Warum Trauern das Handeln in der Welt nicht verhindert – sondern stärken kann
Dieser Artikel enthält einen Auszug aus dem bald erscheinenden Buch von Elke Loepthien-Gerwert:
Was uns halten kann – Trost fürs Trauern inmitten einer verwundeten Welt
Hast du schon mal von Menschen gehört, dass sie ihrer Trauer absichtlich keinen Raum geben wollen weil sie befürchten, das Trauern würde sie zu einem gleichmütigen Akzeptieren von Bedrohungen bringen? Zum Aufgeben in Zeiten, wo Handeln immer noch hilfreich oder sogar notwendig wäre? Geht es dir selbst vielleicht auch manchmal so?
Viele bewegt genau dieser Zwiespalt, vor allem wenn sie an ihren Schmerz um kollektive Krisen und Verlust-Themen denken. Da ist eine Angst: Sich dem Trauern hinzugeben könnte bedeuten, letztendlich einfach alles hinzunehmen oder sogar Zufriedenheit darin zu finden, wie es eben ist.
Doch natürlich wäre genau das angesichts von ganz vielen Verlusten katastrophal, gerade wenn wir an menschengemachte Katastrophen wie Gewalt, Unterdrückung oder den Klimawandel denken. Dasselbe gilt auch für persönliche beängstigende Verluste, die unser Handeln weiterhin erfordern werden, wie beispielsweise chronische Erkrankungen.
Zum Glück entspricht diese Besorgnis überhaupt nicht der Realität von dem, was Trauern tatsächlich bewirken kann, sondern basiert auf einer viel zu vereinfachten Perspektive – die längst entzaubert ist, aber in westlich geprägten Kontexten hartnäckig weiter wirkt und das Bild von Trauer für Millionen von Menschen prägt.
Bahnbrechende Pionierarbeit – leider später verdreht
Ein wesentliches Modell, das die Trauer-Landschaft jahrzehntelang dominierte – und das sich bis heute erstaunlich hartnäckig hält – obwohl es längst widerlegt ist das Fünf-Stufen-Modell der Trauer („5 Stages of Grief“) von Elisabeth Kübler-Ross.
1969 veröffentlichte die Schweizer Psychiaterin ihr Buch „On Death and Dying„, in dem sie fünf Phasen beschrieb, die sterbende Menschen in ihrer Beobachtung durchliefen: Verleugnung des nahenden Todes, Zorn darüber, Verhandeln (mit Gott), Depression und letztendlich Akzeptanz. Für dieses Buch hatte Kübler-Ross etwas gewagt, das in den 1960er Jahren als geradezu skandalös galt: Sie sprach offen mit Sterbenden über ihren bevorstehenden Tod.
Eine Revolution für den Umgang mit Sterbenden in der westlichen Medizin
Elisabeth Kübler-Ross kam 1965 als Assistenzprofessorin für Psychiatrie an die University of Chicago. Im Gegensatz zur Schweiz, wo der Tod als ein normaler Teil des Lebenszyklus‘ angesehen war und Menschen zu Hause, umgeben von Familie und Freund*innen starben, herrschte in der amerikanischen Medizin eine Kultur des Schweigens über Tod und Sterben.
Medizinische Versorgung wurde dort sehr bevormundend ausgeübt, man behandelte tendenziell von oben herab, als wären Patient*innen unmündige Kinder. So war es beispielsweise üblich, ihnen noch nicht einmal offen zu sagen, wenn sie Krebs hatten und sicher sterben würden. Allein das Wort „Tod“ auszusprechen, war vielfach schon tabu, sogar unter dem medizinischen Personal. Die im Sterben liegenden Patient*innen galten als „medizinische Misserfolge“ und wurden in ihren Krankenhauszimmern oft allein gelassen und nur unzureichend gegen Schmerzen behandelt.
Elisabeth Kübler-Ross widmete ihre Arbeit im Krankenhaus nach und nach immer stärker der Begleitung der Sterbenden. Ein wesentlicher Meilenstein dafür war ihr Impuls, die betroffenen Menschen zu befragen und von ihnen selbst darüber zu lernen, wie es ihnen geht und was sie bräuchten.
Als sie und ihre Studierenden endlich gegen viele Widerstände von den Mitarbeitenden im Krankenhaus eine Patientin fanden, die bereit war zu sprechen, geschah etwas Bemerkenswertes: Die Frau war erleichtert, endlich über ihre Ängste sprechen zu können. Sie teilte ihre Gedanken über den Tod, sprach offen über ihre unerfüllten Wünsche, über ihre Sorgen um ihre Familie – es war zutiefst bewegend.
Mit Respekt und Offenheit
Kübler-Ross versuchte, radikal unvoreingenommen vorzugehen:
- Sie studierte bewusst keine Literatur zum Thema vorab, um sich einen „offenen Geist“ zu bewahren.
- Sie las keine Krankenakten der Patient*innen, um nicht voreingenommen zu sein.
- Sie interviewte Patient*innen direkt am Krankenbett mit den Studierenden, die alles beobachteten.
- Sie stellte einfache Fragen: „Wie ist es? Was für Gedanken hast du? Was fühlst du?“
Nach jedem Interview reflektierten sie und ihre Studierenden sowohl über die Patient*innen-Perspektive als auch über ihre eigenen Emotionen.
Zwischen 1967 und 1970 interviewte Elisabeth Kübler-Ross auf diese Weise über 400 sterbende Patient*innen im Rahmen des „Death and Dying“-Programms. Fast 100 Theologiestudent*innen, Pastor*innen und Seelsorgende durchliefen das Programm, ebenso Studierende der Medizin, Psychiatrie-Assistent*innen und anderes medizinisches Personal. Immer wieder konnten sie dabei erleben, wie dankbar die Patient*innen für die Gelegenheit waren, über ihren bevorstehenden Tod zu sprechen.
Als „On Death and Dying“ im November 1969 erschien, wurde das Buch sofort ein Bestseller. Es blieb jahrelang auf der Bestsellerliste der New York Times und löste eine öffentliche Bewegung aus, die mitfühlende Fürsorge für Sterbende einforderte und unmittelbar mit der Entstehung zahlreicher Hospize einherging.
Eine Theorie, die nicht stimmt – sich aber trotzdem hartnäckig verbreitete
Die „Fünf Stufen“ wurden – entgegen Kübler-Ross‘ ursprünglicher Intention – schon sehr bald auch allgemein auf trauernde Menschen angewendet und entwickelten sich zu einer der bekanntesten „Faustregeln“ der Psychologie. Dabei waren sie von vornherein nie als universelle Schrittfolge gedacht und die Übertragbarkeit eines fünfstufigen Prozesses auf Trauernde wurde seitdem empirisch gründlich widerlegt.
Das Modell ist dennoch heute weit verbreitet. Eine Studie von 2021 zeigte, dass es auf 61 Prozent der Webseiten zum Thema Trauer erwähnt wird – meist unkritisch und ohne Einschränkungen. Zudem glaubten laut einer Umfrage derselben Forschenden zufolge rund zwei Drittel der Befragten, der Trauerprozess verlaufe tatsächlich in festen, vorhersehbaren Stufen, beginnend mit Verleugnung und endend mit Akzeptanz. Sogar acht Prozent der Fachleute für psychische Gesundheit hielten diese Vorstellung für definitiv wahr.
Obwohl das Modell heute kaum noch in medizinischen Kontexten gelehrt wird, lebt es als eine Art kulturelles Meme weiter in Management-Trainings, Selbsthilfe-Büchern und populären Medien. Seine Anziehungskraft besteht vielleicht darin, Trauer sehr zu vereinfachen und zu versprechen, dass sie einer geordneten Abfolge von ganz bestimmten Phasen unterliegt. Die damit verbundene Aussicht, dass am Ende mit der Akzeptanz wieder alles gut wird ist vermutlich für viele Trauernde, die Menschen verloren haben und vor allem auch für deren Angehörige erstmal sehr beruhigend.
Das Problem ist, dass es langfristig umso beunruhigender wirken kann, wenn die eigene Trauer oder die der Liebsten dann häufig völlig anders verläuft. Noch schwerwiegender ist, wenn Menschen sich Trauern gar nicht erst erlauben – um nicht etwas akzeptieren zu müssen, gegen das sie sich bewusst, aktiv und aus voller Überzeugung einsetzen.
Die Fallstricke des Fünf Stufen Modells für Trauernde
Kübler-Ross hatte sterbende Patient*innen interviewt, nicht trauernde Hinterbliebene oder gar Menschen, die über enorme kollektive Verluste trauern. Und ihre Erkenntnisse basierten auf Gesprächen, ohne systematische wissenschaftliche Methodik. Das heißt: Es waren unkonventionelle Fallstudien zu einem sehr spezifischen Kontext.
Inzwischen ist auch in westlichen Kontexten bekannt, dass Trauer – wie fast alle Prozesse des Lebens – nicht linear verläuft. Sie bewegt sich vielmehr mäandrierend wie ein Fluss, oszilliert, springt hin und her, taucht komplett ab, um wieder neu oder ganz anders zurückzukehren. Trauernde Menschen erleben oft viele verschiedene Emotionen gleichzeitig, in schneller Abfolge und immer neuen Kombinationen. Die Wahrnehmung von bestimmten „Stufen“ mit verschiedenen Qualitäten erleben viele Trauernde gar nicht, und das ist völlig normal. Manche Menschen erleben nie Zorn oder Depressivität, andere nie Verleugnung. Dass alle Trauernden irgendwann zu „Akzeptanz“ gelangen, ist ebenfalls ein Mythos.
Gerade aufgrund seiner allgemeinen Bekanntheit kann das Modell viel Schaden anrichten. Wenn wir trauern, sind wir so viel verletzlicher. Wenn das Trauern dann nicht den eigenen Erwartungen oder den Ansprüchen des Umfeldes entspricht, können wir das Gefühl bekommen, nicht „angemessen“ oder sogar „falsch“ zu trauern. Unser soziales Umfeld und sogar professionelle Gesundheitsfachkräfte können uns und unsere Trauer missverstehen oder uns mit völlig unpassenden Empfehlungen in eine wenig hilfreiche Richtung drängen.
Trauern muss nicht Akzeptanz bedeuten – oft ist es sogar in sich schon ein Akt von Rebellion
Besonders wichtig: Angesichts von fortdauernden Verlusten, die unsere aktive Einmischung erfordern, wie Klimawandel, Gewalt oder Unrecht, wäre es überhaupt gar nicht wünschenswert, jemals zu Akzeptanz der Geschehnisse zu gelangen. Dennoch ist es essentiell, hierüber trauern zu können!
Aufgrund der gesellschaftlichen Vorprägung durch das Stufen-Modell glauben viele Menschen verständlicherweise, dass jedes Trauern letztendlich dazu führen wird, „alles zu akzeptieren“. Im Ergebnis fehlt es noch mehr an Räumen, wo Trauern über die großen fortdauernden Verluste überhaupt willkommen ist, gegen die wir gemeinschaftlich aktiv werden sollten.
Dabei kann Trauer uns vielmehr dabei helfen, körperliche und seelische Erleichterung zu finden und dann umso entschlossener für das einzustehen, was wir verändern wollen! Gerade wenn unsere Trauer mitfühlend und liebevoll gehalten und begleitet ist, kann sie uns auch tiefe Transformation in ein erneuertes in Beziehung sein mit der Welt hinein ermöglichen, Und das gilt für persönliche wie auch für kollektive Trauer.
Angesichts vieler Themen ist es schon ein Akt von Rebellion, zuzulassen und mitzuteilen, wie wir innerlich zu einem Verlust oder einer Krise wirklich empfinden. Das kann wie ein Anlauf nehmen sein, um uns nach oder zwischen den Wellen unseres Trauerns umso wirkkräftiger dafür einzusetzen, dass sich etwas ändert.
Wenn du mehr Raum oder Begleitung für deine Trauer suchst, kannst du den vielleicht bei einem unserer Trauerfeuer-Workshops finden.
Möchtest du mehr Raum für andere zum Trauern gestalten? Dann empfehle ich dir unsere berufsbegleitende Weiterbildung in Trauerprozessbegleitung.
Tom Dils
circlewise 2025