Endlich ist unser lang ersehntes Liederbuch da! Über 100 Lieder von 30+ Komponist*innen rund um unser Netzwerk – erlauscht und erträumt aus der Verbindung zu Landschaften und der Sehnsucht nach verbundenen Lebensweisen mit der Erde und mit einander.

Lieder – besonders wenn wir sie gemeinsam singen – können enorm wirkkräftige Werkzeuge dafür sein, Kultur friedvoller, gerechter und lebensfreundlicher zu gestalten.

Sie können uns dabei helfen, soziale Räume zu erschaffen, in denen Werte und Qualitäten, die wir uns für die Zukunft ersehnen, schon jetzt erfahrbar und spürbar werden.

Lieder können Liebe vermitteln oder Neugier und Faszination, Freude und Trauer, Hoffnung, Ehrfurcht, Vertrauen und Mut – und so viel mehr. Gerade das gemeinsame Singen kann auch ein kleines, aber sehr wirksames Gegengift gegen Verzweiflung, Ohnmachtsgefühle und Angst sein.

Denn Singen und Summen beruhigen unseren Körper. Sie verlangsamen den Atem und entspannen unser Nervensystem. Sie geben unseren Gedankenschleifen und Grübeleien eine Ruhepause und helfen uns dadurch, aufmerksam und präsent im Hier und Jetzt zu sein. Beim gemeinsamen Singen – und auch beim Zuhören – kann unser Körper sogar richtig große Mengen Oxytocin ausschütten, ein Hormon, das das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit stärkt. So können wir uns, wenn wir zusammen singen, wesentlich gelassener und weniger hilflos fühlen.

Songs of Belonging – und für Belonging!

Belonging geschieht, wenn wir uns als Menschen, genau so wie wir sind, mit all unserer Menschlichkeit, voll und ganz zugehörig fühlen können – zur Welt, zu nicht-menschlichen Wesen um uns herum und auch miteinander.

Belonging ist dabei nicht nur etwas, das wir erfahren können, sondern auch etwas, das wir aktiv für andere Menschen begüns- tigen können, indem wir Wege finden, einander ein Zuhause zu schenken – und damit eines der tiefsten menschlichen Grund- bedürfnisse nähren.

Viele Lieder in unserem Liederbuch sind aus Momenten von erlebter Zugehörigkeit entstanden. Im Singen dieser Lieder mag diese Zugehörigkeit und Verbundenheit auch für die Mitsingenden ein klein wenig erfahrbar und spürbar werden.

Wenn wir Klang in unserer Nähe wahrnehmen, ihn hören oder spüren, entsteht Resonanz. Schwingung überträgt sich dabei auf unseren gesamten Körper, nicht nur über die Ohren. Wenn wir mitsummen oder vielleicht sogar mit einstimmen, kann Harmonie entstehen, zwischen den Tönen und wenn unterschiedliche Stimmen gleichzeitig erklingen. Auch über die Worte und deren Bedeutung kann eine Verbindung entstehen, weil sie uns auf eine Reise mitnehmen und dabei helfen können, dass sich zwischen unseren Weltsichten Türchen öffnen – und unterschiedliche Lebensrealitäten einander irgendwo berühren.

Viele soziale Bewegungen haben diese Kraft gemeinsamen Singens genutzt: Auf den Straßen der Welt, bei Protestmärschen und Versammlungen, um gefühlvoll Brücken zu bauen zu den Menschen drumherum und auch, um tiefer Sehnsucht Ausdruck zu verleihen, um Hoffnung und Zusammenhalt zu stärken und um einander im Angesicht von Unterdrückung Sicherheit zu schenken.

Melodien voller Emotionen und Worte voller Liebe, Mitgefühl und Menschlichkeit können unseren inneren Zustand und auch die Atmosphäre eines Raumes verändern.

Lieder wie We shall Overcome, Give Peace a Chance oder Freedom is Coming berührten Millionen Menschen und wirkten weit über die Bürgerrechts-, Friedens- und Anti-Apartheid-Bewegung hinaus in die Welt hinein. Sie helfen auch heute noch, Hoffnung für eine gerechtere Welt zu fassen, uns auf unsere gemeinsame Menschlichkeit zu besinnen und dafür einzustehen.

Unser Buch ist inspiriert von diesen Liedern und von den Menschen, die sie in die Welt brachten.

Lieder ohne kulturelle Aneignung

Gesang hat sich überall auf der Welt entwickelt. Forscher*innen vermuten, dass Gesang und Musik einen einzigartigen Zweck für uns als Menschen haben, weil sie im Gehirn anders verarbeitet werden als gesprochene Worte und dadurch besonders tief berühren und in Erinnerung bleiben können.

In Liedtexten stecken, wie auch in Poesie, zudem oft viele verschiedene Bedeutungsebenen, sie sind reich an Symbolik und können damit auch eine enorme Vielzahl an Informationen und Zusammenhängen in hoher Dichte enthalten und zugänglich machen.

Viele Menschen in Mitteleuropa und anderen westlich geprägten Regionen fühlen sich zu Musik und Liedern aus Indigenen Kulturen* hingezogen, möglicherweise auch, weil sie ein Weltbild von tiefer Verbundenheit mit unserer Mit-Welt vermitteln – oder ihnen dies auf Basis von Halbwissen und Stereotypen zumindest zugeschrieben wird.

Auch beim Circlewise Institut haben wir in unseren ersten Jahren vor allem sogenannte „Lieder aus aller Welt“ gesungen, von denen die meisten über kulturelle Aneignung in westliche Kreise gelangt sind.

Unsere Liederauswahl kritisch zu hinterfragen wurde ein erster Teil unseres (noch weiter fortdauernden) persönlichen und auch gemeinschaftlichen Lern- und Entwicklungsprozesses darüber, wie Kolonialismus in uns fortwirkt und wir auch mit unserer Arbeit koloniale Muster wiederholen und verstärken – und was es braucht, um dies allmählich zu ändern.

Anzuerkennen, dass wir mit vielen Liedern, ohne es zu wollen, doch Leid für andere verursachen, war ein kleiner, aber wichtiger Meilenstein für uns.

Es dauerte eine ganze Weile, diese Einsicht zu verdauen und zu integrieren, bis wir so weit waren, uns dafür zu entscheiden, tatsächlich keine Lieder mehr zu singen, die aus Indigenen Kulturen stammen.

Es folgte eine zähe Zeit, in der es fast zwei Jahre lang ungewohnt still in unseren Veranstaltungen blieb. Weil wir einfach so wenige andere Lieder kannten, die in Gemeinschaft gut singbar waren!

Einige deutschsprachige Lieder fanden sich ein. Bei manchen davon stellte sich wenig später heraus, dass sie in der NS-Zeit aus nationalistischer und faschistischer Ideologie heraus komponiert worden waren – die wir natürlich auch nicht weitertragen wollten.

Wir warteten auf diejenigen Lieder, die authentisch mit uns und den Orten hier, mit unserem Erleben, unserer Sehnsucht, unseren Werten verbunden waren und die wir (als überwiegend weiße**, in vielerlei Hinsicht privilegierte Personen) auch gemeinsam mit Menschen verschiedener Herkünfte, Kulturen, Weltanschauungen singen könnten, ohne dadurch anderen etwas wegzunehmen oder zu schaden – insbesondere nicht jenen, die seit Jahrhunderten Genozide, Diskriminierung und Ausbeutung er- leiden, und von denen viele auch gegenwärtig um ihr physisches, soziales und kulturelles Überleben kämpfen müssen.

Lieder für Hier und Heute

In den frei gewordenen Raum hinein wagten sich erst zaghaft und dann mehr und mehr Liedchen und Melodien, die von Menschen in unserem Netzwerk oder auch von uns selbst erlauscht wurden, geschenkt von Orten oder Wesen, die wir liebten. Viele Male waren wir selbst dabei, wie ein Lied zum allerersten Mal in einem Kreis gesungen wurde oder sogar im selben Moment entstand.

Andere Lieder tauchten von Ferne auf, aber auch mit deutlich erkennbaren Wurzeln und verbunden mit einer klaren Erlaubnis, gesungen und weitergegeben zu werden.

Seitdem sind in unserem Netzwerk (und weit darüber hinaus) zahllose Lieder für Hier & Heute „geschlüpft“ (oder für uns hörbar geworden) und es war tatsächlich schwierig, überhaupt ein Ende für dieses Buchprojekt zu finden, weil bis zum Schluss beständig immer weiter neue Lieder dazu kamen. (Jetzt sammeln wir parallel also schon für Band II ☺)

Dieses Buch versammelt nun über 100 dieser Lieder für Hier und Heute – für viele Stimmungen und Gelegenheiten – zum Mitsingen, zum Lauschen und einige sogar auch zum Tanzen.

Sie wurden von über 30 Komponist*innen verfasst, aus verschie- denen Generationen, Ländern und Lebenswelten. Die meisten der Lieder sind ziemlich jung, ein paar auch überliefert, viele mehrstimmig oder als Kanon singbar, manche einstimmig oder als Call & Response-Lieder besonders leicht mitzusingen.

Die Melodien und Texte wurden aus inniger Verbindung zu Landschaften und den darin lebenden Wesen erlauscht oder aus der Sehnsucht der Menschen erträumt – einer Sehnsucht nach Verbindung, nach Gemeinschaft, nach einer gerechten, nach- haltigen und vielfältigen Gesellschaft, nach lebensfreundlichen Weisen zu leben und füreinander miteinander da zu sein.

Mit Text, Noten, Tonaufnahmen und oft sogar Entstehungsgeschichten

Für viele Lieder sind neben Text und Noten auch die jeweiligen Entstehungsgeschichten enthalten.
Auf dieser Seite hier findest du viele der Tonaufnahmen, damit du die Lieder noch leichter lernen kannst.

Viele der Lieder sind in Übergangszeiten, bei Ritualen oder in stillen Momenten mit der Erde geboren worden. Sie sind Ausdruck der Vielfalt menschlicher Emotionen und der Wunder des Lebens in allem, was uns umgibt und in uns lebendig ist.

Sie laden dazu ein, sich selbst, andere Menschen und die Erde mit all ihren Wesen als vielgestaltige Facetten eines lebendigen Ganzen zu erfahren.

Die Lieder sind somit auch Samen für ein lebensförderliches Miteinander für Jetzt & Hier, für das Wohlergehen aller Wesen und die Zukunft unseres Planeten.

Wir möchten, dass dieses Liederbuch für dich ein handliches Werkzeug genau dafür sein kann – für deine Gruppen, Kreise, Initiativen und Netzwerke.

Mögen die Lieder dich und die Menschen, mit denen du singen wirst, berühren, nähren und darin bestärken, Teil einer Bewegung für eine lebensfördernde, zukunftsfähige Kultur zu sein!

Mit ganz lieben Grüßen,

Aaron, Elke & das Circlewise Team

* Der Begriff „Indigen“ bezieht sich hier auf die kollektive Identität und Selbst- bezeichnung von indigenen Gemeinschaften weltweit. Zur besseren Sichtbarkeit und aus Respekt schreiben wir ihn groß.

** Das Wort „weiß“ ist kursiv und klein gesetzt, um daran zu erinnern, dass es hier nur um eine gesellschaftliche Kategorie und kein echtes Herkunftsmerkmal geht.