Awareness-/ Antidiskriminierungs-Konzept
…unsere Grundsätze für gemeinsames Gestalten von
solidarisch wirkenden Veranstaltungen
Eine auf Gleichwürdigkeit basierende, solidarische Gesellschaft zu gestalten ist für uns eine der beiden wichtigsten Aufgaben unserer Zeit (die andere ist ein lebensnährender Umgang mit unserer Mitwelt).
Wir sehen dies als einen kollektiven Prozess an, für den alle Menschen gebraucht sind.
Denn viele von uns sind in einer zutiefst ungleichen Gesellschaft sozialisiert, wodurch wir verschiedene Diskriminierungsformen internalisiert haben. Durch unser dadurch geprägtes verzerrtes Wahrnehmen, Denken und Verhalten reproduzieren wir diese oft unbewusst. Die dadurch entstehenden Muster von Dominanz und Menschenfeindlichkeit immer wieder bewusst abzubauen und allmählich zu ersetzen sehen wir als wichtigen Teil dieses Prozesses.
Seit einigen Jahren befinden wir uns auch als Organisation hier im Lernprozess, hinterfragen uns selbst immer wieder und suchen uns Unterstützung von Fachpersonen, wie aktuell der Expertin für Antirassismus und Machtkritik Evein Obulor.
Wir sind hierbei dankbar für die Arbeit john a. powell vom Othering & Belonging Institute sowie insbesondere für Schwarze und/oder queerfeministische Autor*innen und Aktivist*innen, wie bell hooks, Tupoka Ogette, Misasha Suzuki Graham, Sara Blanchard, Alice Hasters, Angela Davis, Alok Vaid Menon und andere, sowie dem Phönix e.V. und Nenad Čupić und Stephan Marks.
Hier findest du den aktuellen Stand unseres in kontinuierlicher Entwicklung begriffenen „Awareness-Konzeptes“ für unsere Veranstaltungen:
1. Gute Intentionen
Wir gehen davon aus, dass alle anwesenden Menschen nach bestem Wissen und Gewissen und mit guten Absichten handeln. Zugleich wissen wir, dass inmitten einer Gesellschaft, in der Macht so ungleich verteilt ist, diskriminierendes Wahrnehmen, Denken und auch Handeln leider trotzdem auch unbewusst und unabsichtlich passieren. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass Diskriminierung auch im Rahmen unserer Veranstaltungen stattfinden wird, möglicherweise auch von uns als Leitenden ausgehend.
2. Gemeinschaftlicher Lernprozess
Dies zu wandeln oder überhaupt dem etwas entgegenzusetzen, ist ein großer, kollektiver Prozess. Wir brauchen einander, um diese tiefen, ungerechten Prägungen zu verlernen. Hierzu gehört für uns auc
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- die Nutzung und Kultivierung diskriminierungssensibler Sprache
- das Verstärken von im Raum unterrepräsentierten Perspektiven (bspw. durch Aufhebung von Redezeitbegrenzung für Menschen mit Marginalisuerungerfahrung)
- das Hinweisen auf im Raum fehlende Perspektiven
- das zur Verfügung stellen von Literatur und anderen Quellen, insbesondere von häufig marginalisierten Expert*innen zu diesen Themen
- klare Orientierung gebende Kommunikationsvereinbarungen mit allen Anwesenden.
3. Feedback
Kritik und Rückmeldungen bezüglich diskriminierendem Verhalten werden von uns 100% ernst genommen. Wir hören zu, besorgen uns selbst bei Bedarf tiefergehendes Hintergrundwissen, um Feedback besser zu verstehen. Wir fragen nach, wie eine Situation verbessert oder ein verletzendes Verhalten aufgearbeitet und vielleicht wiedergutgemacht werden kann und/oder suchen Supervision durch erfahrene Antidiskriminierungs-Fachleute.
4. Ansprechpartner*innen
In größeren Weiterbildungen mit erweitertem Team gibt es neben uns zusätzliche Awareness-Personen. Diese sind (gemeinsam mit den Seminarleitenden) als Anprechpartner*innen für diskriminierungserfahrene wie auch für privilegierte Menschen da. Dies gilt sowohl für Feedback, Kritik und Not-Situationen, wie auch für Nachfragen. Sie sind bereit, diesbezüglich auch direkt vor Ort, soweit es der Rahmen zulässt, Bildungs- und Aufklärungsarbeit zu machen. Sie geben auch Hinweise zu weitergehenden Lernmöglichkeiten.
5. Pronomen für Jede*n
Wir fragen Pronomen ab, die Menschen für sich genutzt haben wollen und verwenden diese dann – als eine kleine Geste von Respekt gegenüber der Gender-Identität von Menschen. Zudem ermutigen wir Teilnehmende und Team-Menschen, auch die gewünschten Pronomen zu nutzen. Hierfür schlagen wir einen Prozess des “sich-gegenseitig-immer-wieder-erinnerns” vor, um gemeinsam schneller lernen zu können, auch ungewohnte Pronomen zu verwenden.
6. Solidarische und schamsensible Interventionen
Sollte uns ein diskriminierendes Verhalten auffallen, verhalten wir uns solidarisch mit der diskriminierten Person. Wir sprechen das, was war, explizit an. Eventuell erfordert dies eine Unterbrechung im Programm, beispielsweise auch in Rederunden. Oftmals entstehen schwierige Situationen aber auch an der Seite, beispielsweise im Rahmen von Kleingruppen-Aktivitäten. Wir werden dafür sorgen, dass die betroffene Person selbst wählen kann, in welcher Form sie für sie hilfreiche Aufmerksamkeit, emotionale, praktische oder soziale Unterstützung bekommen möchte.
Sollten aufgrund eines Diskriminierungsvorfalls weitergehende Begleitung oder sogar (trauma-)therapeutische Intervention notwendig sein, übernehmen wir hierfür die Kosten für ein bis zwei initiale oder orientierende Sessions mit fachkundigen Anbieter*innen.
Zudem werden wir sobald wie möglich den Vorfall mit der sich diskriminierend verhaltenden Person ansprechen, deren emotionale Verarbeitungsprozesse begleiten und Unterstützung dafür geben, dass die Erfahrung als tiefgehender Lernprozess zu solidarischen Perspektiven, Verständnis und Verhaltensmustern führen kann.
7. Spezifische Safer Spaces
Wenn mehr als eine BIPOC-Person (Black, Indigenous and People of Color) in einer Veranstaltung anwesend ist, ermöglichen wir nach Bedarf und in Absprache Zeiten und Räume für BIPOC Spaces. Wenn mehr als eine genderqueere Person (die nicht den binären geschlechtlichen Kategorien von Mann oder Frau zugehörig ist) anwesend ist, ermöglichen wir nach Bedarf und in Absprache Zeiten und Räume für queer Spaces.
8. Nur Ja heißt Ja
Wir erbitten von allen Anwesenden ein Commitment, andere nur nach expliziter Nachfrage, mit ausdrücklicher Zustimmung und in gegenseitigem Einvernehmen zu berühren.
9. Feste Leitplanken fürs Miteinander
Sollte jemand sich hingegen deutlich absichtsvoll diskriminierend oder dominierend verhalten und/oder im von uns begleiteten Verarbeitungsprozess keine grundsätzliche Bereitschaft für respektvollen Umgang, Rücksichtnahme oder Lernen erkennbar sein, fehlt eine wesentliche Grundlage für das Aufbauen eines vertrauensvollen Miteinanders. In diesem Fall behalten wir uns vor, einzelne Personen vorübergehend oder bis auf weiteres von Veranstaltungen auszuschließen. Dies gilt insbesondere auch für (verbale) sexuelle Übergriffe, Hassrede und jegliche Form körperlicher oder seelischer Gewalt.