Awareness-/ Antidiskriminierungs-Konzept

…unsere Grundsätze für gemeinsames Gestalten von

solidarisch wirkenden Veranstaltungen

Eine auf Gleichwürdigkeit basierende, solidarische Gesellschaft zu gestalten ist für uns eine der beiden wichtigsten Aufgaben unserer Zeit (die andere ist ein lebensnährender Umgang mit unserer Mitwelt).

Wir sehen dies als einen kollektiven Prozess an, für den alle Menschen gebraucht sind.

Denn viele von uns sind in einer zutiefst ungleichen Gesellschaft sozialisiert, wodurch wir verschiedene Diskriminierungsformen internalisiert haben. Durch unser dadurch geprägtes verzerrtes Wahrnehmen, Denken und Verhalten reproduzieren wir diese oft unbewusst. Die dadurch entstehenden Muster von Dominanz und Menschenfeindlichkeit immer wieder bewusst abzubauen und allmählich zu ersetzen sehen wir als wichtigen Teil dieses Prozesses.

Seit einigen Jahren befinden wir uns auch als Organisation hier im Lernprozess, hinterfragen uns selbst immer wieder und suchen uns Unterstützung von Fachpersonen, wie den Expert*innen für Antirassismus und Machtkritik N’joula Baryoh oder aktuell Ivie Obulor.

Wir sind hierbei dankbar für die Arbeit john a. powell vom Othering & Belonging Institute sowie insbesondere für Schwarze und/oder queerfeministische Autor*innen und Aktivist*innen, wie bell hooks, Tupoka Ogette, Misasha Suzuki Graham, Sara Blanchard, Alice Hasters, Angela Davis, Alok Vaid Menon und andere, sowie dem Phönix e.V. und Nenad Čupić und Stephan Marks.

Hier findest du den aktuellen Stand unseres in kontinuierlicher Entwicklung begriffenen „Awareness-Konzeptes“ für unsere Veranstaltungen:

Liebe Menschen,

vielleicht hast du schon mitbekommen, dass wir bei Circlewise uns in einem größeren Lern- und Gestaltungsprozess befinden, um unsere Räume sicherer für alle Menschen zu machen.

Denn wir leben in einer Gesellschaft zusammen, in der Macht sehr ungleich verteilt ist – auf Basis von strukturellem internalisiertem Rassismus, Sexismus, Ableismus, Adultismus uvm.

Die meisten der Personen in unseren Veranstaltungen sind zumindest in großen Teilen auch westlich-geprägt sozialisiert worden. Das bedeutet: Obwohl wir als Kursleitende und vermutlich auch alle sich anmeldenden Teilnehmenden sicher nicht diskriminieren wollen – wird es uns vermutlich unbewusst und ungewollt dennoch passieren.

Statt dies weit von uns zu weisen kann es hilfreich sein, dem entgegen zu schauen, dass Diskriminierung mit uns im Raum sein wird und was genau beispielsweise passieren könnte?

Listen zur Orientierung für dich

Dafür haben wir einen kleinen Leitfaden mit Do’s & Dont’s für uns alle aufgeschrieben, also mit Dingen die zu vermeiden sind und was stattdessen hilfreich sein kann.

Außerdem gibt es ein Glossar, eine Liste in der alle Begriffe erklärt werden, die wir im Zusammenhang mit dem Thema Diskriminierung ansprechen könnten.

Beide Listen sind nicht vollständig, aber trotzdem ziemlich lang. :-)

Sie sollen dir zur Orientierung dienen – es gibt keine Notwendigkeit, sie auswendig zu lernen oder dich damit zu stressen. <3 Diskriminierung zu verlernen ist ein langsamer Prozess, zu dem auch Rückschritte dazu gehören und für den es uns alle gemeinsam braucht. Zum Glück haben wir einander, um uns gegenseitig auf dieser abenteuerlichen und auch aufregenden Reise zu begleiten, die wir als essentiell notwendig verstehen, um Unrecht abzubauen und als Menschen friedlich und regenerativ auf der Erde leben zu können.

Es ist für Menschen mit Marginalisierungserfahrung oftmals riskant, schwer und leidvoll, überhaupt in zahlenmäßig von privilegierten Menschen dominierten Räumen zu sein. Besonders schwer kann das wiegen, wenn dann auch noch Verletzlichkeit eingeladen ist – wie eben beim gemeinsamen Trauern. Ein beständiger unterschwelliger Stress, beispielsweise mit Vorurteilen konfrontiert zu werden und auch tatsächlich passierende Mikro-Aggressionen können es schwer und anstrengend.

Und wenn was passiert?

Falls wir diskriminierendes Verhalten innerhalb der Gruppe wahrnehmen, arbeiten wir mit einer verlässlichen Vorgehensweise. Wir werden ansprechen, was war – denn das ist die einzige Möglichkeit, daraus lernen zu können. Dafür werden wir auf euch zukommen – und zwar geschützt an der Seite, so dass die Scham nicht so groß zu werden braucht. Denn wir sind alle Lernende! <3 Unter Umständen werden wir dafür auch mal Gruppen-Gespräche mit uns allen unterbrechen, um direkt und trotzdem behutsam Erste Hilfe für Betroffene zu ermöglichen, und das Diskriminierungsverhalten an der Seite zu klären und aufzuarbeiten. Mit der Aufarbeitung an der Seite können wir einer betroffenen Personen Unterstützung in einer Art und Weise geben, wie sie selbst es als hilfreich erachtet. Wir können das Klären der Situation abnehmen – damit jemand nach einer diskriminierenden Verletzung nicht selbst noch genötigt ist, emotionale Prozesse des Gegenübers zu bezeugen oder zu begleiten.

Warum das Umlernen von Diskriminierung anstrengend sein kann – aber sich trotzdem lohnt

Wir klären Geschehnisse zudem auch deshalb an der Seite, weil der Lernprozess für die ungewollt diskriminierenden Personen leichter ist, wenn er in einem vertraulichen, geschützten Rahmen stattfindet.

Denn während marginalisierungserfahrene Menschen leider damit vertraut sind, in einem Kontext andauernder Beschämung zu existieren, ist dies für viele privilegierte Menschen sehr ungewohnt und befremdlich.

Indem wir uns einer anti-disrkriminierenden Haltung und Praxis öffnen, kann die Scham die Seite wechseln (ein Zitat und Buch-Untertitel von Gisele Pelicot). Das fühlt sich oft sehr schwierig an – aber es passiert dabei etwas wirklich Gutes. Die Existenz von Diskriminierung schadet allen Menschen. Doch wir können dies kaum erkennen oder uns dagegen einsetzen, solange wir sie nicht bewusst wahrnehmen, vor allem auch in unserem eigenen Denken und Verhalten. Der Moment wo wir uns für unser eigenes diskriminierendes Verhalten oder Denken schämen, kann ein Samenkorn für gesellschaftlichen Wandel sein.

Leicht ist das aber nicht. Eine Faustregel in Kreisen, die sich viel mit diesen Themen beschäftigen, besagt: Für Menschen, die es gewohnt sind, in sozialen Kontexten mit sehr vielen Privilegien ausgestattet zu sein, kann sich das Herstellen von mehr Gerechtigkeit und Gleichwürdigkeit im Raum anfühlen wie Unterdrückung. Dazu kommt noch der sogenannte Churn-Effekt – die Angst davor, als privilegierte Person irgendetwas falsch zu machen.

Für alle diese Dynamiken sind wir und unser Team für dich da und werden dir zur Seite stehen. Wir haben einander in diesem tiefgehenden Wandlungsprozess und können einander ein sanfteres und liebevolleres Umlernen ermöglichen – für mehr Gerechtigkeit und Gleichwürdigkeit in der Welt.

Was gehört alles dazu?

1. Gute Intentionen

Wir gehen davon aus, dass alle anwesenden Menschen nach bestem Wissen und Gewissen und mit guten Absichten handeln. Zugleich wissen wir, dass inmitten einer Gesellschaft, in der Macht so ungleich verteilt ist, diskriminierendes Wahrnehmen, Denken und auch Handeln leider trotzdem auch unbewusst und unabsichtlich passieren. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass Diskriminierung auch im Rahmen unserer Veranstaltungen stattfinden wird, möglicherweise auch von uns als Leitenden ausgehend.

2. Gemeinschaftlicher Lernprozess

Dies zu wandeln oder überhaupt dem etwas entgegenzusetzen, ist ein großer, kollektiver Prozess. Wir brauchen einander, um diese tiefen, ungerechten Prägungen zu verlernen. Hierzu gehört für uns auch

    • die Nutzung und Kultivierung diskriminierungssensibler Sprache
    • das Verstärken von im Raum unterrepräsentierten Perspektiven (bspw. durch Aufhebung von Redezeitbegrenzung für Menschen mit Marginalisuerungerfahrung)
    • das Hinweisen auf im Raum fehlende Perspektiven
    • Schlüssel-Begriffe in einem Glossar zu teilen und zu erläutern
    • einen Leitfaden in Form von Do’s & Dont’s bereit zu stellen
    • Literatur und andere Quellen zugänglich zu machen, insbesondere von häufig marginalisierten Expert*innen zu diesen Themen
    • klare Orientierung gebende Kommunikationsvereinbarungen mit allen Anwesenden zu treffen.

3. Feedback

Kritik und Rückmeldungen bezüglich diskriminierendem Verhalten werden von uns 100% ernst genommen. Wir hören zu, besorgen uns selbst bei Bedarf tiefergehendes Hintergrundwissen, um Feedback besser zu verstehen. Wir fragen nach, wie eine Situation verbessert oder ein verletzendes Verhalten aufgearbeitet und vielleicht wiedergutgemacht werden kann und/oder suchen Supervision durch erfahrene Antidiskriminierungs-Fachleute.

4. Ansprechpartner*innen

In größeren Weiterbildungen mit erweitertem Team gibt es neben uns zusätzliche Awareness-Personen. Diese sind (gemeinsam mit den Seminarleitenden) als Anprechpartner*innen für diskriminierungserfahrene wie auch für privilegierte Menschen da. Dies gilt sowohl für Feedback, Kritik und Not-Situationen, wie auch für Nachfragen. Sie sind bereit, diesbezüglich auch direkt vor Ort, soweit es der Rahmen zulässt, Bildungs- und Aufklärungsarbeit zu machen. Sie geben auch Hinweise zu weitergehenden Lernmöglichkeiten.

5. Pronomen für Jede*n

Wir fragen Pronomen ab, die Menschen für sich genutzt haben wollen und verwenden diese dann – als eine kleine Geste von Respekt gegenüber der Gender-Identität von Menschen. Zudem ermutigen wir Teilnehmende und Team-Menschen, auch die gewünschten Pronomen zu nutzen. Hierfür schlagen wir einen Prozess des “sich-gegenseitig-immer-wieder-erinnerns” vor, um gemeinsam schneller lernen zu können, auch ungewohnte Pronomen zu verwenden.

6. Solidarische und schamsensible Interventionen

Sollte uns ein diskriminierendes Verhalten auffallen, verhalten wir uns solidarisch mit der diskriminierten Person. Wir sprechen das, was war, explizit an. Eventuell erfordert dies eine Unterbrechung im Programm, beispielsweise auch in Rederunden. Oftmals entstehen schwierige Situationen aber auch an der Seite, beispielsweise im Rahmen von Kleingruppen-Aktivitäten. Wir werden dafür sorgen, dass die betroffene Person selbst wählen kann, in welcher Form sie für sie hilfreiche Aufmerksamkeit, emotionale, praktische oder soziale Unterstützung bekommen möchte.
Sollten aufgrund eines Diskriminierungsvorfalls weitergehende Begleitung oder sogar (trauma-)therapeutische Intervention notwendig sein, übernehmen wir hierfür die Kosten für ein bis zwei initiale oder orientierende Sessions mit fachkundigen Anbieter*innen.
Zudem werden wir sobald wie möglich den Vorfall mit der sich diskriminierend verhaltenden Person ansprechen, deren emotionale Verarbeitungsprozesse begleiten und Unterstützung dafür geben, dass die Erfahrung als tiefgehender Lernprozess zu solidarischen Perspektiven, Verständnis und Verhaltensmustern führen kann.

7. Spezifische Safer Spaces

Wenn mehr als eine BIPOC-Person (Black, Indigenous and People of Color) in einer Veranstaltung anwesend ist, ermöglichen wir nach Bedarf und in Absprache Zeiten und Räume für BIPOC Spaces. Wenn mehr als eine genderqueere Person (die nicht den binären geschlechtlichen Kategorien von Mann oder Frau zugehörig ist) anwesend ist, ermöglichen wir nach Bedarf und in Absprache Zeiten und Räume für queer Spaces.

8. Nur Ja heißt Ja

Wir erbitten von allen Anwesenden ein Commitment, andere nur nach expliziter Nachfrage, mit ausdrücklicher Zustimmung und in gegenseitigem Einvernehmen zu berühren.

9. Feste Leitplanken fürs Miteinander

Sollte jemand sich hingegen deutlich absichtsvoll diskriminierend oder dominierend verhalten und/oder im von uns begleiteten Verarbeitungsprozess keine grundsätzliche Bereitschaft für respektvollen Umgang, Rücksichtnahme oder Lernen erkennbar sein, fehlt eine wesentliche Grundlage für das Aufbauen eines vertrauensvollen Miteinanders. In diesem Fall behalten wir uns vor, einzelne Personen vorübergehend oder bis auf weiteres von Veranstaltungen auszuschließen. Dies gilt insbesondere auch für (verbale) sexuelle Übergriffe, Hassrede und jegliche Form körperlicher oder seelischer Gewalt.