…aufgeschrieben von Elke Loepthien

Demut ist eine Art Meister-Tugend – wenn Menschen sie entwickeln, kann sie andere Tugenden herbeiführen“, schreibt der Tugend-Forscher Everett Worthington.

Zur Demut gehören laut ihm und anderen Autor*innen Eigenschaften und Verhaltensweisen wie:

  • ein Gewahrsein unserer persönlichen Stärken und unserer Schwächen, ebenso eine Bereitschaft, zu diesen Schwächen zu stehen während wir daran arbeiteten, sie besser zu machen.
  • die Überzeugung, dass andere Menschen ganz genauso gut und wertvoll sind wie ich selbst, die sich auch darin zeigt, wie ich mich selbst darstelle.
  • eine Offenheit dafür, dass noch unbekannte, ganz neue Informationen möglich warten könnten, die meine Sichtweisen vielleicht sogar verändern.
  • ein aufrichtiger Fokus auf dem Wohlbefinden der Menschen um mich herum und die Bereitschaft, ihnen und ihren Ideen zuzuhören.
  • Wertschätzung für die Stärken und Beiträge von anderen.
  • ein Interesse an Ratschlägen und Feedback.
  • kein rücksichtsloses Erteilen von nicht hilfreichen Ratschlägen und Feedback an andere.
  • Bereitschaft, Verantwortung für meine eigenen Fehler zu übernehmen und diese wiedergutzumachen.
  • Ein Fehlen von arroganten oder überheblichen Verhaltensweisen, Stolz und narzisstischem Anspruchsdenken
  • Wahrhaftigkeit und Einfachheit, Anspruchslosigkeit.
  • keine Neigung dazu, Regeln zu umgehen oder sich durchzumogeln.
  • die Abwesenheit von manipulierenden, gierigen, heuchlerischen oder sich anbiedernden Verhaltensweisen

Demütige Menschen sind körperlich und seelisch gesünder. Sie verhalten sich auch großzügiger, sind hilfsbereiter und dankbarer – was sie attraktiv für andere macht. Außerdem fällt es ihnen leichter, ihre eigenen Impulse bewusst zu lenken und sie überstehen stressige Erlebnisse mit weniger negativen Folgen.

Und Demut kann noch vieles mehr:

Demut ist schlau und macht noch schlauer

In einer Studie mit Schulkindern fanden Forscher heraus, dass Kinder, die ihr eigenes Wissen von vornherein als nicht besonders groß einschätzten, allgemein eine höhere Punktzahl im Intelligenztest erreichten. Die Kinder, die in einem kooperativen Spiel dazu tendierten, Fragen an andere weiterzugeben (ein Indikator für größere Demut), achteten insgesamt mehr auf ihre eigenen Fehler oder waren sich stärker darüber bewusst, wenn sie einen Fehler gemacht hatten.

Indem wir unsere Fehler reflektieren, statt sie zu ignorieren oder zu verleugnen, können wir auch unser Scheitern in eine Gelegenheit zu lernen verwandeln.

Eine andere  Studie kam zu dem Schluss, dass demütigere Schüler mehr Lust aufs Lernen hatten, von ihren Lehrern als wissbegieriger wahrgenommen wurden, und effektivere Strategien nutzten, um ihr eigenes Verständnis zu verfeinern, zum Beispiel indem sie sich selbst prüfende Fragen stellten.

 

Demut statt Verblendung

Demutsvolle Rücksicht ist das ziemliche Gegenteil von Theorien die davon ausgehen, dass unser eigenes Leben makellos wird, sobald wir uns nur auf Licht und Liebe konzentrieren. Wann immer wir so einem Irrglauben verfallen, können wir nicht mehr wahrnehmen, was unser eigenes Handeln eventuell für Schaden anrichtet.

Wenn wir die oft schmerzhafte Auseinandersetzung mit unseren eigenen Schwächen und Problemen zu vermeiden versuchen, indem wir uns die Ursache für unsere Schwierigkeiten im Alltag und in unseren Beziehungen primär über spirituelle oder magische Konzepte erklären, verfallen wir Spiritual Bypassing – dem aussichtslosen Versuch dem eigentlichen menschlichen Leben, das voll von Schattenseiten und Schwierigkeiten ist, zu entgehen und lieber gleich zu Engeln zu werden.

Betrachten wir die Welt von ganz weit oben durch die verzerrte Brille solch einer demutslosen Überzeugung, kann das im schlimmsten Fall zu der tragischen Einstellung führen, dass Menschen, denen Schreckliches widerfahren ist, auf irgendeine Weise selbst daran schuld sein müssen – und wir selbst somit keinerlei Verantwortung dafür tragen oder unterstützend eingreifen könnten. Dabei steht es heute vielmehr an, sich mit den eigenen, oft über Jahrzehnte oder Jahrhunderte entstandene und verstärkte Privilegien auseinanderzusetzen, aufgrund derer viele von uns hier mitten in Europa in eine machtvollere Stellung innerhalb der Gesellschaft quasi hineingeboren werden und von der fortbestehenden, subtilen oder offenen Unterdrückung anderer profitieren.

Demütig auf unsere gesellschaftliche Situation zu schauen bedeutet auch, anzuerkennen, dass mir selbst die vielen Ressourcen, auf die ich zugreifen kann, nicht mehr (oder weniger) zur Verfügung stehen, als allen anderen, weil alle Menschen gleichwürdig sind und dasselbe Recht auf die Versorgung ihrer Lebensbedürfnisse haben (sollten) wie ich selbst.

Es hilft mir auch, mein eigenes Handeln darauf auszurichten, dass dies in Zukunft mehr gelingen kann, indem ich meine Privilegien (wie ausreichend finanzielle Mittel, die Möglichkeit, auf der politischen Ebene Einfluss zu nehmen oder den Zugang zu Wissen und Bildung) bewusst und aktiv mit denen teile, die ohne dies keinen oder nur begrenzten Zugriff darauf haben.

Es bedeutet, nicht blindlings als erste über die Zielgerade zu sprinten, sondern mich umzusehen, Rück-Sicht zu üben und dafür zu sorgen, dass ich andere ein Stück weit mitnehmen kann.

Mit Demut Brücken bauen

Nicht nur zwischen den politischen Ansichten der Menschen rund um den Umgang mit dem Corona-Virus haben sich tiefe Meinungs-Klüfte aufgetan, verstärkt durch die einseitigen News-Blasen in denen sich die viele Menschen aufgrund der Algorithmen von Facebook & Co bewegen (dank derer sie immer nur mehr von denselben Meinungen und Erklärungsmodellen vorgesetzt bekommen).

Innerhalb persönlicher Beziehungen scheint auch hier bei uns ein Trend dahin zu gehen, gar nicht mehr über streitbare politische Fragen miteinander zu sprechen, wie es sich im extrem in den USA beobachten lässt.

Dabei ist eigentlich ganz klar, das fast alle schwerwiegenden Probleme die direkt vor uns liegen, sich nur lösen lassen werden, wenn wir zusammenhalten – egal ob in der Familie oder global als gesamte Menschheit.

Viele Forschungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass Demut hilfreich dafür sein kann, auch angesichts vordergründiger politischer Differenzen in Verbindung zu bleiben und gemeinsame Wege finden zu können. Demut erleichtert es uns, über unsere eigenen Kampf- oder Flucht-Impulse, die nicht selten durch die Konfrontation mit einer anderen politischen Sichtweise in unserem Nervensystem ausgelöst werden, hinaus zu wachsen. Demut ermöglicht es, trotzdem zuzuhören und dabei auch wirklich Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten, auch wenn wir unsere Meinung bereits gebildet hatten.

Denn tatsächlich liegen wir oft falsch mit unseren Vermutungen darüber, was in einem anderen Menschen vorgeht, und wir wären meistens gut beraten, statt unserem ersten Eindruck zu glauben, lieber nachzufragen und wirklich zuzuhören. 

Demut schärft die Wahrnehmung

Unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit ist zumeist verzerrt zugunsten dessen, wovon wir überzeugt sind, und wird zudem von vielen anderen vorübergehenden Faktoren stark beeinflusst, wie immer mehr Studien eindrücklich beweisen. Anzuerkennen, dass unsere Sicht und unser Verständnis begrenzt sind: auf die Welt, das Leben und die Situation in der wir uns jetzt gerade gesellschaftlich befinden, ist deshalb ein wichtiger Gedankenschritt, der immer wieder erinnert werden will.

Demut hilft uns auch dabei, die Menschlichkeit in „denen“ von der anderen Seite weiterhin zu erkennen – was uns als Menschen zunehmend schwer fällt, wann immer wir uns in einer Situation finden, in der es „die anderen“ gibt. Entmenschlichung fällt oft erst dann auf, wenn sie Verbrechen nach sich zieht, ist aber auch im Alltagsleben vorhanden, als ein oft nicht bewusster Aspekt von Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit. 

Tugend-Forscher Worthington sagt, dass es demütigen Menschen leichter fiele, Gespräche über kontroverse Themen zu führen, sogar wenn sie selbst klar eine entgegengesetzte Meinung vertreten würde, einfach weil sie die Argumente ihres Gegenübers nicht belächeln oder den anderen Menschen für seine Gedanken verachten würden, so dass diese Person sich weniger verteidigen müsse, sondern es zu einem gemeinsamen Austausch kommen könnte.

Demut macht uns freundlicher

In einer Studie über „soziopolitische intellektuelle Demut“ wurde festgestellt, dass Menschen mit mehr Demut diejenigen mit anderen politischen Meinungen besser behandeln und weniger feindselig ihnen gegenüber sind.

Demütigen Menschen fiele es leichter, anzunehmen, die andere Seite könnte Erfahrungen gemacht haben oder über ein Wissen verfügen, dass ihnen selbst fehle und ihre Sichtweise verändern könnte. Im Gegensatz dazu glaubten Menschen mit weniger Demut häufig, diejenigen mit einer anderen Meinung wären weniger intelligent, kriminell oder es fehlte ihnen an Werten. Inwieweit jemand die eigene Position als unfehlbar ansähe, wäre entscheidend dafür, wie sehr diese Person dazu bereit sei, die jeweils „anderen“ zu dämonisieren, sagt Brian Newman, der die Studie mit geleitet hat.

In einer anderen Studie wurde gezeigt, dass religiöse Anführer mit mehr Demut wesentlich toleranter gegenüber anderen Religionen sind, egal was ihre eigentliche Religion war oder ob sie sich politisch den Konservativen oder den Liberalen zuordneten.

“Wenn du dir der Beschränkungen in deinem eigenen Glaubenssystem bewusst bist und dich erinnerst, wie du zu deinen Überzeugungen gekommen bist, dann bist du vielleicht dem Gedanken weniger abgeneigt, dass du nicht über die ganze Wahrheit verfügst“, sagt Joshua Hook, Co-Leiter der Studie.

Demütige Führungskräfte sind die Besseren

Im Wallstreet Journal wird Demut als die allerwichtigste Charaktereigenschaft für Führungskräfte benannt.

Auch Bill Taylor schreibt im Harvard Business Review, dass demutsvolle Leader ganz klar und erwiesenermaßen wesentlich mehr bewegen, als arrogante dies tun.

Er zitiert eine Gruppe von IBM Mitarbeiter*innen: „Die allermeisten Menschen, die die Welt verändern, sind demütige Leute. Sie konzentrieren sich auf die Arbeit, nicht auf sich selbst. Sie streben nach Erfolg – sind strebsam – aber wenn er eintritt, sind sie bescheiden… Sie glauben von sich selbst, dass ihnen Glück zuteil wurde, nicht, dass sie selbst sehr mächtig wären.“

In schwierigen Situationen handeln demütige Führungskräfte nicht vorschnell, tun nicht so, als hätten sie immer alle Antworten, sondern wissen, dass ihre Aufgabe vorrangig darin besteht, im richtigen Moment die richtigen Menschen zu ermächtigen.

Ihre Arbeit führe dazu, dass die von ihnen geleiteten Teams besser zusammenarbeiteten, viel mehr schafften und schneller lernten. Während viele Jahre lang deshalb die Anerkennung hauptsächlich die Mitarbeitenden erreiche, werde jetzt deutlicher, welche Bedeutung die Demut der Teamleitenden für die Erfolge hat. Sie bereiteten den Boden für eine Kultur der Fehler-Freude, wo alle Beteiligten frei heraus Ideen äußern, offene Fragen stellen, ihr Nicht-Wissen leichtherzig zugeben und gemeinsam nach Lösungen suchen.   

Im Rekrutierungssektor gibt es deshalb inzwischen Tests die eigens dafür gemacht sind herauszufinden, wie viel Demut die sich bewerbende Person mitbringt. Einer der Entwickler dieses Tests, Ryne Sherman sagt: „Die meisten Leute glauben, Führungskräfte sollten charismatisch sein, gern im Mittelpunkt stehen und andere von sich überzeugen. Aber solche Personen ruinieren ihre Firmen oft, denn sie nehmen sich mehr vor, als sie händeln können, sind überheblich und hören nicht auf das Feedback von anderen.“

In seinem Buch beschreibt Tom Porter, ein ehemaliger Chief der Mohawk-Nation, dass für Führungspositionen innerhalb ihrer Kultur niemals Menschen ausgewählt wurden, die von sich aus gern Anführer sein wollen. Wird dies bei Kindern oder Erwachsenen beobachtet, gilt das automatisch als Ausschlusskriterium, denn in ihrem Verständnis handele es sich bei diesem Hunger nach Ruhm, Einfluss und Macht um eine Art Geisteskrankheit (“mental sickness”) – die schlechteste Voraussetzung dafür, eine gute Führungskraft sein zu können.

Demut in der Politik

Leider werden bei uns gesellschaftliche Führungspositionen oft nicht so vergeben, dass machthungrige Menschen dabei ausgespart werden.

Trotzdem wird es immerhin in Wissenschaft, öffentlichem Diskurs, in den meisten Medien und in vielen sozialen Kreisen von vielen Menschen als Wert anerkannt, die eigenen Standpunkte und Überzeugungen in Frage zu stellen und fruchtbaren Austausch mit Menschen zu suchen, die andere Erfahrungen, Herangehensweisen und Meinungen vertreten.

Es ist eine gängige Praxis auch bei uns, intellektuelle Demut zu beweisen, indem gegenteilige Meinungen einander gegenüber stehen, immer wieder neue Aspekte berücksichtigt werden, einmal gefällte Urteile zu hinterfragen und auch von anderen hinterfragen zu lassen.

Doch das allumfassende Ausmaß der Bedrohung, mit der wir als Menschheit gerade konfrontiert sind, zunehmend spürbar auch für uns als vorwiegend weiße Menschen in Europa, eine der meist privilegierten Bevölkerungsgruppen weltweit, kann zu so intensiven Gefühlen von Ohnmacht und Haltlosigkeit führen, dass wir mehr als sonst geneigt sind, unsere Demut zu opfern zugunsten einer (leider irrigen) Gewissheit.

Angesichts von überwältigenden Ereignissen wächst die Sehnsucht danach, Erklärungen dafür zu finden, die uns eine Einfachheit ermöglichen, inmitten von etwas das überhaupt nicht einfach ist, beispielsweise indem darin “Schuldige” benannt werden, und uns die Theorien damit  erleichternder Weise bestätigen, dass wir selbst auf der Seite der “Guten” stehen.

So ist es kein Wunder, dass die sogenannten Verschwörungstheorien, wie beispielsweise die Theorien rund um das Leugnen des Klimawandels, gerade jetzt so viel Verführungskraft haben.

Wir Menschen sind „Meaning making Creatures“ – Lebewesen, die ihrer gesamten Umgebung, allen Aspekten ihres Daseins gern einen Sinn, eine Bedeutung verleihen und Muster zu erkennen. Wir bewegen uns was das angeht immer noch wie steinzeitliche Fährtenleser*innen durch die Welt, die aus wenigen sichtbaren Zeichen umfassende, gerade unsichtbare Geschichten ableiten wollen.

Wenn wir nun intellektuell demütig sind (oder wie in der wissenschaftlichen Welt den rigiden Richtlinien für wissenschaftliches Arbeiten folgen, wie beispielsweise Kontrolle durch andere Menschen vom Fach), wird dieser Hunger nach Bedeutungen kombiniert mit allerlei Hinterfragen, Zweifeln, in andere Richtungen denken, nicht glauben, was nicht voll und ganz bewiesen ist und selbst danach trotzdem immer weiter eine grundsätzliche Offenheit bewahren, weil wir uns bewusst sind, dass wir im Grunde erst ganz wenig wirklich wissen.   

Doch für Verschwörungstheorien ist es eben gerade ein wesentliches Kennzeichen, dass kein Argument, kein Gegenbeispiel, kein Widerspruch innerhalb der eigenen Argumentation, keine neue Entwicklung, egal wie sehr sie von vormals aufgestellten Zukunftsprognosen abweicht, jemals genügt, um die aufgestellte Theorie an sich in Frage zu stellen. Im Gegenteil: Über Argumentationsschleifen werden alle offenen Fragen beantwortet und alle neuen Entwicklungen dafür verwendet, die Theorie noch weiter zu untermauern (während solche Fragen in der Wissenschaft offen verbleiben und weiterführende Erforschung geradezu einfordern).

Das letzte Jahr hat gezeigt, wie anfällig wir Menschen dafür sind, Verschwörungstheorien zu glauben.

Dafür gibt es viele Erklärungen:

Sie ordnen die Welt in Gut und Böse und lindern damit die unterschwelligen Gefühle von Überforderung angesichts der überwältigenden Komplexität des Seins und unserer weltweit eng verzahnten Gesellschaft, was eine enorme Erleichterung für unsere Psyche schafft, die von Kindheit auf durch Filme und Geschichten darauf wartet, zu wissen, wer die Guten und wer die Bösen sind, um natürlich selbst zu den Guten zu gehören.

Dadurch machen uns Verschwörungstheorien unsere Entscheidungen einfach – während wir ohne die Theorie unter Umständen über Jahre oder Jahrzehnte unsere Entscheidungen innerhalb einer komplexen Wirklichkeit immer wieder ganz neu treffen müssten und mit wenig Garantie dafür, dass die Konsequenzen unserer Entscheidung auch wirklich unseren Werten entsprechen werden. Damit bilden Verschwörungstheorien einen Gegenpol zu dem schrecklichen Gefühl von Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit, das gerade in Zeiten wie diesen so umfassend sein kann.

Forschungen zeigen, dass wann immer wir gezwungen sind, viele Entscheidungen zu treffen (wie eben gerade jetzt, wo sich dauernd alle Pläne ändern), eine regelrechte Entscheidungs-Müdigkeit einsetzt, die auch unsere Urteilskraft herabsetzt.

Verschwörungstheorien können zudem dank ihrer skurrilen Verknüpfung von Allem mit Allem auch Glückshormone in uns auslösen, weil die darin enthaltenen Querverbindungen uns Aha-Momente bescheren. Wenn wir zwei Punkte auf eine bedeutungsvolle Weise verknüpfen und eine neue Erkenntnis haben, schüttet unser Körper Dopamin aus (das Belohnungshormon, das auch eine Rolle bei vielen Süchten spielt). Kinder erleben diese Belohnung andauernd in ihrem Alltag, Menschen die in ihrem Alltag Spuren und Zeichen lesen vermutlich auch.

Doch in einem durchschnittlichen Alltags-Leben zwischen Abwasch und Müll rausbringen kommt der Lern-Kick wohl meist etwas kurz, und wer schon mal wissenschaftlich gearbeitet hat weiß, wie langwierig und mühselig und über lange Strecken nicht besonders dopamin-reich es ist, innerhalb der strengen Richtlinien der Wissenschaft zu nachvollziehbaren und plausiblen Erkenntnissen zu gelangen.

Zu all dem noch dazu kommt: Ein Faktor für das sich Ausbreiten von Theorien im Allgemeinen ist die Wiederholung: Wir neigen dazu, etwas richtiger zu finden, einfach wenn wir es immer wieder hören. Wenn ich nun vielleicht nur einmal am Tag Nachrichten höre, aber zehn mal am Tag verschwörungstheoretische „Informationen“ über die sozialen Medien bekomme, wird es zunehmend schwieriger, denen nicht irgendwie doch mehr zu glauben.

Doch der Mangel an intellektueller Demut, der allen Verschwörungstheorien innewohnt, kann ein wichtiges Erkennungszeichen für uns sein – wenn wir darauf achten, können wir sie leichter identifizieren. Und die damit verbundene fehlende tatsächliche Neugier und Offenheit erklärt vielleicht auch, warum echte Verschwörungen im Laufe der Geschichte, von denen es auch jetzt hier und heute ganz große gibt, eben nicht von Verschwörungstheoretikern aufgedeckt werden, sondern zumeist von Journalisten, aufgrund von staatlichen Prüfungen oder durch Whistleblower innerhalb von Organisationen.

Also ich bin ganz besonders demütig!

Wissenschaftler ermitteln den Grad der Demut eines Menschen aus naheliegenden Gründen nicht anhand von Selbstauskünften. Trotzdem ist sie nicht gleichzusetzen damit, wie gering wir unsere eigenen Fähigkeiten bewerten. Der frühere Erzbischof William Temple beschrieb es so: „Demut bedeutet nicht, dass du dich selbst als weniger wert schätzt als andere Menschen, oder dass du die eigenen Gaben für unwichtig oder nutzlos hältst. Sie meint vielmehr die Freiheit, überhaupt gar nicht über dich selbst nachdenken zu brauchen.“

Tatsächlich erzählt der Psychologe Kibeom Lee, dass viele Menschen gerade im Arbeitskontext, so tun als ob sie demütig wären, obwohl sie es eigentlich gar nicht sind. Das verwundert nicht, denn sogar Kinder zeigen ab einem Alter von etwa sieben Jahren in Versuchen ganz klare Vorliebe für tatsächlich demutsvolle Menschen gegenüber weniger demütigen Personen, spüren also einen Unterschied, auch wenn sie ihn vielleicht noch nicht in Worte fassen könnten. 

Es lohnt sich also wirklich, für uns selbst und für unser Wirken für die Welt, die wunderbare Qualität der Demut tatsächlich zu stärken und uns darin zu üben, Rücksicht auf unsere Mitmenschen (und Mit-Welt) zu nehmen.

 

Wie können wir Demut in uns selbst stärken?

 

In den bisherigen Studien haben folgende Methoden dabei geholfen, die eigene Demut zu vergrößern:

 

1. Das eigene Mensch-Sein umarmen

Viele von uns hängen unser Selbstwertgefühl an äußere Umstände und Erfolge – wenn wir dann in unserem Job oder unserer Partnerschaft scheitern, können wir uns selbst nicht mehr so leicht als überhaupt wertvoll anerkennen.   

Demutsvolle Menschen dagegen verorten ihren Wert in und mit ihrem gesamten Dasein als Mensch, einschließlich aller Schwächen und Probleme. Sie fürchten das Scheitern nicht so sehr, weil sie es für menschlich erachten, und können ihren eigenen Wert als Mensch weiterhin spüren und würdigen.

So eine Art von Urvertrauen in uns selbst entwickelt sich im Idealfall in unserer frühen Kindheit, durch eine sichere Bindung an unsere Bezugspersonen und das Erfahren von bedingungsloser Liebe. Doch auch wenn wir zu den fast 40 Prozent der Bevölkerung gehören, die als Kind keine sichere Bindung erleben konnten, können wir diese Wunde in uns heilen und eine sichere Bindungsbeziehung nachholen, beispielsweise zwischen unserem inneren Kind und unserem erwachsenen Selbst, zu Freunden, innerhalb von Partnerschaft oder auch in der Spiritualität. 

 

2. Achtsamkeit und Selbst-Mitgefühl

Demütige Menschen haben ein stimmiges, sehr ehrliches Selbstbild – sowohl von ihren Schwächen, als auch von ihren Qualitäten und Stärken.

Achtsamkeit trainiert uns darin, alles wahrzunehmen, was in uns vorgeht, ohne es zu beurteilen und dadurch unsere Selbstwahrnehmung zu verzerren. Selbst-Mitgefühl ermöglicht es uns, nicht gegen all das ankämpfen zu müssen, was wir an uns selbst nicht mögen, sondern zu ermöglichen, dass auch diese Anteile liebevoll von uns selbst angenommen werden, einen sinnvollen Platz in uns einnehmen können, und auf diese Weise integriert sind.

Mit einer Praxis freundlicher Achtsamkeit und Selbst-Mitgefühl ermöglichen wir uns selbst eine Vielzahl von dem, was sichere Bindung zu den Bezugspersonen in den ersten Lebensjahren mit sich bringt. Beides hilft uns, seelisch zu heilen und als Mensch vollständiger und integrierter zu werden, das heißt unsere innere Vielfalt zu erkennen und wertzuschätzen, damit daraus ein zusammenhängendes Ganzes entstehen kann, wir Einigkeit finden mit alle unseren inneren Anteilen.

3. Fragen stellen, die Demut fördern

Mit dem liebevollen Blick, den ich durch Achtsamkeit und Selbst-Mitgefühl kultiviere, kann ich mir immer mal wieder Fragen stellen, die mir helfen, meinem Mensch-Sein noch näher zu kommen und vertrauter damit zu werden, insbesondere mit den Seiten an mir, die für mich selbst oder für andere schwer auszuhalten sind:

  • Welche Seiten meiner selbst versuche ich gerade zu verstecken, vor mir selbst oder vor anderen?
  • Wem habe ich unlängst Unrecht oder Leid angetan?
  • Welche Urteile habe ich über andere gefällt?
  • Welche Vorurteile haben mein Verhalten auf eine nicht hilfreiche, eher lebensfeindliche Weise beeinträchtigt?
  • Was habe ich heute gegenüber anderen versäumt, das wichtig gewesen wäre?
  • Worum geht es mir wirklich bei dieser Sache?
  • Wie kann ich mein (ganz natürliches) Bedürfnis nach Anerkennung und Bedeutsamkeit so stillen, dass niemand darunter zu leiden braucht?
  • Wie kann ich die Wichtigkeit und den Wert der anderen Personen würdigen?
  • Wie kann ich einladen, dass die Menschen ihre Meinungen und Ansichten frei heraus mitteilen, sich trauen, mir auch schwieriges Feedback zu geben?
  • Wer könnte dies vielleicht anders sehen und wie kann ich diese Sichtweise einbeziehen, etwas aus ihr lernen?
  • Wer wird alles von meinem Handeln direkt oder indirekt betroffen sein und wie kann ich die Bedürfnisse dieser Personen mit berücksichtigen?
  • Wie kann ich die Bedürfnisse der Menschen (in meinem Team, Kurs etc.) stillen oder sie dabei unterstützen, ihre eigenen Bedürfnisse selbst zu versorgen? 
  • Wie kann ich meine Privilegien nutzen, um mehr Gleichwürdigkeit und Chancengleichheit in der Welt zu schaffen?
  • Und welche noch?

 

4. Dankbarkeit

Wann immer wir darüber nachdenken, wofür wir dankbar sein können, erkennen wir die vielen Aspekte unseres Daseins, die wie ein Geschenk zu uns kommen. Unser Körper findet wie von allein in einen Zustand höherer Kohärenz, einen gesundheitsförderlichen Zustand, durch den alle innerlichen Vorgänge in Einklang miteinander kommen, so dass wir als unser “bestes” Selbst entscheiden und uns verhalten können.

Was wären wir ohne die Pflanzen, die den Sauerstoff schenken, den wir atmen, ohne die Erde, die aus ihrem Körper Nahrung für unseren Körper wachsen lässt, ohne die vielen vielen Menschen, die durch ihre Arbeit dafür sorgen, dass wir versorgt sind mit dem was wir zum Leben brauchen? Unser Fokus verschiebt sich beim Danken innerhalb von Sekunden vom Nachgrübeln über uns selbst zu mehr Aufmerksamkeit für die Menschen und anderen Wesen um uns herum – was ein wesentliches Kennzeichen für die Baseline demütiger Menschen ist.

Wirklich toll ist: Dankbarkeit und Demut verstärken sich gegenseitig. Wenn wir danken, stärken wir die Demut, und wenn wir demütig sind, fällt es uns leichter, dankbar zu sein und Dank auch gegenüber anderen auszudrücken.

 

5. An Veränderung glauben

Eine weitere wichtige Zutat für Demut scheint es zu sein, daran zu glauben, dass Menschen sich verändern können, indem sie aus ihren Fehlern und Erfahrungen lernen. Diese Einstellung macht es wesentlich einfacher, eigene Fehler für möglich zu halten, sie zuzugeben und Verantwortung für sie zu übernehmen. Denn die Psyche hat Gewissheit, dass dies nicht das Ende der Geschichte ist, sondern vielmehr ein (vielleicht sogar notwendiger) Zwischenschritt in Richtung einer besseren Zukunft.

Wer glaubt, dass nur dumme Menschen Fehler begehen und auf diese Weise nicht veränderbare charakterliche Grundzüge mit Fehltritten verbindet, wird wesentlich schwieriger in der Lage sein, im eigenen Verhalten überhaupt Fehler wahrzunehmen und für diese gerade zu stehen.

 

6. Sich auf das Wohl des großen Ganzen ausrichten

Für Jugendliche, die Sinnhaftigkeit in ihrem Dasein finden, ist bekannt, dass sie sich demütiger verhalten. Dabei scheint es besonders hilfreich, sich auf den eigenen Beitrag zum Wohlergehen der Gemeinschaft auszurichten. Dass ihr eigenes Wirken gebraucht ist, verbindet sich mit der Einsicht, dass sie andere Menschen brauchen, um ihren Lebens- und Lernweg zu beschreiten.   

 

7. Ehrfurcht erleben

Wenn wir dem Wunder des Lebens begegnen, tiefe Ehrfurcht erfahren, fördert das unsere Demut ganz wesentlich. Es gibt viele verschiedene Wege, um mehr Ehrfurcht ins Leben zu holen. Dazu gehören die ganz besonderen Momente in unserer Biografie, beispielsweise zu erleben, wie ein Kind geboren wird oder ein Mensch stirbt, aber auch alltäglichere Situationen, vor allem wenn wir Zeit draußen in der Natur verbringen.

Einen Berggipfel zu erwandern, im Kanu auf einem großen See dahin zu gleiten, die Spiegelung des Sonnenaufgangs in einem Tautropfen zu erblicken, eine Schneeflocke beim Schmelzen zu beobachten, an einem kalten Winter-Tag dem betörenden Gesang der Misteldrossel im Wald zu lauschen, eine Sternschnuppe zu sehen und sich in die große Dunkelheit des Nachthimmels jenseits und zwischen den Sternen hinein zu versetzen – all das kann uns immer wieder daran erinnern, wie klein und unbedeutend wir als Mensch sind, wie zerbrechlich unser eines Leben erscheint, wie wenig wir darüber wissen, und wie sehr wir die anderen Wesen der Lebensgemeinschaft Erde brauchen, um überhaupt existieren zu können.   

Edgar Schein beschreibt in seinem Buch Humble Inquiry, dass wir auch durch die Anwesenheit von Ältesten und Würdenträgern Demut empfinden können, oder bei der Beschäftigung mit Menschen, deren Leben und Leistungen uns mit Ehrfurcht erfüllen. 

 

Rücksicht ist Demut in Aktion

Demut hilft mir, mich selbst nicht übermäßig wichtig zu nehmen, damit ermöglicht sie es mir, meine Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was um mich herum geschieht, was all die anderen Menschen (und anderen Wesen) brauchen, mit denen ich zu tun habe.

Rücksicht kann dadurch entstehen: Wenn ich nicht nur auf das Ziel vor meinen Augen fixiert bin, sondern mich umschaue, in alle Richtungen. Die Bedeutung von Rücksichtnahme für Beziehungen ist immens:

Erst wenn ich es zulasse, dass die Bedürfnisse, Meinungen und ja, vor allem auch die Empfindlichkeiten der anderen Person(en) in meine Entscheidungen einfließen, mein Handeln sich dadurch sogar zugunsten der anderen verändert, hat eine Beziehung gute Zukunftschancen, wie John und Julie Gottmann es in ihren wissenschaftlichen Studien über Paare dokumentiert haben.   

Indem ich Rücksicht nehme beweise ich, dass ich meine eigenen Sichtweisen (über Ordnung, Hygiene, Kindererziehung oder Politik) zwar glaube, sie aber nicht für der Wahrheit einzigen letzten Schluss halte, sondern offen bin für die Lebenswirklichkeit des anderen.

Dabei kann ich im Idealfall Rücksicht von vornherein mein Handeln lenken lassen, oder zumindest im Nachhinein, wenn ich von meinen Mitmenschen höre, dass mein Reden oder Handeln sie verletzt hat, eine Wiedergutmachung finden, um den Bruch in der Beziehung zu heilen und dadurch aus dem Konflikt doch verbundener herauszugehen.

 

Die Gelegenheit nutzen

Unsere Lehrerin Sobonfu Somé hat oft mit einem Schmunzeln erzählt, dass der Begriff für “Älteste” in ihrer Sprache  (der Dagara in Westafrika) wörtlich übersetzt werden könnte mit “eine Person die vom Leben so lange im eigenen Saft geköchelt wurde, bis sie wirklich schmackhaft ist”. 

Für mich steckt in der Aussage der Hinweis darauf, wie sehr gerade die schwierigsten Lebenssituationen uns dabei helfen können, demütiger zu werden. “Das Leben ist eine sehr lange Lektion in Demut”, sagte James M. Barrie, der Autor von Peter Pan. Doch wissen wir auch, dass schlimme Erlebnisse uns ebenso auch traumatisieren und verbittern lassen können. Was macht hier den Unterschied?

Ich glaube es ist die Verbindung zu jemandem oder etwas, das uns zur Seite steht, etwas Verlässliches, nicht Kaputtbares, das sich uns in den Tiefen unserer Seelenwelt zeigt oder uns durch Trost spendende Mitmenschen begegnet, die an uns glauben. Vielleicht können wir es Liebe nennen, oder (Selbst-)Mitgefühl oder das Göttliche.

Kollektiv betrachtet scheint das Zeitalter in dem wir uns befinden wie gemacht dafür zu sein, als Menschheit unsere Demut zu finden, vor allem wenn wir uns selbst und einander mit Liebe und Mitgefühl begegnen.

Demut ermöglicht die innere Freiheit, authentisch zu sein, weil wir nicht vor uns selbst und vor anderen verstecken müssen, was alles in uns ist, sondern es wahrnehmen, annehmen und dadurch integrieren können. 

Vor allem kann sie uns dabei helfen, nichts vortäuschen zu brauchen, was wir gar nicht (in dem Maße) in uns finden, wie wir es mal von uns selbst erwartet haben – zum Beispiel ewiges Wirtschaftswachstum inmitten einer Welt endlicher Ressourcen. 

Wie auch immer die Zukunft sich entwickeln wird: Demut wird wohl eine wesentliche Zutat dafür sein, dass unsere Existenz auf dem Planeten Erde weiter möglich sein kann.

 

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