil ich keinen anderen Ausweg sehe. Beide Zustände sind nicht nur im Moment rücksichtslos, sondern langfristig ein Nährboden für Manipulation, Verblendung, Volksverhetzung und für ein weiträumiges Beschreiten von persönlichen oder gesellschaftlichen Irrwegen.

Wenn ich jedoch präsent bin, im Zustand jenseits des Wollens und Fürchtens, kann mein innerer Kampf zur Ruhe kommen und ich habe Zugang zu all dem, wovon ich in der Tiefe meines Selbst weiß, dass es jetzt in diesem Moment gerade stimmig und hilfreich ist, im Einklang mit allen meinen Werten.

Dies zu erleben und zu erlernen ist eine der Gaben von Initiationskrisen.

In den Initiationsgeschichten von unserer Lehrerin Sobonfu Somé, die zum Volk der Dagara in Westafrika gehörte, war es für die jungen Menschen und für das gesamte Dorf keine Selbstverständlichkeit, dass deren fordernder und gefährlicher Initiationsprozess von allen Teilnehmenden überlebt wird.

So kann, sogar darf es auch keine Selbstverständlichkeit sein, dass der Initiationsprozess der Menschheit von uns überlebt wird. Im Nicht-Wissen, ob alles gut ausgehen wird, sind wir darauf geworfen, in jedem Moment das zu tun, was das Richtige ist, uns so zu verhalten, als ob dieser Moment alles ist, was uns bleibt.

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

Vaclav Havel

Meg Wheatley schreibt, dass sie im Raum jenseits des Strebens nach Erfolg oder der Angst vorm Scheitern lernen konnte, wie es sich anfühlt, sich stimmig zu verhalten: auf unergründliche Weise klar und getragen von Energie. Wenn sie sich wütend, frustriert oder zornig fühle, habe sie gelernt, sich nicht davon bestimmen zu lassen, sondern innezuhalten, nicht zu handeln, bevor sie wieder präsent im Moment ist, und dabei immer wieder erfahren:

„Es ist nicht das Ergebnis, was zählt. Es sind die Menschen, unsere Beziehungen, die unseren Anstrengungen einen Sinn geben. Wenn wir uns von dem Drang befreien, mit unseren Bemühungen erfolgreich zu sein, können wir erleben, wie es leichter wird zu lieben.

Wir hören auf, Sündenböcke zu suchen, wir hören auf, anderen die Schuld zu geben, und wir hören auf, voneinander so enttäuscht zu sein.

Wir erkennen, dass wir wahrhaftig alle gemeinsam in einem Boot sind, und das ist alles, was zählt.“

Hilfreiche Ein- und Aussichten für schlimme Zeiten

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Schon seit Monaten (an vielen Orten bereits seit Jahren) fordert das Feuer nachdrücklich unsere Aufmerksamkeit, weil es menschliches Leben bedroht und ganze Ökosysteme auslöscht, mit verheerenden Folgen für das weltweite ökologische Gleichgewicht.

1. Der Ruf des Feuers

„Feuer“ ist ein Wort, das Not und Dringlichkeit verströmt wie kein anderes. So soll man nicht “Hilfe” rufen, wenn man auf gefüllten Plätzen angegriffen wird, sondern „Feuer“ schreien – weil Menschen unverzüglich und mutig darauf reagieren.

Auch mit den Waldbränden geht ein Aufschrei um die Erde – die schrecklichen Bilder vom Flammenmeer, vom rot glühenden Himmel und den unvorstellbar gewaltigen Aschewolken rütteln am letzten bisschen Ignoranz und Trägheit und drängen uns aufzuwachen und mehr in die Verantwortung zu gehen für das Fortbestehen des Lebens.

Feuer verkörpert mit seiner radikalen Wandlungskraft das Prinzip von Initiationen – tiefen Daseins-Krisen, in Übergangszeiten des Lebens, wo ich mich in meinem Mensch-Sein tiefgreifend wandele.

Für mich ist die Zeit, in der wir leben, eine Initiationszeit für die Menschheit im Gesamten, in der wir einen radikalen Wandel vollziehen müssen, weil kein anderer Ausweg übrig bleibt.

2. Initiationszeit – Die Lebensphase der Menschheit als Ganzes

Schauen wir das Lebensrad, die Entwicklungsphasen im Laufe eines Menschenlebens (unter anderem beschrieben von Bill Plotkin) für die gesamte Menschheit an, können wir viele Parallelen sehen: In unserer frühesten Lebensphase lebten wir wie „Unschuldige in ihrem Nest“ noch ganz eng eingekuschelt in den Schoß der Mutter Erde und mit innigem Kontakt zu unserer natürlichen Familie in unserem Lebensraum, mit den Tieren und Pflanzen und den Elementen.

Wie heranwachsende Kinder als “EntdeckerInnen im Garten” wurden wir nach und nach unabhängiger, lernten Dinge selbst zu erzeugen, die uns vorher nur geschenkt werden konnten, wir lernten Feuer zu machen, Pflanzen gezielt anzubauen, und voller Entdeckerfreude probierten wir unsere immer neuen Fertigkeiten, Kompetenzen und unser wachsendes Wissen aus, und schenkten der natürlichen Welt um uns und den Menschen in unseren engeren Bezugssystemen unsere volle Aufmerksamkeit.

Wie bei Jugendlichen begann unsere Aufmerksamkeit irgendwann sich vorwiegend um uns selbst zu kreisen, um die Gesellschaft unserer “Peers”, der anderen Menschen, um unsere Identität so wie wir sie haben wollen, in Abgrenzung zu unseren Mitwesen. Bill Plotkin nennt Menschen in dieser Lebensphase “SchauspielerInnen in der Oase“, und wie Jugendliche dies oft tun, setzten auch wir als Menschheit uns immer neue Masken auf, versuchten mit allen Mitteln, unsere äußere Schönheit zu optimieren, Erfolge zu sammeln, die dem Ego schmeicheln, während wir uns maßlos labten an den Früchten der Erde, und sie für unsere Zwecke ausnutzten bis zur Erschöpfung – mit wenig Lust zum Aufräumen und noch weniger Motivation, die Lebensgrundlagen zu hegen. Die Konsequenzen unseres Handelns blendeten wir aus, und der überströmende Mut spornte uns zu immer kühneren Höchstleistungen an, über die wir wetteiferten und uns gegenseitig zu mehr anstachelten.

Während kleine Kinder ein klares Ich-Gefühl haben, verbunden mit einem intuitiven Wissen darum, wer sie sind, haben in der Jugend viele Menschen keinen Zugang mehr dazu, wer sie wirklich sind, und wofür sie hier sind. Und je erfolgreicher ein Mensch in dieser Zeit ist, desto länger kann diese Phase sich ausdehnen.

Doch irgendwann kommt ein tiefgreifender Wandel. Manchmal nähert er sich dem jugendlichen Menschen schleichend, und zeigt sich durch Überdruss und inneren Rückzug aus der kurz vorher noch so bedeutsamen Außenwelt. Manchmal zeigt er sich als drängende Sehnsucht, zu anderen Ländern, anderen Kulturen, neuen Weltbildern oder spirituellen Erfahrungen aufzubrechen. Oder der Bruch kommt in Gestalt einer großen, scheinbar von außen über uns hereinbrechenden Krise, beispielsweise einer schlimmen Krankheit, einem Unfall oder durch den Verlust eines geliebten Menschen durch Tod oder Trennung.

Das innere Erleben in der Lebensphase nach der Pubertät ist oft schmerzhaft – ich fühle mich abgeschnitten von den früheren Freuden, von der Person, die ich vor Kurzem noch war, von dem, woran ich geglaubt habe, was mir wichtig war. Allein bin ich, irgendwo irgendwie unterwegs, als “Umherstreifende in ihrem Kokon”.

Als Menschheit erleben wir gerade die Trennung von vielem: von unendlich vielen Mit-Wesen, die wir fast ausgelöscht oder stark dezimiert haben, von der Illusion von Sicherheit und Souveränität oder sogar Kontrolle über die Ökosysteme der Erde, von dem Wahnwitz der Ideologie eines unbegrenzten Wirtschaftswachstums und gerade hier im Westen auch vielfach von der komfortablen Idee, immer bestens versorgt und abgesichert zu sein und nicht teilen zu brauchen. Durch die sozialen Medien angefeuert, erleben wir eine schmerzhafte, erbitterte und tiefgehende Spaltung der Bevölkerung zu Themen wie Impfpflicht, Mobilfunknetzausbau, Immigration und dem Umgang mit Flüchtlingen, Rüstung, der Klimakatastrophe und vielen mehr.

Zu jeder Initiation gehören Qualen, Seelenqualen und manchmal auch äußeres Leiden – wenn ich mich selbst fast auflöse, vom Leben “zerbröselt” und gut “durchgekocht” werde. Plotkin nennt diese Phase auch „die lange dunkle Nacht der Seele“. Sie fühlt sich schrecklich an, es ist sogar schwer, sie von außen bei jemand anderem zu beobachten, und doch ist sie so grundlegend wichtig dafür, als Menschenwesen zu innerer Reife zu gelangen. Durch das Leiden und das Wegfallen aller Masken und falschen Identitäten, durch das Vom-Leben-aufgebrochen-Werden der narzisstischen Ego-Strukturen kann ein gereiftes Selbst zum Vorschein kommen, eine ganzheitlichere Identität, als dies in der Jugendzeit möglich war.

Vor der ersten großen Initiation (von denen wir im Leben auch viele ganz kleine durchleben), sind wir nicht voll und ganz erwachsen. Erst durch die raue Gnade der Initiation können wir so bei uns selbst ankommen, dass wir wieder voll und ganz spüren können, wer wir sind und wofür wir hier sind.

Erst wenn wir aus dem transformierenden Feuer der Initiationszeit heraustreten und von der Gemeinschaft willkommen geheißen werden, können wir all das in der Jugendzeit angesammelte Wissen, all unsere Kompetenzen, die wir erworben und trainiert haben, auf eine neue Weise nutzen, die viel stärker verbunden ist mit den Bedürfnissen anderer und die wirklich der Gemeinschaft allen Lebens dient. Erst nach der Initiationskrise sind wir wirklich erwachsen.

3. Bewusstsein – das Licht im Dunkeln

Was es braucht, um die lange, dunkle Nacht der Seele zu durchstehen, ist vor allem ein wachsendes Bewusstsein. Tiefe Innenschau mit wachen Sinnen ermöglicht es, dem Selbst auf den Grund zu tauchen, hinab ins Dunkle all dessen, was ich an mir noch nie mochte, wovor ich schon immer Angst hatte, wo ich elendig gescheitert bin, wo ich mit der Welt und dem Leben hadere, wo ich mich klein und schwach und vollkommen unzureichend und hilflos fühle. Am Boden des tiefen, dunklen Seelengewässers wartet ein hell leuchtender Schatz darauf, dann gehoben zu werden, wenn ich schon fast aufgegeben habe.

In der langen, dunklen Nacht der Menschheit geht es darum, uns selbst zu begegnen, in furchteinflößender Tiefe. Und das tun wir.

Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hatten wir so viel Einblick darin, was wir als Menschheit weltweit erleben, erschaffen oder zerstören. Das Internet trägt Informationen aus jedem Winkel der Erde herbei und macht sie weithin sichtbar. Mit den Informationen über die Brände in Australien oder einen möglichen Krieg zwischen den USA und dem Iran reisen auch Gefühle um die Erde: Angst, Zorn, Hilflosigkeit und Ohnmacht werden von Millionen von Menschen geteilt und durchlebt.

Natürlich nehmen nicht alle Menschen Anteil. Aber es ist eine große und wachsende Anzahl von Menschen, die hinschaut.

Es schmerzt so schrecklich, zu wissen und zu fühlen, wie viel von unserem geliebten Planeten, von unserem Zuhause, von unserer Mutter Erde zusammenbricht, wie viele Menschen und andere Wesen leiden. Die Angst zu ertragen, dass die Kinder von heute vielleicht die letzte Generation von Menschen sein könnten, die das Erwachsenenalter überhaupt noch erreichen, wie es der Dalai Lama 2018 in seinem Appell an die Welt so direkt und ungeschönt aussprach.

Wenn wir davon ausgehen, dass die Menschheit sich entwickelt, dann brauchen wir genau das, was viele von uns jetzt gerade durchleiden, um gemeinsam erwachsen zu werden: das Erleben von Scheitern, von Hoffnungslosigkeit, Aussichtslosigkeit, von unsäglicher Trauer, von Desillusionierung, bis hin zum Aufgeben und einer gefühlten Begegnung mit dem Sterben, mit dem Tod.

In einer Initiationskrise sind dies wichtige Bestandteile, die dazu führen, inmitten der Finsternis, in voller Demut, ein wahrhaftiges Selbst zu entdecken, das unabhängig ist von Rollen, Masken, Erwartungen, Erfolgen im Äußeren, vom Plan meines Egos, von Kontrolle und Zwang, von oberflächlichen Vergnügungen und äußerer Sicherheit.

Es ist dies die Zeit, in der wir als Menschheit inmitten der Trümmerlandschaft um uns und in uns, unser innerstes Selbst entdecken können, das zutiefst verbunden ist mit der Seele der Welt.

Vieles von diesem Selbst kennen wir schon, weil es ähnlich wie der Wesenskern eines Menschen nie ganz verschwunden war. Dazu gehört unsere Kraft zu lieben, mitzufühlen, füreinander zu sorgen, füreinander einzustehen, gemeinsam in Einigkeit Lösungen zu finden, eine Gesellschaft zu gestalten, welche die Vielfalt und Fülle unserer nicht-menschlichen Mitwesen mehrt und nährt, Kultur zu schaffen, die Menschen von klein auf bis ins hohe Alter ermöglicht, ihre Potentiale zu entfalten und zu schenken.

Jede/r von uns ist ein Teil der Menschheit, des menschlichen Bewusstseins. Margaret Wheatley erforscht und unterstützt seit fast dreißig Jahren systemischen Wandel in vielen Ländern der Erde (beispielsweise über das von ihr gegründete Berkana Institut) und beschreibt eindringlich, was es braucht, um mit heftigem Wandel auf eine lebensfördernde Weise umzugehen: einen Geisteszustand jenseits von Hoffnung und Furcht.

Mir geht es so wie vielen Menschen in meinem Umfeld, dass ich inmitten der rasanten Schreckensmeldungen über den Zustand der Welt UND der hoffnungsfrohen Botschaften über Lösungen, die auftauchen wie Pilze nach einem Sommerregen, oft regelrecht hin- und hergeschüttelt werde – zwischen aufkeimender Hoffnung und tiefer Furcht vor dem Scheitern.

Der Ausweg aus dieser Achterbahn, den Meg Wheatley beschreibt, ist es, statt eine rosige Zukunft zu wünschen oder vor einer schlimmen Zukunft zu erzittern, wie in der Meditation oder in Achtsamkeitsübungen, so voll und ganz ich es vermag, in der Gegenwart und im Jetzt zu bleiben.

Es braucht dafür die Bereitschaft, mit unserer eigenen Unsicherheit, unsrem Nicht-Wissen, und letztlich der Bodenlosigkeit des Seins vertraut zu werden, sie auszuhalten, zu lernen, uns in ihnen zuhause zu fühlen.

Leben war schon immer Veränderung, doch heute zerfallen Systeme, Ideen und Beziehungen immer schneller. Das meiste, was vor Jahren noch eine Illusion von Sicherheit spenden konnte, rinnt rasend schnell wie Sand durch unsere Finger, sodass es immer notwendiger wird, diesen Auflösungszustand ertragen zu lernen – indem wir präsent mit ihm bleiben.

Natürlich ist es schmerzhaft, präsent zu bleiben. Doch alle Vermeidungsstrategien schmerzen ebenso.

4. Zwischen Erfolg und Scheitern ist ein Raum

Wenn ich weiß, was ich für die Zukunft will, und an bestimmten Lösungsstrategien festhalte, bin ich viel eher geneigt, Opfer meines Wollens zu werden. Wenn ich mich im Recht glaube, handele ich oft blindlings, und schade dabei mir selbst oder anderen. Ich streite und ignoriere bewusst oder unbewusst andere Stimmen und Bedürfnisse – weil ich so identifiziert bin mit meiner Ideologie.

Wenn ich voller Furcht bin, rechtfertige ich mit dieser unter Umständen auch die schlimmsten Sorten von „Schutzmaßnahmen“, mit denen ich mich verteidige oder sogar selbst angreife – weil ich keinen anderen Ausweg sehe. Beide Zustände sind nicht nur im Moment rücksichtslos, sondern langfristig ein Nährboden für Manipulation, Verblendung, Volksverhetzung und für ein weiträumiges Beschreiten von persönlichen oder gesellschaftlichen Irrwegen.

Wenn ich jedoch präsent bin, im Zustand jenseits des Wollens und Fürchtens, kann mein innerer Kampf zur Ruhe kommen und ich habe Zugang zu all dem, wovon ich in der Tiefe meines Selbst weiß, dass es jetzt in diesem Moment gerade stimmig und hilfreich ist, im Einklang mit allen meinen Werten.

Dies zu erleben und zu erlernen ist eine der Gaben von Initiationskrisen.

In den Initiationsgeschichten von unserer Lehrerin Sobonfu Somé, die zum Volk der Dagara in Westafrika gehörte, war es für die jungen Menschen und für das gesamte Dorf keine Selbstverständlichkeit, dass deren fordernder und gefährlicher Initiationsprozess von allen Teilnehmenden überlebt wird.

So kann, sogar darf es auch keine Selbstverständlichkeit sein, dass der Initiationsprozess der Menschheit von uns überlebt wird. Im Nicht-Wissen, ob alles gut ausgehen wird, sind wir darauf geworfen, in jedem Moment das zu tun, was das Richtige ist, uns so zu verhalten, als ob dieser Moment alles ist, was uns bleibt.

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

Vaclav Havel

Meg Wheatley schreibt, dass sie im Raum jenseits des Strebens nach Erfolg oder der Angst vorm Scheitern lernen konnte, wie es sich anfühlt, sich stimmig zu verhalten: auf unergründliche Weise klar und getragen von Energie. Wenn sie sich wütend, frustriert oder zornig fühle, habe sie gelernt, sich nicht davon bestimmen zu lassen, sondern innezuhalten, nicht zu handeln, bevor sie wieder präsent im Moment ist, und dabei immer wieder erfahren:

„Es ist nicht das Ergebnis, was zählt. Es sind die Menschen, unsere Beziehungen, die unseren Anstrengungen einen Sinn geben. Wenn wir uns von dem Drang befreien, mit unseren Bemühungen erfolgreich zu sein, können wir erleben, wie es leichter wird zu lieben.

Wir hören auf, Sündenböcke zu suchen, wir hören auf, anderen die Schuld zu geben, und wir hören auf, voneinander so enttäuscht zu sein.

Wir erkennen, dass wir wahrhaftig alle gemeinsam in einem Boot sind, und das ist alles, was zählt.“

Zum Weiterlesen:

6 Tipps für einen lebensbejahenden Umgang mit der Weltlage

Warum die Welt nicht endet

Für ihr “Wilde Weiblichkeit” Projekt hat Lena Lange mich über eine Stunde lang ausgefragt über eins unserer Herzensthemen: das Trauern.

Hier kannst du unser Gespräch anhören:

Was bewegt dich rund um das Thema Trauern? Was findest du herausfordernd, welche Fragen sind für dich wichtig? Ich freue mich über Feedback zum Interview und deine Fragen und Gedanken, gern über unser Kontaktformular.

Liebe Grüße,

Elke

Mit uns zusammen in Gemeinschaft trauern kannst du beim Trauer-Feuer, unserem Ritualworkshop am Schloss Tempelhof bei Crailsheim….

Möchtest du andere Menschen beim Trauern begleiten lernen? Dann komm zu unserer berufsbegleitenden Ausbildung “Trauern in Gemeinschaft” 

Keine Zeit zu verreisen? Hier kannst du mehr über unseren Online-Kurs “The Medicine of Grieving” erfahren….

 

Immer mehr lernen wir darüber, wie wichtig eine natürliche Geburt und danach ein durchweg nährender, fürsorglicher, liebevoller und zärtlicher Kontakt zu Babies ist, damit sie sich gesund und glücklich entwickeln können. Erkenntnisse der modernen Forschung und das Beobachten des Umgangs mit Säuglingen und Geburt in anderen Kulturen zeigen deutlich, was zu einem gelingenden Eintritt ins Leben alles dazu gehört. Glücklicherweise werden die Stimmen lauter und kraftvoller, die diese Herangehensweisen vertreten und immer mehr Menschen eine Zugang dazu ermöglichen, wie beispielsweise im Artgerecht-Projekt.
Gleichzeitig wissen viele von uns aus eigener Erfahrung, oder aus dem Kontakt mit anderen Betroffenen, wie gravierend sich eine schwierige, leidvolle Geburtserfahrung, wie auch das was wir während der ersten Zeit danach erleben, auf unser gesamtes weiteres Leben auswirkt, vor allem auf unsere zwischenmenschlichen Interaktionen und die Beziehung zu unseren Liebsten, aber auch auf unser eigenes Selbstwertgefühl, die Fähigkeit uns selbst zu lieben und anzunehmen so wie wir sind, und vieles andere mehr.
Es kann viele, sehr viele Gründe dafür geben, warum eine umfassende Zuwendung während und nach der Geburt nicht möglich war in meinem Leben: Krankheit der Mutter, Frühgeburt mit Aufenthalt in einem Brutkasten, von Ärzten angeordneter Kaiserschnitt, Wochenbettkrisen oder Depression, mangelnde Unterstützung durch Partner oder erweiterte Familie, schwierige ökonomische Umstände und vieles mehr. Vor allem aber auch ein gesellschaftlicher Grundkanon, der Eltern vermutlich Jahrhunderte lang dazu ermutigt hat, emotional kühl und die Seele ebenso wie die körperlichen Bedürfnisse eines Babys zu vernachlässigen.
In ihrem aufrührenden Artikel beschreibt Anne Kratzer die systematische emotionale Vernachlässigung von Kindern, einen Teil der Geschichte, den wir erst langsam aufarbeiten. Sie erzählt von Johanna Haarer’s Buch, einer Nicht-Pädagogin, die gezielt von den Nazis gefördert wurde, und deren Buch “Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind” bis 1987 insgesamt 1,2 Millionen mal verkauft wurde.
Haarer schreibt darin: “Die Überschüttung des Kindes mit Zärtlichkeiten, etwa gar von Dritten, kann verderblich sein und muss auf die Dauer verweichlichen. Eine gewisse Sparsamkeit in diesen Dingen ist der deutschen Mutter und dem deutschen Kinde sicherlich angemessen.« Gleich nach der Geburt sei es empfehlenswert, das Kind für 24 Stunden zu isolieren; statt in einer »läppisch-verballhornten Kindersprache« solle die Mutter ausschließlich in »vernünftigem Deutsch« mit ihm sprechen, und wenn es schreie, solle man es schreien lassen. Das kräftige die Lungen und härte ab.
Die Ratschläge aus Haarer’s Buch wurden in den so genannten Reichsmütterschulungen gelehrt. Allein bis April 1943 nahmen mindestens drei Millionen Frauen an ihnen teil, und darüber hinaus war der Ratgeber die Grundlage für die Erziehung in Kindergärten und Heimen.
Wir können vermuten, das der Einfluss dieses Buches und die Spuren der darin propagierten Verhaltensweisen (die leider auch schon in den Jahrhunderten zuvor weithin praktiziert worden waren), sich auch in unserer eigenen Biographie wiederfinden – mit allen negativen Auswirkungen auf unser Leben hier und heute.
In unseren Lehrjahren mit Sobonfu Somé haben wir kennenlernen dürfen, wie wichtig ein tiefes und tätiges, umfassendes Willkommengeheißen werden am Beginn des Lebens ist.
Und wir haben auch gelernt, dass wir dieses als Erwachsene nachholen können!

Wie wir uns selbst bewusst verändern können

Veränderung durch positives Denken in Form von Glaubenssätzen, die wir uns selbst erzählen, funktioniert nicht, soviel wissen wir inzwischen.
Der US-amerikanische Psychologe Dr. Rick Hanson hat erforscht, wie und warum unser Verstand stattdessen, durch unsere Absichten und Intentionen, unser Denken und Handeln es schaffen kann, unser Gehirn dennoch buchstäblich zu verändern.
Denn wir sind nicht notwendigerweise Opfer unserer bisherigen Lebensgeschichte, sondern können selbst aktiv darauf einwirken, die persönlichkeitsbildenden Spuren unserer Vergangenheit in unserem Gehirn ein Stück weit umzuschreiben – und Veränderungen zu mehr Wohlbefinden für uns und unsere sozialen Interaktionen zu begünstigen.
Dieser Prozess beginnt laut Rick Hanson mit den Intentionen, die ich setze. Sie sollten idealerweise das als Startpunkt und Ausgangsbasis nehmen, wo ich wirklich stehe – innerlich und was meine äußeren Lebensumstände betrifft.
Er empfiehlt es, für das Finden kraftvoller Intentionen in die Zukunft zu “reisen”, mir beispielsweise vorzustellen, als alter Mensch auf der Veranda zu sitzen, und von diesem Blickwinkel aus darüber zu entscheiden, welche Intentionen ich für mein Leben ins Zentrum stellen möchte.
Damit Intentionen ihre Wirkkraft voll entfalten können, empfiehlt es sich, Werte und Qualitäten als einen persönlichen Nordstern zu wählen, wie beispielsweise Freude, Liebe oder Frieden. Ähnlich wie beim Navigieren anhand der Sterne, stellen solche Nordstern-Werte ein Ideal dar, dass ich nie ganz erreichen werde. Andererseits sind sie (anders als konkrete Ziele) von Moment zu Moment erlebbar und können bereits hier und heute Teil meines Handelns sein. Besonders kraftvoll wirken sie meiner Erfahrung nach, wenn sie nicht nur für mich allein dienlich sind, sondern für das Wohl des Großen Ganzen – ich also nicht nur meine eigene Freude und Gesundheit in den Blick nehme, sondern das Wohlergehen aller Wesen.

Die Bedeutung von positiven Erlebnissen

Rick Hanson hat außerdem eine einfache Abfolge von Schritten empfohlen, die mir dabei helfen können, Erlebnisse zu kreieren, die mein Dasein auf einer Erfahrungsebene wirklich tiefgreifend verändern können.
Er nennt seinen Prozess H.E.A.L. – eine Abkürzung für folgende einzelne Schritte:
H = HAVE = ein Erlebnis HABEN.
Wenn mir persönlich das Willkommengeheißen werden in der allerersten Lebensphase gefehlt hat oder nicht besonders reichhaltig stattfinden konnte, bedeutet dies, ein (und im Idealfall viele) Erlebnisse zu kreieren, wo ich willkommen geheißen werde.
E = ENRICH = das Erlebnis REICHHALTIG machen
Wenn ich in der Situation bin, wo ich die Qualität, die ich brauche erfahren kann, hilft es mir besonders, wenn ich voll und ganz in den Moment komme, mit allen meinen Sinnen so intensiv wie möglich spüre, lausche, schaue, rieche, schmecke, und die Aspekte der Erfahrung so umfassend wie möglich auf mich einwirken lasse, mich mit meiner gesamten Aufmerksamkeit darauf konzentriere.
A = ABSORB = das Erlebnis VERINNERLICHEN
Hier stelle ich mir vor, wie das Erlebte wirklich in mich hinein sinkt und die Erfahrung zu einem Teil von mir selbst wird. Ich kann sie beispielsweise in mein Herz hinein holen oder mir vorstellen, wie sich die Neuronenverknüpfungen in meinem Gehirn verändern, oder wie sich jede Zelle meines Körpers mit diesem Erlebnis auffüllt.
L = LINK = das Erlebnis VERKNÜPFEN
Nun kann ich dieses Erlebnis, das nun stark, präsent und kraftvoll auf mich wirkt, verknüpfen mit einem Moment meines Lebens, wo ich es dringend hätte gebrauchen können. Ich kann mir beispielsweise vorstellen, wie ich nicht als Erwachsene so liebevoll willkommen geheißen werde, sondern als das Baby, das ich einmal war.

Rituale als Raum für positive Veränderungen

Rituale wirken auf sehr vielfältige Weisen auf unseren Geist, Seele und Körper ein!
Eine davon ist es, Erlebnisse zu erschaffen, die im Ritual besonders intensiv erlebt, verinnerlicht und verknüpft werden können, so dass sie ein Teil meines persönlichen Erfahrungsschatzes werden und sich auf mein Gehirn und damit auch mein weiteres Denken, Handeln und meine Persönlichkeit und Identität in der Welt auswirken können.
Ich freue mich, einige von euch bei unserem Rebirthing-Ritual im April am Schloss Tempelhof dabei zu haben, und gemeinsam das nachnähren zu können, was so essentiell ist für jeden Lebensanfang:
Das liebevolle Willkommengeheißen werden nach einer natürlichen Geburt, gehalten von einer nährenden und unterstützenden Gemeinschaft.
Es braucht nicht nur ein Dorf, um ein Kind ins Leben zu begleiten – für viele von uns braucht es auch ein Dorf (zumindest immer mal wieder! :-)), um unser inneres Kind nachzunähren und in ein glücklicheres und erfüllteres Leben zu begleiten.
Alle Infos zum Rebirthing und den Link zur Anmeldung im Tempelhof findest du hier…

…wie wir Menschen tiefen Verlust erleben und bewältigen

“Trauer ist eine unmenschliche Erfahrung, die in einem menschlichen Körper stattfindet.”

Christina Rasmussen

Im letzten Jahr, nachdem unsere geliebte Lehrerin Sobonfu Somé gegangen ist, habe ich viele Monate damit verbracht, noch tiefer zu erforschen und zu erlauschen, was Trauer ist und was wir als Menschen brauchen, um auf eine gesunde Weise mit ihr umzugehen.
Trauern ist Leben 
Viele Wissenschaftler heute bekräftigen das, was wir aus dem überlieferten Verständnis naturverbundener Kulturen wie der Dagara in Burkina Faso bereits wissen: Dass ein Fühlen, Durchleben und Verarbeiten der Trauer lebens-wichtig ist! Unsere seelische, geistige, körperliche Gesundheit hängen davon ab, ob und wie wir es schaffen, die großen (und kleinen) Verluste im Leben zu bewältigen.
Die Fähigkeit tiefe Freude zu empfinden hängt davon ab, ob ich auch Traurigkeit zulassen und ausdrücken kann.

Was ich in allen meinen Nachforschungen nicht finden konnte, waren handfeste Informationen darüber, warum wir überhaupt trauern?
Trauer zieht uns in ihren Bann
Biologisch versetzt Trauer uns in einen extrem verwundbaren Zustand: wir sind auf uns selbst geworfen, nehmen weniger wahr im Außen, wenden unsere Aufmerksamkeit ganz nach innen, wo wir scheinbar versinken in den starken Emotionen die zur Trauer dazugehören, wie Traurigkeit, Wut, Verzweiflung, Leere, Dumpfheit oder Angst.
Wenn wir trauern, sind wir oft nicht in der Lage, proaktiv sozial zu interagieren, uns unseren Liebsten zuzuwenden, unserer Verantwortung nachzukommen. Die einfachsten Dinge des täglichen Lebens können uns als unmöglich schaffbar erscheinen.
Warum hat die Natur es so eingerichtet, dass ein schlimmer Verlust unser gesamtes System so grundlegend außer Kraft setzen kann?
Die Antwort ist so einfach wie auch erstaunlich:

Nur durch das Trauern können wir etwas lernen und verinnerlichen,

was nicht mehr da ist.

Oder sogar auch etwas, was noch nie, oder gefühlt viel zu wenig da war. 

Der Mensch, den wir verlieren hat ganz bestimmte Geschenke in unser Leben gebracht: Vielleicht war es ein Gefühl von Geborgenheit, oder Inspiration, oder Ermächtigung, Liebe oder Weisheit. Vielleicht hat die Person Lebenslust verkörpert oder große Hingabe und Schaffenskraft.
Trauern ermöglicht uns zu lernen 
Wenn wir um jemanden trauern, verbinden wir uns auf tiefster Seelenebene mit all dem, was er oder sie für uns war. Wir blenden die Wirklichkeit im Hier und Jetzt ein Stück weit aus, um ganz tief mit dem zu sein, was nicht mehr sein kann.
Mit intensiven inneren Bildern, angefeuert von überwältigenden Emotionen, kreieren wir für unseren Verstand eine enorm kraftvolle Lernerfahrung.
Das was wir am meisten geliebt haben, die Essenz sowie auch konkrete Verhaltensweisen, an die wir uns erinnern, verinnerlichen wir – sogar obwohl es im Außen nicht mehr existiert, nicht mehr wahrnehmbar ist.
Damit ist Trauern ein unglaublich wichtiger Prozess für das sich immer weiter Entwickeln von uns als Menschen, individuell und gesellschaftlich.
Trauern über was nicht sein konnte
Erst als ich als erwachsene Frau zu tiefer Naturverbindung geführt wurde, begann für mich ein Trauerprozess über all den Mangel an Naturerfahrung, den ich früher als Stadtkind – damals völlig unbewusst – durchlitten habe.
Erst als ich als erwachsene Frau konkretes Wissen und Bilder über Sobonfu’s Kindheit in der Stammeskultur der Dagara erfuhr, durchlebte ich einen Trauerprozess über den Mangel an lebendiger Gemeinschaft in meinen Kinder- und Jugendjahren.
Auch wenn ich als Kind unterdrückt, bezwungen oder missbraucht wurde, kann ein Teil meines Trauerprozesses erst dann beginnen, wenn ich als Erwachsene davon erfahre, wie es anders hätte sein können.
Wenn ich als Erwachsener erlebe, wie respektvoll mit einem rebellierenden Jugendlichen umgegangen wird, kann ein Trauerprozess in mir beginnen – weil mein gesamtes System erst dann wirklich be-greifen kann, welchen Verlust an Respekt ich durchlitten habe.
Wenn ich erlebe, wie ein Vater oder eine Mutter einfühlsam mit einem weinenden Kleinkind spricht, kann ein Trauerprozess in mir beginnen – weil ich dann erst begreifen kann, dass ich viel zu früh einen Verlust an bedingungsloser Liebe erlitten habe.
Um trauern zu können, brauche ich ein Bild von dem, was ich verloren habe. Manchmal ist es ein Mensch, den ich verloren habe, manchmal aber auch körperliche oder seelische Unversehrtheit, manchmal Vertrauen, Liebe, Selbstwirksamkeit, die mir schmerzlich gefehlt haben.
Trauern hilft, Kreise zu schließen und einen gesunden Weg in die Zukunft zu finden
Wenn ich schwierige (Kindheits-)Erlebnisse nicht betrauere, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass ich genau das weitergebe, was für mich selbst Leid verursacht hat.
Unsere Fähigkeit zu lieben und uns zu binden hängt unter anderem davon ab, ob ich den Verlust von geliebten Menschen, oder auch einen Mangel an Liebe und Bindung in meiner eigenen Vergangenheit betrauern und damit das Verlorene oder nicht ausreichend da Gewesene integrieren kann.
Somit kann das gesunde Trauern die Schicksalsschläge unseres Lebens in Geschenke verwandeln – vielleicht werden sie uns selbst ein Leben lang schmerzhaft in Erinnerung bleiben, aber wir können es schaffen ermächtigt, gestärkt und mit guter “Medizin” für die Menschen um uns herum, und für unseren eigenen Lebensweg daraus hervor zu gehen.
Trauern für die Erde und für die Menschheit
Ich glaube, dass auch unsere Fähigkeit, als Individuen und als Gesellschaft im Einklang mit der Erde zu leben, davon abhängen wird, ob wir es schaffen können, die schrecklichen Verluste zu betrauern, die in der Geschichte und immer deutlicher fühlbar in den letzten Jahrzehnten der Gemeinschaft allen Lebens und damit auch uns als Menschen widerfahren sind und die uns jetzt gerade umgeben oder unmittelbar bevorstehen.
Wenn wir es nicht schaffen, zu trauern, laufen wir Gefahr abzustumpfen, in Depressionen, Bitterkeit und Hass, bis hin zur Selbstzerstörung oder Aggressivität gegenüber anderen zu verfallen.
Das Trauern öffnet und reinigt unser Herz, erlaubt uns weich zu sein, und ermöglicht es uns, auf unsere individuell bestmögliche Weise zu handeln, statt zu kämpfen, zu flüchten oder in Starre zu verfallen.
Es hilft uns dabei, selbst ein besserer Mensch zu werden, egal wie widrig die Umstände sind. Und an den vielen Orten wo wir sind, die vielen kleinen Dinge zu tun, die die Gemeinschaft der Menschen im Kern zusammenhalten, jenseits aller politischen und gesellschaftlichen Institutionen.
Trauern braucht Gemeinschaft – Gemeinschaft braucht Trauern
Ich kann dies nicht alleine schaffen” heißt es im Dagara-Lied für das Begräbnis-Ritual, in dem die Menschen zusammenkommen und über das Scheiden eines geliebten Menschen, sowie auch alles mögliche andere, was auch immer noch an Schmerzen da ist, gemeinsam zu trauern.
Gerade für unsere tiefste Trauer brauchen wir einander, für die Verluste die uns selbst vielleicht Angst und Schrecken einjagen, und die wir kaum zu berühren wagen.
Gegenseitig können wir uns Zeugenschaft schenken, ein gesehen werden und gefühlt werden, wie es für Menschen zutiefst heilsam ist.
In den Jahren 2011-2016 konnten wir jeden November gemeinsam mit Sobonfu trauern, nach ihrer Art, in einem Ritual das aus den Traditionen der Dagara und Sobonfu’s Kenntnis über die Bedürfnisse der Menschen hier und in den USA zurechtgeschneidert war.
Für uns war es nicht möglich, in der wenigen Zeit die uns mit Sobonfu noch blieb, dieses geheimnisvolle, schwer wiegende und sehr kraftvolle Ritual zu übernehmen und selbst auch ohne sie halten zu können.
Nach ihrem Verscheiden im Januar 2017 war ich somit auf der Suche nach einer anderen Form des Trauerns in Gemeinschaft, die sich hier für uns und von uns anwenden ließe.
Das Trauer-Feuer
Ich habe viele Puzzle-Teile gesammelt und zusammengesetzt, bis wir im vergangenen November erstmalig am Trauer-Feuer trauern konnten, mit einer großen Gruppe von Menschen am Beuerhof in der Eifel, unterstützt von Salvatore Gencarelle. Sal hat dabei geholfen, unser Modell zu prüfen und in der Durchführung zu erproben, und ich bin unendlich glücklich, damit nun eine Handlungsgrundlage zu haben, für ein gesundes und gut gehaltenes Trauern in Gemeinschaft hier bei uns, von uns und für uns, hier in Europa.
Auch in diesem Jahr wird das Trauer-Feuer wieder stattfinden, diesmal mit mir und Judith Wilhelm, einiges werden wir variieren, passend zum Jahr, zu den Menschen, zum Ort. Tragen wird uns das Grundgerüst des Trauer-Feuers, so wie es auch im letzten Jahr war.

Das “Heilige Feuer”, das heilende Feuer, ist die Grundlage für unser Trauer-Feuer. Die Teachings darüber sind 2005 über den Anishinabe Friedensstifter Paul Raphael nach Europa und auch zu uns gekommen. Beim Trauer-Feuer schenkt es einen geborgenen, heilsamen Raum dafür, einander in Zeiten der Trauer zu bezeugen und zu begleiten. Am Feuer können Geschichten und Gefühle geteilt und Tränen geweint werden, die laute und die leise Trauer dürfen fließen.
Und in Stille vor dem Knistern der Flammen kann selbst das angehört werden, wofür es keine Worte gibt.
Das Feuer, das Element das nur wir Menschen in unsere Mitte geholt haben, bringt uns als Gemeinschaft zusammen, so dass wir in unserem tiefsten Menschsein einander beistehen können. Es verbindet uns mit der Welt der Ahnen, all derer die vor uns gegangen sind, und deren Erbe in uns und um uns noch lebendig ist.
Das Feuer hat die Kraft zu verwandeln. Aus der Asche des Verbrannten hilft es uns, das Wesentliche zu erkennen und uns daran zu erinnern, wer wir sind.
Das gleißende, wärmende Licht des Feuers hilft uns zu sehen, welches Geschenk dem schlimmen Verlust innewohnt. Wie die Trauer darüber uns selbst helfen kann.
Und wie sie uns mit ihrer bitteren Medizin eines Tages helfen kann, anderen zu helfen.
Und weil der Bedarf für ein gesundes Trauern in Gemeinschaft, vor allem auf eine Weise die tief verwurzelt in der Natur und den Elementen ist, mit jedem Tag größer zu werden scheint, werden wir im November 2019 die erste zweijährige Ausbildung zum Trauer-(Feuer)-Facilitator und Begleiter starten. Dafür ist die Teilnahme am Trauer-Feuer-Workshop eine gute Vorbereitung. Alle weiteren Informationen dazu folgen bald…

Mehr Infos zum Trauer-Feuer-Workshop

Interessierst du dich für das Thema Trauer? Hier kannst du noch mehr darüber lesen, was Trauern bedeutet und was es braucht, um Trauer gut zu verarbeiten oder zu begleiten….

Geht es euch auch so, dass die Nachrichten aus aller Welt gerade in den letzten Monaten immer schwerer auszuhalten sind?
Eine ehemalige CIA-Agentin hat Hinweise dazu gegeben, wie sie selbst mit der Flut schlimmer Nachrichten umgegangen ist, als sie einen Großteil ihres Arbeitslebens damit zubrachte, genau solche Meldungen zu sammeln.
Sie beschreibt, dass verschiedene “Gefahren” damit verbunden sind, tagtäglich so viel Negatives zu erfahren:

  • Gleichgültigkeit – wenn uns das Schlimme irgendwann ganz “normal” erscheint.
  • Lähmung – wenn wir so überfordert und überwältigt sind, dass wir uns außerstande fühlen, irgendwas zu tun
  • Endzeitstimmung – wenn jede weitere Neuigkeit uns in Alarmbereitschaft versetzt, dass bald alles vorbei sein könnte
  • Depression oder Post-Traumatische Belastungsstörungen – selbst wenn wir gar nicht life dabei waren – schlimme Meldungen nur allein zu hören, genügt manchmal um beides auszulösen
  • Physische Symptome – Schwindel, Kopfschmerzen, Fieberschübe, Konzentrationsschwäche, Erschöpfung usw.

Auch wenn die Versuchung vielleicht groß ist – unseren Kopf in den Sand zu stecken würde alles nur schlimmer machen.
Tatsächlich arbeiten heranwachsende Diktaturen (wie wir es gerade in den USA beobachten können) systematisch und bewusst damit, die Bevölkerung mit so vielen Negativnachrichten gleichzeitig zu überschwemmen, bis die Menschen resignieren und anfangen wegzuschauen.
Dabei werden wir gerade heute gebraucht, gerade jetzt.
Wie können wir es trotzdem schaffen, unsere seelische und geistige Gesundheit zu wahren?

1. Mitgefühl! 
Wenn ich aufhöre mitzufühlen (das gilt auch für die “helfenden” Berufe, wo man tagtäglich mit viel Leid konfrontiert ist), kann das bald ein Burnout zur Folge haben.
Empathisch mit-fühlen scheint vielleicht anstrengender, doch verhindert es diese Form der tiefgehenden Erschöpfung.
Auch gegenüber den “Tätern” mitzufühlen, hilft, meine eigene seelische Gesundheit zu wahren, z.B. indem ich mich hineinversetze, wie einsam und verbittert sie sich fühlen müssen, um zu solchen Taten und Entscheidungen fähig zu sein. Lasse ich wütende Gedanken zu, stimulieren diese meinen Körper immer wieder zu heftigen Reaktionen, die meine eigene Gesundheit schwächen (z.B. meinen Blutdruck oder mein Immunsystem).
Schaffe ich es, mich auf das Mitgefühl zu fokussieren (auch der Versuch hilft schon!), kann sich mein System entspannen. Ich verdränge das Leid nicht, aber es kann mir selbst nicht schaden. Auch meine Fähigkeit, aus bestem Vermögen heraus strategische Entscheidungen zu treffen, in denen ich Konsequenzen für die Zukunft in Betracht ziehe und die meinen eigenen Werten entsprechen, ist gewahrt wenn ich es schaffe in Momenten der Wut mich ans Mitgefühl mit dem anderen zu erinnern.
Klingt schwierig? Ghandi, der mit seinem friedvollen Aktivismus Berge versetzt hat, spendet uns Trost: “Mitgefühl ist ein Muskel der kräftiger wird wenn wir ihn benutzen.”
Vor allem ist es wichtig, mir selbst Mitgefühl zu schenken, für den Schmerz und das Leid, das ich in mir fühlen kann, wenn ich mit der Situation der Welt, der Menschen, der Insekten, der Erde usw. konfrontiert bin. Alle Wesen sind ein Teil von mir und auch ich bin ein Teil allen Lebens.
Wie würdest du mit einem kleinen Kind sprechen, das sich angesichts der Neuigkeiten ängstigt und trauert? Genau diese Art von Trost und Mitgefühl kann auch dir selbst gut tun.
Besonders wirkungsvoll ist dies, wenn du dich selbst dabei berührst, also beispielsweise tröstend eine Hand auf dein Herz, deinen Bauch oder Arm legst. 
Mitgefühl zu wagen braucht Mut und Tapferkeit – doch es hilft uns dabei, nicht zu verbittern, sondern unser Herz weich werden zu lassen, so dass es weiter wachsen kann.

2. Handeln! 
Auf jeden Fall hilft es, etwas aktiv zu tun, um Teil der Lösung zu sein, egal wie klein die Schritte sind. So können wir Ergebnisse sehen, die aus unserem Tun erwachsen und einen Unterschied machen, anstatt uns völlig hilflos zu fühlen.
Dies kann auch das Fürsorgen für unsere Familie, unsere Gemeinschaft, die Kinder der Nachbarn oder für die wilden Blumen am Waldrand bedeuten – für alle die lebenden Wesen die direkt in unserem Umfeld sind.
Wie Gandalf aus “Herr der Ringe” es sagt: “Manche glauben dass nur große Mächte es vermögen, das Böse im Zaum zu halten. Ich habe das ganz anders erlebt: Es sind die kleinen alltäglichen guten Taten einfacher Menschen, welche die Dunkelheit in Schach halten. Kleine Taten der Nächstenliebe und Freundlichkeit.” 

3. Aktive Selbstfürsorge! 
Wir können nicht 24h/Tag die Welt retten. Den größten Dienst können wir dann schenken, wenn wir gut für unsere eigenen Bedürfnisse sorgen und entsprechend gut genährt und fit sind, um darüber hinaus zu geben.
Besonders wichtig sind Bewegung und Schwitzen. Stress und Angst sind Reaktionen auf überlebensbedrohliche Gefahren. Rennen und Schwitzen sind (genau wie Schütteln und Zittern) natürliche Reaktionen des Körpers, die dafür sorgen, dass unser System wieder ins Gleichgewicht finden kann, und die wir leicht auch selbst herbeiführen können (z.B. durch Sport, oder auch beim Saunieren).
Hilfreich ist es auch, bewusst zu regulieren, wann und wie ich mir schlimme Neuigkeiten anhöre.
Kann ich es vermeiden, dass ich mir schreckliche Bilder anschaue, die besonders belastend sein können, weil sie wie real erlebte Erinnerungen wirken können?
Vor allem Kinder sollten hier von uns davor beschützt werden, durch Fernsehnachrichten o.ä. traumatisiert zu werden.
Statt kurz vor dem Einschlafen oder gleich früh morgens, kann ich vielleicht vormittags, wenn ich mich wach, ausgeruht und innerlich gefestigt fühle, bewusst Zeit dafür nehmen, mich mit herausfordernden Themen zu beschäftigen.

4. Perspektiven wechseln!
Noch ist die Welt nicht untergegangen, obwohl die Geschichte schon unglaublich viel Leid gesehen hat. In der Vergangenheit sind viele Diktaturen entstanden – und wieder zerbrochen. Verbrannte Erde hat sich in fruchtbare Gärten gewandelt mit der Zeit. Die Erde verfügt über erstaunliche Selbstheilungskräfte. Das Leben will LEBEN!
Aus dem Nichts heraus ist das Universum entstanden mit all seiner Schönheit wie wir sie kennen, und mit all der Komplexität, die immer größer zu werden scheint.
Gerade aus politische Gräueln haben viele Menschen es geschafft, lebensbejahende Konsequenzen für ihr Denken und Handeln zu ziehen, und damit Raum zu erschaffen oder zu halten, für Frieden und Miteinander.
Auch gibt es neben den schlimmen Ereignissen gerade heute eine unendliche Vielzahl positiver Geschehnisse in der Welt, die viel mehr Beachtung verdienen, zu finden z.B. hier bei upworthy,com oder bei Positive News oder auf deutsch bei der Zeitschrift Oya.

5. Mit Gleichgesinnten verbinden!
Wir brauchen einander, wirklich. Die Weltlage zeigt ganz deutlich, dass es auch für die einsamsten Wölfe Zeit wird, ein Rudel zu finden.
“Weg von der Helden-Figur und hin zu einem der Menschen versammelt” nennt Zukunftsforscherin Meg Wheatley die Entwicklung, die Führungskräfte in aller Welt gerade durchmachen, wenn sie die Wirk-Kraft ihrer Arbeit stärken wollen.
Statt einem einsamen “Superman” zuzujubeln, der uns alle rettet, werden wir selbst gemeinsam mit einigen und in Kooperation mit ganz vielen auf der Welt die Zukunft lebenswert machen.
Und die Verbindung zu anderen Menschen ermöglicht es uns, im Alltag glücklicher zu sein, also auch mit mehr Gelassenheit den Härten des Lebens begegnen zu können und widerstandsfähiger gegenüber Verzweiflung, Depressionen oder Süchten zu sein.
Wir Menschen sind zutiefst soziale Wesen, und wir brauchen einander, um uns in der Welt wirklich wohl und zuhause zu fühlen, und auch um uns selbst als wirk-kräftig in unserem Tun und Sein zu erfahren.
shutterstock_633402731Dazu gehört es auch, einander zuzuhören, zu bezeugen und immer wieder auch gemeinsam zu trauern.
Auch die nicht-menschlichen Lebewesen können uns als Teil ihres Beziehungsgeflechts unterstützen, indem wir unsere Verbindung zu ihnen nähren.
So kann die Verwurzelung in der Natur uns Halt schenken in Zeiten der Angst und Überforderung. Sie erwächst aus innigen Erfahrungen, die wir auch im Alltag draußen machen können, wenn wir bewusst hinschauen und hinspüren und Insekten, Bäume, Vögel und alle anderen als unsere Verwandten anerkennen.

6. Humor kultivieren – jetzt erst recht! 
Mein Sohn und ich hören gerade viel dem Dalai Lama zu. Der weltliche und geistliche Führer der Tibeter beschäftigt sich intensiv mit den Missständen auf der Welt und ist doch als fröhlicher, ausgelassen heiterer Mensch bekannt. In seinem “Buch der Freude“, das aus Gesprächen zwischen ihm und Erzbischof Desmond Tutu entstanden ist, beschreibt er wie grundlegend es für unsere seelische Gesundheit ist, dem Leben in all seiner Schwierigkeit doch immer wieder mit Humor zu begegnen.
Freude und Glücklichsein sind nichts, was von außen uns geschenkt werden kann – sie wollen im Innern gefunden und bewusst kultiviert werden.
Für mich ist Humor eins der größten Geschenke, die wir unseren Kindern geben können, weil jedes kleine noch so feine Lachen oder Schmunzeln wie ein Lichtlein sein kann, das wir im Dunkeln anzünden.
Und wo ausgelassen aus tiefstem Bauch heraus gelacht wird, wird auch die größte Angst schmelzen und es wird Raum entstehen, in dem Liebe und Frieden lebendig sein können.
Damit das Leben immer weiter gehen kann!

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4 mal ZuverSicht – Hilfreiche Einsichten für schlimme Zeiten
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Der Februar ist die Zeit der Vorstellungskraft. Vor dem Hintergrund der noch kahlen, vom langen Winter erschöpften Landschaft voller Weiß und Grau leuchten die zartesten Grün- und Rottöne köstlich hervor. Die meisten Pflanzen verbergen ihre neu erwachende Lebenskraft noch geschützt vor der Kälte im Schoß der Erde oder unter den erst ganz allmählich anschwellenden Knospenschuppen an den ansonsten noch unscheinbaren dürren Trieben. Und die frühesten Frühlingsboten, die feingliedrigen Schneeglöckchen, verstecken sich ganz nah am Erdboden, zwischen zerfallendem braunen Laub.

Die Leere nimmt sich den meisten Raum in dieser Jahreszeit, wo das Alte vorbei ist und das Neue immer noch nicht angefangen hat. Dies ist von allen Monaten die Jahreszeit, wo die meisten Seelen unsere Welt wieder verlassen, nicht in eine neues Lebensjahr aufbrechen, sondern umziehen ins Land der Ahnen. Umso schmerzlicher erleben die die hier das irdische Leben weiterleben den Verlust der Geliebten, in dieser scheinbar so leeren, kalten Zeit.

Für uns, die hier bleiben, stellen sich Fragen: Was wird dieses neue Jahr bringen? Was wollen wir erschaffen? Wie wollen wir das Leben gestalten?

Der Februar lädt uns ein, zu lauschen, und im weiten leeren Raum zu spüren, zu sehen oder zu hören, was möglich ist. Die Visionen für das neue Jahr zeigen sich wie Träume, manchmal eindrucksvoll und klar, manchmal flüchtig und zart, und wollen gern berührt und festgehalten werden, denn wie Träume die nicht erzählt werden, verblassen sie schnell, besonders wenn im März das volle Leben im Außen wieder losgeht und der stille, leere Raum von Geschäftigkeit erfüllt wird.

Der Februar ist von allen Jahreszeiten die Zeit, wo wir Vision am leichtesten und deutlichsten empfangen können und unsere Vorstellungskraft für all das Gute was sein kann, wie einen Muskel am stärksten trainieren und wachsen lassen können.

Was ist dein Bild von einem guten Leben als Menschen auf der Erde? Wie hört es sich für dich an? Wie fühlst und empfindest du es? Was genau siehst du vor deinem inneren Auge, wenn alles was gut und heilsam wäre möglich sein könnte? 

Diese Bilder sind lebenswichtig, nicht nur für dich persönlich, sondern für die Menschheit als Ganzes.

Der US-amerikanische Mythenforscher Michael Meade schreibt über die Bedeutung der menschlichen Vorstellungskraft für unser Weiterleben als Spezies auf der Erde:

“Leben in unserer Zeit heute bedeutet, sich inmitten eines Mythos zu befinden. Wir stehen vor all den massiven Problemen und unmöglich zu lösenden Aufgaben, unter denen unsere moderne Welt gegenwärtig leidet. Es ist eine außergewöhnliche Zeit, in der sowohl die Natur als auch die Kultur alles an Heilung und schöpferischer Fürsorge gebrauchen können, derer wir als Menschen fähig sind. 
Immer stärker scheint es, dass uns die Zeit wegläuft, und dass was auch immer noch möglich ist, unverzüglich geschehen muss. Das Bedürfnis danach, dass sich jemand der drängenden Herausforderungen wahrhaftig annimmt, und eine große Dringlichkeit und Eile sind zu spüren, damit alles was noch zu tun bleibt, jetzt wirklich sofort getan wird. 
Die alten Mythen jedoch ermöglichen uns eine andere Sichtweise auf unsere Situation. Wenn die Zeit uns wegläuft und niemand mehr Zeit finden kann, dann ist es eben nicht einfach Zeit die fehlt, sondern der Kontakt mit der Ewigkeit. 
Wie alles andere auch, entspringt die Zeit in der Ewigkeit. Und wenn wir sie nicht mehr finden können, ist die Ewigkeit der richtige Ort, um nach ihr zu suchen. Das “Ende der Zeit” führt uns zurück zu den Wurzeln der Ewigkeit, wo wir auch die niemals versiegende Quelle wahrhaftiger Inspiration, großartiger Ideen und bedeutsamer Visionen finden. 
Leben in unserer Zeit heute bedeutet, inmitten eines gewaltigen Auflösungsprozesses gefangen zu sein, in dem wir uns Seite an Seite mit vielen anderen losen Fäden der Schöpfung wiederfinden. Es bedeutet gleichzeitig auch, dass wir ganz nahe daran sind, eine neue Gestalt und eine erneuerte Art und Weise auf die Welt zu schauen zu erfahren.
Die alten Weisen sagen, dass die Höhle des Wissens in den Tiefen der menschlichen Seele gefunden werden kann, dass jede Seele durchwirkt mit inneren Qualitäten ist, deren Bestimmung es ist, in die Welt hineingewebt und ein Teil des Schöpfungsgewands zu werden. Sie sagen, dass die Gaben jeder Seele gerade im Wiederkehren der dunklen Zeiten wichtiger werden. 
So seltsam es erscheinen mag, bildet doch das Bewusstsein des einzelnen Menschen ein Zugewicht auf der Waage von Zeit und Ewigkeit. Die im eigenen Leben versteckten Bedeutungen auszuleben hilft, das Gewicht der Welt im Gleichgewicht zu halten. Jedes Leben ist dabei um einen unsichtbaren, ewigen Faden gewickelt, und jeder Lebensfaden ist eine bedeutsame Geschichte, die aus den Mauern der Zeit ausbrechen will, um der Schöpfung zu helfen. Die Seele ist letztendlich der Sitz der Vorstellungskraft, der Raum in dem unser uraltes Erbe der archetypischen Formen und der Ressourcen unserer Ahnen lebendig sind. 
Vorstellungskraft ist für uns ein essentielles Lebensorgan, und beständig denken wir uns die Welt neu und nehmen beständig teil in ihrer Erschaffung, ihrer Zerstörung und ihrer Erneuerung. 
Wenn es scheint, dass das Ende der Zeit naht, sind es die zeitlosen Dinge, die greifbar werden, und bereit dafür sind, die Welt Moment für Moment neu zu erschaffen. Hinter allem Aufruhr und aller Verwirrung dieser Welt, warten die Vorstellungskraft und der lebendige Geist des Ewigen in der Anderswelt darauf, wieder gefunden zu werden. “

aus Michael Meade, “Why the World Doesn’t End”

Der Februar schenkt die Leere, die es braucht, wieder in Verbindung mit unserer Vorstellungskraft zu kommen – damit das Leben weitergehen kann.
 

Dieses Interview wurde am 04.Juli 2013 von by Leslee Goodmann vom Moon Magazine geführt und in der Originalsprache auf der Webseite des Permaculture Research Institute unter dem Titel “The Permaculture Solution” veröffentlicht. (Hervorhebungen im Text dr. den Übersetzer.) 
Warren Brush ist zertifizierter Permakultur-Designer und Lehrer,  Mentor und Geschichtenerzähler.
Warren hat diverse Permakultur-Projekte mitbegründet, deren Entwicklung er bis heute unterstützt und begleitet, beispielsweise das Permakultur-Modell-Projekt “Quail Springs”, wo Permakultur erlebt und gelernt werden kann. Menschen aus aller Welt besuchen hier Kurse und können intensiv in die angewandten Prinzipien und Methoden der Permakultur eintauchen. Dabei geht es nicht nur um den Anbau von einer großen Menge und Vielfalt an Nahrungsmitteln, sondern auch um natürliche Bau-Methoden und um die Grundlagen eines ganz einfachen Lebens mit der Natur, beispielsweise durchs Sammeln von Wildpflanzen, respektvolle und achtsame Formen der Jagd,  die Herstellung von Leder, die Verarbeitung von Pflanzenfasern und das Korbflechten. 
Vor dem Aufbau von Quail Springs leitete Warren gemeinsam mit seiner Frau Cyndi Harvan das Wilderness Youth Project, ein Naturverbindungsprogramm in dem obdachlose Jugendliche und Kinder aus einer Vielfalt von sozialen, ökonomischen und ethnischen Hintergründen gemeinsam raus in die Natur gehen, den Spuren von Tieren folgen, Unterschlüpfe bauen, Feuer hüten und aktiv dazu beitragen, die Biodiversität und Vitalität der Landschaft zu stärken.  
Warren Brush wird als Designer und Lehrer zu den “Top 10” der Permakultur weltweit geschätzt. Im August 2016 und Frühjahr 2017 wird er hier bei uns zu Gast sein. 
Leslee Goodmann: Dir wird die Aussage zugeschrieben, dass Permakultur schon jetzt mehr Menschen mit Lebensmitteln versorgt, als sämtliche Hilfsprogramme der Welt zusammen. Eine bemerkenswerte Behauptung – bitte erzähle uns mehr darüber.
Warren Brush: Dieses Zitat stammt eigentlich von Geoff Lawton, vom Permaculture Research Institute (PRI) in Australien, einer Organisation die von Bill Mollison aufgebaut wurde, den man oft den “Vater der Permakultur” nennt. Lawton hat dies vor vier Jahren gesagt, also 2009, und die Aussage basierte auf den Forschungen des PRIs. Ich finde es ist eine erstaunliche Behauptung. Rund um die Erde haben fast 2,5 Millionen Menschen den Permakultur-Design-Kurs absolviert, ein 72stündiger Kurs der die grundlegenden Methoden der Permakultur vermittelt. Dabei geht es um bewusstes Gestalten mit der Natur, um dadurch hochgradig effiziente und stabile Systeme zu erschaffen.
Für mich ist die Aussage glaubwürdig, denn indem wir natürliche Systeme nachahmen, statt der Monokultur-Systeme der industriellen Landwirtschaft an die wir gewohnt sind, können wir bis zu zehn mal so viel Nährwert pro Quadrat-Fuß (= 33*33 cm) erhalten. Wenn du beispielsweise essbare Pflanzen in verschiedenen Schichten übereinander anbaust, wie wir es in einem Wald beobachten können – oder wenn du selbst nur ein Hochbeet anlegst – erzielst du eine zehn mal höhere Produktivität, als es in der konventionellen Monokultur-Landwirtschaft möglich ist. Und gleichzeitig erzeugst du auch mehr Muttererde, du nutzt Abfälle vor Ort, du schenkst für das Ökosystem wertvolle ökologische Dienstleistungen, die natürliche Vorgänge imitieren – vieles was das Monokultur-System überhaupt nicht leistet. In der Natur kannst du keine Monokulturen finden. In der Natur kannst du Vielfalt finden.
Leslee Goodmann: Warum denkst du ist die industrielle Landwirtschaft dann noch nicht auf den Permakultur-Zug aufgesprungen?
Brush: Weil Permakultur eine dezentralisierende Bewegung ist. Im großen Maßstab kann sie nicht stattfinden, ohne viele Menschen mit einzubeziehen. Dies ist eine komplett andere Art und Weise des Landbaus, die eher so aussieht wie die Landwirtschaft der Vergangenheit, als es noch Verbände von Klein-Bauern gab. Statt einem Bauern der 5.000 Morgen Land bewirtschaftet, gibt es in der Permakultur 1.000 Menschen, von denen jeder fünf Morgen bewirtschaftet. Dies ist eine viel stabilere Art und Weise um Lebensmittel anzubauen – in erster Linie für die Menschen und nicht so stark profitorientiert.
Es gibt dennoch eine Reihe von kommerziell tätigen Landwirtschaftsbetrieben, die die Permakultur für sich entdecken und in ihr Anregungen dafür finden, wie sie ihre Effizienz und damit auch ihre Erträge steigern können. Man schätzt, dass die modernen landwirtschaftlichen Systeme zehn Kalorien Energie dafür verwenden, eine Kalorie Nahrung zu erzeugen. Das ist überhaupt nicht nachhaltig. Ja, wir produzieren riesige Mengen von Lebensmitteln, aber wir graben uns selbst unsere natürlichen Ressourcen ab, um dies zu erreichen. Unser Kalorien-Speicher wird irgendwann ausgeschöpft sein. Die Geschwindigkeit in der wir unsere Energiereserven auffressen ist gewaltig. (…)
Viele Menschen die Landwirtschaft im großen Stil betreiben stellen fest, dass sie zunächst hohe Erträge erzielen können, aber wenn mit der Zeit die Erde erschöpft ist, müssen sie mehr und mehr Drucker, Pestizide, vorbehandeltes Saatgut und so weiter kaufen, von kommerziellen Anbietern. Wären sie dem freien Markt überlassen, müssten sie ohne Subventionen von der Regierung auskommen und würde überhaupt keinen Profit erwirtschaften – also würden sie ihren Anbau auch nicht auf diese Weise betreiben. Ein großer Teil der modernen Landwirtschaft kann nur überleben, weil die Regierungen Subventionen zahlen. In den USA und in anderen Ländern gibt es mittlerweile aber auch viele Höfe, die sich dringend einen Wandel wünschen. Bei uns melden sich viele Bauern, die sich von der gewaltigen Menge an Energie befreien wollen, für die sie bezahlen müssen. Der einzige Weg eine überschaubares profitables System zu erzeugen, ist es, sich so nah am Vorbild der Natur zu orientieren, wie möglich. Nur wenn du gegen die Natur arbeitest, kostet es Energie – die letztendlich Geld kostet.
Dies gilt nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für Stadtplanung, Architektur, Wassermanagement-Systeme, alles. Schau dir Las Vegas an. Die ganze Stadt kann nur mit riesigen Energie-Mengen überleben, die von außen eingebracht werden müssen. Das fossil gewordenene Sonnenlicht in Form von Erdöl wird dazu genutzt, Wasser herbeizuschaffen, die Gebäude zu kühlen, die Lampen mit Strom zu versorgen, das Essen und alles was die Menschen dort brauchen, anliefern zu lassen. Es ist ein Energie-Fresser, aufgrund von schlechter Gestaltung.
Leslee Goodmann: Ich dachte die Grüne Revolution hat die Hoffnung gebracht, dass damit alle Menschen auf der Erde ernährt werden könnten. Was ist passiert? Stimmt es nicht, dass die industrialisierte Landwirtschaft der Grund dafür ist, dass nur zwei Prozent der US-Amerikaner Bauern sein müssen und 220 Millionen von uns mit Nahrungsmitteln versorgen können…und noch Nahrungsmittel an andere Länder exportieren? Kann Permakultur diesem Produktivitäts-Level etwas entgegensetzen?
Brush: Bedenke den gesamten ökologischen Fußabdruck der sogenannten Grünen Revolution. Sie ist gar nicht “grün”! Die Produktivität dieser industrialisierten Landwirtschaft ist nicht nachhaltig. Die UN Kommission hat eine Studie zu den Auswirkungen der Grünen Revolution in Afrika durchgeführt. Dabei waren 27 führende Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen beteiligt – Landwirtschaft, Gewässerkunde, Bodenwissenschaften, Soziologie, Ökologie – und die Ergebnisse wurden veröffentlicht in einem Dokument mit dem Titel “Die Grüne Revolution ist in Afrika gescheitert”. Der Bericht beschrieb wie die Grüne Revolution zentralisierte Systeme der Nahrungsmittelerzeugung erschuf, die extrem anfällig sind für jede Art von Störung. Sie erzeugte eine größere Ungleichheit zwischen Arm und Reich. Sie hat gesamte Kulturen destabilisiert, in denen die Menschen nicht mehr wissen, wie sie ihr eigenes Essen anbauen können, und das neue System erzeugt oft nicht ausreichend Nahrung für alle. Und dieses System haben wir in die ganze Welt gebracht.
Dazu kommt noch, dass viele der im konventionellen System erzeugten Kalorien leere Kalorien sind – sie füllen den Magen, aber sie nähren nicht wirklich. Viel mehr sind darin sogar Gifte und andere Bestandteile zu finden, mit denen der Körper gar nicht umgehen kann, so dass in unseren Fettzellen Biozide nachgewiesen werden können. (…)
Und zusätzlich verbrauchen wir für jede Kalorie zehnmal so viel Energie. Wir haben in etwa 250 Millionen Jahre fossilen Sonnenlichts in den letzten 50 Jahren verbraucht – in Form von fossilen Brennstoffen. Wir können so nicht weitermachen. Mit jedem Fass Erdöl verbrauchen wir 98 Tonnen Pflanzenmaterial, die nur über Millionen von Jahren unter hohem Druck und großer Hitze zu Öl und damit haltbar gemachter Sonnenenergie werden konnten. Alle unsere Systeme – Energieversorgung, Herstellung von Gegenständen, Transport, Landwirtschaft, wir wir uns von A nach B bewegen – basieren auf diesen hochgradig verdichtetem Sonnenlicht. Es ist eine endliche Ressource.
Nachhaltige Systeme funktionieren auf Grundlage von “Sonnenlicht in Echtzeit”. Eigentlich ist dass eine Definition von Nachhaltigkeit: die Energiebedürfnisse der menschlichen Siedlungen – und vielleicht sogar noch etwas mehr – mit in Echtzeit verfügbarem Sonnenlicht stillen zu können. […]
Ich glaube wirklich fest daran, dass die mit der westlichen Kultur einhergehende Zerstörung unserer Lebensmittelversorgung – durch die wir die genetische Vielfalt unserer Nahrungsmittel eingebüßt haben, und die ortsbezogene Verbindung mit der Landschaft verloren habe – auch mitverantwortlich ist für Niedergeschlagenheit, Verzweiflung und das Gefühl zutiefst unbefriedigt zu sein, das so viele Menschen im Innern empfinden.
Im Kreis Santa Barbara werden 98 Prozent der Lebensmittelgelder außerhalb des Landkreises ausgegeben. Und auch 96 Prozent der hier angebauten Nahrungsmittel verlassen den Landkreis. Wir haben also diese riesigen Kosten aufgrund des Energieverbrauchs, all diese Sachen hin und her zu fahren. Das bedeutet auch, dass wir über kein System für eine stabile, gesicherte Lebensmittelversorgung hier verfügen. Wenn die Benzinpreise steigen, die LKW-Fahrer streiken, die Autobahn gesperrt wird – wird unsere Lebensmittelversorgung unterbrochen. Und wir haben auch keine lokale Ess-Kultur mehr in diesem Land. Die Kultur wurde früher aus dem Land entwickelt, es beeinflusste unser Essen, unsere Baukunst, unsere Art und Weise sich zu kleiden und was für Musik wir machten – all dies hatte seinen Ursprung in der Landschaft. (…)
Leslee Goodmann: Du hast verschiedene Probleme der industrialisierten Landwirtschaft benannt, gleichzeitig versorgt sie de facto die meisten von uns. Kannst du ein paar konkrete Probleme noch etwas spezifischer benennen?
Warren Brush: (…) Ein anderes grundlegendes Problem betrifft die Grundlage allen Pflanzenbaus überhaupt – den Boden. Unser Boden wird messbar zerstört, wo auch immer die gegenwärtigen Praktiken der industriellen Landwirtschaft angewandt werden. Wir verlieren dadurch fruchtbares Land, obwohl die Bevölkerungszahlen wachsen. Wir verlieren Mutterboden, wir verlieren die Nährstoffe im Boden. Die Bauern müssen mehr und mehr Düngemittel und Pestizide einsetzen, um dieselben Erträge zu erzielen.
Landwirtschaftliche Praxis muss stattdessen Mutterboden vermehren, sonst wird sie nicht überdauern können. Je mehr Biozide und chemische Dünger man hinzufügt, desto stärker wird die Lebensgemeinschaft im Boden beeinträchtigt – und deren Vermögen, die Pflanzen und letztendlich damit auch den Menschen zu unterstützen. Landwirtschaft ist abhängig von den Kleinstlebewesen im Boden, es besteht eigentlich ein untrennbares Netzwerk aus Erde und Nahrungsmitteln, das von der modernen Landwirtschaft nicht respektiert wird, sondern vielmehr zerstört.
Ein drittes Problem ist das Pflügen. Pflügen zerstört die Mikrobiologie des Bodens. Pflügen im großen Maßstab ist in Nordeuropa entwickelt worden, in einem spezifischen gemäßigten Klima, wo tausende von Jahren Wald dazu geführt haben, dass es Flächen mit sehr tiefem fruchtbaren Boden gibt. Diese Geschichte und dieses Mikroklima existiert an vielen Orten auf der Erde nicht, aber die Bewirtschaftungsweise haben wir auch in die Tropen oder in trockene Klimata, wo natürlicherweise Steppe war übertragen. Die Erde dort verträgt die Bearbeitungsweise aber nicht. Hier ist das Pflügen ein Eingriff, der die gesamte Mikrobiologie des Bodens zerstört, die die Natur dann wiederherzustellen versucht.
Moderne Landwirtschaft basiert außerdem darauf, dass Lebensmittel über weite Strecken transportiert werden. Wo es Monokulturen gibt, gibt es auch einen enormen Export von Lebensmitteln raus aus den Regionen. Bauern in den gesamten USA kaufen ihr Essen im Supermarkt ein, weil sie nicht nur das essen können, was sie selbst anbauen. Manche landwirtschaftlichen Regionen produzieren beispielsweise nichts als Knoblauch oder Karrotten. Es ist eine verrückte Zeit in der wir leben! Und sie ist so instabil. Die Grüne Revolution hat nicht nur unsere Ökosysteme destabilisiert, sondern auch unsere Wirtschaft, unsere Kultur, unser Verständnis davon, wie man Nahrung anbauen kann.
Wenn Sie sagen, dass heute nur 2 Prozent der Bevölkerung Nahrungsmittel anbauen muss – als ob es etwas Schlechtes wäre, Nahrungsmittel anzubauen – dann ist das für mich ein schlimmes Zeichen. Wenn Menschen die Lebensmittel anbauen als weniger wert angesehen werden als die die anderes tun, dann stimmt etwas mit unseren Prioritäten nicht. Jede Kultur der Welt war vollkommen verwoben mit ihrem System des Nahrungsanbaus. Das Anbauen von Lebensmitteln wurde zu einem Kern ihrer Kultur. Die Menschen heute sind davon so abgetrennt, sie wissen nicht mehr, wie sie das gewinnen können, was die Grundlage ihrer Existenz ist. Sie sind so abgetrennt von den Auswirkungen ihrer eigenen Entscheidungen auf die Umwelt, ihren eigenen Planeten, dass sie nicht sehen, wie viele Narben sie überall auf der Welt hinterlassen. In den USA sehen wir nicht, wie viele Menschen weltweit leiden, weil wir immer noch deren Ressourcen ausbeuten, um unseren Lebensstil zu erhalten.
(…) Wir verlieren durch die Art und Weise in der wir die Dinge tun auch viel Schönheit. Ich glaube dass ein Sinn für Schönheit und Verbindung etwas ist, nach dem viele Menschen in den USA hungern. (…) In der Permakultur beobachten wir die Landschaft wie Fährtenleser. Wir schauen beständig auf die Auswirkungen von allem, um herauszufinden, was gelingt und was nicht, und dann Anpassungen vorzunehmen. Dies erfordert eine ganzheitliche Art des Hinschauens. Wenn man Landwirtschaft getrennt von der Wasserversorgung und dem Abwasser betrachtet, von der Beschaffenheit und Struktur des Wohnraums, vom Transport, den umliegenden Wäldern und wild belassenen Gebieten, dann arbeitet man zumeist gegen die Natur, statt mit ihr.
Die lineare, isolierte Denkweise ist das, was so viel Zerstörung für die Erde bringt. In der Natur läuft alles in Kreisen, alles ist miteinander verbunden. Wir können Dinge verändern, wir können die Menschen versorgen auf eine Weise die für die Erde eher Wiederherstellung und Ausgleich bietet als sie weiter zu zerstören. Was wir dafür brauchen sind viele viele Menschen, die selber Gärten anlegen, die beginnen ihre Lebensmittel lokal einzukaufen und die eine Beziehung zu denjenigen Menschen aufbauen, von denen sie die Nahrung beziehen, die sie in ihren Gärten selbst nicht anbauen.
Wir sind heute Zeugen einer Rückbesinnung auf das, was um uns herum vor Ort geschieht. Wir können es in der Slow-Food Bewegung erkennen, in der Slow Money Bewegung, in der Transition Town Bewegung, im ökologischen Bauen das von lokalen Gemeinschaften getragen wird. Darin liegt viel Schönheit! Ich glaube dass wir als Menschen von Natur aus Gemeinschafts-Wesen sind. Wir haben uns über tausende von Jahren als Dorf-Bewohner entwickelt. Eine Ursache für Depression heute ist das Ergebnis des Isoliertseins und “unabhängig” seins, und dass wir letztendlich vergeblich probieren uns aus dem Massenkonsum das zu holen, was wir nur aus dem Land und der Gemeinschaft um uns herum empfangen können, die uns und die zukünftigen Generationen unterstützen. Dies ist nicht nur philosophisch betrachtet wahr, sondern auch auf einer sehr praktischen Ebene.
Wenn du für deine Familie und deine Gemeinschaft Stabilität und Resilienz möchtest, brauchst du ein vielfältiges, lokal basiertes Ernährungssystem. […] Permakultur kann dies ermöglichen – und der Grund warum es Erfolg hat ist, dass wir eine Graswurzelbewegung ohne Anführer sind. […] Wir sind einfach eine Sammlung von ethischen Grundsätzen und Prinzipien, die unsere Gestaltungsarbeit rund um die Welt leiten. Wo auch immer diese Gestaltungsprinzipien landen – ob in einem Dorf im Norden Liberias oder in einem Einfamilienhaus-Garten in Beverly Hills – sie erschaffen Schönheit im Einklang mit der Natur.
Können diese Gestaltungsprinzipien die Welt ernähren? Ja! Aber es wird anders aussehen als das Modell, das wir gegenwärtig um uns herum sehen. Es ist wie Einstein sagte: “Man kann kein Problem auf dieselbe Denkweise lösen, die zu seinem Entstehen geführt hat.” Wir brauchen einen Bewusstseinswandel – und ich glaube dass das kreative Gestalten ein Weg dahin ist, weil es endlos viele Möglichkeiten bietet. Es gibt nicht nur einen Weg – jede Situation braucht ihre ganz eigene Lösung.
Aus diesem Grund kommen so viele junge Menschen zu uns nach Quail Springs. Sie wissen intuitiv, mit ihrem gesamten Körper, dass die Art und Weise wie wir leben nicht richtig ist, und sie wollen einen anderen Weg finden. Und in Wahrheit werden zwar die Probleme der Welt immer komplexer, aber die Lösungen sind ganz einfach.
Leslee Goodmann: Was sind denn die Ethik und die Prinzipien der Permakultur?
Warren Brush: Ganz einfach gesagt ist Permakultur eine Gestaltungswissenschaft, die einen im Einklang Sein des gestalteten Systems mit dem umgebenden natürlichen System bewirkt. Die ethischen Grundlagen und Prinzipien leiten den Gestaltungsprozess.
Wenn man beispielsweise an ein Obstplantage denkt. Menschen pflanzen einen einzelnen Obstbaum nach dem anderen, in langen Reihen, mit so und so vielen Metern Abstand und nichts – außer vielleicht Gras – dazwischen. Dies ist in der modernen Landwirtschaft die verbreitete Methode, aber in der Natur gibt es das so nicht. Was wir in der Natur entdecken können sind Wälder mit vielen verschiedenen Baumarten und anderen Pflanzen, die in unterschiedlichen Schichten wachsen: Wurzelschicht, die Geheimagenten-Schicht –Pilze, Bakterien und Insekten – Krautschicht, niedrig wachsende Gehölze, mittelgroße Gehölze und die Gehölze der obersten Schicht. Mancherorts gibt es Pflanzen die nur zu bestimmten Jahreszeiten zu sehen sind und zusätzlich haben wir in natürlichen Waldsystemen noch Kletterpflanzen, Tiere und ein unglaublich vielfältiges und integriertes Muster, das die Natur immer und immer wieder neu erschafft.
Nun finden wir in der Natur kaum Wälder wo das menschliche Bedürfnis nach uns wohlschmeckender Nahrung voll und ganz berücksichtigt ist, aber in der Permakultur geht es ja gerade darum, die Muster der Natur nachzuahmen auf eine Weise, die die Bedürfnisse menschlicher Siedlungen stillen kann. Wir gestalten also unser Nahrungssystem angewandt auf menschliche Bedürfnisse nach Essen, Schmausen und Leckereien. Es überrascht nicht, dass es eine lange Geschichte für menschlich angelegte Waldgärten gibt – in Asien, bei den Mayas und in Marokko – hier kann man tausendjährige Waldgärten finden. Auch hier in Quail Springs hegen wir einen eigenen kleinen Waldgarten.
Als wir ihn damals anlegten waren wir uns nicht sicher, denn wir empfanden es als Widerspruch gegen alles was uns beigebracht worden war. Wir pflanzten ihn und ahmten den Sukzessions-Prozess nach, der in der Natur abläuft wann immer ein Wald entsteht. Manche Pflanzen waren dabei wie Pioniere, die den Standort für die nachfolgenden Pflanzen vorbereiten, so dass mit der Zeit ein Wald entstehen konnte, der voller Nahrungspflanzen für Menschen war.
Hier bei uns ist die Umgebung sehr besonders, weil wir mitten in einer Trockenzone leben, wo pro Jahr nur 15 Zentimeter Niederschlag fällt. Wir leben also in einem Gebiet wo das Pflanzenwachstum sehr langsam stattfindet. Wir haben alles mögliche hier gepflanzt: Wurzelgemüse, niedrig wachsende Minze und Kräuter trockener Standorte, mittelhohe Artischocken, höher aufwachsenden Holunder, Datura und viele verschiedene einheimische Pflanzen, mittelhohes Steinobst –Pflaumen und Aprikosen – dazu Äpfel und Jujubes. Dann haben wir hoch aufwachsende Bäume hingesetzt, die den Stickstoff im Boden fixieren können, die außerdem den Pflanzen darunter Schatten spenden, um die Hitze auszugleichen, die hier herrscht. Diese Schicht enthielt Pflanzenarten wie die Robinie, die wir immer wieder völlig zurückschneiden (Kurzumtrieb), so dass sie neu austreiben. Wir haben auch eine Art schnellwachsender trockenheitsresistenter Pappel, deren Blätter dabei helfen, den Boden anzureichern. Unser gesamtes System zielt darauf ab, mehr Mutterboden zu erzeugen, während wir Essen anbauen, und indem unser Waldgarten heranwächst, erzeugen wir dadurch ein Mikroklima, dass eine wachsende Vielfalt von Pflanzen unterstützt. Es ist ein Teil der langfristigen Strategie, der in Verbindung mit unserem unmittelbar produktiven Nahrungsmittelanbau verknüpft ist.
Ein Universitäts-Professor hat uns besucht und nachdem er sich angeschaut hatte, was wir so machen, meinte er: “Ihr müsst die Hälfte dieser Pflanzen rausreißen, weil dieser Aprikosenbaum hier so überhaupt keine Chance hat, seine Wuchshöhe und Ertragspotential zu erreichen, und ihr werdet im Ergebnis weniger Aprikosen ernten können.”
Aber für das Waldgärtnern nutzen wir eine völlig andere Herangehensweise. Wir sagen: “Ja, Sie haben recht, wir werden weniger Aprikosen ernten. Aber innerhalb desselben dreidimensionalen Raumes, in dem der Aprikosenbaum wächst, haben wir zudem zwanzig oder mehr Tiere und Pflanzen die zusätzlich eine große Vielfalt an Nahrungsmitteln darstellen – und deshalb haben wir insgesamt einen zehnmal so großen Nährwert erreicht.”
Zufällig war in der folgenden Woche einer der weltweit besten Berater für Waldgarten-Systeme hier bei uns. Er schaute sich unseren Baby-Waldgarten an, schüttelte den Kopf und sagte: “Ihr müsst doppelt so viele Pflanzen reinbringen.” Das ist der Permakultur-Ansatz. 🙂
Und das ist nur ein Aspekt davon. Der nächste könnte sein, darüber nachzudenken, wie meine menschlichen Abfälle auf so eine Weise gehandhabt werden könnten, dass sie zum Gelingen des Gesamtsystems beitragen? Wir entschlossen uns beispielweise dafür, eine Obstgarten-Toilette einzurichten, eine bewegliche Toilette, mit der ein Teil der Ausscheidungen zurück in die Erde gebracht werden konnten. Dann wurde uns klar, dass wir Krankheiten und Schädlinge bekämpfen könnten, indem wir unsere Hühner, Puten und Enten in den Obstgarten ließen. Sie fraßen nicht nur die Insekten, sondern sie düngten auch den Boden. Außerdem mussten wir ihnen dank der vielen Insekten die sie dort fraßen weniger Futter geben.
Ich möchte eines gern noch betonen: Permakultur ist keine Gartenbaumethode oder landwirtschaftliche Technologie. Es ist ein Gestaltungsansatz – den wir in diesem Fall in einem landbaulichen Kontext anwendeten. Aber man kann ihn auf alles anwenden – Gebäude, Abfallbeseitigung, Wassergewinnung. Ich glaube dass Menschen dies leicht verwechseln. Sie sagen dann vielleicht sowas wie: “Sollte ich einen Biogarten anlegen oder einen Permakultur-Garten?” Dabei kann biologischer Gartenbau ein Teil davon sein, auch biologisch-dynamischer Gartenbau.
Leslee Goodmann: Könnt ihr euch selbst versorgen mit der Arbeit auf eurem Land? Wie viele Menschen leben in Quail Springs?
Warren Brush: Im Moment erzeugen wir etwa 80 Prozent unserer Lebensmittel für die dauerhaft hier wohnenden Menschen selbst – das sind etwa 17 bis 20 Personen. Es schwankt ein bisschen, weil viele von uns oft unterwegs auf Reisen sind. Zu bedenken ist dabei auch, dass der Waldgarten ja vor allem eine Investition in zukünftige Nahrungsmittelerzeugung bedeutet. Wir haben außerdem einen eher klassischen Garten, der Nahrung für unsere unmittelbaren Nahrungsbedürfnisse bereitstellt.
Unser Projekt steckt immer noch in den Kinderschuhen. Quail Springs ist vor neun Jahren gegründet worden, und wir arbeiten mit einem Gestaltungsplan der 200 Jahre Entwicklung beeinhaltet und letztendlich sogar auf eintausend Jahre ausgerichtet ist: Wie können wir jetzt für uns genug Ertrag erwirtschaften, während wir gleichzeitig genügend Mutterboden aufbauen und die Produktivität des Landes für die zukünftigen Generationen erhöhen?
Etwas das wir außerdem noch machen, was für uns eine wirklich große Sache ist, ist das Verjüngen unserer Quellen, von denen die meisten Menschen der Überzeugung waren, sie wären ausgetrocknet. Das Cuyama Tal war entwaldet und bis zur Erschöpfung beweidet worden, als wir hier ankamen, und die tiefen Brunnen hatten den Grundwasserspiegel abgesenkt. Im Ergebnis sind die meisten Quellen, ebenso wie der Fluss vollständig ausgetrocknet gewesen. Unsere Quelle war vor neun Jahren nur noch ein Tröpfeln, und das auch nur noch nachts, wenn die Bäume nicht transpirierten. Jetzt gewinnen wir daraus 230 Liter pro Minute.
Leslee Goodmann: Wow! Wie habt ihr das geschafft?
Warren Brush: Wir haben unterschiedliche Sachen gemacht. Ein Punkt war intensives Bepflanzen. Viele Menschen entwalden den Uferbereich von Fließgewässern, weil sie der Meinung sind, dass die Bäume das gesamte Wasser aufsaugen würden. Wir haben das Gegenteil getan: wir haben ihn bepflanzt. Wir haben auch viele Erdarbeiten durchgeführt um das Wasser ins Fließen zu bringen, es zu verteilen und versickern zu lassen. Wir haben eine Gabionen-System errichtet (=Körbe aus Steinen oder Geröll, die Wasser leichter versickern lassen, Anm. d. Übers.). Wir haben die Rinder aus der Landschaft herausgenommen, die dort seit über hundert Jahren gegrast hatten, so dass das Land wieder viel stärker bewachsen sein konnte. Und es gibt noch viel mehr zu erzählen, was einen Einfluss darauf hatte. Unter dem Strich kann man sagen, dass wir durch eine ganze Vielfalt von interessanten Management-Praktiken die auf die Wiederbelebung des gesamten Wassereinzugsgebietes ausgerichtet waren, geschafft haben, unsere Quellen wieder zum Fließen zu bringen, sogar trotz der schweren Dürre-Perioden, die sich im Süden Kaliforniens gegenwärtig ereignen.
Das Wiederbeleben von Quellen ist eins der Probleme, weswegen ich am häufigsten zu Rate gezogen werde. Die meisten Probleme dabei sind oft politischer Natur. Wir verstehen den wissenschaftlichen Hintergrund und die Methodologie; was öfter fehlt ist ein Mangel an politischem Willen für die Umsetzung.
Leslee Goodmann: Inwiefern?
Warren Brush: Politische Hoheitsrechte und der Wunsch nach Profit stehen den notwendigen Veränderungen im Weg. Nehmen wir an du wohnst am Victoria See in Kenia. Die Berghänge aus denen alle Quellen kamen waren früher gemeinschaftliches Land, das zum Wohlergehen des gesamten Stammes gehegt wurde. Als die Bevölkerung das westliche System von Landbesitz übernahm, wurde das Wasser nicht länger im Interesse des Gemeinwohls gemanagt. Die Leute verkauften ihr Land, entwaldeten es, und alle außer einigen wenigen Quellen trockneten aus – und diese wenigen schenken auch nur noch einen Bruchteil des einstmals fließenden Wassers. Es kann also keine Lösung dafür umgesetzt werden, ohne dass die Landbesitzer dem zustimmen.
Hier in Quail Springs sind wir das äußerste Privatgelände innerhalb einer bestimmten Schlucht im Cuyama Tal, und von drei Seiten umgeben von Staatswald. Es ist eine Ironie, aber wir können in den Wald gehen und Brennholz dort sammeln oder die Flächen überweidet sein lassen – völlig legal – mit einer einfachen schriftlich ausgestellten Erlaubnis. Wenn wir aber in den Wald gehen wollen um dort Wiederherstellungsarbeiten durchzuführen, die die Erosion verlangsamen oder Wiederaufforstung bringen, müssen wir hunderttausende von Dollars ausgeben, um einen Bericht zu erstellen, der die Auswirkungen davon auf die Umwelt prüft. Die Regulationen mit denen wir es zu tun haben wurden zugunsten der Industrie entwickelt. Die Rinder- und Forstwirtschaft sind wie Torhüter für viele Gesetze und Richtlinien, die unsere Wälder betreffen. Wir müssen also wie Ninjas vorgehen und sozusagen im Schutz der Dunkelheit arbeiten, wenn wir dem Land das zum staatlichen Wald gehört etwas Gutes tun wollen.
Ich komme gerade von 18 Kursen in fünf Ländern in Europa zurück, und dort sind sie so viel weiter was das Hegen der Landschaft betrifft. In Deutschland sind Kahlschläge vollständig verboten. Sie haben ein Renaturierungsprogramm für alle Waldflächen, was Menschen dazu ermutigt, kleine begünstigende Maßnahmen für die Wälder durchzuführen. Einer der führenden Forstwirtschaftler in einer meiner Forstwirtschafts-Kurse war hocherfreut darüber, dass vieles was wir vorantreiben wollen, bereits im Forstamt durchgeführt wird. Die USA hängen hinterher – und werden mit katastrophalen Auswirkungen konfrontiert sein, wenn sich dies nicht verändert. Wenn das System an Richtlinien in der Hand derselben Industrie verbleibt, deren Handlungen eigentlich dadurch reguliert werden sollten – deren Ziel es aber ist Profite für einige wenige zu erwirtschaften, egal ob sich dies zum Nachteil für die Umwelt und den Rest der Gesellschaft auswirkt – dann wird das Ergebnis Zerstörung sein. Die Ökosysteme können so nicht erhalten werden. Ich hoffe wirklich, dass die US-Amerikaner aufwachen und eine Kehrtwende vollziehen, denn es ist aufregend, einen Weg hinaus aus dem Dilemma zu entwickeln. Wir wissen wie es geht. Wir brauchen nur den politischen Willen dafür.
Noch ein anderes Beispiel: Nach kalifornischem Recht ist es verboten, ein ungiftiges Haus zu bauen. Wir haben mit jemand zusammengearbeitet, der zum Kommitee des nationalen Ökobau-Rats (national Green Building Council) gehört; wir haben mit dem Kopf der kalifornischen Regionalen Bau Verantwortlichen Assoziation (California County Building Officials Association) zusammengearbeitet. Ich meine, wir haben mit den Top-Leuten des Landes gearbeitet, und auch die konnten uns nicht dabei helfen, wie wir auf legale Weise ein Haus bauen könnten, das frei von Toxinen wäre. Unsere Gesetze sind so formuliert, dass sie die Nutzung hoch industrialisierter, verarbeiteter Materialien vorschreiben, die jede Menge Chemikalien in sich tragen. Auch dies ist etwas, das nicht immer weiter so bleiben kann. Aber keine politische Verwaltung will das Problem angehen. Sie sagen immer nur: “Lassen wir die nächst gewählte Verwaltung sich darum kümmern”, denn sie wissen, was für ein Kampf es werden würde.
Aber die Veränderung wird kommen. Wir können entweder unseren Weg hinaus aus den gegenwärtigen Herausforderungen gestalten, oder der Wandel wird uns in Form von Krisen aufgedrängt werden.
Leslee Goodmann: Dies bringt mich zu einer Frage die ich zu den Permakultur-Prinzipien habe, die auf einer von dir empfohlenen Webseite zu finden sind:  www.permacultureprinciples.com. Eines dieser Prinzipien besagt:  “Der Permakultur-Ansatz setzt den Fokus auf das Positive, die Möglichkeiten die existieren, statt nur auf die Hindernisse zu schauen, sogar in den ausweglosen Situationen”. Warum ist dies so? Mir scheint dass man aufzeigen muss, was die Probleme der heutigen Zeit sind, damit die Menschen erkennen können, was notwendig ist. Wenn ich die Schrecklichkeiten des konventionellen Landbaus nicht kennen würde, warum sollte ich dann damit aufhören es zu unterstützen? Es ist ja viel billiger für mich selbst!
Warren Brush: Wir machen das, damit die Menschen nicht am Ende völlig überfordert sind. Es gibt so viele Anzeichen dafür, dass sich die Dinge ändern müssen; ich glaube nicht, dass die Menschen sich der Probleme nicht bewusst sind. Aber wenn ich die Aufmerksamkeit nur auf die Probleme lenke, ohne eine Lösung anzubieten, fühlen die Menschen sich schnell wie gelähmt. Sie stehen vor einer Wand des Unmöglichen. Sie denken “Mein Gott, die Probleme sind so groß, es gibt nichts, was ich tun könnte.” Deshalb sind wir gefordert, ihnen Möglichkeiten aufzuzeigen. Wissenschaftler überall auf der Welt präsentieren uns Daten die beweisen, dass die Systeme zusammenbrechen – ökologisch, sozial, kulturell. Dazu kommen noch sich immer mehr auftürmende Daten die wir aus den Geschichten ziehen, beispielsweise über extreme Wetterereignisse. Aber uns nur auf die Probleme zu fokussieren ist wie ein Fitnessprogramm zu absolvieren, wo ich nur Gewichte stemme – meine Muskeln werden immer weiter angespannt. Ich muss sie aber auch dehnen. Ich glaube nämlich es geht um dieselben Muskeln. Wir haben uns selbst in dieses Chaos hinein manövriert, und jetzt wo wir es besser wissen, können wir auch unseren Weg wieder hinaus finden. Wir können die Prozesse bewussten Gestaltens auf die Faktoren und Rahmenbedingungen unseres Lebens so wie es jetzt ist anwenden. Und das glaube ich, ist aufregend!
Ich sage meinen Schülern: “Wisst ihr, wir können die Zeit nicht zurück drehen. Wir wollen auch gar nicht zu etwas zurückkehren, was hinter uns liegt. Was wir wollen ist in eine Zukunft aufzubrechen, die noch nie zuvor existiert hat und gleichzeitig das ehrt, wo wir herkommen. Ich freue mich darauf zu erleben, wie wir indigene Lebensart – Werte wie Nachhaltigkeit und Fürsorge für das Land – hinein weben in die Wissenschaften, die wir heute kennen. Diese Lebensweise ist hochgradig produktiv, hochgradig egalitär, und die Profite bleiben innerhalb der Gemeinschaft – was bedeutet, dass es viel weniger Versklavung durch Verschuldung gibt, von der nur eine winzige Zahl von Menschen profitiert. […] Es geht um eine Art zu Leben, die ein Zuhören erfordert – ein Lauschen darauf, was unsere Berufung ist. Auch der englische Begriff “vocation” geht zurück auf das “rufen” oder “anrufen”(“vocare”), wobei es um ein anrufen unserer eigenen Gabe geht, die wir mit der Welt teilen können – unsere Berufung.

Warren Brush kannst du hier bei uns erleben:

– beim Workshop Peace & Permaculture im August 2016 und

– beim international anerkannten Permakultur-Design-Zertifikats-Kurs (72h-Kurs) im Frühjahr 2017