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…gesammelt und aufgeschrieben von Elke Loepthien.

Natur kann uns angesichts der vielen Herausforderungen unserer Zeit ein ganzes Stück weit auffangen, wie Forschende seit Jahren dokumentieren. Vieles davon kann sogar mitten in der Stadt funktionieren!

Hier ist Artikel Nr. 3 aus unserer Reihe mit Zutaten & Zusammenhängen…

(Was verpasst? Hier findest du den zweiten Teil dieser Reihe…)

12.  Ehrfurcht  erleben

Ehrfurcht ist das Erleben von etwas Großartigem, das unser rationales Vermögen, die Welt zu verstehen übersteigt oder an seine Grenzen bringt. Es ist eine enorm wirkungsvolle Emotion, die wir unter anderem im Angesicht von Bäumen und beim aufmerksamen Erblicken anderen “Wunder” der Natur erleben können, und die uns dazu führt, hilfsbereiter, kooperativer und großzügiger zu handeln. “Uns etwas Großartigem gewahr zu werden fördert ein bescheideneres, weniger narzistisches Selbst, dem mehr Nächstenliebe anderen gegenüber möglich ist.” schreibt Dacher Keltner vom Greater Good Science Center der Universität in Berkeley.

Er erklärt weiter: “Kurze Erlebnisse von Ehrfurcht ermöglichen es uns, unser eigenes Selbstverständnis als Teil eines kollektiven Ganzen zu sehen, und sie richten unsere Handlungen auf das Wohl der anderen aus.” Im Erleben von Ehrfurcht nehmen wir also unser Selbst als kleinen, jedoch fest verbundenen Teil von etwas Großem war, was sich deutlich auf unser Verhalten auswirkt.

Wenn wir nun aber Personen aus indigenen Völkern zuhören, zeigt sich in den Worten die sie wählen, oft eine Ehrfurcht vor dem Leben, die nicht dem individuellen Erleben überlassen, sondern ein zentraler Bestandteil und Schwerpunkt von gemeinschaftlicher Kultur und Traditionen ist – wo die Erde und unsere Mit-Wesen als “heilig” angesehen werden, voller “Geist” und beseelt sind, und ebendiese ehrfurchtsvolle Auffassung über Generationen weiter genährt wurde und wird: “Mir wurde beigebracht, dass das Wasser lebt. Es kann hören und Erinnerungen in sich halten. Deshalb habe ich heute ein Gefäß mit Wasser dabei, damit es die Erinnerungen an unser Gespräch heute in sich bewahren kann,” (so eröffnete Kelsey Leonard, Wissenschaftlerin und Angehörige der Shinnecock Nation 2019 ihren TED-talk darüber, dass Gewässer dieselben Rechte haben sollten wie Menschen).

Ehrfurcht zu erleben hat gravierende Auswirkungen auf die seelische (und körperliche) Gesundheit. Cytokin ist ein Botenstoff unseres Körpers, der stressbedingten Entzündungen entgegenwirken soll, aber bei chronischem Stress in viel zu hoher Menge vorhanden sein kann, was chronische Schwäche und in Folge eine geringere Lebenserwartung zur Folge haben kann. Ein überfordertes Cytokin-System könnte eine Erklärung dafür bieten, warum Menschen, die unter materieller Armut leiden, oft besonders gravierende gesundheitliche Probleme haben.

In Versuchen ist Ehrfurcht bislang die einzige Emotion, die nachgewiesenermaßen einen regulierenden Effekt auf den Cytokin-Spiegel ausübt.

Gerade manche Bäume können jenseits der Ehrfurcht, die wir dank ihnen erleben können, auch noch auf andere Weise unser Seelenwohl fördern….

13. Zugehörigkeit durch Bindungs-Hormone  

Viele Bäume, gerade solche in Städten und Parks können wir eindeutig als Individuen erkennen und leicht wieder erkennen. Sie können dadurch zu einzigartigen, echten Persönlichkeiten in unserem Leben werden, selbst wenn wir ihnen nur ein einziges Mal begegnen.

Schon lange beschäftigt mich und andere die Frage, ob man die für menschliche Beziehungen so essentielle Bindung (“attachment”) nicht auch auf unsere Beziehung zur Natur übertragen kann? Sie scheint sich immer deutlicher mit Ja beantworten zu lassen: Wenn wir Tiere streicheln, schüttet unser Körper (und oft auch ihrer) Oxytocin aus, das sogenannte “Bindungs-Hormon”, das auch freigesetzt wird, wenn Mütter ihre Babies stillen oder wir mit geliebten, vertrauten Menschen kuscheln.

Meine Vermutung ist, dass ebendieses Hormon auch in uns aktiviert wird, wenn wir uns an geliebte Bäumen anlehnen, an Felsen, auf denen wir schon seit der Kindheit geklettert sind, oder mit den Fingern zart die Blüte eines Gänseblümchens streicheln – also wann immer wir selbst liebe-voll mit einem anderen (Lebe-)Wesen umgehen.

Denn wir können uns emotional und mitfühlend mit unseren Mitwesen verbunden fühlen.

Schützen was wir lieben

Ob Oxytocin in uns zu menschenfreundlicherem Verhalten führt, scheint in Studien davon abzuhängen, ob wir den Kontext in dem Moment insgesamt als sicher und geborgen oder eher als bedrohlich einschätzen. Denn im Falle einer Gefahr für uns selbst oder die als uns zugehörig erlebten Personen (Wesen), kann Oxytocin unser Schutzverhalten verstärken.

Dies könnte vielleicht auch erklären, warum Menschen eher bereit sind, sich für den Schutz der Umwelt einzusetzen, wenn sie sich selbst mit der Natur verbunden fühlen und Natur als beseelte anerkennen.

In jedem Fall könnten Bindungshormone und auch unsere Sicht auf die Natur als eine Welt voller uns gleichwürdiger, irgendwie mit uns verbundener Lebewesen es uns erleichtern, uns selbst als zu anderen zugehörig zu erleben.

Durch ein von uns aus zärtliches und liebe-volles in Verbindung treten mit unserer Mit-Welt können wir jeden Tag erleben, was Albert Schweitzer so eindrücklich in Worte gefasst hat: “Ich bin Leben inmitten von Leben, das Leben will.”

Diese Zugehörigkeit zu erfahren scheint eines der tiefsten menschlichen Grundbedürfnisse zu sein, eine Möglichkeit auf uns selbst und die Welt zu schauen, die wir instinktiv ersehnen.

 

13. Angst und Stress reduzierende “Alte Freunde”  

Wenn wir draußen sind, vor allem wenn wir die Erde berühren und ihren Duft einatmen oder Pflanzen naschen, stärken wir dabei die Beziehung zu ganz besonderen “alten Freunden” – Bakterien und andere Kleinstlebewesen, die für unsere Gesundheit von großer Bedeutung sind.

Beim engen Kontakt mit dem Erdboden können sie durch unsere Atemwege oder auch über den Mund aufgenommen werden.

Dabei geht es nicht nur um körperliches Wohlbefinden: Laut Christopher Lowry von der Universität in Colorado können beispielsweise die überall auf der Erde zu findenden “Schlammbakterien” Mykobakterium vaccae nicht nur Entzündungen im gesamten Körper lindern oder verhindern, sondern Angst- und Stressreaktionen vermindern und dadurch sogar auch Traumata, und damit posttraumatischen Belastungsstörungen vorbeugen.

Zum einen wies Lowry nach, dass mit Mykobakterien gefütterte Mäuse eine bestimmte Aktivierung des Immunsystems, verbunden mit Abläufen im Hirnstamm aufweisen, welche sich wiederum auf die Abläufe im Stirnlappen und anderen Hirnregionen auswirken, wo unsere Stimmung und unser Verhalten reguliert werden.

Inspiriert von diesen Forschungen testete Dorothy Matthews die Wirkung von Mykobakterien auf das Lern- und Entdeckungsverhalten von Mäusen. Sie stellte fest, dass Mäuse nach der Einnahme von Mykobakterien mit deutlich weniger Angst und Stress den Weg durch ein Labyrinth finden können und sogar wesentlich schneller. In ihren Experimenten hielt die Wirkung der eingenommenen Bakterien etwa eine Woche lang messbar an.

Schutz vor Traumatisierung

In Christopher Lowry’s weiteren Versuchen befähigte die Verabreichung der Bakterien die Labor-Mäuse sogar dazu, aktiver mit schlimmen Stress-Erlebnissen umzugehen, beispielsweise wenn sie ohne Fluchtweg dem Angriff eines überlegenen Männchens ausgesetzt wurden, was meist zu Traumatisierungen führe.

Die dank Mykobakterien weniger passive, sondern aktivere Reaktion der Versuchsmäuse (sie versuchten aktiv zu kämpfen oder zu flüchten) bewirkte, dass diese später nicht unter den normalerweise auftretenden posttraumatischen Belastungsstörungen litten.

Dieser Zusammenhang ließ Lowry vermuten, dass Mykobakterien auch Menschen dabei helfen könnten, unsere Resilienz gegenüber potentiell traumatischen oder auch einfach sehr stressvollen Erlebnissen zu stärken.

Schon 2004 hatte Mary O’Brian bewiesen, dass eine Behandlung mit Mykobakterien bei Menschen mit Lungenkrebs deren emotionale Gesundheit drastisch verbesserte: Sie fühlten sich insgesamt wohler und auch ihre kognitiven Fähigkeiten wurden verbessert.

Die Mykobakterien sind nur ein kleines Beispiel dafür, wie inniglich unser Sein verbunden ist mit Wesen, die vollkommen anders sind als wir Menschen, ja sogar von uns übersehen werden – und von denen wir selbst und die Gesundheit unserer  inneren und äußeren Ökosysteme doch zutiefst abhängig sind.

 

14. Wert-Schätzen & Dankbarkeit

Mich mit der Natur verbinden bedeutet, nicht nur auf der Wissens-Ebene, sondern auch durch persönliche Erfahrung immer neu und noch mehr darüber zu lernen, was zum Lebensgeflecht auf der Erde alles dazu gehört – und wie unglaublich wichtig das alles ist.

Ich lerne dabei, den Wert des Lebens zu achten, dankbar dafür zu sein, die Potentiale und Gaben auch im kleinsten Ding und Wesen zu vermuten und mit mehr Tiefenschärfe zu erkennen und anzuerkennen.

Und wie wirkt sich das auf meine seelische Gesundheit aus?

Zum einen sind da die enorm heilsamen Emotionen Dankbarkeit und Wertschätzung oder sogar Liebe, die ich fast wie von alleine immer wieder in mir erwecke wenn ich draußen bin UND sogar während ich mich irgendwo indoor aufhalte.

Wann immer ich beispielweise esse, kann ich diese Dankbarkeit leichter an mich ranlassen, weil ich mir mit der Zeit bewusster werde, wie wunderbar es ist, mich nähren zu können mit den Gaben der Natur an deren Kreation so viele Wesen und Kräfte mitgewirkt haben:

Das reine Trinkwasser, das so kostbar ist und so unendlich wichtig für alles Leben auf der Erde, die Wärme der Sonne, die Leben auf diesem Planeten überhaupt erst möglich macht und letztendlich alle Energie schenkt, die wir als Menschen zur Verfügung haben, über das Wunder der Photosynthese bereitgestellt durch die Pflanzen, gespeichert in der Süße unserer Früchte, in der Stärke des Korns, als Erdöl tief unter der Erde oder im Holz der Bäume.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr gibt es, wofür ich so dankbar sein kann. Auch der Sauerstoff, den wir mit jedem Atemzug in uns aufnehmen und ohne den wir nicht leben könnten, wird von Pflanzenwesen beständig in die Atmosphäre geschenkt.

Jeder Atemzug bei dem ich Dankbarkeit in mir erwecken kann, wirkt sich enorm kraftvoll auf mein seelisches Wohlbefinden aus – nicht nur in dem Moment selbst, sondern auch mit langfristig potentiell lebensverändernden Effekten für meine seelische und körperliche Gesundheit:

Regelmäßig erlebte Dankbarkeit hilft uns, die uns angeborene, biologisch bedingte Fixierung auf negative Emotionen und potentielle Gefahren zu überwinden, und überhaupt mehr von dem wahrzunehmen zu können, was uns einfach gut tut .

Das bedeutet, dass wir uns langfristig glücklicher fühlen – etwas das noch nicht einmal ein 20 Millionen Lotto-Gewinn  für uns zu ermöglichen schafft!

Besser als ein Lotto-Gewinn

Dankbarkeit ist eine Art Allheilmittel: Sie lindert erwiesenermaßen Depressionen und führt dazu, dass wir großherziger werden und andere Menschen uns mehr mögen, unsere eigenen materialistischen Tendenzen schwächer werden, wir uns selbst mehr zutrauen und optimistischer werden, unsere Freundschaften, Familien- und romantischen Beziehungen sich verbessern, wir weniger ungeduldig sind und effektiver Entscheidungen treffen, sich unsere Immunabwehr, unser Schlaf und noch viele weitere, die seelische Gesundheit beeinflussende Faktoren verbessern.

Vieles davon hat damit zu tun, dass das Erleben von Dankbarkeit unser Gehirn regelrecht neuroplastisch umgestaltet, mit Veränderungen die in Studien auch nach Monaten noch im Gehirn messbar waren.

Für mich gibt es zudem noch einen ganz besonders wunderbaren Effekt beim Wertschätzen des gesamten Lebensnetzes, bis hin zu den kleinsten Wesen und Teilchen:

Indirekt finden wir als Menschen dadurch auch einen ganz leichten Zugang dazu, den Wert unserer eigenen, ganz persönlichen Existenz vollständiger wahrzunehmen und zu achten, einschließlich des Wertes all der vielen kleinen (und manchmal ungeliebten oder abgelehnten) inneren Anteile unseres Seins.

Denn in einem Ökosystem, wo alles einen Sinn und Nutzen hat, kann dieser Sinn und Nutzen folgerichtig auch für alles in uns angenommen und vielleicht sogar gefunden oder verstanden werden.

 

Möchtest du mehr darüber lernen, wie wir als Menschen einander begleiten können, auch und gerade in schwierigen Zeiten?

Dann könnte dir unser Online-Paket zum Thema Mentoring gefallen….

 

Im Teil 4 unserer Reihe kannst du demnächst mehr über die Bedeutung von Sinnhaftigkeit, aktivem Beitragen und dem Wahrnehmen von Schönheit für unser seelisches Wohlbefinden lesen und welchen Zugang Naturverbindung uns dazu ermöglichen kann, außerdem wie Natur uns “Mentor*in” sein kann, wir uns selbst in ihrem Spiegel erkennen und dabei Schritt für Schritt wachsen und reifen können…

…gesammelt und aufgeschrieben von Elke Loepthien.

Foto von Mona Lisa Fiedler

Die Natur, die uns umgibt kann uns angesichts der vielen Herausforderungen unserer Zeit ein ganzes Stück weit auffangen, wie Forschende seit Jahren dokumentieren. Vieles davon kann sogar mitten in der Stadt funktionieren!

Hier ist Artikel Nr. 2 aus unserer Reihe mit Zutaten & Zusammenhängen dazu – damit wir uns als Menschen dieser Zeit seelisch gut genährt noch wirk-kräftiger für das Leben und Gedeihen unserer gesamten Mitwelt einsetzen können.

(Was verpasst? Hier findest du den ersten Teil dieser Reihe…)

6. Fokus-Kraft (wieder) finden  

Technologie macht unser Leben vor allem eines: Schneller!

Vieles wird wesentlich leichter und einfacher – doch die frei gewordene Zeit scheint sich oft direkt neu zu füllen mit so viel mehr.

Indem wir dank unserer Gadgets beständig nebenbei Informationen aufnehmen und kommunizieren können, läuft unser Gehirn auf Hochtouren – bis an die Belastungsgrenze.

Wir überfordern uns selbst und das was wir gleichzeitig mit noch irgendetwas anderem tun, machen wir nicht mehr ganz so gut – wie beispielsweise Autofahren während wir jemand anderem zuhören, was in einer Studie die Hirnaktivität im Areal zum Verarbeiten des Streckenverlaufs um ganze 37 % verminderte.

Tatsächlich waren in Multitasking geübte Personen in einer anderen Studie weniger gut darin, sogar das zu tun, was sie eigentlich am besten können sollten: Von einer Aufgabe zur nächsten zu wechseln. Vermutet wurde dabei, dass ihr überlasteter Denkapparat einfach nicht so gut herausfiltern konnte, welche Aspekte eigentlich relevant waren und welche nicht.

Dauerndes mediales Multitasking (also das Konsumieren von mehreren Medien gleichzeitig) scheint außerdem eine sichere Zutat für Depressionen und soziale Ängste zu sein, und in einer besonders alarmierenden Studie wurde aufgezeigt, dass Menschen, die besonders viel medial multitasken tatsächlich eine verminderte Dichte in einem Bereich des Gehirns aufweisen, der wesentlich zur Verarbeitung gedanklicher und emotionaler Prozesse und zum sich innerlich motiviert fühlen beiträgt.

Multitasking kann im Grunde also einen regelrechten Teufelskreis erzeugen, indem es uns noch leichter ablenkbar machen kann – so dass wir weniger in der Lage sind, angesichts einer herausfordernden Situation überhaupt zu bemerken, was wichtig und was unwichtig ist.

Deshalb brauchen wir umso dringlicher Zeiten, wo unser Gehirn und unser Nervensystem sich von den vielen gleichzeitigen, oder sich sehr schnell abwechselnden Inputs und Aufgaben erholen können.

Genau das passiert, wenn wir uns mit der Natur verbinden!

“Attention Restoration Theory” ist ein wissenschaftliches Konzept, das die positiven Auswirkungen von Zeit in der Natur auf unser Denkvermögen beschreibt, insbesondere auf unser Kurzzeitgedächtnis, auf die Beweglichkeit gedanklicher Prozesse und auf unser Vermögen, unsere Aufmerksamkeit willentlich zu fokussieren.

Indem sich unser System in der Natur entspannt, können wir uns mental und emotional erholen, unser Stress-Pegel sinkt, wir können wieder klar denken und leichter bessere Entscheidungen treffen und uns kreativer verhalten.

In einer Studie der Universität Michigan konnten schon ein kurzer Spaziergang in der Natur oder selbst das Betrachten eines Natur-Fotos die Leistung des Kurzzeit-Gedächtnisses um etwa 20% verbessern .

Die Wirkung der “Attention Restoration” merken wir vor allem, wenn wir länger draußen sind: Nach mehreren Tagen draußen in der Natur konnten Menschen verstandesmäßig lösbare Probleme um fast 50% besser bewältigen.

In einer anderen Studie wurde gezeigt, dass sich der Zugang zu Naturräumen auf die Fähigkeit von Großstadt-Kindern auswirken kann, verschiedene Aspekte von Selbst-Disziplin zu erleben, beispielsweise ihre Aufmerksamkeit auch angesichts von Ablenkungen oder Frustration willentlich fokussieren zu können.

Überhaupt haben sich Aktivitäten draußen als wirkungsvolle “Medizin” gegen Aufmerksamkeitsdefizit-Störungen erwiesen – und das völlig unabhängig von Alter, Geschlecht, Einkommen, Lebensort und anderen Faktoren.

Warum ist das so?

Ist die Welt unserer Mit-Wesen nicht voll mit unzähligen ebenfalls gleichzeitig laufenden Ereignissen, die wir über Geräusche und visuellen Eindrücke in uns aufnehmen, und die unsere Aufmerksamkeit mindestens genauso herausfordern und regelrecht stressen müssten?

Wenn wir draußen unterwegs sind achten wir auf so vieles gleichzeitig: Vogelstimmen, Tierspuren auf dem Boden auf dem wir laufen, Pflanzen die essbar sind oder trockenen Fluff für ein Zunderbündel bieten, Plätze die sich als Unterschlupf eignen würden und nicht zu vergessen auch Tiere, die unser körperliches Wohlergehen gefährden könnten: Was andernorts Pumas oder Speikobras wären, sind hier in Mitteleuropa heute vielleicht Zecken oder Erdwespen-Nester, in die wir treten könnten.

Dennoch ist die entspannende Wirkung deutlich. Ich glaube, dass die Komplexität dieses vollen Lebens im Ökosystem für uns trotz allem entspannend sein kann, weil es sich dabei nicht um lauter voneinander losgelöste einzelne Teile handelt, sondern alle Vorgänge in ein sinnvolles Ganzes eingebunden sind – und wir selbst, indem wir da draußen sitzen oder herumlaufen, ganz genauso.

Demnach wären wir in der Natur vielleicht nicht mit vielen Gegenübern und Aufgaben gleichzeitig konfrontiert, sondern nur mit einer einzigen Sache: Einfach mit unserem Da-Sein und Leben inmitten der Erdengemeinschaft hier an diesem Ort.

 

7. Bedingungsloses Willkommen – fernab von Karrieredruck & Konventionen  

Im Erleben oder auch nur Betrachten von Natur erlischt der Stress in unserem Körper, schon innerhalb von wenigen Minuten.

Ich glaube ein wesentlicher Grund dafür könnte die Abwesenheit der unglaublich vielen, komplexen und teilweise einander sogar widersprechenden sozialen und gesellschaftlichen Anforderungen sein, die sich insgesamt kaum jemals erfüllen lassen. 

In der Natur können wir all das vielleicht ein Stück weit hinter uns lassen und wieder in Verbindung mit uns selbst kommen, mit dem was uns persönlich wirklich wichtig ist.

Begegnen wir unseren natürlichen Mit-Wesen, kann etwas von dem Druck abfallen, der uns im Alltag so belastet: Um mit Bäumen, Wiesenblumen oder Schnecken zusammenzusein, brauchen wir keine guten Noten, keine erfolgreichen Projekte, keine den Idealen der Zeit entsprechenden Körperformen, keine besonders witzigen oder geistreichen Gedanken, nicht mehr Geld auf dem Konto oder noch mehr Likes in den sozialen Medien… wie und wer auch immer wir gerade sind – es ist genug.

Vielleicht fällt es uns leichter, das anzunehmen, wann immer wir in Kontakt sind mit anderen Lebewesen, die sich überhaupt gar nicht um gesellschaftliche Konventionen und Leistungsdruck scheren, sondern einfach ihr Leben leben.

Somit helfen sie uns dabei, eine wichtige Grunderfahrung nachzuholen und weiter zu stärken, die vor allem in den allerersten Lebensjahren essentiell für eine gesunde seelische Entwicklung ist: Dass wir willkommen sind, wie auch immer wir (gerade) sind oder nicht sind, unabhängig von unserem Aussehen, unserer Leistungsfähigkeit, unserer Bereitschaft uns anzupassen und vielem anderen mehr (etwas das selbst die liebevollsten Eltern nicht immer für ihre Kinder schaffen können).

Die “große” Mutter

Wenn wir uns draußen außerdem gewahr werden, dass unsere gesamte Nahrung, alle unsere Kleidung, unser Wasser, unsere Behausungen, unser gesamter Körper und alles was wir besitzen von der Erde stammt, docken wir an das in Europa mindestens 200.000 Jahre alte Verständnis von der Erde als unserer “Mutter” an – aus der beständig alles Leben geboren wird und die auch uns als Menschen immerfort nährt.

Egal wie erwachsen wir schon sind (oder gern sein wollen), ob unsere leibliche Mutter noch lebt oder nicht – die Möglichkeit mit einer immer präsenten “Mutter Natur” in Kontakt treten zu können, die überhaupt gar nichts von uns einfordert, kann (in Psychotherapie-Sprache) eine enorme Ressource für unsere seelische Gesundheit sein.

Wenn wir uns mit der “großen Mutter” verbinden, bekommen wir Rückenstärkung um unsere inneren kindlichen Anteile zu nähren und liebevoll zu halten – und uns dadurch insgesamt geborgener in der Welt zu fühlen, ohne dass wir beständig etwas für dieses Gefühl von Sicherheit tun oder leisten müssten.

Mit so einer “Grundversorgung” fällt es auch leichter, ganz wie von selbst auf eine der destruktiveren menschlichen Angewohnheiten zu verzichten:

   

8. Grübeln verblasst  

Grübelei (“rumination”) wird als über lange Zeiträume fehlgeleitete Konzentration auf mögliche Ursachen und Konsequenzen von Emotionen beschrieben, wobei es sich meist um als negativ erlebte Emotionen in Beziehung zu sich selbst handelt. Tritt Grübelei auf, kann sie ein Frühanzeichen für depressive Episoden und andere seelische Störungen sein.

In einer Studie in der Umgebung der Stanford University wurde festgestellt, dass ein 90minütiger Spaziergang in der Natur bei den Teilnehmenden Personen Grübeleien deutlich reduzierte.

Was kann der Grund dafür sein?

Beim Grübeln reisen wir mental dauerhaft oder wechselnd in die Vergangenheit oder Zukunft – während der Aufenthalt in der Natur uns scheinbar immer wieder in den Moment zurückholen kann.

Wie im ersten Artikel dieser Reihe schon besprochen, kann sich so ein Moment in der Natur subjektiv viel sicherer und geborgener anfühlen, als beispielsweise bei einem Spaziergang durch die Stadt möglich wäre, so dass es leichter möglich sein könnte, in diesem viel tröstlicheren Hier und Jetzt zu bleiben.

Zusätzlich könnten auch die intensiven physischen Empfindungen, die in der Natur oft leichter möglich sind, uns helfen ganz im Moment zu bleiben,

 

9. Den Körper spüren

Die Sinneseindrücke, die unser Körper draußen geschenkt bekommt, können uns dabei helfen, uns selbst bewusster zu spüren, v.a. wenn wir unsere Aufmerksamkeit beständig darauf ausrichten, mehr und intensiver wahrzunehmen – eine wichtige Praxis in der Naturverbindungs-Arbeit.

Den Wind zart unser Gesicht streicheln zu fühlen, die Textur des Bodens unter uns, wenn wir barfuß oder mit dünnen Sohlen über Wiesen, feuchte Stellen, Waldboden laufen, Moose, Kräuter, Baumrinden und vieles mehr mit unseren Händen bewusst berühren, in kaltes Wasser eintauchen und dabei den feuchten Sand des Bachbetts zwischen unseren Zehen spüren – all das und noch viel mehr kann es so viel leichter machen, nicht nur unsere Umgebung sondern automatisch auch unseren eigenen Körper viel stärker und aufmerksamer wahrzunehmen – ein Grundelement vieler Meditations-Schulen.

Meditation allgemein hat zahlreiche wissenschaftlich nachgewiesene Auswirkungen auf unsere seelische (und körperliche) Gesundheit: Höhere Resilienz gegen Stress, verbesserte Impuls- und Selbstkontrolle, verringerte Anfälligkeit für Süchte, ein insgesamt “beweglicheres” Gehirn das in der Lage ist, besser auch im Alter neue Neuronen-Verbindungen aufzubauen und Linderung von belastenden körperlichen Schmerz-Zuständen. (In diesem Artikel wird auch auf mögliche negative Effekte von Meditation eingegangen, und Empfehlungen gegeben, wie diese verhindert werden könnten.)

Vereinfacht könnten wir sagen, dass Meditation unserem Gehirn dabei hilft, zu reifen. In Studien über die Effekte eines achtwöchigen Meditations-Kurses war dies sogar physisch messbar, als zunehmende Dichte in der “grauen Masse”, vor allem in Bereichen die für Lernen, Gedächtnis, Selbst-Wahrnehmung, Mitgefühl und Innenschau und weniger Dichte im Bereich der Amygdala – die beim Auslösen von Überlebensreaktionen aktiv wird.

Verbinden wir uns mit anderen natürlichen Wesen um uns herum, kann hier ein weiterer Aspekt noch zusätzlich unterstützen:

10. Resonanz hilft regulieren   

Unser Nervensystem ist bei Dauerstress beständig in einem leichten (oder manchmal auch sehr ausgeprägtem!) Kampf-oder-Flucht-Modus gefangen, so dass es schwer erscheinen kann, überhaupt wieder “runterzukommen”. In der Natur zu sein hilft uns, wieder in die Entspannung zu finden.

Ein Grund dafür könnte die Fähigkeit unseres Körpers sein, in Stress-Situationen an einem anwesenden entspannteren Nervensystem “anzudocken”, indem wir in Resonanz mit diesem Gegenüber gehen. Dieses Phänomen ist bisher vor allem für das Verhältnis zwischen Eltern und kleinen Kindern oder auch Klienten und Therapeut*innen beschrieben worden, aber auch in der tiergestützten Therapie mit Hunden, Pferden, Delphinen usw. beobachtbar.

Meiner Erfahrung nach ist dieses Andocken mit fast allem möglich, was uns draußen begegnet: Mit Bäumen, Kräutlein, Insekten, Vögeln, sogar mit Gewässern oder Steinen. Wir können uns dafür bewusst in jemand anderen hineinversetzen, beispielsweise indem wir die Frage stellen: “Wie ist es, du zu sein?” (die ich so erstmalig in einem Workshop mit Charles Eisenstein gehört habe), und dann einfach wahrnehmen, was wir in uns selbst fühlen, hören, sehen, spüren können.

Unser Nervensystem dockt möglicherweise auch unbewusst an, ohne, dass wir die Entscheidung dafür treffen, denn es ist ja immerhin darauf ausgerichtet, unser Überleben zu sichern. Bei kleinen Kindern geschieht dies durch die Nähe zu ihren gut regulierten, entspannten und aufmerksamen Eltern.

Andocken und entspannen

In der Natur findet unser Nervensystem jede Menge meist entspannter und jedenfalls gut regulierter, aufmerksamer Wesen, denn Gefahren und Stress sind immer nur vorübergehend und werden hinterher im wörtlichen Sinne einfach “abgeschüttelt”.

Besonders leicht für uns wahrzunehmen ist die Entspannung bei den Singvögeln: Während sie in ihrer “Baseline” sind, also singen, sich putzen, nach Nahrung suchen oder ihr Nest bauen, spürt auch unser Nervensystem instinktiv, dass gerade keine Gefahr herrscht. Hören wir dagegen eine wie atemlose Stille oder fiependen Alarmrufe wenn ein Sperber oder Habicht in der Nähe ist, lässt sich die Anspannung auch in unserem Körper spüren.

Insofern könnte es noch entspannender sein, unsere Aufmerksamkeit auf diejenigen Wesen in unserer Mit-Welt zu richten, die vielleicht das ruhigste oder zumindest eines der langsamsten Leben draußen führen: die Bäume.

11. Bäume  als Buddies

Tatsächlich scheint das Wahrnehmen von Bäumen unser parasympathisches Nervensystem zu stärken, welches Entspannung in den Körper bringt. In einer Studie in Chicago wurde sogar festgestellt, dass pro 10% mehr an Baumwipfel-Bedeckung in Gebieten der Stadt die jeweilige Rate gewalttätiger Übergriffe im selben Gebiet um mehr als 10% sank.

In einer anderen Studie mit Erwachsenen hier in Deutschland in Berlin, wurde festgestellt, dass Menschen insbesondere in der Nähe von Waldgebieten eine gesündere, entspanntere Aktivität der Amygdala aufwiesen, eines recht kleinen Teils unseres Gehirns, welcher maßgeblich am Auslösen von Überlebensreaktionen mitwirkt.

Warum aber hat gerade der Wald so starke positive Effekte auf uns?

Vermutlich hat es damit zu tun, dass im Wald so viele Bäume wachsen. 🙂

In den letzten Jahren erforscht wurden im Erforschen der gesundheitlichen Effekte der ursprünglich japanischen Praxis des Waldbadens die sogenannten Phytoncide, beschrieben, abwehrstärkende Duftstoffe, die von Bäumen verströmt werden und sich nicht nur auf das Immunsystem auswirken, sondern u.a. die Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin vermindern und antidepressiv wirken.

Bäume sind wirklich erstaunliche Wesen, die oftmals viel viel älter als wir selbst sind. Ich glaube, dass ein Teil in uns instinktiv weiß, dass wir es hier im wahrsten Sinne des Wortes mit “Ältesten” zu tun haben, deren Lebenserfahrung auf eine Weise die unsere weit übersteigt.

Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass Bäume intensive Gefühle von Ehrfurcht in uns auslösen können.

 

Möchtest du mehr darüber lernen, wie wir als Menschen einander begleiten können, auch und gerade in schwierigen Zeiten?

Dann könnte dir unser Online-Paket zum Thema Mentoring gefallen….

 

Im Teil 3 unserer Reihe kannst du mehr über die Bedeutung von Ehrfurcht erfahren, darüber wie wir im Zusammensein mit anderen Wesen Bindungshormone ausschütten können und was diese in uns bewirken, wirst “Alten Freunden” begegnen und mehr über die Rolle von Wertschätzung, Dankbarkeit, Sinnhaftigkeit und Schönheit für unser seelisches Wohlbefinden lesen…

…gesammelt und aufgeschrieben von Elke Loepthien, Foto von Mona Lisa Fiedler

Leben im Ausnahmezustand war anstrengend und ernstlich zehrend – unglaublich viele Menschen litten in den letzten Monaten unter seelischem Dauerstress und der damit verbundenen zunehmenden emotionalen und körperlichen Erschöpfung. Vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene hatten es enorm schwer, ihre natürlichen seelischen Bedürfnisse ausreichend stillen zu können.

Die Natur, die uns umgibt kann uns ein ganzes Stück weit auffangen, wie Forschende seit Jahren dokumentieren… und vermutlich geht da noch viel mehr als bisher bekannt ist.

Vieles davon kann sogar mitten in der Stadt funktionieren!

In den nächsten Wochen teilen wir hier mit euch unsere wichtigsten Zutaten & Zusammenhänge dazu:

1. Streifenfrei entspannt  

Allein der Ausblick aus dem Fenster in eine natürliche Landschaft oder der Anblick von Naturfotos lassen uns schon wohler fühlen und beispielsweise nach Operationen schneller wieder gesund werden. Dies könnte unter anderem daran liegen, dass unsere lebendige Mit-Welt eine bestimmte räumliche Struktur aufweist, die wie Forschende es nennen “beliebig skalierbar” ist. Das bedeutet: Egal wie weit wir heraus oder hinein zoomen: Immer erkennen wir dieselbe Anzahl von Details – das können Blätter an einem Baum sein oder wenn wir ganz nah herangehen die feinen Linien, Poren und Unebenheiten auf einem einzelnen Blatt oder die winzigen Gliedmaßen einer Blattlaus.

Um diese zu verarbeiten würde unser Gehirn nur wenig Neuronentätigkeit brauchen, es gehe also leicht, schreibt der Neurologe Richard E. Cytowic. Im Gegensatz dazu zeigten unnatürliche Bilder in großer Vergrößerung kaum noch Details. Je weniger skalierbar ein Bild ist, desto unangenehmer ist es zu betrachten – sogar messbar!

Auch starke Farb-Kontraste sind anstrengend zu verarbeiten.

Dabei scheinen Streifenmuster besonders unerträglich. Und wo finden die sich? Überall um uns herum: Gebäude, Straßen, Treppenstufen, Gänge, Türen, Fenster und nicht zu vergessen: Text, der fast immer in Zeilen geschrieben ist und dessen Wahrnehmung besonders erschöpfend sein kann.

2. Grün tut gut  

Wir nehmen Farben wahr, wenn Licht unterschiedlicher Wellenlängen in unser Auge eindringt. Rot hat die längste Wellenlänge, und sei deshalb aufwendiger anzuschauen – Grün dagegen könnten wir vollkommen mühelos wahrnehmen, weshalb es sich entspannend auf uns auswirke, schreiben Wissenschaftler in einer Studie über die Auswirkungen von Farben auf Studierende. Neben der individuell ganz verschiedenen Bedeutung, die Menschen bestimmten Farben geben, gäbe es bestimmte physiologische Auswirkungen, die sich verallgemeinern lassen: Grün wird zu den emotional beruhigenden Farben gezählt und würde insbesondere dabei helfen, sich an eine neue Umgebung zu gewöhnen, weswegen in öffentlichen Gebäuden wie Restaurants oder Hotels häufig Grün verwendet würde.

In anderen Studien wurde festgestellt, dass Grün die Angst vor Versagen mindern konnte, sich ausgleichend auf die Stimmung beim Sport auswirkte und vor allem, dass ein kurzer Blick auf etwas Grünes vor einer Aufgabenstellung die Kreativität beim Lösen derselben erhöhte.

   

3. Die Aussicht darauf, versorgt zu sein  

Eine Vermutung für die Ursache dieser Effekte ist, dass das Vorhandensein von viel Grün in der Umgebung für uns als ursprünglich nomadisch herumziehende Menschen schon immer ein klares Signal dafür war, dass ein Ort grundsätzlich ausreichend Wasser und Nahrung bieten könne – er sich also zum Verweilen eignen würde.

Vielleicht könnte dies auch der Grund dafür sein, warum wir uns in artenreicher Natur wohler fühlen – faszinierender Weise aber nur dann, wenn wir diese Artenvielfalt auch selbst wahrnehmen und erkennen können!

Eine wertvolle Fertigkeit ist es also, feine Unterschiede wahrnehmen zu lernen – wofür der nächste Punkt hilfreich sein kann:

4. Draußen sein verändert unsere Bewegungs- und Wahrnehmungsmuster

Aufgrund der menschlichen Ausstattung mit Betonung des Sehsinns ist unsere natürliche Art der Fortbewegung kein einförmiges Trotten mit gesenktem Kopf, wie wir es von Hundeartigen oder Großstadtmenschen kennen.

Eher laufen wir wie eine Katze von A nach B, die sich unterwegs Zeit lässt, viel umherschaut, oft stehen bleibt, sich umdreht oder sich sogar hinsetzt und ihre Umgebung sorgfältig betrachtet.

Durch die Natur laufend, besonders wenn wir länger draußen sind oder an einem neuen Ort (oder mit Neugier an einem bekannten Ort), ergibt es sich leicht, in Ruhe und genüsslich in alle Richtungen zu schauen, stehen zu bleiben, uns umzudrehen, den Boden unter uns und den Himmel über uns zu betrachten und dabei wahr zu nehmen, was wir sehen: Formen, Farben, Bewegung, Licht und Schatten und Details, die wir identifizieren können (Bäume, Blüten, Blätter, Wege oder was auch immer wir entdecken können).

Bei dieser Art des Umherschauens, die beispielsweise im Somatic Experiencing genutzt wird, beruhigt sich unser Nervensystem, denn die Handlung des sich ganz in Ruhe Orientierens an sich signalisiert schon, dass alles in Ordnung ist, ebenso versichern wir uns, dass reale Gefahren gerade nicht zu entdecken sind, und wir betrachten  lauter Sachen, deren Anblick uns zusätzlich gut tut, vor allem wenn wir dabei etwas “Besonderes” entdecken, das unser natürliches Belohnungssystem aktiviert.…

   

5. Genau die richtige Menge Dopamin  

Wann immer uns etwas gelingt, das unser Überleben fördert, belohnt uns unser Körper dafür: Beim Jagen oder Sammeln, wenn wir neue Erkenntnisse haben, oder uns frisch verlieben, schütten wir Dopamin als Botenstoff aus und spüren dabei freudige Erregung, Motivation und Glücksgefühle.

Was in unserem natürlichen Lebensraum ein ausgefuchstes System zur Förderung eines selbstbestimmten, erfüllten Lebens voller Lernen und Wachstum ist, macht uns in unserem technisierten Alltag eher zu Sklaven der Konsumgesellschaft:

Werbespots und Billboards, Computerspiele und schnell zugängliche Informationen, lockende Schaufenster mit buntem Spielzeug oder den allerneusten Handys, erotische Fotos von heißen Models – tagein tagaus werden wir bombardiert mit Zeugs, das unsere Dopaminausschüttung stimuliert, wodurch der auslösende Reiz abgenutzt wird und wir in ein suchtartiges Mehr-und-Mehr-davon-Wollen hineinverlockt werden.

In der Natur warten auch Dopamin-Momente, wie auch vom britischen Wissenschaftler Miles Richardson beschrieben:

Wenn wir eine sich gerade öffnende Blüte im Park entdecken, Himbeeren am Waldrand sammeln, endlich den Vogel erspähen, dessen Gesang wir schon länger neugierig gelauscht hatten, wenn sich ein Großstadt-Fuchs im Vorbeigehen zu uns umdreht, wir es schaffen, ein Feuer zu entzünden oder wir am Rande der Pfütze eine winzig kleine Tierspur entdecken.

Dabei bringen diese Erlebnisse ganz andere Qualitäten mit sich, als die menschengemachten Dopamin-Kicks:

  • das auslösende Erlebnis passiert viel seltener – oftmals ist es einzigartig

  • Wiederholungen sind nicht oder nicht lange kontrollierbar

  • für viele davon braucht es energieintensive Vorbereitung und ein geduldiges daraufhin Arbeiten

  • wenn wir uns überreizt fühlen, können wir selbst leicht dosieren, wie viel wir wahrnehmen wollen, entsprechend unseres Neugier-Levels in dem Moment (während wir in der U-Bahn, beim Einkaufen und vor dem TV meistens keine Wahl haben)

Mit Natur interagieren macht es also leicht, die für uns gerade richtige Menge Dopamin auszuschütten, in einem Takt, der unserer körperlichen und seelischen Verfassung entspricht und den wir selbst regulieren können.

 

Im nächsten Blog-Artikel zu diesem Thema geht es darum, warum und wie Naturverbindung helfen kann, die eigene Konzentrationsfähigkeit wiederzufinden, wie und warum Grübeleien draußen oft wie von selbst verblassen und wie uns in die Natur einfühlen unseren Stress mindern kann, indem uns unsere Mit-Wesen bei der Regulation unseres Nervensystems unterstützen.

 

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Eine Meditation, die dich vielleicht dabei unterstützen kann, auch angesichts von Tumult, Chaos und viel Unsicherheit und Verwirrung, gut geerdet und zentriert Entscheidungen zu treffen und dich auf eine lebensförderliche Weise zu verhalten. Die Bäume können helfen!

 

14 Tipps für nährenden Sozial-Kontakt mit den “Anderen”

 

Bäume umarmen ist zum Glück noch vollkommen risikofrei! Und da keine Ausgangssperre das allein draußen in Garten, Wald und Wiesen sein verbietet, haben wir die wunderbare Gelegenheit, mehr Zeit mit unseren nicht-menschlichen Verwandten zu verbringen…

Ich bin als Stadtkind aufgewachsen, glücklicherweise mit gerade genug Naturkontakt um erahnen zu können, was ich alles verpasse – und um es später „jetzt aber richtig“ nachzuholen.

Als Erwachsene konnte ich tagelang draußen sein, eintauchen, am Feuer selbst Gesammeltes kochen, mit neuen Sinnen wahrnehmen, Natur aufmerksamer begegnen, und durch den innigen Kontakt mit ihren Wesen und Elementen mich selbst mehr fühlen.

Wir Menschen brauchen Natur um uns herum – nicht nur für Nahrung, Wasser und die Luft zum Atmen.

Gerade jetzt, wo unser gesamtes Leben sich rasant immer mehr „virtualisiert“, brauchen wir Verbindung zum echten Da-Sein, auf eine körperlich fühlbare Weise – damit wir uns lebendig, gesund und als wir selbst fühlen können.

Lange intensive Ausflüge zu Wäldern, Bergen und Meer sind eine Möglichkeit dafür. Den größten Teil unseres Lebens verbringen wir jedoch im Alltag.

Wie können wir unsere Sinne für die Natur öffnen, der wir sowieso begegnen – weil wir unser Zuhause mit ihr teilen?

Egal ob wir in der Stadt oder auf dem Land leben – oft ignorieren wir die grüne Welt vor unserer Nase. Wir bewegen wir uns an ihr vorbei wie durch eine Menschenmenge in der U-Bahn: Wir vermeiden jeden Blick, fassen niemanden an und gehen in keinerlei Kontakt.

So kommen wir mit Menschen nicht in Verbindung und mit der Natur eben auch nicht, denn wo ich nur hindurch eile, bleibe ich ein Fremder. Dabei ist die nicht-menschliche Welt voller Persönlichkeiten!

Hier findest du 14 Lieblings-Methoden für Naturverbindung sogar mitten in der Stadt (und auf dem Land übrigens auch):

1. Augen auf

Volle Aufmerksamkeit voraus. Wirklich hinschauen. So wie ich meine zukünftige Chefin beim Vorstellungsgespräch anschauen würde, oder das Blind Date was ich zum ersten Mal treffe. Wir Menschen sind visuelle Wesen, mit „Sichtsucht“ wie der Höhlenforscher Stephan Kempe es nennt, und unser Blick lenkt unsere Aufmerksamkeit. Je länger und intensiver ich schaue, desto mehr Gewicht hat eine Interaktion für mich selbst.

2. Berührung

Wir berühren mit unseren Händen nur Menschen, mit denen wir auch was zu tun haben wollen. Indem ich bewusst mit meinen Händen eine Pflanze berühre, um sie zu spüren, zu ertasten, ihr eine Geste der Zärtlichkeit und Freundschaft zu schenken, verändert sich meine innere Haltung ihr gegenüber. Ein Gefühl von zurück-berührt-werden kann sich einstellen, das mich selbst nährt. Die Steigerung: Pflanzen, Bäumen oder Steinen mit meinem Kopf ganz nahe kommen, mich von ihnen an Wange oder Stirn berühren lassen. Auch sie umarmen oder mich auf den Sand, die Wiese oder den Waldboden hinlegen erfordern erst und stärken dann mein Vertrauen und Verbundenheitsgefühl.

3. Zwiegespräche

Von Herzen teilen und wirklich zuhören geht auch mit nicht-menschlichen Wesen. In Stille denkend oder auch laut ausgesprochen kann ich mitteilen, was mich bewegt – einem Baum, einem Fluss, der untergehenden Sonne.

Und ich kann Fragen stellen und zuhören. Charles Eisenstein hat die Frage, die wir unseren Mit-Wesen aller Sorten (auch Steinen, oder schon toten Lebewesen) immer wieder stellen können, so formuliert: „Wie ist es, du zu sein?

Lassen wir stillen Raum danach, können überraschende Eindrücke auftauchen: Emotionen, Gedanken in Worten ausformuliert, Körpergefühle, Ahnungen. Andreas Weber sagt:„Unser Körper, den wir mit allen anderen Wesen teilen, ist ein universelles Übersetzungsinstrument für die Regungen des Lebens, für seine Schmerzen, für sein Glück.“

4. Gemeinsame Erlebnisse

Menschen mit denen ich etwas erlebt habe, fühle ich mich mehr verbunden. So ist es auch mit Plätzen in der Natur und ihren BewohnerInnen. Ich kann sie besuchen, wenn in meinem Leben etwas besonders los ist, und allein oder mit meinen liebsten Menschen, Zeit dort verbringen – für ein lang ersehntes Treffen mit alten FreundInnen, für ein schwieriges Gespräch, für das Feiern von etwas Wertvollem, für das Suchen nach Antworten in mir selbst und nach Entscheidungen für meinen Weg, für ein paar gemütlichen Stunden bei einem Picknick, beim Lesen oder für Spiele mit meinen Kindern.

5. Konkret sein

Beziehungen knüpft man immer nur mit einem einzigen Menschen auf einmal. Ich kann mich nicht mit einer ganzen Menschenmenge verbinden. So ist es in der Natur auch: Es macht Sinn mit einem bestimmten Baum zu beginnen, mit den ganz konkreten Vögeln auf meinem Balkon, mit einer bestimmte Pflanzenart, einem Felsen oder einem Bach – durch die ganz persönliche Zuwendung können aus „Dingen“ oder „Bekannten“ auch in kurzer Zeit Vertraute und dann Freunde werden.

Dabei kann ich meinen Blickwinkel variieren: von der einen Löwenzahnpflanze neben der Bushaltestelle, über die Amseln als eine Vogelart, den gesamten Park um die Ecke als einen Ort oder sogar die ganze große „Mutter Erde“ – kann ich alle jeweils als ein Gegenüber ansehen, mit dem ich in Kontakt gehe.

6. Worte finden

Namen geben stärkt die Verbindung: Wortschöpfungen wie die „stille Wiese “, das „Samtkräutlein“, „Emma die dicke Weide“ erleichtern es mir, auch über die kognitive Ebene hinaus im Kontakt zu sein. Denn in diesen selbst erfunden Begriffen stecken Aspekte der Beziehung schon drin – sie sind einfach viel persönlicher als die landläufigen Bezeichnungen.

7. Danken und Geschenke machen

Für viele Kulturen der Erde hat es sich bewährt, der Natur ebenso wie Menschen zu danken und etwas (zurück) zu schenken. Egal ob ich symbolisch kleine Häppchen von meinem Essen mit Grüßen und Dank rausbringe, oder ob ich bewusst die Vögel füttere oder Stauden für die Insekten pflanze – indem ich danke und etwas schenke, stärke ich die Beziehung, kann Gegenseitigkeit erfahren indem ich mich selbst im Kleinen als aktiv fürsorgend und wohltuend für die Natur verhalte, von der ich so viel Positives empfange.

8. Zuhause oder auf Reisen

Klar kann ich innigere Beziehungen knüpfen zu Bäumen die ich mein Leben lang jeden Tag besuche. Und ich kann – wie auf Reisen gegenüber Menschen die ich vielleicht nur ein einziges Mal treffe – auch in seltenen Begegnungen ganz und gar präsent und herzoffen sein und in Verbindung gehen.

9. Jeden Tag was Neues entdecken

Egal wie viel Natur ich im Alltag um mich herum habe – immer lässt sich etwas Neues entdecken. Indem ich meinen Blick neugierig streifen lassen und lausche, wird der Umfang dessen, was ich über die Sinne wahrnehmen kann, mit der Zeit immer größer. Was habe ich auf dem Weg zur Arbeit noch nicht entdeckt bisher? Was hat sich verändert? Oft habe ich freudige Überraschungen erlebt, wenn ich an schon längst bekannten Plätzen Sachen entdeckt habe, die ganz klar schon immer dort waren – und ich doch erst mit der Zeit in der Lage war, sie überhaupt zu sehen.

10. Auf die Geräusche von draußen hören

An manchen Tagen ist es schwer, überhaupt Draußen-Zeit zu haben. Gerade an solchen Tagen und während viel zu langer Stunden in Häusern ist es für mich ein lebensrettender Anker, auf die leisen Geräusche von draußen zu hören: Vogelstimmen, Wind, Regentropfen, Hundegebell, oder auch die Stille im Raum zwischen den Geräuschen von Stadt und Straßen erinnern mich an das Lebensnetz, dessen Teil ich bin.

11. Die Elemente fühlen

Während ich irgendwohin laufe, kann ich bewusst fühlen, wie Sonnenwärme, Wind, Regentropfen oder feuchte Luft meine Haut berühren. Ich kann die Handschuhe ausziehen oder durch die Schuhsohlen die Kühle des Bodens spüren. Vor allem wenn ich die Schuhe ausziehe oder mit den Händen den Boden berühre, verändert sich nicht nur meine körperliche Verfassung messbar (vor allem wenn ich dies regelmäßig über längere Zeiträume tue), sondern es hilft mir jedes Mal, voll und ganz im Moment anzukommen.

12. Etwas direkt draußen naschen

Es ist ein archaisches Gefühl, die Frühlingsblätter einer Birke oder Buche oder die saftigen Hagebutten vom Hundsrosen-Strauch zu pflücken und in den Mund zu stecken. Schon so manches Schulkind habe ich verkünden gehört, dass es „alleine draußen überleben“ könne, weil es ja wisse, was man alles essen kann. So ein Grundvertrauen entsteht, und damit verbunden eine tiefe Dankbarkeit für die Gaben die Natur, die selbst in der Stadt oft überraschend reichhaltig sind.

13. Etwas mit nach Hause nehmen

Kinder tun es die ganze Zeit: Stöcker, Steine, Pflanzenteile – alles nehmen sie gerne mit. Ich frage dabei gern um Erlaubnis oder Einverständnis (siehe Punkt 3) und lasse im Austausch gern etwas dort (siehe Punkt 7), und habe dann in der Stube oder in der Hosentasche ein Erinnerungsstückchen, das mir hilft, mich auch von Ferne mit meinen vertrauten Plätze und Wesen verbunden zu fühlen.

14. Sonnenauf- und Untergänge

Noch nicht so lange (und nicht an allen Orten der Erde) haben wir als Menschheit elektrisches Licht, beleuchtete Straßen und Fahrzeuge die sich selbst den Weg erhellen. Tief in unsere Psyche ist die Bedeutsamkeit von Sonnenauf- und untergang für uns als Spezies lebendig so wie sie es Millionen von Jahren lang war.

Das rötliche Licht lässt alle Farben besonders erscheinen, und der ganz nah überm Horizont stehende glühende Sonnenball schafft es sogar auf Autobahnraststätten, dass viele Köpfe sich nach ihm umdrehen.

Für mich sind beide Momente Gelegenheiten, meine Verbindung zur Erdkugel zu spüren, als deren Teil ich durchs unendlich große Weltall kreise, und darauf, wie alle Energie um mich herum und auch in meinem Körper letztendlich von der Kraft der Sonne geschenkt wird.

Ich erinnere mich daran, wie wenig selbstverständlich es ist, einen weiteren Tag erleben zu können, vielleicht sogar zusammen mit meinen Liebsten. So kann ich mich mit allen anderen Wesen gleichzeitig verbunden fühlen – weil sich in uns allen etwas danach sehnt, zu leben. Und ich kann ganz leicht zutiefst dankbar sein.

Es sind die kleinen Momente

Egal wie wenig Zugang ich zur Natur habe – wenn ich ihr meine volle Aufmerksamkeit schenke, werde ich die Verbindung spüren können.

Für Partnerschaften und andere enge Beziehungen gilt: Es sind die kleinen alltäglichen Interaktionen, die den Unterschied machen – und so ist es auch in unserer Verbindung zur Natur.

So glücklich ich bin ein paarmal im Jahr so richtig ein- und abzutauchen – für ein Gefühl von intensiver und tragfähiger Verbindung ist der Alltag viel wichtiger.

Glücklicherweise gibt es, selbst wenn ich mitten in der Großstadt bin, den Himmel mit seiner Wolkenwelt, den Wind der zwischen den Häusern streicht, Tauben und Spatzen, die von Greifvögeln wie Sperbern oder Turmfalken gejagt werden, und viele andere Wesen mehr – wenn ich erst einmal aufmerksam hinschaue.

Es tut mir gut, und dadurch haben auch meine nächsten Menschen etwas davon.

Und es tut der Natur gut – denn wie sonst, könnten wir wieder Verbündete und Hegende für sie werden?

Der Fluss Whanganui in Neuseeland hat es geschafft: Er ist vor dem Gesetz wie eine menschliche Person zu behandeln.

Am Anfang jeglicher Nutzungsüberlegungen für den Fluss stünde damit die Sicht auf ihn als als lebendiges Wesen, sagte ein Sprecher der indigenen Whanganui-iwi, die nach 140 Jahren Verhandlung, nun als Vertreter des Flusses handeln dürfen.

Menschen aus indigenen Kulturen sprechen es einfach aus, NaturwissenschaftlerInnen erforschen es erst Stück für Stückchen – das was im Mainstream trotzdem hartnäckig tabu scheint: Die Natur ist höchstwahrscheinlich ebenso beseelt, wie wir Menschen – voller Intelligenz, Empfindungsfähigkeit und vielleicht sogar Bewusstsein.

Empfindungen und Werte scheinen die Basis aller Lebensprozesse zu sein, auch bei Tieren, Pflanzen oder Kleinstlebewesen. Selbst auf Zellebene könne man feststellen, dass Leben nicht denkbar wäre ohne Gefühle, schreibt der Biologe und Philosoph Andreas Weber.

Die Puzzleteile sind zahllos

Der Hirnforscher Jaak Panksepp, der eine artenübergreifende „Affektive Neurowissenschaft“ entwickelte, spricht es aus: „Der verbreitete Glaube, dass allein die Aktivität des menschlichen Großhirns Kernaffekte [=Emotionen, Anm. d. Verf.] hervorzubringen vermag, ist so naiv wie das geozentrische Weltbild.“

Wir stehen vor einer tiefgreifenden Wende der Kernauffassungen unserer Zivilisation. Im Grunde genommen geht es darum, als Menschheit von der irrigen Annahme zurück zu treten, es müsste sich alles in der Natur letztendlich doch um uns selbst und unsere Lebensgrundlagen drehen.

Wir brauchen viel mehr Respekt vor der natürlichen Welt, so viel wie wirklich notwendig ist, um ihr Wohlergehen und Gedeihen nicht weiter zu zu zerstören.

Respekt braucht Augenhöhe

Viele indigene Kulturen sind HüterInnen von Artenvielfalt in den Ökosystemen, die sie noch selbst bewirtschaften dürfen.

Sie haben raus, was wir uns selbst ab-ringen und von Großkonzernen fordern: Selbstbeschränkung gegenüber der natürlichen Welt, um diese eben nicht auszubeuten. Klar hilft dafür Wissen über die Natur vor Ort – doch Wissen allein lenkt das Handeln nicht. Menschen schützen nur das was sie wirklich lieben.

Wie lieb kann Natur uns werden? Wir sehr können wir es zulassen, Natur zu lieben?

Kommt ganz darauf an, wie wir sie betrachten: Als Ressource? Als Kulisse für Erholung und Abenteuer? Als Lebensraum für Menschheit und Tiere, die wir gern mögen?

Oder als beseelt und in sich heilig? Als gleichwürdiges Gegenüber, auf Augenhöhe? Als Wesen, das so vielschichtig und vollkommen ist, dass Ehrfurcht uns erfüllt, wenn wir ihm uns nähern?

Es gibt einen Begriff für diese Art von Natursicht.

Wikipedia erzählt uns mehr: “„Animisten“ betrachten jeden noch so kleinen Teil der Welt, der von ihnen als beseelt aufgefasst wird, als einen Ehrfurcht gebietenden Kosmos. […]

„Heilig“ im Sinne von „respektgebietend“, aber auch „respektfordernd“, sind Erscheinungen der natürlichen Umwelt in den meisten Ausprägungen:

In jedem beseelten Stein, jeder Pflanze, jedem Tier und jedem Menschen, auch an jedem Ort entwickelt „Lebenskraft“ einen eigenen Willen […]”

Charles Eisenstein, US-amerikanischer Kulturphilosoph lädt uns ein, es auszuprobieren indem wir Bäume, Pflanzen, Steine, Tiere fragen: “Wie ist es, du zu sein?”

Und: “Was wünscht das Land sich? Was wünscht sich der Fluss? Was wünscht sich der Wolf? Was wünscht sich der Wald?”, und dann auf die Zeichen zu achten. “So erweisen wir Land, Fluss, Wolf und Wald den Status des “Seienden” – wir zählen sie zu jenen heiligen Wesen dazu, die immer alles beobachten, und die selbst Bedürfnisse und Interessen haben, welche mit unsren eigenen verwoben sind.”

Die beseelte Welt

Animismus und Anthropomorphismus (=Vermenschlichung von Nicht-menschlichem) sind scheinbar angeboren. Kinder praktizieren sie von ganz alleine, und in unserem Kulturkreis werden sie nicht weiter gefördert, sondern als Aspekte einer kindlichen Weltsicht abgetan, die irgendwann im Schulalter überwunden sein sollte.

Somit ist es nicht verwunderlich: Obwohl Kinder im Laufe der Jahre immer mehr Wissen darüber beigebracht wird, wie sie sich umweltfreundlich verhalten können, nimmt in der Jugend, wo Glauben an die Beseeltheit der Welt nachhaltig abgewöhnt ist, auch die Betroffenheit über Umweltschädigung ab, und ebenso auch die Bereitschaft, sich selbst umweltschonend zu verhalten.

Doch wir gewöhnen damit jungen Menschen etwas Kostbares ab, was für uns als Menschheit vermutlich von Anbeginn an essentiell war und für viele naturverbundene Kulturen immer noch ist: Um uns herum eine Welt voller Mit-Wesen zu sehen, die uns ebenbürtig sind – statt nur seelenloser Ressourcen oder Lebensraum-Features für uns als Herren der Schöpfung.

Dabei sind Kinder sehr gut in der Lage, zusätzlich zur animistischen Weltsicht jede Menge Faktenwissen über Natur und Ökologie zu sammeln. Sie machen uns das vor, was wir global gut gebrauchen können: ein Zusammenspiel von animistischer und naturwissenschaftlicher Weltsicht, die wunderbar nebeneinander existieren können.

Wie wäre es: Wir lernen weiter durch wissenschaftliche Vorgehensweise UND betten das Ganze ein in einen Glauben an die Beseeltheit allen Lebens, die für die Zukunft des Lebens auf der Erde Sinn macht. (Natürlich wurzelt so ein Glaube im ganz individuellen und sehr vielfältigen Erleben und ist damit genau das Gegenteil von institutionalisierter Religion oder Sektiererei.)

Das Ergebnis? Eine echte Ehrfurcht vor dem Leben.

Hinein in die Tabu-Zone!

Im Mainstream der Gesellschaft herrscht noch ein anderer Glaubenssatz: Beseeltheit der Natur? “Esoterisch und unwissenschaftlich“. Unzählige WissenschaftlerInnen, die weltweit herausragende wissenschaftliche Arbeit mit einer persönlichen animistischen Weltsicht verbinden, deuten dies oft lieber nur im Nachwort an – sonst wird öffentlich und in den Institutionen auf ihnen herumgehackt.

Peter Wohlleben fasste in seinem Bestseller-Sachbuch über das “Geheime Leben der Bäume” zahlreiche wissenschaftliche Studien in verständliche “vermenschlichende” Worte. Gerade ist der gleichnamige Dokumentarfilm über sein Werk erschienen und einige alteingesessene Medien in Deutschland probieren nun, ihn regelrecht an den Pranger zu stellen. Kein Wunder, denn er schaffte es, Millionen von Menschen weltweit für das Thema nachhaltige Waldwirtschaft zu begeistern – die im Gegensatz zu den vielerorts angewandten Methoden der Forstwirtschaft steht, und damit entgegen kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen von Waldbesitzern und Holzindustrie.

Zum Glück gibt es viele renommierte WissenschaftlerInnen in Deutschland und anderen Ländern, die hinter Wohllebens Aussagen stehen.

Glaubenssätze vieler Religionen sind sehr wohl gesellschaftlich anerkannt, und auch Angehörige einer indigenen Kultur würden für animistische Äußerungen (glücklicherweise!) in vielen Medien nicht belächelt oder kritisiert werden. Wie können wir es schaffen, dass auch individuelle, also weder institutionalisierte noch tradierte Spiritualität sich öffentlich ausdrücken darf, vor allem wenn sie lebensfördernd ist?

Wir dürfen es!

Jede vierte Frau spricht laut Umfrage mit ihren Zimmerpflanzen.

Auch Hunde, Katzen oder Pferde dürfen zum Glück zensurlos als beseelt behandelt werden. Unsere lebendigen Kuscheltiere scheinen oft die letzten nicht-menschlichen und dennoch voll anerkannten Verwandten zu sein – neun von zehn US-Amerikanern sagen, dass ihr Haustier ein Familienmitglied sei.

Wir Menschen sind nicht die einzigen mit Persönlichkeit” sagt Jane Goodall im Interview (mit derselben ZEIT, die kürzlich auf Peter Wohleben herumhackte). Als junge Schimpansenforscherin wurde auch sie herbe für ihre Vermenschlichungen kritisiert – doch ihre hartnäckige Einfühlsamkeit für ihre Studien-“Objekte” hatte Erfolg: Mit ihrer respektvollen Haltung schaffte sie es, sensationelle Entdeckungen über das Sozialleben der Primaten zu machen.

Mit jeder Regung in uns, die flüstert, dass “die anderen” ebenso wertvoll und seelenvoll sind wie wir selbst, sind wir in guter Gesellschaft: Alexander v. HumboldtJohn Muir, Arundhati RoyFranz Kafka, KonfuziusAlbert SchweitzerLeonardo da Vinci, Jiddu KrishnamurtiCarl Gustav JungFranz von AssisiJohann Wolfgang v. GoetheThich Nhat Han – die Liste ist lang und ermutigend.

Was kann ich tun?

Wo in mir konnte ich mir ein paar heimliche Fetzen animistischer Weltsicht bewahren? Irgendwas gefunden?

Das ist ein Grund für große Freude! 🙂

Das wichtigste ist, dazu zu stehen, was ich im Inneren als wahr erlebe – vor mir selbst (für meine seelische Gesundheit) und vor allem, um den Kindern von heute die Rückenstärkung dafür zu geben, ihre angeborene animistische Weltsicht zu bewahren.

Für ein Urvertrauen in die Welt und in sich selbst, ist es essentiell, Kinder in dem zu spiegeln, was für sie wahr und bedeutsam ist. Neuropsychologe Daniel Siegel beschreibt, wie wichtig es ist, eine Sicht auf die Realität zu schenken, die nicht im Konflikt ist mit dem, was ein Kind erlebt und für wahr hält, sondern das kindliche Erleben bestätigt – nicht nur was das Kind sieht und hört, sondern auch wie es sich im Inneren dabei fühlt, wie sich ein Erlebnis anfühlt.

Indem wir Kinder in ihrer animistischen Weltsicht bestätigen, stärken wir nicht nur ihre Naturverbindung, sondern ermöglichen ihnen, uns als Bezugspersonen und sich selbst tiefer zu Vertrauen, um resilienter durchs Leben gehen zu können.

Es könnte sein, dass sich das auch in mir selbst als eine große Erleichterung anfühlt, wenn ich mich angesichts widerstreitender Glaubenssätze in mir (beeinflusst von Medien, Elternhaus, Schule usw.), mich vor mir selbst zu denjenigen bekenne, die als tiefere Wahrheit in meinem Inneren existieren.

Und vielleicht traue ich mich dann ja auch mal im Büro oder bei den anderen Eltern auf dem Spielplatz zu erwähnen, dass die große Linde da vorne mir persönlich viel bedeutet. 

Was wir inniglich lieben, schützen wir. Wenn wir Kinder und Jugendliche ins Leben begleiten, die eine von genug Erwachsenen gewürdigte und geachtete, innige Beziehung zu einem Baum, einem Tümpel, einer Wiese und zur „Mutter Erde“ in ihrer Gesamtheit haben – wird die Welt anders aussehen.

Jetzt ist genau die richtige Zeit dafür!

Die Natur vermisst uns

Wir vergessen es angesichts der wachsenden virtuellen Welt zunehmend, doch brauchen wir das Interagieren mit Natur, um ganz wir selbst zu sein.

Seit vielen Jahren ist bekannt, wie unglaublich wohltuend für uns Menschen die Zeit in der Natur ist, und wie heilsam der Umgang mit Tieren ist, beispielsweise für Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen.

Es ist kein Zufall, dass wir in dieser Zeit, wo wir die die Mit-Wesen um uns herum immer weniger beachten, auch selbst mehr und mehr vereinsamen: Zustände von Einsamkeit breiten sich in der zivilisierten Welt aus wie eine Epidemie, vor allem junge Erwachseneältere Menschen, zunehmend auch Kinder und Jugendliche fühlen sich schrecklich einsam und allein.

Wenn wir die Beseeltheit der Welt wieder umarmen, sind wir nicht mehr allein.

Charles Eisenstein, der als junger Mann an der renommierten Yale University Mathematik und Philosophie studierte, beschreibt es so:

“Die Wesen, die wir aus unserer Realität ausgeschlossen haben, die wir in unserer Wahrnehmung zu Nicht-Wesen geschrumpft haben, warten immer noch auf uns. Selbst angesichts all meines ererbten Unglaubens (mein innerer Zyniker, der in Naturwissenschaften, Mathematik und analytischer Philosophie ausgebildet wurde, ist mindestens so schneidend wie deiner), wenn ich es mir erlaube, ein paar Momente lang still und aufmerksam zu sein, kann ich fühlen, wie diese Wesen sich versammeln. Stets hoffnungsvoll neigen sie sich der Aufmerksamkeit entgegen. Kannst du sie auch spüren? Inmitten der Zweifel und jenseits vom Wunschdenken, kannst du sie fühlen? Es ist dasselbe Gefühl, wie im Wald zu sein und mir zum aller ersten mal gewahr zu werden: der Wald ist lebendig. Die Sonne schaut mir zu. Und ich bin nicht allein.”

Ich weiß nicht, ob es objektiv wahr ist, weil es vielleicht niemals bewiesen werden kann. Im Herzen habe ich schon oft gefühlt, dass andere Wesen die Menschen vermissen, zum Beispiel alte Bäume im Park sich danach sehnen, wieder kleine flinke Kinderfüße und -hände auf sich zu spüren.

Wenn wir uns wagen, hinzuschauen, zu fühlen, wieder in Verbindung zu gehen mit der Natur, bedeutet das für mich vor allem ein nach Hause kommen. Wo wir schon seit langem von unserer ganz großen Familie erwartet werden…

Hier findest du die wissenschaftliche Arbeit, auf der dieser Artikel basiert.

Naturverbindung ist eine Schlüsselkompetenz für zukunftsfähige Gesellschaftsgestaltung, in allen Lebens- und Berufsfeldern, die unsere natürliche Beziehung zu unserer Mit-Welt wiederbeleben kann – bis in den gesellschaftlichen Mainstream hinein! 

Sei mit dabei in unserer 9-monatigen Weiterbildung, mit Andreas Weber als Gastlehrer…

…erwächst die Zukunft
In diesem Film erzählt Mark Morey während eines Musik-Camps in den USA die Geschichte vom irischen Lied “Come by the Hills”, und wie er es von dem irischen Maurer und Liedersammler Gerry Brady gelernt hat, den einige von euch vielleicht bei den Workshops mit Jon Young hier in Deutschland kennenlernen konnten.

Die Melodie ist eine irische Volksweise, der Text wurde in den 60er Jahren vom schottischen Liedermacher W. Gordon Smith geschrieben.

Mark Morey sagt im Film: “Ich war in England und hab dort einen Mann aus Irland getroffen, Gerry Brady, ein 70jähriger pensionierter Maurer, der hunderte mündlich überlieferte Lieder kannte. Ich erzählte ihm, dass wir dort seien um den Kindern ihre Verbindung zur Natur zurück zu geben, damit die Kultur von diesem zentralen Ort aus wieder neu erschafft werden könne.

Gerry antwortete, dass er genau wüsste was ich meine, und das dasselbe in ihrer Kultur auch gerade passieren würde. Dass dieselben Dinge, deren Zerstörung eine gesamte Kultur zerstören könnten, in ihrem Wiederauftauchen, auch die Kultur zurückzubringen vermochten. Denn in Irland waren im Jahr 1665 tausende von traditionellen Harfen verbrannt worden, deshalb hätten sie nun eine Harfe auf der Rückseite einiger ihrer Geldmünzen. Ich weiß eine Mission des Fiddle-Camps ist es, die Musik zurück zu holen, dass sie sich durch die Zeit weiter bewegen kann. Gerry sagte zu mir, du musst dieses Lied lernen. Es geht dabei darum, wieder in die Landschaft zu gehen, den Liedern der Bäume und des Windes zu lauschen, und von diesem Ort aus, die Zukunft zu erschaffen.”