Krisen-Kompass Grundlagenkurs
…5-tägiger Workshop zum Navigieren durch beängstigende Zeiten,
für Resilienz und Menschlichkeit
Immer weiter und schneller steht die Erde mit all ihren Ökosystemen vor Zerstörung ungeahnter Ausmaße.
Im September 2025 waren die Prognosen von Klimaforscher*innen bei unvorstellbaren 3°C schon bis 2050 angekommen. Wir bewegen uns auf einem Kurs, an dessen Ende uns ein weltumspannendes Krisengebiet erwartet. Dazu kommen die vielen anderen Krisen und Katastrophen. Von sehr weit weg betrachtet erscheinen die Entwicklungen einfach nur unfassbar absurd und kurzsichtig – und doch sind sie alle so real.
Menschen, die mit vielen Privilegien geboren wurden (wie wir und vielleicht auch du?), können viele dieser beängstigenden Entwicklung noch ausblenden. Doch sobald wir hinschauen und hinhören, was in der Welt (und auch hier, direkt vor unserer Nase) an Leid geschieht, erleben wir Emotionen, die heftig und schmerzlich sind: Traurigkeit, aber auch Angst, Ruhelosigkeit, Ohnmacht und Verzweiflung darüber, wie schwierig oder unmöglich es erscheint, noch irgendwas am Verlauf zu ändern.
Dazu kommt noch: Wir selbst sind ja nicht nur Zeug*innen und Betroffene eines weitreichenden Kollaps von vielem, was in der westlichen Welt lange für selbstverständlich gehalten wurde. Sondern wir sind bewusst oder unbewusst in die Geschehnisse verstrickt, ob wir wollen oder nicht. So sind oft auch Scham und Schuldgefühle im Mix unserer alltäglichen Emotionen.
Aus der Trauerforschung lässt sich erahnen, wie gravierend der Verlust eines geliebten, vertrauten Menschen sich auf unser Seelenleben und auch ganz direkt auf unseren Körper auswirkt. Ähnliches wird beschrieben für den Verlust von geliebten Orten aufgrund von Flucht, Vertreibung oder Umweltzerstörung, wenn die Landschaft, in der wir zuhause sind, kein sicherer Ort mehr für uns sein kann.
Unser Nervensystem kann dadurch ins Wanken geraten und sich nicht mehr so regulieren, dass wir uns selbst als stabil empfinden, als würde der Boden unter unseren Füßen verschwinden und als würden wir selbst fallen oder ertrinken – und dabei haltlos sein.
Populistische Perspektiven befeuern vorhandene Verunsicherung und Ängste noch maximal und machen dann vermeintlich Schwächere systematisch zu Sündenböcken, denen Schuld und Scham zugeschoben wird – und sich selbst zu den angeblich Rettenden.
Der öffentliche Raum ist inzwischen durchzogen von offenkundiger oder unterschwelliger Hetze, die vorhandene Ängste aufgreift und zusätzliche Ängste schürt – vor allem vor anderen Menschen und insbesondere vor ohnehin oft ausgegrenzten Minderheiten. Es kommt zu „Othering“ oder Andersmachen“, eine Form von Abgrenzung gegenüber Personen, die auf Basis von unterschiedlichsten Kennzeichen systematisch abgewertet oder sogar entmenschlicht werden.
Auch wenn oft nicht darüber gesprochen wird, in Umfragen zeigt sich, dass Angst bei vielen Menschen hier und heute präsent ist. Dazu kommt oft die Angst davor, selber nicht mehr klarzukommen, sondern körperlich oder seelisch zusammenzubrechen. Bei manchen Verlusten, scheint diese Grundangst besonders schwerwiegend und quälend zu sein – beispielsweise wenn Menschen sich in einer persönlichen, familiären oder eben kollektiven, sogar weltumspannenden Notlage befinden ohne selbst verlässliche Zugehörigkeit zu einem (sozialen) Netz zu erleben, das sie auffangen könnte.
Ein Nicht-Wissen darüber, wie das Leben weitergehen wird, spielt bei vielen persönlichen und kollektiven Verlusten eine Rolle. Gerade ein unsicherer, nicht ganz vorhersagbarer Verlauf und Ausgang kann uns über lange Zeiträume in beständige Angst und Alarmbereitschaft versetzen.
Dieses „auf sich selbst gestellt sein“ ist eine Form von Vereinsamung, die vor allem in weiten Teilen der extrem individualisierten westlichen Gesellschaft, eine große Anzahl von Menschen betrifft.
Vermutlich ist dies einer der Hauptgründe dafür, warum zahlreiche Indigene Stimmen, nicht auf Verzweiflung, sondern auf kollektive Verantwortung fokussieren. So wie die verstorbene Historikerin, Autorin und Filmemacherin Frances Peters-Little vom Volk der Kamilaroi/Uralarai es einmal gesagt hat: „Es wird so viel über die Auslöschung gesprochen. Aborigines fokussieren sich auf die Verjüngung. Es ist unsere Verantwortung, dafür zu sorgen, dass das Land geschützt ist… Als eine Kultur, die hier schon zehntausende von Jahren lebt, wissen wir das. Wir sind zu lange hier, um zu glauben, dass dies das Ende von allem wäre.“
Beispiele dafür, wie hilfreich dieser Fokus ist, lassen sich auch in manchen westlichen Geschichten finden, wie bei Viktor Frankl, der mehrere Jahre Konzentrationslager überstand. Vor allem aber sind sie enthalten in den Schilderungen, Lebensgeschichten und Lehren von – Indigenen Menschen und People of Color, deren Welt durch das Grauen der Kolonialisierung und gewaltvollen Rassismus schon vor langer Zeit und vielfach bis heute fortdauernd zum Untergang gebracht wurde und wird.
Wir sehen es als wichtig und sogar notwendig an, zuzuhören und respektvoll und mit Wertschätzung zu lernen, was hilfreich sein kann und sich bewährt hat – ohne Aneignung kultureller Elemente (wie Symbolen, Liedern oder Ritualen).
Natürlich braucht es hier und heute Räume und Zeiten zum Trauern, wie wir sie seit vielen Jahren gestalten.
Aber gerade im Angesicht von großer Zukunftsangst und Verzweiflung genügt „nur“ zu trauern oft nicht einmal ansatzweise. Es braucht viele weitere Zutaten, um mit einer beängstigenden, überfordernden Realität und unsicheren Zukunftsperspektive klarzukommen.
Wir glauben, dass es möglich ist, auch angesichts von überwältigenden Gefahren, Zerstörung und Vernichtung die eigene Menschlichkeit zu bewahren, Gestaltungs- und Handlungsspielraum zu finden, füreinander da zu sein und dadurch immer noch oder gerade ganz viel zu bewirken.
Viele der noch bevorstehenden Katastrophen mögen nicht mehr verhinderbar sein. Aber wir glauben daran, dass wir alle es gemeinsam schaffen können, ihre Wucht abzumildern und dadurch eine quasi etwas „bessere“ Katastrophe zu erleiden, wie der Aktivist und Autor Andrew Boyd es nennt.
Wir sind davon überzeugt, dass wir dafür einander brauchen und, dass es gemeinsam möglich ist, durch die Krisen hindurch, trotz aller Angst und allen Leidens – vielleicht nicht immer, aber immer wieder – mit Würde, Nächstenliebe, Demut, Freundlichkeit, Solidarität und Fürsorge füreinander und vor allem auch für die jüngeren Generationen da zu sein und darin Trost und Lebensmut zu finden.
Seit 2023 behandeln wir den Krisen-Kompass zum Umgang mit Schmerz und Angst um die Welt in einigen unserer Weiterbildungen – als ein mögliches Werkzeug, das sich auch weiterhin entwickeln und verändern wird.
Unser Kompass ist kein Modell, keine Liste und keine Anleitung, sondern ein Navigations-Instrument:
Ausgehend vom Punkt in der Mitte, dem jeweiligen Hier und Jetzt, in dem wir uns gerade befinden, kann der Kompass mögliche Richtungen sichtbar und dadurch zugänglicher machen, die wir in diesem Moment einschlagen könnten.
Mit einem Kompass können wir dadurch der Komplexität der Realität auf eine Weise begegnen, die Orientierung gibt und gleichzeitig Freiraum lässt. So kann er es uns erleichtern, für jeden Kontext, für jede Situation, für jeden Umstand eine frische und somit wirklich passende Umgehensweise zu finden.
Die Grundstruktur für unseren Krisen-Kompass (wie für alle Circlewise Kompasse) ist inspiriert von Jon Young’s 8 Shields Model, mit dem wir viele Jahre arbeiteten, bevor daraus unser Verbindungskultur-Kompass und viele weitere Kompasse und Räder erwuchsen.
Viele Menschen, die in unseren Weiterbildungen und Workshops dabei sind und auch wir selbst durchleben eine manchmal schier überwältigende Menge Schmerz und Angst um die Welt. Deshalb sammelten wir Zutaten – um selber klarzukommen und auch anderen mit irgendwas halbwegs Hilfreichem zur Seite stehen zu können.
Unsere Haltung hierzu ist stark geprägt von den Perspektiven Indigener oder Schwarzer und queerfeministischer Autor*innen, wie Sobonfu Somé, Kelly Hayes, Mariame Kaba, Sherri Mitchell, Yuria Celidwen, bell hooks, Angela Davis, john a. powell, Steven Charleston, Lyla June Johnston, Robin Wall Kimmerer, Resmaa Menakem, Alok Vaid Menon, Kyle Powys White, Vanessa Machado di Oliveira und Tyson Yunkaporta.
Dazu kamen unsere praktischen Erfahrungen im Begleiten von Menschen in unseren Weiterbildungsgruppen und Workshops, sowie Prinzipien und Ansätze von weißen westlichen Autor*innen wie Peter Block, Britt Wray, Joana Macy, Amanda Ripley, William Ury, Tracy Dennis-Tiwary, Andrew Boyd und anderen.
Wir werden in fünf vollen Tagen verschiedenste Zutaten – also Muster, Perspektiven und Erkenntnisse betrachten und ausprobieren, die hilfreich sein können.
Dabei wird etwa eine Hälfte der Zeit mit Theorien, Konzepten und Input gefüllt sein, die andere Hälfte mit Reflexion, Austausch und Übungen.
Der Workshop ist für Überblick und erste Zugänge zu den einzelnen Aspekten konzipiert. In einzelne dieser Themen werden wir auch etwas tiefer eintauchen.
Das Seminarhaus Lindenhof ist ein wunderbar ruhiger Ort, auf einer Hochebene von etwa 900m Höhe gelegen, mitten in einem ausgedehnten Waldgebiet. Der Lindenhof ist ein Einzelanwesen mit lauschigen Plätzchen im weitläufigen Gartengelände und Obstwiesen. Ausgehend vom Luftkurort Möhringen am Rande der Schwäbischen Alb und dem Schwarzwald über dem Tal der jungen Donau gelegen führt ein 3 km langer ansteigender Waldweg raus aus dem Alltag und dem Himmel ein Stück näher.
Alle Mahlzeiten stammen aus der hauseigenen vegetarisch-biologisch-regionalen Küche, viele Lebensmittel kommen direkt aus dem Garten hinterm Haus.
06. – 10. Mai 2026
Start am Mittwoch mit einem gemeinsamem Abendessen um 18:30 Uhr.
Ende am Sonntag um 13:00 Uhr, danach noch gemeinsames Mittagessen und/oder Abreise.
650 € – Normalpreis
400 € – Ermäßigter Preis für Geringverdienende und Menschen, die das Gelernte im Rahmen einer ehrenamtlichen Tätigkeit einsetzen wollen
900 € – Solidarpreis für alle, die mehr bezahlen können, um die Teilnahme für andere zu erleichtern sowie für von Unternehmen oder Institutionen entsandte Teilnehmende
zzgl. Unterkunft & Verpflegung im Seminarhaus Lindenhof
(In Ausnahmefällen ist eine Zahlung in Raten möglich, ab dem Zeitpunkt der Anmeldung.)
Unser Preissystem dient dazu, nach dem Solidarprinzip strukturell benachteiligten Personengruppen den Zugang zu unseren Weiterbildungen zu erleichtern.
Oft bezahlen Arbeitgeber*innen für diesen Workshop oder geben einen Zuschuss – Nachfragen lohnt sich!
Für Menschen aus gesellschaftlich besonders diskriminierten Bevölkerungsgruppen vergeben wir zusätzlich eine begrenzte Anzahl an Reparations-Freiplätzen (siehe unten).
Mit unserem Wirken stehen wir dafür ein, historisch entstandene Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Ausbeutung in all ihren offensichtlichen und subtilen Erscheinungsformen sichtbar zu machen, in uns selbst und innerhalb der Gesellschaft und wir streben danach, Räume zu kreieren, um diese aufzuarbeiten.
Es ist uns ein Anliegen, dass insbesondere Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe, sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität auch heute immer noch alltäglich Diskriminierung erfahren, sich in unseren Veranstaltungen nicht nur sicher, willkommen und ermächtigt fühlen können, sondern auch ganz praktisch einen erleichterten Zugang zu unseren Angeboten haben.
Als eine Geste für Reparation und einen kleinen Beitrag zu einer dringend notwendigen kollektiven Wiedergutmachung haben wir uns deshalb entschieden, unseren Spielraum für Rabatte und Vergünstigungen vor allem Personen zur Verfügung zu stellen, die historisch und aktuell am stärksten diskriminierten Bevölkerungsgruppen angehören, wie BiPoC, LGBTQ+*, Jüd*innen, Sinti*zze und Rom*nja.
Wenn eines davon auf dich zutrifft, melde dich gern bei uns, denn für die meisten Angebote haben wir mehrere Reparations-Freiplätze oder stark vergünstigte Teilnahmeplätze.
Die Teilnahme an diesem Angebot kann keine therapeutische Begleitung ersetzen.
Wenn du das Gefühl hast, unter Angstzuständen, Depressionen oder anderen schwer auszuhaltenden seelischen Zuständen zu leiden – wisse, du bist nicht allein!
Hilfe bekommst du bei zugelassenen Psychotherapeut*innnen, beispielsweise den hier im Verzeichnis aufgeführten Personen, vielleicht auch in deiner Region: https://www.somatic-experiencing.de/traumatherapeuten-finden/
In dringenden Fällen kannst du dich auch direkt an ein psychiatrisches Krankenhaus wenden oder den Notruf 112 wählen. Auch die Telefonseelsorge ist 24 Stunden kostenlos erreichbar (auch anonym): (0800) 1110111 oder (0800) 1110333 (für Kinder/Jugendliche)
Im Internet: www.telefonseelsorge.de
