Im Februar hatte ich einen Artikel veröffentlicht über die drei Phasen von Initiation: Trennung, Qualen und Heimkehr, und wie die beiden erstgenannten, sich in immer stärker werdender Heftigkeit vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte für die Menschheit als Ganzes ausspielen.

Dank des Coronavirus’ sind nun innerhalb kürzester Zeit viele der bisher als unverrückbar angenommenen Lebensumstände gerade auf eine Weise aus den Angeln gehoben, die vor Kurzem kaum vorstellbar gewesen wären.

Und weltweit ist das was gerade am hilfreichsten zu sein scheint, eine noch weitreichendere Trennung. So wie eine Raupe sich im Kokon einspinnt um sich vollständig aufzulösen – damit in Enge und Dunkelheit aus nur noch grünem Schleim danach ein Schmetterling entstehen kann.

Es sieht fast so aus, als würden wir nun kollektiv auf Visionssuche geschickt werden – allein oder nur mit unseren Nächsten sind wir auf uns selbst geworfen: Konsum, berufliche Pflichten oder Freizeitleben sind für viele Menschen gerade einfach ausgesetzt und runtergefahren auf was auch immer direkt bei ihnen zuhause möglich (oder nicht möglich) ist.

Manche von uns mögen das als angenehme und vielleicht schon lang ersehnte Pause erleben, als eine Gelegenheit aus einer Tretmühle auszusteigen.
Für andere mag es qualvoll sein, so viel Zeit zuhause zu verbringen – vor allem für all diejenigen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, deren Zuhause kein liebevoller, kein sicherer Ort ist.

Mein Mitgefühl gilt auch den vielen älteren Menschen, deren Hauptlebensinhalt ihre Liebe zu den Jüngsten ist, die Freude am Heranwachsen von Kindern und Enkelkindern – mit denen sie vielleicht für viele Monate nun zu ihrem eigenen Schutz keinen direkten Kontakt mehr haben sollten. Und den Kindern, die nun noch mehr als sonst von ihren Ältesten getrennt sind.

Wir haben viele viele Stunden in den letzten zwei Wochen damit verbracht, Nachrichten, Zweifel, Aufrufe, Warnungen und Entwarnungen aller Arten zu verfolgen.

Für mich ist es dabei hilfreich und tröstlich, auch diese Krise als einen Teil des sich immer weiter intensivierenden Initiationsprozesses der Menschheit anzusehen. Sicher ist COVID-19 nichts, was uns an den Abgrund der menschlichen Existenz bringen kann.

Aber es macht vieles deutlich:

  • wie verletzlich die von uns geschaffenen politischen und gesellschaftlichen Systeme sind
  • wie sehr wir als Menschheit weltweit miteinander verbunden sind
  • wie viel Angst wir vor dem Sterben haben – vor unserem eigenen aber vielleicht mehr noch vor dem unserer Liebsten
  • wie überfordert wir alle mit der Komplexität des modernen Lebens sind
  • wie sehr wir einander brauchen, und wie schmerzlich es ist, nicht freizügig in Kontakt sein zu können
  • dass wir trotz aller Kontrolle, die wir über den Rest der Natur ausgeübt haben und weiterhin ausüben, eben nicht die “Herscher der Schöpfung” sind
  • dass wenn wir erschrocken sind im Angesicht der Bodenlosigkeit der Existenz (welche beispielsweise im Buddhismus so liebevoll erforscht und befreundet wird), wir beharrlich nach Verantwortlichen, nach Schuldigen, nach irgendeiner Art von Bösem suchen, gegen das wir ankämpfen könnten – viel lieber als einem kollektiven Unwissen und einer umfassenden Machtlosigkeit der Menschheit als Ganzem ins Auge zu sehen
  • wie leicht Unfähigkeit, die eigenen Ängste auszuhalten, dazu führen kann, dass wir uns in Meinungen verrennen und in Streit und Vorwürfen gegen Freunde und Bekannte wenden
  • wie tröstlich es ist, Rückversicherung für unsere eigenen Denkmodelle zu erfahren
  • und wie sehr es uns individuell und kollektiv nach Sinn verlangt

Aus den Märchen ist uns das archetypische Muster vertraut:

Der Abstieg in eine furchteinflößende Unterwelt voller Prüfungen und der Begegnung mit schrecklichen Monstern (äußeren und inneren) und den noch schrecklicheren Ängsten vor ihnen, ist scheinbar notwendig im Leben.

Denn kein Mensch findet die tiefsten Seelenschätze, seine Bestimmung und seinen innersten Wesenskern zuhause auf der Couch – oder heute  vielleicht gerade, wenn das “auf der Couch sitzen” nicht so ganz freiwillig geschieht?

Nur durch das Durchleben von gefährlich anmutenden Umständen, die uns fühlbar mit unserer eigenen Sterblichkeit konfrontieren, kann ein Menschlein reich beschenkt, erwachsen und mit gereifter Persönlichkeit “heimkehren” – um dann als König oder Königin das eigene Land mit Güte und Weisheit zu führen.

Damit aus der Raupe ein Schmetterling werden kann, muss ihr Körper sich im dunklen, engen Kokon erst einmal vollständig auflösen – und sich vollkommen neu zusammenfinden.

Diese Auflösung scheint gerade in volle Fahrt zu kommen.

Zu jeder Initiation gehören Qualen, Seelenqualen und manchmal auch äußeres Leiden – wenn ich mich selbst fast auflöse, vom Leben “zerbröselt” und gut “durchgekocht” werde.
Michael Meade nennt diese Phase auch „die lange dunkle Nacht der Seele“.

Sie fühlt sich schrecklich an, es ist sogar schwer, sie von außen bei jemand anderem zu beobachten, und doch ist sie so grundlegend wichtig dafür, zu innerer Reife zu gelangen.

Durch das Leiden fallen alle Masken weg, denn wir haben keine Kraft mehr, sie aufrecht zu erhalten. Auch unsere falschen Identitäten wird das Leben aufbrechen – zum Beispiel die hochmütige Vorstellung, das nichts uns als Menschheit gefährlich werden könne.

Durch das Vom-Leben-aufgebrochen-Werden der narzisstischen Ego-Strukturen unserer globalen Gesellschaft, könnte ein gereiftes Selbst zum Vorschein kommen, eine ganzheitlichere Identität.

Wir könnten dank der rauen Gnade des Lebens am Ende dieser Zeit voller Krisen und Leid herausfinden, uns dessen gewahr werden, wer wir als Menschheit auf der Erde wirklich sind.

Licht in der Finsternis

Was es braucht, um die lange, dunkle Nacht der Seele zu durchstehen, ist vor allem ein wachsendes Bewusstsein.
Tiefe Innenschau mit wachen Sinnen ermöglicht es, dem Selbst auf den Grund zu tauchen, hinab ins Dunkle all dessen, was ich an mir noch nie mochte, wovor ich schon immer Angst hatte, wo ich elendig gescheitert bin, wo ich mit der Welt und dem Leben hadere, wo ich mich klein und schwach und vollkommen unzureichend und hilflos fühle.

Am Boden des tiefen, dunklen Seelengewässers wartet ein hell leuchtender Schatz darauf, dann gehoben zu werden, wenn ich schon fast aufgegeben habe.

In der langen, dunklen Nacht der Menschheit geht es darum, uns selbst zu begegnen, in furchteinflößender Tiefe. Und das tun wir.

Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hatten wir so viel Einblick darin, was wir als Menschheit weltweit erleben, erschaffen oder zerstören. Das Internet trägt Informationen aus jedem Winkel der Erde herbei und macht sie weithin sichtbar. Mit den Informationen über die Brände in Australien oder einen möglichen Krieg zwischen den USA und dem Iran reisen auch Gefühle um die Erde: Angst, Zorn, Hilflosigkeit und Ohnmacht werden von Millionen von Menschen geteilt und durchlebt.

Natürlich nehmen nicht alle Menschen Anteil. Aber es ist eine große und wachsende Anzahl von Menschen, die hinschaut.

Es schmerzt so schrecklich, zu wissen und zu fühlen, wie viel von unserem geliebten Planeten, von unserem Zuhause, von unserer Mutter Erde zusammenbricht, wie viele Menschen und andere Wesen leiden. Die Angst zu ertragen, dass die Kinder von heute vielleicht die letzte Generation von Menschen sein könnten, die das Erwachsenenalter überhaupt noch erreichen, wie es der Dalai Lama 2018 in seinem Appell an die Welt so direkt und ungeschönt aussprach.

Wenn wir davon ausgehen, dass die Menschheit sich entwickelt, dann brauchen wir genau das, was viele von uns jetzt gerade durchleiden, um gemeinsam erwachsen zu werden: das Erleben von Scheitern, von Hoffnungslosigkeit, Aussichtslosigkeit, von unsäglicher Trauer, von Desillusionierung, bis hin zum Aufgeben und einer gefühlten Begegnung mit dem Sterben, mit dem Tod.

In einer Initiationskrise sind dies wichtige Bestandteile, die dazu führen, inmitten der Finsternis, in voller Demut, ein wahrhaftiges Selbst zu entdecken, das unabhängig ist von Rollen, Masken, Erwartungen, Erfolgen im Äußeren, vom Plan meines Egos, von Kontrolle und Zwang, von oberflächlichen Vergnügungen und äußerer Sicherheit.

Es ist dies die Zeit, in der wir als Menschheit inmitten der Trümmerlandschaft um uns und in uns, unser innerstes Selbst entdecken können, das zutiefst verbunden ist mit der Seele der Welt.

Vieles von diesem Selbst kennen wir schon, weil es ähnlich wie der Wesenskern eines Menschen nie ganz verschwunden war. Dazu gehört unsere Kraft zu lieben, mitzufühlen, füreinander zu sorgen, füreinander einzustehen, gemeinsam in Einigkeit Lösungen zu finden, eine Gesellschaft zu gestalten, welche die Vielfalt und Fülle unserer nicht-menschlichen Mitwesen mehrt und nährt, Kultur zu schaffen, die Menschen von klein auf bis ins hohe Alter ermöglicht, ihre Potentiale zu entfalten und zu schenken.

Jede/r von uns ist ein Teil der Menschheit, des menschlichen Bewusstseins. Margaret Wheatley erforscht und unterstützt seit fast dreißig Jahren systemischen Wandel in vielen Ländern der Erde (beispielsweise über das von ihr gegründete Berkana Institut) und beschreibt eindringlich, was es braucht, um mit heftigem Wandel auf eine lebensfördernde Weise umzugehen: einen Geisteszustand jenseits von Hoffnung und Furcht.

Mir geht es so wie vielen Menschen in meinem Umfeld, dass ich inmitten der rasanten Schreckensmeldungen über den Zustand der Welt UND der hoffnungsfrohen Botschaften über Lösungen, die auftauchen wie Pilze nach einem Sommerregen, oft regelrecht hin- und hergeschüttelt werde – zwischen aufkeimender Hoffnung und tiefer Furcht vor dem Scheitern.

Der Ausweg aus dieser Achterbahn, den Meg Wheatley beschreibt, ist es, statt eine rosige Zukunft zu wünschen oder vor einer schlimmen Zukunft zu erzittern, wie in der Meditation oder in Achtsamkeitsübungen, so voll und ganz ich es vermag, in der Gegenwart und im Jetzt zu bleiben.

Es braucht dafür die Bereitschaft, mit unserer eigenen Unsicherheit, unsrem Nicht-Wissen, und letztlich der Bodenlosigkeit des Seins vertraut zu werden, sie auszuhalten, zu lernen, uns in ihnen zuhause zu fühlen.

Leben war schon immer Veränderung, doch heute zerfallen Systeme, Ideen und Beziehungen immer schneller. Das meiste, was vor Jahren noch eine Illusion von Sicherheit spenden konnte, rinnt rasend schnell wie Sand durch unsere Finger, sodass es immer notwendiger wird, diesen Auflösungszustand ertragen zu lernen – indem wir präsent mit ihm bleiben.

Natürlich ist es schmerzhaft, präsent zu bleiben. Doch alle Vermeidungsstrategien schmerzen ebenso.

Zwischen Erfolg und Scheitern ist ein Raum

Wenn ich weiß, was ich für die Zukunft will, und an bestimmten Lösungsstrategien festhalte, bin ich viel eher geneigt, Opfer meines Wollens zu werden. Wenn ich mich im Recht glaube, handele ich oft blindlings, und schade dabei mir selbst oder anderen. Ich streite und ignoriere bewusst oder unbewusst andere Stimmen und Bedürfnisse – weil ich so identifiziert bin mit meiner Ideologie.

Wenn ich voller Furcht bin, rechtfertige ich mit dieser unter Umständen auch die schlimmsten Sorten von „Schutzmaßnahmen“, mit denen ich mich verteidige oder sogar selbst angreife – weil ich keinen anderen Ausweg sehe. Beide Zustände sind nicht nur im Moment rücksichtslos, sondern langfristig ein Nährboden für Manipulation, Verblendung, Volksverhetzung und für ein weiträumiges Beschreiten von persönlichen oder gesellschaftlichen Irrwegen.

Wenn ich jedoch präsent bin, im Zustand jenseits des Wollens und Fürchtens, kann mein innerer Kampf zur Ruhe kommen und ich habe Zugang zu all dem, wovon ich in der Tiefe meines Selbst weiß, dass es jetzt in diesem Moment gerade stimmig und hilfreich ist, im Einklang mit allen meinen Werten.

Dies zu erleben und zu erlernen ist eine der Gaben von Initiationskrisen.

In den Initiationsgeschichten von unserer Lehrerin Sobonfu Somé, die zum Volk der Dagara in Westafrika gehörte, war es für die jungen Menschen und für das gesamte Dorf keine Selbstverständlichkeit, dass deren fordernder und gefährlicher Initiationsprozess von allen Teilnehmenden überlebt wird.

So kann, sogar darf es auch keine Selbstverständlichkeit sein, dass der Initiationsprozess der Menschheit von uns überlebt wird. Im Nicht-Wissen, ob alles gut ausgehen wird, sind wir darauf geworfen, in jedem Moment das zu tun, was das Richtige ist, uns so zu verhalten, als ob dieser Moment alles ist, was uns bleibt.

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

Vaclav Havel

Meg Wheatley schreibt, dass sie im Raum jenseits des Strebens nach Erfolg oder der Angst vorm Scheitern lernen konnte, wie es sich anfühlt, sich stimmig zu verhalten: auf unergründliche Weise klar und getragen von Energie. Wenn sie sich wütend, frustriert oder zornig fühle, habe sie gelernt, sich nicht davon bestimmen zu lassen, sondern innezuhalten, nicht zu handeln, bevor sie wieder präsent im Moment ist, und dabei immer wieder erfahren:

„Es ist nicht das Ergebnis, was zählt. Es sind die Menschen, unsere Beziehungen, die unseren Anstrengungen einen Sinn geben. Wenn wir uns von dem Drang befreien, mit unseren Bemühungen erfolgreich zu sein, können wir erleben, wie es leichter wird zu lieben.

Wir hören auf, Sündenböcke zu suchen, wir hören auf, anderen die Schuld zu geben, und wir hören auf, voneinander so enttäuscht zu sein.

Wir erkennen, dass wir wahrhaftig alle gemeinsam in einem Boot sind, und das ist alles, was zählt.“