Verbindungskultur – ein kleiner Einblick in das Grundgerüst unserer Arbeit
Der Begriff „Verbindungskultur®“ ist eine Wortschöpfung – entstanden auf unserer Suche nach einer griffigen Bezeichnung für unser Wirken für eine Kultur der Verbundenheit und des fortdauernden sich Verbindens mit uns selbst, mit unseren Mitmenschen und mit allen anderen Mit-Wesen.
Verbindung zu unserer Mitwelt
Verbindungskultur beinhaltet eine ganz klare Ausrichtung auf das Wohl aller Wesen. Im Großen wie im Kleinen geht es darum, als Menschen in Verbindung zu gehen mit den Bedürfnissen und Begrenzungen der natürlichen Welt um uns herum – für ein regeneratives Dasein, das dem gesamten Lebensnetz dienen kann.
Verbindung zur inneren Natur
Auch wir Menschen sind Natur, durch und durch. Je mehr wir die Natur um uns herum fühlen, verstehen und lieben, desto besser können wir auch unsere innere Natur begreifen.
Wir sind untrennbar eingebettet in das Lebensnetz der Erde – nicht als Herrscherinnen darüber, sondern als ein Teil davon.*
Verbindungskultur gestalten bedeutet, soziale Räume nach natürlichen Mustern und Rhythmen zu gestalten – im Einklang mit der Jahreszeit, der Tageszeit, mit den Gegebenheiten eines Ortes und der innewohnenden Entwicklungsdynamik von Projekten oder Veranstaltungen.
Der Verbindungskultur-Kompass
Inspiriert ist unser Kompass von Jon Young, dem Begründer der Wilderness Awareness School und seinem 8 Shields Model, mit welchem wir seit vielen Jahren arbeiten. Seine Verknüpfung von Himmelsrichtungen mit tatsächlich beobachtbaren Ereignissen und Qualitäten in unserer Mitwelt haben uns gelehrt, auch uns selbst und zwischenmenschliche Prozesse in Orientierung an natürlichen Kreisläufen und Rhythmen wahrzunehmen und zyklisch zu denken. So können wir zahllose auf den Menschen übertragbare Muster in der Natur finden und nutzen. Mit der Zeit begannen wir, auf der Grundlage eigener Beobachtungen auch selbst Räder und Kompasse für unsere Arbeit zu entwickeln.
Der Verbindungskultur-Kompass zeigt die wesentlichen Aspekte von Verbindungskultur in Relation zum natürlichen, in Phasen gegliederten Kreislauf des Tages (anhand des Sonnenstands) und des Lebenszyklus‘ einer Pflanze.
Der Horizont teilt den Kompass in eine helle und dunkle Jahreshälfte ein – denn die einzelnen Phasen korrespondieren auch mit bestimmten Zeiten im Jahresverlauf. Alles zusammen ist verknüpft mit den acht Himmelsrichtungen, so dass sich das Bild eines Kompasses ergibt – ein Symbol, das sich als Navigationshilfe für das Gestalten von Verbindungskultur-Räumen nutzen lässt.
(In unserem Kompass ist der Norden unten, unter anderem weil er für die Wurzeln steht, aus denen alles erwächst., aber auch, weil wir damit ein kleines Zeichen gegen die eurozentrische, kolonial geprägte Sicht auf die Welt setzen wollen.)
Osten – Einander ein Zuhause schenken
Zuhause ist, wo wir uns sicher fühlen können – und wo wir wirklich sicher sein können.
Für uns bedeutet dies, als ganzer Mensch akzeptiert zu werden: mit allen Bedürfnissen, Emotionen und Eigenheiten. Es beinhaltet auch, sich sicher sein zu können, dass wir respektiert werden und anderen Menschen unser Wohlergehen am Herzen liegt – dass sie sich aktiv dafür einsetzen.
Geborgenheit ist die Grundlage
Die meisten Jäger-und-Sammler-Kulturen werden von vielen Forscherinnen als friedvoll angesehen – oft sogar im Angesicht jahrhundertelanger Unterdrückung. Anthropologinnen sehen eine wichtige Grundlage dieser Friedfertigkeit im konsequent liebevollen Umgang mit den Kindern, der ein Gefühl tiefer Geborgenheit erzeuge. Ähnliches hörten wir auch von unserer Lehrerin Sobonfu Somé, die in einer traditionellen Dorfgemeinschaft der Dagara in Burkina Faso aufgewachsen war.
Aus der Bindungsforschung ist bekannt, wie weitreichend frühkindliche Erfahrungen mit fürsorglichen Betreuungspersonen sich auf das spätere Beziehungsverhalten auswirken. Ein friedvolles, stabiles Miteinander bedarf eines gesunden, sicheren Bindungsverhaltens. Lange glaubte man, frühkindliche Bindungsmuster seien unveränderlich. Heute wissen wir: Es gibt Wege, als Erwachsener gesunde Beziehungsmuster zu kultivieren – etwa durch die Arbeit mit Interpersoneller Neurobiologie, wie sie Daniel Siegel beschreibt.
bell hooks hat in „All About Love“ gezeigt, dass Liebe keine Emotion ist, die uns einfach passiert – sondern eine Praxis, die wir bewusst gestalten und kultivieren müssen. Für sie ist die Unfähigkeit zu lieben und geliebt zu werden eine direkte Folge von Systemen, die Trennung und Dominanz normalisieren. Verbindungskultur nimmt diese Erkenntnis ernst: Fürsorge und Zugehörigkeit sind keine persönlichen Tugenden – sie sind politisch.
Verbindungskultur begünstigt das Gestalten von „safer spaces“ – sichereren Räumen, in denen Verbindung und Vertrauen sich entwickeln können. Ein willkommen heißender Umgang miteinander sowie ein offener und verletzlicher Austausch über Gefühle, Emotionen und persönliche Bedürfnisse sind hierfür essentiell, wie von der Sozialforscherin Brené Brown beschrieben.
Es gilt dabei, den Menschen in seiner Ganzheit willkommen zu heißen – Privates ebenso zu würdigen wie arbeitsbezogene Themen, Stärken ebenso wie vermeintliche Schwächen, die Lebensgeschichte ebenso wie die Sehnsüchte für die Zukunft.
In einem sicheren Raum kann es leichter sein, mit Konflikten schöpferisch umzugehen, Herausforderungen mit Humor und Entschlossenheit zu begegnen, versteckte Potenziale zu entdecken und wirklich effektiv die gemeinsame Wirkkraft zu entfalten.
Südosten – Spielen und Entdecken
Verbindungskultur braucht und ermöglicht Lebendigkeit. Dafür gehen wir raus aus den Häusern und Besprechungszimmern und holen Natur auch in die Räume hinein.
Statt perfekt anmutender Inneneinrichtung, die Sachlichkeit und Anpassungsdruck ausstrahlt, kreieren wir eine Qualität der Lebendigkeit: etwas Raues oder Weiches, etwas Grünes oder Buntes, etwas von Händen Geformtes, etwas Kindliches, etwas mit Feuer oder Wasser – etwas, das lebt.
Wir laden die anwesenden Menschen ein, selbst in aller Natürlichkeit dabei zu sein, sich authentisch zu zeigen, Autonomie und Freiheit zu erleben. Dadurch kann die uns allen innewohnende intrinsische Neugier und Entdeckungslust in Schwung kommen. Spielerisches Lernen, Ausprobieren und Erfindungsgeist werden stimuliert.
ALOK Vaid-Menon erinnert uns daran, dass Kreativität und Selbstausdruck nicht Luxus, sondern Überlebensstrategie sind – besonders für Menschen, deren Sein von gesellschaftlichen Normen beschränkt wird. Räume, die echte Freiheit des Ausdrucks ermöglichen, sind daher nicht nur schön – sie sind heilsam und emanzipatorisch.
Mit Humor
Humor ist ein essentieller Bestandteil von Verbindungskultur. In Jäger-und-Sammler-Kulturen wurde Humor dazu genutzt, jedes Aufkeimen von Macht einzelner über andere lächerlich zu machen – und so den Sinn für Gleichwertigkeit innerhalb der Gemeinschaft zu erhalten. Angesichts von Unterdrückung ist Humor auch heute ein wichtiges Ventil, um die eigene geistige Gesundheit zu erhalten. Die Gewissheit, einander trotz unterschiedlicher Rollen auf Augenhöhe begegnen zu können, erleichtert es jedem Mitglied einer Gruppe, sich offen und authentisch zu zeigen.
Süden – Gemeinsam was erschaffen
Für eine als befriedigend oder sogar erfüllend erlebte Gruppen- oder Teamerfahrung ist ein gemeinsames Tun und Wirken im Außen ebenso bedeutsam wie die nährende Verbindung untereinander.
Es geht darum zu erleben, wie das Ergebnis des Gemeinsamen so viel mehr sein kann als die Summe seiner Bestandteile. Die Synergie zwischen den ganz unterschiedlichen Gaben und Begabungen der einzelnen Menschen ermöglicht ein Hochgefühl, das auf der persönlichen Ebene oft als lebensverändernd erlebt wird.
Eine kleine Gruppe von Menschen ist die kleinstmögliche Einheit für gesellschaftlichen Wandel.
— Peter Block
Ein wichtiger Aspekt davon ist es, gemeinsam etwas Gutes in der Welt zu erschaffen, das dem persönlichen Wertesystem der einzelnen Mitglieder entspricht. john a. powell vom Othering & Belonging Institute beschreibt, wie echte Zugehörigkeit nicht durch das Auflösen von Unterschieden entsteht – sondern durch das aktive Einbeziehen von Vielfalt in ein gemeinsames Projekt. Zugehörigkeit erfordert, dass niemand sich verleugnen muss, um dazuzugehören.
Dies kann besonders dann gut gelingen, wenn die Gruppe Spielfeld und Spiegel für die Gaben des einzelnen sein kann und wenn der Fokus auf den gemeinsamen Potenzialen liegt. Nur in der Gemeinschaft können wir erfahren, was es bedeutet, als Mensch unter Menschen auf der Erde lebendig zu sein – und eine Ahnung davon bekommen, was unsere gemeinsame Rolle als Menschheit für diese Erde sein könnte.
Südwesten – Fürsorge & (nach-)nähren
In ihrem Buch „Braiding Sweetgrass“ beschreibt Robin Wall Kimmerer anschaulich, wie ein Leben aussehen kann, in dem von Gegenseitigkeit geprägte Beziehungen zwischen Mensch und Natur geführt werden.
In der westlichen Kultur heute praktizieren wir alle noch immer einen von Kolonialismus und Extraktivismus geprägten Lebenswandel, in dem Natur oft als Sammlung von Rohstoffen angesehen wird, deren Hauptzweck es letztendlich sei, dem Menschen zu dienen. Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht – Ausbeutung unserer Mitwelt ist ein fester Bestandteil unseres Alltags.
Es mangelt uns also nicht am Nehmen oder Empfangen, sondern an der Fürsorge für all das, wovon wir profitieren – am Zurücknähren von all dem, was uns nährt.
Yuria Celidwen, Indigene Wissenschaftlerin und Contemplative Researcher, erinnert uns daran, dass Fürsorge in vielen Indigenen Weltanschauungen keine individuelle Tugend ist, sondern eine kosmologische Verpflichtung – ein Ausdruck unserer Einbettung in das Netz des Lebens. Fürsorge zu üben bedeutet, sich selbst als Teil eines größeren Ganzen zu begreifen, nicht als sein Mittelpunkt.
Wir sind ein Teil der Lebensgemeinschaft auf der Erde. Unser Körper ist geformt aus den kleinsten Partikeln der Erde und wird eines Tages zu ihr zurückkehren. Diesen Zusammenhang immer wieder erfahrbar zu machen, kann nach und nach die Grundlage für einen regenerativen Lebensstil schenken – der unsere Mitwelt in ihrer Fülle und Vielfalt nicht ausbeutet, sondern nährt.
Westen – Interdependenz im Lebensnetz feiern
Viele Sozialforscher*innen – etwa Dacher Keltner – sehen den Menschen von Grund auf gut. Sie beschreiben es als zutiefst menschliches Bedürfnis, einander Gutes zu schenken: nicht gegeneinander, sondern füreinander, mit all unseren innewohnenden Gaben.
Das Bedürfnis, gebraucht zu werden, können wir dann stillen, wenn jemand da ist, der unseren Beitrag annimmt – und wenn dieser nicht als selbstverständlich gilt, sondern Wertschätzung erfahren wird für das, was wir tun und sind.
Ähnlich wie zur Erntezeit im Jahresverlauf ist es ein wesentlicher Teil jeden schöpferischen Tuns, die daraus erwachsenden Früchte miteinander zu teilen und zu feiern.
Die Generationen wieder verbinden
Tom Porter, Mohawk-Ältester und Hüter der Traditionen der Haudenosaunee, erinnert uns daran, dass in vielen Indigenen Kulturen wichtige Entscheidungen im Hinblick auf die sieben kommenden Generationen getroffen werden. Die Alten sind dabei nicht Randnotiz, sondern Mitte – Träger*innen des Gedächtnisses und der Weisheit, auf die die Jüngeren sich beziehen können.
In unserer Kultur haben Menschen aus unterschiedlichen Generationen oft wenig Gelegenheit, Zeit miteinander zu verbringen. Dabei scheint der Kontakt zwischen Jüngsten und Ältesten eine wichtige Zutat für die Entwicklungsgeschichte der Menschheit gewesen zu sein. Einige Anthropolog*innen beschreiben insbesondere die Auswirkungen von Großmüttern auf die Entwicklung sozialer Fertigkeiten der Kinderdie Auswirkungen von Großmüttern auf die Entwicklung sozialer Fertigkeiten der Kinder.
Verbindungskultur schaut danach, auf welche Weise die Jüngsten und Ältesten (und alle dazwischen) zurück in die Mitte der Gemeinschaft geholt werden können. Auch junge erwachsene Menschen profitieren von Älteren, die im Sinne von Mentoring hinter ihnen stehen und wie Anker in ihrem Leben sein können.
Nordwesten – Kompostieren & Transformieren
Am Ende eines Tages, wenn es um uns dunkel wird, es nichts mehr zu tun gibt und Ruhe einkehrt, kann es leichter fallen, allein oder miteinander ein bisschen tiefer zu tauchen. Je mehr Herausforderungen, Chaos und Verluste das Leben für uns bereithält, desto relevanter ist es, all dem Schweren genug Raum zu geben, um reflektiert und verarbeitet zu werden.
Verbindungskultur ermöglicht Räume der Tiefe, wo die Kraft des Trauerns sich entfalten kann, wo wir schwierige Emotionen fühlen und verarbeiten können, wo wir individuell und kollektiv auf Sinnsuche gehen und bewusst wählen können, welche Bedeutung wir dem Erlebten und Durchlittenen geben wollen.
Dazu gehört auch eine Verwurzelung in unserer individuellen und kollektiven Vergangenheit – einschließlich einer bewussten Aufarbeitung des schwerwiegenden Erbes von Kolonialismus und Ausbeutung.
Die Gesturing Towards Decolonial Futures Kollektive um Vanessa Machado de Oliveira beschreibt diesen Prozess als „Hospicing der Moderne“ – das bewusste Begleiten des Sterbens von Systemen und Denkweisen, die nicht mehr lebensdienlich sind. Das erfordert die Bereitschaft, Verluste wirklich zu trauern, statt sofort nach neuen Lösungen zu greifen. Transformation braucht Kompostierung.
Konflikte in schöpferische Momente verwandeln
Konflikte sind die ungehörten Stimmen in uns selbst und in der Gemeinschaft – sie melden sich laut zu Wort, wenn etwas nicht mehr stimmig ist.
Verbindungskultur begünstigt es grundsätzlich, dass viele Bedürfnisse gestillt und ausgedrückt werden können, ohne dass dies auf eine konflikthafte Weise erfolgen muss. Trotzdem sind Reibungen und Auseinandersetzungen unvermeidbar und ein wichtiger Teil des menschlichen Zusammenlebens.
Vor allem der Erforschung von Jäger-und-Sammler-Kulturen verdanken wir kostbare Einblicke in Zutaten für ein friedvolles Miteinander. Auch von den Peacemaking-Traditionen der Konföderation der Haudenosaunee – einer der ältesten Friedens-Allianzen in der Geschichte der Menschheit – sowie anderen Herangehensweisen an friedvolle Kommunikation können wir vieles lernen, was essentiell für die Entwicklung einer friedvollen Gesellschaft ist.
Norden – Wertebasiertes Gestalten & Steuern
Verbindungskultur beinhaltet auch, den Blick immer wieder in die Zukunft zu richten und zu fragen: Was wird gebraucht sein für die zukünftigen Generationen der Erde?
Es geht um eine Ausrichtung auf Werte – Qualitäten, die unabhängig vom ganz konkreten Resultat unseres Handelns ermöglichen, dass wir uns auf eine lebensförderliche Weise verhalten. Werte können wie ein Nordstern sein, den wir nie endgültig erreichen werden – aber den wir nutzen können, um im Dunkeln zu navigieren und unseren Kurs immer wieder zu finden.
Kyle Whyte, Potawatomi-Wissenschaftler und Umweltgerechtigkeitsforscher, erinnert uns daran, dass Klimakrisen und ökologischer Kollaps für viele Indigene Völker keine Zukunftsszenarios sind – sondern gelebte Gegenwart und erinnerte Vergangenheit. Das Wissen um das Überleben durch Gemeinschaft, um kollektive Resilienz und um die Weisheit der Vorfahren ist kein romantisches Relikt – es ist ein lebendiges Erbe, das wir dringend brauchen.
Die Frage, wie wir miteinander und mit unserer Mitwelt umgehen, ist wichtiger als was wir konkret erreichen. In einer hochkomplexen, globalisierten Welt ist es niemals garantiert, dass wir bestimmte politische oder gesellschaftliche Ziele erreichen können. Verbindungskultur bedeutet, sich weder an eine rigide Hoffnung zu klammern, dass alles gut ausgehen wird – noch im Angesicht verheerender Umwelt- und humanitärer Katastrophen zu resignieren.
Vielmehr richten wir das Augenmerk auf die Tugenden eines lebensförderlichen Miteinanders. Inspiriert von Natalie Diaz, Mojave Poetin, Aktivistin und Lehrerin, stellen auch wir die Frage: Wer wollen wir hier und heute in unserer Beziehung zu allem anderen sein – ganz egal, was auch immer noch kommen wird?
Einigkeit ermöglichen
Menschen können als Gruppe oder Gemeinschaft auf eine Weise zusammenwirken, die mit einem tiefen Gefühl von Einigkeit einhergeht – in der sich jedes Individuum als authentisch empfindet und gleichzeitig lebendig verbunden mit dem gesamten Kreis ist. Wie bei einem Vogelschwarm: aus einem solchen gemeinsamen Flow kann große Wirkkraft erwachsen.
Halt und Beweglichkeit
Verbindungskultur ermöglicht, dass jedes Mitglied eines Teams oder einer Gruppe eine klar genug definierte Rolle ausfüllen kann, die Orientierung und Halt schenkt – und gleichzeitig ein hohes Maß an Selbstbestimmung und Gestaltungsfreiheit innerhalb dieser Rollen ermöglicht. Die Organisationsforscher Bellmann & Ryan haben dieses Prinzip als „gerade ausreichende Strukturen“ beschrieben.
So wird es auch leichter, einen nicht mehr stimmigen Plan zu verändern und – mit dem Gesamtwohl im Blick – beweglich dorthin zu steuern, wo sich Handlungsimpulse als wirklich hilfreich erweisen.
Nordosten – Schöpferisch präsent sein
Spirituelles Erleben ist zutiefst menschlich – in unserer Biologie angelegt, nicht nur in unseren Religionen.
Dank unseres Großhirns, insbesondere unseres Stirnlappens, sind wir in der Lage, „mentale Zeitreisen“ zu vollziehen: Wir können hier und jetzt etwas spüren, mehr oder weniger deutlich wahrnehmen, was physikalisch nicht messbar ist – ein Gewahrsein für die Kräfte des Lebens, ein Gefühl beschützt und gesegnet zu sein, den Frieden, den wir uns für die Welt erst noch ersehnen.
Eine undogmatische und auf dem eigenen Erleben basierende Spiritualität kann es erleichtern, in Demut und Dankbarkeit durchs Leben zu gehen. Jenseits von – aber auch innerhalb von – institutionalisierten Religionen gilt es, die individuellen Zugänge zu würdigen, ohne eine einheitliche Form für alle vorauszusetzen.
Sherri Mitchell, Penobscot-Aktivistin, Rechtswissenschaftlerin und spirituelle Lehrerin, beschreibt in „Sacred Instructions“, wie Indigenes Wissen nicht von Spiritualität getrennt werden kann – und wie diese Verbindung keine Esoterik ist, sondern eine gelebte Antwort auf die Frage, wie wir miteinander und mit der Erde in Beziehung treten wollen.
Tyson Yunkaporta erinnert uns in „Sand Talk“ daran, dass Indigenes Denken nicht in westliche akademische Kategorien gezwängt werden möchte – sondern eine eigene, lebendige Epistemologie ist, die zyklisch, relational und verkörpert denkt. Für Verbindungskultur ist das eine wesentliche Inspiration: Wissen entsteht nicht nur im Kopf, sondern im Körper, im Kreis, im Gespräch.
Mit der Fähigkeit für spirituelles Erleben scheint für viele Menschen auch ein Bedürfnis danach verbunden zu sein. Unser Anliegen ist es, dass Menschen dieses Bedürfnis für sich selbst und zusammen mit Mitmenschen auf Weisen versorgen können, die sich nicht nur individuell gut anfühlen – sondern auch anderen Menschen, der Gesellschaft und dem lebendigen System Erde dienen.
Das Nervensystem unterstützen
Aus der Neuropsychologie und insbesondere durch die Arbeit von Daniel Siege und Peter Levine ist eine Neugier und ein bewusster Umgang mit der Funktionsweise unseres Autonomen Nervensystems erwachsen. Dabei zeigt sich, dass unbewusste Reaktionen in Menschen ablaufen, die unsere kognitiven Fähigkeiten und vor allem unsere Fähigkeit zur Verbindung mit anderen sowohl stark beeinträchtigen als auch stärken und erweitern können.
Verbindungskultur nutzt daher auch Methoden und Techniken, um das autonome Nervensystem dabei zu unterstützen, immer wieder in Entspannung und damit in soziale Offenheit zu finden – etwa durch das Üben von Dankbarkeit und das Ausdehnen unserer Sinneswahrnehmung.
Aktives Mitgefühl mit sich selbst und mit dem Gegenüber kann die Tür öffnen, auch schwere Empfindungen, Gefühle, Bedürfnisse und Sehnsüchte deutlicher zu spüren und anzunehmen – sie zu normalisieren und Wege zu finden, auf eine lebensförderliche Weise mit ihnen umzugehen.
All diese Aspekte sind eine Auswahl dessen, was wir unter Verbindungskultur verstehen – und was unsere Arbeit kennzeichnet.
Möchtest du Verbindungskultur nicht nur verstehen, sondern erleben und erlernen? Dann bist du herzlich eingeladen in unsere Circlewise Leadership Weiterbildung.
