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Mentoring Coaching

…unsere leckersten Zutaten für den Jahreswechsel, aufgeschrieben von Elke Loepthien-Gerwert

 

Für mich ist die Raunachts-Zeit in jedem Jahr ein besonders fruchtbarer „Zwischen-Raum“ – wenn das alte Jahr schon so gut wie vorüber ist und das Neue noch nicht ganz begonnen hat. Durch ein bewusstes Zurückschauen, Integrieren und neu Ausrichten können wir den Platz zwischen Vergangenheit und Zukunft bewusst einnehmen und beides miteinander verbinden wie zwei elektrische Kabel – so dass Energie in voller Kraft strömen kann.

Wir alle haben und spüren in vielen Momenten unseres Lebens einen Zugang zur schöpferischen Kraft – unseren ganz eigenen, einzigartigen Zugang zum Leben. Leicht kann es von der Last und dem vielen Staub des Alltags überdeckt werden, wer wir sind und wofür wir hier in diesem Leben sein wollen. Dann verlieren wir oft nicht nur uns selbst immer mehr aus den Augen, sondern auch unsere Verbindung zur Natur und zur menschlichen Gemeinschaft um uns, die unseren einzigartigen Beitrag brauchen, so wie auch wir die anderen brauchen.

Ich habe 2008 das erste Mal einen sogenannten „Renewal of Creative Path Process“ kennengelernt, beschrieben von meinem damaligen Lehrer und Mentor Jon Young. Jon hatte, inspiriert von Gesprächen mit Chief Jake Swamp von den Mohawk und dessen Frau Judy, eine Reihe von Schritten entwickelt, die hierfür dienlich schienen. Schon damals war die Parallele zum europäischen Brauchtum rund um die Raunächte deutlich, und damit verbunden auch die Suche nach Wegen der „Medizin-Erneuerung“, die nicht indigene Bräuche kopieren, sondern für uns als Weiße authentisch, relevant und verwurzelt in unserer eigenen Verbindung zur Natur sein würden.

Seitdem verbringe ich in jedem Winter (und in kürzerer Form auch in jedem Sommer) Zeit damit, meinen Zugang zu den schöpferischen Kräften zu erneuern und zu erfrischen. Der Prozess hat sich dabei Stück für Stück verändert, gewandelt in eine Form, die für mich hier in diesem Teil der Welt und für mein Leben so wie es jetzt gerade ist passend und stimmig erscheint. Die Zeiten der Erneuerung sind für mich mit das Wichtigste im Jahreslauf – viele Monate lang spüre ich ihren Wind unter den Flügeln und fühle mich getragen, genährt und inspiriert für das was kommt.

Die Macht des Erinnerns

Jedes Erinnern, Benennen und Teilen von Erlebnissen stärkt ihre Kraft in unserem gegenwärtigen Dasein und für unser zukünftiges Leben. Erst durch das Würdigen von dem was war, können selbst kleine Ereignisse zu wahrhaftig heiligen Momenten für uns werden, die noch viele viele Jahre und Jahrzehnte lang unser Leben erleuchten.

Es scheint verrückt: Jedes Mal, wenn wir sie an die Oberfläche unseres Denkens zurückholen, verändern sie sich ein wenig. Das ist ganz natürlich und darin begründet, wie unser Erinnerungsprozess funktioniert. Denn alles was war, verbindet sich bei jedem Zurückschauen mit allem was jetzt gerade ist, und kann so immer wieder neu sinnvoll verknüpft werden.

Unser Erleben hier und heute, wie auch unser Gefühl zu dem früher Erlebten, beeinflussen die Bilder und Sinneseindrücke aus der Vergangenheit jeweils so, dass es gerade jetzt passt und Sinn ergibt. Deshalb ist es ein wichtiger Teil eines Erneuerungsprozesses, immer wieder hilfreiche Fragen zu stellen, durch die wir die Vergangenheit bewusst mit dem Jetzt und mit der Zukunft verbinden.

Die Kraft von Ritualen

Jede Jahreszeit bringt ihre eigenen Qualitäten und Grundstimmungen mit sich, das Rad der Zeit nimmt uns von ganz allein mit in diese „Felder“ hinein, in welchem bestimmte Denk- und Verhaltensweisen fast wie von selbst in uns entstehen können. So schlafen anscheinend viele Menschen rund um den Jahreswechsel länger, essen mehr, sind weniger draußen in der Welt unterwegs und treffen sich seltener mit Freund*innen oder Kolleg*innen und mehr mit ihren engsten Liebsten, und viele von uns sind in der Zeit frei von unseren alltäglichen Jobs.

Dadurch kann fast von selbst die Art von Innenschau erwachsen, die einen Erneuerungsprozess ausmacht. Noch wesentlich mehr Kraft können wir dem Ganzen jedoch verleihen, wenn wir die Zeit mit Ritualen beginnen und beenden. Die Kraft der Rituale ist wirklich erstaunlich, sie scheint sogar auf uns zu wirken, wenn wir gar nicht daran glauben, wie Francesca Gino und Michael Norton von der Harvard Business School seit einigen Jahren erforschen.

Hier findest du nun meine leckersten Zutaten für einen umfangreichen Erneuerungsprozess mit Fragen und Ritualen, mein destilliertes best practice aus den letzten 14 Jahren, für dich als Inspiration und zum Experimentieren damit, was deine eigenen leckersten Zutaten für einen gelungenen Erneuerungsprozess sein könnten.

Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen und vielleicht selbst Ausprobieren!

Teil 1 – Die Jahreswechsel-Erneuerungszeit öffnen

Ich starte meine Erneuerungszeit gern zur Wintersonnenwende, dem Tag wo inmitten der längsten Dunkelheit das Licht „wiedergeboren“ wird.

Besonders nach einem hektischen Dezember oder einer Zeit der Anspannung kann es gut tun, die längste Nacht des Jahres, die Nacht vor der Wintersonnenwende, von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang als Wach-Nacht zu verbringen, allein oder mit engen, vertrauten Menschen, an einem Feuer, mit einer Kerze oder auch in der Dunkelheit sitzend, und dabei ganz bewusst in der langen Stille zu sitzen, zu fühlen und zu sein.

Selbst wenn ich nicht die gesamte Nacht dafür nehmen mag, kann es wunderbar sein, zumindest ein, zwei Stunden innerhalb von ihr dafür zu nutzen, allmählich zur Ruhe zu kommen und mich einzustimmen auf den Zauber dieser besonderen Zeit im Jahreslauf.

So ein Besinnungs-Ritual kann besonders gut wirken, wenn ich am Anfang einlade, in dieser Zeit ganz zu mir zu kommen, mich geborgen, geliebt und genährt zu fühlen, Tiefe zu erleben und meinen inneren Wesenskern zu berühren und die Verbindung zu all dem deutlicher zu spüren, was für mich geistige Kräfte sind (beispielsweise Gott, Mutter Erde, die Kraft die Leben schafft, Geisthelfer, Engel, Ahn*innen, Elemente, mein Tiefenselbst oder Höheres Selbst oder was auch immer für mich vorstellbar und relevant ist).

Mit kleinen oder größeren Kindern gemeinsam kann man auch vor dem Schlafengehen nur ein bisschen die „Dunkelzeit“ würdigen, alle Lichter löschen und mit Psst und Shhh, so wie es die Kleinsten gerne mögen (vielleicht aneinander gekuschelt oder Hände haltend) ganz nah zusammensitzen und die Dunkelheit fühlen, die uns so weich umhüllt. Auch der Dunkelheit und Kälte zu danken kann schön sein, weil sie vielen Pflanzen und Tieren hier in diesem Teil der Erde ermöglicht, sich im Winter ganz tief auszuruhen, damit sie im Frühling in neues Leben starten können.

Es kann wunderbar sein auf diese Weise mit der Dunkelheit ein bisschen mehr Freundschaft zu schließen, auch zwischendurch kichern ist erlaubt – und dann nach einer Weile eine Kerze anzuzünden und damit die Wiedergeburt des Lichts auf eine ganz schlichte Weise zu feiern.

Mit oder ohne Wachnacht: Am Morgen des 21. Dezembers (in manchen Jahren ist es der 22. Dezember), bringe ich gern Dankes-Gaben in den Wald für die Lebewesen da draußen: Vogelfutter (aus heimischen Sämereien), (Bio-)Gemüse und Obst, und vielleicht auch etwas Fleisch (aus artgerechter, biologischer Tierhaltung) für meine fleischfressenden Nachbarn.

Besonders gern mag ich es, mit Kindern und Erwachsenen gemeinsam rauszugehen und für das Da-Sein all der anderen Lebewesen zu danken und auch für die vielen Begegnungen mit Tieren, Pflanzen, Pilzen, Elementen die wir im fast vergangenen Jahr hatten. Oft gibt es einen Ort in der Nähe, der sich hierfür besonders eignet, beispielsweise einen besonders großen, ehrwürdigen Baum, der das Ganze bezeugen kann.

Teil 2 – Einen Altar für die Lebens-Kräfte gestalten

Zurück aus dem Wald mache ich mich gern auf, um immergrüne Zweige zu holen, die wir später als Altar für die Kraft der Erneuerung in unserem Zuhause aufstellen. Wir schneiden keine extra dafür ab sondern suchen solange, bis wir welche finden, die von Herbststürmen oder Waldarbeiten liegen gelassen wurden.

Manchmal kaufen wir auch einen kleinen Baum bei Bauern hier in der Nähe und lassen uns dabei ganz davon führen welcher gern mit uns nach Hause kommen will? Manchmal ist es der für uns schönste und manchmal auch einer von dem wir vermuten, niemand anders würde ihm eine Chance geben wollen. Sobald er geschmückt ist, ist er immer zauberhaft!

Gemeinsam schmücken wir Strauch oder Baum mit vielen Sternen sowie anderen Symbolen für das Licht und die Kräfte der Natur, wie Äpfel, Zapfen oder Kugeln.

Wenn der Baum fertig geschmückt ist, laden wir die Lebens-Kräfte ein, für die kommenden Wochen durch ihn in unserem Haus zu leuchten für die kommenden Wochen, in denen das Licht langsam, ganz langsam zurück in die Landschaft kommen wird, und in denen wir das Bild der Hoffnung aufs Grün eines neuen Frühlings hier in unserem dunklen Zuhause so dringend brauchen können.

Teil 2 – Die leuchtenden Momenten feiern

Wenn du zurück schaust auf dein vergangenes Jahr…

  • Welche Erlebnisse waren für dich besonders schön und voller Freude?
  • Wann und wo hast du dich am stärksten verbunden gefühlt – mit dir selbst, mit der Natur, mit anderen Menschen in deinem Leben?
  • Welche faszinierenden Synchronizitäten haben sich ergeben?
  • Welche Momente oder Ereignisse waren so wundersam und besonders oder verrückt, dass sie sich magisch oder wie verzaubert anfühlten?

Diese besonders süßen Momente feiere ich gern auf gesellige Weise im allerengsten Kreis mit meinen Liebsten. Am Abend der Wintersonnenwende versammeln wir uns um ein üppiges und ausgedehntes Essen und erzählen schon währenddessen von den Ereignissen des Jahres, die unsere „Highlights“ waren, und danken für sie! Was oft schon ausgelassen und mit viel Heiterkeit beginnt, gipfelt im Auspacken der Weihnachtsgeschenke. Sie sind ein kleiner, anfassbarer Ausdruck der liebe-vollen Fülle, die wir empfangen haben und von der wir nun etwas weitergeben. Auch ganz ohne Geschenke zu feiern haben wir schon einmal gewagt, was noch mehr Aufmerksamkeit für all das ermöglicht, wofür wir ohnehin schon dankbar sein können.

Mit der spät-abendlichen Ruhe eröffnet sich ein Raum für tieferes, noch besinnlicheres Teilen, rund um die besonders kostbaren Momente, die wie Schätze golden hervorstrahlen aus diesem vergangenen Jahr, und auch die Wendepunkte, wo wichtige Weichen neu gestellt wurden und Veränderung entstanden ist.

(Das Teilen dieser und anderer Geschichten auch online stattfinden, oder sogar am Telefon. Es sind meiner Erfahrung nach vor allem die Absicht, die Verletzlichkeit und die Herzoffenheit, die die Qualität eines Gespräches viel stärker beeinflussen, als das Medium selbst. Auch wenn du bisher wenig Erfahrung damit hast, kann ich es dir wirklich sehr empfehlen mit technischen Hilfsmitteln in den Austausch mit anderen Menschen zu gehen, vor allem wenn die Alternative ist, ganz allein damit zu sein oder jemand anders ganz allein zu lassen. Hier findest du ein paar Anregungen für verbindungsförderndes Zoomen.)

Vor dem Schlafengehen oder am nächsten Morgen schreibe ich dann gern etwas darüber auf, auf einem großen Blatt Papier, mit bunten Farben, kreuz und quer mit Verbindungslinien zwischen aneinander, eine Art Mindmap der Schätze und Wendepunkte.

Diese Karte kann während der kommenden Tage und Wochen weiter ergänzt werden. Es ist oft erstaunlich, wie mit der Zeit mehr und mehr Erinnerungen auftauchen. Manchmal wandere ich bewusst durch meinen Kalender vom vergangenen Jahr, wo Spuren verzeichnet sind, die auf etwas hinweisen was war.

Nach dem ersten Sammeln und Festhalten der wundervollen Erlebnisse und Wendepunkte kommt für mich ein erster guter Zeitpunkt für ein 2er-Treffen oder einen (kleinen oder gerade zumindest online möglich auch größeren) Kreis mit Freund*innen, Ankern, Buddies oder anderen wichtigen Menschen in deinem Leben.

Manchmal ist es auch genau umgekehrt: Wenn es dir schwer fällt, für dich allein Sachen aufzuschreiben, kann es genauso wirkungsvoll sein, direkt mit anderen Geschichten auszutauschen und dann vielleicht hinterher dazu Notizen zu machen.

Teil 3 – Verbindungen & Zutaten

Im Teilen und Anhören dieser Geschichten rücken sich langsam aber sicher weitere Fragen in den Vordergrund. Manchmal sind diese und auch noch ganz andere Gedanken und Fragen auch von Anfang an schon dabei und wollen mit notiert sein. Der Zeitpunkt ist im Grunde nicht so wichtig, Hauptsache es ergibt sich ein guter Flow für dich.):

  • Warum und wie konnte dieses Erlebnis für dich so wundervoll sein?
  • Was waren die Zutaten, die es ermöglicht haben?
  • Welche Rahmenbedingungen haben es begünstigt?
  • Was davon kannst und möchtest du selbst für das neue Jahr wieder kreieren?
  • Was würdest du vielleicht im neuen Jahr anders machen?
  • Was sind die Orte, Menschen und anderen Wesen, oder auch Projekte und Organisationen, mit denen du dich besonders verbunden gefühlt hast? Und was war das Verbindende?
  • Was sind Theorien, Sichtweisen, (spirituelle oder Denk-) Schulen, Lern- oder Wirkfelder mit denen du dich besonders verbunden gefühlt hast? Und was daran war das Verbindende?

Diese Fragen lassen sich sowohl allein für mich, als auch im Gespräch mit anderen bewegen und erforschen. Auch hier schreibe ich gern auf, was mir als wesentliche Erkenntnis erscheint, mache mir Notizen über Ideen, die mir kommen, meistens nur ganz kurz, in wenigen, einzelnen Stichworten.

Für diese und die anderen Fragen kann es wichtig und sinnvoll sein, auch weiter zurück in die Vergangenheit zu schauen und sie für den Verlauf meines gesamten bisherigen Lebens beantworten. Dafür brauche ich natürlich ein bisschen mehr Zeit. Die Erkenntnisse jedoch und die Energie die durch das Wiederbeleben der längst vergangenen Schätze ins Hier und Heute kommt, sind ein großes Geschenk, dass ich mir selbst immer wieder machen kann.

Teil 4 – Verluste betrauern

Jedes Jahr bringt Herausforderungen mit sich – vielleicht waren es in diesem Jahr besonders viele! Es ist ein wichtiger Teil des Erneuerungsprozesses, das Schwierige und Leidvolle nicht unerwähnt zu lassen:

  • Was hast du in diesem Jahr verloren?
  • Welche schmerzlichen Erlebnisse und Erfahrungen hast du durchlitten?
  • Was bereust du?
  • Worin bist du gescheitert?
  • Welche Zukunftsvisionen und Wünsche haben sich zerschlagen?
  • Welche Erwartungen konnten sich nicht erfüllen, für dich und für deine Liebsten?
  • Welchen Groll hältst du in dir (gegen andere Menschen, Umstände, das Leben oder dich selbst?) Welcher tiefe und berechtigte Schmerz versteckt sich hinter diesem Groll?
  • Welche leidvollen Erfahrungen der Menschheit insgesamt und auch der Erde als großer Lebensgemeinschaft hast du in diesem Jahr mitbekommen und mit durchlitten?

Auch die Antworten auf diese Fragen halte ich in kurzen Schlüsselworten für mich selbst fest, und ich öffne mich für die Trauer über all diese Dinge, die meinen Schmerz darüber lindern und transformieren kann, in Medizin für meinen weiteren Weg und für die Gemeinschaft deren Teil ich bin. (Wenn du mehr über heilsames Trauern wissen möchtest, kannst du in unserem kleinen e-Büchlein hier viele Anregungen finden.)

(Selbst-)Mitgefühl schenken

Was wir vor allem brauchen, um schwierige Erlebnisse durchzustehen (sowohl unsere eigenen, als auch die von anderen Menschen) und dabei nicht verletzt, sondern verjüngt daraus hervor zu gehen, ist Mitgefühl. Gerade das Mitgefühl mit uns selbst (das gerade Menschen des westlichen Kulturkreises oft erst im Laufe ihres erwachsenen Lebens erlernen!) hilft enorm dabei, schlimme und sogar traumatische Erlebnisse so zu überstehen, dass wir an ihnen wachsen und reifen können, statt daran kaputt zu gehen.

Wenn ich in meiner Rückschau an schmerzhafte Punkte komme, hilft es mir sehr, mich selbst in den Arm zu nehmen, meine Hand zu halten oder mir selbst über den Kopf zu streicheln und dabei leise im Innen oder auch einfach laut vor mich hin mitfühlende Worte zu sprechen, wie beispielsweise: „das war wirklich schwer, schmerzhaft, schlimm…. Es ist ok, traurig oder verzweifelt zu sein, ich bin hier und für dich da.… mmh, das fühlt sich ganz ganz traurig an, und das ist völlig ok so.“

Selbst-Mitgefühl ist eine lebenswichtige Fertigkeit, die wir alle erlernen können, und die für mich einen wesentlichen Schlüssel für viele drängende Fragen unserer Zeit darstellt, allen voran dafür, wie wir lernen können, mit einander voller Mitgefühl umzugehen – nicht nur mit denen, die uns nah stehen, sondern auch mit denen, die wir als „die anderen“ ansehen und auch mit den vielen nicht-menschlichen Wesen auf der Erde.

Sinn verleihen

Oft sind es gerade die schwierigen Erfahrungen, die einen Freiraum für echte, tiefgreifende Veränderungen schaffen – welche wir zwar schon irgendwie ersehnen, doch oft auch gleichermaßen scheuen.

Die ihnen innewohnenden Schätze finden wir inmitten furchteinflößender Dunkelheit, wenn wir es wagen, genau hinzuschauen auf das, was uns so schreckt und schmerzt. Auch das Finden von Sinn und Bedeutung ist eine wesentliche Säule für das Verarbeiten schlimmer, traumatischer Erlebnisse. Dabei liegt der Sinn nicht in dem Erlebten selbst verborgen – es geht nicht darum, etwas zu finden was schon längst da ist. Denn Leiden ist an sich nicht sinn-voll. Es sind wir als Menschen, die aktiv und bewusst etwas Sinnvolles daraus machen können – indem wir auf eine besondere Weise auf das Geschehene schauen und dem Ganzen einen Sinn verleihen.

Und dieser Sinn liegt meines Erachtens nach nie in der Vergangenheit und selten in der Gegenwart, sondern fast immer in der Zukunft.

Eine der wichtigsten Fragen, um Schmerzliches auf diese Weise zu transformieren habe ich von Paul Raphael lernen können, einem Friedensstifter vom Volk der Anishinabe, der auch schon oft in Deutschland war. Sie lautet:

Wie kann dir das Erlebte ermöglichen und helfen, anderen zu helfen?

Die Frage verrät in sich bereits, dass ich den Sinn in den schlimmsten Erlebnissen oft erst dann finden kann, wenn ich nicht so sehr auf mich selbst und meinen eigenen Vorteil schaue, sondern das Wohl der Gemeinschaft in den Blick nehme.

Es kann sehr wohltuend sein, gerade auch diese Aspekte des Jahres mit anderen Menschen zu teilen und zu reflektieren, mit Partner*innen, Freund*innen, Gemeinschaft. Gemeinsam sind wir stärker und auch die schwerste Last lässt sich leichter tragen, wenn sie sich auf viele Schultern verteilt.

Die leidvollen Erlebnisse können wie ein besonders starker Kitt in einer Gemeinschaft sein: Sie helfen uns, die eigene Verletzlichkeit deutlich zu spüren, zuzulassen und auch zu zeigen, wodurch die Verbindung zwischen uns wächst und das Vertrauen ineinander gestärkt wird. Es ist ein großes Geschenk, in der eigenen Trauer von anderen Menschen gehalten zu sein, so wie es auch ein großes Geschenk ist, mich anderen mit meiner Trauer zu zeigen.

Nach den Weihnachtstagen und vor Silvester kann die günstige Gelegenheit sein, mit den engsten vertrauten Menschen für ein paar Stunden an einem Feuer zu sitzen. Egal ob es draußen inmitten der Kälte wärmend prasselt oder als Kreis von vielen Kerzen in einer gemütlichen Stube unsere Gesichter mit rotgoldenem Schein erhellt – das heiße Flackern der brennenden Flammen erinnert uns daran, dass auch die härteste Substanz transformiert werden kann.

Das Feuer kann ein wunderbares Gegenüber für unsere Trauer, Wut und andere Emotionen sein, und es leuchtet uns den Weg zum Einladen und Umarmen und Festhalten von dem Sinn, für den wir uns entscheiden, ihn unserem Leiden zu verleihen – zum Wohle anderer.

Mit kleinen Gaben an das Feuer kann ich dabei meine Absicht immer wieder bekräftigen, die Energie des Schmerzes in etwas Sinn-volles zu verwandeln, in Medizin für die Gemeinschaft des Lebens.

(Auch online kann dies gemacht werden, vor allem wenn jede Person sich selbst ein kleines (Kerzen-)Feuer vor Ort mit dazu holt.)

Teil 5 – Wer bin ich und wofür bin ich hier?

Wenn die oben aufliegenden Themen eines Jahres etwas abgeschöpft und verarbeitet sind, zeigen sich oft die darunter liegenden und damit verbundenen langen (vielleicht roten, goldenen oder ganz bunten?) Fäden unseres gesamten Lebenswegs.

Jetzt ist die Gelegenheit günstig, noch einmal ganz ganz weit zurück zu schauen und in den Raum einzuladen und zu würdigen, was schon lange her ist, doch immer noch bedeutsam und wesentlich für mich und meinen Lebensweg, meinen Seelenweg.

Mit wenigen wichtigen Menschen meines Lebens kann ich teilen (und/oder für mich selbst aufschreiben):

  • Wer bin ich?
  • Wo komme ich her, was sind meine Wurzeln, in meinem eigenen Leben und dem meiner Vorfahren?
  • Was waren wesentlichen Momente in meinem bisherigen Leben, in denen durch schlüsselhafte Entscheidungen und Begegnungen sich Weichen stellten, die den Verlauf der Dinge für immer verändert haben?
  • Welche Momente kann ich erinnern, in denen ich auf dem Gipfel meines eigenen Berges gestanden habe und einen weiten Überblick auf all das erhaschen konnte, was mein Leben, meine Persönlichkeit und Identität in der Welt, vor allem aber meine Seele ausmacht?
  • Welche Visionen/Ausblicke auf mein Leben habe ich in der Vergangenheit gescheit bekommen und wie haben sie sich bis jetzt verwirklicht?
  • Was sind die allertiefsten Sehnsüchte, die mich in diesem Leben im Innern bewegen und immer weiter und weiter ziehen?
  • Welche Früchte sind in diesem vergangenen Jahr durch mich in die Welt gekommen?
  • Welche Gaben, besonderen Eigenheiten und Qualitäten wirken durch mich in die Welt hinein? Wofür schätzen mich die Menschen, die mit mir zu tun haben?

Die letzte Frage können wir nicht für uns selbst beantworten – dafür brauchen wir den Blick und die Worte von anderen Menschen. Es ist wichtig und hilfreich den Mut aufzubringen (immer wieder) danach zu fragen:

  • Was magst du an mir?
  • Was schätzt du an mir?
  • Was tut dir gut wenn wir zusammen sind?
  • Welche Medizin glaubst du bringe ich mit in die Gemeinschaft?
  • Wie würdest du meine Gaben/ meine Essenz in Worte fassen und beschreiben?

Ich führe seit vielen Jahren ein kleines Büchlein in dem ich sammle, was mir an Wertschätzung ausgesprochen wird. Wenn ich zur Jahreswechsel-Erneuerungszeit allein bin, aber auch zwischendurch, wann immer ich es brauche, schaue ich in das Büchlein hinein wie in einen Spiegel, in dem ich besser wahrnehmen kann, was durch mich in die Welt kommt, welche Qualitäten.

Das jedem einzelnen Menschenkind innewohnende Genie oder die individuelle Gabe hat dabei selten mit einer konkreten Kunstform zu tun. Der Begriff trifft nicht nur auf die Meister-Musiker*in zu, vor der die ganze Welt sich verneigt, ganz im Gegenteil. In unserer Kultur hören wir oft unterschwellig oder sehr deutlich, dass nur wenige Personen wirklich begabt sind – und wir selbst und auch unsere Liebsten um uns herum vermutlich gar nicht dazugehören.

Dabei bringt jede Person ganz klar die Sorte von Gaben mit, die alle anderen in ihrem Kreis jeden Tag brauchen, einfach damit wir gemeinsam existieren und gedeihen können.

Unser „Genie“ ist dabei nicht das, was wir tun – sondern wie wir etwas tun, nämlich auf unsere ganz besondere, einzigartige Art und Weise.

Unsere Gaben sind nicht unsere Begabungen (wie musizieren zu können), sondern vielmehr eine Mischung aus unseren Talenten, unseren Sehnsüchten, die uns lenken, unserem einzigartigen Stil mit dem Leben umzugehen, und vielem mehr, was eine herrliche Wolke aus Worten, Geschmäckle und spürbarer Besonderheit ergibt.

Es ist ganz natürlich, dass wir unser inneres Wunderwerk nie ganz und gar (er)fassen können – dafür ist es viel zu komplex und geheimnisvoll. Doch uns ihm anzunähern ist wichtig dafür, uns selbst zu spüren und mit wachsendem Vertrauen und Zufriedenheit das hinschenken zu können, wofür wir in dieses Leben gekommen sind.

Für mich ist mit das allerwichtigste daran, mich mit meinen Gaben zu beschäftigen, dass es mir hilft, mit mehr Vertrauen, Hingabe und Freude wirklich für die andern da zu sein und zu handeln – für meine Liebsten, aber eben auch für die Gemeinschaft allen Lebens.

Teil 6 – Das Leben feiern

Mir all der Gaben bewusst zu werden, die ich in mir selbst und in anderen entdecken kann, füllt das für Glück bereitstehende Gefäß in meinem Inneren bis über den Rand mit Dankbarkeit und Freude. Das Ende des Jahres ist für mich eine stimmige Gelegenheit, das ganze Leben, das so viel Fülle schenkt, noch einmal besonders ausgelassen und energievoll zu feiern.

Silvester macht es möglich, die vielen Worte und Gedanken ruhen zu lassen und stattdessen den Körper zu bewegen, zu tanzen, zu spielen, und ganz besonders fröhlich zu sein.

(Auch das kann online gehen. Hier findest du Anregungen für eine Dance-Party über Zoom, von denen schon seit Monaten weltweit jede Menge stattfinden: https://medium.com/tixel/how-to-host-a-zoom-dance-party-970bea59b76.)

Wenn ich lange und intensiv zurückgeschaut habe, deutlicher wahrnehme und tiefer verstehe was war, kann ich das Jahr bewusster beschließen, abschließen, und die letzten paar Stunden und Minuten bewusst zelebrieren.

Ich mag es sehr, wach zu bleiben bis nach unserer Zeitrechnung mitten in der Nacht das alte Jahr endet und das neue Jahr beginnt.

Ich beginne das neue Jahr gern mit viel Stille und aufmerksamem draußen Sein, allein oder zusammen mit meinen Liebsten einen Spaziergang zu machen, um vor allem die nicht-menschlichen Wesen in unserer Umgebung im Neuen Jahr zu sehen und zu grüßen.

Am liebsten besuche ich ein natürlich ganz kaltes Wasser an einem Bach, Flüsschen oder See, um das lebensspendende Element zu segnen und um für mich und meinen Liebsten von den Kräften und Wesen in der Natur einen Segen zu erbitten, einfach für Gesundheit, Freude und Lebendigkeit für das neue Jahr.

Mich am Neujahrstag allein oder zusammen mit meinen Liebsten draußen in der Natur zu waschen (zumindest die Hände oder die Stirn) oder sogar komplett zu baden hilft mir, die Lebenskraft in eine neue Runde zu schicken und mich voll und ganz bis in die Tiefe erfrischt und erneuert zu fühlen.

Teil 7 – Der Nordstern

Ein Nordstern steht für etwas, das uns Orientierung für unseren weiteren Weg bietet, auch wenn wir es nie vollständig erreichen können. Die Jahreswechsel-Zeit ist eine wunderbare Zeit, um unseren Nordstern zu überprüfen und uns immer wieder neu auszurichten, nach dem was uns am Wichtigsten ist.

Statt mir konkrete, messbare Ziele für das kommende Jahr zu setzen, setze ich meinen Kurs auf Werte, die mir wirklich am Herzen liegen. Ich finde es hilfreich, diese Werte in jedem Jahr wieder neu abzuschreiben und für mich selbst dadurch festzuhalten. Sie könnten auch in Form von Gedichten, Liedern, Bildern oder Skulpturen, selbst symbolisiert von gefundenen oder gekauften Gegenständen eine (an)fassbare Form finden, die mich durch das kommende Jahr begleiten kann, wenn ich ihnen einen Platz in meinem Zimmer schenke.

Hilfreiche Fragen um ihnen auf die Spur zu kommen könnten sein:

  • Was sind die grundlegenden Werte in deinem Leben?
  • Was ist dir am wichtigsten und liegt dir wirklich am Herzen?
  • Was sind die tieferliegenden Bedürfnisse und großen Sehnsüchte, deren Erfüllung du dir immer wieder (neu) wünschst?
  • Mit welchen Intentionen möchtest du in das kommende Jahr gehen?
  • Welche Qualitäten möchtest du einladen, für dich selbst und für alle die mit denen du verbunden bist?

Zusätzlich zur Innenschau bitte ich am Neujahrstag gern irgendein Orakel, mir etwas über das zu verraten, was mich im neuen Jahr erwartet, zum Beispiel in dem ich Karten ziehe oder einen Spaziergang mache, bei dem ich eine Frage im Herzen trage.

Besonders hilfreich finde ich dabei diese Fragen:

  • Was wird durch mich kommen?
  • Was kann mich unterstützen?
  • Was brauche ich?
  • Worauf kann ich meine Aufmerksamkeit lenken, das besonders hilfreich wäre?

Oft entdecke ich durch die Symbolik der Karten oder die Ereignisse auf meinem Spaziergang weitere Qualitäten, Werte und Intentionen, die ich ebenfalls einladen möchte fürs neue Jahr.

Einladen und Bekräftigen

Indem ich die Werte in Worte fasse, sie denke oder ausspreche, hole ich sie bereits in den Raum. Auch wenn sie immer Ideale bleiben, die nicht vollkommen verwirklicht sein werden, stellen sie sich als Qualitäten schon ein Stückchen weit ein, sobald ich sie über die schöpferische Wirkkraft der Sprache berühre.

Einen Wert denken, sprechen, beten oder als Symbol in meine Hand zu nehmen ist für mich, wie eine Tür zu öffnen zu einem Raum voller Möglichkeiten, wo eben diese Qualitäten enthalten und lebendig sind. Insofern ist jedes Werte-Wort ein Zauberwort!

Wenn ich mich wage, es zu sprechen auch wenn andere Menschen dabei sind, kann ich seine Wirkkraft verstärken.

Deshalb mache ich gern am ersten oder zweiten Januar ein Bekräftigungsritual, wo ich (allein oder zusammen mit anderen), all das an Werten, Intentionen oder Qualitäten einlade, was ich mir für das neue Jahr wünsche, und zwar so allgemein wie möglich, ohne es mit konkreten Bildern in Verbindung zu bringen (beispielsweise würde ich um „ein geborgenes Zuhause“ oder um das „Gefühl, voll und ganz zuhause zu sein“ bitten, nicht um „ein Haus mit einem Holzofen und großen Fenstern“).

Für dieses Ritual braucht es eine oder mehrere Gaben, die ich mit meinen Wünschen zusammen verschenke. Ein großes oder kleines Feuer könnte einen guten Empfänger dafür bieten (mit brennbaren Gaben wie beispielsweise Haferflocken oder selbst gesammeltem getrockneten Beifuß), oder ich könnte die Gaben (biologisch leicht abbaubar wie getrocknete Kräuter oder auch Steine, die ich mag) einem fließenden Gewässer übergeben, mit Gebeten für ihre Erfüllung. Auch große Bäume sind manchmal geeignete „Empfänger*innen“ für Gebete und Gaben.

Es kann zutiefst berührend sein, hierbei neben den Gebeten für mich selbst vor allem auch für das Wohlergehen meiner Liebsten und für alle anderen Wesen zu beten und die Qualitäten einzuladen, die ich für die Welt ersehne.

Je mehr ich meine Zeit, Aufmerksamkeit und Lebenskraft zur Verfügung stelle, um das Wohl des größeren Lebensnetzes zu bedenken, desto stärker kann ich mich als Teil des Ganzen und auch selbst davon getragen fühlen.

Teil 8 – Zukunftsbilder

Indem ich Intentionen setze und Qualitäten und Werte einlade, stelle ich in meinem Innern eine Weiche, ich setze meinen Kurs in genau diese Richtung. Ich öffne ein Türchen einen Spalt breit, durch das nun Leben strömen kann. Man könnte auch sagen, ich setze mir eine ganz bestimmte Brille auf, durch die ich nachfolgend die Welt betrachte und leicht verändert oder auch ganz neu wahrnehmen kann.

Die Zeit nach dem rituellen Bekräftigen der Neujahrs-Intentionen, wenn im Januar immer noch tiefe Dunkelheit herrscht, die Landschaft kahl und eisig bleibt, während ab und zu die Misteldrossel wehmütig singt und in den langen dunklen Nächten die Füchse heiser bellen, ist für mich eine besondere Zeit des Nichtwissens-und-damit-gut-Seins.

Im Bauch der Erde ist nun alles Vergangene verdaut und bereit ein fruchtbarer Mutterleib für das Neue zu sein. Ich versuche den ganzen Monat soweit es möglich ist termin-frei zu halten, eine gute Portion Urlaub zu machen und danach auch noch zwei, drei Wochen lang nur meinem eigenen Arbeitsflow zu folgen, damit genug leerer Raum da sein kann, in dem die zarten kreative Funken der schöpferischen Kraft und Inspiration sich einfinden können.

Nach und nach zeigen sich in meinem Innern mehr Bilder darüber, was die Zukunft von mir brauchen könnte und wie sich die gesetzten Intentionen, Werte und Qualitäten in diesem neuen Jahr verwirklichen könnten. Auch konkrete Bilder für Projekte zeigen sich, sowohl für die Arbeit, als auch persönlicher Art. Diese Bilder nähre ich durch meine Aufmerksamkeit, mein Lauschen, mein Hineinspüren – wie würde es sich anfühlen, wenn…?

Erst wenn Anfang Februar das Licht sich verändert, die Knospen der Bäume anschwellen, im Innern ihrer Stämme das Wasser wieder strömt und tief in der Erde die Vorfrühlingskraft sich zu regen beginnt, ist bei uns die Zeit gekommen, unseren immergrünen Strauch- oder Baum-Altar zu schließen und aus dem Haus zu schaffen, meistens am zweiten Februar.

In kleine Stücke zerteile ich die meist schon ganz trockenen Zweige und Äste. Mit jedem Teilchen davon, das ich ins Feuer gebe, spreche ich die Wünsche und Widmungen für das Jahr, so konkret wie ich sie in meinen inneren Bildern sehen oder erahnen kann.

Prasselnd verbrennen sie und dies ist ein guter Zeitpunkt um auch für all die Einsichten und den Zauber der gesamten Jahreswechsel-Erneuerungszeit zu danken. Jetzt sind die dazugehörigen Rituale für mich abgeschlossen und gemeinsam mit meinen Liebsten feiern wir unser Frohlocken auf alles was kommt, meistens mit einem richtig leckeren Essen hinterher.

Das Drumherum: Einen lebendigen Rahmen gestalten

Tiefes Reflektieren ist anstrengend und fordernd für uns. Es fördert Emotionen an die Oberfläche, die einen Ausdruck finden wollen, und auch die mit ihnen verbundene Energie will umgesetzt werden.

Deshalb empfehle ich dir gerade in Zeiten intensiver Innenschau auch genau das Gegenteil bewusst mit einzuplanen: Oberflächliches, Lustiges, Albernes, Leichtherziges, Verspieltes und pure Unterhaltung.

Für mich sind schon seit vielen Monaten Komiker (beispielsweise dieser hier, auch vor allem dieser und manchmal auch noch der) fast lebenswichtig geworden – ihr frischer Blick auf die Widernisse unserer Zeit hat für mich zutiefst tröstliche Wirkung und lässt mich entweder weniger hilflos fühlen – oder zumindest nicht so allein mit meinem Frust.

Wenn du die Möglichkeit hast, life oder per Telefon mit Kindern in Kontakt zu sein, würde ich dir wärmstens empfehlen, sie zu nutzen. Gerade wenn es nicht deine eigenen Kinder sind, brauchen sie dich vielleicht besonders, weil sie sich in den Ferien vermutlich mit ihren eigenen Eltern und engsten Familienangehörigen ab und zu ziemlich langweilen! :-) Eine Liste kinderfreundlicher Witze, die du am Telefon oder life vor Ort mit ihnen teilst, könnte für euch alle einen Moment herrlicher Leichtigkeit ermöglichen.

Wichtig ist es in der Erneuerungszeit auch, ganz besonders intensiv für deine körperlichen und seelischen Bedürfnisse zu sorgen:

  • viel, viel Wasser trinken
  • lange schlafen 
  • an der frischen Luft bewegen, spazieren gehen
  • Sonne tanken wenn sie sich zeigt
  • kuscheln mit Haustieren, Menschen mit denen dies möglich ist, aber auch flauschigen Decken oder Kissen
  • Berührung schenken und empfangen, auch einfach von dir selbst für dich selbst 
  • leckeres Essen für dich zuzubereiten (oder auch die Gastronomie vor Ort durch Bestellungen zu unterstützen)
  • dir selbst Wärme spenden, um mehr Geborgenheit spürbar zu machen
  • mit großen oder kleinen Taten für jemand anders etwas Liebes tun
  • vor allem wenn du dich ängstlich oder angespannt fühlst und dein Nervensystem Unterstützung dabei braucht, sich selbst zu regulieren:
  • und was immer deinem Körperwohl noch gut tut!

 

Möchtest du mehr darüber lernen, wie du Menschen auf deren Lern- und Lebensweg unterstützen
und begleiten kannst? Dann könnte dir unser Online-Paket zum Thema Mentoring gefallen….

angst vor dem krieg

So viel Angst vor dem Krieg und rund um den Krieg, die in vielen von uns und um uns spürbar ist –
wie können wir trotzdem klarkommen und irgendwie hilfreich sein?

Sieben mögliche Handlungsfelder, aufgeschrieben von Elke Loepthien-Gerwert…

 

Das Grauen über den Krieg schnürt vielen die Kehle zu. In einer Umfrage zu Beginn des Krieges sagten fast 70 % der Menschen in Deutschland, sie würden den Ausbruch eines dritten Weltkriegs befürchten. Doch auch ohne Atomraketen ist die Lage schlimm genug.

Lähmend ist die Hilflosigkeit angesichts des Leidens, das gerade jetzt und immerzu auf die Menschen hereinbricht, in der Ukraine und auf der Flucht, die gerade in diesem Moment mit Todesangst, Hunger und Kälte, mit Rassismus oder Menschenhandel konfrontiert sind, ebenso die Angst davor, was daraus noch weiter erwachsen könnte.

Es ist wie ein Erwachen in einer niemals gewollten Wirklichkeit, von der überhaupt nicht absehbar ist, wie sie sich entwickeln wird.

Der Angst begegnen

„Ein großer Unterschied zu anderen, irrationalen Ängsten ist, dass diese Angst real ist“, sagt Jörg Angenendt, Leitender Psychologe der Psychotraumatologischen Ambulanz des Uniklinikums Freiburg im Gespräch mit der ZEIT.

Wie können wir damit klarkommen? Wie können wir selbst gesund bleiben, für unsere Liebsten sorgen, hilfreich für die vielen Menschen sein, die unsere Unterstützung wirklich gut gebrauchen können UND dann auch noch dazu beitragen, dass die Klima-Katastrophe aufgehalten werden kann?

Diese Fragen haben wir uns oft gestellt in den letzten Tagen. Hier sind  sieben haltgebenden Handlungsmöglichkeiten, die wir finden konnten…

1. Nachrichten- & Medien-Konsum regulieren, aber nicht komplett vermeiden

Schlimme Nachrichten lösen Stress aus, und unsere Fähigkeit klar zu denken wird zunehmend eingeschränkt.

Die CIA-Analystin Cindy Otis beschreibt, was uns passieren kann, wenn wir tagtäglich so viel negative Nachrichten erfahren:

  • Gleichgültigkeit – wenn uns das Schlimme irgendwann ganz „normal“ erscheint.
  • Lähmung – wenn wir so überfordert und überwältigt sind, dass wir uns außerstande fühlen, irgendwas zu tun
  • Endzeitstimmung – wenn jede weitere Neuigkeit uns in Alarmbereitschaft versetzt, dass bald alles vorbei sein könnte
  • Depression oder Post-Traumatische Belastungsstörungen – selbst wenn wir gar nicht life dabei waren – schlimme Meldungen nur allein zu hören, genügt manchmal um beides auszulösen
  • Physische Symptome – Schwindel, Kopfschmerzen, Fieberschübe, Konzentrationsschwäche, Erschöpfung usw.

Doch unsere Wahrnehmung konzentriert sich nun einmal besonders auf alles was gefährlich sein könnte. Deshalb interessieren wir uns vorwiegend für negative Neuigkeiten, nicht nur in Kriegszeiten. Schon 1977 zeigten  71,4 Prozent aller TV-Nachrichten Hilflosigkeit.

Dabei kann gerade das wiederholte Betrachten von Hilflosigkeit regelrecht ansteckend sein. Wir lernen dabei quasi, uns selbst hilflos zu fühlen und unsere Bereitschaft, aktiv gesellschaftlich mitzuwirken, könnte sogar sinken – so dass wir weniger hilfsbereit handeln.

Den Teufelskreis durchbrechen

Wenn wir erstmal Angst haben, fühlen wir noch stärkeren Drang, immer mehr beängstigende Informationen zu sammeln. „Exzessiver Nachrichtenkonsum ist ein Versuch, die Kontrolle wieder herzustellen, die wir gerade aber nicht haben können“, sagt Ceylan Schuster, aus der Angstambulanz Frankfurt.

Sie empfehlt einen reduzierten Medienkonsum, warnt aber gleichzeitig davor, sich den Nachrichten komplett zu entziehen: „Durch Vermeidung wird die Angst nur größer.“

Menschen, die bewusst gar keine Nachrichten konsumieren, begründen ihre Entscheidung oft damit, dass die Meldungen ihre Stimmung schwer beeinträchtigen würden und sie nicht das Gefühl hätten, „irgendetwas tun zu können“.

Nach Tröstlichem und Ermutigendem suchen

Viele Menschen verspüren deshalb einen Wunsch nach mehr Berichten über Lösungen in den Medien. Dies ist nicht nur ein psychologisches Bedürfnis, sondern auch gesellschaftlich relevant.

Denn sehen zu können, wie jemand anders aktiv lebensförderlich handelt, wirkt ebenfalls ansteckend.

Tapferes oder menschenfreundliches Verhalten zu erleben oder darüber zu erfahren, hilft uns nachweislich dabei, uns selbst auch großherziger zu verhalten.

Deshalb sind es also berührende Meldungen über tapfere Taten, aktive Nächstenliebe und Solidarität, die jetzt gerade so wichtig für uns alle sind.

Oft ist es das Verhalten von Einzelnen, das vielen anderen Mut geben kann

Die Journalistin Ronja Wurmb-Seibel beschreibt, wie sie fast zerbrach an dem unermesslichen Leid, dass sie als Berichterstatterin in Afghanistan miterlebte. Sie suchte Wege, wie sie ihrer Arbeit nachgehen und dabei trotzdem seelisch gesund bleiben könnte.

Ihre Erkenntnis: Wir brauchen Geschichten, die Mut machen. Nicht weil sie problemfrei wären, sondern weil sie „Probleme plus X“ enthielten – entweder Lösungen oder zumindest „eine Person, die alles dafür gab, damit sich Dinge ändern, die damit anderen Zuversicht schenkte“

Einige solcher Geschichten, aktuell aus der Ukraine finden sich in dieser fortlaufend wachsenden Sammlung der ZEIT.

Humor kann alles leichter machen

Dmitro Chayka, ein 25jähriger Filmproduzent schreibt: „Humor ist ein Weg, mit dem Krieg umzugehen, ein coping mechanism. Die sozialen Medien sind voll von Witzen über den Krieg. Warte, ich scrolle mal kurz durch mein Handy. Ah, hier. Also: Die russische Propaganda behauptet gerade, dass die Ukrainer Biowaffen entwickeln, um Russen zu töten. ‚Biowaffen?‘, schreibt einer. ‚Meinen die Russen den Borschtsch, der seit zwölf Tagen in meinem Eisfach feststeckt?‘“

Der Dalai Lama, geistlicher Führer der Tibeter, hat selbst Flucht und fast den Genozid seines eigenen Volkes miterlebt. Er beschäftigt sich intensiv mit Leid und Missständen auf der Welt. Er beschreibt wie grundlegend es für unsere seelische Gesundheit ist, dem Leben immer wieder mit Humor zu begegnen.

Wo ausgelassen aus tiefstem Bauch heraus gelacht wird, kann auch die größte Angst zumindest kurz schmelzen und ein Raum entstehen, in dem Vertrauen, Liebe und Frieden erlebbar sein können.

2. Angst akzeptieren & uns daran erinnern, dass sogar positive Auswirkungen möglich sind

Im zweiten Weltkrieg wurde in Großbritannien der Slogan: „Keep Calm and Carry on“ verbreitet (=„Bleib ruhig und mach weiter“). Dabei zeigen viele Studien, dass es kaum möglich ist, Emotionen einfach wegzudrücken, im Gegenteil:

Gefühle können umso qualvoller werden, je stärker man sie abwehrt. „Akzeptieren Sie die Komplexität der Situation, anstatt innerlich gegen sie anzukämpfen„, rät Oliver Tüscher vom Leibniz Institut für Resilienzforschung.

Gerade langfristig sei es wichtig, einen Umgang mit der Angst zu lernen und sie als ganz normales Gefühl zu akzeptieren, sagt auch Ceylan Schuster:„Wichtig ist, dass man innehält und dieses Gefühl der Angst benennt, wenn es kommt. Was passiert gerade mit mir, wie fühle ich mich? Hilflos? Ohnmächtig? Es ist ganz wichtig, sich zu sagen: Es ist okay, sich so zu fühlen.“

Das aktive Akzeptieren einer Situation genauso wie sie ist (einschließlich unserer Emotionen dazu), kann uns aus einem festgefahrenen Zustand zurück in den Moment bringen. Erst dadurch wären wir frei, aktiv (statt nur reaktiv) zu handeln.

Dies ist nicht gleichbedeutend mit Resignieren oder Aufgeben. Es geht nicht darum zu akzeptieren, dass die Lage nie wieder besser werden könnte – nur, dass sie gerade jetzt einfach so ist wie sie ist.

„Es ist wie es ist“ – kann ein kurzes und echt tröstliches Mantra sein, von dem uns kürzlich jemand erzählt hat.

Angst kann positive Auswirkungen haben!

Wenn wir uns bedroht fühlen, löst das immer Stress in unserem Körper aus, vereinfacht gesagt: Unsere individuellen oder sozialen Anpassungs-Systeme sind überfordert mit (äußeren oder auch innerlichen) Anforderungen einer Situation.

Stress ist richtig anstrengend für unser gesamtes System. Er konnte laut einer Studie die Sterblichkeit deutlich erhöhen – aber erstaunlicherweise nur bei jenen Menschen, die diesen Stress selbst auch negativ bewerteten.

Ob wir es schaffen, dem unvermeidbaren Stress in unserem Leben etwas Positives abzugewinnen, scheint also eine wichtige Rolle zu spielen, um unsere individuelle (und vielleicht auch kollektive) Resilienz zu entwickeln.

Mit schweren Umständen halbwegs klar kommen oder dank ihnen sogar aufzublühen ist etwas, das uns Menschen besser gelingt, wenn wir in früheren Zeiten schon mal Schwierigkeiten überstanden haben. Was uns nicht umbringt kann uns also resilienter machen.

Einfach nur über positive Wirkungen von Stress zu wissen, kann schon enorm helfen

Eine Studie der Stanford Universität konnte in Experimenten nachweisen, dass eine positive Einstellung gegenüber Stress sich entscheidend auswirkte: Personen erlebten stressvolle Erfahrungen als angenehmer, hatten mehr Aufmerksamkeit für positive Reize und handelten kognitiv flexibler.    

Das ist bedeutsam, weil wir eben im Leben oft mit Stress durch Umstände konfrontiert sind, an denen wir nicht direkt etwas ändern können. Umso wichtiger ist es also zu wissen, dass allein unsere Einstellung dazu einen echten Unterschied machen kann – dafür wie wir die Situation erleben und wie sehr wir in der Lage sein werden, uns hilfreich zu verhalten.

Sogar lebensbedrohliche Situationen können positive Auswirkungen haben

Tatsächlich existieren positive Auswirkungen von Stress und bedrohlichen Situationen: Sie können uns darin stärken, selbst die Initiative zu ergreifen und allgemein produktiver zu sein sowie eine Art physiologisches „Aufblühen“ (engl. „thriving“) auslösen.

Sogar heftigster Stress durch lebensbedrohliche Ereignissen kann zu etwas Gutem führen: Dazu gehören eine größere Wertschätzung für das Leben, mehr Bewusstheit für eigene Stärken und gestärkte Beziehungen – Phänomene die oft unter dem Begriff „post-traumatisches Wachstum“ zusammengefasst werden.    

Der über 90jährige Benediktiner-Mönch David Steindl-Rast erzählt (immer mal wieder), dass mit die glücklichste Zeit seines Lebens während des Kriegs war – weil er aufgrund der beständigen Bedrohung intensiv jeden Moment erleben konnte.

3. Immer wieder im Hier und Jetzt verankern

„Das Gegenteil von Unsicherheit ist nicht Sicherheit – es ist Präsenz,“ schreibt Christine Carter. Wenn wir uns in erschreckenden Gedanken verlieren, kann unser Körper einen Ausweg ermöglichen, über die Sinne:

„Was kann ich jetzt gerade auf meiner Haut spüren? Was kann ich jetzt gerade riechen? Was hören und was sehen, wenn ich mich umschaue? Wie fühlt sich mein Körper innen drin an, von den Zehen bis zum Scheitel?“

Fragen und (Selbst-)Beobachtung können helfen, im Moment anzukommen, immer wieder.

Atem

Ein anderer wirkungsvoller Anker kann unser Atem sein: Ihn einfach nur wahrzunehmen und zu beobachten, wie er von ganz allein in uns ein und aus strömt.

Der Atem, oder auch unser Herzschlag, können uns helfen zu lernen wie es ist, etwas aufmerksam und liebevoll wahrzunehmen, ohne zu versuchen, es zu kontrollieren.

Mit der Aufmerksamkeit wird sich Ruhe von ganz allein einstellen, oder wir können nach einer Weile bewusst das Ausatmen verlängern, zum Beispiel indem wir durch einen leicht geöffneten Mund ausatmen, oder mit einem langgezogenen „w“ oder „f“, und dabei den Luftstrom bewusst spüren, danach wieder frei und recht kurz durch Nase oder Mund einatmen.

Längeres Ausatmen kann dem Körper dabei, mehr Entspannung zuzulassen. (Wichtig: Den Atem wieder frei fließen lassen, falls dir schwindlig oder unwohl wird!)

Bewegung

Ist das Gefühl von Unsicherheit groß, kann auch Bewegung helfen, vor allem mit beiden Körperhälften: Zappeln mit beiden Füßen oder mit allen Fingern an beiden Händen, rhythmisches hin und her Schwingen der Arme oder sogar ein Hampelmann.

Auch Balancieren oder Hüpfen auf einem Bein kann über das Gleichgewichtsorgan im Gehirn helfen, angstvolle Starre abzuschütteln.

Spazieren gehen, vor allem in der Natur, ist eine der besten Aktivitäten überhaupt um „runterzukommen“. Es hilft auch Auswege aus Konflikten zu finden, klarer zu denken und besser zu entscheiden.

4. Selbstmitgefühl und Selbstfürsorge

Wir können nicht 24h am Tag die Welt retten. Den größten Dienst können wir dann schenken, wenn wir für unsere eigenen Bedürfnisse sorgen und genährt und fit sind, um etwas zu geben.

Kristin Neff erforscht das Selbstmitgefühl: Uns selbst so liebevoll zu behandeln, wie wir dies mit guten Freund:innen tun würden.

Wie kann eine Selbstmitgefühl-Übung und Praxis aussehen?

Kleine Selbstmitgefühl-Übung

1. Spüren was du fühlst und anerkennen: Es ist gerade schwer, schlimm, schmerzlich für mich.

2. Dich erinnern, dass schlimme Gefühle und Emotionen zu erleben ein ganz natürlicher Teil vom Mensch-Sein ist: „Alle Menschen fühlen sich manchmal so oder so ähnlich.“

3. Dir bewusst und aktiv Trost und Zuwendung schenken, beispielsweise durch eine Berührung (Hand aufs Herz, oder dich selbst umarmen) und auch durch ein paar liebevolle Worte (gedacht oder gemurmelt), wie: „Möge ich mitfühlend mit mir sein.“ oder „Möge ich den Trost finden, den ich brauche.“

(Link zur ganzen Übung)

(Wir haben auch einen Online-Kurs zum Thema: „Verbindung durch Selbstmitgefühl“)

Selbstfürsorge ist nicht Selbstbezogenheit

Manchmal würden wir Selbstfürsorge vermeiden, weil wir sie als Selbstbezogenheit verurteilen, schreibt Christine Carter. Aber Selbstbezogenheit sei eine ängstliche Fixierung darauf, wer wir glauben sein zu müssen. Sie könne zu Stress, Ängsten, Depressionen und körperlichen Problemen führen.

Selbstfürsorge dagegen dreht sich um das, was wir wirklich brauchen – egal was jemand anders darüber denkt.

Besonders wichtig sind Schlaf, ausgewogene Ernährung, Bewegung, vor allem in der Natur, und natürlich Kontakt zu Menschen (oder anderen Säugetieren), einschließlich Berührungen.

Aber auch alles andere, was uns ein Gefühl von Halt, Geborgenheit, Sicherheit und versorgt sein vermitteln kann, ist wichtig, in den Alltag einzuplanen, damit wir nicht körperlich oder emotional ausbrennen. 

5. Trauern wenn es möglich ist & die Verbindung zu anderen Menschen suchen

Über emotionale Tränen scheiden wir Stress-Hormone und Toxine aus und Weinen kann die Produktion von Endorphinen anregen, Glückshormone, die auch Schmerzen lindern. Wir fühlen uns häufig besser, wenn wir geweint haben, sogar wenn ein Problem weiterhin besteht.

Doch gerade in angstvollen Lebensphasen kann es schwierig sein, überhaupt zu trauern.

Damit die Trauer sich nicht in uns anstaut, wir innerlich immer härter werden, kann es helfen, extra Zeiten einzuplanen, um den Emotionen freien Lauf zu lassen und zu weinen.

In relativ sicheren, geborgenen Momenten voller Selbstfürsorge zeigt sich unsere Trauer vielleicht doch.

Denn wir verlieren so viel jetzt gerade: Vertrauen in den Frieden innerhalb Europas, Hoffnung auf wachsenden Frieden in der Welt, ein Gefühl von Sicherheit für uns selbst, für die Kinder… und wir sind konfrontiert mit dem Leiden des Krieges und unserer Hilflosigkeit darüber.

Damit was in uns erstarrt ist, wieder ins Schmelzen kommen kann

Oft brauchen wir einen stillen, sanften, weichen Raum, damit das, was wir nun seit Wochen halten und halten und halten, sich wieder lösen kann.

Manche Menschen können leichter weinen, wenn sie allein sind – vielleicht mit trauriger Musik, einem Film oder Fotos von früher.

Als der erste Lockdown in 2020 begann, habe ich in einem kleinen e-Büchlein Tipps gesammelt, die es erleichtern können, alleine zuhause zu trauern. Besonders wohltuend ist es aber, gemeinsam mit anderen Menschen trauern zu können oder zumindest nach dem Weinen mit jemand darüber zu sprechen, wie es mir gerade geht und was das alles für mich bedeutet.

Geteiltes Leid ist halbes Leid

Wenn es um Weltschmerz oder Ängste geht, kann es manchmal lebensnotwendig sein, dass wir einander zuhören und gegenseitig Halt geben können.

Manchmal braucht es einen Türöffner: „Sag mal, wie geht es dir eigentlich gerade mit allem was so los ist?“ (Und vielleicht: „Ich mag es wirklich gerne hören und auch selbst erzählen.“)

Gerade wenn wir nicht nur zu zweit, sondern mit mehreren sind, kann es hilfreich sein, nichts einzuwerfen, nicht zu unterbrechen, sondern jede Person einfach viele Minuten lang, immer weiter solange reden zu lassen, bis es erstmal gut ist.

Auch wenn dabei Tränen ins Fließen kommen, kann das richtig gut tun!

Es hilft, nicht einzugreifen, nicht sofort die Taschentücher zu zücken, sondern ganz ruhig dabei zu sein, aufmerksam und mitfühlend.

Hebamme sein wenn die Trauer ins Fließen kommt

Denn jedes kleine Trauern ist wie ein mini-Geburtsprozess: Etwas sortiert sich neu im Inneren, wir verändern uns durch das was da in uns vor sich geht. Danach sind wir ein wenig wie neugeboren, oft noch zart und etwas dünnhäutig – und wenn es gut läuft, wieder bereit und innerlich gestärkt dafür, mit unserem Leben weiterzugehen.

Damit wir gut da durch kommen, brauchen wir keine Chirurg:innen, die mittendrin irgendwie eingreifen, sondern eher Hebammen, die einfach nur nach außen beschützend, geduldig und aufmerksam da sind.   

Beim Bezeugen hilft es, nicht nur emphatisch mitzufühlen, sondern dabei einen Herzenswunsch für das Wohlergehen der anderen Person fest im Herzen zu halten, wie einen Anker.

Gerade angesichts von heftigen Emotionen kann Mitgefühl uns helfen, nicht wie fortgespült zu werden, sondern präsent und auch Halt vermittelnd dabei zu bleiben. (Es kann uns auch vor emotionalem Burnout schützen.)

Auch Erinnerungen wollen betrauert werden

Für viele ältere Menschen hier, die selbst Kriegskinder waren, ist es besonders belastend, die Bilder aus der Ukraine zu sehen. Es kann aber auch eine Chance sein, endlich nach so vielen Jahren von den eigenen Erfahrungen zu erzählen und auf diese Weise Erleichterung zu finden.

Wichtig ist es gerade für Gespräche über traumatische Erlebnisse, sich gemeinsam gut im Hier und Jetzt zu verankern, damit das Gefühl von so viel mehr Sicherheit in diesem Moment einen Ausgleich für die Ängste bieten kann.

Sich versorgt und sicher genug fühlen sind oft eine Voraussetzung fürs Trauern

Auch inmitten von Krieg und Flucht können zwischendurch Räume entstehen, in denen es möglich ist zu trauern und die Geschehnisse zu verarbeiten. Manchmal geschieht das dann, wenn ein Moment der Sicherheit entsteht und ein anderer Mensch da ist und zuhört.

Viel wahrscheinlicher ist es, dass die Trauer erst fließen kann, wenn Menschen irgendwo angekommen sind, wo sie sich physisch und seelisch wirklich in Sicherheit fühlen – also zum Beispiel wenn sie hier bei uns angekommen sind, ihre Grundbedürfnisse für sich und vor allem auch für ihre Kinder und hilfebedürftige Angehörige versorgt wissen.

In einem ausführlichen Artikel der ZEIT finden sich viele Tipps dafür, wie man ein hilfreiches Gegenüber für geflüchtete Menschen sein kann: „Einfache Zuwendung kann wirkungsvoll sein (…). Halten, stützen, da sein, man müsse dabei nichts hoch Bedeutendes sagen oder tun, versichern Experten. Hauptsache, die Geflüchteten und Kriegsopfer haben Hilfe – und jemanden zum Reden. Das muss zunächst auch keine professionelle psychologische Unterstützung sein, sondern einfach jemand, der zuhört. Und dem Betroffenen das Gefühl vermittelt: Ich darf meine Geschichte so oft erzählen, wie ich möchte.

Neben Grundbedürfnissen wie Essen, Trinken, Wärme und Wohnraum zählt für Geflüchtete jetzt das Gefühl, uneingeschränkt willkommen zu sein und vor allem: geborgen.“

Gehört werden kann Traumatisierung lindern

Wie stark traumatisierend Kriegserfahrungen sind, ist sehr verschieden: Je länger und mehr Bedrohung, Gewalterfahrungen auch gegen Angehörige, Erleben von Hilflosigkeit und Ohnmacht und je jünger ein Mensch ist, desto schlimmer können sich Kriegserlebnisse auswirken.

Viele Traumatherapeut:innen sprechen wie beispielsweise der Arzt Gabor Maté davon, dass nicht allein was uns widerfährt darüber entscheidet, ob wir eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln, sondern ob jemand da ist, der uns zuhört, eine Person mit der wir uns sicher genug fühlen, dass wir uns ihr anvertrauen können.

In einer Studie mit Kriegs- und Folterüberlebenden aus Afrika, dem Nahen Osten und vom Balkan lies sich nachweisen, dass die traumatischen Erlebnisse zwar Immunzellen deutlich schädigten, diese Zellen sich aber im Anschluss an eine Traumatherapie wieder erholten. In einer anderen Studie erwiesen sich sogar durch Trauma verursachte Schädigungen an der DNA als teilweise reversibel.

Dennoch hinterlassen Kriegs-Traumata Spuren, nicht nur beim einzelnen Menschen, schreibt die ZEIT: „Das ist wie bei einem Haus, das ein Erdbeben überstanden hat“, zitiert sie Areej Zindler, ärztliche Leiterin einer Flüchtlingsambulanz. „Das Haus kann repariert und wieder bewohnbar sein, trotzdem werden feine Risse bleiben.“

Letzendlich gehe es darum, die Erlebnisse ins Leben zu integrieren und diese Integration wirkt sich weit in die Zukunft hinein aus: Die Nachkommen von Überlebenden der Bombardierung Hamburgs haben selbst vielfach pazifistische Haltungen entwickelt.

Eine Auseinandersetzung mit dem Grauen eines Krieges könnte also Nährboden werden, in dem neuer Frieden gedeihen kann.

Nach dem Trauern tut Fürsorge gut

Nach dem Trauern tut Fürsorge besonders gut: Wärme, Augenkontakt, eine Umarmung, etwas heißes zu Trinken, Schokolade oder gemeinsam ein paar Sonnenstrahlen genießen.

Nach dem Weinen kann Erleichterung fühlbar werden und manchmal sogar ein bisschen Humor und Freude, jedenfalls oft Dankbarkeit – für einander, für alles was noch da ist, für das Leben.

Gerade wenn man allein für sich selbst trauert, weil gerade niemand anders da ist, kann es hilfreich, dieses „zurück ins Leben“ kommen bewusst zu zelebrieren.

6. Sich fürs Handeln entscheiden – am besten zugunsten von anderen

Es war eine kleine Sensation: Im Jahr 2000 veröffentlichte die Psychologin Shelly Taylor, dass nicht nur Flucht- oder Kampfverhalten durch Stress ausgelöst werden, sondern oft ganz andere Verhaltensmuster, die sie „Tend and Befriend“ nannte (=„Fürsorgen und Freundschaft“).

Dabei suchen wir die Nähe und Verbindung zu anderen Menschen und verhalten uns ihnen gegenüber fürsorglich.

Wir brauchen einander, schon immer

Der Ursprung von Tend & Befriend wird darin vermutet, dass es für Menschen schon immer die Überlebenschancen vergrößerte, sich nicht allein, sondern gemeinsam mit anderen vor Gefahren zu schützen.

Außerdem war und ist es notwendig um Menschen-Kinder, Älteste und andere geliebte Personen zu schützen, vor allem wenn sie körperlich eingeschränkt sind.

Menschen aller Geschlechter sind dazu fähig und man kann die Tend & Befriend Strategien auch bewusst erlernen und üben.

Beispielsweise wenn wir in stressvollen Situationen bewusst fragen: Wie kann ich jetzt gerade für andere da sein, oder mich so verhalten, dass es für meine Liebsten gut wäre?

Viele First Nations leben uns Tend&Befriend als Teil von Kultur vor, beispielsweise die Völker der Haudenosaunee-Konföderation, für die eine aktive Ausrichtung auf das Wohlergehen für die kommenden sieben Generationen ein Grundwert ist.

Um nicht in die Fallen von Nationalismus zu tappen ist es wichtig, unsere eigene Zugehörigkeit möglichst weit zu fassen, oder wie der Dalai Lama es ausdrückt: Wir sind alle einfach nur einer von sieben Milliarden Menschen.

Jetzt gerade eben nicht russische Menschen zu verurteilen, sondern auch unser Mitgefühl und Solidarität mit den vielen dort zu üben, die den Krieg nicht aufhalten können, weil sie nicht wissen oder nicht glauben können, was geschieht, oder weil sie den Repressionen des Regimes machtlos gegenüber stehen.

Unserem Sein und Handeln einen Sinn verleihen

Als würden wir härter, länger und besser arbeiten und seien glücklicher dabei, wenn wir wissen, dass wir jemand anderem damit etwas Gutes tun, schreibt Christine Carter.

Wahrscheinlich wird die Krisenzeit in der wir uns befinden, noch lange weitergehen.

Aber mit all dem vielen was in der Welt gerade gebraucht ist – was davon ist denn jetzt das richtige für mich zu tun?

Vielleicht kann diese Frage helfen: Welche der vielen vielen Notlagen der Welt berührt dich jetzt gerade am meisten und wie könntest du einen echten (egal wie kleinen) Beitrag dazu schenken, dass irgendetwas ein bisschen besser wird?

Die Hilflosigkeit überwinden

„Angst hat etwas mit dem Erleben von Hilflosigkeit zu tun. Wir haben das Gefühl, nichts entgegensetzen zu können“, sagt Jörg Angenendt. Doch wir sind nicht völlig hilflos – auch wenn wir als einzelne Menschen immer nur begrenzt Einfluss nehmen können, gibt es trotzdem immer irgendetwas, das wir tun können.

Damit können wir auch wichtige Schritte heraus aus dem passiven Erleben einer beängstigenden Situation gehen.

Nur wenn wir nach Ideen zu helfen suchen, können uns auch welche einfallen. Und nicht selten kann eine kleine gute Idee doch sogar einen großen Unterschied machen.

Helfen ist möglich

So hatte jemand in Litauen die Idee zu einer Initiative, um die erstickende Zensur-Politik der russischen Regierung zu umgehen. Unter dem Motto „Call Russia“ sind russisch-sprechende Menschen weltweit eingeladen, per Zufallsgenerator ausgewählte Nummern in Russland anzurufen und von Mensch zu Mensch zu erzählen, was gerade in der Ukraine vor sich geht.

Und auch ohne Russisch-Kenntnisse gibt es viele Möglichkeiten, zu helfen. So haben unzählige Menschen seit Beginn des Krieges über Airbnb Unterkünfte in der Ukraine gebucht, ohne hinzufahren, einfach nur um an konkrete Menschen vor Ort direkt Geld zu spenden – und Airbnb hat alle Gebühren für Gastgebende in der Ukraine ausgesetzt.

Friedensdemonstrationen schaffen natürlich nicht direkt Frieden. Aber sie ermöglichen ein Gemeinschaftsgefühl und können Rückhalt geben. Wenn hunderttausende Menschen auf die Straße gehen, zeigen wir damit Politiker:innen deutlich sichtbar, wie wichtig es uns ist, dass sie ihrerseits alles für den Frieden tun.

Demos hier sind auch für protestierende Menschen in Russland, die inzwischen zu Tausenden verhaftet werden, ein wichtiges und unterstützendes Zeichen, sagt Sebastian Haunss vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung.

Auch in den kommenden Tagen finden in vielen Städten Friedensdemonstrationen statt. Auf der Website https://standwithukraine.live sammelt eine Gruppe von Klimaaktivisten, wo und wann diese stattfinden.

Sorgfältig auswählen

Gerade in den sozialen Medien oder auch per Phishing-Emails würden inzwischen Betrüger die Hilfsbereitschaft von Menschen ausnutzen. Deshalb kann es Sinn machen, lieber direkt über große Organisationen Geldspenden auf den Weg zu schicken.

Für Berlin und die größtenteils von Ehrenamtlichen organisierte Ankommens-Hilfe dort scheint diese Plattform hier auch gut zu funktionieren, über die gezielt auch nach bestimmten Sachspenden gefragt wird: https://www.adiuto.org.

In vielen Orten wurden rund um die Geflüchtetenbewegung 2015 Vereine gegründet, die sich um die ankommenden Menschen kümmern. Eine Internetsuche nach „Flüchtlingshilfe“ und dem Namen der Stadt oder des Landkreises kann helfen, an regionalen Hilfsstrukturen anzudocken.

7. Vermeintlichen Rettern widerstehen

Uneindeutiges oder jede Form von Nichtwissen aushalten ist für uns Menschen extrem schwierig, vor allem wenn es um existenzielle Fragen und echte Bedrohungen geht:

Menschen hungern nach Informationen über die Zukunft ebenso wie es uns nach Nahrung, Sex und anderen Grundbedürfnisse verlangt. Unser Gehirn nimmt Uneindeutigkeit als Bedrohung war, und es versucht uns zu beschützen: Indem es vereitelt, dass wir uns auf irgend etwas anderes fokussieren, als in dieser wichtigen Angelegenheit zu Klarheit zu finden,“ schreibt die Psychologin Christine Carter.

In Experimenten zeigten Menschen heftigere Stress- und Angstreaktionen, wenn ihnen gesagt wurde, dass sie mit 50%iger Wahrscheinlichkeit einen Elektroschock kriegen könnten – als Personen die davon ausgingen, mit Sicherheit einen schmerzhaften Stromschlag zu bekommen.

Suchen nach etwas das Halt gibt

Wir suchen also in komplexen Situationen manchmal wie besessen nach einer Meldung, einem Puzzle-Stück, was uns endlich zu beruhigender Klarheit und Orientierung verhelfen könnte.

Es braucht deshalb umso mehr Disziplin, nicht auf Stories herein zu fallen, die wir in „normalen“ Zeiten ganz schnell als absurd vom Tisch gewischt hätten.

Was wir brauchen, um Verschwörungsnarrativen widerstehen zu können, ist dass wir uns selbst liebevoll und mitfühlend zur Seite stehen, wenn wir mit Uneindeutigkeit und Nicht-Wissen konfrontiert sind, und sich Ungeduld und Verzweiflung in uns regen, darüber wie es mit dem Krieg (oder der Klimakatastrophe!) jetzt weitergehen wird.

Desinformation nicht glauben

Haben wir in unserem Blog-Artikel im Januar noch ausführlich vor den Folgen von Verschwörungserzählungen gewarnt, sind diese nun angesichts des Krieges noch wesentlich greifbarer:

„Ich bin Putin-Fan“ sagte jemand erst vor wenigen Tagen zu uns. Die Sicht auf Putin als Befreier oder Retter ist im Grunde eine Fortsetzung der Desinformationskampagnen der letzten Jahre.

Die Amadeu-Antonio-Stiftung schreibt: „Weil russische Medien außerhalb Russlands auch in der Pandemie Zweifel an der Existenz des Virus gesät und Narrative der Querdenken-Bewegung verbreitet haben, erfreuen sich die staatseigenen russischen Medien nach wie vor großer Beliebtheit in der verschwörungsideologischen Szene. (…)

Der Schweizer Rechtsextreme Ignaz Bearth spricht von einer angeblich notwendigen Demilitarisierung der Ukraine und hält Putin für einen Befreier von ‚den Marionetten eines Tiefen Staates‘.(…) passend zu Putins ‚Besatzungs-‚ und ‚Entnazifizierung’-Narrativ, das jeglicher Realität entbehrt. All diese Narrative dienen dazu, den Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine zu rechtfertigen.“

Verschwörungs-Narrative sind heimtückisch: Aus Studien ist bekannt: Menschen sind besonders anfällig, wenn sie sich ohnmächtig, chancenlos, machtlos fühlen. Die Ideologien locken indem sie an Frustration, Ängsten, Ohnmachtsgefühlen oder Sehnsüchten andocken. Dabei funktionieren sie wie eine Fisch-Reuse: Man rutscht so leicht hinein – aber ist man erstmal drinnen im Weltbild, ist es fast unmöglich, wieder raus zu kommen.

Denn der einzig mögliche Rückweg ist versperrt: Indem Misstrauen in demokratische gesellschaftliche Institutionen gesät wird, insbesondere gegenüber Medien und Wissenschaft, ist der Zugang gekappt zu allem, was einem ermöglichen könnte, die Aussagen wieder zu relativieren, mit Abstand zu betrachten.

Man ist quasi gefangen in einem Netz, aus dem es (fast) keinen Ausweg mehr gibt. Nur wenige schaffen es, da nochmal den Absprung zu finden – und das oft dank nicht abgerissener persönlicher Beziehungen.

Putin selbst rechtfertigt seinen Angriffskrieg im eigenen Land mit Verschwörungsnarrativen.

„Es ist dringend notwendig, die Gefahren, die von Verschwörungsideologien ausgehen, ernst zu nehmen und bereits bei den Anfängen ihrer Verbreitung entgegenzuwirken“, schreibt die Amadeu Antonio Stiftung und hat Tipps als soziales und politisches Basiswerkzeug für uns:

1. Verschwörungsideologien müssen als solche verstanden werden

Viele glauben, dass Verschwörungsideologien harmlose oder dumme Geschichten seien. Dabei vermitteln sie gefährliche, dogmatische Weltbilder, beschwören eine Notlage gegen die man etwas unternehmen müsste und rechtfertigen und entfesseln Gewalt und sogar Kriege. 

2. Verschwörungsideologien deshalb nicht unwidersprochen stehen lassen

Egal in welchem Kontext: Es braucht demokratischen Widerspruch. Dazu ist es manchmal ausreichend, dass man das Gesagte als Verschwörungsideologie oder schlicht als gefährlichen Sachverhalt markiert. 

3. Umfeldpersonen brauchen manchmal Unterstützung

Es kann sehr fordernd sein, den Kontakt mit Menschen zu halten, die Verschwörungsnarrativen verfallen sind. Aber der persönliche Kontakt zu Freunden oder Familie ist oft das einzige, was einen Ausweg ermöglichen kann. Ein Liste empfehlenswerter Beratungsangebote für Angehörige oder Menschen, die selbst aussteigen möchten, gibt es hier auf Belltower.News, auch einen ausführlicheren Artikel darüber, was man tun kann.

 

DISCLAIMER:

Die Empfehlungen in diesem Text ersetzen keine therapeutische Begleitung.

Wenn du das Gefühl hast, unter Angstzuständen, Depressionen oder anderen schwer auszuhaltenden seelischen Zuständen zu leiden – wisse, du bist nicht allein! Hilfe bekommst du bei zugelassenen Psychotherapeut*innnen, beispielsweise den hier im Verzeichnis aufgeführten Personen, vielleicht auch in deiner Region: https://www.somatic-experiencing.de/traumatherapeuten-finden/

In dringenden Fällen kann man sich auch direkt an ein psychiatrisches Krankenhaus wenden oder den Notruf 112 wählen. Auch die Telefonseelsorge ist 24 Stunden kostenlos erreichbar (auch anonym): (0800) 1110111 oder (0800) 1110333 (für Kinder/Jugendliche) Im Internet: www.telefonseelsorge.de

 

Wenn du mehr darüber lernen magst, Menschen beim Trauern zu begleiten, kannst du hier in unserem (englischen) Online-Kurs oder in unserer Präsenz-Weiterbildung Orientierung, Hintergründe und Werkzeuge finden oder bei unserem Trauer-Feuer-Workshop das Trauern in Gemeinschaft erleben.

… unsere Gedanken zur politischen Lage rund ums
Thema Impfen und die Anti-Corona-Maßnahmen-Proteste,
von Elke Loepthien-Gerwert & Aaron Gerwert
(You can read this article in English here.)

Lernen aus der Vergangenheit

Als ich in der Grundschule das erste mal über die NS-Zeit hörte, war meine Oma Gertrud fast 80 Jahre alt. Für mich war sie eine tolle Großmutter, die oft stundenlang mit mir spielte. Die „alte Trude“ war eine zierliche, zähe Selbstversorgerin auf dem Land und wurde von den andern Kindern im Dorf oft “die Hexe“ genannt.

Denn sie sprach und benahm sich „verrückt“ – auf eine auch von Psycholog*innen diagnostizierte Weise. Mit ihren schrägen, manchmal lustigen und oft erschreckenden Aktionen ließen sich viele Bücher füllen (zum Beispiel wie sie einmal ihren Spaten schnappte und über Nacht eine gesamte Apfelernte vergrub, damit niemand anders die Früchte klauen könnte).

Was mich aber besonders verstörte: Oma Gertrud war eine glühende Verehrerin von Hitler.

Trotz ihrer kauzigen Art liebte ich meine Großmutter inniglich, und ihre unverschämt rosarote Sicht auf eine der wohl schrecklichsten Phasen der Menschheitsgeschichte beunruhigte mich schon damals zutiefst.

Dabei leuchteten ihre Augen so unschuldig und froh, als sie über die „beste und schönste Zeit“ ihres Lebens sprach – während derer ihre Landsleute schätzungsweise 17 Millionen Menschen grausam ermordeten.

Die Erfahrung mit der Blauäugigkeit meiner Oma angesichts der unfassbaren NS-Gräueltaten entzündete für mich zwei glühende, drängende Fragen, die auch heute noch in mir wirken und in den letzten Monaten immer schmerzlicher und dringlicher in mir brennen:

Was um alles in der Welt kann dazu führen, dass Menschen zu Rädchen im Getriebe einer absolut lebensverachtenden Diktatur werden und es noch nicht mal merken?

Und vor allem: Wie können wir solch eine Dynamik frühzeitig genug erkennen (in anderen und in uns selbst) und das Ganze verhindern?

Die Bedeutung von Fakten

Hannah Arendt, die jüdisch-stämmig und überzeugte Sozialdemokratin war, 1933 vor den Nazis aus Deutschland floh und bis zu ihrem Lebensende in New York lebte und publizierte, beschäftigte sich sehr intensiv mit diesen Fragen.

Eines ihrer bekanntesten Zitate aus ihrer Erforschung des Nationalsozialismus war: „Die idealen Personen für ein totalitäres System sind nicht der überzeugte Nazi oder die überzeugte Kommunistin. Sondern es sind alle die Menschen, denen es überhaupt nicht mehr möglich zu sein scheint, zwischen Fakten und Fiktion (also dem, was real erlebbar ist) sowie zwischen wahr und falsch (als Standard für unser Denken) unterscheiden zu können.

Dabei scheint hier und heute genau das einzutreten. Denn immer wieder höre ich in letzter Zeit in Gesprächen die eine oder andere Variation der Aussage: „Man kann ja gar nicht mehr wissen, was man glauben soll. Jede*r hat seine eigene Sicht auf die Wirklichkeit und die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen oder ganz woanders.“

In unseren Kursen und Artikeln sprechen und schreiben auch wir oft darüber, wie wichtig es ist, die Bedürfnisse und Weltsicht von anderen anzuerkennen, um friedvoll miteinander existieren zu können. Dabei geht es jedoch um persönliche Bedürfnisse und Meinungen.

Dies geht aber immer nur dann, wenn wir genug gemeinsame Basis haben, auf deren Grundlage wir ein Gespräch führen können.

Wir brauchen eine gemeinsame Basis

Genau diese gemeinsame Basis ist gesellschaftlich betrachtet gerade extrem gefährdet.

Denn ausgelöst durch die Pandemie sind wir auf einmal deutlich konfrontiert mit nicht nur all dem, was an altbekannten Themen langsam über Jahrzehnte oder Jahrhunderte entstanden ist, sondern da sind plötzlich hochkomplexe Vorgänge, die für einzelne Personen von vornherein unüberschaubar sind und für die Menschheit insgesamt ganz neu.

Deshalb konnte Corona so rasant verstärken und vervielfachen, was als unterschwellige Entwicklung schon länger zu beobachten ist: die Zerstörung einer gemeinsamen Basis von Fakten, die durch wissenschaftliche Methodik möglichst objektiv gewonnen wird und glaubhaft für alle Menschen eine gemeinsame Grundlage für Gespräche, Verhandlungen und ein friedvolles Miteinander bildet.

Echte Fakten sind essentiell für eine demokratische Gesellschaft

Der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder, der sich ebenfalls intensiv damit beschäftigt, wie totalitäre Regime entstehen können, beschreibt es in einem Interview (ab 03:00 min) folgendermaßen:

„Die Deutschen, die Sowjets und andere Nationen, die einen Zusammenbruch der Demokratie erlebten, waren nicht weniger schlau, als wir es heute sind, vielleicht sogar schlauer. Deshalb ist es vielleicht an der Zeit, dass wir von ihnen lernen, was wir tun können, um unsere Demokratie zu schützen. (…) Fakten aufzugeben bedeutet, die Wahrheit aufzugeben. Wenn nichts wahr ist, dann kann niemand Machtausübung kritisieren, weil keine Basis mehr da ist, auf der wir dies tun könnten.

Wenn nichts wahr ist, dann ist alles nur ein Schauspiel. (…) Was ist die Verbindung davon zu ,Post-Truth‘ (= im Deutschen zur„post-faktischen“ Demokratie)?

Das hat damit zu tun, was Faschismus tut: Faschismus suggeriert dir, dass gar nichts wahr ist: Dein tägliches Leben ist nicht wichtig. Tatsachen, die du dachtest zu verstehen, sind nicht mehr wichtig. Das einzige was zählt, ist der Mythos – der Mythos einer vereinten Nation (…).  Wir glauben vielleicht, eine Gesellschaft voller offenkundiger, geduldeter Lügen ist etwas Neues, oder es würde keinen Unterschied machen. Aber was Post-Truth in Wirklichkeit macht, ist, den Weg zu bahnen für einen Systemwechsel.

Denn wenn wir keinen Zugang mehr zu Fakten haben, können wir einander nicht vertrauen. Ohne Vertrauen gibt es keine Gesetze. Ohne Gesetze gibt es keine Demokratie. Wenn du also einer Demokratie ihr Herz herausreißen willst, wenn du sie direkt vernichten willst – dann vernichtest du als erstes die Fakten.“

Die Frage ist also: Gibt es gerade überhaupt echte Fakten und wenn ja, wie können wir sie finden?

Die Macht von Falschmeldungen und Lügen durchschauen lernen

Unser Gehirn ist wie Teflon für Positives und wie Klettverschluss für Negatives“, sagt der Psychologe Rick Hanson. Damit ist auch klar, warum jede Lüge oder Falschmeldung, die wir hören, eine grundsätzliche Wachsamkeit oder Voreingenommenheit erzeugen kann, so nach dem Motto: „Ein Körnchen Wahrheit wird schon dran sein.

Dem ist aber oft überhaupt gar nicht so. Viele öffentlich verbreitete Lügen sind einfach nur komplett falsch. Aber weil Falschmeldungen so intensive (emotionale) Reaktionen auslösen können, verbreiten sie sich auf Twitter etwa sechsmal schneller als echte Nachrichten.

Es scheint außerdem oft regelrecht unmöglich, einmal gehörte Falschnachrichten später vollständig durch andere Tatsachen zu ersetzen – sie scheinen regelrecht in unseren Köpfen festzustecken.

Facebook und Instagram haben 2018 ihren Algorithmus umprogrammiert, von „zeig den Leuten das, was sie am längsten online hält“ zu „zeig ihnen das, was sie zu den stärksten Reaktionen provoziert“.

Die Folge davon ist (wie die Whistleblowerin Frances Haugen im ausführlichen Interview erklärt), dass Menschen in diesen Netzwerken bombardiert werden vor allem mit Nachrichten, die intensive Emotionen auslösen, allen voran Wut. Und was sind das für Nachrichten?

Nicht der Wut verfallen

Natürlich nicht die, die angesichts einer komplexen weltweiten Krise überlegt und sachlich nach Lösungen suchen. Sondern solche, die unsere Entrüstung wecken – beispielsweise also Falschmeldungen, die Wut schüren und meist eine Wut, die wir gegen andere Menschen richten können.

Dazu kommt dann noch, dass wir dazu tendieren, etwas für umso wahrer zu halten, je öfter wir es hören – SOGAR, wenn wir am Anfang eigentlich dachten, dass es nicht stimmt.

Besonders besorgniserregend ist daran: Sogar wenn wir selber weder Facebook noch Instagram, noch andere soziale Medien benutzen, spüren wir doch deren Auswirkungen, durch Ansichten und Verhalten der uns umgebenden Menschen (und Organisationen), die sich in diesen Räumen aufhalten. Laut den veröffentlichten internen Studien ist dies auch bei Facebook allen bekannt und wird in Kauf genommen.

Denn Menschen, die sich in Social Media tummeln (drei Milliarden Menschen allein bei Facebook), werden seit nun fast drei Jahren systematisch darauf konditioniert, mehr Reaktionen zu bekommen, indem sie selbst auch Posts und Kommentare abgeben oder zumindest weitergeben, die Wut provozieren, ein Phänomen, das die Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen auch anspricht.

Verschwörungserzählungen – die folgenschwerste Sorte von Falschmeldungen

Schauen wir zurück zum Nationalsozialismus und der Frage, wie die Menschen der NS-Zeit den Hass und die Gewalt vor sich selbst rechtfertigen konnten?

Wir als Circlewise Institut beschäftigen uns ja sonst sehr viel mit den Forschungen darüber, wie viel Gutes in uns Menschen von Geburt an steckt, und sammeln beglückt seit vielen Jahren die wachsende Zahl von Belegen und Erklärungen dafür, dass wir eigentlich eine zutiefst kooperative und altruistische Spezies sind.

Dass trotzdem das Gegenteil passiert, hat viel mit dem Phänomen von „Entmenschlichung“ zu tun. Dabei wird Personen vereinfacht gesagt ihr „Wie-wir-Sein“ aberkannt.

Und kaum etwas eignet sich besser für das Entmenschlichen von anderen als Verschwörungserzählungen.

Was sind Verschwörungserzählungen?

Zusammengefasst aus der Sammlung der Amadeu Antonio Stiftung und utopia.de geht es um:

  • eine Gruppe von als mächtig wahrgenommenen Personen (den Bösen),
  • die heimlich Geschehnisse steuern und manipulieren würden.
  • Die „Wirklichkeit“ sei also ganz anders als die gängige/öffentliche Meinung zu dem Thema/Ereignis.
  • Damit würden diese Superschurken allen anderen Menschen (den Guten) schaden,
  • und zwar oft mit einem immensen Aufwand an Energie, Technik, Raffinesse u.v.m.
  • Für die Verschwörung werden jede Menge Indizien/Beweise herangezogen (die oft unterhaltsam und auch überraschend, weil scheinbar zufällig sein können).
  • Eingeweihte können diese vermeintlichen Indizien lesen und interpretieren lernen,
  • zum Beispiel durch die Frage danach, wem das Unglück eigentlich am meisten nützt.
  • Verschwörungstheorien lassen sich (anders als wissenschaftliche Theorien) nicht durch Argumente aus dem Weg räumen – egal was man sagt, es kann keinen endgültigen Gegenbeweis geben.

Warum glauben wir sie so leicht?

In ihrer Buchreihe „Fake Facts“ und „True Facts“ erörtern Pia Lamberty und Katharina Nocun ganz ausführlich die Auswirkungen von Verschwörungserzählungen auf Menschen und betonen, wie anfällig wir alle für solche Geschichten sein können.

Je unsicherer eine Situation ist, desto leichter würden Menschen einen gewissen Trost in Verschwörungsnarrativen suchen. Diese bieten uns in einer echt komplizierten Situation etwas ganz Einfaches. Deshalb tauchen sie auch oft direkt im Anschluss an große, verstörende Ereignisse auf – wie beispielsweise nach dem Massaker an der Sandy-Hook-Grundschule in den USA. Hier wird den Eltern und Angehörigen der Kinder noch heute unterstellt, dass sie bezahlte Schauspieler seien, die das Massaker nur inszeniert haben, um Argumente dafür zu konstruieren, dass das Waffengesetz der USA geändert wird.

Die ersten Verschwörungstheorien rund um die Pandemie und damals schon zum Thema Impfen begannen auch direkt nach dem Auftauchen des Corona-Virus zu kursieren.

Auch wenn Verschwörungserzählungen inhaltlich oft verzwickt, verschachtelt und kompliziert sind, bieten sie gleichzeitig doch genau die Form von Einfachheit, nach der wir uns in Momenten der Verunsicherung sehnen: Sie definieren für uns, wer gut und wer böse ist, und natürlich sind wir die Guten.

Damit ist eines unserer Hauptbedürfnisse, nämlich uns selbst auf der Seite der Guten zu wissen, gestillt und versorgt.

Der Hunger nach Erkenntnis und Bestätigung lockt uns weiter

Zusätzlich können sie dafür sorgen, dass unser Körper Dopamin freisetzt, wenn wir uns tiefer und tiefer in die verschlungenen Wege der Verschwörungsgeschichte und der darunterliegenden größeren und älteren Verschwörungsmythologie hineinarbeiten (denn alle Verschwörungsgeschichten können nebeneinander existieren, sogar obwohl sich manche logisch eigentlich ausschließen sollten).

Jedes Puzzle-Teil, das wir finden, setzt Glücksgefühle frei und stärkt nach und nach in uns die Gewissheit, dass wir nicht nur zu den Guten gehören, sondern bald auch zu den Eingeweihten, zu denen, die die Sache erkennen, verstehen und durchblicken, wie sie wirklich ist – im Gegensatz zum Rest der Bevölkerung.

Das vermeintlich Böse im andern zu sehen begründet Radikalisierung

Ein wichtiger Aspekt für die gesellschaftlich schädigende Wirkweise von Verschwörungserzählungen ist die Mächtigkeit oder eigentlich Übermächtigkeit, die den Verschwörer*innen zugesprochen wird:

In dem Moment, wenn wir uns selbst als schwach und wie ausgeliefert gegenüber einem absolut übermächtigen Gegner empfinden, kann in uns ein echter Überlebensmodus erwachen.

Das bedeutet, was auch immer notwendig ist, um uns selbst und unsere Liebsten zu beschützen, erscheint dann gerechtfertigt.

Die Nazi-Gräuel begründeten sich auf jahrzehntelangem Anfeuern von teilweise jahrhundertealten Verschwörungsmythen gegen Menschen jüdischer Abstammung.

Wenn alle Mittel wie Notwehr erscheinen

Seit fast zwei Jahren radikalisieren sich in vielen Ländern weltweit immer mehr Menschen im „Widerstandskampf“ gegen eine vermeintliche übermächtige „Elite“ und deren „Handlanger“.

Ein Grund, warum die Verschwörungs-Narrative rund um Corona und das Impfen sich so rasant verbreiten konnten, ist aus meiner Sicht die Beteiligung der rechten Szene von Anfang an.

Medien und Menschen, die den Holocaust leugneten oder verharmlosten, wurden zur Plattform und nutzten die Anfangszeit, als große Unsicherheit selbst unter den Expert*innen bestand, um Halbwahrheiten oder Lügen eine Bühne zu geben und damit selbst ein größeres Publikum zu erreichen.

Auch die entstehende Querdenker-Bewegung hatte von Anfang an Verbindungen in die rechte Szene. Immer wieder gab es Redner*innen von rechts außen, eine sich immer noch verstärkende Nähe zur AfD.

Wenn man sich nicht klar gegen rechts abgegrenzt

Anders als viele Protestbewegungen der letzten Jahre (Ende Gelände, Hambi bleibt, Friday’s for Future u.v.m.) grenzt sich die Querdenker-Bewegung nicht von rechtsextremem Gedankengut und Akteur*innen ab. In ihrem Manifest heißt es vielmehr: Wir sind überparteilich und schließen keine Meinung aus.“

Wir vermuten, dass dies unter anderem daran gelegen haben könnte, dass in den Querdenker-Kreisen Menschen zusammenkamen, die sich schon viele Jahre lang kaum oder gar nicht für Politik interessierten – einfach weil es nicht notwendig war.

Politikwissenschaftler*innen haben immer wieder gezeigt, dass man rechte Propaganda oft schwerer erkennen kann, wenn man nicht weiß, worauf man achten muss. Der Grund dafür ist, dass rechtsextreme Parteien und Organisationen eben populistisch agieren, also öffentliche Ängste, Stimmungen und Meinungen aufgreifen und instrumentalisieren, so wie es ihnen gerade passt, einfach um so viele Menschen wie möglich auf ihre Seite zu ziehen.

Wenn Wut blind macht

Die gut erforschte Grund-Strategie rechtspopulistischer Gruppierungen ist es, Reiz-Themen, die viel Wut-Potential in sich tragen, aufzugreifen, hierzu die öffentliche Stimmung weiter und weiter anzuheizen und sich dann als einzige Rettung zu präsentieren – eben so wie die AfD dies seit letztem Jahr praktiziert, leider erfolgreich: In einer Studie zu Querdenker*innen in Baden-Württemberg zeigte sich, dass 2021 doppelt so viele von ihnen die in Teilen vom Bundesverfassungsgericht als rechtsextrem eingestufte AfD wählen wollten.

Von den aktuellen „Spaziergängen“ sind viele von Rechten mitorganisiert, und diese sind präsent dabei. Der Rückenwind der vielen Teilnehmenden wird von einzelnen genutzt, um öffentlich Journalist*innen zu bedrohen und anzugreifen.

Gewalttätige Parolen, Symbole und Forderungen werden durch die intensive Beteiligung von Rechtspopulisten zu einer neuen Normalität gemacht, die von den Anwesenden in diesem emotional aufgeladenen Raum oft anscheinend widerspruchslos akzeptiert wird.

Wenn Gewalt normalisiert wird

Rechtsextreme Gruppierungen schrecken nicht vor Gewalt zurück und immer mehr Menschen aus der bürgerlichen Mitte, die eigentlich Frieden und Gemeinschaft wollen, radikalisieren sich mit ihnen.

Es bricht mir das Herz mitzubekommen, wie Journalist*innen, Politiker*innen, Ärzt*innen und einfach Bürger*innen auf den Demos und in der Zeit dazwischen bedroht oder angegriffen werden.

Viele von ihnen berichten über Wellen von Drohungen, ihre Privatadressen und Fotos werden in den sozialen Netzwerken veröffentlicht, mit der Aufforderung, ihnen das Leben schwerzumachen, gerade Journalistinnen bekommen Vergewaltigungsdrohungen geschrieben oder zugerufen.

Politiker*innen wird gedroht, sie zu hängen oder zu erschießen – und mitlesende, mitlaufende Menschen nehmen das einfach hin. Wenn diese Art von verbalen Wutausbrüchen und Drohungen so massenhaft akzeptiert wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Taten folgen.

Und auch das wurde in den letzten Monaten schon sichtbar, wie viel tätliche Gewalt bei den Anti-Masken-/Anti-Impf-Demos geduldet wurde.

Wenn Gewalt weiter mobilisieren soll

Mich hat es bis in die Knochen erschüttert, als eine Gruppe von Menschen sich mit brennenden Fackeln vor dem Haus der sächsischen Gesundheitsministerin versammelt hat. Solche schrecklichen, verstörenden Bilder kenne ich nur aus der Geschichte, von der SA, der „Sturmabteilung“ der NSDAP, die im Dritten Reich durch solche Aufmärsche (Fackelaufmärsche und auch Vorbeimärsche) Macht demonstrierte. Der Historiker Daniel Siemens sagt in einem Interview: „Die SA war eine Art Werbetruppe für die NS-Bewegung, die ja im Parlament lange Zeit gar nicht vertreten war. Man nutzte die Gewalt der Straße, um auf sich aufmerksam zu machen. Zugleich war die SA wichtig, um durch gemeinsame Erlebnisse wie Aufmärsche, paramilitärische Lager und auch gewaltsame Überfälle Gemeinschaft zwischen den Nationalsozialisten zu stiften.“

Seit dem ersten Aufmarsch dieser Art ist unzählige Male zu weiteren „Hausbesuchen“ aufgerufen worden, und einige andere wurden auch gestartet (und glücklicherweise vorher gestoppt).

Mordpläne, Anschläge auf Impfzentren, Grabkerzen vor Arztpraxen, Drohbriefe gegen Medien oder Politiker*innen  und tägliche Tötungsaufrufe – das alles zu dulden, sich nicht explizit und vehement dagegen auszusprechen, erwächst in meinem Verständnis einer zutiefst menschenverachtenden und skrupellosen Demonstrationskultur.

Wenn sogar Töten legitim erscheint

Selbst der Mord an einem Studenten wurde von vielen Querdenker*innen nicht verurteilt, sondern unfassbarerweise vielmehr gefeiert. Er hatte als Tankwart einen Kunden auf die Maskenpflicht hingewiesen, woraufhin dieser eine Pistole holte und dem 20-Jährigen in den Kopf schoss, um, wie er der Polizei später sagte, „ein Zeichen zu setzen“.

Wenn du das alles liest und denkst, dass das weit, weit weg von uns ist, lass mich dir erzählen, dass auch Menschen aus unserem größeren Netzwerk im Dunstkreis von Querdenken unterwegs sind und sogar auf uns zugekommen sind, uns einladen haben, doch auch Teil dieser angeblichen Protestbewegung für „Frieden und Freiheit“ zu werden.

Da war bei einigen Menschen, die selber schon Verbindungskultur-Veranstaltungen erlebt haben, vielmehr eher Verwunderung oder sogar Erschrecken darüber, dass wir nicht von vornherein Teil des Ganzen sein wollen und sind.

Woran liegt es, dass Menschen aus unserem Umfeld sich zu Querdenken zugehörig fühlen können?

Wir sind nicht automatisch „die Guten“

Immer wieder erleben wir, wie verbreitet es in naturverbundenen, spirituellen Kreisen ist, sich selbst und die Peergroup als „irgendwie einfühlsamer, bewusster, gesünder, vernünftiger, aufgeklärter, wissender“ und vieles mehr zu empfinden und zu präsentieren.

Seit vielen Jahren setzen wir uns dafür ein, dieses im Kern regelrecht selbstherrliche Bild durch mehr Demut zu ersetzen – weil es einfach nicht trügerischer sein könnte und, wie wir jetzt gerade erleben müssen, unendlich viel Leid in die Welt zu bringen vermag!

Denn leider haben Geschichte und Sozialforschung gezeigt, dass die Prioritäten in naturverbundenen, esoterisch-spirituellen Kreisen schon öfter eben überhaupt gar nicht besonders menschenfreundlich gesetzt wurden und werden.

Mich beschäftigt dabei seit langem die Lebensreform-Bewegung der vorletzten Jahrhundertwende, ein buntes Sammelsurium aus Menschen, die für naturnahes Leben, Einfachheit, spirituelle Erfahrungen, Tierrechte und biologische Landwirtschaft, alternative Heilkunde und körperliche Freizügigkeit und Wohlergehen sowie Gemeinschaft eintraten – also eigentlich für das Gute im Menschen, oder?

Eine verbreitete Version der Geschichte ist, dass die Nazis diese wundervolle Bewegung auslöschten.

Nicht nur für was wir einstehen zählt, sondern auch was tabu ist und bleibt

Tatsächlich aber sind viele der Menschen aus der Lebensreformbewegung im Nationalsozialismus regelrecht aufgegangen, wurden zu Akteur*innen innerhalb der NSDAP und bereiteten den geistigen Boden für die nationalsozialistische Ideologie.

Einer der prominenteren Vertreter der Lebensreform gründete beispielsweise schon 1919 den Hakenkreuz-Verlag als ein „Geistesbollwerk für kultur-völkische Ziele“.

Ebenso erschreckend sind die rassistischen und antisemitischen Wurzeln der Anthroposophie, auch wenn Rudolf Steiners eigene antisemitischen Äußerungen laut Waldorf-Verbänden von anderen Äußerungen relativiert werden, in denen er sich deutlich gegen den Antisemitismus aussprach.

Viele Historiker*innen sehen einen klaren Zusammenhang zwischen der Natur-Romantik in deutschsprachigen Ländern und latenten Vorurteilen gegenüber allen möglichen Formen der Moderne, unter anderem eben auch gegenüber der oft explizit als „jüdisch“ angesehenen Schulmedizin“ (ein Begriff, der vom Homöopathie-Begründer Hahnemann geprägt wurde).

Für uns ist ganz klar die Hauptfrage hierbei: Wenn Naturheilkunde-Fanatismus historisch solide dokumentiert schon einmal den Steigbügel für ein totalitäres Regime gehalten hat – wie können wir verhindern, dass das wieder passiert?

Vor allem scheint es sehr deutlich, dass wir unsere Werte nicht nur auf eine positive Weise nutzen sollten, – als das, wofür wir uns einsetzen -, sondern auch als ein Standard-Maß, mit dem wir überprüfen können, wofür wir uns auf keinen Fall einsetzen wollen, selbst wenn es uns Vorteile bieten würde.

Die Rolle des Themas Impfen

Besonderen Aufwind bekam die alternative Heilkunde in der NS-Zeit, unter anderem aufgrund eines polarisierenden Umgangs mit dem Thema Impfen (denn damals gab es bereits mehrere Jahrzehnte lang eine Impfpflicht und 1930 auch das größte Impfunglück des 20. Jh., als in Lübeck 77 Säuglinge aufgrund von verunreinigten Tuberkulose-Präparaten sterben ).

Reichsärzteführer Gerhard Wagner betonte 1933 die ‚Überlegenheit‘ der Alternativmedizin gegenüber der ‚verjudeten Schulmedizin‘. Um dieser die Homöopathie entgegenzusetzen, gründeten die Nazis 1935 die ‚Reichsarbeitsgemeinschaft Neue Deutsche Heilkunde‘. Deren Mitglieder waren unter anderem der ‚Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte‘, der ‚Reichsverband der Naturärzte‘ und die ‚Vereinigung anthroposophischer Ärzte‘. 1933 zeigt das NS-Propagandablatt ‚Der Stürmer‘ die Karikatur einer Mutter mit Baby im Arm. Daneben steht ein ’naturferner und verirrter Mediziner‘ mit einer Spritze in der Hand. Mit der Hakennase des Arztes erfüllt die Karikatur klar antisemitische Klischees. Skeptisch blickt die Mutter auf den Mediziner: ‚Es ist mir sonderbar zumut, denn Gift und Jud’ tut selten gut.‘

Im Zusammenhang mit Impfungen habe der Antisemitismus eine lange Geschichte, sagt der Medizinhistoriker Malte Thießen, der am Institut für Regionalgeschichte Münster und an der Universität Oldenburg forscht. Das Impfen werde teils als ‚Verschwörung einer Elite‘ begriffen, ‚die in den Körper eingreift‘.

Wenige Menschen hätten voraussehen können, dass heute ausgerechnet das Thema Impfen wieder (und vermutlich sogar in stärkerem Maße) so eine prominente und potente Rolle im gesellschaftlichen Diskurs bekommen würde. Es ist jetzt dreißig bzw. vierzig Jahre her, seit die Pocken-Impfpflicht in Deutschland aufgehoben wurde.

Ein altes Thema, das sich gut zum Polarisieren eignet

Wer hätte geglaubt, dass sich das Thema Impfen tatsächlich anbieten würde, von Rechten genutzt zu werden, um derart zu polarisieren und Menschen zu mobilisieren, die vorher in der gesellschaftlichen Mitte oder sogar mit eher linken Einstellungen unterwegs waren?

Aber das ist genau das, was im Moment geschieht – somit ist dieses Thema, das persönliche Aspekte hat, aus unserer Sicht gerade einfach kein neutrales oder rein persönliches Thema mehr.

Ein rein persönliches Thema war das Impfen zu Beginn der NS-Zeit eben auch nicht. Schon seit dem Aufkommen der allerersten Impfungen (gegen die Pocken) gab es eine Scheu vor dem Impfen.

Von den Nazis wurde diese ganz gezielt weiter angestachelt und für Propaganda genutzt. In einem mdr-Beitrag hierzu wird zitiert: Durch ,Einimpfen von Krankheiten‘ solle die Menschheit der ,jüdischen Geldherrschaft unterworfen‘ werden. Und Julius Streicher, der Gründer und Herausgeber des Hetzblatts ,Der Stürmer‘, fabulierte, dass ,Impfungen von den Juden als Rassenschande in die Welt gebracht worden seien‘, so der Medizinhistoriker Thießen.“

Das änderte sich übrigens bald wieder, als erkannt wurde, dass fehlende Impfungen die Wehrmacht im Kampf gegen die anderen Nationen schwächen würden. Der NDR schreibt: „Am Ende setzt sich jedoch das Reichswehrministerium mit seinen Argumenten durch, eine Abschaffung der Impfpflicht könnte der Schlagkraft und Wehrfähigkeit des Deutschen Reiches schaden. Die Diphtherie-Impfung bleibt allerdings freiwillig. Aber der soziale Druck ist hoch, denn die Impfung wird als Dienst an der Volksgemeinschaft verstanden. Propagandafilme sollen die Impfwilligkeit in der Bevölkerung stärken. Die Nationalsozialisten arbeiten mit Parolen, die überzeugender sind als jede Impfpflicht.“

Das alles sind Zusammenhänge, die heute in unserem alternativen Umfeld kaum jemandem bewusst zu sein scheinen.

Die Fallstricke der Esoterik

Für mich ist im Kern des Ganzen, was da passiert, ein tiefer Zynismus wahrnehmbar – den ich aus der Esoterik kenne, und der manchmal unter dem Sammelbegriff „Spiritual Bypassing“ läuft – wenn ich mir das Unbequeme in der Realität durch pseudo-spirituelle Konzepte quasi weg-erkläre, Mit-Verantwortung oder auch ganz natürliche Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit einfach wegschiebe.

In der Esoterik-Szene ist es beispielsweise sehr verbreitet, Kranken die Schuld für ihr Leiden selbst zuzuweisen. „Schandtaten in einem früheren Leben“ werden da genauso genannt wie „falsche Ernährung“ oder „zu viel Negativität im Denken“.

Ähnliche menschenverachtende Aussagen habe ich auch immer wieder über die Corona-Toten gehört: „Die wären sowieso gestorben.Wer krank wird oder stirbt, hat einfach irgendwas falsch gemacht, vielleicht einfach zu viel Angst vor dem Virus gehabt?

Warum sind wir „alternativen Leute“ so anfällig für Verschwörungs-Ideologien?

In der alternativen Szene, zu der wir uns (zumindest bis jetzt noch!) auch zählen, ist die Fixierung auf ein ideales Leben, ein echtes, wahrhaftiges, bestes Leben so groß, dass die Sehnsucht danach manchmal wohl den gesunden Menschenverstand beim Denken und Entscheiden behindert.

Vor allem aber scheint die Gefahr groß, sich selbst zu überhöhen und in Arroganz zu verfallen.

Eine Studie vom letzten Sommer für Baden-Württemberg hat gezeigt, dass die gesamte Querdenken-Bewegung hier zu einem Großteil aus Personen besteht, die dem alternativen Milieu und/oder dem anthroposophischen Milieu angehören.

Es heißt darin: „Die beiden Milieus weisen strukturelle und ideelle Gemeinsamkeiten und Überschneidungen auf. Unter anderem Ganzheitlichkeit, Individualität, Selbstbestimmung und Naturverbundenheit stellen geteilte Bezugspunkte (dar). (…) Es führt aber kein direkter Weg vom (ehemaligen) linksalternativen Milieu zum ,Querdenkertum‘ im 21. Jahrhundert.

Es handelt sich gerade um die Transformation dieses Milieus, in der von den linken Politikformen und linken Werten wie Solidarität und Gleichheit im Grunde nichts mehr übrig ist.“ (Hervorhebung von mir)

Wenn Selbstverwirklichung und individuelle Freiheit im Zentrum stehen

In der Studie heißt es weiter: „Geblieben sind vor allem Lebensstile der Körperpolitik und der Selbstverwirklichung, die Idee der Ganzheitlichkeit, häufig (aber nicht immer) eine spirituelle und vor allem anthroposophische Überzeugung und ein libertäres Freiheitsverständnis.“ 

Besonders verstörend ist dabei, dassdie Bewegung durch eine tiefe Entfremdung von Kerninstitutionen der liberalen Demokratie gekennzeichnet ist. 

Der parlamentarischen Politik und den Parteien, der Wissenschaft und den Medien – allen öffentlichen Institutionen schlägt großes Misstrauen entgegen. Die von uns analysierten Wählerwanderungen legen die Grunddynamik der Querdenken-Bewegung offen, die sich auch für Baden-Württemberg zeigt: Es ist eine Bewegung, die teilweise eher von links kommt, sich aber nach rechts bewegt.“

Auch die Zahlen sprechen hier eine klare Sprache: Während es im Herbst 2017 nur 8 % der Befragten waren, die die AfD wählten, wollten das im Herbst 2021 etwa 20 % Prozent der Personen in der Studie.

Wenn kein Interesse für Politik besteht

Auch andere kommen zu dem Schluss, dass ein Hauptproblem der Mangel an politischem Interesse (und damit auch Kenntnissen und Orientierung) der Menschen ist, die aus der Esoterik-Szene nun im Querdenken gelandet sind.

Wer nicht weiß, wie rechter Populismus funktioniert, kann dem, was man Volksverhetzung nennen kann, so viel leichter zum Opfer fallen. Dies ist vermutlich ein Grund dafür, warum Rechtsextreme schon seit Jahren gezielt die Esoterik-Szene als Brücke ins bürgerliche Milieu nutzen.

Die Illusion, selbst und von alleine die besten Entscheidungen treffen zu können

Ein weiterer Stolperstein gerade jetzt und heute ist sicherlich die irrige Annahme, alle Entscheidungen immer am besten „nach meinem eigenen Gefühl“ zu treffen.

Dies ist vermutlich oft richtig, wenn ich an Entscheidungen denke, die nur mich ganz allein, persönlich betreffen.

Wenn „mein Gefühl“ zu befragen nicht reicht – bei einer Entscheidung, die viele betrifft

Aber es könnte nicht falscher sein, wann immer es um Entscheidungen geht, die Konsequenzen für andere Menschen haben, wie das eben auch beim Thema Impfen ist.

Und ich halte es auch für höchst fragwürdig, wenn es um Entscheidungen geht, bei denen Informationen, Fakten, Kenntnisse eine Rolle spielen, die ich selbst einfach nicht haben, nicht wissen kann.

So ein Fall ist für mich die Frage, ob ich mich gegen Corona impfen lassen sollte oder nicht.

Diese Frage haben wir jedenfalls nicht nur „nach Gefühl“ beantwortet. Sondern uns Wissen, Informationen, Hintergründe und Fakten von vielen Expert*innen angeschaut, die sich seit fast zwei Jahren (und manche schon viele Jahrzehnte lang) damit beschäftigen.

Dabei zeigt sich für uns eine ähnliche Situation wie rund um das Thema Klimawandel: Eine große Mehrheit der Wissenschafts-Community wie auch der Mediziner*innen weltweit sind sich in den meisten Punkten einig.

Eine kleine Anzahl von Personen redet voll dagegen, und beharrt auch auf der Richtigkeit ihrer Argumentation.

Wie also können wir mit all dem umgehen?

Sich trauen, mit Fakten-Checks althergebrachte Vorannahmen zu hinterfragen

Manche Falschinformationen oder Verschwörungstheorien sind so absurd, dass man sie leicht erkennen kann. Andere klingen so unauffällig und sind schon so lange im Umlauf, dass es echt schwer ist, sie überhaupt zu bemerken.

Ich habe auch erst im letzten Jahr herausgefunden, dass die von vielen Menschen in meinem Umfeld wie selbstverständlich vertretene Meinung, dass Impfen an sich gefährlich ist, im Grunde auf jahrhundertealten Verschwörungsmythen basiert.

Seit ich selbst Mutter wurde, habe ich kritische Stimmen zum Impfen gehört und mit so ähnlicher Vehemenz und Souveränität weitergegeben wie die ganz klare Empfehlung, dass man Kindern eben keinen Alkohol zu trinken geben sollte.

Es gibt auch heute jede Menge Heilpraktiker*innen und sogar Ärzt*innen, die grundsätzlich vom Impfen abraten.

Es zeigt sich: Alle grundsätzlichen Impfbedenken sind schon lange widerlegt

Dabei wurden und werden die einzelnen der dramatisch klingenden „Kritikpunkte“ gegen das Impfen schon seit langer Zeit untersucht und ganz klar widerlegt, beispielsweise eine vermeintliche Studie vom britischen Arzt Andrew Wakefield, der 1998 behauptete, die Masern-Mumps-Röteln-Impfung würde Autismus auslösen. Seine These wurde vielfach weitergegeben, obwohl Wakefields Studie (für die er, wie später herauskam, einen hohen Geldbetrag von den Anwälten der Eltern der zwölf in der Studie untersuchten Kinder erhielt) schon in sich so fehlerhaft und/oder regelrecht betrügerisch war, dass sie von der Fachzeitschrift zurückgezogen wurde und er sogar sein Recht verlor, als Arzt zu praktizieren.

Die gesamte Geschichte rund um Wakefield und die unfassbar weiten Kreise, die seine Falschbehauptungen heute noch ziehen, wurde kürzlich investigativ aufbereitet und dokumentiert in einem sehr sehenswerten Dokumentarfilm die online auf arte zu finden ist: „Impfgegner – wer profitiert von der Angst?“.

Vieles von dem, was überliefert ist als Risiken für das Impfen überhaupt, hat also bei genauerem Hinschauen gar keine Grundlage.

Und weil das jetzt vielleicht für dich ganz persönlich oder für andere, die diesen Artikel lesen, ein echter Schock ist, schreibe ich es nochmal langsam:

Vieles von dem, was überliefert ist als Risiken für das Impfen überhaupt, hat bei genauerem Hinschauen gar keine Grundlage!

Hier gibt es einen kurzen und knappen Fakten-Check zu den verbreiteten Behauptungen übers Impfen, mit Erklärungen und Links und hier auch einen noch kürzeren Faktencheck auf deutsch.

In diesem Artikel hier sind einige der wenigen bisher aufgetretenen Fälle von tatsächlichen Impfschäden aufgeführt – die keineswegs vertuscht wurden, sondern allesamt öffentlich durch die Medien gingen. (Zu den möglichen Nebenwirkungen der Corona-Impfung später noch mehr.)

Wie geht ein Fakten-Check?

Es ist zum Glück so viel leichter als noch vor zehn oder zwanzig Jahren, Falschinformationen zu entlarven.

Für mich ist eine oft sehr fruchtbare und sehr einfache Strategie: eine Online-Suche nach dem Begriff, um den es geht, ODER mit einer bestimmten Behauptung aus einem Fake-News-Beitrag – UND dazu einfach „Faktencheck“ einzugeben.

Oft dauert es nur wenige Tage oder sogar Stunden nach der Veröffentlichung von Beiträgen, bis jemand anders sich die Mühe gemacht hat, sorgfältig den Wahrheitsgehalt zu prüfen oder eben aufzuzeigen, welche Teile der Behauptung oder Argumentation fehlerhaft oder irreführend sind.

Aufdecken, was alles nicht stimmt

Zum Glück gibt es inzwischen einige Menschen, die viel Zeit investieren, um potentielle aktuelle Falschmeldungen und auch althergebrachten Quark direkt aufzudecken. Sie finden und überprüfen Meldungen und zeigen einfach und nachvollziehbar auf, was daran einfach wirklich gar nicht stimmt.

Richtig viele Faktenchecks finden sich auf Plattformen wie https://correctiv.org oder https://faktencheck.afp.com, Faktenfuchs vom BR oder beim „Volksverpetzer“-Team. Hier lohnt es sich auch, einfach mal durchzustöbern und so vielleicht mehr zu erfahren über die eine oder andere Nachricht, die in den letzten Wochen durch die sozialen Medien Verbreitung fanden.

Eine andere Möglichkeit, die ich oft nutze, wenn ich für unsere Blog-Artikel recherchiere: die Autor*innen eines Beitrags oder auch den Titel und die Urheber einer bestimmten News-Plattform oder Webseite einzugeben und dazu „Kritik“ als Stichwort.

So finde ich schnell Beiträge darüber, welche hier vorgetragenen Meinungen oder Vorgehensweisen als kritikwürdig angesehen werden und von wem.

Einen umfangreichen Fundus an Informationen über medizinische Themen gibt es auf dieser Seite: https://medwatch.de:Das Team von MedWatch scannt das Netz nach gefährlichen und unseriösen Heilungsversprechen. Einen Schwerpunkt bilden Recherchen aus der Grauzone des Netzes, in der vermeintliche Heiler ihre Wunder anbieten. MedWatch berichtet und klärt auf.“

(Übrigens konnte ein Großteil der Falschkampagnen rund ums Impfen im englisch-sprachigen Facebook-Raum auf nur ein Dutzend Urheber*innen zugeordnet werden, die diese über diverse Accounts verbreitet haben.)

Kann ich das auch irgendwie abkürzen?

Fakten zu überprüfen ist immer aufwendig, vor allem am Anfang, wenn man selbst überhaupt noch gar nichts über ein Thema weiß.

Es gibt aber eine Menge Kommunikations-Strategien, die als Grundmuster in vielen Falschnachrichten gleich auf den ersten Blick erkennbar sind, beispielsweise falsche Behauptungen als Fragen zu formulieren, eine Technik, die in Boulevard-Medien schon seit langem genutzt wird.

Je besser ich diese Grundstrategien kenne, desto leichter und schneller kann ich Desinformation erkennen.

Hier ist eine umfangreiche Liste von correctiv.org, die ich sehr hilfreich finde, oder auch diese hier vom Landesmedienzentrum Baden-Württemberg.

Und wie steht es um deine Nachrichtenkompetenz? Hier gibt es einen Selbst-Test, der einen Einblick darin ermöglicht, wie gut man im Dschungel der Meldungen und Plattformen zurechtkommt.

Insgesamt kann ich öffentlich-rechtliche Medien sehr empfehlen, oder auch alteingesessene private Medien wie beispielsweise „Die Zeit“ und gerade für investigative Themen auch die „taz“.

Ein Vorteil all der genannten ist, dass deren Berichterstattung zwar auch nicht perfekt ist, sie aber bei Fehlern sogar Richtigstellungen hinterherschicken. Das ZDF hat beispielsweise eine eigene Seite extra dafür.

Die Zukunft braucht, dass wir wissenschaftlichen Erkenntniswegen vertrauen – nicht nur zum Thema Impfen

Wir verfolgen Studien und wissenschaftliche Veröffentlichungen zu allen möglichen Themen und eben auch rund um das Corona-Virus und Covid-19. Natürlich sind auch Wissenschaftler*innen Menschen und können sich somit immer auch irren, Daten falsch interpretieren oder sich von egoistischen Interessen leiten lassen.

Doch der fortlaufende wissenschaftliche Austausch, in den sich unzählige Menschen verschiedenster Institutionen weltweit einbringen, ist für uns einer der inspirierendsten Lernräume überhaupt und ein unglaubliches Geschenk unserer Zeit.

Hier beispielsweise gibt es eine Webseite, auf der Wissenschaftler*innen aus aller Welt sich Medienberichte vornehmen und danach durchsieben, welche Behauptungen wirklich stimmen: https://healthfeedback.org.

Denn so, wie sie es im Titel ihrer Webseite aussprechen, sehen wir es auch:

Korrekte Informationen sind die Grundlage für gelingende Demokratie.

Die Bedeutung dieses offenen, freien und dadurch sehr schnellen Austauschs von Wissenschaftler*innen, öffentlich geteilt mit jedem Menschen, der Zugang zum Internet hat, ist für mich einer der größten Hoffnungsschimmer in der heutigen Zeit. Denn gerade wenn wir an die Klimakatastrophe denken, und an den Umgang mit den vielen Herausforderungen, die sich daraus ergeben werden, wird unser Überleben als Menschheit entscheidend davon abhängen.

Im Grund ist die Frage, wie viel Einflussnahme wir denjenigen Menschen ermöglichen können, die daran interessiert sind herauszufinden, was wirklich hilfreich ist – statt primär politischem oder unternehmerischem Kalkül zu folgen.

Angesichts der Klimakatastrophe, die weltweit schon lange stattfindet und vorhersehbar auf weitaus heftigere Weisen sich weiter ereignen wird, halten wir es für absolut essentiell, den Wissenschaftler*innen zu vertrauen, die dem Aufzeigen echter Fakten verpflichtet sind und ihr Bestes geben, um hilfreiche Strategien zu entwickeln.

Wir stehen dafür ein, dass diese echt tapferen Leute Wertschätzung, Zuspruch und Rückenwind durch unser Handeln und Kommunizieren bekommen, statt wie in den letzten 1,5 Jahren aufgrund ihres Einsatzes für das Impfen und andere unbeliebte aber wichtige Maßnahmen mit Shitstorms und grauenvollen Drohungen bombardiert zu werden.

Warum wir uns für die Impfung entschieden haben

DISCLAIMER: Wir sind offensichtlich beide keine Medizin-Spezialisten! Alles, was wir hier geschrieben haben, ist unser persönliches Verständnis der Situation, sind nur unsere Meinungen und Interpretationen. Wir teilen sie hier, weil verschiedene Menschen uns in den letzten Wochen angesprochen und gefragt haben. Vielleicht können sie eine Anregung sein, selber die aufgelisteten Quellen zu studieren und dort fachlich fundiertere Aussagen zu finden. 

Covid-19 ist eine gefährliche Krankheit

Auf eine Weise ist es tragisch dumm gelaufen, dass Covid als erstes den Ruf einer „Grippe-ähnlichen“ Erkrankung bekam. Denn tatsächlich handelt es sich eher um eine Multi-System-Erkrankung. Neben den akuten Gefahren wie Organschäden und Tod durch Lungenversagen oder Herzstillstand, werden schon seit Sommer 2020 die potentiell verheerenden Langzeitfolgen in Studien immer sichtbarer, beispielsweise eine andauernde Entzündung von Hirnzellen.

Nach einer Studie mit 250.000 ungeimpften Erwachsenen und Kindern in den USA litten mehr als die Hälfte der Erkrankten auch noch sechs oder mehr Monate später unter Langzeitfolgen, von denen viele die Lebensqualität stark beeinträchtigen können (wie der anhaltende Verlust des Geruch- und Geschmackssinns, Konzentrationsschwäche, Gedächtnisstörungen oder Lungenschwäche).

Schäden wurden bei Untersuchungen häufig überall im Körper gefunden, auch an Geweben und Organen, wo die Betroffenen selbst keinerlei Beschwerden feststellen konnten.

Auch Kinder leiden an Long-Covid, selbst wenn die eigentliche Infektion bei manchen völlig symptomlos verlief. Wie viele davon betroffen sind, variiert stärker als bei Erwachsenen, in manchen Studien war aber ebenfalls die Hälfte der infizierten Kinder betroffen.

Im Moment ist es nicht absehbar, welche wirklich langfristigen Folgen die Erkrankung nach sich ziehen wird.

Anfang Januar warnte der finnische Gesundheitsminister, dass Long-Covid die häufigste chronische Krankheit im Land werden könnte und sprach dabei insbesondere die Gefahr einer Vervielfachung von Alzheimer und Parkinson-Fällen aufgrund der neurologischen Auswirkungen im Gehirn an.

Impfen hilft, auch wenn es Ansteckung nicht verhindert

Leider ist Covid keine Krankheit wie die Pocken, die durchs Impfen fast wie völlig ausgeschlossen werden kann. Deshalb wäre es sachlich auch falsch zu sagen, „wer Angst hat, könne sich ja selber impfen und damit schützen“. Vielmehr ist es umso wichtiger, dass so viele Menschen wie möglich solidarisch sind und sich impfen lassen, um mit der Zeit kollektiv eine allmählich wachsende Immunität zu kreieren.

Jetzt mit der Omikron-Variante kann man sagen: Dreifaches Impfen schützt immer noch signifikant vor Ansteckung (und damit auch davor, selber andere Menschen anzustecken). Vor allem aber schützt es deutlich vor schweren Verläufen und damit vor der Notwendigkeit ins Krankenhaus zu kommen, davor an Lungen- oder Herzversagen zu sterben, und es schützt vermutlich (zumindest zeigt sich das in einigen Studien) auch vor Long-Covid-Symptomen.

In einer Studie in Südafrika verringerte selbst eine nur zweifache Impfung den Anteil schwerer Verläufe um 70 %.

Für Schwangere, die an Covid erkranken, besteht ein erhöhtes Risiko, ihr Kind zu verlieren oder selbst einen schweren Verlauf zu haben – gerade für sie wird eine Impfung also besonders empfohlen.

Nicht nur die Impfungen wollen zumindest bis jetzt immer wieder aufgefrischt werden: Am Anfang der Pandemie nahm man noch an, eine Infektion könne vielleicht sogar zu vollständiger Immunität führen. Inzwischen ist jedoch sicher, dass jemand, der schon eine Covid-Infektion durchlitten hat, eine Neu-Infektion erleben kann, sogar schon drei Monate nach der ersten Erkrankung, schätzen einige Forscher*innen.

Impfen hilft, auch wenn es einen Impfdurchbruch gibt

Dabei war der Verlauf in einigen Fällen sogar noch schwerer. Bis jetzt sei es deshalb nicht sicher, aber auch nicht auszuschließen, dass beispielsweise die Antikörper von der ersten Infektion eine zweite sogar verschlimmern könnten. In den frühen Fällen von Re-Infektion sind die Verläufe weniger schlimm gewesen. Insgesamt ist die Datenlage hier aber noch ziemlich dünn. Impfdurchbrüche scheinen auf jeden Fall durchweg milder zu verlaufen.

Dass mehrfaches Impfen einer der bestmöglichen Wege ist, um sich und andere zu schützen, ist aber unangefochten, auch wenn nicht klar ist, wie oft das notwendig sein wird, um beständiger geschützt zu sein.

Deshalb bin ich und sind wir dreimal geimpft. Und deshalb beschäftigen wir uns weiter mit dem Thema – weil auch die Expert*innen beständig dazulernen und sich mit neuen Varianten und vielem mehr die Rahmenbedingungen beständig entwickeln und verändern.

Bei allen diesen Punkten wird deutlich: Nichts verspricht gegenwärtig eine schnelle und endgültige Lösung. Die Krankheit ist eine riesige Herausforderung und es gibt bisher wenig verbindliche Erkenntnisse, und wenn ja, können diese sich auch weiter verändern.

Vor allem sind wir auch aus Solidarität geimpft und für die Freiheit – nicht für unsere persönliche, sondern für die kollektive Freiheit, vor allem auch für diejenigen Menschen, die sich wirklich nicht impfen lassen können, beispielsweise die Jüngsten in unserer Gesellschaft.

Denn auch wenn Kinder insgesamt meist mildere Verläufe haben, breitet gerade Omicron sich so rapide aus, dass an vielen Orten Kinder vermehrt in die Krankenhäuser kommen. Auch leiden sie wie schon geschrieben unter Umständen hinterher an Long-Covid-Symptomen, die ihr Leben wirklich einschränken könnten.

Was wir noch tun können

Gleichzeitig ist es immer noch ganz klar relevant und wirkungsvoll, Schutzmasken zu tragen.