Über die Ursprünge unserer Trauerarbeit

Unser Ansatz der Trauerarbeit ist in erster Linie aus jahrelangem praktischem Erleben und Erfahrungslernen erwachsen. Der wesentliche Zugang zum Trauern entstand dabei ganz direkt durch die Arbeit von Sobonfu Somé, die in Burkina Faso in Westafrika aufgewachsen war und solange wir sie kannten etwa jeweils die Hälfte des Jahres dort lebte.

Mehrere Jahre lang hat Elke diese Rituale mit Sobonfu veranstaltet und zunehmend mitgestalten können. Aus Sobonfu’s Perspektive war Trauer zuzulassen und aktiv zu trauern nicht etwas Optionales, sondern eine immer wiederkehrende Notwendigkeit. Eine Praxis, die uns dabei helfen kann, trotz schwerer Verluste weiter mit der inneren Lebendigkeit und auch mit anderen Menschen verbunden bleiben zu können – wie auch als Gesellschaft friedvoll zu handeln.

Nach ihrem Tod in 2017 begannen wir, eigene Wege, Formen und Formate für gemeinschaftliches Trauern zu gestalten und zu kultivieren. Dafür haben wir Elke’s praktische Erfahrungen mit gemeinschaftlichem Trauern und die von Sobonfu Somé inspirierten Perspektiven mit zahlreichen aktuellen Erkenntnissen aus westlicher Psychologie, Neuro-Psychologie und auch westlicher Trauerbegleitungs-Theorie und Praxis verknüpft und auch nach weit verbreiteten Schlüsselaspekten fürs Trauern in Begräbnisritualen in Europa und anderen Teilen der Welt gesucht.

Unser Anliegen ist, aus dieser Verbindung heraus wirklich hilfreiche, trauma-sensible Wege und Formen der Trauerprozessbegleitung für Hier & Heute zu entwickeln und zu praktizieren. Inzwischen konnten wir damit bereits für viele hunderte von Menschen gemeinschaftliche Trauerräume gestalten und schon über 80 Personen in unserem Ansatz von gemeinschaftsbezogener Trauerprozessbegleitung ausbilden.

Sobonfu Somé entwickelte ihre Rituale, die sie für Workshop-Gruppen in Turtle Island/USA und Europa durchführte, eigens für einen westlich geprägten Kontext und hielt von vornherein viele kulturelle Elemente, Sichtweisen, Symbole und Praktiken bewusst zurück. Von 2011 bis zu Sobonfu’s Tod in 2017 war Elke mit dem Circlewise Institut Veranstalterin ihrer Trauerrituale und anderen Angebote hier in Deutschland. Das bedeutete, dass sie neben dem Erleben dieser Praxis auch unzählige Gespräche mit Sobonfu darüber führen konnte, warum sie bestimmte Sachen machte. Meist war Sobonfu zweimal im Jahr für fast zwei Wochen hier bei uns. Dabei verbrachte Elke unzählige Stunden mit ihr, mit Austausch und Fragen darüber, wie wir westlich sozialisierte Menschen allgemein und unsere konkreten Teilnehmenden und die Menschen in unseren großen ehrenamtlichen Teams dabei begleiten könnten, ihre Beziehung zum Trauern, zu Ritualarbeit und letztendlich zum Lebensnetz zu stärken.

Dekoloniale Entwicklung für alle war und ist der Dreh- und Angelpunkt

Im Kern ging es dabei nicht darum, westlichen, meist weißen Menschen ein noch angenehmeres Leben zu ermöglichen. Sondern die Intention hinter Sobonfu’s Wirken hier im Westen war, auf eine Weise das Übel von fortdauernder kolonialer Gewalt an der Wurzel zu packen. Auch Sobonfu’s Heimat war und ist den verschiedenen Formen von kolonialer Ausbeutung, Unterdrückung und Zerstörung massiv ausgesetzt. Sie selbst und ihre Ältesten zuhause sahen einen wesentlichen Motor für die vielen offensichtlichen und auch subtilen Varianten dieser Gewalt in dem, was in der eurozentrisch und westlich geprägten Welt weitgehend fehlt: Tiefe und auch emotionale Zugänge zu unserer Mitwelt und zu der Erfahrung von echter Zugehörigkeit und Geborgenheit inmitten von lebendiger, unterstützender Gemeinschaft – und zwar in all unserer Menschlichkeit, so wie wir eben sind.

Die von Teilen Europas ausgehenden gewaltvollen Lügen von Rassismus, “weißer Überlegenheit” und Ausbeutungszwang gegenüber der Natur sind nur wenige Jahrhunderte alt. Ihre bisher kaum zu stoppende Ausbreitung war und ist gekoppelt an die Lebensrealität vieler Menschen, deren Wurzeln zum Land systematisch gekappt wurden oder verkümmert sind. Damit verbunden fehlt auch Erfahrbarkeit für das Eingebundensein in die größere Gemeinschaft des Lebens. Und es fehlt für viele eine liebevolle, bestärkende und gleichzeitig offenherzige, inklusive menschliche Gemeinschaft.

Sobonfu war sehr klar darin, dass nichts von all diesen massiven Verlusten angemessen aufgearbeitet werden könnte ohne gemeinschaftsbezogene Trauerarbeit. Für sie waren gemeinschaftliche Trauerräume eine Voraussetzung für ein friedvolles Verarbeiten von schmerzlichen Lebenserfahrungen allgemein und insbesondere von all den Verlusten, der Scham und der systemischen (seelischen) Gewalt, denen Menschen in westlich-geprägten Kontexten seit vielen Jahrhunderten ausgesetzt sind. Gemeinschaftsbezogene Trauerarbeit sah sie als eine essentielle Zutat, um den sich in fast jeden Winkel der Erde ausbreitenden Kreislauf von (kolonialer) Gewalt zu beenden und ein lebensfreundlicheres Miteinander auf den Weg zu bringen.

Sobonfu’s Perspektiven und ihre Haltung waren von Anfang an sehr prägend für Circlewise. Es war ein großer Segen und letztendlich Glück, dass Elke in dieser Zeit Seite an Seite intensiv und mit viel Austausch rund um alles, was wir gemeinsam machten, von ihr lernen konnte, bis sie 2017 nach schwerer Krankheit verstarb.
Während der Jahre mit Sobonfu konnte Elke selbst mit “Verbindungskultur” viel vom Rahmen, Methoden und zunehmend auch Inhalten rund um Sobonfu’s Rituale gestalten, mit viel emotionaler und tatkräftiger Unterstützung insbesondere von Judith Wilhelm und Julie Langhorne.

Navigieren für Respekt und Gegenseitigkeit

Als weiße Personen von einer Indigenen Lehrer*in zu lernen wirft große und unbequeme Fragen auf. Wie kann ich mit den Erfahrungen, die ich machen konnte, auf eine Weise weitergehen, die Sobonfu’s Kernanliegen würdigt und weiter bestärkt, aber ohne dabei letztendlich doch koloniale Ausbeutung zu wiederholen?

Das ist eine Frage, die unsere Arbeit beim Circlewise Institut beständig begleitet.
Unsere Umgehensweise damit ist bisher folgende:

  • Die Bedeutung von Sobonfu’s Arbeit in unserem Wirken grundsätzlich und auch im ganz Konkreten jeweils kenntlich zu machen und zu würdigen, genau wie auch andere Indigene Einflüsse.
  • Die relativ wenigen kulturellen Symboliken oder Elemente, die Sobonfu in ihrer Arbeit hier überhaupt konkret zeigte (etwas, das sie übrigens oft bewusst vermied), nicht zu kopieren oder weiterzugeben.
  • Konsequent im Rahmen von Gemeinnützigkeit zu arbeiten, also ohne persönlich Profit damit zu erwirtschaften (in 2025 konnten wir hierfür auch die Rechtsform vom Circlewise Institut entsprechend anpassen).
  • Für Schwarze, Indigene und People of Color einen kostenfreien oder stark rabattierten Zugang zu allen unseren Lernräumen ermöglichen und solidarische, machtkritische Moderation erlernen und praktizieren.
  • Authentische Indigene Stimmen und Perspektiven in unseren Veranstaltungen sichtbar und zugänglich machen – und zwar nicht bezogen auf das, was privilegierte Menschen hieraus für sich selbst rausholen könnten, sondern mit genau dem, womit Indigene Menschen selbst gehört werden wollen. Dies sind insbesondere Appelle für Indigene Rechte, Freiheit, Souveränität und ein Ende kolonialen Landraubs und Gewalt, sowie die Notwendigkeit für Entschädigungen oder Wiedergutmachung für die oft immer noch kaum öffentlich anerkannten Verbrechen und Gräueltaten.
  • Persönlich und strukturell finanzielle und strukturelle Unterstützung für nicht-weiße Menschen, Projekte und Initiativen zu leisten.
  • Alle unsere Projekte systematisch und fortlaufend auf eine anti-rassistische und dekoloniale Weise umzugestalten.
  • Allgemein Zugänge zu Spiritualität, Gemeinschaft und Lebensnetz zu ermöglichen, die auf der konkreten, realen, erfahrbaren und kulturübergreifenden Verbindung aller Menschen zu tatsächlichen Landschaften und Lebewesen basieren – nicht auf Überlieferung anderer Kulturen oder einer überlieferten europäischen Vergangenheit, die ausgrenzend auf Menschen anderer kultureller Wurzeln wirken könnte.

Über den Ursprung von Redekreisen als Methode

Wo Redekreise praktiziert werden, wird oft darauf verwiesen, dass Menschen in früheren Zeiten überall auf der Erde in Kreisen zusammengekommen sein müssen. Dies stimmt sicher in vielerlei Hinsicht und es gab und gibt beispielsweise auch auf dem europäischen Kontinent seit vielen Jahrtausenden kreisförmige Versammlungsplätze. Doch die spezifische Form, einen Redegegenstand herumwandern zu lassen, die seit vielen Jahren in unzähligen Kontexten auch in Europa genutzt wird – von Kindergärten bis hin zu weitreichend wirksamen Restorative Justice Projekten – entspringt ganz eindeutig Indigenen Traditionen in Turtle Island/ USA und Kanada und wurde und wird dort von ganz konkreten Personen und Communities gelehrt.

Dies nicht zu benennen bedeutet, Indigenes Wissen und dessen ganz konkrete Einflüsse, nicht zu würdigen, sondern vielmehr unsichtbar zu machen – eine leider immer noch verbreitete Praxis kolonialer Ausbeutung. Durch das Vorenthalten von Sichtbarkeit wird letztendlich auch ein Rückfluss von Anerkennung, Reputation und letztendlich auch materieller Wertschätzung von vornherein verhindert.

In unseren Trauerkreisen nutzen wir bewusst keine kulturellen Symboliken von Turtle Island Kulturen. Dennoch basiert die Grundform (mit einem Redegegenstand) auf Teilen jenes Wissens, das insbesondere Harold und Phil Gatensby von den Carcross-Tagish and Dahka T’lingit First Nations in den 1990ern gelehrt haben und heute noch lehren. Die Gatensby’s und einige andere Schlüsselpersonen haben als Überlebende des grausamen Zwangs-Internatsystems nach Wegen gesucht, um das Rechtssystem, das Jugendstrafsystem und auch das Schulsystem so zu verändern, dass die (heute immer noch andauernde) massive rassistische strukturelle Gewalt gegen Indigene Menschen verringert werden kann – die unter anderem dazu führt, dass viele für Kleinstverbrechen über lange Zeiträume in Gefängnissen inhaftiert verbringen müssen.
Hierfür haben sie und andere Lehrende bewusst auch viele nicht-indigene Personen in Turtle Island darin ausgebildet, Redekreise zu leiten, um dadurch unter anderem Gemeinschaft, Zugehörigkeit und friedvolles Bearbeiten von Konflikten zu ermöglichen. Dadurch bekamen auch weiße Menschen, wie die Buch-Autor*innen Kay Pranis und der damalige Richter Barry Stuart einen Zugang zu Wissen und Praxis von Kreisen. Zusammen mit Mark Wedge (Carcross/Tagish First Nation) schrieben sie das Buch „Peacemaking Circles – From Conflict to Community“ (herausgebracht von ihrem gemeinnützigen Verlag Living Justice Press), worin die Anwendung von Redekreisen insbesondere als Teil des Rechtssystems innerhalb Indigener Nationen in Turtle Island detailliert und mit vielen Variationen und Hinweisen beschrieben ist. Auch unser Verständnis von Redekreisen basiert maßgeblich auf diesem Buch.

Würdigung kann zu mehr Reziprozität führen

Wir sind der Überzeugung, dass Redekreise, auch mit nur wenigen der ursprünglichen Elementen, dennoch einen großen Wert für unsere Arbeit und sicherlich für alle der vielen westlich geprägten sozialen Kontexte haben, in denen sie heute durchgeführt werden. In westlich geprägten Kontexten sind sie inzwischen so weit verbreitet, dass selbst kleine Beträge, die pro Kreis gegeben werden, eine erhebliche Unterstützung bedeuten können. Weil Wertschätzung mehr braucht, als Worte, geben wir einen Teil unserer Einnahmen zurück nach Turtle Island, konkret zum Native American Rights Fund, der unter anderem die Indigenous Peacemaking Initiative finanziert, welche eine wachsende Zahl von Communities in Turtle Island darin begleitet, traditionelle Peacemaking Prozesse zu entwickeln oder wiederherzustellen.

Feuer als Element für Trauerarbeit

Die entscheidende Inspiration dafür, ein Feuer-Ritual zum Trauern zu entwickeln, kam für uns zum einen von rituellen Feuern in Turtle Island/Nordamerika (insbesondere der Anishinabe Nation). Dort werden sie auch als Zeremonien rund um Begräbnisse genutzt. Dank der Arbeit von Paul Raphael und Joanne Cook konnte Elke gemeinsam mit anderen Menschen in Europa mehrmals über Sacred Fire hören und auch einige geleitete Zeremonien miterleben. Vor allem entstand durch diese Erfahrungen in uns ein konkreter Bezug zu der vielerorts verbreiteten Praxis, ein Feuer über mehrere Tage zu hüten und auch, es am Ende nur langsam und allmählich auszuhüten, statt einfach ausgehen zu lassen oder zu löschen.

Der entscheidende Punkt waren für uns aber die Überlieferungen zu sogenannten „Not-Feuern“ im europäischen Raum. Auf dem europäischen Kontinent sind verschiedene Not-Feuer-Bräuche auch heute noch weithin bekannt, bis vor wenigen Jahrhunderten wurden sie häufig entzündet, und in vielen Regionen auch des deutschsprachigen Raumes sind zahlreiche Feuer-Rituale als Brauchtum erhalten geblieben. Tatsächlich wäre der Begriff des Not-Feuers in der heutigen Zeit sehr passend für das, was ein Trauerfeuer alles ermöglichen kann.

2017 führte Elke einen ersten Trauerfeuer-Prototyp durch, den sie seitdem gemeinsam mit Aaron kontinuierlich weiterentwickelte. Statt konkrete kulturelle Elemente wie Lieder oder Symbole zu kopieren, entstanden unsere Formen der Trauerprozessbegleitung und auch unsere Trauerworkshops also aus der Synthese von persönlichen Erfahrungen im gemeinschaftlichen Trauern, westlich-wissenschaftlicher Forschung, einer Betrachtung der Grundmuster von verschiedenen Begräbnisritualen sowie dem kreativen Prozess, ein Feuer-basiertes Ritual von Grund auf zu erträumen, zu entwickeln und durchzuführen – authentisch für uns, für hier und für heute. In Gemeinschaft mit vielen teilnehmenden und mitwirkenden Menschen darf dieses Ritual sich weiter entwickeln und natürlich auch immer neu verändern – so wie es gerade gebraucht ist.

Im Sommer bieten wir Trauerfeuer-Workshops mit einem tatsächlichen großen Feuer an, im Winterhalbjahr sind wir indoor, mit einem Feuer in Form von hunderten Kerzen.

Beides sind Rituale, die auf eine Nutzung von Symboliken Indigener Kulturen verzichten, und die für Menschen aller Herkünfte, Religionen und spirituellen Überzeugungen zugänglich sind.