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In den letzten Wochen machen die Meldungen und Meinungen rund um Corona und die Umgehensweise damit, es vielen Menschen extrem schwer, einander von Herzen zuzuhören. Ein tiefer Abgrund scheint in der Bevölkerung aufzuklaffen, oft sogar mitten durch Familien oder auch innerhalb von Freundschaften.

Die Angst davor, etwas Wichtiges zu verlieren scheint auf beiden Seiten einfach zu groß und zu dringlich – auch wenn das worum es geht für jeden etwas anderes, oder sogar scheinbar entgegengesetztes ist.

Wenn gleiche Meinungen aufeinander treffen, kann man sich leicht zusammen hochschaukeln – um dann noch vehementer gegen die jeweils “anderen” zu wettern.

Wenn unterschiedliche Meinungen sich zeigen, ist dies oftmals so bedrohlich, dass wir uns in Kampf, Flucht oder Starre wiederfinden – und sogar langjährige Verbindungen in Gefahr zu geraten scheinen.

In mir selbst kann ich gut beobachten, wie die Welt sich auf einmal eng anfühlt, wenn es in einer Situation keinen akzeptablen Ausweg zu geben scheint. In solchen Momenten beginne ich leicht, mich gegen andere Menschen zu richten und zu verurteilen, statt mitzufühlen.

Warum ist es so schwer, einen gemeinsamen Weg zu finden?

Mein 13jähriger Sohn zeigt mir gerade viele Filme über Superheld*Innen, die die Welt retten, von denen er total begeistert ist.

Was das trügerische Superhelden-Idealbild mir vor Augen führt ist, wie tief – auch in mir selbst – der Wunsch danach steckt, auf der Seite der Guten zu sein – und damit verbunden auch eine tapfere Bereitschaft zu kämpfen wenn es notwendig wird, mit allen Mitteln.

Doch das ist keineswegs so vernünftig, wie es zu sein scheint!

Wenn ich an meine Erfahrungen bei den Ju/’hoansi-Buschleuten denke oder an die Geschichten aus anderen friedvollen Kulturen, wie sie beispielsweise Tom Porter erzählt, sehe ich das genaue Gegenteil von einem Action-Film – vielmehr ein beständiges miteinander aufeinander lauschen und große Disziplin dabei, gemeinsame Wege zu finden, im Respekt für die Bedürfnisse der jeweils anderen.

Konditioniert darauf, Recht zu haben

Es ist wohl einer Aspekt unserer westlichen Kultur, dass die menschliche Regung des “Recht haben wollen” oder auf der “richtigen” Seite sein wollen, hier bei uns nicht relativiert wird, sondern im Gegenteil von Klein auf noch angefeuert wird – so dass viele von uns dies als Grundgewissheit regelrecht brauchen.

Wir bekommen es in der Schule schon angewöhnt, wie beschämend es ist, falsch zu liegen, wie schmerzhaft und bedrohlich.
Und wenn wir das einmal verstanden haben, beweisen wir unsere “Kompetenz” beständig (vor allem vor uns selbst) – und dies erscheint leichter, indem wir gegen die “falsche” Seite kämpfen.

Wir brauchen also die Bösen oder das Böse, könnte man sagen, damit wir selbst die Guten sein können. Ohne passende Gegner*Innen ist es schwierig, diese Gewissheit zu haben.
Und gerade in unsicheren Zeiten wie jetzt, wo die Zivilisation in ihrer bisherigen Form schier zusammenzubrechen scheint und nur sehr vage Zukunftsperspektiven zur Verfügung stehen, wollen doch die meisten Menschen zumindest auf der Seite der Guten sein!

Doch infolge dieses aufrichtigen Bestrebens werden seit Jahrtausenden fruchtlose Kriege geführt, bei denen niemand wirklich jemals gewinnen kann – zwischen Völkern, zwischen Liebenden, zwischen Geschwistern, zwischen uns allen.

Ein Infragestellen unserer eigenen politischen Ansichten wird von unserem Nervensystem tatsächlich ähnlich bedrohlich empfunden, wie ein bewaffneter Angriff.

Dabei ist Wahrheit, falls wir sie überhaupt jemals erfassen können, ein fantastisch buntes, komplexes Puzzle, zu dem alle Teile dazu gehören, die herumliegen.
Diese vielen verschiedenen Teilchen voller Respekt, Achtung und vor allem Humor zusammenzutragen ist eine Kunst, die für ein friedvolles Miteinander unersetzlich ist.
Keine Superkraft der Welt kann mehr Frieden bewirken!

Über den Tellerrand schauen

Bemerke ich, wie ich innerlich ins Verurteilen komme, kann es so richtig gut tun, mal ganz weit raus zu zoomen:

Overview-Effekt” heißt der von Weltraumfahrenden beschriebene Bewusstseins-Sprung, den viele von denen erlebt haben, die unseren kleinen blauen Planeten von ganz weit draußen betrachten konnten. Fast alle beschreiben, wie unbedeutend ihnen aus dieser Distanz alle menschengemachten Konflikte erschienen, und viele drückten eine weltumspannende Liebe zu dieser wundersamen Kugel voller Leben aus, die wir unsere Erde nennen.

Wenn wir weit genug raus-zoomen, sehen wir anscheinend klarer, was uns eigentlich alles verbindet, und unser angeborener Drang die Menschen in “zu mir gehörig” und “die anderen” einzuteilen, wird kleiner.

Auch ohne Rakete ist es möglich, mit Hilfe unserer Vorstellungskraft diese Reise anzutreten und von ganz weit entfernt auf die Erde als lebendigen Organismus zu schauen, der inmitten des lebensfeindlichen Weltraums, geschützt durch eine nur hautdünne Atmosphäre, all diese wundervollen Wesen beherbergt, einschließlich uns – der eigentlich allesamt recht seltsamen Menschen.

Für mich ist dies auch ein Inbegriff von Spiritualität – mich bewusst mit dem zu verbinden, was die Verbindung zu allem Leben für mich deutlich spürbar macht.

Diese Art von Verbindung zum ganz großen Ganzen macht es leichter, auch angesichts großer Konflikte und großer Unsicherheit, mich selbst auf eine lebensfördernde Weise zu verhalten und meine Energien zu bündeln für das, was gerade hilfreich und gebrauch ist.

Wieder zueinander finden

Mir hat es gut getan, gerade in diesen letzten Wochen mich immer wieder auf Geschichten zu besinnen, wo trotz gewaltiger Konflikte eine Verbindung wieder möglich wurde.
“Beyond Right and Wrong – Stories of Justice and Forgiveness” ist ein englisch-sprachiger Film darüber, wie es Menschen gelungen ist, die größten denkbaren Abgründe zu jemand anders zu überwinden und Verbindung zu finden: In der Dokumentation kommen Opfer schrecklicher Gräueltaten zu Wort, die es geschafft haben, mit den Tätern Frieden zu schließen. Der Film beschreibt, wie dadurch tragfähige Brücken gebaut werden, die Verbindungen erschaffen, wo dies völlig aussichtslos und unmöglich erschien – und wie weitreichend die positiven Folgen davon sein können.

Wenn du Lust auf mehr Geschichten dieser Art hast kann ich dir auch das Buch “Peacemaking Circles – From Conflict to Community” empfehlen. Die Autoren, die unterschiedlichen Ureinwohner-Kulturen in Nordamerika angehören und dort als Friedensstifter tätig sind, erzählen Geschichten von Peacemaking-Prozessen in ihrem Kontext, beispielsweise nach Verbrechen, wo Täter, Opfer und deren Familien und größere Gemeinschaft einbezogen werden, um wahrhaftigen Frieden herzustellen.

Brücken bauen ist möglich

Wenn du in deinem nahen Umfeld mit Menschen zu tun hast, die ganz andere Ansichten vertreten, als du selbst, empfehle ich dir das Buch How to have Impossible Conversations”. Darin beschreiben Peter Boghossian und James Lindsay die wichtigen Grundschritte, damit ein Gespräch über das konflikthafte Thema gelingen und die Verbindung zu den anderen bestärken kann:

1. Versuche die Position der anderen so klar, deutlich und wohlwollend wiederzugeben, dass diese am liebsten sagen würden: “Danke, ich wünschte ich hätte es selbst so ausdrücken können.”
2. Benenne alle Übereinstimmungen mit deiner eigenen Sichtweise (je themenspezifischer, desto besser).
3. Sprich alles aus, was du von deinem Gegenüber lernen konntest.
4. Erst dann ist ein fruchtbarer Boden dafür bereitet, nun gemeinsam zu erforschen, wie valide die einzelnen Standpunkte sind. 

Die eigene Ignoranz einzugestehen schafft Offenheit

Vermeintliche Fakten aufzuzählen ist hier jedoch am allerwenigsten hilfreich. So wenig wie die meisten von uns in der Lage seien wirklich zu erklären, wie unser Telefon funktioniert oder was Radiowellen eigentlich sind, wären die wenigsten Glaubenssätze und Meinungen, die wir übernehmen und benutzen, auf wirklichem objektivem Faktenwissen basiert, schreiben Boghossian und Lindsay.

Je scharfsinniger unser Verstand funktioniert und je klarer und wortgewandter wir uns ausdrücken können, desto besser können wir dies verbergen und verschleiern, oder sogar andere von unserem Standpunkt überzeugen. Doch die meisten von uns geraten irgendwann ins Straucheln, wenn wir versuchen, in der Tiefe zu erläutern und zu beweisen, warum wir so überzeugt von irgendetwas sind.

Viele unserer Überzeugungen sind für uns regelrechte Anker im Dasein. Diese Sichtweisen in Frage zu stellen, kann deshalb große Unsicherheit mit sich bringen.
Es fällt viel leichter, sich darauf einzulassen, wenn mein Gegenüber zum eigenen Unwissen und der eigenen Ignoranz steht, diese ganz ehrlich zugibt (beispielsweise durch Aussagen wie: “Ich weiß das selber nicht so genau.” “Ich kenne mich nicht wirklich aus.” “Ich bin mir nicht ganz sicher.“)
Damit können wir einander sozusagen auf neutralerem Boden begegnen – eine gute Voraussetzung für behutsameren und mehr Verbindung schaffenden Austausch.

Es gibt Fragen, die hier für uns selbst und für unser Gegenüber die Anhaftung an unsere (natürlich immer begrenzten) Sichtweisen etwas lockern können, und dadurch ein Stück weit Erleichterung und Öffnung schenken:
– “Gäbe es Umstände unter denen ich/du diese Sache anders bewerten würde?”
– “Könnte man trotzdem ein guter Mensch sein, selbst wenn man diese bestimmte Sache anders sehen würde?” 

– “Gibt es irgendeinen Menschen, der für mich/dich ein “guter Mensch” ist, und diese Sache (vermutlich) anders sieht?”

Was ich außerdem hilfreich finde ist es, gemeinsam in die Tiefe zu tauchen: “Was sind die Werte die für mich/dich im Kern hinter dieser Überzeugung stehen?” “Warum sind mir gerade diese Werte so wichtig/heilig?”

So können wir es schaffen, für uns selbst und für unsere Gesprächspartner Druck rauszunehmen und buchstäblich den Horizont des Gespräches zu erweitern – um mit mehr Weite im Herzen und Verstand eine gemeinsame Basis zu finden, auf der Verbindung möglich ist.
Selbst in Momenten wo ich mich nicht traue, diese Fragen wirklich laut zu stellen, kann ich spüren, wie sie auf mich selbst und mein eigenes Vermögen dem anderen mit Offenheit zu begegnen wirken, sogar wenn ich sie einfach nur im Stillen für mich selbst beantworte.

Denn wie Eric Barker, dessen Newsletter (auch zu diesem Thema) ich besonders schätze so wundervoll auf den Punkt bringt: “Die Meinung von jemand anders zu beeinflussen ist extrem schwer. Unsere eigene Meinung zu verändern kann noch viel schwerer sein. Aber wenn wir uns dafür öffnen, ist es oft viel viel fruchtbarer.”

Willkommen sein ist ein menschliches Grundbedürfnis

Wir sind alle nur Menschen, und wir brauchen einander mehr denn je – liebe-voll und in Verbindung.

Wir freuen uns sehr darauf, viele von euch wiederzusehen, wenn unsere Veranstaltungen im Juli (mit der Naturverbindungs-Weiterbildung) wieder losgehen.

Wir werden ganz sicher einen Raum schenken, wo du willkommen bist!

Genauso wie du bist, mit was auch immer deine Meinungen, Ideen, Gefühle und Sorgen sind, bist du eingeladen, dich mit uns und mit allen, die noch dabei sein werden, wohlig und geborgen zu fühlen.

“Jenseits von Richtig und Falsch ist ein Garten – dort werden wir zusammenfinden.”

Rumi

1964 schüttelte das Große Erdbeben von Alaska die Stadt Anchorage für anderthalb Stunden durch und beließ kaum einen Stein auf dem anderen. Ganze Ladenzeilen verschwanden bis zum Dach in sich auftuenden Erdspalten. Das gesamte Leben spaltete sich ebenso, in ein “davor” und ein “danach”.

Katastrophen überleben

Viele ältere Menschen heute haben Katastrophen überlebt. So wie mein Vater, der 1945 als Fünfjähriger zu Fuß mit seinen Eltern aus dem heutigen Kaliningrad flüchtete. Meine Oma schob dabei den Rollstuhl mit ihrem von einem Granatsplitter querschnittsgelähmten Mann, auf dessen Schoss die meiste Zeit mein damals dreijähriger Onkel saß. Als sie im fast 700 km entfernten Dargun in Mecklenburg ankamen, konnten sie nicht mehr weiter: Denn Wehen setzten ein und in einer Scheune gebar meine Oma ihr drittes Kind.

Katastrophen, im Sinne von leidvollen, plötzlichen Umbrüchen, sind ein Teil des Lebens: Ein Sturm kann Bäume entwurzeln, ein Biber-Paar kann ein Flußtal überfluten, Erdrutsche können ganze Ökosysteme mit sich reißen, und Waldbrände zerstören einen großen Teil der Vegetation.

Auch wenn wir es persönlich vielleicht noch nie so drastisch erlebt haben: Ich glaube tief in uns schlummert eine Erinnerung oder Ahnung davon, wie es sein könnte, mittendrin zu stecken.

Ein Katalysator für Nächstenliebe

Direkt nach dem Erdbeben in Alaska machte sich ein Team von Sozialforschern auf, um zu studieren, wie die Menschen vor Ort mit dem Unglück umgehen würden. Sie waren auf das Schlimmste gefasst, auf Gewalt, auf alle Arten von unsozialen Verhaltensweisen.

Doch das Gegenteil war der Fall: Völlig spontan und ohne jegliche Anweisungen oder Absprachen vernetzten die Menschen sich auf alle möglichen hilfreiche Weisen miteinander: Menschen gruben sofort nach dem Beben andere Menschen aus den Trümmern aus, Menschen mit Autos fuhren stundenlang umher um andere mitzunehmen, hunderte Freiwillige meldeten sich bei der Feuerwehr und überall nahmen Menschen Fremde bei sich zuhause auf. “Jeder machte mit“, sagte ein Befragter später. “Jeder probierte einfach alles was möglich war für jeden zu machen.”

Eine Woche blieben die Forschenden dort und bei den Befragungen wurde klar: Die Menschen hatten nicht planvoll oder strategisch gehandelt, sondern einfach spontan, sogar instinktiv das getan, was ihnen gerade in den Sinn gekommen war.
Die Katastrophe hatte einen Grad an Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft freigesetzt, der im alltäglichen Leben selten die Gelegenheit hat, an die Oberfläche zu treten.

Helfen können tut uns gut

Bei vielen Empfehlungen die gerade zirkulieren geht es nicht primär darum, sich selbst zu schützen, sondern andere. Das knüpft an unserer angeborenen Freude am Hilfsbereit sein an. So waren in einer Studie sogar erst 19 Monate alte Babies bereit, an jemanden der hungrig aussah, ihr Essen zu verschenken – obwohl sie selbst auch Hunger hatten.

Durch unser Handeln einen positiven Unterschied für andere zu machen, verschafft uns eine tiefe Freude, und zählt zu den wichtigsten Faktoren für ein glückliches Leben.

Helfen, das bedeutet jetzt gerade vor allem:

  1. Zuhause bleiben
    Wir können einen wahrhaft heldenhaften Beitrag leisten, indem wir in dieser Zeit für uns selbst bleiben.
    (Wer mehr darüber wissen mag, warum dies so wichtig ist, dem empfehle ich folgende Artikel über die dahinter stehenden Erkenntnisse über die Verbreitung des Virus und die Auswirkungen auf unser Gesundheitssystem und über die Lage in Italien (bereits vor drei Tagen).
  2. Ermöglichen, dass andere zuhause bleiben
    Vor allem geht es dabei darum, für die Ältesten in unserem Umfeld Besorgungen zu übernehmen, damit sie geschützt bei sich zuhause bleiben können.
  3. Unterstützen, dass andere sich zuhause wohl fühlen
    Wir können anderen und uns selbst diese Zeit versüßen, indem wir unsere sozialen Beziehungen übers Telefon oder Internet nähren, Raum für herzvolle Gespräche schenken, wie in Italien von unseren Balkonen oder Fenstern musizieren, Liebesbriefe und Pakete verschicken und gemeinsam mit den Menschen mit denen wir unter einem Dach wohnen, eine nährende Zeit gestalten.

Und was hilft uns, zu helfen?

Psychologin Jill Suttie vom Greater Good Science Center in Kalifornien hat hierzu einige Empfehlungen veröffentlicht, die ich gern mit euch teilen möchte:

1. Achte auf die heldenhaften Taten!

In jedem Unglück gibt es Menschen, die sich altruistisch, also vollkommen uneigennützig verhalten. Uns mit ihnen zu beschäftigen, ihr Tun zu beobachten, kann in uns selbst ein erhebendes Gefühl von Redlichkeit erzeugen. Es könne uns optimistischer machen und wir möchten im Ergebnis selbst gern auch Gutes tun, schreibt Jill Suttie. So kann eine Aufwärtsspirale für mehr Freude für alle entstehen.

2. Kultiviere deine innere Gelassenheit

Achtsamkeitsübungen wie Sinnesmeditationen, Weitwinkel-Schauen, meditatives Spazierengehen, bewusstes und langsames Essen, sich mit dem Atem verbinden, Entspannungstechniken, Yoga oder andere achtsamkeitsfördernde Bewegungspraktiken sind in Krisenzeiten besonders wichtig.

Sie zu üben wann immer wir den Fokus dafür aufbringen können, sei für unsere Geisteshaltung so wichtig, wie Vorkehrungen für Überflutungen zu treffen, bevor der Monsun-Regen fällt, sagt der Dalai Lama.
Für mich ist dabei der Atem einer der praktischsten Zugänge, weil ich meinen Atem immer dabei habe. Bewusstes Atmen beruhigt an sich bereits. Wenn ich tiefere Entspannung einladen möchte, kann ich mein Ausatmen allmählich verlängern, oder es mit einem Schnaufen oder Tönen verbinden.

3. Zeige Dankbarkeit

Dankbarkeit in mir erwecken und spüren kann in sich schon beruhigend und herzöffnend sein. Sie auch zu zeigen, kann anderen Menschen deutlich machen, wie wichtig und wohltuend ihr Handeln wirklich ist, und dadurch ermutigen, sich weiter auf hilfsbereite Weise zu verhalten.

4. Fühle mit

Scheinbar hat gerade das “mütterliche Hormon” Oxytocin viel damit zu tun, wieviel Mitgefühl wir mit anderen Menschen aufbringen können. Denn je mehr davon in uns vorhanden ist, desto leichter fällt es uns, jemand anders zu Hilfe zu eilen.

Das ist gerade jetzt aktuell eine sehr interessante Beobachtung, weil wir es im alltäglichen Leben vor allem bei innigen sozialen Interaktionen ausschütten (z.B. bei Umarmungen, Orgasmen oder wenn wir Massagen bekommen) – die jetzt gerade vielen Menschen fehlen!

Wenn wir wenig Körperkontakt mit anderen Menschen haben können, können auch Yoga oder sanfte Musik helfen. Außerdem können laut Paul J. Zak folgende Aktivitäten sehr wirkungsvoll sein:

  1. Mit voller Aufmerksamkeit von Herzen zuhören, dem anderen dabei in die Augen schauen und mich in mein Gegenüber einfühlen.
  2. Ein Geschenk von jemand anders bekommen.
  3. Gemeinsam mit anderen Menschen essen – das geht heutzutage auch über Skype oder Whatsapp-Calls, oder selbst am Telefon. Besonders wirksam ist dies, wenn man es mit Punkt zwei verbindet, und die Mahlzeit ein Geschenk ist.
  4. Beim Meditieren meine Aufmerksamkeit auf meine Liebe zu anderen Menschen (und der Natur) richten (statt auf meine eigene Selbstwahrnehmung)
  5. Ein heißes Bad nehmen.
  6. Sogar mit Freund*Innen über Social Media in Kontakt sein soll in Studien bei 100% der Menschen das Oxytocin-Level steigen lassen. Ich vermute auch das Anschauen von Fotos früherer Zeiten und Freundschaften und Familie, könnte dasselbe bewirken.
  7. Einen Hund streicheln – egal ob es der eigene Hund ist. Und vielleicht funktioniert es mit Katzen und anderen Haustieren auch?
  8. “Ich liebe dich” und “Ich hab dich lieb” sagen und hören.

Warum gerade jetzt Konflikte aufflackern können?

Beängstigende Zeiten, vor allem wenn sie mit viel Nicht-Wissen, Unsicherheit und Verwirrung verbunden sind, können dazu führen, dass unsere Fremdenangst gegenüber Menschen anderer Kulturen sprunghaft wächst.

Und diese Angst vor dem was mir fremd ist, scheint insbesondere auch für andere Denkweisen zu gelten: Denn die sozialen Medien sind voll von heftigen Auseinandersetzungen zwischen Menschen die sehr viel gemeinsam haben, darüber, ob die Pandemie wirklich so schlimm ist, wie sie zu sein scheint.

Zur selben Zeit wandert eine Welle von Solidarität und Fürsorge für die Älteren rund um die ganze Welt, es herrscht an vielen Orten Aufbruchstimmung, wir erleben eine nicht für möglich gehaltene Drosselung von Produktion, Konsum und damit auch Umweltverschmutzung. Regierungen überlegen ernsthaft, bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen. Und die Bundesregierung startet sogar einen deutschlandweiten Beteiligungsprozess rund um das Finden von gemeinsamen Lösungen für die mit der Virenkrise verbundenen Fragen.

Meine persönliche Herangehensweise ist: Kritisches Denken ist immer wichtig, auch gegenüber der öffentlichen Meinung.

Panik ist niemals förderlich, egal wie berechtigt sie scheint. Doch Panik und Anti-Panik scheinen sich in ihren Ausdrucksformen sehr ähnlich zu sein, und in ihren Wirkungen auch: Sie kreieren mehr Panik, also Überlebensreaktionen wie Flucht, Kampf oder Starre. Es ist also zweitrangig, ob ich mehr Angst vor dem Virus habe oder vor der Regierung oder vor allen Sorten von “Anderen”.

Wann immer uns die Angst erfasst oder wie eine Welle über uns rollt, können wir nur noch sehr schwer klar denken, geschweige denn unser Mitgefühl, unser Einfühlungsvermögen, unsere Intuition und innere Weisheit zurate ziehen.

Unser Verstand sucht gerade angesichts hochkomplexer und potentiell gefährlicher Vorgänge am liebsten (und manchmal scheinbar verzweifelt) nach schnellen, einfachen, für uns selbst plausiblen Erklärungen – die quasi jede Menge Informationen ausblenden müssen, damit sie einfach genug bleiben, um zumindest ein Stückchen innerer Sicherheit zu spenden.

Ich kann es an mir selbst wunderbar beobachten, wie Wogen der Angst mich durchfluten, in die eine oder die andere Richtung – je nachdem welche Arten von Artikeln oder Nachrichtenbeiträgen ich mir anschaue.

Generell finde ich persönlich es essentiell, dass ich Main Stream Berichterstattung immer auch kritisch hinterfragen darf. Für mich, die ich in der DDR aufgewachsen bin, ist das eine Grundsäule einer demokratischen Gesellschaft: Freie Medien und freie Meinungsäußerung über die Beiträge dieser Medien.

Doch gerade in diesen letzten Wochen erreichen uns extrem widersprüchliche Grundaussagen von allen Sorten von Medien, und der kritische Diskurs, der eigentlich ermächtigen soll, nimmt oft Formen an, die das Potential haben, den Zusammenhalt in der Bevölkerung zu erodieren.

Deshalb ist für mich persönlich gerade das Wichtigste, dass mein kritisches Hinterfragen von Medien und Regierungsorganisationen und ebenso auch mein kritisches Hinterfragen von vielen anderen lauten Stimmen in der Öffentlichkeit, mich nicht darin beeinträchtigt, wie sehr ich selbst mich in Mitgefühl, Fürsorge, Nächstenliebe und Solidarität übe.

Wann immer ich im außen einen vermeintlichen Gegner erspähe, erlebe ich persönlich es als sehr schwierig, selbst großherzig und mitfühlend zu bleiben.

Dabei ist gerade das Mitgefühl eine Kernzutat, die es maßgeblich erleichtern kann, Lösungen angesichts komplexer Herausforderungen zu finden!

5. Mit mir selbst mit-fühlen

Wenn ich feststelle, dass ich selbst gerade dabei bin, mich in Theorien zu verrennen oder krampfhaft Schuldige finden will, kann es ein erster hilfreicher Schritt sein, meine Ängste dahinter anzuerkennen und mir Selbst-Mitgefühl zu schenken.

Ich kann mich selbst trösten, beispielsweise indem ich mir die Hand auf mein Herz lege und mir sage, wie schwierig diese Situation sich gerade anfühlt. Wie bodenlos, haltlos, verzweifelt ich mich fühle. Und dass das ok ist. Dass ich traurig sein darf, und vor allem, dass ich Angst haben darf, sie fühlen darf.

Manchmal merke ich dann ganz deutlich, dass ich gerade gar nicht kämpfen möchte, sondern eigentlich es Zeit ist, zu trauern – und über den Ausdruck der Emotionen und das Weinen, meinen inneren Frieden wieder zu finden.

6. Lenke deinen Fokus darauf, dass wir alle Menschen sind – und einander gerade brauchen

Eines der größten Hindernisse für unsere naturgegebene Hilfsbereitschaft scheint es zu sein, wenn wir uns “anders” als die anderen wahrnehmen. Ich meine damit nicht im Sinne von einzigartig (was wir natürlich sind), sondern im Sinne von scheinbar unüberbrückbaren Gegensätzen.

In den letzten Tagen habe ich immer wieder darüber gelesen, wie “wir” auf der einen Seite und “die Medien”, “die Pharma-Industrie”, “die Politiker” auf der anderen Seite stünden, und wir uns zur Wehr setzen sollten.
Die Sprache zeigt, dass da eine Entmenschlichung stattfindet. Egal ob dies in Richtung “die da oben” geht, oder ein Freund auf einmal nur noch ein “Verschwörungstheoretiker” ist – indem Moment wo wir jemanden in eine Schublade stecken, auf der etwas anderes draufsteht als “ein Mensch wie ich“, kreieren wir die besten Voraussetzungen für Feindseligkeit dieser Person gegenüber.

Eine Feindseligkeit, die in diesem Fall von uns ausgeht, und die wir subjektiv sogar als berechtigt empfinden werden!

Für mich ist auch hier der Dalai Lama das leuchtendste Beispiel, der darauf besteht, dass er nur “einer von sieben Milliarden Menschen” sei, die alle im Grunde einfach nur glücklich und ohne zu leiden leben möchten.

Eine einfache Übung, die mir hilft, in Momenten der Verachtung für andere (die auch menschlich sind!) wieder zu mir selbst zu finden, hat das Greater Good Science Center entwickelt:

  1. Denke an eine Person oder Gruppe von Menschen, die du als vollkommen anders oder mit deinen Werten und Vorstellungen unvereinbar wahrnimmst, mit der du vielleicht auch gerade in persönlichen oder ideellen Konflikten stehst.
  2. Denke an all das, was euch verbindet, was ihr gemeinsam habt. Das beginnt damit, dass ihr beide Menschen seid. Was ist da noch oder könnte da sein? Vielleicht die Erfahrung, beide Kinder zu haben? Schon mal verliebt gewesen zu sein? Einen Menschen verloren zu haben? Sich ängstlich oder verunsichert gefühlt zu haben?
  3. Lass diese Gemeinsamkeiten auf dich wirken und stelle dir dein Gegenüber als einen einzigartigen Menschen vor, dessen Lebenswirklichkeit, Geschmack, Glauben oder Verhaltensweisen, in bestimmten Aspekten deinen eigenen entsprechen oder ihnen ähnlich sind.
  4. Wiederhole bei Bedarf. 🙂

Hier kannst du mehr über die Übung und die zugrundeliegende Studie lesen.

Miteinander füreinander da sein

Für mich ist dies eine unglaublich berührende Zeit. Jeder Tag bringt schmerzliche Nachrichten, UND zeigt wundervolle Beispiele von Menschlichkeit und unserer Kapazität, für einander wahrhaftig da zu sein.

Mögen wir Mitgefühl und Selbst-Mitgefühl immer wieder finden in diesen Zeiten. Damit wir einander in unserem einzigartigen und kollektiven Mensch-Sein so gut unterstützen können, wie es gebraucht ist, in dieser Zeit in der wir leben.

“Meine Freunde, verliert nicht eures Herzen’s Mut. Wir sind gemacht worden für diese Zeit.”

Clarissa Pinkola-Estes

mit denen laut Wissenschaft Weinen heilsam wirkt

 

Weinen kann gewaltige Erleichterung bringen – jedoch nicht immer.
Wissenschaftler, die seit Jahrzehnten probieren das emotionale Weinen in Labors zu erzeugen, um es zu untersuchen, wissen dies am besten, denn hier fühlen sich Probanden danach oft kein bisschen besser.
Werden Menschen jedoch nach Wein-Momenten in ihrem “normalen” Leben befragt, ist die überwältigende Mehrheit sich einig: Weinen erleichtert und löst auf kathartische Weise auf, was vorher so belastend war.
Ein Forscher-Team von der Universität Süd Florida und einer Universität in den Niederlanden hat deshalb vor gut zehn Jahren zusammen mit zwei anderen WissenschaftlerInnen über 4.000 Menschen aus 30 verschiedenen Ländern interviewt um herauszufinden, welche Faktoren dazu beitragen, WANN weinen denn erlösend wirken kann?
Ihre Ergebnisse untermauern, was wir in unserer Trauer-Arbeit auch berücksichtigen und nutzen…

 

1. Selber JA sagen!

Wenn ein Moment des Weinens mir selbst nicht willkommen ist, weil ich mich auf anderes konzentrieren will oder mich dafür schäme, ist es viel weniger wahrscheinlich, dass ich die Tränen als heilsam erlebe.

 

2. Soziale Unterstützung empfangen

In den Interviews schätzten die interviewten Menschen rückwirkend ihr Weinen als insgesamt erlösender ein, wenn sie dabei soziale Zuwendung erhalten hatten.
Am leichtesten fiel das den meisten, wenn es nur ein Gegenüber gab, nur ein anderer Mensch dabei war, und dieser auch noch rückversichernde, tröstende, ermutigende Worte, sowie freundliche, zugewandte Mimik und Gestik für die Weinenden hatte.
Dank genauerer Fragen wurde deutlich, dass in Kontexten mit mehreren Menschen nicht so sehr die Anzahl hier hinderlich war, sondern es sich hierbei vorwiegend um Kreise handelte, in denen Weinen grundsätzlich nicht oder in diesem Moment nicht willkommen geheißen wurde (über Worte, Mimik, Gestik), so dass eher ein Gefühl von Scham oder Beklommenheit im trauernden Menschen aufkam.
Wenn in einer Gruppe, einem Team oder anderem Kreis Tränen aufkommen, brauchen wir voneinander also umso mehr, dass wir uns deutlich darin bestätigen, dass wir auch mit Tränen und schmerzlichen Emotionen willkommen sind, dass wir in unserem Schmerz gesehen und gewürdigt werden.

 

2. Den Verlust auf neue Weise verstehen

Als Menschen sind wir Sinn suchende Wesen, und geben aus uns selbst heraus den Dingen Sinn. Wir schenken dem was geschieht eine Bedeutung unserer Wahl (entsprechend unserer Weltsicht, Denkmuster und -gewohnheiten).
So ist es nicht überraschend, dass das erfolgreiche “Finden” eines neuen Sinnes in dem Verlust, dem Leiden oder der Herausforderung, uns dabei hilft, nach dem Weinen einen Zustand der Katharsis zu erleben, wie es auch in der Studie dokumentiert werden konnte.
In dem Moment wo wir unser Verständnis wandeln, hat sich etwas an der Bedeutung des Verlustes für uns selbst gewandelt, und die veränderte Sicht auf die Geschehnisse, ermöglicht die innere Erleichterung.
Wann immer es schwierig ist, sucht unsere Psyche nach einem Sinn für das Schlimme, nach etwas Positivem, das wir dem Schrecklichen abgewinnen können.
Ist die neue Einsicht gefunden, kann sich etwas in unserer Tiefe entspannen und lösen. Das Trauern (und als Teil davon auch das emotionale Weinen) ist eben ein Prozess der Integration, wo schmerzhafte Dinge in unserem Leben (die vorhandenen wie die fehlenden) an ihren gegenwärtig stimmigsten Platz gerückt werden.

 

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3. Mit Demut und Selbstverantwortungsblick schauen

Wenn ich Verantwortung für den Auslöser des Weinens bei mir selbst finden kann, statt sie anderen zuzuweisen, kann ich laut der Studie das Weinen eher als heilsam und erleichternd erleben. Sehe ich die Verantwortung stattdessen vor allem bei meinem Gegenüber, kann ich mich nach dem Weinen zwar körperlich besser fühlen, mental ist es aber weniger erleichternd.
In meiner Erfahrung kann es ein wichtiger Teil für jeden Trauer-Prozess sein, mich zu fragen was ich selbst anders machen würde, wenn ich die Chance dafür noch einmal bekäme.
Indem ich anerkenne, dass niemand anders für meinen emotionalen Zustand verantwortlich ist, sondern alle Mitmenschen sich genau so verhalten wie es ihnen eben möglich ist, und es letztendlich bei mir liegt, wie ich damit umgehe, wie ich mich selbst schützen und für meine Bedürfnisse sorgen kann, bleibt die Verantwortung bei mir – nicht im Sinne von Schuld, sondern im Sinne von Gestaltungskraft.
Auch wenn sich Gefühle von Reue dabei einstellen – das Trauern und Weinen über das, was ich selbst versäumt habe (weil ich selbst auch nur nach meinen eigenen Möglichkeiten handeln konnte) kann die Tür öffnen für bewusstere Entscheidungen und hilfreichere Denk- und Verhaltensweisen in der Zukunft, welche ich durch das Trauern bereits ein Stück weit auf den Weg bringe. Denn ich verbinde auf eine sinnhafte Weise die vergangenen Ereignisse mit meinen (zukünftigen) Bedürfnissen und meinen Werten.
Ein Drittel der Momente des Weinens ereignen sich laut der Studie am späten Abend, zwischen 10:00 Uhr und Mitternacht, einer Tageszeit die als “Nordwesten” auch im 8 Schilde Modell eng mit dem Trauern verbunden ist, weil sie unter anderem Zeit und Raum für Rückschau und tiefere Reflektion schenkt, und nach dem Sinn von Erlebnissen fragt.
In dieser Phase (die nicht nur jeden Tag gefunden werden kann, sondern auch in jedem Jahr, in jeder Biographie, in jedem Projektkreislauf usw.).
Nach dem Nordwesten folgt bei den 8 Schilden der “Norden”, wo es unter anderem um das vollständige Integrieren des Erlebten geht, also vereinfacht gesagt darum, mit Orientierung an unseren Werten und unserer Ausrichtung im Leben aus dem was war und dem was gerade ist ein Bündel voller “Medizin” zu schnüren, welches für das was kommt besonders hilfreich sein könnte.

4. Eine Lösung (er)finden

Der selbstverantwortliche Blick erleichtert auch die vierte Zutat für kathartisches Weinen, nämlich das Eintreten einer Lösung, einer Veränderung der auslösenden Umstände, mit Aussicht auf weniger Verlust und Leiden.
Denn bei vielen Herausforderungen denen wir uns gegenübersehen können wir uns allein selbst verändern, unsere Umgehensweise damit, die eine Auflösung der schwierigen Situation ermöglicht oder begünstigt.
Bei Beziehungsthemen wurde eine Wiederannäherung an den anderen als ein Faktor für Erleichterung nach dem Weinen beschrieben. Ebenso auch eine mit Hilfe des Weinens sich zeigende Veränderung für die gegenwärtigen Situation des Weinenden:
Wenn ich mein Trauern beispielsweise dafür nutzen kann, wieder mehr bei mir selbst anzukommen, langsamer zu machen, wenn ich gerade mehr Ruhe brauche, im Bett liegen zu bleiben, wenn ich gerade erschöpft bin, mich von etwas zu verabschieden, was meinem Weg nicht mehr dienlich ist, usw., dann ist es umso leichter, das Weinen an sich als Durchbruch und Katharsis zu empfinden.
Im Einzelnen werden in der Studie folgende “Lösungen” als hilfreich benannt: mich selbst wieder stabil fühlen, ein Ziel erreichen, eine neue Wahrnehmung der Situation, sowie Frieden finden mit der Situation, die das Weinen ausgelöst hat. 
Als Hauptgrund für Weinen auslösende Situationen werden Verluste genannt.
Auch Konflikte sind häufig ein Auslöser, vor allem für Frauen.
Allgemein können ganz unterschiedliche emotionale und mentale Zustände Weinen mit sich bringen. Laut eines Berichts im Journal for Holistic Nursing zählen dazu: Freude, Frustration, Traurigkeit, Wut, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Angst, Reue, Kummer, Einsamkeit, Scheitern, Dankbarkeit und Empathie, sowie Vergnügen, Gnade, Versuchung, ein entfliehen wollen oder auch Rache.

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Und wieso Freudentränen?

Männer weinen häufiger Freudentränen als Frauen. Wenn unser Herz vor Freude überfließt geschieht dies, weil besonders tiefe Freude und Angst oder Traurigkeit wie zwei Seiten einer Medaille sind. Was mir zutiefst wichtig ist, weil ich es liebe, birgt die größten Verluste in sich.

In ihrem Bekenntnis zum “Weinen das heilt” (engl. “Crying that Heals“) beschreiben Griffith, Hall & Fields, dass Freudentränen eigentlich ein Ausdruck für all die Ängste, den Kummer über einen möglichen Verlust sind, der eben glücklicherweise nicht eingetreten ist.

Ein Beispiel: Weine ich vor Freude über ein gesund von einer langen Reise heimgekehrtes Kind, sind in diesem berührenden, freudenreichen Moment all die vielen Möglichkeiten mit im Raum, in denen es hätte verunglücken oder verloren gehen können.
Freudentränen schenken somit die Möglichkeit, in einem sicheren Rahmen, wenn die Gefahr quasi vorüber ist, ich nicht mehr tapfer zu sein brauche, die (vielleicht auch vielfach unbewusste) Anspannung und Stress einer angst- oder schmerzbesetzten Vor-Situation zu lösen, mit Weinen als tief gehendem emotionalen Ausdruck.

 

5. Was noch fehlt…

In meiner Erfahrung spielen noch weitere Faktoren eine Rolle dafür, ob ein Moment des Weinens als heilsam empfunden wird, vor allem ob im Anschluss ans Weinen ein Willkommen heißen von anderen stattfindet, verbunden mit einem nährenden Versorgen der körperlichen und seelischen Grundbedürfnisse, und auch einem Erzählen des Durchlebten und Durchlittenen.
Dieses Willkommen heißen hinterher gibt die Möglichkeit, alle schon genannten Punkte zu verfestigen und somit eine runde Gesamt-Erfahrung zu kreieren.
Diese Gesamterfahrung, bei der es mir gelungen ist, durch Weinen Erleichterung und Heilung zu finden, wird es mir bei der nächsten Gelegenheit leichter machen.
Denn auch ein bereits Vorhandensein von “erfolgreichen” Trauer-Erfahrungen in der Vergangenheit der interviewten Menschen ist ein Faktor, der sich in der Studie des internationalen Forscherteams deutlich darauf ausgewirkt hat, ob Momente des Weinens als kathartisch erlebt werden konnten.

Kathartisches Weinen verbindet Körper, Verstand und Geist

Im Konzept vom “Weinen das heilt” (engl. “Crying that Heals“) beschreiben Griffith, Hall & Fields, dass heilsames Weinen, wenn ganzheitlich betrachtet, den Abgrund zwischen Verstand, Körper und Geist zu überbrücken scheine, auch wenn wissenschaftlich (noch) nicht erklärbar ist, wie genau dies vonstatten gehe.
Sie greifen die Idee auf, dass es sowohl für Weinende, als auch für Zeugen einen tiefgreifenden spirituellen Transzendenz-Prozess ermögliche, dass es “ein Fenster zum inneren Selbst eröffne, ein Fenster, das ein spirituelles Erwachen möglich mache, durch das wir tiefe Ruhe und inneren Frieden erleben” könnten. Sie sprechen von einer ganz besonderen spirituellen Erleuchtung, die das Selbst und das tiefere Sein erfrische, die Seele wieder erwecke und damit sowohl körperliches als auch seelisches Leid lindern könne.
Zwar existieren einzelne Schilderungen von weinenden Hunden, Affen und Elefanten, doch scheint das emotionale Weinen im Großen und Ganzen vor allem ein menschliches Phänomen zu sein.
Ich sehe darin ein unfassbar kraftvolles Geschenk der Schöpfung für unser Leben und Zusammenleben, dass uns immer wieder ermöglicht, mit erneuerter Weichheit, Liebe und Verletzlichkeit in Verbindung mit einander zu sein und zu wachsen.

 

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Wir brauchen einander zum Weinen und Trauern, jetzt!

Gerade heute, wo wir mit der zunehmenden Zerstörung von Lebensräumen und Artenvielfalt, angesichts so viel Leidens überall auf der Erde, und so viel kaum fassbarer Angst vor einer völlig ungewissen Zukunft so viele gemeinsame Gelegenheiten zum Weinen haben, ist dieses Thema aktueller denn je.
Niemand ist in der Lage vorherzusagen, ob für die Kinder unserer Zeit noch ausreichend gesunde natürliche Welt übrig sein wird, um sich selbst zu versorgen und um Lebensraum und Heimat an ihre Enkel und Urenkel weitergeben zu können.
Der Schmerz in unserer tief mit der Erde verbundenen Seele hat nie dagewesene Ausmaße erreicht. Manchmal schaffen wir es, ihn auszublenden. Manchmal spricht er durch uns mit einer aufbrausenden Stimme von Aggressivität und Schuldzuweisungen. Die weitere Entwicklung der Erde und der Menschheit ist ein Thema, das unglaublich stark polarisiert.
Die sozialen Medien sind voll von heftigen Auseinandersetzungen über Theorien und Gegentheorien, von gegenseitigen Schuldzuweisungen, Vorwürfen, Anfeindungen gegen Menschengruppen unterschiedlichster Art. Wenn Trauer da ist und sie keinen gesunden Weg findet, zeigt sie sich in Hass und Aggressivität, und statt als Menschheit zusammenzuhalten bekämpfen wir uns gegenseitig. Manchmal verhärtet sie uns zu resignierter Bitterkeit und Starre, so dass wir mehr tot als lebendig durch unsere Tage gehen.
Doch wir sind dem nicht ausgeliefert – das Trauern kann uns immer wieder aus der Krise in die Katharsis helfen, und Freude zurückholen.

 

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Die Trauer um die Natur und um die gefährdete Zukunft betrifft uns alle, wir sind alle selbst mit verantwortlich (und können diese Selbstverantwortung auch zu uns nehmen), und sie nutzen um  demutsvoll unser Verständnis der Situation immer wieder zu vertiefen und zu erneuern.
Wir können im Trauern, durch das Trauern Lösungen finden und bekräftigen, die von der aufgeweichten, in Sanftmut wirkenden Energie unseres Schmerzes genährt genau das in die Welt bringen können, was wir als Menschheit zu verlieren drohen oder glauben schon verloren zu haben – die tiefe, nährende und fürsorgende Liebe zwischen uns und der gesamten Schöpfung.
Martín Prechtel, ein begnadeter Autor und Sammler von Erfahrungen in tiefer Verbindung mit der Natur, vermag es in Worte zu fassen, was möglich ist:

 

“Wenn wir selbst als Individuen unser Verlorensein und unsere Orientierungslosigkeit anerkennen und betrauern, können wir unser Einheimisch sein auf der Erde wieder zurück ins Leben erinnern. Wir können unser Verlorensein auf diese Weise zu wertvollem spirituellem Kompost verdauen, welcher uns erlaubt genau da innezuhalten wo wir stehen, und nicht vor unserer seltsamen Vergangenheit wegzurennen, sondern klein zu sein, unbewaffnet, tapfer und schön.
 
So können wir das Heilige in der Natur mit jenen Früchten der Schönheit füttern, die an jenem Baum reifen, zu dem die Erinnerung an unsere indigene Seele heranwächst. Dieser Baum wächst und gedeiht im kompostierten Scheitern unseres einstmaligen Drängens, die Welt zu erobern. Er wird gewässert von den Tränen der Trauer unserer gesamten Kultur.
Auf diese Weise können wir vielleicht zu Ahnen werden, die es würdig sind, von ihnen abzustammen, indem wir einen Ort der Hoffnung erwachsen lassen, für eine Zeit jenseits der unsrigen.”
Martín Prechtel 

 

Magst du mehr übers Trauern lesen? 

 

Hier findest du unsere Artikel über das “Geschenk der Tränen”…
In Gemeinschaft trauern kannst du beim Trauer-Feuer, einem Ritualworkshop mit uns am Schloss Tempelhof bei Crailsheim….
Oder in unserer berufsbegleitenden Ausbildung “Trauern in Gemeinschaft” zusammen mit anderen Menschen das Leben bekräftigen, nähren und feiern.…

Im Netzwerk von Circlewise sind inzwischen etwa tausend Menschen angedockt, die uns kennen und auf vielfältige Weisen unterstützen, ob als Teilnehmende, HelferInnen, KooperationspartnerInnen oder einfach mit Freundschaft und Interesse für unsere Arbeit.
Nun darf der Kern des Netzwerks wachsen, damit der Geist vom Circlewise-Wesen von mehr Schultern getragen und auf vielfältigere und umfassendere Weisen in die Welt geschenkt werden kann.
Im Frühling 2019 habe ich ganz subjektiv etwa 40 Menschen persönlich eingeladen, die dazu JA gesagt haben!
Am vergangenen Wochenende haben wir uns mit denen die Zeit hatten erstmalig getroffen und viele wunderbare Sachen gemeinsam erlebt und geteilt.
Bald werdet ihr noch mehr dazu erfahren, was dieser Kreis ist, wie er sich nennen wird, welche Aufgaben er tragen möchte und welche Projekte daraus erwachsen werden.
Hier seht ihr als kleinen Vorgeschmack eine Worte-Wolke aus all den Bildern und Begriffen unserer gemeinsamen Vision, die wir am Wochenende zusammentragen konnten, und die einen kleinen Eindruck davon geben, worum es uns geht.
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Jedes Kind bringt kostbare, einzigartige Gaben für die Gemeinschaft mit! Es ist gebraucht mit seinem ganzen Wesen, genau so wie es ist. 
Bei den Dagara in Westafrika und vielen anderen naturverbundenen Kulturen ist das Wissen um diese Gabe, eine wesentliche Grundlage für das Miteinander mit Kindern im Alltag. Unsere Lehrerin Sobonfu Somé beschrieb, wie sie und viele andere Kinder im Herzen der Dorfgemeinschaft heranwachsen konnten, beschützt und begleitet von den Menschen im Dorf, die wie unzählige “Mütter” und “Väter” waren, so liebe-voll und zugewandt und neugierig auf all das, was die Kinder so mitbrachten. 
Wie können wir in der heutigen Zeit unseren Kindern eine so sichere und geborgene Kindheit schenken?  Vier praktische Hinweise für unser Alltagsleben mit Kindern möchte ich hier mit euch teilen: 


1. Hinschauen, erspüren und spiegeln!
Nimm dir Zeit aufmerksam auf sie zu schauen, und zwar mit dem Herzen! Unser Herz ist das Organ, das zuerst die Stimmung und Gefühlslage von unserem Gegenüber wahrnimmt und dann Impulse mit Informationen ans Gehirn weiterschickt. Hier im Gehirn werden dann dieselben Emotionen aktiviert, wie sie im anderen lebendig sind, so dass wir das Kind und wie es ihm gerade geht wirklich (messbar!) erfühlen und selbst er-leben können.
Ein Kind (und Erwachsener!) der diese Art von Empathie geschenkt bekommt, kann dies ebenfalls deutlich spüren. Der Neuropsychologe Daniel Siegel hat dies als ein Gefühl von tiefem Angenommensein beschrieben, das er “a felt sense of being felt” nennt – wir fühlen, dass wir gefühlt werden – ist das nicht erstaunlich?
Dieser Zustand ist die Grundlage für echte Verbindung, von Moment zu Moment.
Sobonfu Somé hat uns gezeigt, wie wirksam es dabei ist, den emotionalen Ausdruck eines Kindes tat-sächlich zu spiegeln, z.B. indem wir das Weinen eines Säuglings sogar imitieren (mimisch und mit Geräuschen!) und erst später tröstend mit ihm sprechen. Auf diese Weise fühlt sich der kleine Mensch gesehen, verstanden, angenommen und sicher.


2. Innere Vielfalt feiern und integrieren!
Jeder Mensch trägt jederzeit eine enorme Vielfalt an Gedanken, Fragen, Stimmen, Zweifeln, Sehnsüchten und Emotionen in sich. Daniel Siegel beschreibt die Summe dieser Anteile wie ein Riesenrad, dass sich um eine gemeinsame Mitte dreht. Verknüpft werden all diese Teile im mittleren Stirnlappen, einem kleinen aber enorm bedeutsamen Teil unseres Gehirns.Dieser mittlere Stirnlappen, der für die Integration aller anderen Hirnteile zuständig ist, so dass aus den vielfältigen Tönen ein Konzert werden kann, ist beim Menschen erst mit etwa 25 Jahren voll entwickelt.
Deshalb sind Kinder oftmals so viel impulsiver in ihrem Handeln – denn Moral, Empathie und Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit sich die Konsequenzen des eigenen Verhaltens für die Zukunft vorzustellen und auch ihre Impulskontrolle, die Fähigkeit, sich zurückzuhalten, wenn es mehr Sinn macht, brauchen noch viele Jahre des inneren Heranreifens.
Kinder und auch Teenager lassen sich somit viel leichter von ihren momentanen Stimmungen und einzelnen Impulsen in ihrem Verhalten und für ihre Entscheidungen beeinflussen und auch leichter verunsichern.
Als Erwachsene können wir sie dabei unterstützen, die Vielfalt der einzelnen Bestandteile sichtbar zu machen und in ein Gesamtbild zu integrieren, indem wir ihnen Worte für das schenken, was in ihnen los ist, mit denen sie die einzelnen Stimmen und Stimmungen ins Bewusstsein rücken können, beispielsweise indem wir immer wieder mit ihnen gemeinsam:
– Sinneseindrücke bewusst machen (“huh, ist der Wind kalt?”, “fühl mal wie glatt der Stein sich anfasst!”)
– schwere Gefühle und Emotionen benennen (“das hat weh getan!” oder “fühlst du dich gerade zornig? Und mit etwas Abstand zur starken Emotion: Wo in deinem Körper kannst du so ein Wutgefühl besonders spüren?”)
– Zweifel, Ängste, Sorgen ansprechen (“fühlst du dich unsicher, ob du zu dem Geburtstagsfest gehen willst, weil du nicht alle Kinder kennst, die dabei sein werden?”)
– Freude und andere positive Emotionen aussprechen (“wow, das hat dir wirklich viel Spaß gemacht, stimmt’s?)
– wenn möglich offene Fragen benennen und gemeinsam entscheiden üben (“Was würde dafür sprechen heute die Regenjacke anzuziehen? Was würde dagegen sprechen?”)
Indem wir für die Kinder sichtbar machen, was im Moment oder zu einem bestimmten Thema alles in ihnen lebendig ist, helfen wir ihrem Gehirn, Komplexität bewusst zu erfahren, Vergnügen daran zu finden und die Vielfalt ihres eigenen Erlebens zu integrieren.
Wichtig ist dabei das Zwiegespräch: Als Erwachsene kann ich nur Vorschläge machen. Ebenso wichtig ist es, auf die Rückmeldungen und die eigenen Bilder und Worte des Kindes zu hören.


3. Überleben fürs Leben!
Kinder wie Erwachsene erleben im sozialen Kontakt immer mal wieder überlebensbedrohliche Angstzustände. Stress, Druck, Scham (von den Eltern oder von ihnen selbst) können dazu führen, dass ihr mittlerer Stirnlappen sich völlig verabschiedet, und stattdessen alle Energie und Entscheidungsmacht blitzschnell ins Stammhirn wandert – unsere Überlebenskampf-Zentrale.
Was von außen wie ein Wutanfall oder eiskalte Starre erscheinen mag, gleicht im inneren Erleben der Begegnung mit einer lebensbedrohlichen Gefahr:
Tunnelblick, Schweißausbrüche und kalte Schauer, Herzrasen, Verminderung des Hörvermögens oder Schwindelgefühle sind Anzeichen traumatischer Erlebnisse, die auch im ganz normalen Alltag über uns und unsere Kinder hereinbrechen können, wenn wir mit passenden Auslösern konfrontiert sind – hier genügt manchmal ein schlimmes Wort oder ein angstauslösender Gedanke über das was gerade passiert.
Mögliche Überlebens-Reaktionen sind entweder Kämpfen (Schreien, Schlagen, Treten, Sachen kaputt machen, sich auf den Boden werfen…), Flüchten (Wegrennen, Türen knallen, sich verstecken,…) oder Erstarren (wegschauen, sich einrollen, Stille, nicht mehr fühlbar sein,…).
Für uns Erwachsene wie auch für die Kinder gilt: Wer gerade ums Überleben kämpft, kann nicht “vernünftig” denken oder handeln.
Daniel Siegel & Tina Bryson beschreiben in ihrem Elternratgeber deshalb, wie wir zunächst langsam die Kinder aus diesem Zustand abholen können – indem wir ihnen zuerst Zeit für den authentischen Ausdruck der Emotionen geben, ohne ihn verstärken oder stoppen zu wollen (Zittern, Schwitzen, Weinen, vor allem mit Tränen, die viele der ausgeschütteten Hormone gleich ausscheiden).
Dann ist es hilfreich, sich körperlich zu bewegen (aufstehen, rennen, hüpfen, spazieren gehen,…). 
Erst danach, wenn das Kind sich wieder entspannt und merklich anwesend und ansprechbar ist, ist es hilfreich (und effektiv!), gemeinsam Worte zu finden, für das was dem Kind passiert ist und was daran so schlimm war.
Solange ein Kind (oder Erwachsener) in seiner Überlebensreaktion gefangen ist, helfen wir am meisten, indem wir denjenigen vor sich selbst schützen und auch Schaden in der Umgebung verhindern. Das kann beispielsweise bedeuten, ein im Streit schreiendes, schlagendes Kind sofort aus dem Zimmer rauszuholen (aber unbedingt bei ihm zu bleiben, um die Angstreaktion nicht noch zu verstärken).
Erst danach, wenn das eigene Erleben soweit integriert ist, die Ruhe und der Frieden wieder hergestellt sind, ist der Boden bereitet, um die Konsequenzen des Verhaltens anzusprechen, beispielsweise ob es angebracht ist, sich zu entschuldigen oder Wiedergutmachung für im Streit Gesagtes oder Getanes zu überlegen.
Anmerkung: Auch als Eltern geraten wir manchmal in die Überlebensreaktion. Für diesen Fall empfehlen Siegel & Bryson beispielsweise den Raum zu verlassen und Hampelmänner zu machen, um selbst wieder runterzukommen, bevor wir ein sinnloses Gewitter über unsere Familie hereinbrechen lassen. 


4. Mit Liebe antworten!
Von glücklichen Paarbeziehungen wissen wir, dass wir positive Erfahrungen mit jemand anders erst ab einem Verhältnis von fünf angenehmen Erlebnissen für jedes negative Erlebnis als ausgewogen wahrnehmen können. In als glücklich erlebten Partnerschaften kommen auf jede als negativ empfundene Interaktion sogar 20 positive Momente!
Als Eltern fühlen wir uns oft in der Pflicht, den Kindern gegenüber Ungeliebtes (wie Verbote) auszusprechen oder soziale Normen durchzusetzen.
Wie können wir dennoch so viele positive Interaktionen fördern, dass sie 20mal mehr sein können, also die vom Kind als negativ empfundenen?
Jon Young brachte vor einigen Jahren von den Buschleuten die Geschichte mit, dass dort jede Form der Disziplinierung den Onkels und Tanten überlassen wird, und die Eltern einzig und allein zum lieb haben da seien. Das wäre hier bei uns im Westen eher schwierig umzusetzen – trotzdem können wir die Betonung auf das Nährende legen!
Der Beziehungsforscher John Gottman beschreibt, dass jede zwischenmenschliche Interaktion eine “emotionale Bitte” enthält, die verstanden und beantwortet werden will. Jeder Blick, jede Geste, jeder gesprochene Satz, jedes “Mama guck mal” oder “Papa mein Turm ist schon sooo groß” enthält zwischen den Zeilen eine Bitte um Liebe und Zuwendung. Bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen.
Jede abgewiesene ignorierte Bitte kreiert einen kleinen schmerzvollen Moment für das Kind. Wenn sie sich häufen, stauen sich Trauer und Enttäuschung an, die sich manchmal Stunden oder Tage später in Aggressionen oder Wutausbrüchen entladen, oft ausgelöst von Kleinigkeiten. Diese Dynamik hat Gottmann in Partnerschaften dokumentiert – und fast noch häufiger finden wir sie in den Interaktionen viel beschäftigter Eltern (wie mir selber!) und ihrer Kinder.
Ein Wahrnehmen und zugewandtes Beantworten der vielen emotionalen Bitten schafft deshalb in hundert kleinen Momenten im Alltag eine Basis für eine gesunde und glückliche Eltern-Kind-Beziehung. Manchmal genügt dafür ein Augenkontakt, es kann auch ein kurzes liebes Wort sein, eine Bestätigung, eine Rückfrage, ein Mitmachen, Anschauen, Umarmen, liebevolles Necken….
Was sind die Signale, die dein Kind als besonders liebe-voll versteht und gern annimmt?



Zusammenfassung



Dies sind die 4 Geborgenheits-Geschenke für die Kinder in unserer Mitte:
1. Hinschauen, erspüren und spiegeln!
Innehalten, sie anschauen, mit dem Herzen erfühlen, wie es ihnen geht, es ihnen in Mimik, Gestik und/oder Worten wiederspiegeln, damit sie fühlen, dass sie gefühlt werden! 


2. Innere Vielfalt feiern und integrieren!
Stimmungen, Emotionen und Gedanken der Kinder Worte schenken, sie mit Fragen zur Wahrnehmung inspirieren, und ihnen helfen die Vielfalt ihrer inneren Anteile bewusst zu erleben – damit sie ihren inneren Beobachter stärken und ihr mittlerer Stirnlappen mit der Zeit zu einer wunderbaren Integrationszentrale heranreifen kann


3. Überleben fürs Leben!
Überlebensreaktionen in mir selbst und meinem Kind erkennen, dann Gefühlsausdruck zulassen, dann Bewegung ermöglichen, dann integrierende Fragen stellen und gemeinsam Worte finden für das eigene Erleben finden. Erst nach Erreichen eines ruhigen, integrierten Gemütszustands die Aufmerksamkeit auf Konsequenzen und was nun gebraucht ist lenken.


4. Mit Liebe antworten!
Emotionale Bitten wahrnehmen und mit Zugewandtheit beantworten, für 20:1 positive Beziehungserfahrungen.
Das Geschenk immer wieder annehmen
Jedes Kind wird geboren mit einer einzigartigen, ganz bestimmten Gabe, die für die Familie und den Ort an dem es geboren wird essentiell gebraucht sind.
Was sind die Gaben deiner Kinder? Was könnte ihre ganz eigene Medizin sein, die sie für dich und die anderen Bezugspersonen mitgebracht haben?
Alle Kinder bringen immer die Gabe mit, uns mit der Zukunft zu verbinden. In ihnen lebt das fort, was wir in die Welt bringen, nicht nur die großen Leistungen, sondern all das was wir Tag für Tag von uns verschenken. Bei den Dagara tragen sie außerdem Botschaften aus der Geistwelt, der Ahnenwelt mit sich, mit der sie noch viel intensiver verbunden sind, als wir Erwachsenen.
Ich glaube, dass die Ehrfurcht und der tiefe Respekt mit dem die Dagara in Burkina Faso und viele andere naturverbundene Kulturen den “kleinen Leuten” begegnen,  auch in unserem Kulturkreis zuhause sind. Denn auch unser Wort “Enkel” stammt von dem althochdeutschen Wort eninchili ab, was “kleiner Ahn” bedeutet.


Ich freue mich darauf, dieses große Geschenk des Lebens, Kinder in unserer Mitte haben zu dürfen, immer wieder gemeinsam mit euch zu feiern, zum Beispiel auch bei unserm Ritualworkshop vom 5.-08. Juli “In unserer Mitte – was die Kinder von uns brauchen”, im wunderschönen Bodenseekreis.
Und freue mich auch besonders, wenn ihr euren Freunden und Bekannten von dem Workshop weitererzählt, so dass wir dabei gemeinsam an einem Großfamilien-Netzwerk für eure Kinder basteln können 🙂

In der neuen Oya-Ausgabe findet sich ein Artikel von mir über die Bedeutung des Spielens für unsere Beziehung zur Welt:

“[…] Die US-amerikanische Sozialforscherin Brene Brown erklärt: Wenn wir Verbindung wollen, geht es im Grund immer darum, unser eigenes Gefühl von Scham zu umarmen, unsere Hemmungen zu überwinden und uns selbst zu zeigen. Das beängstigende Spüren der eigenen Verletzlichkeit ist die Türschwelle zur Verbundenheit miteinander. Und das Spiel kann die Tür sein.[…]
Mehr dazu hier…

…war der Titel meiner Diplomarbeit. Sie wurde jetzt veröffentlicht und kann hier online kostenlos gelesen werden.