mentoring

…aufgeschrieben von Elke Loepthien-Gerwert

Ich war gerade erst Teenager geworden, hatte einen ermüdenden Tag hinter mir und wollte mich nur kurz verabschieden. Mein Gegenüber: Eine erwachsene Person, der ich natürlich kein bisschen mehr vertraute, als allen anderen Menschen, insbesondere älteren Menschen in meinem Leben damals.

Dann kamen die Fragen: Wie es mir eigentlich so geht, was in meiner Familie so los ist? Immer neue, interessierte und interessante Nachfragen auf meine ausweichenden Antworten und dabei so ein mitfühlender und bestärkender Blick… auf einmal konnte ich mich selbst mehr spüren und mich auch tatsächlich öffnen und jemandem ein klein wenig anvertrauen, wie es mir eigentlich ging, was mich bewegte und warum.

Aus dem Verabschieden wurde ein Gespräch und das Gespräch wurde ein paar Minuten lang.

Ich war es so gewohnt, im Stillen vor mich hin zu leiden und niemanden etwas davon merken zu lassen, dass ich eine ganze Weile brauchte, bis ich mit dieser Art von Kontakt und Zuwendung vertrauter wurde.

Doch auch wenn es noch vieler weiterer dieser Gespräche bedurfte, bis ich irgendwann bereit war, zusammen sitzend zu plaudern, statt zum Absprung bereit, veränderten sie mein Leben damals ganz merklich.

Die erwachsene Person war Pfarrer der Kirchengemeinde, in der ich konfirmiert wurde, Mit seinem authentischen Interesse an den Jugendlichen dort hat er sicherlich nicht nur mein Leben damals ein kleines Stück weit gerettet. Erst viele Jahre später bekam ich einen Begriff für das, was ich damals geschenkt bekam: Es war Mentoring! :-)

 

Mentoring kann ein Leben verändern

Mentoring hat viele Definitionen. Eine, die mir gefällt: Wann immer echtes persönliches Interesse verbunden mit einem Wunsch und einer Bereitschaft, unterstützend für jemand da zu sein, kombiniert wird mit tatsächlichem Begnungsraum und Austausch, oft – aber nicht immer – über einen längeren Zeitraum.

Für Menschen jeden Alters, vor allem aber für junge Menschen, kann diese Art von aktivem und fürsorglichen, fördern wollendem Interesse das sein, was man einen Game Changer nennt: Es kann ein Leben deutlich zum Positiven verändern und – wohlmöglich öfter, als wir uns bewusst sind – vielleicht sogar retten.

Seit meiner Jugend habe ich das immer wieder selbst erlebt:
Es war die Liebe und fürsorgliche Aufmerksamkeit anderer, oftmals älterer Menschen, wie Julie Langhorne oder Sobonfu Somé, die mir ermöglicht haben, gerade auch die schwierigsten Zeiten meines Lebens zu überstehen, oder sogar gestärkt daraus hervor zu gehen.

Diese Resilienz, die Fähigkeit uns auch unter schwierigsten Umständen weiter zu entwickeln, wird im westlichen Kulturkreis häufig als ein individuelles Phänomen dargestellt. Dabei hängt sie maßgeblich davon ab, was für ein Netz an Unterstützung um uns herum existiert, das uns auffangen kann, wenn wir fallen, und in dem wir sogar wieder neuen Schwung finden.

So wie es auch Desmond Tutu sagte: „Wir sind Teil von einem ganzen Bündel von Leben. Jede Person kann überhaupt nur deshalb sie selbst sein, weil es andere Personen in ihrem Leben gibt.“

Gemeinsam können wir all das sein, was das Leben von uns braucht.

 

Mentoring gab es vermutlich schon von Anfang an

Diese Art von unterstützenden Beziehungen war vermutlich schon seit dem Beginn der Menschheitsgeschichte relevant. Gemeinsame Kinderbetreuung („cooperative breeding„) heißt der Fachbegriff, der ursprünglich aus der Biologie kommt und beschreibt, wie in der Frühgeschichte und auch heute noch in den sozialen Verbänden vieler Indigener Völker die sogenannte Kleinfamilie eingebettet ist in ein lebendiges Netz aus innigen zwischenmenschlichen Beziehungen, wo viele unterschiedliche Erwachsene sich gemeinsam um das Wohlergehen der Kleinsten kümmern.

Manche Forscher*innen gehen davon aus, dass Großeltern, die im Tierreich fast nicht zu finden sind, bei uns Menschen deshalb älter und älter werden können, eben weil sie von Anfang an so überaus wichtig für das Aufziehen der Kinder waren und auch heute noch sind. (Und, so lässt sich vermuten, wohl auch für das Gedeihen der Jugendlichen und die Unterstützung der Erwachsenen!) Tatsächlich konnte in einer Studie in den Niederlanden gezeigt werden, dass auch heute noch in Familien wo Großeltern sich mit um die Enkel kümmern, mehr Geschwisterkinder geboren werden, vielleicht als eine direkte Folge dieser Unterstützung.

Wie dringlich der Bedarf für Mentoring durch andere Personen als den leiblichen Eltern ist, zeigen auch aktuelle Studien zur Bindung. Im vergangen Jahr wurden in einer Studie 14.000 Kinder in den USA untersucht, von denen ganze 40% keine sichere Bindung, also kein tragfähiges Vertrauensverhältnis zu ihren biologischen Eltern hatten. Es ist nicht schwer vorzustellen, dass so oder ähnlich die Zahlen auch hier in Deutschland ausfallen könnten.

Mentoring-Wirkungen können erstaunlich sein


Wenn wir eine Mentoring-Beziehung mit jemand eingehen, dann kann dies wunderbare Auswirkungen haben:

  • Im American Journal of Community Psychology wurden 2018 die Ergebnisse von zwei Meta-Analysen diverser Studien rund um Mentoring zusammengefasst:
    Darin wurden mannigfaltige positive Auswirkungen dieser Beziehungen auf die Jugendlichen nachgewiesen, insbesondere in ihrer Fähigkeit, Verbundenheit zu anderen Menschen zu erleben.
    Das Erleben, von anderen Menschen unterstützt zu werden, war bei ihnen wesentlich stärker, insbesondere auch für ihre eigene Autonomie, für ein Empowerment darin, selbst entscheiden und handeln zu können.
    Vor allem die sozial-emotionale Entwicklung, die Resilienz angesichts schwieriger Umstände und das Fuß fassen in Beruf oder Studium liefen bei ihnen wesentlich besser, als bei Vergleichsgruppen, die keine Mentor*innen in ihrem Leben hatten.
    Diese positiven Auswirkungen waren selbst dann nicht weniger stark, wenn die Jugendlichen zu Risikogruppen gehörten, beispielsweise als Teenager schon zu Eltern wurden, obdachlos waren, oder alkoholkranke Eltern hatten.
    Durch Mentoring übten Jugendliche zahlreiche kognitive Fertigkeiten und waren aufgeschlossener für die Perspektiven von Erwachsenen.
    Mentor*innen vermochten es auch, gerade für Jugendliche mit schwierigen Beziehungen zu ihren Bezugspersonen, eine echte, schützende Ressource zu sein. Durch ihr Vorbild sein, ihre Zuwendung und die emotionale Unterstützung, die sie schenkten, konnten sie negative, verinnerlichte Selbstbilder der Jugendlichen zerstreuen und ihnen ebenso zeigen, dass positive Beziehungen mit Erwachsenen möglich waren.
  • In einem Programm für vulnerable Bevölkerungsgruppen in den Niederlanden zeigte sich, dass qualitativ hochwertiges Mentoring den Mentees half, Depressionen und Einsamkeit zu reduzieren und Selbstwert und Selbstvertrauen zu stärken.
  • Kindern, von denen ein Elternteil inhaftiert war (eine sehr schwerwiegende Belastung) half Mentoring dabei, weniger davon auszugehen, dass mit ihnen selbst etwas nicht stimme, und es verbesserte auch ihre positiven kognitiven Fertigkeiten, beispielsweise Ziele zu verfolgen, daran zu glauben, dass sie Erfolg haben können, wenn sie sich anstrengen und ebenso ihre allgemeine Lebenszufriedenheit.
  • Studierende aus First Nations in den USA sind an Universitäten oft unterrepräsentiert und (aufgrund von strukturellem Rassismus) fällt es ihnen schwerer, eine Karriere im wissenschaftlichen Bereich zu machen. In Studien zeigte sich, dass es für sie deutlich leichter ist, ihr Studium durchzuhalten und sich auch als Wissenschaftler*innen zu identifizieren, wenn sie Mentoring erfahren, vor allem wenn die Mentor*innen mit der Kultur ihrer Mentees vertraut waren.
  • Mentoring erleichtert es Jugendlichen, ganz konkrete Ideen darüber zu entwickeln, wie sie ihre Zukunft gestalten wollen, wie es am Beispiel von jungen Leuten dokumentiert wurde, die allein, also ohne erwachsene Bezugspersonen aus anderen Ländern eingewandert waren (oft aufgrund von Notsituationen).
  • Sogar die Eltern von Kindern in Mentoring-Programmen berichten für sich selbst über leicht verringerte depressive Symptome, weniger soziale Ängste, weniger Aggressionen und Feindseligkeit, sowie auch Verbesserungen im familiären Miteinander (z.B. Kommunikation, Problemlösungen).

 

Mentoring ist gerade heute dringend notwendig

All diese wunderbaren Möglichkeiten scheinen notwendiger denn je – denn 2022 haben über 45% der Jugendlichen in Deutschland gesagt, dass sie manchmal oder immer das Gefühl haben, isoliert oder ausgeschlossen zu sein.

Weniger als ein Viertel der Jugendlichen gab an, dass es in ihrem Leben niemals oder selten irgendjemanden gäbe, mit denen sie über ihr Leben reden oder an den sie sich wenden könnten.

Nicht nur an sich ist das schon schlimm und könnte durch Mentoring sicher gelindert werden. Dazu kommt auch noch, dass rechtsextreme Kräfte sich seit längerem ganz gezielt an Kinder und Jugendliche wenden, beispielsweise auf TikTok, in Podcasts oder sogar auf Online-Gaming-Plattformen. Für Tiktok ist dabei deutlich, dass neben einer geschickten Verknüpfung von rechtsextremem Gedankengut mit Jugendsprache und Elementen der aktuellen Internetkultur, vor allem positiv besetzte Emotionen wie Stolz oder Zusammengehörigkeit eingesetzt werden.

Gerade wenn Jugendliche (und Menschen allen Alters) häufig auf eine leidvolle Weise Einsamkeit erleben, sind sie besonders verwundbar gegenüber extremistischen Kampagnen, wenn sie Zugehörigkeit zu einer überlegenen Gruppe versprechen und dabei ganz nebenbei eine anti-demokratische Haltung propagieren.

Denn Zugehörigkeit zu erleben ist ein menschliches Grundbedürfnis. Mentoring kann gerade jungen Menschen nachweislich dabei helfen, Verbundenheit zu anderen Menschen zu erleben, und das nicht nur zur Mentor*in, sondern ganz allgemein.
Wir sollten es nutzen, wann immer wir können, auch um Kindenr, Jugendlichen, Erwachsenen echte Angebote für echte Beziehungen zu machen, innerhalb derer sie Zugehörigkeit erfahren können, ohne dabei andere Bevölkerungsgruppen nach und nach zu entmenschlichen.

 

Mit Mentoring können wir zukünftigen Generationen helfen

Die gegenwertigen Generationen von Kindern und Jugendliche stehen durch Klimakatastrophe und Umweltzerstörung ohnehin vor schier unlösbaren Herausforderungen eines unvorstellbar gigantischen Ausmaßes.

Sie werden, egal wie die kommenden Jahre verlaufen werden, im Laufe ihres Lebens weitreichendes Artensterben, Zerstörung, Naturkatastrophen, Hungersnöte, Wasserknappheit, ökologische Kipppunkte und andere schlimme Notlagen mehr bezeugen und selbst durchleiden müssen.

Als Erwachsene können wir vielleicht nicht genug tun, um diese Situation zu verändern. Wir können aber – ganz egal was kommen wird – auf eine ihren Rücken stärkende Art und Weise da sein für die jungen Menschen, die unseren Rückhalt wirklich brauchen!

 

Und: Mentoring tut auch Mentor*innen richtig gut!

In einer Studie aus Aotearoa/Neuseeland wurden die positiven Auswirkungen auf die jungen Mentor*innen untersucht. Sie lernten, sich besser auf andere einzustimmen, wurden umgänglicher, zeigten mehr Führungsverantwortung, bessere Problemlösungsstrategien und konnten sich leichter in die Perspektiven anderer hineinversetzen.

In einer anderen Studie, über ein cross-kulturelles Mentoring-Programm wurde für die Mentor*innen die Verringerung von Vorurteilen, Entwickeln kultureller Demut, Zunahme sozialer Kompetenzen und ein Gefühl, für die eigene gesellschaftliche Verantwortung als positive Auswirkungen genannt.

Ich selbst erlebe beim Begleiten von Menschen immer wieder Momente von tiefer Ehrfurcht: Über die Erstaunlichkeit eines jeden menschlichen Wesens, über die unterschiedlichsten Arten und Weisen, in denen persönliche Entwicklung stattfindet, auch über die Weisheit, die sich in Mentoring-Gesprächen oftmals einstellt, einfach weil sie einen fruchtbaren Raum dafür hergeben.

 

Auch du kannst Mentor*in sein

Vielleicht bist du das sogar schon für jemanden, bewusst oder sogar auf unbemerkte Weisen. Mentoring ist nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern für Menschen allen Alters hilfreich, vor allem auch für junge Erwachsene.

Dabei kann nicht nur eine langjährige Beziehungen unterstützen, sondern manchmal sind es auch kurze Interaktionen, an der Bushaltestelle, in der Bahn, in der Mittagspause, auf einer Urlaubsreise, die für die andere Person einen echten Unterschied machen können, sogenannte Mentoring-Momente.

Das allerwichtigste dafür, dass dies gelingen kann, ist meines Erachtens ganz einfach deine Bereitschaft, für jemand anders bestärkend da zu sein.

Es gibt zahlreiche, auch kostenlose Online-Ressourcen, die Tipps und Hinweise zum Mentoring geben, beispielsweise hier eine englisch-sprachige Plattform, wo jede Menge aktuelle Forschungsberichte über Mentoring zusammengefasst und vorgestellt werden.

Für mich ist Mentoring eine der relevantesten lebensförderlichen Handlungen in der heutigen Zeit.

Oftmals verbringen wir als Erwachsene einen Großteil unserer Zeit räumlich getrennt von Kindern, Jugendlichen und auch jungen Erwachsenen.

Aber es gibt in Familie, in Nachbarschaft und Vereinen, in lokalen Initiativen uvm., gerade wenn wir danach Ausschau halten, auch heute noch jede Menge Gelegenheiten, die jüngeren Generationen zu unterstützen, ganz sicher auch in deinem Umfeld.

Ich persönlich glaube, es ist jetzt gerade vielleicht wichtiger denn je.

Denn meiner persönlichen Erfahrung nach kann Mentoring tatsächlich Leben retten, auf vielerlei Arten und Weisen!

 

Hast du Lust, Mentoring zu lernen?

Wenn du dir einen etwas umfassenderen Einstieg ins Mentoring wünschst, könnte unser „Mentoring lernen“ – Online Paket vielleicht genau das richtige für dich sein.

Es enthält 6,5 Stunden verdichtet zusammengeschnittene Original-Aufnahmen aus unserem Life-Online-Workshop Einführung ins Mentoring.

Du lernst darin viele wichtige Grundlagen und Prinzipien, sowie auch typische Fallstricke, die besser vermieden werden sollten, um deine Mentoring-Beziehungen oder auch Mentoring-Momente bewusst so gestalten zu können, dass deine Begleitung für deine Mentees auf ihrem Lebens- und Lernweg wirklich hilfreich sein kann.

Über unsere Kurssoftware kannst du uns während dessen auch deine persönlichen oder beruflichen weiterführenden Fragen schicken und in einem Online-Space für Absolvent*innen des Kurses auch Kontakt und Austausch mit anderen Menschen finden, die sich für Mentoring interessieren.

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…aufgeschrieben von Elke Loepthien-Gerwert
und
illustriert von Lara Schmelzeisen

 

Wenn jemand traurig ist, sollen wir dann versuchen zu trösten?

Ja! Aber Trösten ist ein oft missverstandenes Wort. Denn was wir landläufig praktisch darunter verstehen, ist oft das Gegenteil von tröstlich.

Viele von uns haben selbst schon erleben können, dass verbreitete Redewendungen wie „halb so schlimm„, „Kopf hoch“ oder „das wird schon wieder“ einen schlimmen Schmerz sogar noch schlimmer machen können.

Dabei bedeutet trösten gar nicht, zu probieren einen Schmerz klein zu machen, zu relativieren oder ihn sogar weg zu machen!

Der Psychologe Dennis Klass, eine der führenden Persönlichkeiten in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Trauer, veröffentlichte 2012 einen Artikel über Trost, einem in der modernen Trauerarbeit oft gänzlich fehlenden Begriff.

Das Wort „Trost“ gab es schon im 8. Jahrhundert im Althochdeutschen und anderen Sprachen Mitteleuropas. Sein Geschwister-Begriff ist „trust„, das englische Wort für Vertrauen.

Der Ursprung beider Worte sind mehrere noch ältere Ausdrücke für „Baum„, eigentlich wohl sogar für „Eiche„, und sie bedeuten auch „fest“ und „treu„. Trost bedeutete also vor langer Zeit vor allem „Festigkeit“ und über die Jahrhunderte gesellten sich dazu noch die Qualitäten von „Zuversicht, Vertrauen, Hoffnung, Gewährung von Festigkeit im Sinne von Hilfe und Schutz“. 

Trost macht Trauer nicht weg – sondern schenkt ihr ein Gegengewicht

Vereinfacht gesagt kann Trost also all das sein, worauf wir (noch oder wieder) vertrauen können, was mitten in einer schrecklichen Zeit trotzdem da ist und uns Halt gibt, obwohl wir solch schlimmen Schmerz erleiden. Trost ermöglicht uns das Erleben von Festigkeit in Momenten, wo ein Verlust uns erschüttert und ins Wanken bringt, uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheint.

Wenn wir tatsächlich trösten, versuchen wir also nicht, den Schmerz geringer zu machen – sondern wir stellen ihm eher etwas zur Seite, ermöglichen ein Gegengewicht an Erfahrungen, damit im Innern oder auch kollektiv ein Gleichgewicht wieder gefunden werden kann.

Tröstlich ist, was Vertrauen und Halt ermöglicht

Trost ist, wenn deutlich spürbar wird, dass da etwas und jemand ist, dem ich vertrauen kann: Wo ich Hilfe bekomme mit dem, was mich überfordert, wo ich mich geschützt fühle trotz der großen Verletzlichkeit, wo ich so lange und viel angenehmes, nährendes, liebevolles erleben kann, bis in mir Zuversicht und Lebensfreude keimen und wieder wachsen können.

Soziale Räume, in denen man weinen kann, sind heute selten und sehr wertvoll. Gleichzeitig braucht Trauerarbeit unserer Erfahrung nach noch einiges mehr:

Wie können wir es schaffen, Verluste so zu verarbeiten, dass Lebensfreude und Leichtigkeit wieder möglich werden?
Was braucht es, damit tiefer Schmerz sich wandeln kann – in etwas Fruchtbares für uns selbst und unsere Gemeinschaft?

Zutaten für gelingende Trauerprozesse

In der Trauerarbeit mit Sobonfu Somé, und nach ihrem Tod auch in meiner eigenen Beschäftigung mit traditionellen Trauerritualen, wurde sehr deutlich, dass viele Zutaten für das Begleiten von Trauerprozessen gebraucht sind – die alle Trost spenden können. 

Für unsere Arbeit habe ich diesen Trauerkompass entwickelt, den die Dialogkünstlerin Lara Schmelzeisen in den letzten Wochen für uns illustriert hat. (Tatsächlich könnte er auch „Trostkompass“ heißen. :-))

Im Trauerkompass kannst du verschiedene Qualitäten sehen, die unserer Erfahrung nach wichtig sind für das Verarbeiten eines Verlustes und somit auch für das Halten eines Trauerraumes.

Sicherer Raum

Wenn wir beim Trauern in emotionalen Ausdruck und weinen kommen, verlassen wir mit unserer Aufmerksamkeit ein Stück weit das Hier und Jetzt und wandern stattdessen tief nach innen. Wir sind dann nicht so wachsam, können uns selbst nicht gut vor Gefahren schützen, können kaum handeln oder etwas leisten. Deshalb haben wir als Menschen die Fähigkeit, Trauern über lange Zeiträume zu unterdrücken.

Jahrzehnte oder jahrhundertelange Phasen von Krieg und Ausbeutung haben für viele Menschen die Lebensrealität geschaffen, dass es im Grunde kaum mal Momente von ausreichend Sicherheit gab oder gibt. So konnte in vielen Familiensystemen das Trauern gänzlich zu einem Tabu werden.

Heute gibt es deshalb viele Menschen, die in ihrer Kindheit fürs Trauern ignoriert, beschämt oder sogar bestraft wurden – wenn nämlich die Erwachsenen selbst überfordert damit sind, Trauer zu begegnen.

Kinder lernen, dass Trauer nicht erwünscht oder sogar gefährlich ist. Und da sie auf die enge Verbindung zu ihren Bezugspersonen zutiefst angewiesen sind, beginnen auch sie, das Trauern als etwas negatives oder sogar gefährliches anzusehen, und lieber mit aller Kraft zu deckeln.

Wenn unser Verlust zu groß ist, kann es sein, dass wir trotzdem trauern können, und sogar mitten auf dem Bahnhof oder beim Einkaufen zu weinen beginnen. Oft aber hält unser Körper die Trauer fest – um uns zu schützen.

Wollen wir ihr Raum geben, braucht es einen Ort, eine Zeit, eine Art von zwischenmenschlichem Miteinander, womit wir uns sicher genug fühlen können.

Gerade für viele Erwachsene erfordert das auch, sich in dem Moment für nichts und niemand anderes verantwortlich fühlen zu müssen – um wirklich loslassen zu können.

Wenn wir wissen, dass Kinder, Arbeit, Haushalt und alle/s andere uns gerade wirklich nicht brauchen, ist es leichter, aus einer Grundhaltung von tapferem Durchhalten und vielleicht sogar Wachsamkeit herauszufinden, und uns für eine Zeit lang unserer eigenen Trauer hinzugeben.

Emotionaler Ausdruck und Entladen

Trauern ist keine rein verstandesmäßige Aktivität, sondern es ist zutiefst mit unserem Körper verbunden. Menschen die trauern, können dabei leise Tränen weinen, aber auch laut schluchzen, zittern, beben, klagen oder sogar schreien. Dabei kann sich Energie entladen und wir können Hitzegefühle und Schwitzen erleben, großen Bewegungsdrang, das Bedürfnis mit den Händen auf den Boden zu trommeln, uns zu schütteln und vieles mehr.

Kleine Kinder sind oft noch in der Lage, dem emotionalen Ausdruck ihres Körpers nachzugeben. Im Laufe der ersten Lebensjahre erleiden sie viele Verluste, die sich wirklich schlimm anfühlen – auch wenn sie für Erwachsene manchmal schwer nachvollziehbar sind.

Als Erwachsene können wir vielleicht ganz gelassen bleiben, wenn sich jemand anders auf unseren Lieblingsplatz setzt oder uns etwas kaputt geht, dass wir gern mochten. Trotzdem kann und wird es Verluste geben, die so schlimm für uns sind, dass unser Verstand allein sie nicht verarbeiten kann, sondern unser Körper sich danach sehnt, wie ein kleines Kind zu weinen und zu trauern oder auch Wut auszudrücken.

Fühlen wir starke Emotionen in uns und unterdrücken sie, kann das schwerwiegende Konsequenzen für unsere seelische und körperliche Gesundheit haben.

Deshalb kann es beispielsweise schwierig sein, richtig zu trauern, wenn nur besonders stille Räume dafür zur Verfügung stehen.

Die Stille kann erst einmal hilfreich sein, in Kontakt mit den eigenen Emotionen zu kommen. Sich in den emotionalen Ausdruck zu wagen fällt vielen Menschen jedoch leichter, wenn es eine Art Teppich an Klängen oder Geräuschen gibt, der so laut ist, dass er uns auch wenn wir laut weinen und schluchzen trägt: Die Brandung des Meeres, das Rauschen eines Flusses oder auch laute Musik, die im Hintergrund läuft, können es uns leichter machen.

Können wir den emotionalen Ausdruck unseres Körpers zulassen, kann sich dies sehr erleichternd anfühlen. Vor allem, wenn noch einige weitere wichtige Zutaten für unseren Trauerprozess mit dabei sind.

Mitgefühl und Fürsorge

Vieles in unserem emotionalen Erleben wird maßgeblich von unserem autonomen Nervensystem beeinflusst. Dabei entwickelt sich unsere Fähigkeit zur Regulation unserer Emotionen erst allmählich, im Laufe der ersten Lebensjahre.

Alleingelassene Neugeborene werden von heftigen Emotionen überwältigt und sind nicht in der Lage, sich nach stressvollen Momenten von selbst wieder zu entspannen, sondern brauchen Bezugspersonen dafür. Nur durch den liebevollen Kontakt mit anderen erlernen Menschenkinder nach und nach die Kompetenz der Selbstregulation.

Essentiell für diese Co-Regulation ist ein Gegenüber, das sich selbst regulieren kann, also in der Lage ist, Gelassenheit zu bewahren und nach aufregenden Situationen wieder zur Ruhe zu finden.

Obwohl die Selbstregulationsfähigkeit mit den Lebensjahren zunimmt, kann sie auch bei Erwachsenen beeinträchtigt sein, vor allem wenn wir gestresst und überfordert sind oder Krisen und Katastrophen unser Leben durchschütteln.

In Ausnahmesituationen, wie wenn wir schlimme Verluste und den Schmerz darüber als überwältigend erleben, brauchen wir ein Leben lang die Unterstützung anderer Menschen (oder nicht-menschlicher Mitwesen), um unser emotionales Gleichgewicht wiederzufinden, unser Nervensystem zu regulieren.

Deshalb ist es umso wundervoller, dass unser Körper zeitlebens Co-Regulation nutzt, wenn die Gelegenheit sich bietet. Vereinfacht gesagt ist unser autonomes Nervensystem in der Lage, am Nervensystem von anderen Menschen (oder auch unseren Haustieren) anzudocken, und sich dort zu „holen“, was es braucht, um wieder zur Ruhe zu finden.

Wir brauchen einander

Während der Trauerrituale mit Sobonfu Somé sang sie mit uns ein Lied aus ihrer Kultur (die Dagara in Westafrika), dessen Text sie übersetzt hat als: „Ich kann dies nicht alleine schaffen.“

Traditionelle Trauer- und Begräbnisrituale und Bräuche beinhalten vielmals, dass die Menschen aus der Gemeinschaft sich um die Hinterbliebenen kümmern, Aufgaben übernehmen und für sie da sind.

Eine Art von mehr als alltäglicher Fürsorge zu erfahren ist eine Form von Trost, die wir spenden können, wenn jemand Trauer durchleidet. Je angenehmer und nährender der Rahmen ist, in dem wir uns bewegen, desto tröstlicher kann er sein, und desto leichter ist es, sich auf den Trauerprozess tief einzulassen.

Genau dafür sind wir von unserer Biologie her bestens ausgestattet: In schweren Zeiten sich einander zuwenden und füreinander sorgen ist tatsächlich eine unbewusst ablaufende (oft vergessene, aber gut erforschte) Überlebensreaktion des Menschen.

Mit Einstimmung

Mich in ein trauerndes Gegenüber einzufühlen oder einzustimmen („attunement„) hilft der anderen Person, sich gesehen und „gefühlt“ zu fühlen. Einstimmung ist für die gesunde seelische Entwicklung von Kindern essentiell. Wir können sie schenken, indem wir aufmerksam hinschauen, hinhören, hinspüren, innere Urteile und Gedanken immer wieder beiseite schieben, wahrnehmen mit allen Sinnen und fürsorglich sprechen und handeln.

Diese Art von Einfühlung auch als Erwachsene geschenkt zu bekommen, ist notwendig für gesunde und glückliche Beziehungen.

Doch viele Generationen lang wurden Eltern in diesem Teil der Welt systematisch dazu angehalten, Säuglingen und Kindern keinerlei Einstimmung zu geben. Dies war oft politisch motiviert, damit die vertrauensvolle Beziehung zwischen Eltern und Kind sich gar nicht erst entwickeln konnte. Die Folgen dieser Erziehung sind heute noch spürbar und werden erst langsam aufgearbeitet.

Ein Ergebnis davon ist es, dass es eben für viele Menschen heute leider keine alltägliche Erfahrung ist, Einstimmung zu erfahren oder „spürbar von jemand anders gefühlt zu werden„, wie der Psychiater Daniel Siegel es nennt.

Dabei kann gerade im Schmerz genau das so wohltuend sein – zu erleben, dass wir nicht ganz allein sind, sondern andere Menschen uns einfühlsam beistehen.

Mit Mitgefühl

Mitgefühl („compassion„) beinhaltet Einfühlung, das Mitfühlen mit einem anderen Wesen. Gleichzeitig verstehen wir darunter auch, während dessen einen liebevollen Wunsch in sich präsent zu halten: Für das Wohlergehen dieses anderen Wesens.

Das ermöglicht, nicht angesichts der Emotionen oder des Leids der anderen wie darin verloren zu gehen. Einen Teil meiner Aufmerksamkeit auf der Möglichkeit zur Linderung des Schweren zu belassen, auf dem Wohlsein, was ich mir für diese Person wünsche, kann vielmehr wie ein Anker sein.

Zum einen ermöglicht mir diese Haltung, präsent da zu sein und zu bleiben, es kann sogar in helfenden Berufen die tiefgehende Erschöpfung eines emotionalen Burnouts verhindern.

Auch für mein Gegenüber kann mein Mitgefühl wie ein Anker sein, weil neben der Einstimmung und Empathie eben auch eine Erdung und Gelassenheit spürbar sind – so wichtig gerade im Angesicht schwierigster Umstände.

Ghandhi soll gesagt haben: “Mitgefühl ist ein Muskel, der kräftiger wird wenn wir ihn benutzen.” Es ist auch eine Frucht des eigenen, persönlichen Leidenswegs: Studien haben gezeigt, dass Menschen, die selbst Schlimmes durchgemacht haben, besser in der Lage sind, auch angesichts größeren Leides mitfühlend da zu bleiben.

Gemeinschaft und Lebensnetz

Unserer Erfahrung nach können Verbindung, Beziehung und somit auch Gemeinschaft langfristig nur gelebt werden, wenn Trauer einen Platz hat. Der Stress, die Erschöpfung, Reizbarkeit und emotionale Abstumpfung, die sich wie ein dunkler Schleier über unser Leben legen, wenn wir Trauer nicht verstoffwechseln, führen über kurz oder lang dazu, dass wir nicht nur für uns selbst nicht richtig da sind, sondern auch für andere nicht richtig da sein können.

Leidvolle Emotionen, die unterdrückt werden, können dazu führen, dass wir nicht nur uns selbst zusätzliches Leid verursachen. Es kann auch bedeuten, dass wir zunehmend abweisend, reizbar oder sogar aggressiv unseren Mitmenschen handeln, was oft vor allem unsere Liebsten trifft.

Auch zwischenmenschliche (und innere) Konflikte gehen mit Verlusten einher, die betrauert werden wollen. Jede Form von Gemeinschaft oder Beziehung braucht also Trauerprozesse, damit sie weiter bestehen kann.

Gleichzeitig braucht Trauerarbeit auch Gemeinschaft. Oft sind mit unserer Trauer Geschichten verbunden, die so schrecklich sind, dass man sie kaum anhören kann. Es kann sogar traumatisieren, Erlebnisse von Gewalt und unerträglichem Unglück und Leid zu hören.

Gerade für diese allerschlimmsten Schmerzen kann eine Gemeinschaft von Menschen Rückhalt und Trost spenden. Denn die Last der Geschichten braucht dann niemand allein zu tragen, sondern sie verteilt sich auf viele Schultern und wird dadurch handhabbar.

Unsere nicht-menschliche Mitwelt

Wir alle gehören nicht nur unterschiedlichen menschlichen Gemeinschaften an (und können in Trauerräumen ein Teil von Gemeinschaften auf Zeit werden), sondern sind auch ein untrennbarer Teil der gesamten Biosphäre des Planeten Erde.

Je mehr wir in Kontakt mit den „anderen“ da draußen kommen können, desto mehr können wir Halt und Unterstützung auch von nicht-menschlichen Wesen erfahren: Vom Wind der uns zärtlich streichelt, dem Regen, der kühl unsere Haut erfrischt, einer Blüte deren süßer Duft uns tröstliches Zeichen dafür ist, dass das Leben trotz allem weiter geht.

Verbindung zum Größeren

Manche Verluste sind so gewaltig, dass selbst viele Menschen nicht als Gegenüber auszureichen scheinen, um den Schmerz mit uns gemeinsam zu ertragen. Für diese Momente, oder gerade auch wenn wir allein zuhause ins Trauern kommen, kann es helfen, in Verbindung zu gehen mit etwas, das ganz viel größer ist, als wir selbst.

Für viele Menschen ist es schwer, sich jemand anderem zuzumuten in Momenten der Not. Wir wollen niemanden belasten oder überfordern. Damit wir uns trotzdem ins Trauern hineinwagen, kann uns ein ganz besonders kraftvolles und großartiges Gegenüber helfen.

Die Kraft des Feuers kann so ein Gegenüber sein. Selbst in der kleinsten Kerzenflamme ist genug Feuer-Kraft vorhanden, um einen ganzen Waldbrand zu entfachen.

Auch ein natürliches Gewässer kann uns helfen, denn Wasser ist das Element, was sich um und durch die Erde bewegt, bis in den Himmel aufsteigt und ganz woanders wieder herauskommt. Was unseren Körper erfüllt und irgendwie immer in Bewegung bleibt, manchmal nur sehr langsam, doch letztendlich unaufhaltsam.

Spirituelle Kräfte und Wesen, wie Gott oder auch unsere Ahn*innen können auch helfen – wenn ich sie mir vorstellen kann und an sie zu glauben vermag.

Wichtig ist, dass wir, beispielsweise im Rahmen von Ritualen, einen persönlichen Kontakt erleben können, wenn wir uns mit unserer Trauer diesem Großen Gegenüber zeigen, so dass ein Gefühl von gesehen und bezeugt sein sich einstellen kann und vor allem das Erleben, selbst ganz klein sein zu dürfen, und trotzdem sicher und gehalten zu sein.

Vielen Menschen hilft es auch, sich ihr großes Gegenüber wie eine empfangende Kraft für unsere Trauer vorzustellen, die das was ausgedrückt und mitgeteilt wird, wie aufnimmt und verwandelt oder zumindest uns dabei hilft, im Inneren den Schmerz zu verwandeln.

Und worin verwandelt er sich wenn alles gut läuft? In das, was wir gern „Medizin“ für unsere Gemeinschaft nennen. Der Wunsch danach, dass der Schmerz sich in „Medizin“ (unser Begriff für etwas Hilfreiches im weitesten Sinne) wandeln mag, kann eine kraftvolle Ausrichtung und Intention sein, um sich in einen Trauerprozess bewusst hinein zu wagen.

Integration und (Neu-)Ausrichtung

Wenn Trauer sich zeigt, kann das verunsichernd oder sogar furchteinflößend sein. Denn Trauer zu durchleben verändert uns. Das, was verloren gegangen ist, oder schon immer gefehlt hat, können wir beim Prozess des Trauerns auf eine Weise verinnerlichen.

Das Bild von unserem Leben, unserer Identität, was durch den Verlust (oder auch schon einen in der Zukunft drohenden Verlust) in tausend Stücke zersprungen ist, werden wir beim Trauern wieder zusammen setzen – aber auf eine neue Weise.

Es ist für viele Menschen nicht einfach, sich dem Trauern anzuvertrauen und sich in die Tiefen der inneren Seelenwelt hineinzuwagen, wo die Überreste unseres alten Selbst wie in einem Kessel durchgerührt, geköchelt und dann irgendwie neu miteinander verbunden werden.

Wofür willst du trauern?

Damit wir es wagen, kann es hilfreich sein zu reflektieren und zu wählen, wofür ich eigentlich trauern möchte? Eine konkrete Ausrichtung auf etwas Bestimmtes macht es viel leichter, mich zu trauen zu trauern. Es kann der Wunsch nach mehr Freude und Leichtigkeit in meinem eigenen Leben sein, der mich zieht, oder auch der Wunsch, für meine Liebsten jetzt und in der Zukunft mehr da sein zu können.

Auch der Wunsch, angesichts einer Notlage nicht resigniert, verzweifelt und wie in Ohnmacht zu verharren, sondern mich weiter engagieren zu können, ist für viele Menschen eine Motivation, ihre Trauerprozesse aktiv anzugehen.

Integration ist ein wesentliches Prinzip des Lebens

Daniel Siegel hat den Begriff der Integration für wesentliche Vorgänge des Geistes oder Verstandes geprägt. Sie ermöglicht, dass was verloren, chaotisch und unverbunden in uns ist (beispielsweise nach Verlusten oder auch nach traumatischen Erlebnissen), sowie alle unsere Gedanken, Emotionen, Sinneseindrücke und vieles mehr in ein zusammengehöriges größeres Ganzes eingewoben wird.

Integration lässt sich auch sozial oder sogar ökosystemisch denken. Dabei meint sie nicht, dass alles irgendwie ein und dasselbe wird, sondern dass gerade eben eine Vielfalt einzigartiger Bestandteile Verbindungen miteinander eingeht, die somit dann ein kohärentes Gesamtbild ermöglichen.

Trauerprozesse sind meines Erachtens nach im Kern Integrationsprozesse: Beim Weinen und Klagen tauchen wir tief ins Land unserer Seele, wir blenden das Hier und Jetzt ein ganzes Stück weit aus und erleben traumähnliche sinnliche Eindrücke, eine Mischung aus Erinnerungen, Bildern, Geräuschen. Beim Trauern können Menschen auch Dinge riechen, die nicht physisch da sind, Berührungen empfinden, Worte hören und vieles mehr erleben, das nur sie allein wahrnehmen können.

Dadurch verarbeiten wir den Verlust und holen nach innen, was uns im Außen genommen wurde. Wir durchleben vielleicht tausende Male die Momente bedingungsloser Liebe, die wir mit unserer verstorbenen Großmutter erleben konnten – bis sie ein Teil von unserem neuen, gewandelten Selbst werden, wir sie verinnerlicht haben.

Im Ergebnis kann das bedingungslose Lieben auch ein Teil von unserem eigenen Sein und unserer durch das Trauern gewandelten Persönlichkeit und Identität werden.

Sinn und Bedeutung

Einen Sinn („purpose„) in unserem Leben zu verorten, ist verbunden mit besserer seelischer und körperlicher Gesundheit. Diese Art von Sinn zu finden ist nichts, was wir einmal erreichen und dann für immer sicher geschafft haben. Denn unsere Geschichte davon, wer wir sind, woher wir kommen und wofür wir hier sind, wohin wir unterwegs sind – all das ist etwas, das sich im Laufe unseres Lebens immer wieder verändern darf.

Manchmal hören wir Redewendungen wie „Du wirst schon sehen, das hat alles seinen Sinn„, oder sogar ganz konkrete Zuweisungen von Bedeutungen für bestimmte Ereignisse. Das ist sehr heikel, vor allem wenn es um schmerzliche Erlebnisse geht.

Denn Leiden hat keinen Sinn an sich!

Wenn uns das Leben durch schlimme Verluste auf die Knie zwingt und wir uns fühlen wie nicht viel mehr als ein Häufchen Staub, ist es umso wichtiger, dass die Menschen, die uns begleiten, uns die Deutungshoheit überlassen über das, was wir durchleiden.

Denn Sinn und auch Bedeutung sollten nicht von außen übergestülpt werden, sondern sie sind etwas, das wir als Menschen selbst suchen, wählen und verleihen.

Gerade inmitten unserer Gesellschaft voller unterschiedlicher kultureller Wurzeln, individueller Lebensverläufe und diverser spiritueller Bezugssysteme und Werten, ist es essentiell, hier voll und ganz selbst entscheiden zu dürfen.

Oft lassen sich Sinn und Bedeutung nur mit Blick auf die Zukunft wählen

Eine leidvolle Erfahrung kann später Sinn machen, für die Person die sie erlebt hat. Doch fast nie findet sich Sinn im Ereignis selbst und oft noch nicht einmal in der Gegenwart, sondern erst in der Zukunft.

Eine Frage, sich dem anzunähern könnte sein: Was will und werde ich daraus machen?

Besonders hilfreich finde ich auch diese Frage, die ich vor vielen Jahren von Paul Raphael (Anishinabe und Friedensstifter in seiner Gemeinschaft) gelernt habe: „Wie kann das, was ich erlebt habe, mir dabei helfen, anderen zu helfen?“

Verlust als Zugkraft

Unsere Gesellschaft ist noch immer voller Diskriminierung für Menschen mit Beeinträchtigungen, Menschen anderer Hautfarbe, Menschen die geflüchtet sind, die sich nicht dem binären-Geschlechtssystem zugehörig fühlen oder von der heterosexuellen Norm abweichen, für Menschen die zu jung sind, oder zu alt oder schwach oder arm und vieles mehr.

Angesichts so viel anmaßender Herablassung, scheint es noch viel schwieriger, in Verlust und Leiden Sinn finden zu können.

Gerade viele schwerwiegende Verluste, beispielsweise Verlust eines Kindes durch Abtreibung, das Leid von Suchterkrankungen, das Erleben sexualisierter Gewalt oder auch einen geliebten Menschen durch Suizid zu verlieren, sind gesellschaftlich regelrecht stigmatisiert, und über sie zu reden, erzeugt oft beim Gegenüber nicht Mitgefühl, sondern sogar Abwehr.

Was helfen kann ist, die verbreitete Sicht hinter uns zu lassen, das Schicksalsschläge oder schlimme Lebensbedingungen einen Menschen fast notwendigerweise und irreparabel „kaputt“ machen würden.

Ich bin sehr dankbar im Kontakt mit Sobonfu Somé immer wieder ihre ganz besondere Sicht erleben zu können, die sich in etwa so zusammenfassen ließe:

Dies alles schreckliche ist dir widerfahren? Wow, was wohl aus dir mal alles werden wird!!!

Statt zusätzlicher Herabwürdigung der Leid tragenden Menschen begegnete sie ihnen mit Respekt, Achtung, Ehrfurcht und auch Neugier darauf, was für Gutes und Bedeutsames aus dem Tragischen erwachsen würde.

Was hast du verloren?

Unser Verstand ist schlau genug zu wissen, dass die Verletzungen der Vergangenheit nie wieder ungeschehen sein können. Das Leiden, vielleicht die Gewalt oder die traumatischen Erlebnisse, die wir hatten, verschwinden nicht einfach.

Doch statt uns lebenslang darauf zu fokussieren, durch sie wie gebrandmarkt zu sein, voll mit Narben und Makeln, die nie wieder weggehen, können wir uns der Möglichkeit öffnen, dass wir aus all dem Schlimmen dennoch, oder sogar umso mehr, etwas wunderbares machen können.

Eine Möglichkeit dafür, die sich bei uns bewährt hat, ist die leidvollen Erfahrungen durch die Brille von „Verlusten“ zu betrachten. Als ich ein kleines Kind war und vielleicht von meinen Bezugspersonen geschlagen wurde – was habe ich in dem Moment verloren? War es Sicherheit, Vertrauen, Unbefangenheit, ein Gefühl von Würde oder Kontrolle über meinen Körper?

Heute können wir nichts mehr an der Vergangenheit ändern – obwohl sie uns immer noch sehr stark belasten mag. Das kreiert ein fast unerträgliches Dilemma.

Das wunderbare an der Verluste-Brille ist, dass wir mit den Antworten, die wir finden, auch heute noch ganz schöpferisch weitergehen können: Es ist nie zu spät, mehr Sicherheit, Vertrauen, Unbefangenheit, Würde oder Kontrolle über meinen Körper in mein Leben zu bringen, für mich selbst Weichen zu stellen, Rahmen zu finden oder zu schaffen, die das Nachholen von dem ermöglichen, was mir damals verloren ging (oder vielleicht sogar schon immer gefehlt hat.)

Statt mit Ohnmacht und Hilflosigkeit konfrontiert zu sein, sind wir auf einmal handlungsfähig.

Eine Zugkraft im Leben

Gelingt es uns, die Verluste unseres Lebens auf diese Art und Weise zu betrachten, können wir oft auch unser Verhalten, unsere Entscheidungen und Wirken auf eine neue Weise wertschätzen. Denn nicht selten kann genau das, was wir selbst schmerzlich verloren haben, zu einer tiefen Sehnsucht in unserem Leben führen. So kann sich eine starke Zugkraft entfalten die bewirkt, dass wir aktiv, bewusst oder unbewusst, dem entgegen streben, was wir ersehnen.

Während wir auf dem Weg dahin sind, kreieren und bewirken wir selbst durch unser Handeln und Sein in der Welt Möglichkeiten und Räume dafür, dass eben diese Qualität sich einstellt – nicht nur für uns selbst erlebbar wird, sondern vor allem auch für andere.

Wenn mir beispielsweise als Kind das Erfahren von Sicherheit gefehlt hat, könnte ich – sofern ich mir dieses Verlustes bewusst werde und ihn betrauern kann – zeitlebens empfindsamer sein, was das Sicherheitsgefühl von mir selbst und anderen betrifft.

Körperliche oder auch emotionale Sicherheit könnte eine große Rolle spielen, in allem was ich in die Welt bringe. Meine verstärkte Wahrnehmung dafür und meine wachsende Kompetenz im Ermöglichen von Sicherheit kann im Laufe meines Lebens unzähligen anderen Menschen (oder auch anderen Mitwesen) zugute kommen.

Die Wellen der Trauer

In unserem Verständnis kommt Trauer in Wellen zu uns, die sich durch uns bewegen, oder von denen wir uns mitnehmen lassen. Wenn wir kleine Kinder beobachten, denen ein Verlust widerfährt, sie sich beispielsweise weh tun, können wir diese Wellen manchmal erkennen.

Sie verlaufen immer einzigartig, doch zeigen sie auch gewissen Ähnlichkeiten:

Am Anfang ist da ein Erschrecken, ein abruptes Innehalten, verbunden mit einem Orientieren im Raum. Oft halten sie sogar den Atem an, bis sie den beruhigenden Blick einer Bezugsperson erkennen, oder noch schnell zu ihr hinlaufen, Augen und manchmal auch den Mund weit aufgerissen.

Mit der Sicherheit kommt die Trauerwelle und sie geben sich dem emotionalen Ausdruck und dem Entladen der Anspannung im Körper hin.

Das Weinen und Schreien ist anstrengend und kräftezehrend. Oft kommt es uns selbst ewig lang vor (vor allem wenn es unsere eigenen Kinder sind und wir uns gerade in der stillen Stadtbücherei aufhalten! :-)). In Wirklichkeit dauert es meist nur wenige Minuten, in denen nichts weiter gefordert ist, als dass jemand mitfühlend und präsent da bleibt. Manchmal schauen die Kinder währenddessen, oft sind sie aber ganz in ihrem eigenen Prozess „unterwegs“.

Wenn die Trauerwelle abebbt, ist oft Erschöpfung spürbar. Mit ihr kann sich eine angenehme Leere einstellen, eine Stille oder innere Ruhe sich zeigen. Dies ist oft der Moment, wo das Kind wieder wie „auftaucht“, wo Augenkontakt wieder möglich ist.

Bei Kindern geht es oft sehr schnell, dass dann auch direkt Heiterkeit entsteht und sogar Freude oder Begeisterung sich zeigen. Während die Eltern sich noch den Schweiß von der Stirn wischen, ist das kleine Kind vielleicht schon längst kichernd und juchzend unterwegs zum nächsten Abenteuer.

Auch große, komplexe Trauer kommt in Wellen

Je älter wir werden, desto komplexer werden die Verluste, die wir erleiden oder derer wir gewahr werden. Trotzdem verlaufen die körperlich expressiven Prozesse des Trauerns wie Wellen – nur brauchen wir viele, sehr viele davon.

Im Alltag sind wir vielleicht oft allein mit ihnen, was viel viel besser ist, als gar nicht zu trauern.

Was wir trotzdem als Wesentlich erachten ist, zumindest irgendwann hinterher, mit einem anderen Menschen (oder wenn dies nicht geht einem Baum, einem Stein, einer Pflanze), unsere Geschichte zu teilen, damit wir gesehen und bezeugt werden können mit dem, was da Wesentliches in uns passiert ist.

Gerade wenn wir Phasen erleben, wo die Trauer kein Ende mehr zu nehmen scheint, wir das Gefühl haben, fast nur noch zu weinen, kann dies die fehlende Zutat sein: Denn indem wir bezeugt werden, wird unser innerlicher Prozess im Außen bekräftigt und kann sich dadurch echter und wirklicher anfühlen und ein Stück weit wie besiegelt werden.

Wir können dies nicht alleine schaffen, sondern brauchen dafür andere Menschen.

(Wenn dir niemand einfällt, dem du deine Trauergeschichte erzählen könntest, gibt es die Möglichkeit, dich bei der Mail– oder Telefonseelsorge zu melden, wo dir jemand einfühlsam zuhören und dich bezeugen wird.)

Auch Lachen spendet Trost

Eine oft verkannte Zutat für Trauerprozesse ist die Möglichkeit und der Raum, zwischen allem Weinen auch viel Lachen zu können. Vor über zwanzig Jahren lernte ich in einem Jahr an der Schauspielschule, dass die Muskel-Kontraktionen für Weinen und Lachen fast identisch sind, weshalb wir beides in ein und derselben Übung trainieren konnten.

Es besteht also eine gewisse Verwandtschaft zwischen Lachen und Weinen, und unserer Erfahrung nach ergänzen sie einander besonders gut. Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass nach einem intensiven Weinen sich mit der Erleichterung oftmals ein Drang zu lachen von ganz allein einstellt.

Während wir Lachen laufen dann eine Reihe von Vorgängen in unserem Körper ab, die Stress abbauen, Ängste und Anspannung wie weggeblasen erscheinen lassen, Schmerzen lindern und sofort zu mehr Wohlgefühl fühlen.

Auch hierfür spielt die Gemeinschaft eine wichtige Rolle: Wenn wir mit anderen Menschen zusammen sind, ist es 30 mal wahrscheinlicher, dass wir lachen, als wenn wir allein sind. Dabei lachen wir kaum über Witze im engeren Sinne, sondern zumeist einfach über irgendwelche Aussagen. Während Menschen in Studien angeben sie würden lachen, weil sie etwas lustig fänden, lachen wir anscheinend vor allem um zu zeigen, dass wir einander mögen, verstehen und irgendwie zusammengehören.

Vielleicht könnten Lachen oder zumindest ein noch so zartes Lächeln ein Ausdruck davon sein, dass ein wenig Trost inmitten der Trauer angekommen ist. 

Hier kannst du mehr erfahren, wie du dir selbst zuhause oder unterwegs einen guten Rahmen für Trauerprozesse gestalten kannst: In unserem E-Büchlein „Mein Herz erleichtern„. 

Wünschst du dir, in sicher gehaltenem Rahmen gemeinsam mit anderen Menschen zu trauern? Dann könnte eine unserer Trauer-Veranstaltungen vielleicht das richtige für dich sein, wie unsere Winter-Trauerzeit im Februar 2023

Möchtest du von und mit uns lernen, selbst Trauerprozesse für andere zu begleiten? Dann findest du hier alle Infos über unsere Weiterbildung in Trauerprozessbegleitung

DISCLAIMER:

Die Empfehlungen in diesem Text ersetzen keine therapeutische Begleitung.

Wenn du das Gefühl hast, unter Angstzuständen, Depressionen oder anderen schwer auszuhaltenden seelischen Zuständen zu leiden – wisse, du bist nicht allein! 

Hilfe bekommst du bei zugelassenen Psychotherapeut*innnen, beispielsweise den hier im Verzeichnis aufgeführten Personen, vielleicht auch in deiner Region: https://www.somatic-experiencing.de/traumatherapeuten-finden/

In dringenden Fällen kannst du dich auch direkt an ein Krankenhaus wenden oder den Notruf 112 wählen.

Auch die Telefonseelsorge ist 24 Stunden kostenlos erreichbar (auch anonym): (0800) 1110111 oder (0800) 1110333 (für Kinder/Jugendliche) Im Internet: www.telefonseelsorge.de

Mentoring Coaching

…unsere leckersten Zutaten für den Jahreswechsel, aufgeschrieben von Elke Loepthien-Gerwert

 

Für mich ist die Raunachts-Zeit in jedem Jahr ein besonders fruchtbarer „Zwischen-Raum“ – wenn das alte Jahr schon so gut wie vorüber ist und das Neue noch nicht ganz begonnen hat. Durch ein bewusstes Zurückschauen, Integrieren und neu Ausrichten können wir den Platz zwischen Vergangenheit und Zukunft bewusst einnehmen und beides miteinander verbinden wie zwei elektrische Kabel – so dass Energie in voller Kraft strömen kann.

Wir alle haben und spüren in vielen Momenten unseres Lebens einen Zugang zur schöpferischen Kraft – unseren ganz eigenen, einzigartigen Zugang zum Leben. Leicht kann es von der Last und dem vielen Staub des Alltags überdeckt werden, wer wir sind und wofür wir hier in diesem Leben sein wollen. Dann verlieren wir oft nicht nur uns selbst immer mehr aus den Augen, sondern auch unsere Verbindung zur Natur und zur menschlichen Gemeinschaft um uns, die unseren einzigartigen Beitrag brauchen, so wie auch wir die anderen brauchen.

Ich habe 2008 das erste Mal einen sogenannten „Renewal of Creative Path Process“ kennengelernt, beschrieben von meinem damaligen Lehrer und Mentor Jon Young. Jon hatte, inspiriert von Gesprächen mit Chief Jake Swamp von den Mohawk und dessen Frau Judy, eine Reihe von Schritten entwickelt, die hierfür dienlich schienen. Schon damals war die Parallele zum europäischen Brauchtum rund um die Raunächte deutlich, und damit verbunden auch die Suche nach Wegen der „Medizin-Erneuerung“, die nicht indigene Bräuche kopieren, sondern für uns als Weiße authentisch, relevant und verwurzelt in unserer eigenen Verbindung zur Natur sein würden.

Seitdem verbringe ich in jedem Winter (und in kürzerer Form auch in jedem Sommer) Zeit damit, meinen Zugang zu den schöpferischen Kräften zu erneuern und zu erfrischen. Der Prozess hat sich dabei Stück für Stück verändert, gewandelt in eine Form, die für mich hier in diesem Teil der Welt und für mein Leben so wie es jetzt gerade ist passend und stimmig erscheint. Die Zeiten der Erneuerung sind für mich mit das Wichtigste im Jahreslauf – viele Monate lang spüre ich ihren Wind unter den Flügeln und fühle mich getragen, genährt und inspiriert für das was kommt.

Die Macht des Erinnerns

Jedes Erinnern, Benennen und Teilen von Erlebnissen stärkt ihre Kraft in unserem gegenwärtigen Dasein und für unser zukünftiges Leben. Erst durch das Würdigen von dem was war, können selbst kleine Ereignisse zu wahrhaftig heiligen Momenten für uns werden, die noch viele viele Jahre und Jahrzehnte lang unser Leben erleuchten.

Es scheint verrückt: Jedes Mal, wenn wir sie an die Oberfläche unseres Denkens zurückholen, verändern sie sich ein wenig. Das ist ganz natürlich und darin begründet, wie unser Erinnerungsprozess funktioniert. Denn alles was war, verbindet sich bei jedem Zurückschauen mit allem was jetzt gerade ist, und kann so immer wieder neu sinnvoll verknüpft werden.

Unser Erleben hier und heute, wie auch unser Gefühl zu dem früher Erlebten, beeinflussen die Bilder und Sinneseindrücke aus der Vergangenheit jeweils so, dass es gerade jetzt passt und Sinn ergibt. Deshalb ist es ein wichtiger Teil eines Erneuerungsprozesses, immer wieder hilfreiche Fragen zu stellen, durch die wir die Vergangenheit bewusst mit dem Jetzt und mit der Zukunft verbinden.

Die Kraft von Ritualen

Jede Jahreszeit bringt ihre eigenen Qualitäten und Grundstimmungen mit sich, das Rad der Zeit nimmt uns von ganz allein mit in diese „Felder“ hinein, in welchem bestimmte Denk- und Verhaltensweisen fast wie von selbst in uns entstehen können. So schlafen anscheinend viele Menschen rund um den Jahreswechsel länger, essen mehr, sind weniger draußen in der Welt unterwegs und treffen sich seltener mit Freund*innen oder Kolleg*innen und mehr mit ihren engsten Liebsten, und viele von uns sind in der Zeit frei von unseren alltäglichen Jobs.

Dadurch kann fast von selbst die Art von Innenschau erwachsen, die einen Erneuerungsprozess ausmacht. Noch wesentlich mehr Kraft können wir dem Ganzen jedoch verleihen, wenn wir die Zeit mit Ritualen beginnen und beenden. Die Kraft der Rituale ist wirklich erstaunlich, sie scheint sogar auf uns zu wirken, wenn wir gar nicht daran glauben, wie Francesca Gino und Michael Norton von der Harvard Business School seit einigen Jahren erforschen.

Hier findest du nun meine leckersten Zutaten für einen umfangreichen Erneuerungsprozess mit Fragen und Ritualen, mein destilliertes best practice aus den letzten 14 Jahren, für dich als Inspiration und zum Experimentieren damit, was deine eigenen leckersten Zutaten für einen gelungenen Erneuerungsprozess sein könnten.

Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen und vielleicht selbst Ausprobieren!

Teil 1 – Die Jahreswechsel-Erneuerungszeit öffnen

Ich starte meine Erneuerungszeit gern zur Wintersonnenwende, dem Tag wo inmitten der längsten Dunkelheit das Licht „wiedergeboren“ wird.

Besonders nach einem hektischen Dezember oder einer Zeit der Anspannung kann es gut tun, die längste Nacht des Jahres, die Nacht vor der Wintersonnenwende, von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang als Wach-Nacht zu verbringen, allein oder mit engen, vertrauten Menschen, an einem Feuer, mit einer Kerze oder auch in der Dunkelheit sitzend, und dabei ganz bewusst in der langen Stille zu sitzen, zu fühlen und zu sein.

Selbst wenn ich nicht die gesamte Nacht dafür nehmen mag, kann es wunderbar sein, zumindest ein, zwei Stunden innerhalb von ihr dafür zu nutzen, allmählich zur Ruhe zu kommen und mich einzustimmen auf den Zauber dieser besonderen Zeit im Jahreslauf.

So ein Besinnungs-Ritual kann besonders gut wirken, wenn ich am Anfang einlade, in dieser Zeit ganz zu mir zu kommen, mich geborgen, geliebt und genährt zu fühlen, Tiefe zu erleben und meinen inneren Wesenskern zu berühren und die Verbindung zu all dem deutlicher zu spüren, was für mich geistige Kräfte sind (beispielsweise Gott, Mutter Erde, die Kraft die Leben schafft, Geisthelfer, Engel, Ahn*innen, Elemente, mein Tiefenselbst oder Höheres Selbst oder was auch immer für mich vorstellbar und relevant ist).

Mit kleinen oder größeren Kindern gemeinsam kann man auch vor dem Schlafengehen nur ein bisschen die „Dunkelzeit“ würdigen, alle Lichter löschen und mit Psst und Shhh, so wie es die Kleinsten gerne mögen (vielleicht aneinander gekuschelt oder Hände haltend) ganz nah zusammensitzen und die Dunkelheit fühlen, die uns so weich umhüllt. Auch der Dunkelheit und Kälte zu danken kann schön sein, weil sie vielen Pflanzen und Tieren hier in diesem Teil der Erde ermöglicht, sich im Winter ganz tief auszuruhen, damit sie im Frühling in neues Leben starten können.

Es kann wunderbar sein auf diese Weise mit der Dunkelheit ein bisschen mehr Freundschaft zu schließen, auch zwischendurch kichern ist erlaubt – und dann nach einer Weile eine Kerze anzuzünden und damit die Wiedergeburt des Lichts auf eine ganz schlichte Weise zu feiern.

Mit oder ohne Wachnacht: Am Morgen des 21. Dezembers (in manchen Jahren ist es der 22. Dezember), bringe ich gern Dankes-Gaben in den Wald für die Lebewesen da draußen: Vogelfutter (aus heimischen Sämereien), (Bio-)Gemüse und Obst, und vielleicht auch etwas Fleisch (aus artgerechter, biologischer Tierhaltung) für meine fleischfressenden Nachbarn.

Besonders gern mag ich es, mit Kindern und Erwachsenen gemeinsam rauszugehen und für das Da-Sein all der anderen Lebewesen zu danken und auch für die vielen Begegnungen mit Tieren, Pflanzen, Pilzen, Elementen die wir im fast vergangenen Jahr hatten. Oft gibt es einen Ort in der Nähe, der sich hierfür besonders eignet, beispielsweise einen besonders großen, ehrwürdigen Baum, der das Ganze bezeugen kann.

Teil 2 – Einen Altar für die Lebens-Kräfte gestalten

Zurück aus dem Wald mache ich mich gern auf, um immergrüne Zweige zu holen, die wir später als Altar für die Kraft der Erneuerung in unserem Zuhause aufstellen. Wir schneiden keine extra dafür ab sondern suchen solange, bis wir welche finden, die von Herbststürmen oder Waldarbeiten liegen gelassen wurden.

Manchmal kaufen wir auch einen kleinen Baum bei Bauern hier in der Nähe und lassen uns dabei ganz davon führen welcher gern mit uns nach Hause kommen will? Manchmal ist es der für uns schönste und manchmal auch einer von dem wir vermuten, niemand anders würde ihm eine Chance geben wollen. Sobald er geschmückt ist, ist er immer zauberhaft!

Gemeinsam schmücken wir Strauch oder Baum mit vielen Sternen sowie anderen Symbolen für das Licht und die Kräfte der Natur, wie Äpfel, Zapfen oder Kugeln.

Wenn der Baum fertig geschmückt ist, laden wir die Lebens-Kräfte ein, für die kommenden Wochen durch ihn in unserem Haus zu leuchten für die kommenden Wochen, in denen das Licht langsam, ganz langsam zurück in die Landschaft kommen wird, und in denen wir das Bild der Hoffnung aufs Grün eines neuen Frühlings hier in unserem dunklen Zuhause so dringend brauchen können.

Teil 2 – Die leuchtenden Momenten feiern

Wenn du zurück schaust auf dein vergangenes Jahr…

  • Welche Erlebnisse waren für dich besonders schön und voller Freude?
  • Wann und wo hast du dich am stärksten verbunden gefühlt – mit dir selbst, mit der Natur, mit anderen Menschen in deinem Leben?
  • Welche faszinierenden Synchronizitäten haben sich ergeben?
  • Welche Momente oder Ereignisse waren so wundersam und besonders oder verrückt, dass sie sich magisch oder wie verzaubert anfühlten?

Diese besonders süßen Momente feiere ich gern auf gesellige Weise im allerengsten Kreis mit meinen Liebsten. Am Abend der Wintersonnenwende versammeln wir uns um ein üppiges und ausgedehntes Essen und erzählen schon währenddessen von den Ereignissen des Jahres, die unsere „Highlights“ waren, und danken für sie! Was oft schon ausgelassen und mit viel Heiterkeit beginnt, gipfelt im Auspacken der Weihnachtsgeschenke. Sie sind ein kleiner, anfassbarer Ausdruck der liebe-vollen Fülle, die wir empfangen haben und von der wir nun etwas weitergeben. Auch ganz ohne Geschenke zu feiern haben wir schon einmal gewagt, was noch mehr Aufmerksamkeit für all das ermöglicht, wofür wir ohnehin schon dankbar sein können.

Mit der spät-abendlichen Ruhe eröffnet sich ein Raum für tieferes, noch besinnlicheres Teilen, rund um die besonders kostbaren Momente, die wie Schätze golden hervorstrahlen aus diesem vergangenen Jahr, und auch die Wendepunkte, wo wichtige Weichen neu gestellt wurden und Veränderung entstanden ist.

(Das Teilen dieser und anderer Geschichten auch online stattfinden, oder sogar am Telefon. Es sind meiner Erfahrung nach vor allem die Absicht, die Verletzlichkeit und die Herzoffenheit, die die Qualität eines Gespräches viel stärker beeinflussen, als das Medium selbst. Auch wenn du bisher wenig Erfahrung damit hast, kann ich es dir wirklich sehr empfehlen mit technischen Hilfsmitteln in den Austausch mit anderen Menschen zu gehen, vor allem wenn die Alternative ist, ganz allein damit zu sein oder jemand anders ganz allein zu lassen. Hier findest du ein paar Anregungen für verbindungsförderndes Zoomen.)

Vor dem Schlafengehen oder am nächsten Morgen schreibe ich dann gern etwas darüber auf, auf einem großen Blatt Papier, mit bunten Farben, kreuz und quer mit Verbindungslinien zwischen aneinander, eine Art Mindmap der Schätze und Wendepunkte.

Diese Karte kann während der kommenden Tage und Wochen weiter ergänzt werden. Es ist oft erstaunlich, wie mit der Zeit mehr und mehr Erinnerungen auftauchen. Manchmal wandere ich bewusst durch meinen Kalender vom vergangenen Jahr, wo Spuren verzeichnet sind, die auf etwas hinweisen was war.

Nach dem ersten Sammeln und Festhalten der wundervollen Erlebnisse und Wendepunkte kommt für mich ein erster guter Zeitpunkt für ein 2er-Treffen oder einen (kleinen oder gerade zumindest online möglich auch größeren) Kreis mit Freund*innen, Ankern, Buddies oder anderen wichtigen Menschen in deinem Leben.

Manchmal ist es auch genau umgekehrt: Wenn es dir schwer fällt, für dich allein Sachen aufzuschreiben, kann es genauso wirkungsvoll sein, direkt mit anderen Geschichten auszutauschen und dann vielleicht hinterher dazu Notizen zu machen.

Teil 3 – Verbindungen & Zutaten

Im Teilen und Anhören dieser Geschichten rücken sich langsam aber sicher weitere Fragen in den Vordergrund. Manchmal sind diese und auch noch ganz andere Gedanken und Fragen auch von Anfang an schon dabei und wollen mit notiert sein. Der Zeitpunkt ist im Grunde nicht so wichtig, Hauptsache es ergibt sich ein guter Flow für dich.):

  • Warum und wie konnte dieses Erlebnis für dich so wundervoll sein?
  • Was waren die Zutaten, die es ermöglicht haben?
  • Welche Rahmenbedingungen haben es begünstigt?
  • Was davon kannst und möchtest du selbst für das neue Jahr wieder kreieren?
  • Was würdest du vielleicht im neuen Jahr anders machen?
  • Was sind die Orte, Menschen und anderen Wesen, oder auch Projekte und Organisationen, mit denen du dich besonders verbunden gefühlt hast? Und was war das Verbindende?
  • Was sind Theorien, Sichtweisen, (spirituelle oder Denk-) Schulen, Lern- oder Wirkfelder mit denen du dich besonders verbunden gefühlt hast? Und was daran war das Verbindende?

Diese Fragen lassen sich sowohl allein für mich, als auch im Gespräch mit anderen bewegen und erforschen. Auch hier schreibe ich gern auf, was mir als wesentliche Erkenntnis erscheint, mache mir Notizen über Ideen, die mir kommen, meistens nur ganz kurz, in wenigen, einzelnen Stichworten.

Für diese und die anderen Fragen kann es wichtig und sinnvoll sein, auch weiter zurück in die Vergangenheit zu schauen und sie für den Verlauf meines gesamten bisherigen Lebens beantworten. Dafür brauche ich natürlich ein bisschen mehr Zeit. Die Erkenntnisse jedoch und die Energie die durch das Wiederbeleben der längst vergangenen Schätze ins Hier und Heute kommt, sind ein großes Geschenk, dass ich mir selbst immer wieder machen kann.

Teil 4 – Verluste betrauern

Jedes Jahr bringt Herausforderungen mit sich – vielleicht waren es in diesem Jahr besonders viele! Es ist ein wichtiger Teil des Erneuerungsprozesses, das Schwierige und Leidvolle nicht unerwähnt zu lassen:

  • Was hast du in diesem Jahr verloren?
  • Welche schmerzlichen Erlebnisse und Erfahrungen hast du durchlitten?
  • Was bereust du?
  • Worin bist du gescheitert?
  • Welche Zukunftsvisionen und Wünsche haben sich zerschlagen?
  • Welche Erwartungen konnten sich nicht erfüllen, für dich und für deine Liebsten?
  • Welchen Groll hältst du in dir (gegen andere Menschen, Umstände, das Leben oder dich selbst?) Welcher tiefe und berechtigte Schmerz versteckt sich hinter diesem Groll?
  • Welche leidvollen Erfahrungen der Menschheit insgesamt und auch der Erde als großer Lebensgemeinschaft hast du in diesem Jahr mitbekommen und mit durchlitten?

Auch die Antworten auf diese Fragen halte ich in kurzen Schlüsselworten für mich selbst fest, und ich öffne mich für die Trauer über all diese Dinge, die meinen Schmerz darüber lindern und transformieren kann, in Medizin für meinen weiteren Weg und für die Gemeinschaft deren Teil ich bin. (Wenn du mehr über heilsames Trauern wissen möchtest, kannst du in unserem kleinen e-Büchlein hier viele Anregungen finden.)

(Selbst-)Mitgefühl schenken

Was wir vor allem brauchen, um schwierige Erlebnisse durchzustehen (sowohl unsere eigenen, als auch die von anderen Menschen) und dabei nicht verletzt, sondern verjüngt daraus hervor zu gehen, ist Mitgefühl. Gerade das Mitgefühl mit uns selbst (das gerade Menschen des westlichen Kulturkreises oft erst im Laufe ihres erwachsenen Lebens erlernen!) hilft enorm dabei, schlimme und sogar traumatische Erlebnisse so zu überstehen, dass wir an ihnen wachsen und reifen können, statt daran kaputt zu gehen.

Wenn ich in meiner Rückschau an schmerzhafte Punkte komme, hilft es mir sehr, mich selbst in den Arm zu nehmen, meine Hand zu halten oder mir selbst über den Kopf zu streicheln und dabei leise im Innen oder auch einfach laut vor mich hin mitfühlende Worte zu sprechen, wie beispielsweise: „das war wirklich schwer, schmerzhaft, schlimm…. Es ist ok, traurig oder verzweifelt zu sein, ich bin hier und für dich da.… mmh, das fühlt sich ganz ganz traurig an, und das ist völlig ok so.“

Selbst-Mitgefühl ist eine lebenswichtige Fertigkeit, die wir alle erlernen können, und die für mich einen wesentlichen Schlüssel für viele drängende Fragen unserer Zeit darstellt, allen voran dafür, wie wir lernen können, mit einander voller Mitgefühl umzugehen – nicht nur mit denen, die uns nah stehen, sondern auch mit denen, die wir als „die anderen“ ansehen und auch mit den vielen nicht-menschlichen Wesen auf der Erde.

Sinn verleihen

Oft sind es gerade die schwierigen Erfahrungen, die einen Freiraum für echte, tiefgreifende Veränderungen schaffen – welche wir zwar schon irgendwie ersehnen, doch oft auch gleichermaßen scheuen.

Die ihnen innewohnenden Schätze finden wir inmitten furchteinflößender Dunkelheit, wenn wir es wagen, genau hinzuschauen auf das, was uns so schreckt und schmerzt. Auch das Finden von Sinn und Bedeutung ist eine wesentliche Säule für das Verarbeiten schlimmer, traumatischer Erlebnisse. Dabei liegt der Sinn nicht in dem Erlebten selbst verborgen – es geht nicht darum, etwas zu finden was schon längst da ist. Denn Leiden ist an sich nicht sinn-voll. Es sind wir als Menschen, die aktiv und bewusst etwas Sinnvolles daraus machen können – indem wir auf eine besondere Weise auf das Geschehene schauen und dem Ganzen einen Sinn verleihen.

Und dieser Sinn liegt meines Erachtens nach nie in der Vergangenheit und selten in der Gegenwart, sondern fast immer in der Zukunft.

Eine der wichtigsten Fragen, um Schmerzliches auf diese Weise zu transformieren habe ich von Paul Raphael lernen können, einem Friedensstifter vom Volk der Anishinabe, der auch schon oft in Deutschland war. Sie lautet:

Wie kann dir das Erlebte ermöglichen und helfen, anderen zu helfen?

Die Frage verrät in sich bereits, dass ich den Sinn in den schlimmsten Erlebnissen oft erst dann finden kann, wenn ich nicht so sehr auf mich selbst und meinen eigenen Vorteil schaue, sondern das Wohl der Gemeinschaft in den Blick nehme.

Es kann sehr wohltuend sein, gerade auch diese Aspekte des Jahres mit anderen Menschen zu teilen und zu reflektieren, mit Partner*innen, Freund*innen, Gemeinschaft. Gemeinsam sind wir stärker und auch die schwerste Last lässt sich leichter tragen, wenn sie sich auf viele Schultern verteilt.

Die leidvollen Erlebnisse können wie ein besonders starker Kitt in einer Gemeinschaft sein: Sie helfen uns, die eigene Verletzlichkeit deutlich zu spüren, zuzulassen und auch zu zeigen, wodurch die Verbindung zwischen uns wächst und das Vertrauen ineinander gestärkt wird. Es ist ein großes Geschenk, in der eigenen Trauer von anderen Menschen gehalten zu sein, so wie es auch ein großes Geschenk ist, mich anderen mit meiner Trauer zu zeigen.

Nach den Weihnachtstagen und vor Silvester kann die günstige Gelegenheit sein, mit den engsten vertrauten Menschen für ein paar Stunden an einem Feuer zu sitzen. Egal ob es draußen inmitten der Kälte wärmend prasselt oder als Kreis von vielen Kerzen in einer gemütlichen Stube unsere Gesichter mit rotgoldenem Schein erhellt – das heiße Flackern der brennenden Flammen erinnert uns daran, dass auch die härteste Substanz transformiert werden kann.

Das Feuer kann ein wunderbares Gegenüber für unsere Trauer, Wut und andere Emotionen sein, und es leuchtet uns den Weg zum Einladen und Umarmen und Festhalten von dem Sinn, für den wir uns entscheiden, ihn unserem Leiden zu verleihen – zum Wohle anderer.

Mit kleinen Gaben an das Feuer kann ich dabei meine Absicht immer wieder bekräftigen, die Energie des Schmerzes in etwas Sinn-volles zu verwandeln, in Medizin für die Gemeinschaft des Lebens.

(Auch online kann dies gemacht werden, vor allem wenn jede Person sich selbst ein kleines (Kerzen-)Feuer vor Ort mit dazu holt.)

Teil 5 – Wer bin ich und wofür bin ich hier?

Wenn die oben aufliegenden Themen eines Jahres etwas abgeschöpft und verarbeitet sind, zeigen sich oft die darunter liegenden und damit verbundenen langen (vielleicht roten, goldenen oder ganz bunten?) Fäden unseres gesamten Lebenswegs.

Jetzt ist die Gelegenheit günstig, noch einmal ganz ganz weit zurück zu schauen und in den Raum einzuladen und zu würdigen, was schon lange her ist, doch immer noch bedeutsam und wesentlich für mich und meinen Lebensweg, meinen Seelenweg.

Mit wenigen wichtigen Menschen meines Lebens kann ich teilen (und/oder für mich selbst aufschreiben):

  • Wer bin ich?
  • Wo komme ich her, was sind meine Wurzeln, in meinem eigenen Leben und dem meiner Vorfahren?
  • Was waren wesentlichen Momente in meinem bisherigen Leben, in denen durch schlüsselhafte Entscheidungen und Begegnungen sich Weichen stellten, die den Verlauf der Dinge für immer verändert haben?
  • Welche Momente kann ich erinnern, in denen ich auf dem Gipfel meines eigenen Berges gestanden habe und einen weiten Überblick auf all das erhaschen konnte, was mein Leben, meine Persönlichkeit und Identität in der Welt, vor allem aber meine Seele ausmacht?
  • Welche Visionen/Ausblicke auf mein Leben habe ich in der Vergangenheit gescheit bekommen und wie haben sie sich bis jetzt verwirklicht?
  • Was sind die allertiefsten Sehnsüchte, die mich in diesem Leben im Innern bewegen und immer weiter und weiter ziehen?
  • Welche Früchte sind in diesem vergangenen Jahr durch mich in die Welt gekommen?
  • Welche Gaben, besonderen Eigenheiten und Qualitäten wirken durch mich in die Welt hinein? Wofür schätzen mich die Menschen, die mit mir zu tun haben?

Die letzte Frage können wir nicht für uns selbst beantworten – dafür brauchen wir den Blick und die Worte von anderen Menschen. Es ist wichtig und hilfreich den Mut aufzubringen (immer wieder) danach zu fragen:

  • Was magst du an mir?
  • Was schätzt du an mir?
  • Was tut dir gut wenn wir zusammen sind?
  • Welche Medizin glaubst du bringe ich mit in die Gemeinschaft?
  • Wie würdest du meine Gaben/ meine Essenz in Worte fassen und beschreiben?

Ich führe seit vielen Jahren ein kleines Büchlein in dem ich sammle, was mir an Wertschätzung ausgesprochen wird. Wenn ich zur Jahreswechsel-Erneuerungszeit allein bin, aber auch zwischendurch, wann immer ich es brauche, schaue ich in das Büchlein hinein wie in einen Spiegel, in dem ich besser wahrnehmen kann, was durch mich in die Welt kommt, welche Qualitäten.

Das jedem einzelnen Menschenkind innewohnende Genie oder die individuelle Gabe hat dabei selten mit einer konkreten Kunstform zu tun. Der Begriff trifft nicht nur auf die Meister-Musiker*in zu, vor der die ganze Welt sich verneigt, ganz im Gegenteil. In unserer Kultur hören wir oft unterschwellig oder sehr deutlich, dass nur wenige Personen wirklich begabt sind – und wir selbst und auch unsere Liebsten um uns herum vermutlich gar nicht dazugehören.

Dabei bringt jede Person ganz klar die Sorte von Gaben mit, die alle anderen in ihrem Kreis jeden Tag brauchen, einfach damit wir gemeinsam existieren und gedeihen können.

Unser „Genie“ ist dabei nicht das, was wir tun – sondern wie wir etwas tun, nämlich auf unsere ganz besondere, einzigartige Art und Weise.

Unsere Gaben sind nicht unsere Begabungen (wie musizieren zu können), sondern vielmehr eine Mischung aus unseren Talenten, unseren Sehnsüchten, die uns lenken, unserem einzigartigen Stil mit dem Leben umzugehen, und vielem mehr, was eine herrliche Wolke aus Worten, Geschmäckle und spürbarer Besonderheit ergibt.

Es ist ganz natürlich, dass wir unser inneres Wunderwerk nie ganz und gar (er)fassen können – dafür ist es viel zu komplex und geheimnisvoll. Doch uns ihm anzunähern ist wichtig dafür, uns selbst zu spüren und mit wachsendem Vertrauen und Zufriedenheit das hinschenken zu können, wofür wir in dieses Leben gekommen sind.

Für mich ist mit das allerwichtigste daran, mich mit meinen Gaben zu beschäftigen, dass es mir hilft, mit mehr Vertrauen, Hingabe und Freude wirklich für die andern da zu sein und zu handeln – für meine Liebsten, aber eben auch für die Gemeinschaft allen Lebens.

Teil 6 – Das Leben feiern

Mir all der Gaben bewusst zu werden, die ich in mir selbst und in anderen entdecken kann, füllt das für Glück bereitstehende Gefäß in meinem Inneren bis über den Rand mit Dankbarkeit und Freude. Das Ende des Jahres ist für mich eine stimmige Gelegenheit, das ganze Leben, das so viel Fülle schenkt, noch einmal besonders ausgelassen und energievoll zu feiern.

Silvester macht es möglich, die vielen Worte und Gedanken ruhen zu lassen und stattdessen den Körper zu bewegen, zu tanzen, zu spielen, und ganz besonders fröhlich zu sein.

(Auch das kann online gehen. Hier findest du Anregungen für eine Dance-Party über Zoom, von denen schon seit Monaten weltweit jede Menge stattfinden: https://medium.com/tixel/how-to-host-a-zoom-dance-party-970bea59b76.)

Wenn ich lange und intensiv zurückgeschaut habe, deutlicher wahrnehme und tiefer verstehe was war, kann ich das Jahr bewusster beschließen, abschließen, und die letzten paar Stunden und Minuten bewusst zelebrieren.

Ich mag es sehr, wach zu bleiben bis nach unserer Zeitrechnung mitten in der Nacht das alte Jahr endet und das neue Jahr beginnt.

Ich beginne das neue Jahr gern mit viel Stille und aufmerksamem draußen Sein, allein oder zusammen mit meinen Liebsten einen Spaziergang zu machen, um vor allem die nicht-menschlichen Wesen in unserer Umgebung im Neuen Jahr zu sehen und zu grüßen.

Am liebsten besuche ich ein natürlich ganz kaltes Wasser an einem Bach, Flüsschen oder See, um das lebensspendende Element zu segnen und um für mich und meinen Liebsten von den Kräften und Wesen in der Natur einen Segen zu erbitten, einfach für Gesundheit, Freude und Lebendigkeit für das neue Jahr.

Mich am Neujahrstag allein oder zusammen mit meinen Liebsten draußen in der Natur zu waschen (zumindest die Hände oder die Stirn) oder sogar komplett zu baden hilft mir, die Lebenskraft in eine neue Runde zu schicken und mich voll und ganz bis in die Tiefe erfrischt und erneuert zu fühlen.

Teil 7 – Der Nordstern

Ein Nordstern steht für etwas, das uns Orientierung für unseren weiteren Weg bietet, auch wenn wir es nie vollständig erreichen können. Die Jahreswechsel-Zeit ist eine wunderbare Zeit, um unseren Nordstern zu überprüfen und uns immer wieder neu auszurichten, nach dem was uns am Wichtigsten ist.

Statt mir konkrete, messbare Ziele für das kommende Jahr zu setzen, setze ich meinen Kurs auf Werte, die mir wirklich am Herzen liegen. Ich finde es hilfreich, diese Werte in jedem Jahr wieder neu abzuschreiben und für mich selbst dadurch festzuhalten. Sie könnten auch in Form von Gedichten, Liedern, Bildern oder Skulpturen, selbst symbolisiert von gefundenen oder gekauften Gegenständen eine (an)fassbare Form finden, die mich durch das kommende Jahr begleiten kann, wenn ich ihnen einen Platz in meinem Zimmer schenke.

Hilfreiche Fragen um ihnen auf die Spur zu kommen könnten sein:

  • Was sind die grundlegenden Werte in deinem Leben?
  • Was ist dir am wichtigsten und liegt dir wirklich am Herzen?
  • Was sind die tieferliegenden Bedürfnisse und großen Sehnsüchte, deren Erfüllung du dir immer wieder (neu) wünschst?
  • Mit welchen Intentionen möchtest du in das kommende Jahr gehen?
  • Welche Qualitäten möchtest du einladen, für dich selbst und für alle die mit denen du verbunden bist?

Zusätzlich zur Innenschau bitte ich am Neujahrstag gern irgendein Orakel, mir etwas über das zu verraten, was mich im neuen Jahr erwartet, zum Beispiel in dem ich Karten ziehe oder einen Spaziergang mache, bei dem ich eine Frage im Herzen trage.

Besonders hilfreich finde ich dabei diese Fragen:

  • Was wird durch mich kommen?
  • Was kann mich unterstützen?
  • Was brauche ich?
  • Worauf kann ich meine Aufmerksamkeit lenken, das besonders hilfreich wäre?

Oft entdecke ich durch die Symbolik der Karten oder die Ereignisse auf meinem Spaziergang weitere Qualitäten, Werte und Intentionen, die ich ebenfalls einladen möchte fürs neue Jahr.

Einladen und Bekräftigen

Indem ich die Werte in Worte fasse, sie denke oder ausspreche, hole ich sie bereits in den Raum. Auch wenn sie immer Ideale bleiben, die nicht vollkommen verwirklicht sein werden, stellen sie sich als Qualitäten schon ein Stückchen weit ein, sobald ich sie über die schöpferische Wirkkraft der Sprache berühre.

Einen Wert denken, sprechen, beten oder als Symbol in meine Hand zu nehmen ist für mich, wie eine Tür zu öffnen zu einem Raum voller Möglichkeiten, wo eben diese Qualitäten enthalten und lebendig sind. Insofern ist jedes Werte-Wort ein Zauberwort!

Wenn ich mich wage, es zu sprechen auch wenn andere Menschen dabei sind, kann ich seine Wirkkraft verstärken.

Deshalb mache ich gern am ersten oder zweiten Januar ein Bekräftigungsritual, wo ich (allein oder zusammen mit anderen), all das an Werten, Intentionen oder Qualitäten einlade, was ich mir für das neue Jahr wünsche, und zwar so allgemein wie möglich, ohne es mit konkreten Bildern in Verbindung zu bringen (beispielsweise würde ich um „ein geborgenes Zuhause“ oder um das „Gefühl, voll und ganz zuhause zu sein“ bitten, nicht um „ein Haus mit einem Holzofen und großen Fenstern“).

Für dieses Ritual braucht es eine oder mehrere Gaben, die ich mit meinen Wünschen zusammen verschenke. Ein großes oder kleines Feuer könnte einen guten Empfänger dafür bieten (mit brennbaren Gaben wie beispielsweise Haferflocken oder selbst gesammeltem getrockneten Beifuß), oder ich könnte die Gaben (biologisch leicht abbaubar wie getrocknete Kräuter oder auch Steine, die ich mag) einem fließenden Gewässer übergeben, mit Gebeten für ihre Erfüllung. Auch große Bäume sind manchmal geeignete „Empfänger*innen“ für Gebete und Gaben.

Es kann zutiefst berührend sein, hierbei neben den Gebeten für mich selbst vor allem auch für das Wohlergehen meiner Liebsten und für alle anderen Wesen zu beten und die Qualitäten einzuladen, die ich für die Welt ersehne.

Je mehr ich meine Zeit, Aufmerksamkeit und Lebenskraft zur Verfügung stelle, um das Wohl des größeren Lebensnetzes zu bedenken, desto stärker kann ich mich als Teil des Ganzen und auch selbst davon getragen fühlen.

Teil 8 – Zukunftsbilder

Indem ich Intentionen setze und Qualitäten und Werte einlade, stelle ich in meinem Innern eine Weiche, ich setze meinen Kurs in genau diese Richtung. Ich öffne ein Türchen einen Spalt breit, durch das nun Leben strömen kann. Man könnte auch sagen, ich setze mir eine ganz bestimmte Brille auf, durch die ich nachfolgend die Welt betrachte und leicht verändert oder auch ganz neu wahrnehmen kann.

Die Zeit nach dem rituellen Bekräftigen der Neujahrs-Intentionen, wenn im Januar immer noch tiefe Dunkelheit herrscht, die Landschaft kahl und eisig bleibt, während ab und zu die Misteldrossel wehmütig singt und in den langen dunklen Nächten die Füchse heiser bellen, ist für mich eine besondere Zeit des Nichtwissens-und-damit-gut-Seins.

Im Bauch der Erde ist nun alles Vergangene verdaut und bereit ein fruchtbarer Mutterleib für das Neue zu sein. Ich versuche den ganzen Monat soweit es möglich ist termin-frei zu halten, eine gute Portion Urlaub zu machen und danach auch noch zwei, drei Wochen lang nur meinem eigenen Arbeitsflow zu folgen, damit genug leerer Raum da sein kann, in dem die zarten kreative Funken der schöpferischen Kraft und Inspiration sich einfinden können.

Nach und nach zeigen sich in meinem Innern mehr Bilder darüber, was die Zukunft von mir brauchen könnte und wie sich die gesetzten Intentionen, Werte und Qualitäten in diesem neuen Jahr verwirklichen könnten. Auch konkrete Bilder für Projekte zeigen sich, sowohl für die Arbeit, als auch persönlicher Art. Diese Bilder nähre ich durch meine Aufmerksamkeit, mein Lauschen, mein Hineinspüren – wie würde es sich anfühlen, wenn…?

Erst wenn Anfang Februar das Licht sich verändert, die Knospen der Bäume anschwellen, im Innern ihrer Stämme das Wasser wieder strömt und tief in der Erde die Vorfrühlingskraft sich zu regen beginnt, ist bei uns die Zeit gekommen, unseren immergrünen Strauch- oder Baum-Altar zu schließen und aus dem Haus zu schaffen, meistens am zweiten Februar.

In kleine Stücke zerteile ich die meist schon ganz trockenen Zweige und Äste. Mit jedem Teilchen davon, das ich ins Feuer gebe, spreche ich die Wünsche und Widmungen für das Jahr, so konkret wie ich sie in meinen inneren Bildern sehen oder erahnen kann.

Prasselnd verbrennen sie und dies ist ein guter Zeitpunkt um auch für all die Einsichten und den Zauber der gesamten Jahreswechsel-Erneuerungszeit zu danken. Jetzt sind die dazugehörigen Rituale für mich abgeschlossen und gemeinsam mit meinen Liebsten feiern wir unser Frohlocken auf alles was kommt, meistens mit einem richtig leckeren Essen hinterher.

Das Drumherum: Einen lebendigen Rahmen gestalten

Tiefes Reflektieren ist anstrengend und fordernd für uns. Es fördert Emotionen an die Oberfläche, die einen Ausdruck finden wollen, und auch die mit ihnen verbundene Energie will umgesetzt werden.

Deshalb empfehle ich dir gerade in Zeiten intensiver Innenschau auch genau das Gegenteil bewusst mit einzuplanen: Oberflächliches, Lustiges, Albernes, Leichtherziges, Verspieltes und pure Unterhaltung.

Für mich sind schon seit vielen Monaten Komiker (beispielsweise dieser hier, auch vor allem dieser und manchmal auch noch der) fast lebenswichtig geworden – ihr frischer Blick auf die Widernisse unserer Zeit hat für mich zutiefst tröstliche Wirkung und lässt mich entweder weniger hilflos fühlen – oder zumindest nicht so allein mit meinem Frust.

Wenn du die Möglichkeit hast, life oder per Telefon mit Kindern in Kontakt zu sein, würde ich dir wärmstens empfehlen, sie zu nutzen. Gerade wenn es nicht deine eigenen Kinder sind, brauchen sie dich vielleicht besonders, weil sie sich in den Ferien vermutlich mit ihren eigenen Eltern und engsten Familienangehörigen ab und zu ziemlich langweilen! :-) Eine Liste kinderfreundlicher Witze, die du am Telefon oder life vor Ort mit ihnen teilst, könnte für euch alle einen Moment herrlicher Leichtigkeit ermöglichen.

Wichtig ist es in der Erneuerungszeit auch, ganz besonders intensiv für deine körperlichen und seelischen Bedürfnisse zu sorgen:

  • viel, viel Wasser trinken
  • lange schlafen 
  • an der frischen Luft bewegen, spazieren gehen
  • Sonne tanken wenn sie sich zeigt
  • kuscheln mit Haustieren, Menschen mit denen dies möglich ist, aber auch flauschigen Decken oder Kissen
  • Berührung schenken und empfangen, auch einfach von dir selbst für dich selbst 
  • leckeres Essen für dich zuzubereiten (oder auch die Gastronomie vor Ort durch Bestellungen zu unterstützen)
  • dir selbst Wärme spenden, um mehr Geborgenheit spürbar zu machen
  • mit großen oder kleinen Taten für jemand anders etwas Liebes tun
  • vor allem wenn du dich ängstlich oder angespannt fühlst und dein Nervensystem Unterstützung dabei braucht, sich selbst zu regulieren:
  • und was immer deinem Körperwohl noch gut tut!

 

Möchtest du mehr darüber lernen, wie du Menschen auf deren Lern- und Lebensweg unterstützen
und begleiten kannst? Dann könnte dir unser Online-Paket zum Thema Mentoring gefallen….

trauer mourning

Spontane Trauerprozesse sind ein Segen – aber was braucht es um sie zu begleiten?

…aufgeschrieben von Elke Loepthien-Gerwert

 

Kaum war die Frage „Wie geht’s dir denn eigentlich?“ ausgesprochen, fingen die Tränen schon an zu fließen. Der erste Satz, noch vor der eigentlichen Antwort wurde: „Ich weiß gar nicht, warum ich jetzt so weine.“

Wenn Menschen sich sicher genug fühlen (oder die Traurigkeit groß genug wird), wagt die in ihnen angestaute Trauer, sich zu zeigen. Oftmals kommen die ersten Tränen dann ganz überraschend, sogar für die Person selbst!

Je nachdem wie viel Trauer sich angesammelt hat, kann dies auch in Situationen passieren, die von außen betrachtet gar nicht besonders sicher erscheinen:

  • zwischen Tür und Angel wenn gerade keine Zeit zu sein scheint
  • trotz ungeduldigen oder strengen Blicken anderer Menschen im Raum
  • vielleicht geschieht es irgendwo mitten in der Öffentlichkeit…

Meistens jedoch zeigt sich Trauer praktischerweise in jenen Momenten, wo gerade Raum für sie da ist – oder zumindest da sein könnte.

Trotzdem kommt mit den Tränen einer anderen Person oft große Unsicherheit in den Raum. Viele von uns konnten die Kompetenz selbst zu trauern oft nur wenig entwickeln, aufgrund unserer Sozialisation inmitten von kulturellen, historisch entstandenen Tabus. Ebenso haben wir gesellschaftlich nicht (ausreichend) gelernt, wie wir mit dem Weinen anderer hilfreich umgehen können.

Um diese maue Ausgangslage noch schwieriger zu machen, umgeben uns in Filmen und Literatur jede Menge negative Vorbilder – wo leider eher gezeigt wird, was eben nicht hilfreich ist.

Trauerprozesse sind wichtig – auch als Teil unseres alltäglichen Lebens

Neben den intensiven Trauer-Räumen im Rahmen unserer Trauer-Feuer erleben wir auch bei allen anderen Veranstaltungen und im Alltag immer wieder, wie wichtig und wundervoll es ist, wenn Menschen sich gegenseitig beim Trauern beistehen können.

Spontane Trauerprozesse begleiten ist etwas, dass wir auch als psychologische Laien füreinander schenken können – eine alltagsrelevante Kompetenz, die unserer Ansicht nach nicht zu schwer zu erlernen ist. Gerade für Menschen, die mit Kindern arbeiten oder zusammenleben ist es essentiell, deren Trauer auf eine Weise begegnen zu können, die das im Körper angelegte Potential dabei unterstützt, sich zu entfalten.

Deshalb haben wir die für uns wesentlichen Punkte dazu gesammelt, wie wir möglichst hilfreich damit umgehen können, wenn jemand anders zu weinen beginnt?

Hier sind auf unseren persönlichen Erfahrungen mit Trauerarbeit basierende Zutaten: 

1. Ehrfurcht & Gelassenheit

Auch wenn es bisher nur wenig Forschung dazu gibt, was genau im Körper passiert, wenn wir trauern und dabei weinen – die Chancen stehen ziemlich gut, dass dieser „Gefühlsausbruch“, egal wie schmerzlich und leidvoll er erscheint, trotzdem eine befreiende und erleichternde Wirkung haben kann.

Wenn es los geht hilft es deshalb, sich daran zu erinnern, dass da gerade etwas besonderes passiert – eine geheimnisvolle Möglichkeit, wie sich die inneren Selbstheilungskräfte zeigen und einen wirklich wohltuenden Wandel bewirken können.

Wenn wir in dem Moment wo Trauer anklopft darüber Ehrfurcht oder sogar Dankbarkeit für das was bevorsteht in uns finden können, entsteht in uns eine innere Weite. Dadurch sind wir in der Lage, leichter den Raum für große Themen und Prozesse wie das Trauern zu halten – weil wir mit unserer eigenen Gelassenheit und entspannten Gefasstheit ein wenig mehr Sicherheit vermitteln.   

Hebamme für Trauerprozesse sein

Ein Bild das wir in unserer Arbeit oft nutzen, um eine hilfreiche innere Haltung zu erleichtern, ist das von einer Geburt:

Wenn wir jeden kleinen Trauerprozess als eine Art Neugeburt für ein zumindest ein bisschen gewandeltes, erneuertes Selbst ansehen, können wir auch trotz schwerer Emotionen die sich zeigen, doch wie eine Hebamme aufmerksam, mitfühlend und sogar vorfreudig da sein, bezeugen was passiert und einen schützenden Rahmen dafür halten.

Wenn du selbst in dir Unsicherheit fühlst, wenn jemand zu weinen beginnt, kann es helfen, deinen Vagus-Nerv bewusst anzuregen.  Der Vagus ist ein komplexes Organ, das sich fast durch unseren gesamten Oberkörper zieht und die Aktivität vieler anderer Organe beeinflusst. Der US-amerikanische Traumatherapeut und Autor Resmaa Menakem nennt ihn auch unseren „Seelen-Nerv“. Ihn zu stimulieren hilft unter anderem dabei, innere Gelassenheit zu finden, offen, aufmerksam und mitfühlend mit anderen Menschen kommunizieren zu können und auch angesichts schwieriger Emotionen handlungsfähig zu bleiben.

Wir können den Vagus jeden Tag stärken, auf ganz verschiedene Weisen, was sich auf unser allgemeines Wohlbefinden auswirkt. Wenn Trauer los geht, vor allem wenn wir ein wenig ängstlich und nervös darüber sind, brauchen wir einen schnellen Impuls für den Vagus-Nerv, beispielsweise ein paar tiefe Atemzüge bei denen wir bewusst unser Ausatmen verlängern oder auch ein Gebet, dass wir mit oder ohne Worte in Stille in uns sprechen oder fühlen, beispielsweise für Unterstützung bei dem was jetzt gerade geschehen will.

 

2. Aufmerksamkeit & Mitgefühl

Für die wohltuende oder sogar kathartische Wirkung des Trauerns ist es vor allem wichtig, dass Tränen & Weinen von der Person selbst angenommen werden können. Leichter geht das, wenn deutlich spürbar ist, dass es wirklich ok für die anderen Personen im Raum ist, dass das jetzt gerade passiert.

Das können wir als Gegenüber non-verbal signalisieren: mit offenem Blick, bestärkendem Nicken oder gerade auch wenn sich jemand wegdreht, mit ganz klaren einfachen Aussagen wie: „Es ist ok“ oder „ich habe Zeit“ oder „wir sind bei dir.

Trauerprozesse können eine große Kraft entfalten. Manchmal fühlt sich das dann an, als ob der Körper die Sache einfach in die Hand nimmt und man mit Verstand und Willenskraft fast nichts dagegen tun kann.

Dabei ist es in vielen gesellschaftlichen Kontexten völlig tabu oder ein Zeichen von Schwäche, einfach loszuheulen. Kein Wunder also, dass viele Menschen innerlich Scham empfinden und gegen ihre Tränen ankämpfen.

Nicht trauern wollen

Nicht wenige Erwachsene heute wurden als Kinder fürs Weinen bestraft oder isoliert, weggeschickt bis sie sich wieder „beruhigt“ haben. Für ein Kind, dessen Leben davon abhängt, die Beziehung zu den engsten Erwachsenen nicht zu verlieren, wird es dadurch schnell zur Überlebensstrategie, nicht oder möglichst wenig zu weinen. Strenge Regeln im Berufsleben oder auch im Freundeskreis können solche Strategien noch verfestigen.

Ein auf diese Weise verinnerlichter Druck, bloß nicht zu weinen, kann deshalb wenn Trauer anklopft sogar zu einer regelrechten Überlebensreaktion führen, durch die ein Mensch aus innerer Not heraus statt zu trauern beginnt zu kämpfen, flüchten oder in Starre zu verfallen. Über längere Zeiträume Trauer zu unterdrücken kann laut unserer Lehrerin Sobonfu Somé depressiv machen, zu Krankheiten, Aggressionen bis hin zu Selbstverletzungen oder Gewalt gegenüber anderen führen.

Auch wissenschaftliche Studien weisen darauf hin: Emotionen zu unterdrücken steht in Verbindung mit einem schwächeren Immunsystem, Herzerkrankungen, Bluthochdruck sowie mit seelischen Problemen wie Angstzuständen und Depressionen.

Je mehr Gelassenheit und großherziges Willkommen wir als Gegenüber ausstrahlen können, desto leichter kann es für die weinende Person werden, auch kritischen inneren Stimmen zum Trotz den psycho-biologischen Prozessen ihres eigenen Körpers doch zu vertrauen und die Trauer jetzt fließen zu lassen.

Damit wir hilfreich da sein können, müssen wir innerlich still werden können und in der Lage sein, alle Impulse uns einzumischen, die andere Person anzufassen, ihr Taschentücher hinzuhalten oder auf irgendeine andere Art und Weise den eigentlichen Prozess zu beeinflussen, innerlich beiseite schieben.

Herzenswunsch für Wohlergehen

Mitgefühl – so wie wir es meinen – bedeutet, eingestimmt das Leiden des anderen wahrzunehmen, während wir gleichzeitig unsere Aufmerksamkeit voll und ganz auf das Wohlergehen dieser Person richten und von Herzen einen tiefen Wunsch dafür halten, hilfreich da sein zu können, für das Wohlergehen dieses anderen.

Ein mitfühlender Blick auf das Leiden der anderen (und auch auf unser eigenes Leiden) hilft unserem Nervensystem dabei, gut reguliert zu bleiben während wir die Gefühle und Emotionen der anderen wahrnehmen. Damit dient Mitgefühl uns auch dafür, emotionalen Burnout zu vermeiden, selbst wenn wir andere unter schwierigen Umständen begleiten.

Wenn du in einer Situation bist, in der Zeit nur begrenzt zur Verfügung steht, kann es in diesem Moment hilfreich sein, allen im Raum (einschließlich der trauernden Person) zu signalisieren, dass es „ok ist, wir haben Zeit hierfür, das hier ist wichtig!

(Meiner Erfahrung nach ist immer genug Zeit für einen spontanen Trauerprozess. Denn was sich für die Person, die es durchlebt, manchmal schon vorher wie ein Fass ohne Boden und mittendrin dann wie eine kleine Ewigkeit anfühlen kann, eben weil es so intensiv ist, dauert tatsächlich eigentlich immer nur ein paar kurze Minuten.)

 

3. Einfühlen & Validieren

In dir kannst du mit-fühlen, was die andere Person durchmacht, die Emotionen der anderen werden auch in deinem Körper fühlbar. Wenn du dies zulässt kann dein Gegenüber sich „gefühlt fühlen“ – eine wesentliche Zutat dafür, dass der Prozess sich entfalten kann. Indem du gleichzeitig den Wunsch für das Wohlbefinden des anderen lebendig in dir hältst kannst du deinem eigenen Nervensystems beim sich selbst regulieren helfen.

Das Nervensystem deines Gegenübers kann dank dieser Mischung an der Gelassenheit in dir andocken und sich selbst auch regulieren. Deine Empathie zu schenken ist besonders wichtig wenn Menschen damit ringen, ihre Trauer überhaupt zuzulassen. Dein mit-empfinden kann ihnen dabei helfen, sich selbst intensiver zu fühlen während sie sich gleichzeitig von deiner Aufmerksamkeit sicher gehalten fühlen.

Validieren bedeutet, die Gefühle und Emotionen anzuerkennen und sie als „ganz menschlich“ und „normal“ zu bestätigen. Praktisch kannst du das beispielsweise durch Nicken vermitteln, auch durch gelegentliches zustimmendes Brummen, bestätigenden Augenkontakt und anderes non-verbales Ausdrücken deiner inneren Zustimmung zur Wahrhaftigkeit der Empfindungen, Bilder, Gefühle, Erkenntnisse und mehr die ausgedrückt werden.

(Selbst wenn die Person beim Trauern etwas äußert, dass dir inhaltlich nicht wirklich wahr erscheint, ist es trotzdem wichtig zu validieren, dass es geteilt wird, selbst wenn es nur darum geht das Sprechen an sich als einen essentiellen und vielleicht notwendigen Schritt für ein sich entwickelndes Verständnis der eigenen Situation zu bekräftigen.)

 

4. Ankern & Beschützen

Manchmal sind wir die einzigen Menschen, die einen Trauerprozess mitbekommen oder wenngleich auch viele ihn vielleicht bemerken manchmal die einzigen, die keine Angst davor haben. Je unruhiger die Umgebung ist und je intensiver eine Person ins Trauern kommt, desto wichtiger ist es, dass wir wirklich dabei bleiben, den Menschen nicht allein lassen.

Inmitten der turbulenten Emotionen können wir ein Anker sein, der Halt gibt auch wenn es gerade stürmt.

Manchmal ist es dafür auch wichtig, für physischen Schutz zu sorgen, beispielsweise Schatten zu spenden, eine warme Decke zu holen, Schaulustige weiterzuschicken oder zu beruhigen, oder auf eine andere Weise dafür zu sorgen, dass die trauernde Person keinen physischen Gefahren ausgesetzt ist.

Denn Trauern kann still und zart ablaufen, aber auch durchaus Aufsehen erregend daher kommen: Mit Schwitzen, Zittern, lautem Schluchzen und Beben, Jaulen und Wehklagen, ruckartigen Bewegungen oder auch Ausdrücken von Wut und Zorn.

Falls jemand im Trauern beginnt, sich selbst zu beschimpfen (oder auch anderen Menschen gegenüber Aggressionen zu äußern) kann es wichtig sein, schützend einzugreifen. Denn was wir uns Schlimmes sagen, ist schwer wieder zu vergessen. Auch hier können ganz einfache Botschaften helfen, die Selbstvorwürfen oder Selbsthass etwas entgegen setzen und zeigen, dass jemand einfach liebe-voll da ist, zum Beispiel: „Für mich bist du ein Mensch, der wie alle anderen Menschen verdient geliebt zu werden/ respektiert / akzeptiert / gleichwürdig behandelt zu werden…“

 

5. Raum & Fürsorge

Wenn die Welle der Trauer abgeklungen ist, ist es wichtig, dem Menschen noch ein bisschen Zeit zu lassen.

Oft fühlen Trauernde sich nach dem Weinen erstmal still und leer oder sogar erschöpft. Sie sind noch nicht gleich wieder ganz zurück von ihrer intensiven „Seelenreise“. Wichtig ist, hier mit der Aufmerksamkeit noch bei der Person zu bleiben, noch ein wenig Stille zusammen zu genießen, verbunden mit tiefem Atmen und vielleicht dem ein oder anderen Seufzer.

Wenn die Person langsam wieder „zurückkehrt“ kann ein guter Moment sein, um eine warme Decke, eine Umarmung, ein liebevolles Lächeln oder irgendetwas anderes anzubieten, das gerade nährend und stimmig für die Person und den Moment sein könnte.

(Mit der liebevollen Zuwendung kann es gut sein, dass eine zweite Welle des Trauerns losgeht. Denn oftmals können wir uns noch sicherer fühlen, noch mehr loslassen, wenn wir von einem anderen Menschen, dem wir vertrauen, gehalten werden.)

6. Bekräftigen & Würdigen

Bezeugt werden macht einen großen Unterschied für seelische Prozesse und hier geht es darum, dies deutlich erfahrbar zu machen. Für viele Menschen sind Worte der Dankbarkeit, Wertschätzung, Anerkennung und Bestätigung oder Bekräftigung für das was gerade passiert ist hilfreich. Zum Beispiel: „Wow, danke dass du diesen Moment jetzt gerade mit mir/uns geteilt hast und ich dich dabei bezeugen konnte.“

Diese Art von Willkommen heißen dessen, was gerade passiert ist, kann meines Erachtens auch helfen, manchmal noch rückwirkend einsetzenden Gefühle von Scham über diesen „emotionalen Ausbruch“ zu relativieren, indem eben nicht verurteilt, sondern auf eine Weise vielmehr gefeiert wird, dass er stattgefunden hat.

 

7. Bedeutungsgebung erleichtern

Manchmal haben Menschen auch ein Bedürfnis, mitzuteilen was da gerade in ihnen vor sich gegangen ist. Meine Empfehlung ist, ihnen eine Einladung dafür auszusprechen, beispielsweise „Würdest du gern etwas darüber erzählen, was gerade passier ist?“ oder „Ich würde gern mehr darüber hören, was das jetzt gerade für dich bedeutet hat, magst du ein bisschen darüber teilen?

Hier ist es sinnvoll auch zu benennen, dass es ebenfalls völlig in Ordnung ist, nichts zu sagen oder erst zu einem späteren Zeitpunkt.

Wichtig ist, sich hier nicht selbst einzumischen, also dem anderen eigene Interpretationen überzustülpen, sondern die Deutungshoheit bei der Person zu belassen, die den Prozess durchlaufen hat.

Beim Trauern ziehen wir uns ein Stück weit zurück aus dem Hier und Jetzt und erleben stattdessen im Inneren oft alles mögliche: Innere Bilder oder andere Sinnesempfindungen können aktiv sein, Erinnerungen mischen sich mit Vorstellungen auf eine sehr stark assoziative Weise, so wie wir es vielleicht am ehesten vom Träumen her kennen.

Dazu kommt die Intensität der schmerzlichen Emotionen, die oft bereits schon während des Weinens durchmischt sind auch von angenehmen Gefühlszuständen wie Dankbarkeit. Dank dieser Intensität kann das was während des Trauerns passiert als besonders reichhaltig und bedeutungsschwer erlebt werden. Oftmals werden im Trauerprozess neue Entwicklungsschritte vorweg genommen und auf eine Weise innerlich begonnen oder durchlebt.

In unserem Verständnis ist Trauern ein komplexer Integrationsprozess, der als Potential in uns Menschen biologisch angelegt ist und sich in der ganz frühen Kindheit, ermöglicht durch Unterstützung von unseren Bezugspersonen entfalten kann. Denn indem wir intensiv weinen und uns unserem inneren Erleben hingeben, ordnen wir neu, was in unserem Leben verloren gegangen ist oder unverbunden scheint. Dabei können wir ein Stück weit genau das verinnerlichen, was uns so schmerzlich fehlt.

 

8. Integration einladen

Je nach Situation kann dann ein günstiger Moment kommen, um eine Pause zu nehmen, um noch ein bisschen verdauen und integrieren zu können, was gerade passiert ist.

Gerade weil es so eine wunderbare Referenzerfahrung sein kann, beim Trauern begleitet zu werden, ist es richtig hilfreich, dieses Erlebnis nicht gleich wieder zu überdecken. Ein (gemeinsamer) Spaziergang kann hier schön sein, vor allem wenn dabei ein bisschen Natur sichtbar ist, auch zusammen etwas essen oder trinken kann gut tun.

Falls eine Pause gerade nicht möglich oder sinnvoll ist, kann es hilfreich sein, zusammen zumindest einen oder ein paar tiefe Atemzüge zu nehmen, bevor es weitergeht.

Eine andere beliebte Methode um die Erfahrung quasi zu besiegeln ist es, die Person zu fragen, ob sie eine Umarmung von dir (oder von jemand anderem im Raum?) bekommen möchte, oder sich wünscht, dass noch jemand neben ihr sitzen bleibt?

 

9. Nochmal danken

Auch für dich als begleitenden Person ist es hilfreich, einen Abschluss für dieses sicherlich aufwühlende Erlebnis zu finden. Dies kann ein innerliches oder auch laut ausgesprochenes Danken sein, vielleicht für die Unterstützung die du ganz am Anfang eingeladen hattest, vielleicht für deinen Körper und deinen Geist, der dir da durchgeholfen hat, oder für was auch immer auf einer spirituellen Ebene für dich als Quelle von Unterstützung möglich erscheint.

Auch eine innere Widmung oder ein Gebet dafür, dass die Erfahrung zum Wohlergehen der Person weiterwirken soll, kann ganz am Ende helfen, für dich selbst das Erlebnis rund zu machen.

 

Was du ganz sicher lieber nicht tun solltest, wenn jemand beginnt zu weinen

 

…ignorieren was passiert

Auch und gerade wenn jemand sich der eigenen Tränen schämt ist es wichtig, eben nicht wegzuschauen und so zu tun als ob nichts wäre. Als Menschen sind wir zutiefst soziale Wesen. Unsere seelischen Heilungsprozesse sind davon abhängig, bezeugt zu werden. In unserem größten Schmerz unsichtbar oder unbemerkt zu bleiben oder nicht validiert zu werden wird oftmals schmerzhafter erlebt als das eigentliche Leiden.

Im Gegenzug scheint das Erleben von zwischenmenschlicher Unterstützung ein ganz wesentlicher Faktor dafür zu sein, trotz traumatischer Erlebnisse keine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln.

Wenn irgendwie möglich ist es also essentiell bedeutsam, sich einer trauernden Person zuzuwenden und mit deiner vollen Aufmerksamkeit bei ihr zu bleiben.

…beruhigen wollen

Ein Trauerprozess ist keine Panikattacke, auch wenn die Person beim Weinen heftig atmet oder laut schluchzt, zittert oder sich sogar schüttelt und zuckt. Im Gegenteil, unsere Erfahrung ist: Wer weint fühlt sich gerade sicher genug – sonst könnte das Trauern gar nicht beginnen. Hier zum Beruhigen aufzufordern setzt eine trauernde Person vielmehr unter Druck, den Prozess zu stoppen und die Trauer (wieder) runterzuschlucken.

So eine Erfahrung kann zu einer großen Last werden, es beim nächsten Mal noch schwieriger machen, überhaupt einen Trauerprozess wagen zu können und zudem auch inneren Zorn schüren – auf sich selbst oder auf andere.

…Taschentücher zücken oder anderweitig eingreifen

Auch wenn Menschen heftig weinen, noch mehr aber wenn die Trauer sich gerade erst sachte zeigt, wohnt jedem Trauerprozess etwas Zartes inne, das bei egal welcher Art von Unterbrechung schnell wie zurückweichen und sich wieder verschließen kann. Beim Trauern blenden wir das Hier und Jetzt ein Stück weit aus, wandern mit der Aufmerksamkeit tief nach innen. Auch eine wohl gemeinte Geste wird dabei letztendlich eine Ablenkung darstellen, die ausreichen kann um eine Person aus dem Trauern wieder herauszuholen – vielleicht bevor der Trauerprozess durchlaufen werden konnte.

Taschentücher gereicht zu bekommen signalisiert für viele Trauernde zudem, dass es nun Zeit ist, sich wieder zu „beruhigen“. Im schlimmsten Fall kann das dazu führen, dass schmerzhafte Emotionen einfach „runtergeschluckt“ werden und die wohltuende Wirkung des Weinens sogar ganz ausbleibt.

Ähnliches gilt auch für alle anderen Sorten von Maßnahmen, die wir gut meinen, die aber doch Eingriffe darstellen, z.B. ganz nah rangehen, räuchern, singen oder tönen, ein Getränk anbieten und alles, was eine Veränderung des Rahmens oder der Situation bewirken würde.

…blindlings umarmen oder berühren

Oft erkennen Menschen in Weinenden ein Bedürfnis danach, gehalten zu sein und körperliche Unterstützung zu erfahren, wie wir es von Kindern kennen. Auch wenn diese Wahrnehmung prinzipiell stimmen kann, ist es doch heikel, die Verletzlichkeit des Momentes zu nutzen um ungefragt körperlich zu berühren und anzufassen, oftmals sogar ohne die Person dabei überhaupt anzuschauen. Denn meist sind wir es selbst, denen es schwer fällt, jetzt gerade die leidende Person in Ruhe zu lassen, weil es ein Gefühl von Hilflosigkeit mit sich bringen kann, nicht einzugreifen.

Mit vorschnellem Körperkontakt machen wir es uns vielleicht selbst leichter – in der Regel aber nicht dem Menschen, der gerade begonnen hat zu trauern.

Berührung ist eine Form des zwischenmenschlichen Kontaktes die immer nur in bewusstem, gegenseitigem Einvernehmen stattfinden sollte.

Berühren ist auch eine Unterbrechung

Fassen wir eine trauernde Person an, kann dies dazu führen, dass der Prozess unterbrochen wird, weil das System nun statt mit dem eigentlichen Trauern damit beschäftigt ist, die Situation neu einzuschätzen. Im schlimmsten Fall jedoch verhindert die verletzliche Verfassung des trauernden Menschen, dass sie klar kommunizieren kann, welche Art von Berührung sie gerade gar nicht möchte – so dass ein gut gemeintes Umarmen als übergriffig oder sogar gewaltvoll erlebt werden kann und zusätzliches Leid erzeugt.

Wenn wir Menschen durch Trauerprozesse begleiten, die wir sehr gut kennen und mit denen wir eine Beziehung haben, die von körperlicher Nähe geprägt ist, dann ist es auch beim Trauern nicht so heikel, wenn wir berühren. Oft kommen insbesondere Kinder sogar auf uns zu um uns von sich aus zu umarmen, sich anzukuscheln oder halten zu lassen.

Für alle anderen Situationen empfehle ich ganz konsequent, erst einmal wirklich abzuwarten und die Person eher innerlich mit dem Herzen zu halten, statt sie anzufassen. Die liebevolle Aufmerksamkeit, die wir in uns fühlen, wird auch über Blicke und unsere Haltung übertragen werden können.

Wenn dann die erste Welle des Trauerns verklungen ist, kann danach der richtige Zeitpunkt kommen, um eine Umarmung oder Berührung anzubieten – denn für viele Menschen kann dies ein Element zum Abschließen des Trauerprozesses sein. Natürlich ist es dabei essentiell wichtig, auch hier nur anzubieten, nicht aufzudrängen, und ein „Nein“ oder „jetzt nicht“ zu akzeptieren.

 

Zusammenfassung

Wenn jemand anders zu trauern beginnt, dann lieber nicht:

  • ignorieren
  • versuchen zu beruhigen
  • Taschentücher zücken oder anderweitig eingreifen
  • schnell berühren oder umarmen

Stattdessen hilft bei Trauerprozessen:

1. Ehrfurcht & Gelassenheit

ein Wunder beginnt und ich darf es bezeugen!
Dabei Unterstützung für den Prozess einladen.

2. Aufmerksamkeit & Mitgefühl

volle Aufmerksamkeit auf den trauernden Menschen und
ein Herzensgebet für dessen Wohlergehen halten.

3. Einfühlen & Validieren

im Körper mitfühlen und bestätigen, dass es ganz
menschliche Emotionen sind, die die andere Person da durchmacht

4. Ankern & Beschützen

da bleiben, Rückversicherung schenken und Raum halten,
dabei physischen Schutz sichern

5. Zeit & Fürsorge

ein langsames Abebben der Trauer erlauben, danach,
wenn die Person wieder ganz ins hier und jetzt zurück kehrt,
Nährendes für Körper oder Seele anbieten

6. Bekräftigen & Würdigen

die Person „willkommen zurück“ heißen und bestätigen,
dass gerade etwas Wichtiges passiert ist

7. Bedeutungsgebung erleichtern

einladen, sich mitzuteilen darüber, was gerade innerlich passiert ist
und welche Bedeutung die Person dem gibt

8. Integration einladen

eine Pause ermöglichen, damit die Erfahrung sich setzen
und weiter verarbeitet werden kann

9. Danken

um selbst gut abschließen zu können, nochmals (innerlich) danken
und mit einem Segens-Wunsch für das Wohlergehen
der anderen Person das Ganze besiegeln

 

Die weitere Entwicklung

Manche Trauerprozesse, vor allem wenn sie bezeugt und begleitet werden, können regelrechte Meilensteine im Leben eines Menschen darstellen. Dabei werden auf einer seelischen Ebene grundlegende Weichen für die Zukunft neu gestellt.

Deshalb kann es besonders schön sein, wenn diese Momente nicht in Vergessenheit geraten, sondern wir nach ein paar Tagen, Wochen oder sogar Monaten noch einmal gefragt werden, wie sich dieses Thema, dieser Schmerz, dieser Verlust in unserem Leben weiter entwickelt hat? Und wie wir heute auf diesen Moment damals im Redekreis, im Büro, beim Spaziergang (oder wo auch immer der Trauerprozess sich ereignet hat) zurückschauen?

 

Meta-Ebene & Referenzerfahrungen für Trauerprozesse

Je mehr wir über das Trauern wissen, desto leichter, einfacher, selbstverständlicher können wir für uns selbst und für andere Raum dafür halten.

Vor allem hilft es, nicht nur kognitiv über das Trauern zu lernen, sondern auch durch Erlebnisse und Referenzerfahrungen in sicher gehaltenen Trauer-Räumen.

Heute erscheint es Tag für Tag notwendiger, die wundersame Fähigkeit unseres Körpers zu trauern und auch Trauern zu begleiten (wieder) zu einem Teil des menschlichen Zusammenseins werden zu lassen – denn es gibt so vieles zu betrauern, so viele Verluste, die wir schon erlitten haben und die uns noch bevor stehen.

Egal ob es die Lage der Welt ist oder ganz persönliche Trauer – so wie es in einem Trauerlied aus der Dagara-Kultur in Westafrika heißt, in der Sobonfu Somé beheimatet war: „Wir können dies hier nicht alleine schaffen“. Je größer die Trauer ist, die wir in uns tragen, desto wichtiger ist es, dass wir dafür Unterstützung bei anderen Menschen finden können.

Findest du auch, Trauern sollte (wieder) ganz normal sein dürfen?

Dann könnte dir vielleicht unsere Weiterbildung in Trauerprozessbegleitung gefallen.

Darin kannst du erfahrungsorientiert unseren trauma-sensitiven Ansatz zum sicheren Begleiten für Trauerprozesse erlernen und ausprobieren.… 

grieving

 

WICHTIG:

Dieser Artikel und die Empfehlungen darin ersetzten keine (psycho-)therapeutische Begleitung.

Solltest du selbst oder jemand den du kennst in akuter seelischer Not sein, kannst du beispielsweise bei der Telefonseelsorge erste Hilfe finden: Die TelefonSeelsorge® ist Tag und Nacht erreichbar, auch an Wochenenden und Feiertagen. 

Telefon: 0800.1110111 und 0800.1110222 oder online: https://online.telefonseelsorge.de/
Für psychotherapeutische Begleitung kannst du beispielsweise hier professionelle Anbieter*innen in deiner Nähe finden: https://www.somatic-experiencing.de/traumatherapeuten-finden/ 
angst vor dem krieg

So viel Angst vor dem Krieg und rund um den Krieg, die in vielen von uns und um uns spürbar ist –
wie können wir trotzdem klarkommen und irgendwie hilfreich sein?

Sieben mögliche Handlungsfelder, aufgeschrieben von Elke Loepthien-Gerwert…

 

Das Grauen über den Krieg schnürt vielen die Kehle zu. In einer Umfrage zu Beginn des Krieges sagten fast 70 % der Menschen in Deutschland, sie würden den Ausbruch eines dritten Weltkriegs befürchten. Doch auch ohne Atomraketen ist die Lage schlimm genug.

Lähmend ist die Hilflosigkeit angesichts des Leidens, das gerade jetzt und immerzu auf die Menschen hereinbricht, in der Ukraine und auf der Flucht, die gerade in diesem Moment mit Todesangst, Hunger und Kälte, mit Rassismus oder Menschenhandel konfrontiert sind, ebenso die Angst davor, was daraus noch weiter erwachsen könnte.

Es ist wie ein Erwachen in einer niemals gewollten Wirklichkeit, von der überhaupt nicht absehbar ist, wie sie sich entwickeln wird.

Der Angst begegnen

„Ein großer Unterschied zu anderen, irrationalen Ängsten ist, dass diese Angst real ist“, sagt Jörg Angenendt, Leitender Psychologe der Psychotraumatologischen Ambulanz des Uniklinikums Freiburg im Gespräch mit der ZEIT.

Wie können wir damit klarkommen? Wie können wir selbst gesund bleiben, für unsere Liebsten sorgen, hilfreich für die vielen Menschen sein, die unsere Unterstützung wirklich gut gebrauchen können UND dann auch noch dazu beitragen, dass die Klima-Katastrophe aufgehalten werden kann?

Diese Fragen haben wir uns oft gestellt in den letzten Tagen. Hier sind  sieben haltgebenden Handlungsmöglichkeiten, die wir finden konnten…

1. Nachrichten- & Medien-Konsum regulieren, aber nicht komplett vermeiden

Schlimme Nachrichten lösen Stress aus, und unsere Fähigkeit klar zu denken wird zunehmend eingeschränkt.

Die CIA-Analystin Cindy Otis beschreibt, was uns passieren kann, wenn wir tagtäglich so viel negative Nachrichten erfahren:

  • Gleichgültigkeit – wenn uns das Schlimme irgendwann ganz „normal“ erscheint.
  • Lähmung – wenn wir so überfordert und überwältigt sind, dass wir uns außerstande fühlen, irgendwas zu tun
  • Endzeitstimmung – wenn jede weitere Neuigkeit uns in Alarmbereitschaft versetzt, dass bald alles vorbei sein könnte
  • Depression oder Post-Traumatische Belastungsstörungen – selbst wenn wir gar nicht life dabei waren – schlimme Meldungen nur allein zu hören, genügt manchmal um beides auszulösen
  • Physische Symptome – Schwindel, Kopfschmerzen, Fieberschübe, Konzentrationsschwäche, Erschöpfung usw.

Doch unsere Wahrnehmung konzentriert sich nun einmal besonders auf alles was gefährlich sein könnte. Deshalb interessieren wir uns vorwiegend für negative Neuigkeiten, nicht nur in Kriegszeiten. Schon 1977 zeigten  71,4 Prozent aller TV-Nachrichten Hilflosigkeit.

Dabei kann gerade das wiederholte Betrachten von Hilflosigkeit regelrecht ansteckend sein. Wir lernen dabei quasi, uns selbst hilflos zu fühlen und unsere Bereitschaft, aktiv gesellschaftlich mitzuwirken, könnte sogar sinken – so dass wir weniger hilfsbereit handeln.

Den Teufelskreis durchbrechen

Wenn wir erstmal Angst haben, fühlen wir noch stärkeren Drang, immer mehr beängstigende Informationen zu sammeln. „Exzessiver Nachrichtenkonsum ist ein Versuch, die Kontrolle wieder herzustellen, die wir gerade aber nicht haben können“, sagt Ceylan Schuster, aus der Angstambulanz Frankfurt.

Sie empfehlt einen reduzierten Medienkonsum, warnt aber gleichzeitig davor, sich den Nachrichten komplett zu entziehen: „Durch Vermeidung wird die Angst nur größer.“

Menschen, die bewusst gar keine Nachrichten konsumieren, begründen ihre Entscheidung oft damit, dass die Meldungen ihre Stimmung schwer beeinträchtigen würden und sie nicht das Gefühl hätten, „irgendetwas tun zu können“.

Nach Tröstlichem und Ermutigendem suchen

Viele Menschen verspüren deshalb einen Wunsch nach mehr Berichten über Lösungen in den Medien. Di